Der erste Widerspruch verbarg sich ausgerechnet in einer Liste, an der die Ermittler bislang vorbeigesehen hatten, weil sie auf den ersten Blick nichts weiter als gewöhnliche Schließzeiten enthielt.
Vel Akita hatte sie zwischen den gesicherten Frachtvermerken der Nighthawk gefunden, während auf der abgeschirmten Wartungsstation der Morgen begann und die vier Gefangenen noch nicht wussten, dass die Ermittlungen in eine neue Phase eingetreten waren. Die Liste enthielt keine Namen, sondern die Zeiten, zu denen einzelne Bereiche des Schiffes verriegelt worden waren. Bei dem Angriff auf die Serrat hatte die Brücke eine andere Schließfolge verwendet als beim Überfall auf der Neris. An sich hätte das niemanden überrascht; erst im Vergleich mit den nachträglich eingereichten Aussagen wurde deutlich, dass die Gefangenen den Ablauf genau umgekehrt beschrieben hatten.
Seren betrachtete die beiden Aufzeichnungen, die Akita auf dem Tisch nebeneinandergelegt hatte. „Wer hat behauptet, die Sperre sei erst nach dem Feuerbefehl aktiviert worden?“
„Voss und Rinn. Unabhängig voneinander, wie sie ausdrücklich betont haben.“
„Und die Originaldaten?“
„Die Sperre kam vorher. Vierundzwanzig Sekunden vorher. Auf der Neris war es anders. Da hat die Brücke erst nach dem ersten Treffer reagiert.“
Taren stand am schmalen Fenster. Draußen bewegte sich ein Versorgungsschlepper zwischen den Wartungsmodulen, während zwei Sicherheitsleute die Schleuse kontrollierten. Seit die Nighthawk sichergestellt worden war, hatte man viel darüber gesprochen, wer die Befehle gegeben hatte. Darüber waren die kleinen Entscheidungen an Bord beinahe in Vergessenheit geraten, obwohl gerade sie bestimmten, wer noch hätte eingreifen können und wem diese Möglichkeit bereits genommen worden war.
„Dann wusste jemand beim Angriff auf die Serrat vorher, was passieren würde“, sagte er.
Akita nickte. „Zumindest wusste jemand, dass die Mannschaft keinen freien Zugang mehr zu den Waffensystemen haben sollte. Das macht nicht jeden an Bord zum Auftraggeber. Aber es widerspricht der Darstellung, der Angriff sei aus einer unübersichtlichen Lage entstanden.“
Seren ließ sich die unveränderten Datensätze zeigen. Sie wollte keine schnelle Geschichte, in der alle vier Gefangenen die gleichen Rollen spielten. Seit Joren Pell in dieser Haft gestorben war, war jeder Schritt doppelt belastet: durch die Frage nach den ursprünglichen Taten und durch die Verantwortung dafür, was mit Menschen geschah, die man festgesetzt hatte.
„Bren Korr hat erneut um eine Aussage gebeten“, sagte Akita. „Sein Rechtsbeistand ist zugeschaltet. Er verlangt, dass wir zuerst die Sperrzeiten bestätigen.“
„Dann bestätigen wir sie“, erwiderte Seren. „Und wir versprechen ihm nichts, was ein Gericht entscheiden muss.“
Als Korr am anderen Ende des Vernehmungsraums Platz nahm und mit dem Daumen über die steifen Finger seiner rechten Hand rieb, wirkte er auf Taren kleiner als bei ihrer letzten Begegnung, ohne dass die bedrückende Enge des Raumes allein dafür verantwortlich gewesen wäre. Sein Beistand hatte die Aufzeichnungen bereits erhalten und ließ sich von Akita bestätigen, dass die Sicherungskopie nicht nachträglich verändert worden war.
„Voss hat den Zugang zur Brücke verriegelt“, sagte Korr schließlich. „Nicht ich. Ich war bei den Versorgungssystemen. Rinn hat die Route bestätigt. Ardan sollte dafür sorgen, dass niemand die interne Verbindung wieder öffnet.“
„Warum?“, fragte Seren.
