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KAPITEL 3

Unter dem Schwarzstaub

Die Meldung vom westlichen Bohrplatz erreichte Taren am späten Vormittag, während er mit Seren in einem der kleineren Speiseräume saß und zum zweiten Mal darüber nachdachte, ob sein Caf tatsächlich schlechter geworden war oder ob er sich lediglich daran gewöhnt hatte, dass Greez bei jedem Besuch behauptete, niemand auf Tenebris könne ein vernünftiges Getränk zubereiten. Seren hatte diese Theorie gerade mit dem Hinweis zurückgewiesen, dass Greez grundsätzlich alles für mangelhaft hielt, was nicht aus seiner eigenen Küche kam, als auf ihren Kommunikatoren beinahe gleichzeitig dieselbe Warnung erschien.

Taren brauchte nur einen Blick auf die wenigen Zeilen. Am westlichen Bohrplatz hatte die Plattform nachgegeben, ein Druckverlust war gemeldet worden, und bei drei Personen ließ sich im Augenblick nicht bestätigen, ob sie den Gefahrenbereich verlassen hatten. Als er den Becher abstellte, war Seren bereits aufgestanden. Ihre Unterhaltung endete nicht abrupt, weil einer von beiden das Bedürfnis gehabt hätte, Dramatik in den Moment zu legen; sie wurde schlicht bedeutungslos gegenüber dem, was jetzt getan werden musste.

„Die westliche Schleuse ist näher“, sagte Seren, während sie ihren Kommunikator einsteckte und im Gehen die Einsatzmeldung öffnete. „Wenn Daron bereits jemanden hinausgeschickt hat, sollten wir dort erfahren, wie weit die Sicherung ist. Und bevor du fragst: Nein, wir fahren nicht einfach bis an die Plattform, nur weil Garith wahrscheinlich wieder behauptet, sein Transporter könne überall hin.“

Taren folgte ihr durch den Gang und musste trotz der Meldung lächeln. „Ich wollte überhaupt nichts fragen. Es beruhigt mich allerdings, dass du Gespräche mit Garith inzwischen führen kannst, bevor er anwesend ist.“

„Das spart Zeit.“

An der Schleuse warteten bereits Yalena und Garith. Daron hatte die äußere Sicherheitsmannschaft alarmiert, der medizinische Bereich stand für einen möglichen Rücktransport bereit, und zwei Techniker waren unterwegs, um die Energieversorgung des Bohrplatzes von Nerava aus zu trennen, falls die Plattform weiter absackte. Die Abläufe wirkten weder improvisiert noch hektisch; jeder wusste, welche Aufgabe er hatte, und gerade deshalb empfand Taren die knappe Information über die drei nicht bestätigten Personen als umso beunruhigender. Wenn Menschen trotz dieser Strukturen nicht lokalisiert werden konnten, lag das Problem nicht darin, dass niemand an sie gedacht hatte.

Garith saß bereits am Steuer des Raupentransporters, als Taren einstieg. „Seit wann fährst du eigentlich dieses Ding?“, fragte er, nachdem das Fahrzeug die Schleusenzone verlassen hatte und über die vereiste Ebene nach Westen schwenkte.

Garith warf ihm einen kurzen Blick zu, ohne die Geschwindigkeit zu verringern. „Seit Kesho vor drei Wochen behauptet hat, er sei damit schneller als ich. Das war eine sachlich falsche Aussage, die korrigiert werden musste.“

„Ich habe nach deiner Qualifikation gefragt und bekomme eine Familiengeschichte über verletzten Ingenieursstolz.“

„Dann hättest du präziser fragen sollen. Außerdem sitze ich am Steuer und du nicht, was in meinen Augen die wesentliche Qualifikation darstellt.“

