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KAPITEL 2

Was gerecht ist

Am nächsten Morgen roch Wohnsektor Vier nach warmem Metall, Dichtmasse und dem dünnen Caf, den irgendjemand in einem viel zu großen Behälter neben der Werkzeugausgabe bereitgestellt hatte. Taren nahm sich trotzdem einen Becher. Nicht weil er ihn besonders brauchte, sondern weil er in den vergangenen Wochen gelernt hatte, dass man in Nerava kaum fünf Minuten neben einer Baustelle stehen konnte, ohne dass einem entweder Werkzeug oder etwas zu trinken in die Hand gedrückt wurde.

Garith Marven hatte Wort gehalten. Auf seiner Werkzeugkiste lagen acht flexible Kupplungen, sauber geprüft und mit neuen Kennmarkierungen versehen. Taren blieb davor stehen, nahm einen Schluck Caf und betrachtete die Teile mit jener vorsichtigen Skepsis, die er sich für Dinge angewöhnt hatte, deren Existenz am Vortag noch ausgesprochen unwahrscheinlich gewesen war.

„Ich habe Fragen“, sagte er.

Unter der geöffneten Verkleidung der südlichen Klimaleitung bewegte sich etwas. Gariths Kopf erschien, gefolgt von einem Arm, auf dem eine frische Schramme verlief. „Dann stell sie leise. Ich habe kaum geschlafen.“

„Das erhöht die Zahl meiner Fragen.“

Garith schob sich vollständig hervor und setzte sich auf den Boden. „Drei Kupplungen lagen im alten Versorgungslager bei Kuppel Zwei und waren als beschädigt ausgebucht, obwohl nur die Dichtungen hinüber waren. Drei weitere steckten in einer Reserveleitung, die seit der Evakuierung nicht mehr benutzt wird. Ich habe sie ausgebaut, geprüft und die Dichtungen ersetzt.“

Taren deutete auf die Kiste. „Und unsere beiden?“

„Medizinischer Sektor.“

„Natürlich.“

„Nalea hat gestern Abend erfahren, dass ihnen dort noch vier fehlen. Also habe ich unsere beiden rübergebracht.“ Garith nahm Taren den Caf aus der Hand, trank, verzog kurz das Gesicht und gab ihm den Becher zurück. „Danach konnte ich ohnehin nicht schlafen.“

„Wegen der Kupplungen?“

Garith griff nach einem Werkzeug und prüfte die Aufnahme, die er über Nacht neu gesetzt hatte. „Nicht nur.“

Taren wartete. Er hatte gelernt, dass Garith Dinge irgendwann erzählte, wenn man ihm nicht dabei half.

„Unser Antrag auf Verlegung ist abgelehnt worden“, sagte der Ingenieur schließlich.

Damit war auch erklärt, warum Nalea am Vorabend offenbar Zeit gefunden hatte, den medizinischen Sektor mit fehlenden Ersatzteilen zu versorgen und gleichzeitig ihren Mann vom Schlafen abzuhalten. Die Marvens lebten seit ihrer Ankunft in einem der provisorischen Wohnmodule am äußeren Rand des Sektors. Taren war mehrmals dort gewesen. Das Quartier war nicht gefährlich, doch eine Versorgungspumpe schickte in unregelmäßigen Abständen Vibrationen durch die Wände, die Temperatur schwankte stärker als in den neueren Bereichen, und eines der beiden kleinen Fenster war fast ständig von Kondenswasser überzogen. Für Garith, Nalea und zwei Kinder war es auf Dauer zu eng, zumal Naleas Schichten selten zu Gariths Arbeitszeiten passten.

„Ich dachte, ihr steht weit oben auf der Liste.“

„Dachten wir auch.“ Garith zog die erste alte Halterung heraus. „Wohnblock Sieben ist gestern freigegeben worden. Achtzehn Einheiten. Zwölf für Familien aus den äußeren Notquartieren, drei für medizinisches Personal, zwei für technische Bereitschaft. Die letzte sollte an uns gehen.“

„Sollte?“

„Jetzt geht sie an Familie Deren.“

Taren stellte den Caf ab. „Warum?“

„Besondere Verdienste während der Evakuierung.“

„Hatten sie welche?“

„Möglich. Ich kenne sie nicht.“ Garith legte die Halterung neben sich. „Der Vater hat im Verwaltungsarchiv gearbeitet. Sein Bruder arbeitet allerdings seit Jahren im Büro von Kurator Halven.“

