Der Frachter Serrat lag seit dem frühen Morgen an einem der äußeren Docks von Vannis Reach und sah dort nicht auffälliger aus als die meisten Schiffe, die diesen Hafen benutzten. Seine Außenhaut bestand aus Platten in mehreren Grautönen, zwei der Landestützen stammten erkennbar nicht aus derselben Baureihe, und entlang der Backbordseite verlief eine Schweißnaht, die ein früherer Besitzer offenbar nie für nötig gehalten hatte zu verkleiden. Korda Venn mochte das. Ein Schiff, das lange genug geflogen war, um seine Reparaturen offen zu tragen, hatte wenigstens bewiesen, dass es nicht beim ersten ernsthaften Problem aufgegeben hatte.
Vannis Reach passte aus ähnlichen Gründen zu ihm. Der Hafen lag abseits der großen Handelsrouten und lebte davon, dass Frachter hier ankamen, Ladungen wechselten und Informationen ihren Besitzer fanden, ohne dass jemand unnötig viele Fragen stellte. Korda hatte in den vergangenen Jahren oft genug hier gearbeitet, um zu wissen, welche Fragen trotzdem gestellt wurden und wem man dafür etwas bezahlen musste.
Seit beinahe einer Stunde saß er auf der kleinen Brücke der Serrat und betrachtete Handelsdaten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten.
Sira Noll hatte ihn lange in Ruhe gelassen. Erst als sie ihren Sitz näher an die Hauptkonsole schob, bemerkte Korda, dass sie inzwischen aus seinem Becher trank.
„Du hast dir seit einer Stunde dieselben Zahlen angesehen“, sagte sie und stellte den Becher zwischen ihnen ab. „Wenn du darauf wartest, dass sie sich aus schlechtem Gewissen verändern, solltest du dir wenigstens neuen Caf holen.“
Korda sah auf den Becher und anschließend zu ihr. „Ich hatte mich schon gefragt, weshalb mein Caf schneller verschwindet als die Daten auf diesem Bildschirm. Offenbar hast du wenigstens eines meiner Probleme gelöst.“
Sira schob ihm den Becher zurück und erklärte mit vollkommener Ruhe, dass er ihn seit einer halben Stunde nicht mehr angerührt habe und sie lediglich verhindert habe, dass er endgültig kalt wurde. Dass diese Form der Rettung ausgerechnet darin bestanden hatte, den Caf selbst zu trinken, hielt sie für ein nebensächliches Detail.
Korda nahm den beinahe leeren Becher entgegen, betrachtete ihn kurz und entschied, dass eine Diskussion über Besitzverhältnisse angesichts der verbliebenen Menge keine Aussicht auf Erfolg hatte.
„Dann danke ich dir für deinen selbstlosen Einsatz“, sagte er, und Sira nahm das mit einem zufriedenen Nicken hin, bevor beide wieder auf die Handelsdaten sahen.
Korda hätte die Angelegenheit weiterverfolgen können, doch die Liste auf dem Hauptschirm beschäftigte ihn tatsächlich mehr. Er zog die größeren Positionen zusammen und vergrößerte sie: industrielle Wärmetauscher, Steuermodule, mehrere Pumpen, medizinische Filter und Membranen sowie ein Fertigungskern, der für ein Schiff von der Größe der Mantis keinen vernünftigen Zweck erfüllte.