Seren saß ihnen gegenüber und überprüfte die Verriegelungen ihrer Ausrüstung, während Yalena neben ihr die eingehenden Sensordaten las. Anders als bei den ersten Monaten auf Tenebris musste niemand mehr erklären, weshalb draußen gebohrt wurde. Das Eis unter der Oberfläche war längst zu einem wichtigen Teil der Wasserversorgung geworden, und das Tenebrium-Ceralit, das an vielen Stellen darüberlag, erwies sich zunehmend als Rohstoff, aus dem sich mehr gewinnen ließ als nur schwarzer Staub auf Kleidung und Werkzeug. Die westliche Stelle war ausgewählt worden, weil Yalenas Messungen dort eine ungewöhnlich mächtige Ceralitschicht über einem größeren Eisvorkommen gezeigt hatten.

„Die Plattform ist nicht vollständig eingebrochen“, erklärte Yalena, nachdem sie mehrere Anzeigen miteinander verglichen hatte. „Die Bohrung hat einen Hohlraum geöffnet, der in unseren bisherigen Messungen nicht erkennbar war. Danach ist die westliche Stütze abgesackt. Wir wissen noch nicht, ob der Hohlraum natürlich entstanden ist oder ob das Eis dort lediglich anders geschichtet ist, aber im Augenblick interessiert mich vor allem, dass niemand versucht, das herauszufinden, solange noch Menschen darunter sein könnten.“

Garith verlangsamte den Transporter an einer harten Eisrippe. „Wie groß ist der Hohlraum?“

„Unbekannt. Die Sonde am Bohrkopf hat kurz vor dem Ausfall eine Tiefe gemeldet, die nicht zu den geologischen Daten passt. Ceresta Ventari war deshalb vor Ort; einer ihrer Erkundungsdroiden sollte prüfen, ob wir nur eine Tasche im Eis oder ein größeres System geöffnet haben.“

Taren kannte den Namen, ohne Ceresta bisher länger als ein paar Minuten gesprochen zu haben. „Und sie gehört zu den drei Personen, die nicht bestätigt sind?“

Yalena nickte. „Zwei Techniker waren direkt am Bohrkopf. Mira Solen und Rovan Tesk. Ceresta war mit ihrem Droiden im Sicherungsbereich, als die Plattform nachgab. Miras Gurt sendet noch, Rovans Signal liegt unterhalb des Plattformniveaus, und Cerestas Telemetrie ist schwach, aber vorhanden.“

„Dann haben wir immerhin keine drei unbekannten Positionen“, sagte Seren. „Das ist mehr, als die erste Meldung vermuten ließ.“

Taren sah sie an. Ihre Stimme war ruhig, doch er kannte die Konzentration hinter dieser Ruhe inzwischen gut genug. Seren betrachtete Gefahren nicht als Ganzes, wenn sie etwas dagegen tun konnte. Sie zerlegte sie in Entfernungen, Bewegungen, verfügbare Wege und Menschen, die erreicht werden mussten. Genau diese Art zu denken hatte sie früher zu einer geweihten Jägerin der Ersten Ordnung gemacht; auf Tenebris bekam dieselbe Fähigkeit eine andere Bedeutung, weil sie nicht länger im Dienst eines Ältestenrates stand, sondern für Menschen eingesetzt wurde, die inzwischen zu ihrem eigenen Leben gehörten.

Der Bohrplatz erschien hinter einer flachen Geländekante, und Gariths letzte Bemerkung über die Fahreigenschaften des Transporters blieb unausgesprochen. Die westliche Hälfte der Plattform war abgesackt, als hätte der Boden sie langsam verschluckt. Eine der Stützen ragte schräg aus dem dunklen Ceralit, darunter klaffte ein unregelmäßiger Spalt, aus dem feiner Eisnebel quoll. Die Energieaggregate waren bereits abgeschaltet, mehrere Arbeiter standen hinter der markierten Sicherheitslinie, und ein medizinischer Transporter aus Nerava wartete mit laufenden Systemen am Rand des Platzes.