Taren sah ihn an. Garith hob eine Hand, bevor er etwas sagen konnte. „Ich behaupte nicht, dass Halven irgendetwas getan hat. Ich behaupte auch nicht, dass die Derens die Wohnung nicht brauchen. Ich sage nur, dass wir gestern noch auf Platz eins standen und heute nicht mehr, und dass niemand mir erklären konnte, warum.“

Das war schwieriger als ein kaputtes Bauteil. Eine gebrochene Aufnahme hatte keine Verwandten, keine Verdienste und keine Empfehlung, die vielleicht vollkommen harmlos gemeint gewesen war. Sie war entweder beschädigt oder nicht. Menschen konnten mit den besten Absichten Entscheidungen treffen, deren Ergebnis trotzdem falsch war.

„Nalea weiß es?“ fragte Taren.

Garith sah ihn an, als hätte er gefragt, ob Tenebris kalt sei. „Nalea war heute vor ihrer Schicht bei der Verteilungsstelle.“

„Und lebt dort noch jemand?“

„Als ich sie zuletzt gesehen habe, ja.“

Taren grinste. „Dann sollten wir die Leitung reparieren, bevor sie zurückkommt.“

„Das ist das Vernünftigste, was du heute gesagt hast.“

Sie arbeiteten eine Weile schweigend. Die neue Aufnahme saß sauber, und Garith hatte die Halterung nicht einfach ersetzt, sondern so verändert, dass die Leitung die kleinen Bewegungen des Bodens aufnehmen konnte, ohne ihre Last wieder auf denselben Punkt zu übertragen. Taren gefiel die Lösung. Vor allem gefiel ihm, dass Garith nicht versuchte, aus einer Reparatur eine Lebensaufgabe zu machen. Nach einer knappen Stunde waren die neuen Verbindungen gesetzt, die Leitung belastet und die Werte stabil.

Taren schloss die Verkleidung. „Fertig.“

„Bis jemand daneben etwas Neues baut und wir feststellen, dass wir genau dort noch eine Leitung brauchen.“

„Du entwickelst dich zum Optimisten.“

„Ich lebe mit zwei Kindern. Das zerstört jede romantische Vorstellung von Planung.“

Als hätte er sie gerufen, kam Tylan zwischen zwei Transportkisten hervor. Diesmal trug er keinen Verpackungshelm, dafür hielt er ein kleines Metallgehäuse in beiden Händen, das einmal zu einem Temperaturfühler gehört hatte. Hinter ihm folgte Kitena, deutlich langsamer und mit jenem Gesichtsausdruck, den Dreizehnjährige vermutlich auf sehr unterschiedlichen Welten entwickelten, sobald jüngere Geschwister etwas taten, für das sie sich mitverantwortlich fühlten, obwohl niemand sie darum gebeten hatte.

„Papa“, sagte sie. „Er hat schon wieder etwas gefunden.“

Garith schloss die Augen. „Tylan.“

„Es lag da.“

„Wo?“

Der Junge zeigte vage in Richtung eines halben Wohnsektors.

„Das grenzt die Suche ein“, murmelte Taren.

Tylan kam zu ihm und hielt das Gehäuse hoch. „Kannst du das brauchen?“

Garith sah Taren warnend an. „Überleg dir deine Antwort.“

Taren nahm das Teil, drehte es zwischen den Fingern und gab sich Mühe, sehr ernst zu wirken. „Unter bestimmten Umständen.“

„Taren.“

„Ich versuche nur, wissenschaftlich korrekt zu bleiben.“

Tylan strahlte. Garith nahm ihm das Gehäuse aus der Hand und legte es auf die Werkzeugkiste. „Und du sammelst nichts mehr ein, von dem du nicht weißt, was es ist. Vor allem nicht hinter Absperrungen.“

„Da war keine Absperrung.“

„Dann warte, bis ich eine aufgestellt habe.“

Kitena setzte sich auf eine Transportkiste. „Ist doch egal. Wir ziehen sowieso nicht um.“

Garith hielt inne. „Kitena.“

„Was denn? Mama hat es gesagt.“

„Deine Mutter hat gesagt, dass die Entscheidung ungerecht war. Das ist nicht dasselbe.“

„Sie war ziemlich laut für einen Unterschied.“

Taren wandte sich demonstrativ der Werkzeugkiste zu. Er hatte plötzlich das starke Bedürfnis, ein sehr kleines Werkzeug zu suchen.

