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KAPITEL 48

Zwölf Stimmen

Der erste Bericht des Morgens kam von Garith, und er enthielt keine Zahl, die Seren gern gehört hätte.

„Der Verteiler hält“, sagte er über die Verbindung aus dem abgeschirmten Technikraum. „Aber die Reserve sinkt schneller, als die Simulation gestern erwarten ließ. Es muss kein weiterer großer Ausschlag kommen. Schon mehrere kleine können dieselbe Wirkung haben.“

Seren stand in einem provisorischen Versorgungsbüro am Rand des geräumten Wohnabschnitts. Auf der Wandkarte waren die gesperrten Module heller markiert als die übrigen; dahinter lagen Räume, in denen noch ein Becher auf dem Tisch stand, ein Spielzeug unter einer Bank oder eine Decke auf dem Boden. Die Menschen waren für die Nacht in den Gemeinschaftsbereich umgezogen. Einige hatten bereits gefragt, wann sie zurückkehren dürften. Niemand von ihnen wollte noch einmal hören, dass man es ihnen später sagen werde.

„Wie viel Zeit haben wir?“, fragte sie.

„Das kann ich nicht zuverlässig sagen. Die Anzeige rechnet mit den alten Schutzmarken, und genau denen trauen wir nicht.“

„Dann behandeln wir die Reserve so, als wäre sie kleiner als angezeigt.“

„Das ist vernünftig.“ Garith atmete hörbar aus. „Aber es lässt uns weniger Spielraum für einen weiteren Test.“

„Es gibt keinen weiteren Test, solange Ceresta die Simulation nicht abgeschlossen hat.“

„Das wird ihr gefallen.“

„Es muss ihr nicht gefallen.“

Seren beendete die Verbindung und sah durch die offene Tür zum Gang. Eine Familie kam aus dem Gemeinschaftsraum zurück, um die wichtigsten Dinge aus ihrem Modul zu holen. Der Vater trug eine zusammengerollte Decke, während seine Tochter die Zeichnung mit dem Stern in beiden Händen hielt, die sie an der Wand zurückgelassen hatte. Seren ging ihnen entgegen und erklärte, dass sie den Raum nur kurz betreten sollten, solange die Schleuse überwacht wurde. Das Mädchen fragte, ob der Stern später noch dort hängen dürfe.

„Wenn ihr zurückkommt, kannst du ihn wieder an die Wand hängen“, sagte Seren.

„Wann kommen wir zurück?“

Seren ging in die Hocke, damit sie dem Kind nicht von oben antwortete. „Das weiß ich noch nicht. Aber ich verspreche dir, dass wir euch nicht im Unklaren lassen.“

Das Mädchen dachte darüber nach und nickte schließlich. Es war kein Vertrauen, das man mit einem Satz zurückgewinnen konnte, doch wenigstens war es eine Antwort, an der Seren später gemessen werden durfte.

Als sie wieder aufstand, wartete Vel Akita am Ende des Ganges. Sie hielt kein Lesegerät in der Hand, sondern eine schmale Mappe, deren Siegel den Eingang der unabhängigen Ermittlungsstelle bestätigte.

„Die Unterlagen zu Joren Pell sind übergeben“, sagte sie. „Rema hat die Originalsignaturen, die Kommunikationsdaten, die Wartungsprotokolle und die Untersuchung zum Wasserauslass gemeinsam versiegelt. Die Ermittler haben den Eingang bestätigt.“

„Und Telanas verbleibende Zugänge?“

„Gesperrt. Der Vorgang ist dokumentiert. Die Sicherheitsstelle hat eine Person für die Übergabe an die Konklave benannt, falls danach noch Fragen zu ihrer Amtsführung offen sind.“

Seren sah auf das Siegel. „Das Konklave entscheidet nicht über den Mord.“

„Nein. Das habe ich im Begleitschreiben ausdrücklich festgehalten. Es kann über Telanas Stellung und ihren Aufenthalt in Nerava entscheiden. Schuld und Strafe gehören vor die unabhängige Justiz.“

„Gut.“

Akita wartete, als gäbe es noch etwas, das sie sagen wollte.

„Die Vorsitzende hat die Sitzung für heute angesetzt“, fuhr sie fort. „Telana ist bereits im Verwaltungszentrum.“

Seren nickte. „Dann sollten wir nicht so tun, als könnten wir die Entscheidung vertagen, bis uns die Lage bequemer erscheint.“

„Du wirst nicht abstimmen.“

„Das weiß ich.“

„Ich wollte sicher sein, dass du es dir nicht wieder selbst aufbürdest.“

Seren betrachtete die Mappe in Akitas Hand. Das wusste sie selbst nicht. Telana hatte ihr vor Jahren beigebracht, dass Verantwortung manchmal bedeutete, länger zuzuhören als einem lieb war. In den letzten Wochen hatte sie sich an etwas anderes gewöhnen müssen: Dass Mitgefühl nicht bedeutete, einer Person die Folgen ihrer Entscheidungen abzunehmen.

