Das vertraute, tiefe Vibrato der Triebwerke im Leerlauf legte sich wie eine beruhigende Decke über die Crew. Nach dem überstürzten Aufbruch von Veridia-Vaal hatte Greez das Schiff in den dichten, permanenten Schatten einer tiefen Gletscherspalte am Rande des Polarkreises manövriert. Alle Systeme waren auf ein Minimum heruntergefahren, um keine thermische Signatur für die imperialen Sonden zu hinterlassen. Die Schotts waren kalt, und das einzige Licht im hinteren Aufenthaltsbereich stammte von den bernsteinfarbenen Kontrollleuchten der Lebenserhaltung und dem rhythmischen Funkenflug an Tarens Werkbank.
Taren saß vorgebeugt über einer geöffneten Relais-Platte. Eine Schweißerbrille schützte seine Augen, während er mit einem feinen Plasmabrenner die verschmorte Verdrahtung des primären Lüftungssensors flickte – die Quittung für seinen überladenen Impuls im Archiv. BD-1 saß auf der Kante des Tisches, die mechanischen Photorezeptoren neugierig auf die Handgriffe gerichtet, und gab ab und zu ein leises, fragendes Fiepen von sich.
„Schon gut, Kleiner“, murmelte Taren, ohne den Blick von der Arbeit zu wenden. „Noch zwei Lötstellen, dann zieht die Heizung wieder richtig. Geh Cal ein bisschen Gesellschaft leisten, der meditiert sich im Lagerraum vermutlich gerade in den Tiefschlaf.“
BD-1 gab ein zustimmendes Klicken von sich, sprang vom Tisch und flitzte mit leisen Schritten in Richtung der vorderen Quartiere.
Kurz darauf öffnete sich das schwere Stahlschott zur Werkstatt mit einem leisen Zischen. Taren sah nicht auf. Er erwartete Cal oder Greez, der sich über den sprunghaften Kaffeeverbrauch beschweren wollte. Doch das Geräusch der Schritte war anders – schwerer, gemessener, getragen von der ungewohnten Präsenz von Metall auf dem Gitterboden.
Es war Seren. Sie hatte ihre schwere Cortosis-Hellebarde in ihrer Koje gelassen, wirkte ohne die Waffe in den engen Gängen der Mantis jedoch keineswegs weniger imposant. Ihre Arme waren vor der Brust verschränkt, die dunkle Kleidung der Schatten-Jäger noch immer von feinen Salz- und Eiskristallen gezeichnet. Sie blieb einige Schritte vor der Werkbank stehen und blickte schweigend auf die Platinen, die vor Taren ausgebreitet lagen.
Eine spürbare, fast greifbare Stille dehnte sich zwischen ihnen aus, nur unterbrochen vom brutzelnden Geräusch des Plasmabrenners.
„Du reparierst das System, das du selbst manipuliert hast“, stellte Seren schließlich fest. Ihre Stimme war leise, frei von der schneidenden Schärfe der letzten Tage, aber noch immer distanziert.
Taren schob die Schweißerbrille hoch auf die Stirn und wischte sich mit dem Handrücken ein wenig Ruß von der Wange. Er warf ihr einen kurzen, prüfenden Blick zu. „Wer es kaputtmacht, sorgt auch dafür, dass es wieder läuft. Altes Gesetz der Unterstadt. Wenn wir hier drinnen erfrieren, hat Vance gewonnen, ohne einen einzigen Schuss abzugeben.“
Seren nickte langsam. Sie trat einen Schritt näher an den Tisch heran, ihre Finger strichen fast unbemerkt über die kalte Kante der Arbeitsfläche. Ihre Augen fixierten ein kleines, seltsam geformtes Bauteil aus Chrom, das so gar nicht zu den standardisierten imperialen oder republikanischen Komponenten passen wollte.
„Was ist das?“, fragte sie, und in ihrer Stimme schwang eine vorsichtige, fast widerwillige Neugierde mit.
„Ein Gyro-Stabilisator aus einer alten Podracer-Turbine“, antwortete Taren, froh über die Ablenkung durch technische Details. „Ich habe ihn auf einem Schrottplatz im Industriesektor von Taris gefunden, als ich vierzehn war. Modifiziert hält er die Energiefrequenz meines Datapads stabil, selbst wenn die imperiale Störsender-Flotte das gesamte Frequenzband rasiert.“
Seren betrachtete das modifizierte Teil intensiv. „Du hast deine Ausrüstung selbst gebaut. Aus dem Abfall anderer.“
„In den unteren Ebenen von Taris gibt es nichts anderes als den Abfall anderer“, erwiderte Taren trocken. Er griff nach einem Schraubenschlüssel und zog eine Halterung an. „Man lernt schnell, den Wert in Dingen zu sehen, die die Galaxis längst aufgegeben hat.“
Seren schwieg für einen langen Moment. Seine Worte schienen in ihr etwas zu berühren, das tief unter ihrer antrainierten Fassade vergraben lag. Sie wandte den Blick ab und sah durch das kleine, dicke Sichtfenster der Werkstatt hinaus in das absolute Weiß der Gletscherspalte.
