Das schrille, rhythmische Piepen der Cockpit-Armaturen riss Seren aus ihren quälenden Gedanken. Das vertraute blaue Leuchten des Hyperraums begann zu flackern und zog sich in kurzen, heftigen Rucken zurück, bis die Sterne wieder als feste, eiskalte Punkte vor ihnen standen.
Die Stinger Mantis hatte abrupt abgebremst.
Durch das große Sichtfenster im Hauptraum bot sich ein furchteinflößender Anblick. Vor ihnen erstreckte sich der Vaal-Korridor – ein gigantischer, kosmischer Mahlstrom aus wirbelnden Asteroidenfeldern, dichten Nebeln aus ionisiertem Gas und unberechenbaren Gravitationsanomalien. Es sah aus wie eine unüberwindbare Wand aus reinem Chaos, die das Licht der dahinterliegenden Sterne komplett verschluckte.
Cal Kestis trat aus dem Cockpit, die Hände lässig in den Taschen seines Ponchos, doch sein Blick war absolut fokussiert.
„Wir sind da“, sagte Cal ruhig und blickte zwischen Seren und Taren hin und her. „Die Sensoren spielen verrückt. Greez sagt, wenn wir ohne einen präzisen Kurs da reinfliegen, zerreißt es die Mantis in ihre Einzelteile. BD-1 hat zwar die Daten der alten Explorer gescannt, aber die Strömungen in diesem Nebel haben sich in den letzten Jahrhunderten verändert.“
Taren trat an die Holo-Karte und aktivierte die Projektion, die BD-1 aus seinem Speicher speiste. Die blauen Linien der alten Route flackerten schwach inmitten eines rot rotierenden Warnsignals, das die aktuellen, tödlichen Barrieren des Korridors anzeigte.
„Die alte Karte zeigt uns die mathematische Basis“, erklärte Taren, schob seine Brille zurecht und sah Seren direkt an. „Aber sie ist blind für die Gegenwart. Sie weiß nicht, wo die Asteroiden heute stehen. Um da durchzukommen, brauchen wir jemanden, der die Strömungen kennt. Jemand, der weiß, wie die Triebwerke auf die statischen Entladungen des Nebels reagieren.“
Alle Augen im Raum waren nun auf Seren gerichtet. Selbst Merrin war leise an Cals Seite getreten, ihre dunklen Augen voller Erwartung.
Seren starrte auf die rotierenden Scans. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust. Ihr gesamtes Leben lang war ihr eingetrichtert worden, dass das Hereinführen von Außenstehenden in diesen Korridor Hochverrat war. Es bedeutete das potenzielle Ende der Isolation, das Ende des Friedens, den ihre Eltern so sehr geliebt hatten. Wenn sie der Crew half, brach sie jedes einzelne Gesetz, das sie definierte. Wenn sie schwieg, würden sie alle hier draußen sterben – oder dem Imperium in die Hände fallen, das unweigerlich aufschließen würde.
Sie blickte zu Taren. Dem Wanderer, der keine Mauern brauchte, um zu wissen, wer er war.
„Das... das ist der Schlund von Vaal“, sagte Seren schließlich, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, bevor sie wieder an Festigkeit gewann. Sie trat entschlossen an den Tisch. „Die alte Explorer-Route führt durch den äußeren Ring, aber dieser Sektor dort drüben – der Sektor Vier-Neun – wird seit zweihundert Jahren von einer solaren Anomalie beherrscht. Wenn wir der blauen Linie folgen, fliegen wir direkt in eine Wand aus Plasma.“
Ein kollektives Aufatmen ging durch die Crew. Cal lächelte matt. „Und wie umgehen wir sie?“
Seren streckte die Hand aus. Ihre Finger schwebten über den Holo-Kontrollen. Für einen Moment zögerte sie, als würde sie ein Todesurteil unterschreiben. Dann berührte sie das Panel. Mit präzisen, schnellen Bewegungen korrigierte sie die Linien, wich den roten Gefahrenzonen aus und zeichnete einen neuen, gefährlich engen Pfad durch den Mahlstrom.
„Wir nutzen die Gravitationssenke des dritten Mondes, um Schwung zu holen, und tauchen dann tief in den ionisierten Nebel ab“, sagte sie mit der eisernen Autorität einer Jägerin. „Das Imperium wird uns dort nicht folgen können – ihre Sensoren sind zu träge für diese Frequenzen. Aber Greez muss das Schiff manuell fliegen. Jede Sekunde Verzögerung beim Gegenlenken wird uns das Leben kosten.“
Taren trat neben sie, blickte auf die neu berechnete Route und reichte ihr mit einem dankbaren Nicken ihre Maske und die Plasma-Hellebarde, die er sicherheitshalber weggeschlossen hatte.
„Dann zeigen wir ihnen mal, wie man zwischen den Welten wandert“, sagte Taren leise.
Seren nahm ihre Waffe entgegen. Sie sah Taren tief in die Augen. „Wenn meine Heimat wegen dieser Entscheidung brennt, Taren Wayfarer... dann wird mein Geist dich bis ans Ende der Galaxis jagen.“
„Das ist ein faires Geschäft“, erwiderte er ernst.
Das Schiff erzitterte, als Greez im Cockpit die Triebwerke auf volle Leistung brachte und die Stinger Mantis direkt in den tobenden Mahlstrom des Vaal-Korridors eintauchte.