„Ich werde sagen, was ich weiß“, antwortete sie. „Die Stimmen gehören den zwölf Kuratoren.“

Akita nickte knapp. „Dann gehen wir, sobald du bereit bist.“

⁂

In der Forschungseinheit war die Tür zur Hauptkonsole verriegelt. Das hatte Ceresta selbst angeordnet. Nur die passive Aufzeichnung lief weiter; jeder Steuerbefehl blieb gesperrt, bis die Simulation auf den unabhängigen Zeitmarken abgeschlossen war. Auf dem mittleren Bildschirm standen zwei Kurven nebeneinander. Sie wirkten beinahe gleich, bis Ceresta die Zeitpunkte ihrer Meldungen einblendete. Dann verlor sich die Übereinstimmung in einem schmalen Versatz, der sich mit jedem weiteren Ausschlag vergrößerte.

„Wenn wir die Meldung der Vaal-Anlage als Beginn nehmen, reagiert Nythara zu spät“, sagte Garith. Er saß auf einem niedrigen Hocker, die Hände um eine Tasse gelegt, die längst kalt geworden war. „Wenn wir die Chin’ta-Aufzeichnung auf den Empfangszeitpunkt verschieben, passt der Verlauf besser, aber nicht stabil genug.“

„Weil wir immer noch zwei Meldungen vergleichen“, sagte Ceresta. „Nicht den Vorgang, auf den sie antworten.“

Ilyra saß neben ihr. Ihr verletzter Arm lag auf einer Stütze, und die Finger ihrer freien Hand ruhten auf einem Ausdruck, der die unabhängigen Zeitmarken aus Nythara zeigte. Seit der Belastung vom Vortag hatte sie kaum geschlafen. Ceresta hatte ihr mehr als einmal vorgeschlagen, die Arbeit für den Morgen abzugeben; Ilyra hatte jedes Mal nach einer anderen Aufgabe gefragt, die sie im Sitzen erledigen konnte.

„Die alten Aufzeichnungen beschreiben an dieser Stelle nicht dieselbe Grenze“, sagte Ilyra. „Die eine Seite markiert, wann sie den Übergang freigegeben hat. Die andere markiert, wann sie keine Antwort mehr empfangen hat. Wir haben beide Werte in eine einzige Reihe gepresst, weil wir angenommen haben, dass sie denselben Augenblick bezeichnen.“

„Und die Umrechnung?“, fragte Ceresta.

„Sie ist keine feste Verzögerung. Sie verändert sich mit dem Zustand der Verbindung. Das kann erklären, warum die Systeme bei kleinen Ausschlägen scheinbar übereinstimmen und bei einer stärkeren Belastung immer weiter auseinanderlaufen.“

Garith stellte die Tasse ab. „Wenn das stimmt, müsste die Simulation zeigen, dass sie sich nicht mehr gegenseitig verstärken, sobald wir die gemeinsame Marke anders setzen.“

„Müsste“, sagte Ceresta. „Wir prüfen es. Wir erklären es nicht vorab zur Wahrheit.“

Sie ließ die Aufzeichnung erneut starten. Die Kurven liefen über den Bildschirm, erst getrennt, dann mit der alternativen Zeitmarke übereinandergelegt. Für einen Moment näherten sie sich einander. Ein zweiter Ausschlag folgte, diesmal ohne den steilen Anstieg, der am Vortag den Verteiler überlastet hatte. Beim dritten Durchgang baute sich eine Rückkopplung auf, doch sie blieb innerhalb des simulierten Schutzbereichs.

Garith beugte sich vor. „Das ist besser.“

„Es ist weniger schlecht“, sagte Ceresta. „Wir haben historische Daten und eine begrenzte Simulation. Wir wissen noch nicht, ob die Marke für die echte Anlage trägt.“

Ilyra beobachtete nicht die Linien, sondern die Zeitstempel unter ihnen. „Sira hat dieselbe Verschiebung aus den Kursdaten gefunden, ohne unsere Messung zu kennen.“

„Das stärkt die Hypothese“, sagte Ceresta. „Es macht sie nicht sicher.“

Sie legte die Hand auf Ilyras freie, die noch immer auf dem Ausdruck ruhte. Ilyra drehte ihre Finger und verschränkte sie mit Cerestas. Für einen Moment sahen beide nicht auf die Anzeigen.

„Du musst nicht hierbleiben, nur weil es gefährlich ist“, sagte Ceresta leise.

„Das weiß ich.“

„Und du musst mir nicht beweisen, dass du wieder alles leisten kannst.“

Ilyra hob den Blick. „Ich bleibe, weil ich etwas beitragen will. Nicht, weil du mich sonst für schwach hältst.“

„Das tue ich nicht.“

„Ich weiß.“ Sie drückte Cerestas Hand. „Aber manchmal sehe ich, wie du mich ansiehst, als wäre jeder Schmerz ein Vorzeichen dafür, dass ich dir gleich wieder entgleite.“

Ceresta atmete langsam aus. Sie hätte widersprechen können. Stattdessen legte sie ihre Stirn an Ilyras, vorsichtig, damit sie den verletzten Arm nicht berührte. „Als ich dich in der Anlage durch die Schutzschleuse bringen musste, war ich sicher, dass ich dich verliere. Das ist noch nicht ganz aus mir heraus.“

„Dann lass es diesmal nicht für mich entscheiden.“

„Das versuche ich.“

Ilyra küsste sie. Zuerst war es nur eine ruhige Berührung, dann blieb Ceresta einen Augenblick länger bei ihr, als die Bildschirme wieder zu flackern begannen. Sie lösten sich voneinander, ohne den Kontakt ganz aufzugeben.

