Die Brücke des Sternenzerstörers Iron Vanguard war ein Tempel aus poliertem schwarzem Obsidian und kaltem, weißem Licht. Großadmiral Vance stand auf dem erhöhten Steg, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und blickte hinab auf die grün-goldene Murmel von Sylva-Vaal. Für ihn war dieser Planet kein Ökosystem, keine Heimat – es war ein unordentlicher Eintrag in den imperialen Registern, der korrigiert werden musste.
Hinter ihm materialisierte sich eine Gestalt aus den Schatten. Das leise, mechanische Surren von Inquisitor Malakors Atemmaske war das einzige Geräusch auf der ansonsten totenstillen Brücke. Die rote Klinge seines Lichtschwerts war deaktiviert, doch die Aura von verbranntem Ozon und Angst umgab ihn wie ein Mantel.
„Die Säuberung zieht sich in die Länge, Vance“, stellte Malakor fest. Seine Stimme war tief, elektronisch verzerrt und schwanger mit einer sadistischen Ungeduld. „Die Schatten-Jägerinnen nutzen das dichte Blätterdach der Mammutbäume. Meine Purge-Trooper verlieren im Unterholz den taktischen Vorteil. Jedes Mal, wenn wir eine Zelle ausheben, sind die Nester bereits leer. Sie weichen uns aus. Sie verstecken das Konklave-Erbe vor meinen Augen.“
Vance drehte sich nicht um. Ein dünnes, fast unsichtbares Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er genoss es, wenn die Inquisitoren mit ihrer rohen Gewalt an ihre Grenzen stießen. Er glaubte an die kalte, bürokratische Effizienz der imperialen Maschinerie.
„Weil Sie wie ein Metzger denken, Inquisitor. Sie jagen jede Fliege einzeln“, sagte Vance leise, und in seiner Stimme lag eine erschreckende Ruhe. „Ich dagegen werde den Sumpf austrocknen. Warum sollten wir unsere Truppen in diesen primitiven Wäldern riskieren? Wir werden diesen Planeten nicht bombardieren. Eine Explosion hinterlässt Märtyrer. Wir werden ihnen etwas viel Elementareres nehmen: die Luft zum Atmen.“
Vance tippte auf das Terminal vor sich. Die holografische Projektion des Planeten wurde von einem dichten Netz aus roten, geometrischen Linien überzogen.
„Das Erstickungs-Protokoll. Vierundzwanzig orbitale Satelliten, bestückt mit dem Atmosphären-Inhibitor T-9 . Es ist keine Waffe, die sofort tötet, Malakor. Das wäre viel zu gnädig. In den oberen Schichten der Stratosphäre wird eine chemische Kaskade freigesetzt. Sie bindet sich an die Photosynthese-Zellen der gigantischen Baumkronen. Die Bäume hören auf, Sauerstoff zu produzieren. Stattdessen stoßen sie ein schweres, saures Gas aus, das sich langsam, Schicht für Schicht, in die Täler senkt.“
Malakor trat an die Glasscheibe. Seine maskierten Augen fixierten die grünen Kontinente unter ihnen. „Eine langsame Auslöschung. Sie werden zusehen müssen, wie ihre eigene Welt sich gegen sie wendet.“
„Exakt“, flüsterte Vance, und seine Augen funkelten kalt. „Zuerst sterben die Vögel in den Wipfeln. Dann wird der Nebel in den Höhlen so dicht, dass die Lungen der Jägerinnen verbrennen. Und das Beste daran: Die chemische Dichte der modifizierten Atmosphäre erzeugt eine permanente Ionisationsschicht. Keine Frequenz, kein Notsignal dringt mehr durch diesen Schleier nach draußen. Sie werden hier unten verrotten, isoliert von der Galaxis. Und die Mantis wird an den Rand eines toten, stillen Systems zurückkehren, wenn alles vorbei ist. Aktivieren Sie die Satelliten.“
Auf der Oberfläche des Planeten war das Grauen nicht laut, sondern schleichend. In den tiefen, uralten Wurzelhöhlen unter der zerstörten Kommandozentrale saßen die Überlebenden im Dämmerlicht. Das vertraute, beruhigende Rauschen der Blätter über ihnen hatte aufgehört. Es war eine unnatürliche, drückende Stille eingekehrt.
Eine junge Jägerin brach plötzlich auf den Knien zusammen, presste die Hand auf die Brust und hustete heftig. Als sie die Hand wegnahm, war sie von dunklem, zähflüssigem Blut bedeckt.
Die Sensoren der alten unterirdischen Station spielten verrückt. Die Balken für den Sauerstoffgehalt fielen nicht in Prozenten, sie stürzten ab. Draußen, vor den Höhleneingängen, begannen die Blätter der Jahrhunderte alten Mammutbäume grau zu werden, sich einzurollen und wie aschfahre Haut von den Ästen zu fallen. Ein fauliger, chemischer Geruch kroch durch die Gänge.
„Die Kuratorin ist nicht hier... Seren ist nicht hier!“, rief ein älterer Ratsherr, und Panik machte seine Stimme brüchig. „Niemand führt uns! Wir sind gefangen in einer sterbenden Welt!“
In diesem Moment des absoluten Zusammenbruchs, als das Imperium sie zu bloßem Ungeziefer degradieren wollte, passierte etwas, das Vance nicht einkalkuliert hatte. Ohne Seren, ohne die Jedi, erwachte der pure Überlebenswille des Volkes. Sie fingen an, sich selbst zu organisieren. Kriegerinnen halfen den Alten, Mechaniker rannten zu den verstaubten Frachtern im Hangar. Sie warteten nicht mehr auf eine Retterin.