Noch bevor Garith vollständig angehalten hatte, kam einer der Sicherungstechniker auf sie zu. Er sprach schnell, aber nicht panisch, und führte Seren während seiner Erklärung zu einer Projektion der Plattform, auf der die bekannten Positionen markiert waren. Mira hing unterhalb der abgesackten Kante in ihrem Sicherungsgurt; ihr linkes Bein war eingeklemmt, doch sie antwortete auf Funk. Rovan befand sich tiefer im geöffneten Hohlraum. Ceresta war nach der ersten Bewegung mit Sicherungsleine hinuntergegangen, um ihn zu erreichen, bevor eine zweite Verschiebung den direkten Zugang blockiert hatte.

Seren hob den Blick von der Projektion. „Sie ist freiwillig hinunter?“

„Mit Freigabe des Einsatzleiters. Ihr Droide hatte einen stabilen Zugang gefunden, und Rovan war verletzt. Danach kam die zweite Bewegung. Seitdem bekommen wir nur noch ihre Telemetrie und gelegentlich Sprache durch.“

Taren sah zur Plattform. „Und Mira?“

Der Techniker zeigte auf die westliche Kante. „Knapp zwei Meter darunter. Wir könnten sie von oben ziehen, wenn ihr Bein frei wäre. Aber die Strebe, in der sie hängt, gehört zu dem Teil, der sich weiter bewegt. Wir haben deshalb nichts belastet, bis Garith die Stützen beurteilt.“

Garith war bereits unterwegs. Yalena folgte ihm mit dem Scanner, während Seren am Rand der Sicherheitszone stehen blieb und die Konstruktion betrachtete. Taren kannte diesen Blick. Sie suchte nicht nach der spektakulärsten Lösung, sondern nach derjenigen, die am wenigsten voraussetzte, dass die Welt sich in den nächsten Minuten vernünftig verhielt.

„Mira zuerst“, sagte sie schließlich. „Wenn die westliche Kante weiter absackt, verlieren wir ihren Zugang. Garith stabilisiert, was sich stabilisieren lässt, Yalena beobachtet jede Bewegung der Eis- und Ceralitschicht. Niemand verändert Last oder Energieversorgung ohne ihre Freigabe. Sobald Mira oben ist, gehen wir an Ceresta und Rovan.“

Taren nickte, fragte aber trotzdem: „Und wenn Cerestas Zugang vorher schlechter wird?“

Seren sah zur Markierung unterhalb der Plattform. „Dann ändern wir den Plan. Aber wenn wir jetzt zwei Rettungen gleichzeitig beginnen und die Plattform sich bewegt, schaffen wir aus einem Problem drei. Ceresta hat Ausrüstung, einen Droiden und offenbar genug Funk, um uns mitzuteilen, wenn sich ihre Lage verändert. Mira hängt an einer Strebe, die Garith gerade mit sehr wenig Begeisterung ansieht.“

Als Garith über Funk bestätigte, dass die Stütze nur begrenzt belastbar war, brauchte es keine weitere Diskussion. Taren sicherte die obere Leine, während Seren sich von der Seite an die abgesackte Kante heranarbeitete. Sie hatte ihre Hellebarde am Transporter zurückgelassen und trug nur das, was sie für die Sicherung brauchte; ihre Bewegungen waren langsam genug, dass sie beinahe unspektakulär wirkten, und gerade darin lag ihre Präzision. Jeder Schritt war gesetzt, bevor der nächste folgte, und als sie sich unterhalb der Plattform auf eine schmale Verstrebung verlagerte, schien sie weniger gegen die instabile Konstruktion anzukämpfen, als deren Möglichkeiten zu lesen.

