Großadmiral Vances hochgezogene Augenbraue spiegelte die absolute Gewissheit eines Taktikers wider, der das Spielfeld kontrolliert. Die beiden Purge Trooper flankierten ihn wie steinerne Statuen, ihre Elektrostäbe surrten in einem tiefen, bedrohlichen Rhythmus, der das sanfte, goldene Leuchten des Schleier-Vektors auf dem Podest zu stören schien.
„Du hast den gleichen Fehler wie dein Vater begangen, Kommandantin Vael“, fuhr Vance fort, während sein Blick langsam von Seren zu Cal und schließlich zu Taren wanderte. „Ihr sucht Zuflucht in der Vergangenheit, während das Imperium die Zukunft definiert. Überlasst mir das Holocron. Ein System, das von einer Blockade umschlossen ist, benötigt keine Navigationsdaten mehr.“
Seren spannte jeden Muskel an. Ihre Finger schlossen sich so fest um den Griff ihrer Cortosis-Hellebarde, dass das Metall leise knirschte. In ihren Augen loderte der unbedingte Wille, das Erbe ihres Vaters mit dem Leben zu verteidigen. Sie wollte gerade nach vorne preschen, um den ersten Schlag zu führen – so, wie sie es als Schatten-Jägerin gelernt hatte: allein, kompromisslos, unabhängig.
Doch bevor sie den Ausfallschritt machen konnte, legte Cal eine Hand auf ihre Schulter. Die Berührung war leicht, aber bestimmt.
„Nicht“, flüsterte Cal leise. „Das ist genau das, was er erwartet. Er will, dass wir blind angreifen.“
Seren atmete scharf ein. Ihr erster Impuls war es, Cals Hand wegzustoßen. In der Tradition ihres Volkes bedeutete es Schwäche, sich im entscheidenden Moment zurückzuhalten oder auf die Hilfe von Außenstehenden zu bauen. Vertraue nur deinem eigenen Schatten , lautete das Dogma des Konklaves. Aber als sie in Cals ruhige, vom Kampf gezeichnete Augen blickte, sah sie keine Furcht, sondern eine tiefe, fast greifbare Verbundenheit. Er bot ihr keine Bevormundung an, sondern eine Partnerschaft.
Im selben Moment ertönte ein leises, rhythmisches Summen aus Tarens Richtung. Der Mechaniker hatte sich unbemerkt ein Stück zurückfallen lassen und hielt sein Datapad flach gegen eine der uralten, steinernen Wandpaneele gepresst. Seine Finger flogen förmlich über den modifizierten Touchscreen.
„Ich bin im sekundären Subnetz des Archivs“, raunte Taren über das interne Com-System der Crew. „Die Imperialen haben beim Aufbohren der Außentüren die primäre Energieleitung überlastet. Das gesamte System steht unter immenser Spannung. Wenn wir einen gezielten Impuls setzen, können wir die Belüftungsschächte nutzen.“
Über das Com-System knackte es, und die vertraute, wenn auch leicht krächzende Stimme von Greez war zu hören. Er saß meilenweit entfernt im Cockpit der verborgenen Mantis , hielt aber die Sensoren auf Maximum.
„Leute, ich will ja nicht drängeln, aber Vance hat eine imperiale Fähre direkt auf der Oberseite des Gletschers geparkt“, meldete Greez. „Die halten die Triebwerke im Leerlauf. Wenn ihr den Ausgang da oben nehmt, schieße ich uns ein Loch in das Eis, genau unter ihren Hintern. Aber ihr müsst das Timing hinkriegen, sonst begräbt uns die Lawine.“
Seren spürte, wie ihr Herz rasant schlug. Die Vorstellung, ihr Schicksal – und das Schicksal des Schleier-Vektors – in die Hände eines Taris-Scouts, eines Jedi und eines Latero-Piloten zu legen, widersprach allem, woran sie je geglaubt hatte. Ein plötzlicher Schwindel erfasste sie; die Last der Verantwortung für ihr gesamtes Volk drückte schwer auf ihre Schultern. Für einen kurzen, verletzlichen Moment zitterte die Spitze ihrer Hellebarde. Sie stand an einem Abgrund, und zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie, dass sie den Sprung allein nicht schaffen würde.