„Mein Vater glaubte, dass jede Struktur, die über Generationen Bestand hat, unumstößlich ist“, sagte sie leise, fast mehr zu sich selbst als zu ihm. „Das Konklave, der Rat von Sylva-Vaal... wir dachten, unsere Isolation schützt uns vor dem Wandel der Galaxis. Aber die Vergangenheit ist innerhalb weniger Tage zu Asche verbrannt. Und die Gegenwart...“ Sie brach ab, ihre Kiefermuskeln spannten sich an.
Taren spürte, wie das Gespräch in eine Richtung driftete, die ihm unangenehm wurde. Er mochte klare Schaltkreise, berechenbare Ströme und mechanische Logik. Emotionale Zwiespalte und die Last von brennenden Welten waren Dinge, vor denen er auf Taris immer weggelaufen war. Wenn man zu tief in die Sorgen anderer eintauchte, wurde man nur mit nach unten gezogen.
„Die Gegenwart ist, dass wir hier sitzen und atmen“, blockte Taren ab, während er betont konzentriert ein neues Kabel abisolierte. „Mehr Logik braucht es erst mal nicht. Cal sagt immer, die Macht führt uns, oder so ein Quatsch. Ich verlasse mich lieber auf einen vollen Tank und funktionierende Filter.“
Seren bemerkte, wie er sich abwandte, wie er eine unsichtbare Mauer zwischen sich und ihr hochzog. Ein Hauch von Enttäuschung spiegelte sich in ihren Augen wider, gefolgt von der vertrauten, kühlen Distanz. Sie war gefangen in ihrem eigenen Labyrinth – hin- und hergerissen zwischen der Pflicht, die verbliebenen Überlebenden ihres Volkes auf Sylva-Vaal zu führen, und der Erkenntnis, dass die traditionellen Wege der Schatten-Jäger sie direkt in Vances Hände getrieben hätten. Es gab keinen klaren Lösungsansatz, keine Formel, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander versöhnen konnte. Sie war in sich selbst isoliert.
Taren legte das Werkzeug weg, wischte sich die Hände an einem öligen Tuch ab und blickte sie nun doch direkt an. Seine Neugierde, die er die ganze Zeit mühsam unterdrückt hatte, brach sich Bahn. Er musterte die stolze Haltung der jungen Frau, die trotz der Erschöpfung keine Schwäche zeigen wollte.
„Und was passiert, wenn wir den Nebelkorridor öffnen?“, fragte Taren unvermittelt, seine Stimme nun etwas leiser, fast forschend. „Wenn wir Vance entkommen und dieser Schleier-Vektor uns tatsächlich einen Weg nach draußen zeigt? Was machst du dann, Seren? Spielst du weiter die unnahbare Kommandantin, die ihr Volk in eine neue Heimat führt, oder...“ Er zögerte kurz. „...oder bist du bereit, den Rest der Galaxis zu sehen? Mit uns?“
Die Frage hing schwer im Raum. Es war die Frage, die Taren sich schon seit Stunden stellte: War Seren Vael eine dauerhafte Bereicherung für diese exzentrische Crew der Mantis – jemand, dem er auf Dauer vertrauen konnte, ohne Angst haben zu müssen, im Stich gelassen zu werden? Oder war sie nur eine temporäre Passagierin, die beim nächsten Halt das Schiff verlassen würde, um wieder die Krone des Widerstands aufzusetzen?
Seren sah ihn an, und für einen flüchtigen Moment war da kein Stolz in ihren Augen, sondern die nackte, reine Ratlosigkeit einer Suchenden. Sie öffnete den Mund, um zu antworten, doch das Wort erstarb auf ihren Lippen. Sie wusste es selbst nicht.
Bevor die Stille zu drückend werden konnte, knackte das schiffinterne Com-System und Greez’ Stimme ertönte, merklich entspannter als noch vor einer Stunde: „He, ihr beiden da hinten im Maschinenraum. Die Suppe ist fertig. Und wenn Taren nicht gleich die Heizung im Salon aufdreht, benutze ich Cals Lichtschwert als Taschenwärmer.“
Taren stieß ein kurzes, leises Schnauben aus, das fast wie ein Lachen klang, und klopfte auf die reparierte Relais-Platte. Sofort sprang ein kleiner Lüfter an und blies warme Luft in den Raum.
„Gerettet“, sagte Taren, erhob sich von seinem Stuhl und schob die Schweißerbrille in den Nacken. Er ging an Seren vorbei zum Schott, blieb jedoch kurz im Rahmen stehen, ohne sie anzusehen. „Überleg es dir nicht zu viel, Seren. Manchmal muss man einfach fliegen, um zu sehen, wohin der Wind einen treibt.“
Das Schott schloss sich hinter ihm, und Seren blieb allein in der Werkstatt zurück, während draußen das Eis leise gegen die Hülle der Mantis schlug.