Der Aufenthaltsraum der Mantis hatte sich wieder geleert. Greez war im Cockpit, um die Berechnungen des Schleier-Vektors in den Navigationscomputer einzuspeisen, während Cal und Taren im Maschinenraum eine letzte Inspektion der Hyperraum-Kopplung durchführten.
Seren stand am großen Sichtfenster und starrte auf die wirbelnden grünen und blauen Datenströme der projizierten Sternenkarte, die noch immer schwach über dem Holotisch pulsierte. Sie hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung so straff wie eh und je.
„Du betrachtest die Karte, als hättest du Angst, dass sie verschwindet, wenn du blinzelst“, ertönte eine ruhige, leicht rauchige Stimme aus den Schatten nahe der Kombüse.
Seren wandte sich nicht um. Sie hatte Merrins Annäherung nicht gehört – die Nachtschwester bewegte sich mit einer Lautlosigkeit, die selbst die bestausgebildeten Schatten-Jäger von Sylva-Vaal in den Schatten stellte. Erst als Merrin neben sie an das Fenster trat, sah Seren sie von der Seite an.
Merrin trug ihre traditionellen dunklen Gewänder, die Arme locker hängen gelassen, den Blick auf die unkartierten Welten am Ende der grünen Linie gerichtet.
„Es ist das Vermächtnis meines Vaters“, sagte Seren leise. „Wenn ich wegschaue, fühlt es sich an, als würde ich zulassen, dass das Imperium auch das noch verbrennt.“
Merrin nickte langsam. Ihre dunklen Augen wandten sich von der Projektion ab und fixierten Serens Gesicht. „Ich kenne dieses Gefühl. Das Gefühl, dass man die Asche von allem, was man je geliebt hat, in den Händen hält und versucht, daraus eine Zukunft zu bauen. Aber du bist mehr als nur die Wächterin dieses Würfels, Seren Vael. Wer warst du, bevor das Imperium dein System fand?“
Seren blinzelte überrascht. Niemand an Bord hatte sie das bisher gefragt. Cal respektierte ihre Privatsphäre, Taren flüchtete sich in technische Schaltkreise, und Greez sorgte sich um das Schiff. „Ich war eine Kommandantin der Schatten-Jäger“, antwortete sie instinktiv, fast mechanisch.
Merrin stieß ein leises, trockenes Schnauben aus. „Das ist ein Titel. Eine Rüstung. Ich frage nicht die Soldatin. Ich frage das Mädchen, das in den Wäldern von Sylva-Vaal aufgewachsen ist. Erzähl mir von deiner Kindheit. Wer waren deine Freunde? Was hast du getan, wenn du nicht gerade gelernt hast, wie man mit einer Hellebarde imperiale Rüstungen spaltet?“
Seren atmete tief durch. Der Drang, die Mauern wieder hochzuziehen, war stark, aber Merrins Blick verlangte keine Rechtfertigung. Da war nur eine ehrliche, tiefe Neugierde – die Neugierde von jemandem, der ebenfalls die letzte Überlebende einer sterbenden Kultur war.
„Es gab keine Zeit für das, was man in der Galaxis wohl 'Hobbys' nennt“, begann Seren vorsichtig, während ihre Augen in die Vergangenheit schweiften. „Die Ausbildung im Konklave beginnt, sobald man das siebte Lebensjahr vollendet hat. Mein Vater war streng. Meine Jugend bestand aus endlosen Läufen durch das Unterholz der Mammutbäume, dem Auswendiglernen von Sternenkonstellationen und dem Meistern der Cortosis-Schmiedekunst. Freundschaften... waren funktional. Wir wurden in Jagdrudeln organisiert. Mein engster Gefährte war Kaelen – der Neffe des Ratsherrn, den wir gerade entmachtet haben.“
Sie hielt inne, ein bitterer Zug legte sich um ihre Lippen.
„Er war mein bester Freund. Wir haben als Kinder die Baumkronen von Sylva-Vaal erklommen, um die Ringe von Kronos-Vaal zu sehen. Wir haben uns geschworen, das System gemeinsam zu beschützen. Und nun... hat er mein Volk für sein eigenes Überleben an Großadmiral Vance verkauft.“
„Verrat schneidet tiefer als jede Klinge“, sagte Merrin leise, und ein gefährlicher, grüner Schimmer blitzte für den Bruchteil einer Sekunde in ihren Augen auf. „Auf Dathomir waren wir Schwestern. Wir teilten alles – unsere Magie, unsere Träume, unsere Jugend. Wenn wir nicht trainierten, suchten wir in den Klippen nach den seltenen Blutbuchen-Blüten, nur um uns gegenseitig Schmuck daraus zu flechten. Wir dachten, unsere Welt sei unendlich. Und dann kam der Krieg. Ein General mit metallenem Körper löschte sie alle aus. Ich blieb allein zurück, jahrelang, gefangen in meinem eigenen Hass.“
Seren sah Merrin direkt an. Zum ersten Mal erkannte sie die Parallele. Zwei Frauen aus isolierten Welten, beide von den Feuern der Galaxis gezeichnet.
„Wie hast du aufgehört, zu hassen?“, fragte Seren, und in ihrer Stimme lag eine seltene, nackte Verletzlichkeit.
„Ich habe aufgehört, nur nach hinten zu blicken“, antwortete Merrin und trat einen Schritt näher. „Der Hass hielt mich warm, aber er fraß mich auf. Erst als Cal kam – als er mir zeigte, dass es da draußen Menschen gibt, die für etwas kämpfen und nicht nur gegen etwas –, habe ich verstanden. Deine Vergangenheit auf Sylva-Vaal, deine Ausbildung, deine verlorenen Freunde... sie haben dich zu der starken Frau gemacht, die du heute bist. Aber sie dürfen nicht das Gefängnis sein, das dich daran hindert, zu sehen, wer du sein könntest .“
Seren sah zurück auf die saphirblaue Sternenkarte. Die Worte der Nachtschwester hallten in ihrem Inneren wider, lösten zwar nicht den gewaltigen Zwiespalt in ihrer Brust, aber sie gaben ihr ein Fundament. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich die Last auf ihren Schultern ein wenig leichter an.
„Danke, Merrin“, flüsterte Seren.
Merrin legte ihr flüchtig eine Hand auf den Unterarm – die Berührung war kühl, aber von einer tiefen, magischen Wärme durchdrungen. „Wir sind Schwestern des Schicksals, Seren. Du musst diesen Weg nicht allein gehen.“