Garith setzte sich seiner Tochter gegenüber. „Wir wissen noch nicht, wie die Sache ausgeht. Und es gibt andere Familien, die ebenfalls eine bessere Unterkunft brauchen.“

„Aber wir waren vorher dran.“

„Ja.“

Kitena wartete offenbar auf den Rest der Antwort. Als keiner kam, verschränkte sie die Arme. „Dann ist es ungerecht.“

Tylan sah zwischen Vater und Schwester hin und her. „Ich mag unser Zimmer.“

Kitena verdrehte die Augen. „Du schläfst auch, wenn die Pumpe läuft.“

„Die klingt wie ein Schiff.“

Garith musste lachen, obwohl er es offenbar nicht wollte. „Siehst du? Wenigstens einer von uns hält das Quartier für eine Verbesserung.“

„Wenn wir eine Wohnung bekommen“, sagte Kitena, „will ich ein eigenes Zimmer.“

„Du willst seit gestern ein eigenes Zimmer.“

„Ich will seit Jahren ein eigenes Zimmer. Gestern habe ich nur beschlossen, dass ich alt genug bin, es zu verlangen.“

„Das ist ein wichtiger Unterschied“, sagte Taren.

Garith zeigte wortlos auf ihn.

„Ich schweige schon.“

Eine Frauenstimme kam vom Durchgang. „Das wäre eine historische Premiere.“

Nalea Marven trug noch die helle Arbeitsjacke des medizinischen Bereichs, hatte die Ärmel bis über die Unterarme geschoben und ihr dunkles Haar so hastig im Nacken zusammengebunden, dass mehrere Strähnen herausgerutscht waren. Sie sah müde aus, aber nicht erschöpft; eher wie jemand, der beschlossen hatte, Müdigkeit für den Rest des Tages nicht mehr als Argument anzuerkennen. In einer Hand hielt sie ein Datenpad, in der anderen einen kleinen Stoffbeutel.

Tylan lief zu ihr. „Taren kann meinen Sensor brauchen.“

„Natürlich kann er das.“ Nalea küsste ihren Sohn auf den Kopf und sah über ihn hinweg zu Taren. „Und wenn er dir noch einmal bestätigt, dass du jeden Schrott aus der Siedlung sammeln sollst, darf er die nächsten zwei Wochen erklären, warum du ihn in deinem Bett lagerst.“

Taren hob beide Hände. „Ich habe lediglich die Möglichkeit einer zukünftigen Nutzung nicht ausgeschlossen.“

„Das reicht bei Tylan vollkommen.“

Garith stand auf. „Wie ist es gelaufen?“

Naleas Blick wechselte zu ihm. Für einen Moment verschwand die Ironie. „Man prüft den Vorgang.“

„Das klingt beruhigend.“

„Es klingt nach einem Satz, den man sagt, wenn man möchte, dass jemand den Raum verlässt.“ Sie stellte den Stoffbeutel auf die Werkzeugkiste. „Ich bin trotzdem gegangen. Freiwillig sogar.“

„Das überrascht mich.“

„Mich auch.“

Kitena war aufgestanden. „Bekommen wir die Wohnung?“

Nalea sah ihre Tochter an und antwortete nicht sofort. „Ich weiß es nicht.“

„Aber wir waren zuerst dran.“

„Wir waren zuerst auf der Liste. Das heißt nicht, dass die Wohnung uns gehört.“

„Aber du hast gesagt, es ist ungerecht.“

Nalea setzte sich neben sie. „Ich habe gesagt, dass ich wissen will, warum die Reihenfolge geändert wurde. Wenn die andere Familie sie dringender braucht, dann will ich, dass sie die Wohnung bekommt. Wenn sie sie bekommt, weil jemand einen wichtigeren Namen kennt, dann will ich, dass das aufhört.“

Kitena sah nicht überzeugt aus. „Und wenn wir dann trotzdem hierbleiben?“

„Dann darfst du darüber wütend sein.“ Nalea legte einen Arm um ihre Schulter, obwohl Kitena zunächst so tat, als brauche sie das nicht. „Gerecht bedeutet nicht automatisch, dass wir gewinnen.“

Taren sah zu Garith. Der Ingenieur hatte den Blick auf seine Familie gerichtet, und plötzlich verstand Taren, weshalb Garith am Morgen so wenig geschlafen hatte. Nicht wegen einer Wohnung allein. Weil seine Kinder alt genug wurden, um zu beobachten, nach welchen Regeln die Erwachsenen ihre neue Welt bauten.

