Nerava war noch immer eine junge Kuppelstadt auf dem dunklen Eis von Tenebris. Die Geflüchteten hatten den Namen gewählt, weil er für sie den Ort bezeichnete, an dem der Weg zur Ruhe kam. Der Bolzen saß schief, und Taren Wayfarer hatte ihm inzwischen genügend Zeit gegeben, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken. Metall besaß nach seiner Erfahrung zwar nur eine begrenzte Bereitschaft zur Einsicht, doch auf seinen Reisen war ihm mehr als einmal begegnet, was sich mit Geduld, einem passenden Werkzeug und einer gewissen Hartnäckigkeit bewegen ließ. Der Bolzen gehörte offenbar nicht dazu. Er steckte unverändert in der Aufnahme einer Halterung, während hinter der geöffneten Wartungsverkleidung ein Verteiler leise vibrierte und Taren den Schlüssel ein weiteres Mal ansetzte.
„Wenn du ihn noch länger ansiehst, wird er sich vermutlich aus Schuldgefühl lösen.“
Taren ließ den Schlüssel sinken und blickte über die Schulter. Seren stand einige Schritte hinter ihm auf dem Wartungssteg und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Die dunkle Kleidung, die sie früher fast ausschließlich auf Reisen oder bei Einsätzen getragen hatte, war inzwischen um Dinge ergänzt worden, die weniger eindrucksvoll wirkten, dafür aber erheblich praktischer waren: ein Datenpad am Gürtel, zwei schmale Kennstreifen für die Versorgungssektoren und eine Staubspur am linken Stiefel, die verriet, dass sie bereits draußen gewesen war.
„Ich versuche eine friedliche Lösung“, sagte Taren.
„Wie läuft sie?“
„Die Verhandlungen sind festgefahren.“
Seren trat näher, beugte sich über die geöffnete Verkleidung und betrachtete den Bolzen. „Vielleicht hat er bemerkt, dass du seit fünf Minuten mit ihm sprichst.“
„Das ist Teil der Verhandlungsstrategie.“
„Dann möchte ich nicht wissen, wie du früher diplomatische Konflikte gelöst hast.“
Taren setzte zu einer Antwort an, doch aus dem Bereich unter ihnen drang plötzlich ein vielstimmiges Johlen herauf. Beide traten an das Geländer. Auf dem breiten Versorgungsgang zwischen zwei unfertigen Wohnmodulen schoben sechs Arbeiter ein rechteckiges Metallgestell auf Rollen vor sich her, während eine ältere Frau vor ihnen rückwärtsging und mit beiden Händen Zeichen gab. Das Gestell passte nur knapp durch die Öffnung eines neu gesetzten Durchgangs. Als die obere Strebe mit wenigen Millimetern Abstand darunter hindurchglitt, applaudierten mehrere Menschen, die ihre Arbeit unterbrochen hatten.
„Was war das?“, fragte Taren.
„Die Ausgabe für den neuen Speiseraum.“
Er sah noch einmal hin. „Dafür jubeln sie?“
„Gestern passte sie nicht durch die Tür.“ Seren legte den Kopf leicht schief. „Man wird bescheidener.“
Taren musste lächeln. Vor drei Wochen hätte niemand in Nerava seine Arbeit unterbrochen, weil ein Möbelstück durch eine Tür passte. Damals war beinahe jede Entscheidung mit der Frage verbunden gewesen, ob genügend Atemluft, Wärme, Wasser oder Energie für die nächste Nacht vorhanden sein würde. Menschen hatten zwischen Versorgungskisten und medizinischer Ausrüstung geschlafen, Familien waren dort untergebracht worden, wo sich überhaupt ein beheizbarer Raum finden ließ, und niemand hatte gefragt, ob ein Wohnbereich genügend Licht bekam, solange die Systeme dahinter funktionierten.
Inzwischen stritten Menschen über Räume, Türen und Unterrichtszeiten. Eine Gruppe wollte einen Teil des ehemaligen Materiallagers zu einer Werkstatt umbauen, andere verlangten dort Platz für eine zweite Lernzone. Im Versorgungshof hatte am Vortag eine hitzige Diskussion darüber stattgefunden, ob man eine Küche tatsächlich so planen dürfe, dass niemand darin vernünftig kochen könne. Die Empörung darüber war so ernsthaft gewesen, dass Taren bis heute nicht wusste, ob er einem Streit oder einer technischen Beratung beigewohnt hatte. Es waren unscheinbare Probleme, verglichen mit allem, was hinter ihnen lag, doch vielleicht lag gerade darin ihre Bedeutung. Wer darüber stritt, was in einem halben Jahr in einem Raum stattfinden sollte, ging offenbar davon aus, dass er in einem halben Jahr noch hier sein würde.