Mira bemerkte sie erst, als Seren fast bei ihr war. „Wenn du mir jetzt sagst, ich soll mich nicht bewegen, werde ich unhöflich“, sagte die Technikerin über den offenen Funk. Ihre Stimme war angestrengt, aber klar. „Ich bewege mich seit zehn Minuten nicht und habe vor, diese hervorragende Strategie fortzusetzen.“

„Dann sind wir uns ausnahmsweise einig“, erwiderte Seren, während sie das eingeklemmte Bein prüfte. „Die Strebe hält dich nicht fest, weil sie auf dem Bein liegt, sondern weil sich dein Gurt beim Absacken verdreht hat. Wenn Taren oben Zug auf die Sicherung gibt, kann ich das Gewicht für einen Moment von der Verkantung nehmen. Danach wirst du vermutlich sehr schnell nach oben wollen.“

„Ich wollte schon immer einmal hören, dass schnelles Verschwinden medizinisch empfohlen wird.“

Taren hörte Seren leise lachen, bevor sie ihm erklärte, wie viel Zug sie brauchte. Er spannte die Leine vorsichtig, bis Garith sich über Funk meldete und darauf hinwies, dass sich die dritte Stütze stärker bewegte als zuvor. Seren bat um den Messwert, Garith antwortete mit einer Zahl und fügte hinzu, dass sie ihm trotzdem nicht gefiel.

„Das ist wenigstens präziser als dein übliches ‚zu viel‘“, sagte Taren.

„Wenn du möchtest, kann ich dir später ein Diagramm zeichnen. Im Augenblick wäre mir lieber, Seren verbringt nicht länger unter dieser Plattform als nötig.“

Seren hatte die Veränderung ebenfalls gespürt. Sie wartete nicht darauf, dass die Bewegung wieder vollständig zur Ruhe kam, sondern nutzte den Moment, in dem die Last kurz von Miras Gurt wich, löste die verdrehte Sicherung und zog die Technikerin mit einer kontrollierten Bewegung aus der Strebe. Taren nahm das Gewicht über die obere Leine auf, zwei Sicherungsleute griffen Mira, sobald ihre Hände über die Kante kamen, und im selben Augenblick gab die Verstrebung unter Seren mit einem tiefen Knacken nach.

Für einen Herzschlag hing sie frei in ihrer Sicherung.

Taren spürte, wie sich sein Körper bereits nach vorn bewegte, obwohl er wusste, dass jede zusätzliche Belastung am Rand falsch gewesen wäre. Seren fand mit einem Fuß die nächste Strebe, verlagerte ihr Gewicht und zog sich selbst hoch, bevor irgendjemand ihr helfen musste. Erst als sie wieder auf festem Boden stand, bemerkte Taren den Riss im linken Handschuh und die dunkle Schramme, die sich darunter über ihren Unterarm zog.

„Du hättest ruhig erwähnen können, dass dein Plan beinhaltet, die Plattform unter dir verschwinden zu lassen“, sagte er, während Mira bereits von den Medizinern übernommen wurde. Er hielt seine Stimme leichter, als ihm zumute war, und wusste, dass Seren es trotzdem hörte.

Sie sah kurz auf die beschädigte Stelle, dann zu ihm. „Das war nicht der Plan. Pläne sind im Allgemeinen besser, wenn der Boden sich daran hält.“

„Das beruhigt mich erstaunlich wenig.“

Seren berührte für einen Moment seine Hand, nicht als Entschuldigung und auch nicht, um ihm zu versichern, dass nichts geschehen war. Die Berührung sagte vielmehr, dass sie wusste, was er gerade empfand, und dass dafür später Raum sein würde. Dann wandte sie sich wieder der Plattform zu. „Jetzt Ceresta und Rovan.“

Yalena hatte inzwischen einen zweiten Zugang entdeckt, der durch den Einbruch weiter östlich sichtbar geworden war. Dort ging das dunkle Ceralit in eine milchige Eisschicht über, unter der sich ein Hohlraum öffnete, dessen Form Taren sofort störte. Nicht weil er etwas darin erkannte, sondern weil die Bruchkante frisch war, der Raum dahinter jedoch nicht. Das Eis hatte etwas freigegeben, das schon lange existiert haben musste.