Nalea öffnete den Stoffbeutel. Darin lagen zwei noch warme Fladen und etwas, das nach gebratenem Gemüse roch. „Bevor irgendjemand die Gesellschaft neu ordnet, esst etwas. Ich muss in zwanzig Minuten zurück.“

„Du bist wegen zwanzig Minuten hierhergekommen?“ fragte Garith.

„Ich wollte sehen, ob du noch lebst.“

„Und?“

Nalea musterte die reparierte Leitung, die Werkzeugkiste und schließlich ihren Mann. „Vorläufig.“

Garith zog sie zu sich, und der Kuss, den sie ihm gab, war kurz, vertraut und vollkommen unbeeindruckt davon, dass zwei Kinder und Taren danebenstanden. Kitena machte ein Geräusch, als wäre sie Zeugin eines medizinischen Notfalls geworden.

„Bitte nicht beim Essen.“

Nalea löste sich von Garith und sah ihre Tochter an. „Du wolltest erwachsen behandelt werden.“

Taren lachte so laut, dass Tylan ebenfalls lachte, obwohl er vermutlich nicht wusste, warum.

Später, als Nalea wieder im medizinischen Bereich war und Garith mit den Kindern Richtung Quartier verschwunden war, blieb Taren noch einen Moment im Wohnsektor. Der Konflikt hatte sich nicht gelöst, aber er hatte ein Gesicht bekommen. Eigentlich mehrere. Die Derens kannte er nicht, und gerade das störte ihn. Es wäre bequem gewesen, sie zu den Menschen zu machen, die den Marvens etwas wegnahmen. Doch bislang wusste niemand, ob sie überhaupt von der geänderten Einstufung wussten.

Taren kannte Welten, auf denen Gerechtigkeit einfach gewirkt hatte, weil das Unrecht so deutlich sichtbar gewesen war. Dort gab es Herrscher und Beherrschte, Gewalt und Widerstand, Entscheidungen, die keine komplizierte Erklärung brauchten. Nerava stellte eine unangenehmere Frage. Was geschah, wenn niemand etwas offensichtlich Böses tat und das Ergebnis trotzdem falsch war?

Er fand Seren nicht im Zentralbereich, sondern im Versorgungshof. Sie stand an einem der langen Ausgabetische und half zwei Bewohnern dabei, mehrere Transportmarkierungen auf einem Datenpad auseinanderzuhalten. Neben ihr diskutierte Greez mit einem jungen Mann über einen Heizbehälter, dessen vorgesehener Standort nach Ansicht des Piloten eine persönliche Beleidigung gegen jede Form vernünftiger Küche darstellte.

„Wenn ihr das Ding dort einbaut“, erklärte Greez und zeigte mit beiden Händen auf eine Wand, „steht jeder, der an den Topf will, genau im Durchgang. Dann braucht ihr keine Küche, dann braucht ihr einen Verkehrsleitsystem.“

Der junge Mann sah hilfesuchend zu Seren.

„Frag mich nicht“, sagte sie. „Ich habe gelernt, mich aus Dingen herauszuhalten, bei denen Greez ein Messer in der Hand hält.“

Greez hob das Küchenmesser. „Siehst du? Vernünftige Frau.“

Taren wartete, bis der junge Mann mit seinem Datenpad und einem deutlich veränderten Plan verschwunden war. „Du weißt, dass du offiziell für all das nicht zuständig bist.“

Seren sah ihm entgegen. „Das habe ich heute bereits vier Menschen erklärt.“

„Hat es geholfen?“

„Du bist der fünfte.“

Greez schnaubte. „Wenn ihr fertig seid, euch gegenseitig daran zu erinnern, wer für was nicht zuständig ist: Irgendjemand ist dafür zuständig, dass diese Leute eine Küche bekommen, in der man nicht stirbt, bevor das Essen fertig ist.“

„An Hunger?“ fragte Taren.