„Weil die Serrat nicht ausweichen sollte, bevor die Warnung durch war.“
„Welche Warnung?“
Korr hob den Blick. „Dass sie ihre Fracht abgeben sollten. Die Anweisung kam über einen Mittelsmann. Ich kannte den Namen nicht.“
„Du hast gewusst, dass auf ein Schiff geschossen werden könnte.“
Korr schwieg so lange, dass das gleichmäßige Rauschen der Lüftung zwischen ihnen hervortrat, ehe er mit gesenktem Blick zugab: „Ja. Ich habe nicht geglaubt, dass sie wirklich treffen würden.“
Seren sah ihn an, ohne ihm mit einem Vorwurf die nächste Antwort abzunehmen. „Auf der Neris gab es Verletzte. Auf der Serrat ebenfalls. Du wusstest, dass ihr bewaffnet wart.“
„Ich weiß.“
Sein Eingeständnis war kaum lauter als das Rauschen über ihnen, und obwohl Seren darin keinen Grund sah, seine Verantwortung geringer zu bewerten, bemerkte sie doch, dass er die Verletzten nicht länger aus seiner Darstellung verschwinden ließ. Von den anderen hatte sie bislang nicht einmal das gehört.
In den folgenden zwei Stunden arbeitete sich Korr durch Ausflüchte und Widersprüche, bis zwischen seinen Rechtfertigungen schließlich jene Einzelheiten auftauchten, die Akita unabhängig überprüfen konnte: die Reihenfolge der Sperren, die Zuordnung der Waffenstationen und einen Wartungseintrag, der erklärte, weshalb eine automatische Sicherung beim Angriff nicht ausgelöst hatte. Korr bestritt, den Feuerbefehl gegeben zu haben. Die Daten stützten diesen Teil seiner Aussage, nicht jedoch seine Behauptung, von der Gefährlichkeit des Einsatzes überrascht worden zu sein.
Als sie den Raum verließen, blieb Seren im Gang stehen. „Das reicht für eine Anklage gegen ihn. Nicht für dieselbe Anklage wie gegen Voss.“
„Und Rinn und Ardan?“, fragte Taren.
„Die bekommen ihre eigenen Beweise und ihre eigenen Möglichkeiten, darauf zu antworten.“
Er nickte, doch sein Blick ging zur Tür zurück. „Du siehst müde aus.“
„Ich bin müde.“
„Dann sollte Akita die nächste Befragung übernehmen.“
Seren wandte sich ihm zu. „Sie übernimmt sie bereits. Ich habe das vor einer Stunde entschieden.“
„Gut. Dann fahren wir zurück.“
„Ich habe noch einen Termin.“
„Mit Vey?“
„Mit der Kontaktperson, die uns die Lieferkette der Waffen bestätigen kann. Sie will ihre Aussage nicht über eine offene Verbindung machen.“
Taren sah auf den Zeitplan in seiner Hand. „Du willst persönlich hin.“
„Ja.“
„Seren, du hast seit zwei Tagen kaum geschlafen, und beim letzten Mal, als jemand aus diesem Umfeld reden wollte, ist Vey entführt worden.“
„Deshalb nehme ich Sicherungskräfte mit.“
„Ich komme mit.“
„Du kannst mitkommen. Aber du wirst mir nicht erklären, dass ich meine Arbeit nicht machen darf.“
Taren wollte widersprechen, hielt jedoch einen Moment inne, bevor ihm die Worte trotzdem entglitten: „Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt merkst, wie knapp es werden kann.“
In Serens Gesicht veränderte sich kaum etwas, doch gerade diese zurückgenommene Reaktion ließ ihn begreifen, wie tief er sie mit seiner Bemerkung getroffen hatte.
„Ich merke es jedes Mal“, sagte sie. „Ich bin diejenige, die hineingeht.“
Bevor er eine Antwort fand, war Seren bereits an ihm vorbeigegangen, und während ihre Schritte im Gang verklangen, begriff Taren, dass ihn nicht ihr Widerspruch schmerzte. Es war die Erkenntnis, dass er seine Angst so ausgesprochen hatte, als zweifle er an ihren Fähigkeiten.
⁂
Während auf der Wartungsstation noch Aussagen verglichen wurden, saß Sira Noll auf Nythara über einem Abschiedsgruß, dessen Feierlichkeit sie so wenig mit sich selbst in Verbindung brachte, dass sie zunächst an eine Verwechslung glaubte.
Sie saß im Gästehaus von Sha’Veyra, vor sich die vorläufige Reiseplanung, als Aruven mit einem kleinen Bündel erschien. Darin lag eine schmale Hülle für den Anhänger, den Sira seit ihrer Kindheit besaß. Das Material war weich und schlicht gearbeitet. Es sollte das alte Stück schützen, nicht ersetzen.