„Der Hohlraum ist nicht beim Einbruch entstanden“, sagte er, während Yalena neben ihm den Scanner hob. „Die Plattform hat nur die Decke geöffnet.“

„Das ist auch meine Vermutung“, antwortete sie. „Aber bevor du aus einer Vermutung eine Expedition machst: Wir holen zuerst die Menschen heraus. Danach können wir uns so lange darüber streiten, wie alt dieses Loch ist, bis Garith uns hinauswirft.“

Aus dem Kommunikator kam ein Knacken, gefolgt von einer Frauenstimme, deren trockener Ton trotz der Störungen erstaunlich deutlich blieb. „Falls ihr dort oben bereits eine geologische Konferenz begonnen habt, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, sie zu vertagen. Rovan ist stabil, aber sein Bein wird nicht besser, und mein Droide behauptet, der Rückweg sei inzwischen eine schlechte Idee.“

Seren nahm den Kanal. „Ceresta Ventari, hier Seren Vael. Wir haben Mira draußen und suchen einen Zugang zu euch. Wie sieht es bei dir aus?“

„Dunkel, kalt und deutlich interessanter, als mir im Augenblick lieb ist. Rovan hat vermutlich einen Bruch am Unterschenkel, die Schienung hält, und K-4 hat östlich eine Stelle gefunden, an der die Eisdecke dünner wird. Wenn eure Leute dort von oben arbeiten können, erspart ihr uns den Weg zurück unter die Plattform.“

Garith ließ sich die Koordinaten übertragen und bestätigte nach kurzer Prüfung, dass ein Zugang möglich war, ohne die instabile Konstruktion weiter zu belasten. Während seine Leute das Werkzeug verlegten, stiegen Seren und Taren durch die östliche Öffnung hinunter, nicht weil es keine ausgebildeten Rettungskräfte gegeben hätte, sondern weil Seren den Bereich bereits kannte und Cerestas Telemetrie einen Weg zeigte, der an mehreren Stellen so eng war, dass zusätzliche Ausrüstung eher hinderte. Zwei Sicherungsleute blieben oberhalb und hielten Verbindung; der medizinische Bereich verfolgte Rovans Werte über Cerestas Übertragung.

Der Riss führte zunächst steil durch das Eis und öffnete sich nach wenigen Metern zu einem Raum, dessen Ausmaß ihre Lampen nur unvollständig erfassten. Schwarzstaub lag auf Vorsprüngen wie dunkler Schnee, obwohl Taren nicht sagen konnte, wie das Material hierher gelangt war. An manchen Stellen war das Eis klar genug, dass sich das Licht darin verlor; an anderen durchzogen milchige Schichten die Wände und ließen sie älter wirken als alles an der Oberfläche.

Sie fanden Cerestas Droiden zuerst. Das flache Gerät besaß sechs gegliederte Beine, von denen eines sichtbar verbogen war, bewegte sich aber trotzdem weiter, als sei dieser Zustand lediglich eine technische Meinungsverschiedenheit.

„Nicht anfassen“, kam Cerestas Stimme aus der Dunkelheit, bevor Taren sich überhaupt gebückt hatte.

Er richtete sich wieder auf. „Ich hatte nicht vor, ihn anzufassen.“

„Das sagen Menschen meistens unmittelbar bevor sie etwas anfassen.“

Seren sah ihn an. „Sie kennt dich seit ungefähr drei Sekunden und macht bereits Fortschritte.“

Ceresta Ventari trat in den Lichtkegel. Ihre Außenjacke war mit Werkzeugmodulen besetzt, an der rechten Schläfe klebte getrocknetes Blut, und trotzdem galt ihr erster Blick nicht den beiden Neuankömmlingen, sondern ihrem Droiden. Erst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er ihnen gefolgt war, führte sie Seren und Taren zu Rovan, der an eine Eiswand gelehnt saß und bei Bewusstsein war.