Taren wandte sich wieder der Halterung zu. „Also gut. Letzte Chance.“
Der Bolzen brach ab.
Seren betrachtete das kurze Metallstück, das in Tarens Hand zurückblieb, dann sah sie ihn an. „Eine überzeugende Verhandlungsführung.“
„Er hat die Gespräche einseitig beendet.“
„Natürlich.“
Taren steckte das abgebrochene Stück in eine Tasche seines Ledergeschirrs. „Du bist nicht hier, um meine handwerklichen Fähigkeiten zu bewundern.“
„Das Risiko bestand nie.“ Seren zog einen schmalen Datenstreifen aus ihrer Tasche und reichte ihn ihm. „Yalena hat die vorläufigen Verbrauchsprognosen für die nächsten sechs Monate fertig. Garith möchte, dass wir uns einen Teil davon ansehen.“
„Wir?“
„Du, weil du in den vergangenen Wochen bei beinahe jeder zweiten Reparatur herumgestanden hast, und ich, weil inzwischen offenbar jeder glaubt, ich hätte zu allem eine Meinung.“
Die Leichtigkeit in ihrer Stimme verbarg die Müdigkeit nicht vollständig. Taren bemerkte sie an den kleinen Dingen: daran, dass Seren das Gewicht für einen Moment gegen das Geländer verlagerte, bevor sie sich wieder aufrichtete, und an der Art, wie sie die Augen schloss, als von der anderen Seite der Kuppel das Kreischen eines Schneidwerkzeugs herüberdrang. Seit die unmittelbare Krise vorbei war, hatte ihr außerordentlicher Status geendet. Seren gehörte nicht zu den zwölf regulären Kuratoren und hatte auch keinen Versuch unternommen, ihren früheren Einfluss festzuhalten. Die Menschen interessierten sich nur erstaunlich wenig dafür, was auf dem Papier beendet worden war. Sie erinnerten sich daran, wer während der Flucht Entscheidungen getroffen hatte, wer bei ihnen geblieben war und wer Verantwortung übernommen hatte, als niemand wusste, ob es am nächsten Morgen überhaupt noch etwas zu verwalten geben würde.
„Hast du geschlafen?“, fragte er.
Seren öffnete die Augen wieder. „Ja.“
„Wie lange?“
„Ausreichend.“
Taren nickte langsam. „Ich bewundere, wie du eine konkrete Frage in eine philosophische verwandeln kannst.“
„Und ich bewundere, dass du noch immer glaubst, ich würde dir eine Zahl nennen.“
„Irgendwann erwische ich dich in einem schwachen Moment.“
„Du hattest heute Morgen bereits einen.“
Er brauchte einen Herzschlag, bis er verstand, worauf sie anspielte. Seren sah wieder über das Geländer, doch an ihrem Mundwinkel lag ein Lächeln.
„Das zählt nicht“, sagte Taren.
„Interessant. Vor einer Stunde hattest du eine andere Meinung.“
Er trat neben sie, und für einen Moment blieb die Antwort irgendwo zwischen dem Wunsch, sich zu verteidigen, und der Erinnerung an den Morgen hängen. Seren ließ ihn dort, berührte mit der Schulter seine und sah hinunter auf Nerava.
Unter ihnen lag keine fertige Stadt. Die Biosphärenkuppeln waren durch überdachte Übergänge und Tunnel verbunden, zwischen Wohnmodulen standen Frachtcontainer neben mobilen Werkstätten, Versorgungsleitungen verliefen über provisorische Brücken und verschwanden an Stellen im Boden, die auf keinem Plan vorgesehen gewesen waren. Doch zwischen all dem bewegten sich inzwischen nicht nur Menschen, die etwas reparierten oder transportierten. Vor einer offenen Tür saßen zwei ältere Männer auf umgedrehten Kisten und spielten ein Brettspiel, dessen Regeln Taren noch immer nicht verstanden hatte. Eine Frau trug einen Korb mit Stoffen in Richtung Wohnsektor, während hinter ihr ein Mädchen mit einem Datenpad lief und offenbar versuchte, gleichzeitig zu lesen und nicht gegen andere Menschen zu stoßen. Aus dem neuen Speiseraum drang erneut Jubel, diesmal begleitet von einer Stimme, die laut verkündete, dass die Ausgabe nun zwar durch die Tür passe, dafür aber an der vorgesehenen Wand nicht angeschlossen werden könne.
Seren lachte leise. „Fortschritt.“
„Unaufhaltsam.“
Auf einem der unteren Wege jagten mehrere Kinder zwischen Stapeln von Isolationsplatten hindurch. Zwei verschwanden hinter einem Container, ein drittes trug ein Stück Verpackungsmaterial auf dem Kopf, das mit genügend Fantasie als Helm durchging. Taren erkannte Tylan Marven, bevor der Junge den Kopf hob und ihn auf dem Wartungssteg entdeckte. Tylan winkte so heftig, dass sein Helm herunterfiel.