„Wir lassen die körperlichen Reaktionen nicht absichtlich wieder hervorrufen“, sagte Ilyra. „Weder bei mir noch bei Sira.“

„Das habe ich Sira schon zugesagt.“

„Und wenn eine neue Reaktion auftritt?“

„Dann wird sie unabhängig aufgezeichnet. Keine Steuerung, kein Test, keine Forderung an euch.“

Ilyra nickte. „Gut. So kann ich weiterarbeiten.“

Ceresta sah kurz auf die Simulation. Die Kurven waren wieder in einen unregelmäßigen Abstand auseinandergewandert. Doch beim letzten Durchlauf hatten sie sich nicht selbst verstärkt.

„Wir haben eine Richtung“, sagte sie. „Noch keinen sicheren Weg.“

„Das reicht für heute.“

„Das klingt nach einer Anweisung.“

„Nimm sie als einen Vorschlag, dem du diesmal folgst.“

Ceresta lächelte und küsste Ilyra noch einmal, diesmal auf die Schläfe. Garith wandte sich demonstrativ dem Ausdruck auf seinem Tisch zu, als hätte er dort plötzlich etwas sehr Wichtiges zu lesen.

⁂

Taren wartete in einem kleinen Seitenraum des Verwaltungszentrums. Er hatte einen direkten Zugang zur Sitzungshalle gefunden, dann aber entschieden, Seren nicht mit dem ersten Blick der Kuratoren zu empfangen. Sie sollte einen Augenblick haben, in dem niemand etwas von ihr verlangte.

Als sie eintrat, sah er, dass sie die Hände ineinandergelegt hatte. Es war die Haltung, die sie annahm, wenn sie ihren Puls verbergen wollte.

„Die Sitzung beginnt in zehn Minuten“, sagte sie.

„Dann haben wir neun für uns.“

„Du bist heute großzügig.“

„Ich lerne.“

Er nahm ihre Hände. Unter seinen Daumen spürte er die Spannung ihrer Finger, und als er sie an sich zog, legte Seren die Stirn an seine Schulter. Sie blieb dort, bis ihr Atem ruhiger wurde.

„Ich habe immer geglaubt, irgendwann würden wir Telana wieder erreichen“, sagte sie. „Nicht unbedingt überzeugen, aber wenigstens noch miteinander sprechen können.“

„Ihr werdet miteinander sprechen.“

„Nicht mehr so wie früher.“

Taren legte eine Hand an ihren Nacken. „Das liegt nicht an dem, was du heute sagst. Sie hat die Entscheidungen getroffen, die euch hierhergebracht haben.“

„Ich weiß.“

„Wissen und akzeptieren sind nicht dasselbe.“

Seren sah zu ihm auf. „Du klingst, als hättest du darüber nachgedacht.“

„Ich bin schon einmal zu lange geblieben, weil ich geglaubt habe, meine Anwesenheit könne die Entscheidungen eines anderen Menschen ausgleichen.“

„Und diesmal?“

„Diesmal bleibe ich bei dir.“

Sie küsste ihn. Der Kuss war nicht hastig, und für ein paar Atemzüge gab es weder die Sitzung noch die Kurve, die sich in der Forschungseinheit nicht stabilisieren ließ. Taren strich ihr über die Wange. Seren legte die Hand auf seine Brust, als wollte sie prüfen, ob das Versprechen dort einen festen Platz hatte.

„Auf Tenebris“, sagte sie leise. „Wenn wir diese Tage hinter uns haben, möchte ich nicht nur über das sprechen, was schiefgehen kann.“

„Dann sprechen wir über ein Zuhause.“

„Du weißt, dass ich keine perfekte Antwort erwarte.“

„Gut. Ich habe keine.“ Er küsste sie noch einmal. „Aber ich kann mit dir nach einem Ort suchen, der nicht jedes Mal verschwindet, wenn die nächste Aufgabe ruft.“

Seren schloss kurz die Augen. Als sie sich löste, war die Anspannung nicht verschwunden, aber sie lag nicht mehr allein auf ihren Schultern.

„Ich bin keine Kuratorin“, sagte sie. „Ich darf ihnen nicht sagen, welche Stimme sie abgeben sollen.“

„Du darfst ihnen sagen, was du erlebt hast.“

„Und Telana?“

„Du musst ihr weder helfen noch sie hassen. Du musst nur wahr sprechen.“

Sie strich mit dem Daumen über seinen Handrücken. „Bleibst du hier?“

„So lange du mich brauchst.“

„Dann geh nicht weit.“

„Nicht heute.“

⁂

Telana stand allein vor einer Sichtfläche am Ende des Korridors. Die Stadt Nerava lag unter den Lichtbändern der Kuppel, unfertig und dennoch belebt. Arbeiter bewegten sich zwischen den Wohnblöcken, und auf einem Platz trugen zwei Kinder eine Bank zu einem Pflanzbecken, obwohl der Boden dort noch nicht vorbereitet war.