Sira folgte seinem Blick. Der leichte Spott verschwand aus ihrem Gesicht, ohne dass die Vertrautheit zwischen ihnen verschwand. „Wenn man nur einen der Einkäufe betrachtet, ist nichts daran ungewöhnlich. Selbst der Fertigungskern könnte für einen Auftrag bestimmt sein. Zusammen sieht es anders aus.“
„Genau deshalb sitze ich noch hier.“ Korda öffnete die älteren Einträge. „Am Anfang waren es Energiezellen, Filter und Ersatzteile. Dinge, die jedes Schiff irgendwann braucht. Danach wurden die Mengen größer und die Komponenten spezieller, aber die Mantis hat sie nicht an einem Ort gekauft. Drei Häfen, unterschiedliche Händler, verschiedene Zeitpunkte.“
Sira nahm sich Zeit, bevor sie antwortete. Sie kannte Kordas Art, aus Handelsbewegungen Geschichten herauszulesen, und wusste ebenso gut, wie leicht man eine Geschichte finden konnte, wenn man lange genug nach einer suchte. „Es könnte ein Auftraggeber sein, für den sie Material beschaffen. Vielleicht eine Mine oder eine abgelegene Station, die keinen eigenen Zugang zu den größeren Märkten hat.“
„Das wäre die einfachste Erklärung. Mich stört nur, dass wir keine Lieferung sehen. Die Mantis kauft, verschwindet aus dem normalen Verkehr und taucht später wieder in einem anderen Hafen auf. Wenn sie für einen bekannten Auftraggeber fliegen würde, müsste irgendwann wenigstens ein Teil dieser Fracht in einem Register auftauchen.“
„Nicht unbedingt in einem Register, auf das die Bergungsgilde Zugriff hat.“
Korda nickte. „Auch das ist möglich.“
Er sagte es ohne Widerwillen. Sira war nicht dazu da, seine Vermutungen zu bestätigen, und sie hatte lange genug mit ihm gearbeitet, um zu wissen, dass eine gute Erklärung zuerst die Möglichkeiten überleben musste, die gegen sie sprachen. Die Informationen der Bergungsgilde waren lückenhaft; Hafenarbeiter, Frachtvermittler, Schrottplätze und gelegentlich ein Zollbeamter lieferten interessante Daten, keine vollständige Überwachung des äußeren Randes. Trotzdem blieb genug übrig, um die Mantis bemerkenswert zu machen.
Korda wechselte vom Frachtregister zu den bekannten Flugbewegungen. Mehrere Systeme erschienen auf der Karte, verbunden durch Handels- und Hyperraumrouten, während die registrierten Aufenthalte der Mantis als einzelne Markierungen dazwischenlagen.
„Hier beginnt der Teil, der mir nicht gefällt“, sagte er.
Sira beugte sich vor. „Weil keine vernünftige Route daraus wird.“
„Nicht nur deshalb. Händler fliegen zu Käufern, Schmuggler bevorzugen Häfen, in denen niemand genau hinsieht, und Bergungscrews folgen Wracks, Notrufen oder Gerüchten, die sich meistens als schlechter herausstellen, als sie beim ersten Getränk klangen. Selbst Menschen, die unberechenbar sein wollen, entwickeln Gewohnheiten. Bei der Mantis sehe ich bisher nur, dass sie Material kauft und danach für eine Weile aus dem üblichen Verkehrsnetz verschwindet.“
Sira ließ sich die Zeitstempel anzeigen. „Ein falscher oder mehrfach verwendeter Transponder könnte einen Teil davon erklären. Vielleicht sehen wir nicht immer dasselbe Schiff.“
„Daran habe ich auch gedacht. Die Kennung ist allerdings erstaunlich konsequent, und einige Hafenaufzeichnungen enthalten genug Sensordaten, um zumindest Größe und Antriebsprofil zu vergleichen. Wenn jemand die Identität kopiert, macht er sich sehr viel Mühe.“
„Was wiederum möglich wäre, wenn die Identität etwas wert ist.“
Korda lächelte schwach. „Du bist heute ausgesprochen hilfreich. Jedes Mal, wenn ich glaube, eine brauchbare Erklärung gefunden zu haben, legst du mir eine zweite daneben.“ Sira nahm das nicht als Vorwurf. „Genau deshalb sitzen wir beide hier. Wenn du nur jemanden brauchst, der deine Vermutung bestätigt, kannst du Rusk fragen, sobald sie spannend genug klingt. Ich möchte lieber wissen, welche Erklärung übrig bleibt, wenn wir alles Unbequeme ebenfalls ernst nehmen.“ Korda erklärte, dass er gerade deshalb gern mit ihr arbeite, fügte nach einem Blick auf den leeren Cafbecher jedoch hinzu, dass diese Wertschätzung Grenzen habe. Sira versprach, sie bei Gelegenheit zu suchen, und damit war das Thema erledigt.
