Noch bevor die Ältesten des Rates sich im provisorischen Versammlungssaal der Vaal-Hüter zusammenfinden konnten, erbebte der gesamte Hangar unter einem dumpfen, markerschütternden Grollen. Die saphirblauen Lichtstrahlen, die durch die Magnetfelder der offenen Tore fielen, flackerten wild auf und wechselten in ein bedrohliches, grelles Violett.
„Warnung! Strukturelle Instabilität an Sektor-Vektor 4!“, gellte die mechanische Stimme der Schiffs-Sirene durch die Hallen.
Taren stürzte sofort an das nächste Wandterminal. Seine Finger flogen über die Tasten. „Es ist die Nachtschwinge !“, rief er über den Lärm hinweg zu Cal und Seren. „Einer der alten Transporter. Ihr Hyperraumantrieb hat beim Notsprung in der Atmosphäre von Sylva-Vaal Schaden genommen. Die Kühlmittelleitungen sind kollabiert, das Schiff verliert unkontrolliert Plasma – und das Schlimmste: Die heiße Plasmawolke verzerrt das statische Magnetfeld der Anomalie! Sie zieht die unbändige Energie der Quelle wie ein Blitzableiter an!“
Durch das Panoramafenster des Hangars bot sich ein Bild des Grauens. Die Nachtschwinge , ein klobiger, mit Hunderten von Flüchtlingen besetzter Kolonistenfrachter, trieb manövrierunfähig direkt auf den inneren Rand der rotierenden Resonanzschleife zu. Wenn das Schiff die Barriere berührte, würde die Anomalie an dieser Stelle kollabieren und eine kinetische Entladung auslösen, die nicht nur die Nachtschwinge , sondern die halbe Flüchtlingsflotte vaporisieren würde.
„Greez! Bring die Mantis in Position, wir müssen sie mit dem Traktorstrahl abschleppen!“, brüllte Cal in sein Komlink.
„Keine Chance, Kleine!“, tönte Greez’ Stimme verzerrt aus dem Funkgerät. „Die Gravitationsströme um die Plasmawolke sind so wild, dass es die Mantis sofort in die Schleife reißen würde! Ich kann mich kaum im Orbit halten!“
„Dann müssen wir das Magnetfeld von hier aus manuell verschieben“, sagte Taren. Seine Stimme war erschreckend ruhig, fokussiert auf die reine System-Logik. Er sah Seren an. „In eurem Hauptgenerator befinden sich drei schwere Induktions-Kerne. Wenn wir sie überlasten, können wir einen magnetischen Impuls erzeugen, der die Nachtschwinge von der Schleife wegdrückt. Aber das wird den Generator zerstören. Euer Schiff hat danach keinen Strom mehr.“
„Tu es“, sagte Seren ohne ein Zögern. „Strom kann man ersetzen. Mein Volk nicht.“
Taren rannte zu den freiliegenden Energiekernen im Hangar. Mit Cals Hilfe, der die schweren, heißen Metallabdeckungen mittels der Macht in Sekundenschnelle wegriss, überbrückte Taren die Sicherheitsrelais. Er dockte sein Datenpad direkt an und leitete den gesamten Energiefluss des Schiffes in die Steuerdüsen-Matrix um.
Die Energieanzeige auf seinem Pad schoss in den roten Bereich. Das saphirblaue Licht im Hangar erlosch völlig, als die Vaal-Hüter in absolute Dunkelheit stürzte – nur gespeist vom fahlen, violetten Glühen der herannahenden Katastrophe draußen.
Taren wartete, bis der magnetische Fluss den absoluten Scheitelpunkt erreichte. Seine Finger schwebten über dem Auslöser. Er spürte die Vibrationen des Raums durch seine Stiefel, spürte das Zerren der Macht, welches ihm den exakten Moment diktierte.
„Jetzt!“, schrie er und schlug auf die Konsole.
Ein unsichtbarer, gigantischer magnetischer Schlagring schoss aus den Emittern der Vaal-Hüter . Die Schockwelle traf die Plasmawolke der Nachtschwinge . Mit einem gewaltigen Ruck wurde der manövrierunfähige Transporter von der tödlichen Resonanzschleife weggeschleudert, zurück in den sicheren, ruhigen Innenraum des Sektors. Die violetten Blitze verblassten und das harmonische, tiefe Saphirblau der Anomalie stabilisierte sich wieder.