Auf dem Tisch im Vorbereitungsraum lag Mitchs Erinnerungsstück. Telana hatte es mitgebracht, ohne darüber nachzudenken. Nun nahm sie es in die Hand und spürte die abgenutzte Kante unter dem Daumen. Jahrelang hatte sie den Gegenstand als Erinnerung an den Mann verstanden, den sie verloren hatte. In den vergangenen Wochen hatte sie ihn immer öfter wie eine Antwort behandelt.

Sie wusste, was heute zur Sprache kommen würde. Nicht nur die Sperren, die sie nach der Ablehnung ihres Antrags durchgesetzt hatte. Nicht nur die Anordnung zur Notfalltrennung. Auch der Name Joren Pell würde fallen, mit all den Belegen, die sie bereits aus Akitas Blicken erkannt hatte.

Eine Mitarbeiterin der Vorsitzenden trat ein. „Die Kuratoren sind vollständig versammelt. Sie können jetzt in den Anhörungsraum kommen.“

Telana legte das Erinnerungsstück zurück. „Ich komme.“

Die Frau blieb einen Augenblick stehen. „Es steht Ihnen frei, eine Erklärung abzugeben oder auf Fragen nicht zu antworten. Die Anhörung betrifft Ihre Stellung und Ihre Befugnisse. Sie ersetzt kein unabhängiges Strafverfahren.“

„Ich kenne den Unterschied.“

„Gut.“

Telana ging an ihr vorbei. In der Tür sah sie noch einmal zurück, doch das Erinnerungsstück lag still auf dem Tisch. Sie nahm es nicht wieder mit.

⁂

Der Anhörungsraum war kleiner als der Saal, in dem Telana ihren Antrag auf die zentrale Koordinationsstelle vorgetragen hatte. Das Konklave hatte zwölf Sitze an einem halbkreisförmigen Tisch. Keiner war leer. Die Vorsitzende saß in der Mitte, Vel Akita rechts von ihr, Rema Sol nicht im Raum, sondern an einer gesicherten Verbindung, falls die Kuratoren Fragen zu den Belegen stellen wollten. Seren stand neben Akita auf der Seite der Anwesenden, ohne Sitz und ohne Stimmzeichen.

Taren blieb im äußeren Korridor. Als Seren hineinging, berührte er kurz ihre Schulter. Sie wandte sich nicht um, aber ihre Hand fand für einen Moment seine.

Die Vorsitzende wartete, bis Telana ihren Platz eingenommen hatte. „Wir beraten heute über Ihre Amtsstellung und Ihren weiteren Aufenthalt auf Tenebris-Vaal. Die unabhängige Strafverfolgung führt das Verfahren zu Joren Pell. Das Konklave entscheidet weder über eine strafrechtliche Schuld noch über eine Strafe.“

Telana legte die Hände auf den Tisch. „Das habe ich verstanden.“

„Der Antrag auf eine zentrale Koordinationsstelle wurde in der letzten Sitzung mit sieben Stimmen abgelehnt und mit fünf unterstützt. Danach wurden Anordnungen umgesetzt, die diesem Beschluss widersprachen. Heute geht es nicht darum, den damaligen Antrag noch einmal abzustimmen. Es geht um Ihre bewussten Entscheidungen danach und um das Vertrauen, das für Ihr Amt erforderlich ist.“

Telana sah über den Tisch. „Wenn Sie die Lage vom letzten Monat so behandeln, als wäre sie ein gewöhnlicher Verwaltungsstreit gewesen, dann haben Sie aus der Katastrophe nichts gelernt.“

„Das ist Ihre Stellungnahme?“, fragte die Vorsitzende.

„Nein. Das ist der Grund, weshalb ich gehandelt habe.“

Akita öffnete eine Mappe. Sie las keine lange Chronologie vor. Sie nannte nur die Punkte, die für die heutige Entscheidung relevant waren: Telanas Einsatz einer unzulässigen Gefahrenstufe, die persönliche Bestätigung der alten Notfalltrennung ohne Zustimmung von Nythara, die Folgen für den Schutzkreis von T-6 und die nachträgliche Beschränkung ihrer verbleibenden Zugänge. Dann legte sie dar, dass der Mordfall getrennt an die unabhängige Justiz übergeben worden war.

„Die Beweismittel verbinden Telana Agur mit einer persönlichen Anweisung im Fall Joren Pell“, sagte Akita. „Das Konklave soll die Unterlagen nicht als gerichtliches Urteil behandeln. Es muss aber entscheiden, ob eine Person in einer Position politischer Verantwortung verbleiben kann, nachdem sie die Sicherheit der Bewohner und die Regeln der gemeinsamen Zusammenarbeit wissentlich umgangen hat.“

Telana hob den Blick. „Ich habe die Notfalltrennung selbst ausgelöst.“

Im Raum wurde es still. Die Erklärung hatte niemanden überrascht, aber nun stand sie ohne den Schutz einer Aktenzeile zwischen ihnen.

„Ich wollte den Versuch abbrechen“, fuhr sie fort. „Die Anlage reagierte, obwohl niemand einen Übergang freigegeben hatte. Die Fachleute wollten weiter beobachten, und ich glaubte, dass uns dafür die Zeit fehlte. Ich habe den Bereitschaftsbefehl geöffnet, die Gefahrenstufe gesetzt und fortgesetzt, obwohl die Freigabe von Nythara fehlte. Das war meine Entscheidung.“

„Sie wussten, dass die Zustimmung fehlte?“, fragte einer der Kuratoren.