Die Tür zur Brücke öffnete sich, bevor Sira darauf eingehen konnte. Rusk Talven trat herein und duckte sich wie immer unter dem Rahmen, obwohl über seinem Kopf genügend Platz war. Korda hatte nie gefragt, auf welchem früheren Schiff er sich diese Bewegung angewöhnt hatte. Manche Gewohnheiten waren so alt, dass die Erklärung weniger interessant wurde als die Tatsache, dass sie geblieben waren.
Rusk legte einen Datenchip auf die Konsole. „Ordin. Eine alte Hafenaufzeichnung, von der offiziell nur noch Fragmente existieren.“
Korda sah den Chip an und erinnerte Rusk daran, dass die Sequenz als gelöscht gegolten hatte. Rusk erklärte, irgendjemand müsse vor Jahren eine Sicherung angelegt und anschließend vergessen haben, dass sie existierte. Die damalige Sensoranlage sei bereits in schlechtem Zustand gewesen, doch Startsequenz und äußerer Flugkorridor ließen sich noch auswerten. Als Sira wissen wollte, wie ernst diese Einschränkung war, erzählte Rusk von zwei Versionen: Der Hafenmeister sprach von einem Meteortreffer an der Hauptantenne, während der Techniker, von dem die Sicherung stammte, behauptete, die Anlage sei sechs Jahre lang nicht gewartet worden. Korda steckte den Chip ein und bemerkte, die zweite Erklärung klinge teurer und deshalb glaubwürdiger.
Die Aufnahme zeigte zunächst gewöhnlichen orbitalen Verkehr. Ein Shuttle kreuzte vor einem Tanker, zwei Frachter warteten auf Freigabe, und im Hintergrund drehte ein alter Massengutfrachter so langsam ab, dass Korda schon beim Zusehen ungeduldig wurde. Erst danach erschien die Mantis.
Sie verließ Ordin auf einem normalen Ausflugskorridor. Korda ließ die Sequenz einmal vollständig laufen und ein zweites Mal langsamer. Kurz nach dem Ende des kontrollierten Verkehrs änderte das Schiff seinen Kurs.
Sira bemerkte die Kursänderung gleichzeitig und wies darauf hin, wie früh sie erfolgte. Korda ließ die Sequenz noch einmal zurücklaufen. „Zu früh für den nächsten registrierten Sprungpunkt. Wenn sie einen bekannten Korridor ansteuern, müssten sie den Vektor länger halten.“
Sie zog die bekannten Hyperraumkorridore über die Aufnahme. Der Vektor der Mantis passte zu keinem davon. Rusk trat näher und fragte, ob das Schiff vielleicht nur einen anderen Anflugpunkt gewählt habe, doch Sira schüttelte nach einem Blick auf die Daten den Kopf.
„Nicht, wenn es anschließend dort auftaucht, wo die nächste Registrierung es zeigt.“ Sie öffnete den Datensatz und markierte Kharis. „Auf den bekannten Routen braucht ein Schiff von Ordin dorthin mindestens neun Tage. Der Zeitstempel hier liegt vier Tage nach dem Abflug.“
Rusk betrachtete das Antriebsprofil. „Vielleicht ist die Mantis schneller, als sie aussieht.“
„Sicher“, sagte Sira, „aber nicht so schnell. Selbst mit einem militärischen Antrieb verschwindet die Differenz nicht, weil das Problem nicht nur die Geschwindigkeit ist. Die bekannten Routen machen einen Umweg. Wenn die Zeit stimmt, muss entweder ein Teil unserer Daten falsch sein oder das Schiff hat diesen Umweg nicht genommen.“
Korda lehnte sich zurück und betrachtete die beiden Markierungen. Er hatte in zwanzig Jahren genug Geschichten über geheime Routen, verlorene Schiffe und vergessene Schätze gehört, um ihnen nicht allein deshalb zu glauben, weil sie interessant waren. Einmal hatte er beinahe drei Monate einem angeblichen republikanischen Schatztransporter hinterhergejagt, dessen wertvollste Ladung am Ende aus medizinischen Bandagen bestanden hatte. Seitdem unterschied er sorgfältiger zwischen einer guten Geschichte und einem Muster, das sich durch Daten tragen ließ.