„Macht die alten Transporter startklar!“, brüllte eine Kommandantin durch den beißenden Rauch. „Es ist egal, wohin wir fliegen! Wenn wir hier bleiben, sind wir morgen nur noch Dünger für das Imperium!“
In der Funkzentrale saß ein Techniker, dessen Augen von den ätzenden Gasen bereits tränten. Mit zitternden Fingern überbrückte er die Energiezellen der Notgeneratoren. Er wusste, dass die Ionenschicht der Imperialen das Signal blockierte, aber er schlug mit der Faust auf die Sendetaste, immer und immer wieder. Es war kein koordinierter Ruf. Es war ein verzweifeltes, rohes Hämmern gegen die Decke ihres Gefängnisses.
„Seren... falls das hier durchdringt... die Bäume weinen Gift... wir ersticken...“
Lichtjahre entfernt, im saphirblauen Leuchten der Tenebris-Anomalie, stand Taren im Cockpit der Mantis . Seine Finger zuckten. Plötzlich veränderten sich die Wellenlinien auf seinem Datenpad von harmonischen Kurven in ein wildes, abgehacktes, fast schmerzerfülltes Pulsieren.
Es war kein sauberer Code. Es war die Resonanz von sterbendem Leben, die sich durch die Macht und die modifizierten Antennen des Schiffes fraß.
„Cal... Seren...“, Tarens Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber sie schnitt durch den Raum. „Da ist etwas auf Sylva-Vaal. Ein Signal. Es... es erstickt.“
Seren stürzte vor, ihre Augen weit aufgerissen, als das verzerrte, verrauschte Audiofragment des Technikers durch die Cockpitlautsprecher brach. Die Bäume weinen Gift...
„Nein... nein, nein, nein!“, schrie Seren, und ihre imperiale Maske zerbrach endgültig in tausend Scherben. Sie schlug gegen die Konsole. „Wir sind zu weit weg! Der Hyperraumantrieb braucht Minuten zum Berechnen, der Flug dauert Stunden! Sie sterben, während wir hier im Kreis fliegen!“
„Wir fliegen nicht zurück“, sagte Taren flach. Er sah sie an, und in seinen Augen lag die kalte, präzise Entschlossenheit des Jungen aus der Unterstadt. „Wir schicken ihnen die Rettung.“
Er riss das Kabel seines Datenpads ab und rammte es direkt in den Hauptrechner der Navigation. „Greez, schalt den Hauptdeflektor ab! Merrin, ich brauche deine Energie auf den Sendemasten, jetzt!“
„Bist du irre, Junge?!“, schrie Greez, während er zwei Hebel umlegte. „Wenn ich den Deflektor abschalte, grillt uns die Anomalie!“
„Tu es einfach!“, rief Cal, der seine Hand auf Tarens Schulter legte und seinen eigenen Geist öffnete, um den Mechaniker zu stabilisieren.
Taren schloss die Augen. Er spürte die gewaltige, saphirblaue Rotation der Energiequelle draußen im Sektor. Er nutzte sie nicht als Schild. Er nutzte sie als gigantischen Verstärker. Er nahm die exakten Hyperraum-Koordinaten des sicheren Tenebris-Sektors, jagte sie durch seinen mathematischen Filter und presste die Daten mit Hilfe von Merrins glühender Magie in einen ultra-fokussierten Tachyonen-Strahl.
Es war, als würde man eine Nadel durch eine meterdicke Stahlwand jagen.
Auf Sylva-Vaal brach der Himmel über den flüchtenden, alten Transportern auf. Die imperialen Sternenzerstörer hatten die Jagdstaffeln bereits gestartet, um die unbewaffneten Schiffe im Orbit abzufangen. Die Schilde des vordersten Flüchtlingsfrachters flackerten unter den ersten Lasertreffern rot auf. Der imperiale Commander auf der Brücke der Iron Vanguard hob bereits die Hand, um den Befehl zur totalen Vernichtung zu geben.
In genau diesem Bruchteil einer Sekunde leuchteten die veralteten Monitore im Cockpit des Fluchtschiffes neongrün auf.
Ein Datenstrom. Verschlüsselt im Symbole der alten Götter-Code des alten Konklaves. Die Navigationscomputer der Transporter fingen an zu kreischen, als die Daten direkt in die Hyperraum-Antriebe eingespeist wurden.
„Sie springen!“, rief der imperiale Waffenoffizier auf Vances Brücke fassungslos. „Großadmiral, die Frachter... sie aktivieren die Antriebe innerhalb der Atmosphäre! Das ist unmöglich!“
Vance trat einen Schritt vor, seine Kälte wich einem Moment puren Entsetzens. „Wohin?!“
„Unbekannt! Sie sind... weg.“
Draußen im Orbit von Sylva-Vaal blieben nur die weißen Kondensstreifen der kollabierten Hyperraum-Schnittstellen zurück. Das Volk hatte sich gerettet. In letzter Sekunde. Blind hinein in die Koordinaten des Wanderers.