„Bevor jemand fragt: Ich bin nicht ohnmächtig geworden“, sagte Rovan. „Ceresta behauptet nur, ich hätte für die nächsten Tage genug Entscheidungen getroffen.“

„Du wolltest mit einem gebrochenen Bein zurück zur Plattform kriechen“, erklärte Ceresta. „Damit war dein Entscheidungskonto erschöpft.“

Seren kniete sich neben ihn, prüfte die provisorische Schienung und ließ sich über Funk bestätigen, dass die Vitalwerte stabil waren. „Wir bringen dich zur östlichen Öffnung. Garith arbeitet von oben auf uns zu. Eine reguläre Trage bekommen wir hier nicht durch, also bauen wir eine, die schmal genug ist.“

Ceresta musterte die Sicherungsleine an Tarens Ausrüstung und die beiden leichten Verstrebungen, die sie aus einem beschädigten Teil des Bohrsystems geborgen hatte. „Wenn wir meinen Werkzeugriemen als Querfixierung nehmen, verteilt sich das Gewicht besser. Ich möchte ihn danach zurück.“

„Ich hatte gehofft, ihn als Andenken zu behalten“, sagte Taren.

„Dann musst du erst beweisen, dass du ihn richtig benutzen kannst.“

Es dauerte nur wenige Minuten, bis aus den vorhandenen Teilen eine provisorische Trage entstanden war. Ceresta arbeitete schnell, aber nicht hektisch, und Taren verstand bald, weshalb Yalena sie für den Bohrplatz angefordert hatte. Sie behandelte Technik nicht wie eine Sammlung fertiger Lösungen, sondern wie etwas, das sich an eine Situation anpassen ließ. Als eine Halterung nicht passte, verlor sie keine Zeit mit Ärger, sondern änderte die Lastverteilung; als K-4 an einer engen Stelle hängen blieb, nahm sie nicht den Droiden hoch, sondern löste eines seiner seitlichen Module und ließ ihn selbst weitergehen.

„Du lässt ihn mit dem beschädigten Bein laufen?“, fragte Seren, während sie gemeinsam die Trage anhoben.

Ceresta sah zu dem Droiden, der einige Meter vor ihnen den Untergrund prüfte. „Er meldet, dass er noch ausreichend Stabilität hat. Wenn ich ihn jetzt trage, verliere ich einen Sensor, der uns sagt, wo wir nicht hintreten sollten. In der Werkstatt darf er sich später dramatisch geben.“

K-4 antwortete mit einem gereizten Signal.

„Siehst du? Vollkommen gesund.“

Der Weg zur östlichen Öffnung war kaum hundert Meter lang, doch mit Rovan auf der Trage und dem instabilen Untergrund wurde daraus eine langsame Bewegung durch einen Raum, den keiner von ihnen kannte. K-4 markierte mehrere Bereiche, in denen das Eis hohl klang, und führte sie schließlich an einer Wand entlang, die zunächst nicht anders aussah als die übrigen Schichten.

Dann blieb der Droide stehen.

Ceresta überprüfte ihr Handgerät und runzelte die Stirn. „Das ist neu.“

„Was genau?“, fragte Taren.

„Die Reflexion. K-4 bekommt dort kein vernünftiges Materialprofil.“

Taren hob seine Lampe. Vor ihnen verlief eine glatte, dunkle Fläche durch das Eis, nicht groß genug, um sie aus der Entfernung für eine Konstruktion zu halten, aber zu gleichmäßig, um sich ohne Weiteres in die Umgebung einzufügen. Sie erinnerte ihn an polierten Stein, obwohl die Oberfläche kein Licht zurückwarf wie Stein; vielmehr schien es darin stumpf zu verschwinden.