„Er sollte dort nicht spielen“, sagte Seren.
„Nalea weiß wahrscheinlich längst, dass er dort spielt.“
„Das macht es nicht besser.“
„Nein. Aber vermutlich gefährlicher für Tylan, sobald sie ihn findet.“
Der Junge setzte seinen Helm wieder auf und verschwand mit den anderen hinter dem nächsten Modul. Taren sah ihnen einen Moment nach. Sechs Jahre alt, neugierig auf alles, was sich öffnen, abschrauben oder auf irgendeine Weise zweckentfremden ließ, und mit einer beinahe erschreckenden Zuversicht ausgestattet, dass Erwachsene schon dafür sorgen würden, wenn etwas wirklich gefährlich wurde.
Hinter den transparenten Segmenten der Kuppel begann Tenebris. Dunkles Gestein und gefrorene Flächen zogen sich in die Ferne, unterbrochen von flachen Rücken, Senken und Stellen, an denen der Wind feinen Staub über das Eis trieb. Noch lebten die Menschen von Nerava größtenteils aus dem, was sie gerettet, mitgebracht oder über vorsichtige Versorgungsketten beschafft hatten. Auf einem Nebendisplay des Datenstreifens erkannte Taren jedoch mehrere Markierungen außerhalb der Siedlung.
„Was ist das?“
Seren folgte seinem Blick. „Yalenas zweiter Grund, weshalb Garith uns sprechen will. Die Bohrungen westlich der alten Minenzone haben größere Eisvorkommen bestätigt. Nicht sauber genug, um es einfach aufzutauen und zu trinken, aber vermutlich gut genug für Aufbereitung und technische Nutzung.“
Taren vergrößerte die Karte. „Wie weit draußen?“
„Weit genug, dass niemand jeden Morgen von hier hinlaufen möchte.“
„Also ein Außenposten.“
„Wenn die weiteren Proben halten, was die ersten versprechen.“ Seren deutete auf zwei andere Markierungen. „Und hier haben sie im Tenebrium-Ceralit Silikate und Metalloxide gefunden, mit denen Garith etwas anfangen zu können glaubt. Was genau, erklärt er seit gestern jedem, der nicht schnell genug flieht.“
Taren ließ die Projektion über seiner Hand stehen. Bislang hatte sich der Aufbau Neravas fast vollständig nach innen gerichtet. Jede Leitung, jede Kuppel und jeder neue Raum hatte dazu gedient, den Ort sicherer zu machen, den sie bereits besaßen. Die Markierungen auf der Karte waren etwas anderes. Zum ersten Mal ging es nicht darum, eine Zuflucht zu erhalten, sondern darum, hinauszugehen und Tenebris selbst in das Leben der Siedlung einzubeziehen.
„Wer soll die Bohrungen übernehmen?“
„Darüber wird heute gesprochen.“ Seren sah ihn an. „Und bevor du fragst: Nein, du hast dich noch nicht freiwillig gemeldet.“
„Ich hatte den Mund noch gar nicht auf.“
„Ich kenne dich inzwischen.“
„Das wird langsam zu einem Problem.“
„Für dich vielleicht.“
Ein kurzer Signalton unterbrach sie. Anders als früher löste er keine sofortige Bewegung im ganzen Sektor aus. Zwei Techniker sahen auf ihre Anzeigen, irgendwo öffnete sich eine Wartungsklappe, und eine ruhige Stimme meldete über das interne Netz eine Druckabweichung an einer Sekundärpumpe. Taren griff beinahe automatisch nach seinem Werkzeugkoffer.
Seren legte zwei Finger auf den Griff. „Nein.“
„Nein?“
„Dort unten arbeiten Menschen, deren Aufgabe genau das ist.“
„Ich kann helfen.“
„Das kannst du fast immer. Das bedeutet nicht, dass du es immer musst.“
Bevor Taren entscheiden konnte, ob er diese Bemerkung für vernünftig oder beleidigend hielt, kam Garith Marven die Treppe herauf. Über seinem Arm hing eine zusammengerollte Leitung, in der anderen Hand hielt er einen Diagnoseblock. Feiner dunkler Staub lag auf seiner Arbeitsjacke, und sein Gesicht trug den Ausdruck eines Mannes, der seit Stunden mit Problemen verhandelte, die sich noch weniger für Diplomatie interessierten als Tarens Bolzen.