Im Hangar war es totenstill, nur das schwere Atmen der Arbeiter und das Knistern der durchgebrannten Generatorkabel war zu hören. Die Notbeleuchtung sprang mit einem schwachen, roten Schimmern an.
In genau dieser von Ruß, Angst und Schweiß geschwängerten Stille traten die Ältesten des Rates aus den Schatten der Gänge. Sie hatten alles mitangesehen. Ihre Gesichter waren aschfahl, die traditionellen Gewänder vom Rauch gezeichnet.
Ein älterer Ratsherr, dessen Bart vom giftigen Smog Sylva-Vaals noch grau gefärbt war, trat vor. Er deutete mit zitterndem Finger auf die rauchenden Trümmer des Generators. „Seht ihr das?“, rief er den umstehenden Flüchtlingen zu. „Diese Technologie ist unser Untergang! Sie ist unberechenbar! Diese Anomalie hätte uns fast vernichtet! Wir sollten die Triebwerke zünden und diesen verfluchten Ort verlassen, solange wir noch können!“
Ein Raunen des Zweifels ging durch die Menge. Die Angst war greifbar.
Seren wollte gerade das Wort ergreifen, um ihren Rat in Schutz zu nehmen, doch Taren trat an ihr vorbei. Er wischte sich den öligen Schmutz von der Stirn, stellte sich auf eine leere Frachtkiste und blickte direkt in die Runde der misstrauischen Ältesten. Er wirkte nicht wie ein Retter, sondern wie das, was er war: ein Junge aus den härtesten Straßen der Galaxis, der wusste, wie man überlebt.
„Verlassen? Und wohin wollen Sie fliegen?“, fragte Taren, und seine Stimme war so schneidend klar, dass das Raunen augenblicklich erstarb. „Zurück zu Großadmiral Vances Blockade? Zurück zu den Inquisitoren, die eure Wälder ersticken lassen? Die Galaxis da draußen ist besetzt. Es gibt keinen sicheren Planeten mehr für euch.“
Er deutete aus dem Fenster auf die sicher treibende Nachtschwinge .
„Die Anomalie hat euch nicht fast vernichtet. Eure veraltete Technik hat es getan. Ihr habt versucht, dieses System mit den alten Mustern einer Welt zu befliegen, die es nicht mehr gibt. Ihr habt Angst vor der Energie, weil ihr sie nicht versteht. Aber diese Energie ist das Einzige, was euch vor den imperialen Scannern schützt.“
Taren sprang von der Kiste und trat direkt vor den älteren Ratsherrn.
„Ich habe diesen Generator nicht zerstört, um euch zu retten. Ich habe ihn geopfert, um Platz für etwas Neues zu machen. Wenn wir die Transporter in den hohlen Asteroiden verankern und die Magnetfelder der Erze nutzen, brauchen wir diese anfälligen Generatoren nicht mehr. Die Anomalie selbst wird uns speisen. Sie wird eure Biosphären wärmen, eure Luft filtern und euch unsichtbar machen.“
Er sah in die Runde der Arbeiter, der Jägerinnen und der Alten.
„Ihr könnt im Hyperraum flüchten, bis euch der Treibstoff ausgeht und das Imperium euch jagt wie Tiere. Oder ihr bleibt hier, legt eure alten Gewohnheiten ab und lernt, diese neue Welt zu beherrschen. Ich kann euch die Werkzeuge bauen. Aber den Mut, sie zu benutzen, müsst ihr selbst aufbringen.“
Ein langes, schweres Schweigen folgte auf seine Worte. Der alte Ratsherr blickte von Taren zu Seren, die mit verschränkten Armen und einem stolzen, festen Blick hinter dem jungen Mechaniker stand. Dann sah er hinaus zu den Asteroiden, in deren Innerem ein neues Leben auf sie wartete.
Der Ratsherr senkte langsam den Kopf. „Der Mechaniker spricht mit der Wahrheit der Steine“, sagte er leise. „Die Zeit der Bäume ist vorbei. Zeig uns, wie man baut, Taren Wayfarer.“