Yalena empfing ihre Bilder über Funk und bat sie sofort, Abstand zu halten. Ihre Stimme verriet Neugier, aber keine Bereitschaft, die Rettung für eine Untersuchung zu unterbrechen. „Wir haben keine Ahnung, was das ist, und im Augenblick ist das auch nicht unser Problem. Markiert die Position, nehmt K-4s Messwerte mit und bringt Rovan heraus. Wenn die Plattform stabilisiert ist, gehen wir mit geeigneter Ausrüstung zurück.“

Ceresta sah zu Taren. „Sie hat den letzten Satz vor allem für dich gesagt, oder?“

„Ich empfinde das langsam als Rufschädigung.“

„Dann solltest du aufhören, einen Ruf zu liefern.“

Seren ging bereits weiter. „Ihr könnt das später ausdiskutieren. Rovan zuerst.“

Niemand widersprach ihr.

Wenig später hörten sie über sich das gedämpfte Arbeiten von Gariths Werkzeugen. Als schließlich das erste Stück der dünneren Eisdecke nach innen brach, fiel ein Streifen des fahlen Tageslichts in den Hohlraum, und mit ihm kam die Gewissheit, dass der schwierigste Teil hinter ihnen lag. Die Sicherungsleute erweiterten den Zugang gerade so weit, dass die provisorische Trage hindurchpasste, und keine halbe Stunde später lag Rovan im medizinischen Transporter neben Mira, deren Bein bereits geschient war.

Ceresta blieb erst stehen, als K-4 ebenfalls an der Oberfläche war. Ein Techniker wollte den Droiden sofort zur Werkstatt bringen, doch sie bestand darauf, zunächst seine Daten zu sichern. Als der Mann auf das verbogene Bein deutete und fragte, wie weit das Gerät überhaupt noch laufen könne, sah Ceresta auf die Diagnose und erklärte mit völlig ernstem Gesicht, fünf Kilometer seien durchaus realistisch. K-4 machte einen Schritt, geriet leicht zur Seite, fing sich wieder und gab einen empörten Ton von sich.

„Vier“, korrigierte Ceresta. „Aber die schafft er.“

Taren musste lachen. Seren stand neben ihm und ließ sich inzwischen von einer Sanitäterin die Schramme am Unterarm versorgen, wobei sie so tat, als sei das eine unnötige Formalität. Taren verzichtete darauf, diese Einschätzung zu kommentieren. Er hatte vorhin verstanden, dass ihre kurze Berührung an der Plattform kein Versprechen gewesen war, sich nie wieder in Gefahr zu bringen. Es war etwas Realistischeres gewesen: die Anerkennung, dass Gefahr für sie beide inzwischen einen Preis hatte, den keiner allein bezahlte.

Garith kam mit Yalena zu ihnen. Schwarzstaub lag auf seinem Gesicht und hatte sich in den Falten seiner Außenkleidung gesammelt. „Die Plattform ist verloren“, erklärte er, bevor jemand fragen konnte. „Wir können die östliche Seite noch kontrolliert entlasten, aber ich setze niemanden mehr darauf. Die Aggregate bekommen wir wahrscheinlich zurück, wenn wir sie einzeln sichern. Alles andere sehen wir morgen.“

Seren sah zum medizinischen Transporter. „Und alle Menschen sind draußen.“

„Alle draußen“, bestätigte Garith. Erst dann wurde sein Gesicht etwas weicher. „Das ist heute der wichtigere Teil.“

Yalena hielt noch immer den Scanner in der Hand und blickte zur neu geöffneten Stelle im Eis. „Der Hohlraum bleibt gesperrt, bis wir die Struktur der Umgebung vollständig vermessen haben. Was immer diese dunkle Schicht ist, sie sendet keine erkennbare Energie aus, reagiert nicht auf unsere passiven Scans und passt bislang zu keinem Materialprofil, das wir hier draußen aufgenommen haben.“

