Die Stinger Mantis wurde im selben Moment von einer unsichtbaren Faust gepackt, als sie die äußere Grenze des Vaal-Korridors durchbrach. Das Schiff ächzte in allen Bolzen. Im Cockpit blinkten die Konsolen in einem warnenden Orange, während Greez Dritus mit allen vier Armen wild an den Steuerhebeln riss.
„Ich habe kein Gefühl mehr auf dem Steuerbord-Ruder!“, brüllte Greez über das ohrenbetäubende Heulen der Triebwerke hinweg. „Die statische Aufladung da draußen frisst unsere Trimm-Sonden!“
Cal hatte sich auf dem Co-Pilotensitz festgeschnallt und versuchte, die Energieverteilung der Schilde manuell zu regeln, während Merrin sich im Hintergrund am Türrahmen festhielt, ihre Augen starr auf das wirbelnde Chaos draußen gerichtet.
Taren und Seren standen direkt hinter den Sitzen. Taren hatte seine Maske wieder aufgesetzt und die Brille fest festgezurrt. Seine Hände ruhten auf der Rückseite von Greez' Sitz, während er sich ganz auf das Echo der unmittelbaren Zukunft in der Macht konzentrierte. Neben ihm hielt sich Seren an einer Haltestange. Ihre Haltung war trotz der heftigen Turbulenzen eisern, ihre Augen fixierten die wirbelnden Wolken aus ionisiertem Gas.
„Jetzt, Greez! Tauch ab!“, rief Seren, als eine gigantische Wand aus rötlich glühendem Plasma direkt vor dem Cockpitfenster emporloderte. „Die Strömung zieht nach unten. Lass dich fallen!“
„Bist du irre?! Da unten sind nur Asteroiden!“, schrie Greez zurück, tat aber genau das, was sie sagte.
Er drückte die Nase der Mantis nach unten. Das Schiff stürzte in einen scheinbar bodenlosen Abgrund aus dichtem, grünem Gas. Nur Sekundenbruchteile später schoss die Plasmawand genau dort vorbei, wo sie eben noch geschwebt hatten. Die Hitze war so intensiv, dass die Cockpitscheiben gefährlich knackten.
Inmitten dieses Infernos passierte etwas Faszinierendes: Die beiden so unterschiedlichen Macht-Nutzer begannen, sich blind zu ergänzen.
Seren las den Nebel wie ein offenes Buch. Ihr Konklave hatte die Zyklen dieser Anomalien über Generationen hinweg dokumentiert. Sie blickte nicht auf die verrücktspielenden Monitore, sondern verließ sich auf ihr perfekt geschultes Auge für die minimalen Farbveränderungen im Gas. „In drei Sekunden dreht sich der Wind. Steuerbord, zwanzig Grad! Da ist ein stabiler Tunnel!“
Noch bevor Greez die Hebel bewegen konnte, schlug Tarens Scout-Sinn an. Er spürte nicht den Nebel, sondern die physische Gefahr – ein massiver, ungesehener Asteroid, der im Inneren dieses Tunnels lauerte. Taren legte ohne zu fragen seine Hände direkt über Greez’ obere Arme und riss das Steuer gewaltsam in die Gegenrichtung. „Nein! Links! Links rollen!“
„Was macht ihr da oben?!“, jaulte Greez auf, aber der blinde Reflex rettete sie.
Die Mantis warf sich in eine extreme Linkskurve, fast auf die Seite. Ein riesiger, pechschwarzer Brocken aus reinem Magnetit schrammte haarscharf – nur Zentimeter vom Cockpitfenster entfernt – an ihnen vorbei. Der Aufprall hätte das Schiff augenblicklich pulverisiert.
Seren starrte schockiert auf den vorbeirasenden Felsen. Ihr System hatte diesen Asteroiden nicht vorausberechnen können. Sie sah zu Taren, dessen Atem schwer durch den Filter seiner Maske ging.
„Du hast ihn nicht gesehen“, keuchte sie. „Du hast ihn gewusst.“
„Ich habe dir doch gesagt“, erwiderte Taren, während er die Brille wieder zurechtrückte, „Regeln und Karten bringen dich hier drinnen nur halb so weit wie ein verdammt gutes Bauchgefühl.“
BD-1, der sich mit seinen Magnetfüßen an Cals Sitz klammerte, gab ein schrilles, aufgeregtes Pfeifen von sich. Er projizierte eine kleine, grüne Linie auf die Frontscheibe. Der ionisierte Nebel vor ihnen wurde dünner.
„Wir sind fast durch!“, rief Cal und leitete die restliche Energie von den Lebenserhaltungssystemen auf die Hecktriebwerke. „Greez, gib ihr alles, was sie hat!“
Mit einem letzten, heftigen Ruck, der die gesamte Crew in die Sitze und gegen die Wände presste, schoss die Stinger Mantis aus der brodelnden, grünen Hölle des Nebels heraus.
Schlagartig hörte das Rütteln auf. Die Stille des Weltraums umfing sie wieder.
Vor ihnen lag ein atemberaubender Anblick: Ein völlig unberührtes, friedliches Sternensystem, umgeben von einem dichten Ring aus leuchtenden Gasen, die wie ein Schutzwall wirkten. Drei bewohbare, blau-grüne Welten kreisten um eine sanfte, weiße Sonne.
Die inneren Welten des Vaal-Konklaves.
Seren trat langsam an die Scheibe und legte eine Hand an das kalte Glas. Ihr Gesicht war blass. Sie hatte ihre Heimat sicher erreicht – aber sie hatte die Mauern im Schlepptau einer Crew durchbrochen, die alles verkörperte, wovor ihr Volk sich fürchtete.