Die Ratskammer in den Tiefen der Höhlen von Vaal war kaum wiederzuerkennen. Das sanfte Licht der Lumineszenz-Kristalle flackerte unruhig. Höhere Beamte, Priester und die verbliebenen Ratsmitglieder schrien durcheinander. Vances Stimme hallte noch immer wie ein Todesurteil in ihren Ohren nach.
Mitten in diesem Tumult stand Ratsherr Kaelen, der nach dem Tod von Serens Vater den Vorsitz übernommen hatte. Seine kunstvoll verzierte Robe war zerknittert, sein Gesicht aschfahl. Er schlug mit der flachen Hand auf den steinernen Tisch.
„Ruhe!“, forderte Kaelen mit überschlagender Stimme. „Wir haben weniger als zwei Stunden! Die Iron Vanguard lädt ihre Batterien auf. Wenn wir nicht handeln, wird dieses Tal unser Massengrab!“
„Und was schlägst du vor?“, rief eine ältere Ratsfrau aus den hinteren Reihen. „Sollen wir uns kampflos ergeben? Sie haben unsere Jäger im Dschungel abgeschlachtet!“
„Die Jäger haben das Imperium provoziert!“, entgegnete Kaelen, und die Feigheit in seinen Augen wich einer berechnenden, verzweifelten Entschlossenheit. „Es war der Fremde – dieser Scout Taren – und der Jedi Kestis, die das Unheil über uns gebracht haben. Und Seren Vael hat blindlings ihre Befehle befolgt! Sie haben die Ionenkanone ohne Autorisierung des Gesamtrates abgefeuert! Sie haben uns diesen Krieg eingebrockt.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Die Angst verzerrte das Urteilsvermögen der Anwesenden. In der Stunde der totalen Vernichtung suchten sie nicht nach einem Ausweg, sondern nach einem Sündenbock.
„Vance hat uns ein Angebot gemacht“, fuhr Kaelen fort, seine Stimme wurde zu einem dringlichen, giftigen Flüstern. „Er will Ordnung. Er will die Verräter. Wenn wir ihm den Jedi, den Scout und die abtrünnige Jägerin auf einem Silbertablett servieren, brennt unsere Welt nicht. Wir opfern drei Leben, um zehntausend zu retten. Das ist die Logik des Überlebens.“
Nur wenige Ebenen darüber, in einer abgelegenen Wartungsbucht der Höhlen, war die Stinger Mantis über ein geheimes Belüftungssystem mit den Kommunikationsrelais des Rates verbunden. Taren stand am Terminal des Schiffes, die Brille tief ins Gesicht geschoben, während er die abgefangenen Audio-Signale aus der Ratskammer filterte.
Cal, Merrin und Seren, die sich mit einem Bacta-Verband um die Schulter mühsam aufrecht hielt, hörten schweigend zu. Die Worte von Ratsherr Kaelen schnitten tiefer als jede imperiale Klinge.
Seren starrte auf den Lautsprecher. Ihre Lippen zitterten, doch es war keine Trauer mehr – es war der pure, eisige Zorn einer betrogenen Tochter.
„Das sind die Führer meines Volkes“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang wie brechendes Eis. „Sie feilschen um unser Blut, als wären wir Ausschussware auf einem Markt in der Unterwelt. Mein Vater ist für sie gestorben... und sie wollen seine Tochter an den Henker verkaufen.“
Taren schaltete das Terminal mit einem harten Klick ab. Er drehte sich zur Gruppe um. Seine Maske lag auf dem Tisch; sein Blick war fokussiert, der Scout in ihm arbeitete bereits auf Hochtouren.
„Sie werden nicht lange brauchen, um unsere Koordinaten hier in der Wartungsbucht zu lokalisieren“, sagte Taren ruhig. „Kaelen kennt die alten Codes. Er wird die internen Sicherheitstüren verriegeln, um uns einzusperren, bevor er Vance kontaktiert.“
„Lass sie es versuchen“, knurrte Cal und legte die Hand auf den Griff seines Lichtschwerts. „Wir können uns den Weg freikämpfen.“
„Nein“, warf Merrin ein, ihre grünen Augen blitzten gefährlich im Dämmerlicht des Cockpits. „Wenn wir die eigenen Leute abschlachten, hat Vance bereits gewonnen, bevor er den ersten Schuss abgibt. Er will, dass wir uns gegenseitig zerfleischen. Das ist seine Art von 'Ordnung'.“
In diesem Moment erbebte die Wartungsbucht. Mit einem schweren, metallischen Hallen krachten die massiven Panzerschotten am Ende des Tunnels ins Schloss. Das rote Notlicht der Basis sprang an.
„Sektorensperrung aktiv. Autorisierung: Primärer Rat.“
Draußen vor den Sichtfenstern der Mantis tauchten Gestalten im Zwielicht auf. Es waren keine Sturmtruppen. Es waren die palastinternen Wachen des Konklaves, bewaffnet mit zeremoniellen, aber tödlichen Energie-Hellebarden und Blastern. Sie bewegten sich unschlüssig, die Gewehre im Anschlag, die Gesichter hinter ihren Visieren von Scham und Angst verzerrt. Sie belagerten das Schiff ihrer eigenen Jägerin.
Über die Außenlautsprecher der Bucht knackte die Stimme von Ratsherr Kaelen:
„Seren Vael. Cal Kestis. Taren Wayfarer. Im Namen des Hohen Rates des Vaal-Konklaves ergeht der Befehl zur sofortigen Festnahme. Leistet keinen Widerstand. Euer Opfer wird das Überleben unseres Volkes sichern. Die Wachen sind angewiesen, bei der kleinsten Bewegung des Schiffes das Feuer auf die Triebwerke zu eröffnen.“
Drinnen in der Mantis sah Seren durch das Glas direkt in die Augen des vordersten Wachsoldaten – eines Mannes, den ihr Vater einst selbst ausgebildet hatte.
Die Zeit lief unerbittlich ab. Sie waren gefangen zwischen den eigenen, panischen Verbündeten am Boden und der reaktivierten Vernichtungsmaschinerie im Orbit.