„An schlechter Planung.“ Greez steckte das Messer weg. „Fast genauso schlimm.“

Er verschwand hinter einem Stapel Kisten. Seren sah Taren an. „Du wolltest etwas.“

„Die Marvens.“

Ihr Gesicht wurde ernster. „Nalea war heute Morgen bei der Verteilungsstelle.“

„Ich weiß. Ich habe sie gerade getroffen.“

„Und?“

„Ich glaube, die Verteilungsstelle hat überlebt.“

„Dann war sie zurückhaltend.“

Taren erzählte ihr, was Garith wusste. Als er den Namen Halven erwähnte, veränderte sich Serens Ausdruck kaum, doch ihre Aufmerksamkeit wurde schärfer.

„Kennst du ihn gut?“ fragte Taren.

„Gut genug, um nicht zu glauben, dass er eine Wohnung für einen Verwandten eines Mitarbeiters verlangt hätte. Aber nicht gut genug, um meine Vermutung mit einer Untersuchung zu verwechseln.“

„Das klang fast nach etwas, das Yalena sagen würde.“

„Dann verbringe ich zu viel Zeit mit ihr.“ Seren nahm ihr Datenpad vom Tisch. „Komm.“

„Zur Verteilungsstelle?“

„Du kennst mich inzwischen.“

„Das wird langsam zu einem Problem.“

„Für dich vielleicht.“

Die Verteilungsstelle lag zwei Ebenen tiefer und war voller als am Vortag. Vor den Schaltern warteten Menschen mit Anträgen, Materiallisten und Fragen, für die es selten eine Antwort gab, die alle zufriedenstellte. An den Wänden liefen Bestandsanzeigen für Wohnraum, medizinische Güter, Energiezellen und Baumaterialien. Dazwischen stand ein Mann mit einem zerlegten Heizmodul unter dem Arm und diskutierte darüber, ob ein Bauteil, das er bereits besaß, wirklich als nicht verfügbar gelten könne, nur weil es im System einem anderen Sektor zugeordnet war.

Seren blieb kurz stehen. „Das wird schlimmer.“

„Die Schlange?“

„Die Entscheidungen. Solange fast niemand etwas hatte, wusste jeder, warum etwas fehlte. Jetzt gibt es wieder Unterschiede.“

„Und damit die Frage, warum der andere etwas bekommt.“

„Genau.“

Sie hatten den zuständigen Bereich noch nicht erreicht, als hinter ihnen eine Frauenstimme sagte: „Wenn ihr wegen der Marvens hier seid, könnt ihr euch die Hälfte der Fragen sparen.“

Telana Agur kam zwischen zwei Schaltern auf sie zu. Ihr dunkles Haar war im Nacken zusammengebunden, die Ärmel ihrer schlichten grauen Jacke waren hochgeschoben, und unter einem Arm trug sie mehrere Datenstreifen. In der anderen Hand hielt sie einen Becher Caf, der zumindest dem fehlenden Dampf nach schon länger keine besondere Aufmerksamkeit mehr bekommen hatte.

„Telana“, sagte Seren.

Telana nickte ihr zu und sah Taren an. „Wayfarer.“

„Agur.“

„Wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.“

„Dann war das gerade erstaunlich effizient.“

Ein kurzes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Ich habe gehört, du bevorzugst Effizienz.“

„Nur wenn sie funktioniert.“

„Dann könnten wir miteinander auskommen.“

Sie reichte Seren einen Datenstreifen. „Ich habe alle achtzehn Zuweisungen aus Wohnblock Sieben angefordert. Nicht nur die der Marvens.“

„Warum?“

„Weil Nalea Marven heute Morgen laut genug war, dass drei Räume weiter jemand neugierig wurde.“

Taren grinste. „Das klingt nach ihr.“

„Ich kenne sie seit heute. Ich respektiere die Methode.“

Seren überflog die Daten. „Die Prioritäten wurden gestern Abend geändert.“

„Von Verteilungsoffizier Rellan, auf Grundlage zusätzlicher Empfehlungen.“

„Von Halven?“

„Aus seinem Büro.“ Telana hob einen Finger. „Nicht von Halven. Der Unterschied ist wichtig.“

Taren sah sie aufmerksamer an. Sie sprach nicht wie jemand, der einen Skandal suchte. Im Gegenteil: Telana schien geradezu darauf bedacht, eine naheliegende Beschuldigung zu verhindern, solange sie nicht belegt war.

„Weiß Halven davon?“ fragte er.