„Die Familien wollten dir etwas geben“, sagte Aruven. „Kein Zeichen, das dich verpflichtet. Nur etwas, das du mitnehmen kannst, wenn du möchtest.“
Sira nahm die Hülle vorsichtig in die Hand. „Ich habe hier mehr Fragen bekommen, als ich beantworten kann.“
„Du musst sie nicht alle hier beantworten.“
„Das ist gut. Korda wartet auf eine Navigatorin, nicht auf eine historische Abhandlung.“
Aruven lächelte. „Dann sag ihm, dass wir sie ihm nicht wegnehmen wollen.“
Als Aruven gegangen war, rief Sira die Serrat. Korda erschien auf dem kleinen Bildschirm in einer Haltung, die verriet, dass er gerade versucht hatte, etwas unter dem Tisch verschwinden zu lassen.
„Was war das?“, fragte Sira.
„Nichts.“
„Du hast etwas von meiner Konsole genommen.“
„Ich habe einen Schraubenschlüssel aufgehoben.“
„Warum lag ein Schraubenschlüssel auf meiner Konsole?“
Korda seufzte. „Rusk sagt, er hat dort nur kurz gelegen.“
„Wenn ich zurück bin, erkläre ich ihm den Unterschied zwischen einer Navigationsstation und einer Werkbank.“
„Das versprichst du seit Jahren.“
Sie lächelte, und erst dann bemerkte Korda, wie erschöpft sie wirkte. Er ließ den Scherz nicht sofort fallen, aber seine Stimme wurde ruhiger.
„Wie geht es dir wirklich?“
Sira drehte den Anhänger zwischen den Fingern. „Ich habe Menschen getroffen, die wissen, woher ein Teil meiner Familie kommt. Ich habe Dinge über meinen Körper erfahren, die ich nicht gesucht habe. Und ich kann noch immer nicht sagen, warum mich damals jemand auf dieser Station zurückgelassen hat.“
Korda ließ ihr Zeit, denn in all den Jahren auf der Serrat hatte er gelernt, dass Sira ihre Gedanken am ehesten aussprach, wenn niemand versuchte, ihr die passenden Worte vorzulegen.
„Ich dachte, wenn ich endlich einen Namen finde, würde sich etwas ordnen“, fuhr sie fort. „Stattdessen habe ich jetzt mehr Namen. Manche gehören Menschen, die seit Generationen tot sind.“
„Und manche gehören Menschen, die auf dich warten“, sagte er.
Sie blickte auf. „Das war beinahe ein guter Satz.“
„Ich arbeite daran.“
„Sag Rusk, er soll meine Konsole sauber machen.“
„Das wird schwerer als deine Rückreise.“
Ihr Lachen kam zögernd und überraschte sie selbst, doch mit ihm löste sich wenigstens für einen Augenblick der Druck, der seit Tagen hinter ihren Augen saß. Die Rückkehr war mit den Verantwortlichen auf Nythara abgestimmt; ein freigegebener, gesicherter Reiseweg führte sie zunächst zu einer vereinbarten Zwischenstation, von der aus Korda sie abholen konnte. Niemand würde dafür die gesperrte Versuchsanlage erneut in Betrieb nehmen.
„Korda?“
„Ja?“
„Danke, dass du nicht gefragt hast, ob ich jetzt eine andere bin.“
„Ich weiß doch, wer du bist.“ Er beugte sich näher zum Bildschirm. „Du bist die Frau, die mir seit acht Jahren erklärt, wie schlecht ich mein eigenes Schiff fliege.“
„Weil du es immer noch nicht gelernt hast.“
Als die Verbindung endete, legte Sira die neue Hülle um ihren Anhänger. Der Anhänger erzählte nun von einer Herkunft, die sie nicht länger als unerklärliche Leerstelle betrachten musste; dass sie dennoch zur Serrat zurückwollte, erschien ihr zum ersten Mal nicht wie eine Entscheidung gegen diese neu entdeckte Geschichte, sondern wie ein selbstverständlicher Teil davon.
⁂
Ceresta fand Ilyra nicht in der Werkstatt, sondern an der breiten Sichtscheibe ihres Quartiers, hinter der die Außenlichter Neravas über das dunkle Ceralit und die vereisten Wege strichen. Jenseits der beheizten Wohnmodule bewegten sich einige Gestalten in wetterfesten Anzügen zwischen den Versorgungseinrichtungen, während feiner Eisstaub über die noch unbefestigten Flächen trieb. Aus dem benachbarten Wohnbereich drang gedämpftes Kinderlachen durch die Wand. Die Siedlung wuchs schnell, doch draußen blieb Tenebris eine kalte Welt, der man jeden bewohnbaren Meter erst abringen musste.