Ceresta war näher gekommen und übertrug K-4s Daten auf Yalenas Gerät. „Er hat die Fläche aus knapp einem Meter Entfernung gescannt. Keine Bewegung, keine aktive Emission und keine erkennbare Hohlstruktur unmittelbar dahinter. Das klingt beruhigend, ist es aber nicht. Dinge, die langweilig aussehen, sind oft nur besser darin, Ärger zu verstecken.“

Seren musterte sie mit einem Anflug von Interesse. „Das klingt nach Erfahrung.“

„Berufsbedingt. Ich baue Maschinen, die an Orte gehen, an denen vernünftige Menschen nicht sein wollen. Man entwickelt Respekt vor allem, was auf den ersten Blick harmlos wirkt.“

Taren sah noch einmal zur Öffnung hinüber. Am Morgen war dieser Teil von Tenebris für ihn vor allem eine weitere Stelle gewesen, an der Nerava Eis und Ceralit gewinnen konnte. Jetzt hatte der Planet ihnen beinahe drei Menschen genommen und zugleich etwas gezeigt, das seit unbekannter Zeit unter seiner Oberfläche verborgen lag. Es wäre leicht gewesen, sofort an die Vaal oder die verlorenen Wege zu denken, weil in ihrem Leben inzwischen vieles mit beidem verbunden war. Taren tat es nicht. Dafür wusste er zu wenig, und er hatte in den vergangenen Monaten gelernt, dass nicht jedes Rätsel eine Antwort war, nur weil man dringend eine brauchte.

Im Augenblick war es eine dunkle Fläche unter altem Eis, entdeckt bei einem Unfall, der ebenso gut nur ein Unfall gewesen sein konnte.

Das genügte.

* * *

Viele Lichtjahre von Tenebris entfernt verließ ein Schiff mit gedrosselten Triebwerken eine gewöhnliche Handelsroute und änderte seine Kennung, bevor es den nächsten automatischen Kontrollpunkt erreichte. Es flog weder auf ein bekanntes Ziel zu noch folgte es einem Kurs, der in den öffentlichen Navigationsdaten einen Sinn ergeben hätte; stattdessen arbeitete sich seine Besatzung durch ein Muster aus Hafenmeldungen, Transponderspuren und Frachtbewegungen, das für jeden einzelnen Beobachter bedeutungslos geblieben wäre.

Auf der Hauptprojektion lagen mehrere Routen übereinander. Einige gehörten Handelsschiffen, andere kleinen Frachtern, deren Bewegungen kaum jemand länger als einen Abrechnungszyklus speicherte. Keine Spur führte nach Tenebris, und keine Karte zeigte den Vaal-Korridor. Doch mehrere Schiffe verschwanden regelmäßig aus bekannten Verkehrswegen und tauchten später an Stellen wieder auf, die sich mit den registrierten Flugzeiten nur schlecht erklären ließen.

Eine Gestalt vor der Projektion ließ die Daten der Mantis vergrößern. Das Schiff war nicht die einzige Auffälligkeit, aber eine der saubersten. In den vergangenen Monaten hatte es Komponenten aufgenommen, die in keinem seiner bekannten Zielsysteme wieder aufgetaucht waren, und seine Abwesenheiten passten zu älteren Abweichungen, die zunächst niemand miteinander verbunden hatte.

„Noch einmal“, sagte die Gestalt schließlich und ließ die Projektion zum Anfang der Sequenz zurückspringen. „Nicht danach suchen, wohin sie fliegt. Sucht nach dem Augenblick, in dem die bekannten Wege aufhören, ihr Verhalten zu erklären.“

Niemand auf der Brücke sprach von einem Planeten.

Das Schiff suchte keinen Ort.

Es suchte den Weg dorthin.

Inoffizielle, nicht-kommerzielle Star-Wars-Fan-Fiction. Keine Verbindung zu oder Autorisierung durch Lucasfilm Ltd. oder The Walt Disney Company.