„Noch nicht. Ich habe um ein Gespräch gebeten.“

„Und die Wohnung?“

„Bleibt heute frei.“

Seren blickte auf. „Kannst du das entscheiden?“

Telana nahm einen Schluck Caf, hielt kurz inne und sah in den Becher, als habe dieser sie persönlich enttäuscht. „Nein. Aber ich konnte den zuständigen Mitarbeiter davon überzeugen, dass eine Nacht in einem leeren Quartier weniger Schaden anrichtet als eine falsche Vergabe, die wir morgen wieder zurücknehmen müssen.“

„Und die Derens?“

„Bleiben in ihrem bisherigen Quartier. Das ist trocken, sicher und groß genug. Niemand macht sie zu Schuldigen für eine Entscheidung, die sie möglicherweise überhaupt nicht beeinflusst haben.“

Taren gefiel diese Antwort. „Und die Marvens?“

„Ebenfalls dort, wo sie sind, bis wir wissen, was passiert ist.“

„Kitena wird begeistert sein.“

Telana sah ihn fragend an.

„Dreizehn. Tochter.“

„Dann wäre sie vermutlich auch begeistert, wenn man ihr das Quartier ihrer Wahl schenkt und anschließend die Tür falsch herum einbaut.“

Seren lachte. „Du kennst Dreizehnjährige.“

„Ich kenne Menschen.“ Telana zog einen zweiten Datenstreifen hervor. „Und deshalb ist diese eine Wohnung nicht das eigentliche Problem. Wenn eine Empfehlung höher gewichtet wurde, weil jemand den richtigen Namen kannte, müssen wir wissen, ob das bereits öfter passiert ist.“

„Und wenn nicht?“ fragte Seren.

„Dann haben wir einer Familie einen Umzug um einen Tag verzögert und anschließend ein Verfahren, das besser erklären kann, warum eine Entscheidung getroffen wurde.“

„Du willst die Zuweisungen veröffentlichen.“

„Die Kriterien“, korrigierte Telana. „Nicht die persönlichen Daten. Niemand muss wissen, wer krank ist, wer nachts nicht schlafen kann oder welche Familie gerade auseinanderzufallen droht. Aber jeder sollte wissen können, welche Gründe grundsätzlich zählen.“

Seren sah sie lange an. „Das Konklave wird darüber diskutieren.“

„Das soll es.“ Telanas Ton blieb ruhig. „Ich möchte das Konklave nicht umgehen. Ich möchte, dass eine Entscheidung, die das Leben der Menschen unmittelbar verändert, auch dann nachvollziehbar bleibt, wenn keiner von uns danebensteht und sie erklärt.“

Taren bemerkte, wie selbstverständlich sie „keiner von uns“ gesagt hatte, ohne sich selbst einen Titel zu geben. Sie wirkte weder ehrgeizig noch bescheiden. Eher wie jemand, der bereits entschieden hatte, dass ein Problem gelöst werden musste, und für den die Frage nach der Zuständigkeit erst danach kam.

„Ich unterstütze das“, sagte Seren.

Telana nickte. Kein Triumph, keine sichtbare Erleichterung. „Gut. Dann brauche ich dich in einer Stunde.“

„Wofür?“

„Halven kommt.“

Seren zog eine Augenbraue hoch. „Ich bin keine Kuratorin mehr.“

„Das weiß ich.“

„Dann brauchst du mich nicht.“

„Doch. Er hört dir zu.“

Für einen Moment sagte Seren nichts. Taren sah, wie die Antwort sie traf, nicht weil sie ihr gefiel, sondern weil sie einen Zustand benannte, den sie selbst gern einfacher gehabt hätte. Ihr außerordentlicher Rang war vorbei. Das Vertrauen, das Menschen in sie setzten, offenbar nicht.

„Eine Stunde“, sagte sie.

„Danke.“ Telana wandte sich bereits ab, blieb aber nach zwei Schritten stehen. „Wayfarer?“

„Ja?“

„Garith Marven hat gestern sechs Bauteile aus einem stillgelegten Lager geholt, die im Bestand seit zwei Wochen als unbrauchbar geführt wurden.“

Taren blinzelte. „Woher weißt du das?“

„Weil im medizinischen Sektor heute Morgen plötzlich zwei zusätzliche Teile lagen und ich wissen wollte, woher sie kamen.“ Sie deutete mit dem Becher auf ihn. „Wenn ihr schon anfangt, die halbe Siedlung auf eigene Faust zu reparieren, aktualisiert wenigstens die Bestände. Sonst suchen morgen fünf Leute nach Material, das längst verbaut ist.“

Taren öffnete den Mund. Telana war schon unterwegs.