„Ja.“

„Und dass der Trennvorgang die beiden Schutzsysteme gegeneinander führen konnte?“

„Ich wusste, dass die alten Komponenten nicht vollständig in die gemeinsame Freigabe eingebunden waren. Ich hielt das Risiko für geringer als das Risiko, weiter abzuwarten.“

„Die Folge war eine Überlastung“, sagte Akita. „Es gab Verletzte und Schäden an den Schutzanlagen.“

Telana sah zu ihr. „Das weiß ich.“

„Sie wussten nicht, dass genau diese Folge eintreten würde“, sagte die Vorsitzende. „Aber Sie wussten, dass Sie außerhalb der vorgeschriebenen Wege handelten.“

„Ja.“

Die Antwort war schlicht, doch sie ließ sich nicht in einen Versehen oder eine fremde Kennung auflösen. Telana hatte die Handlung selbst gewählt. Der Wunsch, T-6 zu stoppen, war ihr Motiv gewesen; die Umgehung und die fehlende Zustimmung waren keine Zufälle.

Ein Kurator beugte sich vor. „Ihre Begründung setzt voraus, dass Sie allein besser entscheiden konnten als die Menschen, die den Versuch überwachten.“

„Ich habe angenommen, dass sie sich von ihren Daten aufhalten ließen.“

„Und wenn die Daten Sie vor einer noch größeren Gefahr bewahren sollten?“

Telana hielt den Blick. „Dann hätten sie recht behalten. Sie hatten es nicht.“

„Das ist keine Antwort auf die Frage.“

„Es ist die Antwort, die ich habe.“

Die Vorsitzende wandte sich Akita zu. „Und der Fall Pell?“

Telana sah wieder auf den Tisch. Ihre Finger hatten sich ineinander verhakt. Für einen Augenblick wirkte sie, als würde sie auf eine Frage warten, die sie noch nicht gehört hatte.

„Die Ermittlungen sind unabhängig. Die gesicherten Unterlagen und die Zeugenaussage wurden der Justiz übergeben. Das Konklave stellt keine strafrechtliche Schuld fest.“

„Sie sprechen von einem Mann, der selbst Teil dieses Geschehens war“, sagte Telana. „Sein Wort macht aus einer Anweisung noch kein Urteil.“

„Das Gericht wird alle Belege prüfen“, sagte die Vorsitzende. „Wir stellen hier kein Urteil fest.“

„Aber Sie werden es in Ihre Entscheidung einfließen lassen.“

„Wir werden berücksichtigen, dass die Verantwortung in einem politischen Amt Vertrauen voraussetzt. Wir ersetzen damit kein Strafverfahren.“

Telana sah zu Seren. „Du bist gekommen, damit sie mich verstoßen.“

Seren hatte sich vorgenommen, jedes Wort sorgfältig zu wählen. Als sie antwortete, klang ihre Stimme ruhiger, als sie sich fühlte. „Ich bin gekommen, weil ich weiß, was du getan hast. Du hast mir vorhin nicht widersprochen, als ich dir die Beweise genannt habe. Heute kannst du erklären, was du getan hast und warum.“

„Du willst hören, dass ich es bereue.“

„Ich will hören, dass du den Unterschied zwischen einer Erklärung und einer Rechtfertigung kennst.“

„Du hast leicht reden. Du musstest nie entscheiden, ob ein Mensch sterben könnte, wenn du wartest.“

„Ich habe Entscheidungen getroffen, bei denen Menschen auf meine Antwort angewiesen waren. Ich habe nicht entschieden, dass ein anderer Mensch deshalb sein Recht auf ein Verfahren verliert.“

Telana schnaubte leise. „Pell hätte weitergegeben, was er wusste.“

„Dann hätte man ihn festnehmen und vor Gericht stellen müssen.“

„Und wenn er vorher andere gefährdet hätte?“

„Du weißt nicht, dass er es getan hätte.“

„Nein“, sagte Telana. „Das wusste ich nicht.“

Ihre Stimme verlor für einen Moment die Schärfe, doch sie wich nicht zurück. „Ich habe den Auftrag trotzdem gegeben. Nicht, weil ich eine falsche Kennung gesehen hätte. Nicht, weil jemand meinen Namen missbraucht hätte. Ich wollte, dass Pell nicht mehr sprechen kann. Ich hielt seine Worte für gefährlicher als seinen Tod.“

Ein Stuhl bewegte sich am gegenüberliegenden Ende des Tisches. Keiner der zwölf Kuratoren sprach sofort.

Seren sah Telana an. „Dann hör auf, so zu tun, als hätten die Systeme oder die anderen dir diese Entscheidung abgenommen.“

„Ich tue nicht so.“

„Du hast es dir mit Mitchs Andenken erklärt, mit deiner Angst, mit der Sicherheit Neravas. Das waren deine Gründe. Der Befehl kam trotzdem von dir.“

Telana legte beide Hände flach auf den Tisch. „Ja.“

Das eine Wort traf Seren schwerer, als sie erwartet hatte. Nicht, weil es eine neue Tatsache enthielt, sondern weil Telana ihr zum ersten Mal nicht die Möglichkeit ließ, zwischen dem, was sie wusste, und dem, was sie hören wollte, noch einen Spalt offen zu halten.