Ilyra hatte die Unterlagen ihrer Großmutter auf den Knien. Als Ceresta zu ihr trat, schob sie sie zur Seite.
„Du hast gesagt, du würdest heute früher aufhören“, bemerkte sie.
„Ich bin früher hier.“
„Als gestern?“
„Als ich befürchtet hatte.“
Ilyra schüttelte lächelnd den Kopf, während Ceresta sich neben ihr niederließ und den Blick, beinahe gegen ihren Willen, zu jenem Handgelenk wandern ließ, das sie seit dem Übergangstest nicht mehr ansehen konnte, ohne an das Licht zu denken, das hindurchgeschienen hatte.
„Du kannst es anschauen“, sagte Ilyra.
„Ich wollte nicht—“
„Ich weiß. Du willst nur sicher sein, dass alles in Ordnung ist.“
Ceresta fand zunächst keine Antwort, obwohl sie seit der Resonanzstörung jede verfügbare Messung mehrfach durchgesehen hatte und wusste, dass das kurze Durchscheinen keine erkennbare Verletzung hinterlassen hatte. Das Wissen half wenig gegen die Erinnerung an den Augenblick, in dem das Licht der Konsole durch Ilyras Haut gefallen war.
„Ich habe dich bei T-6 beinahe verloren“, sagte sie. „Und jetzt ist da etwas, das ich nicht einmal benennen kann.“
Ilyra legte ihre Hand auf Cerestas. „Ich bin hier.“
„Das weiß ich.“
„Dann sieh mich an.“
Ceresta hob den Blick. Ilyra wirkte müde, aber ihre Augen waren wach und ihr Mund zeigte jenes kaum sichtbare Lächeln, das Ceresta seit ihrer ersten Begegnung aus der Fassung bringen konnte.
„Ich möchte nicht, dass wir jede Berührung danach beurteilen, ob meine Haut etwas Ungewöhnliches tut“, sagte Ilyra. „Ich habe selbst Angst davor, dass es wieder geschieht. Aber ich habe noch mehr Angst, dass wir anfangen, uns nur noch darüber zu unterhalten.“
Ceresta strich mit dem Daumen über ihre Finger. „Das möchte ich auch nicht.“
„Gut. Dann erzähl mir etwas, das nichts mit einer Messreihe zu tun hat.“
Ceresta dachte nach. „Greez hat Garith heute erklärt, dass eine schlecht gewürzte Suppe dieselben Folgen hat wie ein schlecht gewarteter Antrieb.“
„Und?“
„Garith hat nach einer technischen Dokumentation verlangt.“
Ilyra lachte so unvermittelt, dass Ceresta mitlachen musste. Mit ihrem gemeinsamen Lachen kehrte eine Leichtigkeit zurück, die sie nicht herbeigeredet hatten und die sich gerade deshalb so vertraut anfühlte, als hätte sie die ganze Zeit in Reichweite auf sie gewartet.
Später, als innerhalb der Wohnkuppel die Fenster offenstanden und die Geräusche der Siedlung leiser wurden, nahm Ilyra Cerestas Hand und führte sie ins Zimmer. Dort blieb sie vor ihr stehen, schob ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie zunächst sanft, dann mit einer Entschlossenheit, die Ceresta jede vorbereitete Frage vergessen ließ. Ceresta zog sie näher, vorsichtig an der Schulter, die nach ihrer Verletzung noch nicht jede Bewegung mochte. Ilyra bemerkte die Rücksicht und legte die Stirn an ihre.
„Du darfst mich halten“, flüsterte sie. „Ich sage dir schon, wenn etwas wehtut.“
„Das hoffe ich.“
„Du kannst dich darauf verlassen.“
Als Ceresta sie erneut küsste, lag in der Bewegung nicht nur die Vertrautheit ihrer gemeinsamen Jahre, sondern auch jene ungeduldige Neugier, die selbst nach allem, was sie miteinander erlebt hatten, nie verschwunden war. Als Ilyra ihre Jacke ablegte, blieb Cerestas Blick an ihr hängen, und diesmal war es kein prüfender Blick. Ilyra bemerkte den Unterschied sofort. Sie lächelte, trat wieder näher und legte Cerestas Hände an ihre Taille.