„Eine unbekannte Route wäre eine Erklärung“, sagte Sira schließlich. Sie klang nicht begeistert, sondern nachdenklich. „Nicht die einzige. Aber sie würde sowohl den Vektor als auch die Reisezeit erklären.“
Rusk wies darauf hin, dass eine unbekannte Route erheblichen Wert besitzen könnte. Korda ließ den Gedanken gelten, knüpfte ihn jedoch an mehrere Bedingungen: Sie musste stabil sein, tatsächlich existieren und sich untersuchen lassen, ohne die Serrat auf einem Versuchskurs zu verlieren. „Im Moment haben wir ein Schiff, das ungewöhnliche Mengen an Versorgungsgütern kauft, danach auf einem Vektor verschwindet, auf dem wir keine bekannte Route haben, und zu früh an einem anderen Ort wieder auftaucht. Das reicht, um weiter hinzusehen, aber nicht, um blind hinterherzufliegen.“ Als Rusk daraus schloss, dass sie vorerst nur warten würden, korrigierte Korda ihn. Sie sollten nicht aufhören zu suchen, sondern nach etwas anderem suchen. Wenn die Mantis tatsächlich jemanden versorgte, war nicht das Schiff selbst die wichtigste Spur, sondern der Bedarf dahinter. Energiezellen oder medizinische Membranen konnten Zufall sein; Wärmetauscher, Pumpen, Energieverteilung und ein Fertigungskern ergaben zusammen jedoch ein Bild, das weit über den Eigenbedarf eines einzelnen Schiffes hinausging.
Sira hatte bereits begonnen, Mengen und Kategorien gegeneinanderzurechnen. Sie schob mehrere Positionen zusammen und betrachtete das Ergebnis lange genug, dass Korda wusste, sie war bei demselben Gedanken angekommen, bevor sie ihn aussprach. „Eine Siedlung wäre möglich. Vielleicht noch klein, vielleicht erst im Aufbau. Sie können offenbar einiges selbst, sonst wäre der Bedarf größer, aber bestimmte Komponenten müssen sie von außen holen.“
„Oder eine abgelegene Anlage“, ergänzte Korda. „Wir sollten uns nicht zu früh festlegen.“
„Eine militärische Basis?“, fragte Rusk.
Sira schüttelte den Kopf. „Dann fehlen mir andere Dinge. Schildkomponenten, spezialisierte Sensorik, Waffen, Kommunikation. Man könnte das alles getrennt beschaffen, aber irgendwann wird eine Erklärung komplizierter als das Problem, das sie lösen soll.“
Korda stand auf und trat an die Frontscheibe. Unter ihnen bewegte ein Ladekran Container über das Dock, während ein kleiner Frachter seine Triebwerke hochfuhr. Eine unbekannte Siedlung war für eine Bergungscrew nicht automatisch interessant. Die Galaxis war voll von Menschen, die irgendwo neu anfingen und dabei mehr Hoffnung als Geld besaßen. Was Korda interessierte, war die Kombination aus Versorgung und einem Weg, den ihre Karten nicht erklärten.
Sira kam neben ihn und fragte nach einer Weile, was er eigentlich tun wollte, falls sich hinter den Daten tatsächlich eine Siedlung verbarg. Korda antwortete nicht sofort, weil die Frage mehr als eine Bedeutung hatte. Er verdiente sein Geld mit Dingen, die andere zurückgelassen hatten, und mit Informationen, deren Wert häufig darin bestand, dass nicht jeder sie besaß. Eine unbekannte Route konnte sehr viel wert sein; eine Siedlung, die diese Route brauchte, war etwas anderes. „Zuerst möchte ich wissen, ob unsere Annahme stimmt. Wenn dort Menschen leben, die einfach nicht gefunden werden wollen, lassen wir sie in Ruhe.“ Rusk erinnerte ihn daran, dass die Route selbst trotzdem einen Wert besaß. Korda wandte sich zu ihm um und erklärte ruhig, wo für ihn die Grenze lag: „Wir bergen Wracks. Wir nehmen Dinge, deren Besitzer tot, verschwunden oder längst fertig damit sind. Ich habe kein Interesse daran, Leuten ihre Filter wegzunehmen, nur weil wir herausgefunden haben, wohin sie geliefert werden. Eine Route ist natürlich kein Filter, und Wissen darüber lässt sich verkaufen. Genau deshalb sollten wir besonders sicher sein, wem wir dieses Wissen geben, bevor wir überhaupt wissen, ob es uns gehört.“
Sira betrachtete ihn von der Seite. Sie sagte nichts dazu, und Korda war froh darüber. Nicht jedes Gespräch wurde besser, wenn jemand die passende Pointe suchte.