„Und Mitch?“, fragte Seren. „Was hätte er dazu gesagt?“

Telanas Blick flackerte. „Du kannst ihn nicht als Zeugen aufrufen.“

„Nein. Du hast ihn als Rechtfertigung aufgerufen.“

„Er ist tot.“

„Joren Pell auch.“

Für einen Moment schien Telana nach einer Erwiderung zu suchen. Dann wandte sie den Kopf ab. Sie weinte nicht. Sie entschuldigte sich nicht. Die Trauer blieb in ihrem Gesicht, doch sie verwandelte sich nicht in Reue.

Die Vorsitzende ließ die Stille stehen, bis sie selbst wieder zu sprechen begann. „Die Anhörung dient der Entscheidung über Ihr Amt und Ihren Aufenthalt. Möchten Sie den Kuratoren noch etwas sagen?“

Telana sah zu den zwölf Sitzen. „Ich habe getan, was ich für notwendig hielt. Ich weiß, dass die Geschichte mich dafür verurteilen wird. Ich werde nicht behaupten, ich hätte versehentlich gehandelt. Ich habe die Trennung ausgelöst. Ich habe Pell zum Schweigen bringen lassen. Und wenn Sie mich verbannen, werden Sie damit nicht beweisen, dass Sie in der letzten Sitzung recht hatten.“

„Es geht nicht darum, einen früheren Beschluss zu verteidigen“, sagte die Vorsitzende. „Es geht darum, ob die Stadt Ihnen noch anvertrauen kann, für sie zu sprechen.“

„Sie hat mir ihre Sicherheit anvertraut, bis sie mir die Mittel dazu genommen hat.“

„Das Konklave hat Ihre Befugnisse begrenzt. Sie haben sich darüber hinweggesetzt.“

Telana schwieg.

Akita schloss die Mappe. Sie hatte alles gesagt, was für die politische Entscheidung nötig war. Die Beweise würden vor einem anderen Gremium geprüft werden; die zwölf Kuratoren mussten nicht aus einer Anhörung ein Strafgericht machen.

⁂

Die Vorsitzende bat die Anwesenden hinaus, damit die zwölf Kuratoren beraten konnten. Es dauerte keine Stunde. Im Flur standen Seren und Akita nahe der Tür, Taren auf der anderen Seite des Korridors. Er trat zu Seren, als sie aus dem Saal kam. Seine Hand legte sich um ihre, doch er fragte nicht, was sie gesagt hatte.

„Sie hat es ausgesprochen“, sagte Seren.

„Was?“

„Dass sie Pell zum Schweigen bringen ließ. Dass sie die Trennung bewusst ausgelöst hat. Sie hat nicht um Vergebung gebeten.“

Taren hielt ihre Hand fester. „Was hat es mit dir gemacht?“

Seren blickte durch die schmale Sichtscheibe auf die geschlossene Tür. „Es hat eine Hoffnung beendet, die ich längst nicht mehr hätte festhalten dürfen.“

„Du musst sie nicht allein tragen.“

Sie lehnte die Stirn gegen seine Schulter. Er küsste ihr Haar und blieb dort, während hinter ihnen die Lüftung des Verwaltungszentrums leise summte. Seren legte ihre Hand an seine Seite. Es war keine Antwort auf das, was im Saal geschah, aber es erinnerte sie daran, dass sie nicht jedes Ende allein überstehen musste.

„Wenn sie verbannt wird, wird Nerava das nicht einfach abschütteln“, sagte sie.

„Nein.“

„Und wenn sie nicht verbannt wird, wird es auch nicht verschwinden.“

„Nein.“

Sie hob den Kopf. „Du könntest wenigstens eine bessere Antwort erfinden.“

„Ich könnte. Aber du würdest sie durchschauen.“

Seren küsste ihn. Diesmal war es länger, und für einen Moment nahm sie in seiner Nähe die Ruhe wahr, die sie in den letzten Tagen für alle anderen hatte herstellen müssen. Als sie sich voneinander lösten, hielt er ihre Hand noch immer.

„Ich bleibe“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Auf Tenebris auch.“

Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das besprechen wir, wenn wir wissen, wie viele Korridore wir wieder öffnen können.“

„Dann fange ich schon einmal an, über ein Zuhause nachzudenken, das nicht nur aus einem sicheren Korridor besteht.“

„Mach es nicht zu groß.“

„Ich werde mit einem Tisch anfangen.“

„Einem, an dem zwei Menschen sitzen können?“

„Mindestens.“

Akita kam aus dem Saal zurück. „Die Stimmen werden jetzt aufgerufen.“

Seren löste sich von Taren. Er ließ ihre Hand los, aber nicht, ohne ihren Daumen noch einmal mit seinem zu berühren.

⁂

Die zwölf Kuratoren kehrten an den Tisch zurück. Die Vorsitzende blieb stehen. Neben ihr lag ein einzelnes Dokument mit dem Wortlaut der Entscheidung. Telana saß noch immer an ihrem Platz, die Schultern gerade, das Kinn leicht angehoben. Sie hatte den Blick auf die leere Fläche vor sich gerichtet.