Sie sprachen noch eine Weile, manchmal mitten in einem Kuss, manchmal mit den Stirnen aneinander, über die Dinge, die sie einander im Lärm der letzten Wochen nicht hatten sagen können. Ilyra gestand, dass sie sich an manchen Tagen fremd im eigenen Körper fühlte. Ceresta erzählte, wie sehr sie die gewöhnlichen Abende vermisste, an denen keine neue Entdeckung alles veränderte. Die Nähe zwischen ihnen wurde wärmer, selbstverständlicher, und als sie schließlich das Licht löschten, blieb die Tür zu den Fragen des Tages für eine Nacht geschlossen.
Am Morgen erwachte Ceresta zuerst. Ilyra lag an ihrer Seite und hatte im Schlaf eine Hand auf ihre gelegt. Unter Cerestas Fingern fühlte sich Ilyras Haut warm und vertraut an; sie widerstand dem Impuls, nach irgendeiner Veränderung zu suchen, rückte stattdessen näher und blieb so liegen, bis Ilyra langsam erwachte.
„Du starrst“, murmelte Ilyra.
„Ich bewundere.“
„Das ist etwas anderes.“
„Ein erheblicher Unterschied.“
Ilyra zog sie zu sich und küsste sie. Die Daten würden warten können, bis sie gefrühstückt hatten.
⁂
Die Zeugin hieß Mara Vennik und hatte jahrelang für einen neutralen Ersatzteilhändler gearbeitet. Sie war weder Mitglied der Nighthawk-Besatzung noch mit deren Auftraggebern persönlich bekannt. Ihre Rolle war klein gewesen: Sie hatte technische Lieferungen bestätigt, ohne zu wissen, wofür sämtliche Komponenten verwendet werden sollten. Erst als sie nach dem Angriff auf der Neris einen beschädigten Abgleich wiederfand, begriff sie, dass ein Teil ihrer Lieferungen an dieselben Vermittler gegangen war, deren Kennungen nun in den Ermittlungsunterlagen auftauchten.
Sie wollte nicht nach Tenebris reisen und hätte es auch nicht gekonnt; den Standort der Vaal-Siedlung kannte sie nicht. Akita hatte deshalb eine gesicherte Aussageaufnahme auf einer neutralen Umschlagstation vereinbart, weit außerhalb der alten Wege. Die Station gehörte keiner der unmittelbar beteiligten Gruppen. Seren und Taren trafen mit einem kleinen Sicherheitsteam ein, das bereits die Zugänge kontrolliert hatte.
Auf dem Weg vom Landedeck sagte Taren: „Ich habe gestern versucht, dir eine Entscheidung abzunehmen.“
Seren ging weiter. „Ja.“
„Es war falsch.“
„Ja.“
Er musste unwillkürlich lächeln. „Du könntest es mir etwas schwerer machen.“
„Das habe ich gestern schon getan.“
Sie sah ihn von der Seite an, und er erkannte, dass sie zwar noch nicht alles besprochen hatten, aber bereit war, ihm zuzuhören. Es erleichterte ihn mehr, als er erwartet hatte.
„Ich habe Angst um dich“, sagte er. „Das ist keine Entschuldigung. Nur der Teil, den ich dir hätte sagen sollen.“
„Ich weiß, dass du Angst hast. Ich habe sie auch. Manchmal um dich, manchmal um uns beide.“
„Und trotzdem gehst du weiter.“
„Weil ich die Arbeit kenne. Nicht weil mir egal ist, was passieren könnte.“
Er nickte. Sie gingen schweigend bis zum Kontrollpunkt. Dann streckte Seren ihre Hand aus und drückte kurz seine Finger, bevor sie sich den Sicherheitsleuten zuwandte.
Vennik hätte vor zwölf Minuten eintreffen sollen. Stattdessen stand ihr Transport noch immer in der Warteschlange des äußeren Rings, obwohl der Zugang längst bestätigt war. Die zuständige Kontrollstelle meldete eine zusätzliche Identitätsprüfung. Seren verlangte die schriftliche Anordnung.
„Die ist gerade in Bearbeitung“, antwortete der Wachhabende.
Taren sah auf die Kennung des Vorgangs. Sie gehörte zu einer Wartungsschleuse, nicht zu einer Personenkontrolle. Zunächst hätte man das für einen harmlosen Eingabefehler halten können, wäre nicht unmittelbar darauf eine zweite Kennung erschienen, mit der dem Transport bereits eine andere Andockposition zugewiesen wurde.
„Wer hat die Umleitung veranlasst?“, fragte er.