Nach einigen Sekunden kehrte er zur Konsole zurück und gab neue Suchparameter ein. Sie würden nicht mehr versuchen, jeden Flug der Mantis zu verfolgen. Stattdessen sollten Kontakte der Bergungsgilde auf kleinen Umschlagplätzen, bei unabhängigen Händlern und Reparaturdocks auf genau jene Waren achten, die eine junge oder isolierte Siedlung regelmäßig brauchte: Filtermembranen, Heizsysteme, Energieverteiler, medizinische Komponenten und Ersatzteile, die sich nicht ohne Weiteres lokal fertigen ließen.
„Das kann Wochen dauern“, sagte Rusk, nachdem er die Liste gelesen hatte.
„Dann dauert es Wochen. Wenn dort jemand lebt und auf externe Versorgung angewiesen ist, hört der Bedarf nicht auf, nur weil wir ungeduldig werden.“
Sira nickte. „Und falls sie merken, dass die Einkäufe selbst eine Spur bilden, werden sie versuchen, sie zu verändern.“
„Dann lernen wir daraus ebenfalls etwas.“
Korda blickte noch einmal auf die Mantis, die als kleine Markierung zwischen den bekannten Systemen stand. Sie war nicht länger das Ziel ihrer Suche. Sie war der Hinweis darauf, dass irgendwo jenseits der vertrauten Routen etwas existierte, das regelmäßig Dinge aus der bekannten Galaxis brauchte.
Und falls Korda mit seiner Vermutung recht hatte, würde es früher oder später wieder danach greifen.
* * *
Auf Tenebris wusste niemand, dass Korda Venn existierte.
Garith Marven stand am selben Abend mit Taren und Seren im technischen Koordinationsbereich und zeigte ihnen die Belastungswerte mehrerer Filtersysteme. Keine der Einheiten stand unmittelbar vor einem Ausfall, doch einige liefen seit Wochen oberhalb der empfohlenen Belastung, und die Reserven würden schneller schrumpfen, als Garith bereit war hinzunehmen.
„Der Fertigungskern nimmt uns inzwischen einen Teil der Arbeit ab“, erklärte er, während er die betreffenden Baugruppen markierte. „Gehäuse, einfache Dichtungen und mehrere mechanische Teile können wir selbst herstellen. Bei den Membranen und zwei Steuermodulen kommen wir aber nicht weiter. Dafür fehlen uns entweder die Materialien oder die Fertigungsgenauigkeit.“
Seren ging die Liste durch. „Wie lange haben wir?“
„Wenn die Belastung so bleibt, mehrere Wochen, bevor es kritisch wird. Ich möchte die Teile trotzdem beschaffen, bevor wir anfangen müssen, Reserven als normalen Bestand zu behandeln.“
Taren hatte zunächst an die Mantis gedacht, und genau das störte ihn. In den vergangenen Wochen war sie zu einer selbstverständlichen Verbindung nach draußen geworden. Cal, Merrin, Greez und BD-1 brachten bei ihren Flügen mit, was Nerava nicht selbst herstellen konnte, und solange jede einzelne Lieferung klein gewesen war, hatte kaum jemand darüber nachgedacht, welches Muster daraus entstand.