„Der Beschluss betrifft Ihre Amtsstellung und Ihren Aufenthalt auf Tenebris-Vaal“, sagte die Vorsitzende. „Er greift dem unabhängigen Verfahren zu Joren Pell nicht vor. Die Kuratoren stimmen einzeln und ohne Enthaltung ab.“

Der erste Kurator erhob sich. „Ich stimme für den Entzug des Amtes und die Verbannung in die Kernwelten.“

Die zweite Stimme fiel dagegen. „Ich stimme gegen die Verbannung. Die Amtsenthebung ist ausreichend.“

Die dritte und vierte Stimme folgten. Eine dafür, eine dagegen. Niemand wich auf die Frage aus, und niemand bat um Aufschub.

Als die sechste Stimme für die Verbannung fiel, bewegte Telana die Hände unter dem Tisch. Seren konnte nicht sehen, ob sie die Finger ineinander verschränkte oder die Handflächen schloss. Sie hörte jede Stimme, ohne den Blick von der Vorsitzenden zu lösen.

Die siebte Stimme war dafür. Die achte dagegen. Dann stimmten die neunte und zehnte Kuratorin für die Verbannung. Der elfte lehnte sie ab. Der letzte Kurator erhob sich, sah kurz zu Telana und sprach seine Stimme für die Verbannung aus.

Acht zu vier.

Keine Stimme blieb aus.

Die Vorsitzende wartete, bis der Protokollführer das Ergebnis bestätigt hatte. „Das Konklave entzieht Ihnen Ihre Amtsstellung und Ihre politischen Befugnisse. Sie werden aus Tenebris-Vaal und dem Vaal-Korridor verbannt. Die Kernwelten sind Ihr Verbannungsort. Die Verbannung tritt mit der heutigen Übergabe Ihrer Amtsunterlagen in Kraft. Der Beschluss hindert die Ermittlungsbehörde nicht daran, Sie vorzuladen oder ein Verfahren zu führen.“

Telana nahm die Entscheidung auf, ohne sichtbar zusammenzuzucken. Dann stand sie auf.

„Sie glauben, damit eine Gefahr beseitigt zu haben“, sagte sie. „Aber die Pfade bleiben. Die Anlage bleibt beschädigt. Und wenn Sie beim nächsten Ausschlag wieder zu lange beraten, wird niemand von Ihnen für die Folgen stimmen müssen.“

„Sie haben recht, dass die Gefahr bleibt“, erwiderte die Vorsitzende. „Sie haben nicht recht, dass sie deshalb Ihnen gehört.“

Telana wandte sich an Seren. „Du hast bekommen, was du wolltest.“

„Nein“, sagte Seren. „Ich wollte nicht, dass wir hier stehen.“

„Aber du hast dafür gesprochen.“

„Ich habe die Wahrheit gesagt.“

„Die Wahrheit hat mich nicht gerettet.“

„Sie sollte dich nicht retten. Sie sollte uns daran hindern, so weiterzumachen, als wären deine Entscheidungen keine Entscheidungen gewesen.“

Telana sah sie lange an. „Dann hoffentlich bewahren sie dich besser, als sie mich bewahrt haben.“

„Ich weiß nicht, ob das ein Wunsch oder eine Drohung ist.“

„Ich auch nicht.“

Ein Sicherheitsbeamter trat an Telanas Seite, nicht um sie festzuhalten, sondern um sie zum Übergaberaum zu begleiten. Sie ging mit ihm, ohne sich loszureißen und ohne noch einmal in den Saal zu sehen. Als sie an Seren vorbeikam, blieb sie kurz stehen. Für einen Augenblick schien es, als wolle sie etwas sagen. Dann ging sie weiter.

Seren hob nicht die Hand. Sie wusste nicht, ob Telana diesen Abschied verdient hatte. Sie wusste nur, dass ein Abschied keine Vergebung war.

⁂

Die Nachricht über den Beschluss erreichte Garith, während er mit Ceresta die Simulation erneut laufen ließ. Er las sie, legte das Datapad beiseite und betrachtete die Kurven. Es gab keine Zeit, in der eine politische Entscheidung die beschädigten Verteiler wieder instand setzen konnte.

„Sie ist verbannt“, sagte er, als Seren und Taren in den Technikraum kamen.

„Ja“, erwiderte Seren.

Garith nickte. „Dann sollten wir uns um das kümmern, was noch auf uns wartet.“

Ceresta hatte die Aufzeichnung auf einen begrenzten Bereich verkleinert. Die neue Zeitmarke lag dort nicht auf einem einzelnen Maschinenwert, sondern auf dem gemeinsamen Bezugspunkt, der sich aus den unabhängigen Beobachtungen ergab. Drei simulierte Belastungen verliefen ohne zunehmende Rückkopplung. Beim vierten stieg die Kurve zu stark an und zwang Ceresta, den Durchlauf abzubrechen.

„Die Regelung ist nicht stabil genug“, sagte sie. „Aber jetzt wissen wir, wann die alte Korrektur einsetzt, bevor sie den Vorgang verstärkt.“

„Wie viel davon können wir in die echte Anlage übertragen?“, fragte Seren.