Der Wachhabende überprüfte die Eingabe. „Das System zeigt einen technischen Auftrag.“
„Ein technischer Auftrag darf keine Zeugin von einer gesicherten Aussageaufnahme wegführen“, sagte Seren. „Sperren Sie die Umleitung. Jetzt.“
„Dafür brauche ich die Freigabe der Stationsleitung.“
„Dann holen Sie sie.“
Taren war bereits mit Akita verbunden. Sie prüfte von der Wartungsstation aus die Übertragungskennung und fand den Fehler schneller, als er gehofft hatte: Der Auftrag stammte von einem gültigen Dienstkonto, das für kurzfristige Frachtrouten freigeschaltet war. Jemand hatte die Identität des Transportes in eine Wartungsanforderung eingebettet. Die Änderung sah auf den ersten Blick legal aus, war für diesen Zweck aber nicht autorisiert.
Seren wartete nicht auf eine weitere Erklärung. Sie ließ die Stationsleitung direkt zuschalten und beantragte eine sofortige Sicherung des Transportes unter Aufsicht der örtlichen Behörden. Die Minuten, die bis zur Freigabe verstrichen, dehnten sich quälend, zumal Taren auf der Übersicht mitverfolgen musste, wie Venniks Schiff sich immer weiter von der ursprünglich vereinbarten Route entfernte.
„Sie wird an eine leere Serviceplattform geführt“, sagte er. „Wenn dort jemand wartet, verlieren wir die Kontrolle über den Zugang.“
Seren gab dem Sicherheitsteam die neue Position. „Wir gehen nicht ohne die örtlichen Kräfte hinein. Und wir öffnen keine Schleuse, bevor wir wissen, wer auf der anderen Seite ist.“
Taren sah sie an. Sie erwiderte seinen Blick, als wollte sie sagen, dass sie seine Sorge gehört hatte, ohne sich von ihr führen zu lassen.
Auf der Serviceplattform waren zwei Männer in der Kleidung des Wartungsdienstes eingetroffen. Einer trug ein Lesegerät, der andere eine Transportmarkierung. Als die Stationssicherheit sie anhielt, behaupteten sie, eine defekte Energieeinheit übernehmen zu sollen. Ihre Papiere waren echt, der Auftrag jedoch erst vor wenigen Minuten ausgestellt worden. Venniks Schiff führte keine solche Einheit mit.
Als die örtlichen Sicherheitskräfte sie anhielten, unternahmen die beiden keinen Fluchtversuch: Der eine beharrte darauf, lediglich eine Anweisung ausgeführt zu haben, während der andere sofort einen Rechtsbeistand verlangte. Seren ließ beide von der örtlichen Sicherheit festhalten und die Kommunikationsgeräte nach deren Verfahren sichern. Sie hatte keinen Grund, die Station in einen Schauplatz eigener Vollmachten zu verwandeln.
Vennik wurde unterdessen zum ursprünglichen Treffpunkt gebracht. Als sie ausstieg, zitterten ihre Hände so sehr, dass sie den Verschluss ihrer Tasche kaum öffnen konnte.
„Man hat mir gesagt, die erste Anlaufstelle sei geschlossen“, erklärte sie. „Ich dachte, das wäre wieder einer dieser Verwaltungsfehler.“
„Sie sind jetzt sicher genug, um selbst zu entscheiden, ob Sie aussagen möchten“, sagte Seren. „Wenn Sie Zeit brauchen, bekommen Sie sie.“
Vennik sah zu dem Transport, der hinter der Sichtscheibe stand. „Nein. Wenn ich heute wieder weggehe, komme ich vielleicht nicht zurück.“
Die Aussage wurde in Anwesenheit einer unabhängigen Protokollführerin und ihres Beistands aufgenommen. Vennik brachte Lieferbestätigungen, technische Kennungen und eine eigene Sicherung der damaligen Kommunikation mit. Sie konnte erklären, welche Teile an die Nighthawk geliefert worden waren und über welchen Vermittler die Zahlungen gelaufen waren. Sie konnte nicht sagen, wer den ursprünglichen Angriff angeordnet hatte, und Seren drängte sie nicht, eine Antwort zu erfinden.
Als Vennik schließlich ihre Unterschrift unter das Protokoll setzte, wechselte die künstliche Beleuchtung des Stationsrings in den gedämpften Nachtmodus. Akita bestätigte über die Verbindung, dass mehrere Angaben mit den bereits gesicherten Schiffsprotokollen übereinstimmten. Andere mussten noch geprüft werden. Für die vier Gefangenen bedeutete das nicht dieselbe Schuld, wohl aber eine klarere Grundlage, ihre jeweiligen Taten vor Gericht zu beurteilen.