Seren sah ihm an, dass er etwas sagen wollte. „Nein.“

„Was?“

„Du wirst jetzt nicht behaupten, sie sei dir sympathisch, nur weil sie Garith wegen seiner Listen tadelt.“

„Ich wollte sagen, dass sie erschreckend gut informiert ist.“

„Das auch.“

Am späten Nachmittag war die achtzehnte Wohnung noch immer leer. Halven hatte bestätigt, dass er keine bevorzugte Behandlung der Familie Deren verlangt hatte. Die Empfehlung war aus seinem Büro gekommen, offenbar in der Annahme, die Verbindung zu einem langjährigen Mitarbeiter dürfe bei der Priorisierung berücksichtigt werden. Niemand hatte Credits angenommen, niemand hatte einen Befehl gefälscht, und niemand schien mit der Absicht gehandelt zu haben, den Marvens etwas wegzunehmen. Trotzdem wäre genau das Ergebnis entstanden.

Nalea erfuhr davon nicht aus einer Sitzung, sondern an einem Ausgabeschalter im medizinischen Bereich. Taren und Seren trafen sie dort zufällig, als sie auf dem Rückweg vom Gespräch mit Halven waren. Nalea hörte Seren bis zum Ende zu, stützte beide Hände auf den Tresen und schwieg einige Sekunden.

„Also war es keine Absicht“, sagte sie schließlich.

„Nein“, antwortete Seren.

„Und deshalb soll ich weniger wütend sein?“

„Nein.“

Nalea sah sie an. Etwas in ihrem Gesicht entspannte sich. „Gut. Ich hatte Sorge, du würdest mir jetzt erklären, warum ich Verständnis haben soll.“

„Du kannst Verständnis haben und trotzdem verlangen, dass es nicht wieder passiert.“

„Damit kann ich arbeiten.“

Telanas Vorschlag, die Kriterien für die Wohnungsvergabe offenzulegen, sollte am nächsten Morgen dem Konklave vorgelegt werden. Bis dahin würden sämtliche kurzfristig geänderten Priorisierungen überprüft. Nalea nickte, nahm einen Stapel Verbandsmaterial entgegen und schob ihn in einen Transportkorb.

„Und die Wohnung?“ fragte Taren.

„Wenn wir nach den Regeln dran sind, nehmen wir sie“, sagte Nalea. „Wenn jemand sie dringender braucht, soll er sie bekommen. Ich will nur nie wieder hören, dass irgendein Name ein Bedürfnis ersetzt.“

Sie hob den Korb an und sah Taren an. „Und sag Garith, dass er heute schläft. Wenn er noch einmal nachts durch alte Lager kriecht, bekommt er von mir persönlich eine Schicht verordnet, bei der er acht Stunden waagerecht arbeiten muss.“

„Ich richte es aus.“

„Nein, tust du nicht.“

„Wahrscheinlich nicht.“

Nalea grinste und ging.

Am Abend standen Taren und Seren nicht auf einem Verbindungsgang und sahen schweigend in die Ferne. Sie saßen im neuen Speiseraum, weil Greez darauf bestanden hatte, dass ein Raum erst dann als Speiseraum gelten dürfe, wenn dort jemand tatsächlich esse. Die Ausgabe war inzwischen angeschlossen, wenn auch über eine provisorische Leitung, die Garith beim Vorbeigehen mit einem Gesichtsausdruck betrachtet hatte, der nichts Gutes für ihre langfristige Zukunft verhieß.

Um sie herum saßen Arbeiter, Familien und Menschen aus der Verwaltung an zusammengewürfelten Tischen. Tylan war irgendwo hinter Taren damit beschäftigt, aus zwei Bechern und einem Löffel ein Geräusch zu erzeugen, das er offenbar für Musik hielt. Kitena diskutierte mit einem Mädchen ihres Alters darüber, welcher Bereich von Wohnblock Sieben die bessere Aussicht habe, obwohl noch nicht feststand, wer dort überhaupt wohnen würde. Nalea saß bei ihnen, Garith neben ihr, und beide wirkten für eine halbe Stunde nicht wie Krankenschwester und Ingenieur, sondern einfach wie Eltern, die versuchten, warmes Essen zu bekommen, bevor ihre Kinder es kalt werden ließen.