Er legte die bisherigen Beschaffungen nebeneinander. „Wir sollten die Mantis diesmal nicht zurückrufen.“
Garith sah von seinem Pad auf. „Ich hatte nicht vor, sie nur wegen zwei Steuermodulen herzubestellen.“
„Nein, aber wir würden sie wahrscheinlich beim nächsten Flug darum bitten, und genau das sollten wir ändern. Sie kauft seit Wochen Dinge, die sie selbst nicht braucht. Filter, Pumpen, Wärmetauscher, medizinische Komponenten, jetzt der Fertigungskern. Wenn jemand in den richtigen Häfen Handelsdaten sammelt, muss er nicht wissen, wer wir sind. Es reicht, wenn er erkennt, dass die Mantis jemanden versorgt.“
Seren betrachtete die Liste nun anders. „Wir haben die Einkäufe bereits auf verschiedene Häfen verteilt.“
„Aber nicht auf verschiedene Schiffe.“
Garith ließ sich das durch den Kopf gehen. „Dann wird die Beschaffung komplizierter. Unsere kleineren Transporter kommen nicht so weit wie die Mantis, und jeder zusätzliche Flug kostet Treibstoff und bindet Piloten.“
„Wir müssen auch nicht überall selbst hinfliegen.“ Taren vergrößerte die Karte des äußeren Randes. „Ein Händler kann Ware an einen neutralen Umschlagplatz liefern. Ein anderes Schiff holt sie später ab. Für größere Komponenten können wir weiterhin die Mantis nutzen, aber sie darf nicht unsere einzige Verbindung bleiben. Wenn wir wirklich hier bleiben wollen, können wir unsere Versorgung nicht an ein einziges Schiff und eine einzige Crew hängen.“
Garith sah auf die Karte, und sein anfänglicher Widerstand wich einer nüchternen Prüfung. „Damit kaufen wir uns Sicherheit mit Zeit und Treibstoff. Die ersten Beschaffungen werden teurer, einige Teile werden länger unterwegs sein, und wir brauchen genug Reserve, damit eine verspätete Lieferung nicht sofort zum Problem wird.“ Taren nickte und erklärte, dass genau deshalb jetzt der richtige Zeitpunkt sei, damit anzufangen, solange die Systeme stabil waren. Wenn sie erst neue Wege suchten, sobald ein wichtiges Bauteil fehlte, würde aus Vorsicht nur ein weiterer Zeitdruck.
Seren trat neben Taren und folgte den möglichen Routen. „Dafür entsteht kein einzelnes Muster mehr. Wenn verschiedene Schiffe verschiedene Güter an verschiedenen Orten übernehmen, muss jemand wesentlich genauer hinsehen, um zu erkennen, dass sie zusammengehören.“
„Und wir brauchen Regeln“, ergänzte Garith. „Nicht nur Routen. Jeder Pilot muss wissen, wann er einen Flug abbricht, was er tut, wenn er verfolgt wird, und welche Systeme er dann nicht ansteuern darf.“
Seren nickte. „Daron sollte die Sicherheitsfreigaben übernehmen. Für die Wege brauchen wir jemanden, der nicht nur die kürzeste Verbindung berechnet, sondern erkennt, welche Route im jeweiligen Fall die unauffälligste ist.“
Taren bemerkte ihren Blick und lächelte, ohne dass daraus ein Streit werden musste. „Ich weiß, was du sagen willst. Wenn wir mehrere Wege aufbauen, braucht jemand den Überblick darüber, welche davon sicher sind und wann ein Pilot besser umkehrt, statt einen Plan unbedingt zu Ende zu fliegen.“ Seren nickte. „Und du weißt, dass ich dabei an dich denke. Nicht weil du jeden Flug selbst machen sollst, sondern weil du Wege anders liest als die meisten Piloten. Du wolltest hierbleiben; das heißt nicht, dass du aufhören musst, anderen einen sicheren Weg hinaus und wieder zurück zu zeigen.“ Garith bemerkte trocken, dass er damit zumindest nicht mehr erklären müsse, weshalb ein Versorgungssystem auch einen Navigator benötigte. Seren erwiderte, dass Taren für diese Erkenntnis vermutlich ohnehin länger gebraucht hätte als Garith, worauf Taren lediglich die Karte vergrößerte und beschloss, den beiden diese kleine Einigkeit zu gönnen.
Taren betrachtete die Karte. Vor einigen Monaten hätte ihn die Aussicht, mehrere Routen zu entwerfen, vor allem deshalb gereizt, weil sie hinausführten. Jetzt dachte er zuerst daran, wohin sie zurückführten. Der Unterschied war klein genug, dass er ihn lange nicht bemerkt hatte, und groß genug, dass er inzwischen fast jede Entscheidung veränderte.