„Und die beiden Männer?“, fragte Taren, als sie den Aufnahmeraum verließen.
„Die örtlichen Behörden prüfen, wer den Auftrag veranlasst hat“, antwortete Seren. „Wir bekommen die rechtmäßig freigegebenen Ergebnisse. Mehr nicht.“
„Du klingst, als würdest du mich daran erinnern.“
„Vielleicht erinnere ich mich selbst daran.“
Er lächelte. Diesmal ging sie neben ihm weiter, ohne die Hand zurückzuziehen, als er nach ihr griff.
⁂
Die Rückkehr nach Nerava dauerte länger als geplant. In der jungen Siedlung waren die Wege zwischen den Häusern noch voller Menschen, die vom Arbeitstag zurückkamen. Vor einer Versorgungsausgabe stritten zwei Kinder darüber, wem ein beschädigtes Spielzeug gehörte, und ein älterer Mann versuchte, ihnen zu erklären, dass man es auch gemeinsam reparieren konnte. Seren hörte einen Augenblick zu. Der Streit war so alltäglich und so weit entfernt von den Entscheidungen der vergangenen Tage, dass Seren beinahe stehen geblieben wäre, nur um zu hören, ob die Kinder sich einigen konnten.
Im Quartier stellte Taren zwei Becher auf den Tisch. Seren zog ihre Jacke aus und ließ sich auf die Bank neben dem geschlossenen Sichtfenster sinken. Er setzte sich neben sie, ohne zu fragen, ob sie noch etwas erledigen musste. Sie lehnte sich an ihn.
„Ich habe mich geärgert“, sagte sie nach einer Weile. „Nicht, weil du Angst um mich hast. Sondern weil du so gesprochen hast, als müsste ich dir beweisen, dass ich weiß, was ich tue.“
„Du musst mir nichts beweisen.“
„Dann sag es mir auch so.“
Taren nahm ihre Hand. „Ich werde es versuchen. Und wenn ich wieder so anfange, sag es mir, bevor ich mich völlig zum Narren mache.“
„Das könnte schwierig werden. Du bist schnell.“
Sein Lachen nahm der Entschuldigung den letzten Rest Schwere, und als Seren den Kopf hob, traf ihn ihr vertrauter Blick mit einer Wärme, auf die er selbst nach all ihrer gemeinsamen Zeit nicht vorbereitet war.
„Du warst heute gut“, sagte sie. „An der Station. Du hast die Umleitung gesehen, und du hast mir Raum gelassen, die Entscheidung zu treffen.“
„Ich lerne langsam.“
„Nicht so langsam.“
Er strich ihr eine lose Strähne hinter das Ohr. Seren legte die Hand an seine Wange und küsste ihn. Der Kuss begann beinahe beiläufig, als setzten sie ihr Gespräch auf eine Weise fort, für die keine Worte mehr nötig waren; doch Seren blieb dicht bei ihm, und Taren spürte, wie sie zum ersten Mal an diesem Tag nicht länger gegen ihre Erschöpfung ankämpfte, sondern sich vertrauensvoll an ihn lehnte. Er zog sie behutsam an sich, bis sie halb auf seinem Schoß saß und über die eigene Ungeschicklichkeit lachen musste.
„Das war eleganter geplant“, murmelte sie.
„Ich habe überhaupt nichts geplant.“
„Das merkt man.“
Sie küsste ihn wieder. Er antwortete mit einer Zärtlichkeit, in der die Angst des vergangenen Tages keinen Platz mehr beanspruchte. Ihre Finger fanden den Verschluss seiner Jacke, hielten dort einen Moment inne und glitten dann an seinen Schultern entlang. Taren legte die Stirn an ihre und fragte leise, ob sie sicher sei, dass sie nicht einfach schlafen wolle.
„Später“, sagte Seren. „Im Augenblick möchte ich bei dir sein.“
Er sah sie an, bis sie lächelnd den Kopf schüttelte. „Taren. Du musst nicht jede meiner Entscheidungen überprüfen.“
„Das war keine Überprüfung.“
„Was dann?“
„Ich wollte dich hören.“
Ihre Antwort war ein weiterer Kuss, länger und wärmer als die vorherigen. Sie standen schließlich auf, ohne einander ganz loszulassen, und gingen ins Nebenzimmer. Dort blieb Seren noch einmal stehen, strich über sein Gesicht und sagte etwas, das er später nicht mehr wortgetreu hätte wiedergeben können, dessen Bedeutung er aber verstand: Sie wollte ihn nicht nur an den Tagen an ihrer Seite, an denen alles gutging. Sie wollte ihn gerade dann, wenn beide Fehler machten und trotzdem wieder zueinanderfanden.
