Die Hangartore des größten Konklave-Transporters, der Vaal-Hüter , öffneten sich mit einem gequälten, metallischen Ächzen. Drinnen herrschte kein feierlicher Empfang, sondern das pure, geschäftige Chaos des nackten Überlebens. Überall wurden Kisten mit spärlichen Rationen entladen, Krankenstationen provisorisch aus Frachtcontainern errichtet und die von der giftigen Atmosphäre Sylva-Vaals gezeichneten Alten und Kinder versorgt.
Mitten in diesem Gewirr aus verzweifelten Rufen und zischenden Schweißbrennen stand Seren. Sie hatte die Ärmel ihrer Jägerinnen-Kluft hochgekrempelt und half eigenhändig dabei, schwere Generatorteile von einer Hebebühne zu wuchten. Doch als sie aufblickte und Taren an der Seite von Cal den Hangar betreten sah, hielt sie inne.
„Sie sind erschöpft, Taren“, sagte sie leise, als die beiden Männer vor sie traten. „Aber sie haben den Mut nicht verloren. Und sie fragen alle das Gleiche: Wie lange hält dieser Schleier uns unsichtbar?“
„Solange wir die Frequenz stabil halten“, antwortete Taren. Er zog sein modifiziertes Datenpad heraus und aktivierte eine kleine Holo-Projektion der umliegenden Asteroiden. „Das hier ist unser Baumaterial. Die Brocken im Tenebris-Sektor sind voll von Ferro-Magnetiten. Wenn wir die planetaren Generatoren deines Volkes so umbauen, dass sie dieses Erz als natürlichen Anker nutzen, binden wir die Kolonie direkt an die Resonanzschleife.“
Cal nickte zustimmend und legte eine Hand auf das projizierte Asteroidenfeld. „Das bedeutet, wir müssen die Siedlung nicht im offenen Raum treiben lassen. Wir verankern die Transporter direkt im Inneren der größten, hohlen Asteroiden. Sie bieten physischen Schutz vor Trümmern und die Anomalie erledigt den Rest für die Sensoren.“
Seren blickte auf die Daten. Zum ersten Mal seit dem Angriff auf ihre Heimatwelt lag keine lähmende Sorge in ihren Augen, sondern die scharfe, fokussierte Intelligenz einer Anführerin, die eine echte Chance sah.
„Ein Volk, das im Geäst der Mammutbäume gelebt hat, wird nun in den Höhlen der Sterne wohnen“, flüsterte sie. Sie sah Taren fest in die Augen. „Unsere Ältesten sind skeptisch gegenüber dieser neuen Technologie. Sie verstehen die Frequenzen nicht. Sie sehen nur die Gefahr der Anomalie. Ich brauche dich an meiner Seite, wenn wir die Ratsversammlung davon überzeugen, die Schiffe dauerhaft zu verankern. Sie müssen den Architekten sehen, der ihnen dieses Dach gebaut hat.“
Taren spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Verantwortung für eine Maschine zu übernehmen, war eine Sache. Doch nun sollte er vor das gesamte Konklave treten, um das Schicksal einer sterbenden Zivilisation in seine Hände zu nehmen. Er blickte zu Cal, der ihm ermutigend zunickte.
„Ich bin kein Redner, Seren“, sagte Taren flach, aber mit einer neuen, inneren Festigkeit. „Aber ich kann ihnen zeigen, wie man überlebt. Gehen wir.“
Das saphirblaue Leuchten der Tenebris-Anomalie hüllte das Cockpit der Mantis in ein dämmeriges, fast sakrales Licht. Taren stand regungslos an den Sensoren, die Hände auf die kalte Metallkonsole gepresst. Seine Augen fixierten die oszillierenden Wellenlinien, die sich allmählich beruhigten. Das Brüllen des Tachyonen-Impulses war verstummt, doch die Luft im Schiff schien noch immer von der immensen Energie geladen zu sein.
„Da!“, rief Greez plötzlich und deutete mit zwei seiner vier Arme durch das Panoramafenster. „Wir haben Kontakte! Mehrere Hyperraum-Austrittspräsenzen direkt am Rand der Resonanzschleife!“
Das Vakuum vor ihnen riss auf. Drei, fünf, dann fast ein Dutzend zerschundene, aschegraue Transporter und alte Frachter des Konklaves materialisierten sich im System. Einige von ihnen taumelten gefährlich, ihre Schilde waren vollständig kollabiert, und aus den Triebwerken der vordersten Schiffe drangen dichte Funkenwolken, die im Vakuum sofort gefroren. Die Hülle des Flaggschiffs wies tiefe, geschwärzte Brandspuren von imperialen Laserkanonen auf.
Sie hatten es geschafft. Buchstäblich in letzter Sekunde.
Seren trat an die Frontscheibe, beide Hände gegen das Glas gepresst. Die kühle, unnahbare Schutzmaske, die sie als strenge Kuratorin zum Schutz ihrer eigenen Gefühle so lange getragen hatte, fiel in diesem Moment komplett von ihr ab. Als sie die verbeulten Transporter ihres Volkes sah, traten ihr Tränen der puren Erleichterung in die Augen. Ihr Volk war gezeichnet, es war geflohen, aber es lebte.
„Öffne einen Kanal zu allen Schiffen, Taren“, flüsterte sie, ohne den Blick vom Fenster zu wenden.
Taren nickte stumm und legte den Schalter um. Ein leises Knistern erfüllte die Comm-Anlagen der gesamten Flüchtlingsflotte.
„Hier spricht die Schatten-Jägerin Seren Vael“, begann sie, und ihre Stimme, obwohl von Tränen erstickt, besaß wieder die königliche, unerschütterliche Würde einer wahren Führerin. „Ihr seid in Sicherheit. Vor euch liegt der Tenebris-Sektor. Er wirkt dunkel, er wirkt bedrohlich – aber diese Welt wird nicht mehr unsere Festung der Angst sein. Sie ist unser Schild.“
Sie blickte kurz zurück zu Taren, der ihren Blick mit einem seltenen, fast unmerklichen Anflug eines Lächelns erwiderte.
„Folgt den Leitsignalen der Mantis “, fuhr Seren fort. „Wir fliegen direkt in das Herz der Anomalie. Vertraut den Strömen. Der Mechaniker hat uns einen Weg durch die Dunkelheit gebaut. Wir werden uns eine neue Heimat errichten – eine, die das Imperium niemals finden wird.“
Die zerschundenen Transporter ordneten sich schwerfällig neu. Wie eine Kette aus fahlen Lichtpunkten folgten sie der Mantis , die sich langsam in Bewegung setzte und die Überlebenden tiefer in den schützenden, gravitativen Schleier der saphirblauen Resonanzschleife geleitete. Das Konklave war nicht untergegangen; es hatte sich angepasst. Die Evolution hatte begonnen.