Sie blickte zu Cal, dann zu Taren. „Ich... ich kann das nicht allein aufhalten“, gestand sie mit rauer, kaum hörbarer Stimme. Es war kein Eingeständnis der Niederlage, sondern das Ablegen einer zentnerschweren Maske.
Cal lächelte matt. „Du bist nicht allein, Seren. Wir sind eine Crew.“
Ein plötzliches, scharfes Pfeifen riss sie aus dem Moment. BD-1 sprang von Tarens Schulter, flitzte mit erstaunlicher Geschwindigkeit über den Obsidian Boden und schoss eine kleine, überladene Energiezelle direkt in die offenliegenden Kabel der imperialen Scaneinheit, die Vance mitgebracht hatte.
„Jetzt, Taren!“, rief Cal.
Taren schlug auf sein Datapad. Ein ohrenbetäubendes, metallisches Kreischen ging durch die Archivhalle, als die uralten, thermischen Entlüftungsklappen in den Wänden synchron herabsackten. Tonnen von aufgestautem, eiskaltem Kondenswasser und dichten Stickstoffwolken, die zur Kühlung der Datenkristalle dienten, schossen unter immensem Druck in den Raum. Innerhalb von Sekunden wurde die gesamte Halle in ein undurchdringliches, blendend weißes Nebelmeer getaucht.
„Purge-Einheiten, Sichtmodus Alpha! Sichert das Podest!“, brüllte Vances Stimme durch den Nebel, doch die Sensoren der imperialen Rüstungen spielten im kryogenen Stickstoffsturm vollkommen verrückt.
Seren handelte instinktiv, aber nicht mehr allein. Sie nutzte den Nebel, glitt lautlos wie ein echter Schatten an der linken Flanke vorbei und erreichte das Obsidian-Podest genau in dem Moment, als Cal von der rechten Seite auftauchte. Gemeinsam griffen sie nach dem Schleier-Vektor. Cals Hand schloss sich um die goldene Box, während Serens Hellebarde mit einem präzisen, kurzen Stoß die Halterung zertrümmerte, um das Artefakt zu lösen.
Anstatt den Kampf mit Vance zu suchen, orientierten sie sich an Tarens Stimme, der bereits an einer offenen Wartungsluke stand, die steil nach oben in den Gletscher führte.
„Greez, wir sind im Schacht! Aktiviere die seismischen Ladungen!“, rief Taren in sein Com.
„Haltet euch an irgendwas fest, was älter ist als ich!“, erwiderte Greez aus der Ferne.
Ein dumpfes, rhythmisches Grollen ging durch das Eis über ihnen. Die Mantis feuerte ihre modifizierten Bergbau-Laser ab, die Greez für den Notfall an den unteren Frachtluken montiert hatte. Der Permafrost über der Wartungsluke barst mit einem sauberen, gezielten Schnitt. Das herabstürzende Eis blockierte den Zugangsschacht hinter den Fliehenden komplett und schnitt Großadmiral Vances wütende Befehle endgültig ab.
Als sie keuchend und von Eiskristallen bedeckt die Oberfläche des Gletschers erreichten, sahen sie die Mantis , deren Triebwerke in der arktischen Dämmerung blau glühten, perfekt unter der Abbruchkante positioniert.
Seren stand auf dem zitternden Eis, den Schleier-Vektor fest an ihre Brust gepresst. Sie sah zu Cal, Taren und dem aufgeregt piepsenden BD-1. Die Kälte biss in ihrer Haut, aber in ihrem Inneren wich die starre Isolation einer neuen, unbezwingbaren Gewissheit: Sie hatte keine Schwäche gezeigt, sondern die wahre Stärke einer Gemeinschaft gefunden.