Seren schob Taren eine Schale hin. „Du hast heute kaum etwas gegessen.“

„Ich hatte einen Fladen.“

„Du hast Tylans Hälfte gegessen, nachdem er beschlossen hat, dass Gemüse darin verdächtig aussieht.“

„Das war eine Notsituation.“

„Natürlich.“

Taren nahm die Schale. Am anderen Ende des Raumes stand Telana bei drei Mitarbeitern der Verteilungsstelle. Sie hielt kein Datenpad in der Hand und sprach auch nicht. Einer der Männer erzählte offenbar etwas, und Telana hörte zu. Als eine ältere Frau an den Tisch trat, rückte sie sofort zur Seite und machte Platz.

„Sie ist gut“, sagte Seren.

Taren folgte ihrem Blick. „Ja.“

„Das klang überrascht.“

„Ich versuche nur herauszufinden, worin.“

Seren sah ihn an.

„Nicht Verwaltung“, fuhr Taren fort. „Menschen. Sie weiß, wann sie etwas sagen muss und wann nicht. Sie hat die Derens verteidigt, obwohl sie gerade der einfachste Gegner gewesen wären. Sie hat Halven nicht beschuldigt. Und sie hat trotzdem verhindert, dass die Wohnung vergeben wird.“

„Das ist ungefähr die Definition von politischem Talent.“

„Du sagst das, als wäre es eine Krankheit.“

„Ich habe lange genug mit dem Konklave gelebt, um Symptome zu erkennen.“

Taren lachte. Seren nahm ihm mit ihrer Gabel ein Stück Gemüse aus der Schale.

„Das war meins.“

„Du hattest heute schon einen Fladen.“

„Tylans halben.“

„Dann beschwer dich bei ihm.“

Hinter ihnen schlug der Löffel wieder gegen einen Becher. Garith sagte etwas, das im Lärm unterging, und Tylan antwortete mit großer Begeisterung. Nalea lachte. Für einen Augenblick war der ganze Raum erfüllt von Gesprächen, Geschirr, Werkzeuggeräuschen aus dem angrenzenden Gang und dem Geruch von warmem Essen. Nerava klang nicht wie eine Regierung, die Regeln entwarf. Es klang wie Menschen, die bereits nach ihnen lebten, lange bevor sie vollständig wussten, wie diese Regeln aussehen sollten.

„Was findest du gerecht?“, fragte Taren.

Seren legte die Gabel ab. Sie antwortete nicht sofort, und Taren mochte, dass sie es nicht tat.

„Nicht, dass jeder bekommt, was er will“, sagte sie schließlich. „Das wird hier lange unmöglich sein. Vielleicht ist es zunächst genug, wenn jeder wissen kann, warum eine Entscheidung getroffen wurde, und wenn man sie ändern kann, sobald man merkt, dass die Gründe falsch waren.“

„Das klingt weniger endgültig als ein Urteil.“

„Das ist vermutlich der Sinn.“

Taren blickte zu den Marvens. Kitena hatte inzwischen Tylans Löffel beschlagnahmt. Der Junge protestierte, Nalea sagte etwas zu beiden, und Garith nutzte die Gelegenheit, um unbemerkt etwas von Kitenas Teller zu nehmen. Sie bemerkte es trotzdem.

Vielleicht, dachte Taren, bestand der schwierigste Teil eines Fundaments tatsächlich nicht darin, etwas so fest zu bauen, dass es sich nie wieder bewegte. Vielleicht musste eine Gemeinschaft genau das Gegenteil lernen: Regeln so zu bauen, dass sie tragen konnten, ohne starr zu werden.

Durch die transparenten oberen Segmente des Speiseraums war ein schmaler Ausschnitt der Nacht zu sehen. Irgendwo dort draußen lagen die Eisfelder, die Yalena markiert hatte, und die dunklen Flächen aus Tenebrium-Ceralit, das die Arbeiter bereits Schwarzstaub nannten, weil der feine Abrieb nach jeder Außenschicht an Stiefeln, Handschuhen und Schleusen klebte. Morgen würden sie darüber sprechen, ob Nerava zum ersten Mal dauerhaft über seine Kuppeln hinauswachsen sollte.

Heute jedoch stritten sie darüber, wer eine Wohnung bekam.

Taren sah wieder in den Raum, zu den Familien, den Arbeitern, Telana, Seren und den Marvens. Es kam ihm plötzlich nicht mehr wie die kleinere Frage vor.

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