„Noch nichts, ohne dass Garith einen Sicherungsweg einzieht. Die Simulation zeigt einen möglichen Übergang zwischen den Zeitmarken. Sie sagt uns nicht, dass die Pfade sicher sind.“

„Und die nächste Belastung?“

Garith deutete auf die Reserveanzeige. „Wenn sie klein bleibt, können wir weiter beobachten. Wenn sie die beschädigten Schwellen überschreitet, haben wir nicht genug Reserve, um denselben Abbruchweg noch einmal zu nehmen.“

„Dann brauchen wir einen Plan, bevor die Schwelle erreicht ist“, sagte Taren.

„Wir brauchen einen Plan, den wir nicht erst in dem Moment erfinden, in dem der Verteiler schon überlastet ist“, sagte Ceresta. „Die isolierte Prüfung ist der Anfang davon.“

Ilyra war still geworden. Seit der Abstimmung hatte sie den Bildschirm betrachtet, doch nun hob sie die Hand von der Stütze und legte sie auf die Tischkante. Ihre Finger bewegten sich nicht, aber ihre Aufmerksamkeit hatte sich verändert.

„Da ist wieder etwas“, sagte sie.

Ceresta wandte sich zu ihr. „Ein Schmerz?“

„Nein. Eher ein Druck, der gleich nachlässt.“

Garith legte die Simulation an. „Wir haben keinen neuen Ausschlag.“

„Noch nicht“, sagte Ilyra.

Auf Nythara hob Sira im selben Augenblick den Kopf. Sie war in der Verbindung mit Tesh und Aruven, um die Zeitmarken der Simulation abzugleichen. Ihre Hand lag auf der Lehne des Stuhls, und sie sah auf die Anzeige, bevor sich dort etwas veränderte.

„Haltet die Aufzeichnung“, sagte sie.

Tesh sah zu ihr. „Was spürst du?“

„Dasselbe wie vorhin. Nur schwächer.“

Auf Tenebris zog Ilyra die Hand nicht zurück. Ceresta setzte eine unabhängige Zeitmarke und bat Garith, die passive Messung weiterlaufen zu lassen. Niemand aktivierte die Anlage. Niemand berührte die Steuerung.

Der Ausschlag erschien auf Tenebris zuerst in der alten Schutzmeldung. Auf Nythara blieb die Anzeige noch ruhig. Die beiden unabhängigen Markierungen der Frauen lagen dagegen innerhalb der Messgenauigkeit übereinander.

Sira atmete einmal langsam aus. „Jetzt.“

Ein Augenblick später meldete auch der Schutzkanal auf Nythara eine Veränderung.

Die Kurven sprangen nicht zusammen. Sie zeigten weiterhin unterschiedliche Verzögerungen, aber der Abstand zwischen den beiden Wahrnehmungen und den alten Meldungen ließ sich nun präziser bestimmen als zuvor. Ceresta markierte den Bereich, ohne die Aufzeichnung zu glätten.

„Das ist kein Steuersignal“, sagte sie. „Und es ist keine Lösung.“

„Aber es ist ein Zeitpunkt, der nicht von den alten Systemen stammt“, erwiderte Ilyra.

„Ja.“

„Dann können wir ihn in der nächsten Simulation prüfen.“

Ceresta legte die Hand über Ilyras Finger. „Wenn du dich dazu bereit fühlst.“

„Ich bin bereit, die Aufzeichnung zu teilen. Ich bin nicht bereit, dass jemand versucht, die Reaktion absichtlich auszulösen.“

„Das wird niemand tun.“

„Gut.“

Taren sah auf die Anzeige. „Wenn wir damit den tatsächlichen Beginn erkennen, könnten wir die Systeme rechtzeitig auf denselben Abschnitt beziehen.“

„Vielleicht“, sagte Ceresta. „Wir werden es erst wissen, wenn die Daten eine weitere unabhängige Prüfung überstehen.“

Seren blickte zu den Menschen im Technikraum: Garith, der bereits eine sichere Abfolge für die nächste Simulation notierte; Ceresta und Ilyra, deren Hände sich noch berührten; Taren, der dicht bei ihr stand, ohne ihr die Entscheidung abzunehmen. Auf Nythara warteten Sira, Tesh, Aruven und Korda auf die Übertragung. Niemand von ihnen hatte den Weg geöffnet. Niemand konnte ihn allein sichern.

Draußen in Nerava wurde die Zeichnung des Mädchens wieder in den Gemeinschaftsraum gebracht. Sie hing nun an einer provisorischen Wand, über einem Tisch, an dem die Bewohner ihre nächsten Fragen sammeln konnten. Seren hatte versprochen, ihnen zu antworten, sobald sie es konnte. Jetzt musste sie dafür sorgen, dass es eine Antwort gab.

Die Verbannung Telanas hatte die Stadt nicht geheilt und die Pfade nicht beruhigt. Aber diesmal würde niemand mehr so tun, als trüge eine einzelne Person allein die Verantwortung. Seren sah zu Taren, und er nahm ihre Hand, bevor sie danach fragen musste. Hinter den Kuppeln lagen Tenebris und Nythara im Dunkeln, getrennt und doch nicht mehr allein.

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