„Sekundärpumpe“, sagte Garith, bevor Taren fragen konnte. „Kesho hat sie schon. Wenn du runtergehst, stehst du nur im Weg.“
Seren nahm die Hand vom Werkzeugkoffer und sah Taren an.
„Kein Wort“, sagte er.
„Ich habe nichts gesagt.“
Garith reichte ihm den Diagnoseblock. „Dafür brauche ich dich morgen früh im Wohnsektor Vier. Die Halterung an der südlichen Leitung kommt heute raus. Wenn ich die Aufnahme über Nacht neu setze, können wir sie morgen sauber montieren.“
„Mit welchen Teilen?“
„Mit denen, die ich bis dahin habe.“
„Das klingt nicht nach einem Plan.“
„Doch. Nur nach einem, bei dem der interessante Teil noch fehlt.“
Taren wollte widersprechen, hielt dann aber inne. Garith hatte die Sache beiläufig gesagt, ohne zu fragen, ob Taren am nächsten Morgen noch auf Tenebris sein würde oder ob irgendein anderer Weg ihn fortführen könnte. Für ihn existierte schlicht ein Morgen, an dem die Aufnahme fertig sein würde und Taren im Wohnsektor Vier auftauchte. Garith plante mit ihm, so selbstverständlich wie mit einem Techniker, einer Lieferung oder dem nächsten Arbeitsschritt.
Taren hatte sein Leben lange genug auf Wegen verbracht, um zu wissen, wie selten jemand seinen nächsten Tag einfach voraussetzte.
„Morgen früh“, sagte er.
Garith nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. „Gut. Und wenn ihr danach noch Zeit habt, kommt zu Yalena. Wir müssen entscheiden, ob wir aus den Bohrstellen draußen eine echte Baustelle machen können.“
„Wir?“, fragte Taren.
„Nerava.“ Garith zog die Leitung auf seiner Schulter zurecht. „Falls wir hier länger als bis zum nächsten Lieferproblem wohnen wollen, wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn dieser Planet irgendwann etwas zu unserer Versorgung beiträgt.“
Er ging die Treppe hinunter, bevor Taren darauf etwas erwidern konnte. Unter ihnen rollte ein Transportwagen zwischen den Modulen hindurch. Aus dem Speiseraum kam jetzt kein Jubel mehr, sondern eine lebhafte Diskussion darüber, wer den falschen Anschluss geplant hatte. Tylan und die anderen Kinder tauchten auf der gegenüberliegenden Seite eines Containers wieder auf und rannten weiter, als gäbe es auf Tenebris nichts, was ihnen ernsthaft etwas anhaben könnte.
Seren blieb neben Taren stehen. „Du hast dieses Gesicht.“
Er sah sie an. „Welches Gesicht?“
„Das, bei dem du so tust, als würdest du über eine Reparatur nachdenken, obwohl du gerade etwas völlig anderes begriffen hast.“
Taren blickte wieder auf die Markierungen jenseits der Kuppel. Vor wenigen Wochen hatte er Seren gesagt, sein Platz sei hier, beim Fundament. Damals hatte er an Mauern, Schutzsysteme und an einen Ort gedacht, den niemand den Vaal noch einmal nehmen sollte. Inzwischen verstand er, dass ein Fundament auch aus weniger eindrucksvollen Dingen bestand: aus einem Speiseraum, dessen Ausgabe endlich durch die Tür passte, aus einer Familie, die mehr brauchte als irgendeinen beheizten Raum, aus einem Kind, das diese unwirtliche Welt bereits als den Ort betrachtete, an dem man Abenteuer erleben konnte, und aus einem Ingenieur, der selbstverständlich davon ausging, dass Taren morgen noch hier sein würde.
Seren schob ihre Hand in seine. „Komm.“
„Wohin?“
„Zu Yalena. Wenn Nerava tatsächlich nach draußen wachsen soll, möchte ich wissen, wer beschlossen hat, dass wir damit anfangen, bevor irgendjemand vernünftige Unterkünfte für die Leute plant, die dort arbeiten sollen.“
Taren verschränkte seine Finger mit ihren. „Das klang gerade sehr nach einer Meinung.“
„Gewöhn dich nicht daran.“
Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter. Um sie herum wurde gebaut, gekocht, gestritten, gespielt und gearbeitet, während jenseits der Kuppel ein Planet lag, den die Bewohner Neravas bislang vor allem als Schutz und Gefahr gekannt hatten. Nun begannen sie zum ersten Mal darüber nachzudenken, was es bedeuten würde, wirklich auf ihm zu leben.
Taren war sich nicht sicher, wohin dieser Gedanke führen würde. Aber als er Seren zwischen den unfertigen Modulen folgte und hinter ihnen erneut das Lachen der Kinder hörte, wusste er zumindest, wo er am nächsten Morgen sein würde.