Als sie sich schließlich zurückzogen, durfte alles, was sie tagsüber beschäftigt hatte, für ein paar Stunden außerhalb ihres Zimmers bleiben. Die Entscheidungen würden am Morgen noch auf sie warten, doch jetzt zählten die vertraute Wärme des anderen, das leise Lachen zwischen den Küssen und die beglückende Gewissheit, dass sie einander auch nach einem Streit wiederfinden konnten. Als die Nacht über Nerava lag, schliefen sie eng beieinander ein.
⁂
Am nächsten Morgen meldete sich Akita erst, nachdem die beiden gefrühstückt hatten. Sie hatte die Aussage Venniks mit den vorhandenen Aufzeichnungen abgeglichen. Die Zuordnungen waren belastbar genug, um die Verfahren gegen Darek Voss, Veya Rinn, Bren Korr und Tess Ardan an die zuständige unabhängige Justizinstanz weiterzugeben. Für jeden gab es eine eigene Beweisübersicht, eine eigene Darstellung der bestrittenen Punkte und die Möglichkeit, sich verteidigen zu lassen. Die Behörde außerhalb des Vaal-Gebiets hatte die Übernahme der Verfahren grundsätzlich bestätigt; die gesicherte Übergabe würde erst nach Abschluss der erforderlichen Formalitäten stattfinden.
Die Nighthawk blieb unterdessen versiegelt. Garith durfte sie technisch begutachten, soweit die Beweissicherung es zuließ, aber über Eigentum und spätere Verwendung konnte noch niemand entscheiden. Seren bestand darauf, dass auch mögliche Ansprüche unbeteiligter Eigentümer geprüft wurden. Sie wollte ein rechtmäßiges Ende dieses Falls, keinen Sieg, der später einen neuen Streit hervorbrachte.
Jorens Ermordung war davon ausdrücklich ausgenommen. Die Spur zu den delegierten Verwaltungsberechtigungen blieb offen, und Akita hatte die Unterlagen dazu in einem getrennten Verfahren gesichert. Auch Telanas Antrag auf erweiterte Sicherheitsbefugnisse wartete weiterhin auf die Entscheidung des Konklaves. Nichts davon wurde dadurch einfacher, dass der Fall der Nighthawk nun vor einem Gericht verhandelt werden konnte.
Seren schloss die Nachricht und sah zu Taren, der am Fenster stand und den Arbeitern zusah, die unten eine beschädigte Wegplatte austauschten. Drei Arbeiter stritten sich mit solcher Hingabe über die richtige Reparatur einer beschädigten Wegplatte, als hinge die Zukunft Neravas von ihrem Einfallsreichtum ab, und Taren musste lächeln, weil ihm die Auseinandersetzung auf eigentümliche Weise Hoffnung machte.
„Akita hat alles weitergegeben“, sagte sie. „Für heute ist es aus unseren Händen.“
Taren drehte sich um. „Und was machen wir mit einem Morgen, an dem niemand von uns sofort losmuss?“
Seren stand auf und trat zu ihm. Sie legte die Arme um seine Taille und sah hinaus auf die unfertigen Dächer, die offenen Wege und die Menschen, die hier etwas aufzubauen versuchten, obwohl sie noch nicht wussten, wie ihr gemeinsames Leben in einigen Jahren aussehen würde.
„Wir gehen frühstücken“, sagte sie.
Er sah auf den leeren Tisch hinter ihnen. „Das haben wir gerade.“
„Dann eben noch einmal. Ich möchte wissen, ob Greez wirklich recht hat, wenn er behauptet, seine Pfannkuchen könnten jede schlechte Entscheidung rückgängig machen.“
„Das hat er nicht behauptet.“
„Noch nicht. Aber er wird es.“
Taren lachte, nahm ihre Hand und ging mit ihr hinaus. Während die junge Siedlung um sie herum erwachte und aus offenen Türen Stimmen auf die noch unfertigen Wege drangen, gingen sie Hand in Hand weiter, froh über einen Morgen, den sie nicht erst gegen die Ansprüche anderer verteidigen mussten.