„Wir machen es“, sagte er. „Aber nicht alles auf einmal. Zuerst die Membranen, über einen unabhängigen Händler und einen Zwischenpunkt. Danach sehen wir, welche Schiffe und Piloten wir regelmäßig einsetzen können. Wenn es funktioniert, bauen wir daraus ein Netz, das nicht von der Mantis abhängt.“
Garith speicherte die Entscheidung und begann bereits, die technischen Prioritäten neu zu ordnen. Seren blieb noch einen Moment vor der Karte stehen.
„Du glaubst wirklich, dass jemand aus unseren Einkäufen auf uns schließen könnte.“
Taren dachte an Händler, Bergungscrews und Menschen, deren Beruf darin bestand, aus scheinbar unverbundenen Informationen etwas Wertvolles zu machen. Er brauchte dafür keine besondere Vorstellungskraft. Hätte er selbst nach einem verborgenen Ort gesucht, hätte er nicht zuerst nach dem Ort gesucht, sondern nach den Dingen, die dort gebraucht wurden.
„Ja“, sagte er. „Weil ich es genauso machen würde.“
* * *
Sira Noll fand die erste Veränderung einige Tage später.
Die Meldung kam von einem unabhängigen Händler auf Pellin und betraf eine kleine Bestellung industrieller Filtermembranen. Für sich genommen war daran nichts ungewöhnlich. Erst die Spezifikation machte sie aufmerksam, denn dasselbe Modell war einige Wochen zuvor von der Mantis gekauft worden.
Diesmal war der Käufer ein kleiner Transporter mit lokaler Kennung und einer so unauffälligen Vorgeschichte, dass Sira die Datei beinahe geschlossen hätte. Stattdessen prüfte sie seine letzten Flugbewegungen und entdeckte, dass er zwei Tage zuvor aus einem System gekommen war, das in keiner ihrer bisherigen Aufzeichnungen zur Mantis auftauchte.
Korda schlief. Sira überlegte kurz, ob die Information bis zum Morgen warten konnte, und entschied sich dagegen.
Als er wenige Minuten später auf der Brücke erschien, noch nicht ganz wach, aber bereits aufmerksam genug, um ohne Begrüßung auf die Daten zu sehen, erklärte sie ihm nicht sofort, was sie dachte. Sie ließ ihn dieselben Schritte nachvollziehen, die sie selbst gegangen war: Membranen, Spezifikation, Käufer, Flugbewegung.
Korda las die Einträge ein zweites Mal und stellte schließlich fest, dass die Mantis diesmal überhaupt nicht beteiligt war. Sira führte ihn durch die Unterschiede: kleinere Menge, anderer Hafen, anderes Schiff und eine Route, die in ihren bisherigen Aufzeichnungen nicht vorkam. Gerade deshalb hätten sie den Vorgang übersehen, wenn sie weiterhin nur dem bekannten Schiff gefolgt wären. Korda zog die früheren Beschaffungen daneben und betrachtete die zeitliche Abfolge. „Wenn unsere Vermutung stimmt, verteilen sie die Einkäufe inzwischen bewusster. Das wäre eine vernünftige Reaktion auf genau die Spur, die wir gefunden haben.“ Sira erinnerte ihn daran, dass zwei voneinander unabhängige Kunden durchaus dasselbe Filtermodell benötigen konnten. Korda widersprach nicht; die Möglichkeit blieb bestehen, nur war sie inzwischen nicht mehr die einzige Erklärung, die zu den Daten passte.
Sira lächelte leicht. „Das gefällt mir besser als dein Gesicht, wenn du sofort recht haben willst.“
„Ich will nicht recht haben. Ich will wissen, ob die Spur trägt.“
Sie öffnete die Route des Transporters. „Dann wäre der nächste Schritt, ihm zu folgen.“
Korda schüttelte den Kopf, aber nicht aus Prinzip. Er vergrößerte stattdessen die Systeme zwischen Pellin und dem letzten bekannten Ausgangspunkt. „Wenn wir ihm folgen und der Pilot uns bemerkt, erfahren wir nur, wie vorsichtig er ist. Wenn wir warten, erfahren wir vielleicht, was er als Nächstes braucht. Eine Siedlung kann ihre Versorgung verstecken, aber sie kann nicht beschließen, keine Filter, Energiekomponenten oder Medikamente mehr zu benötigen.“
Sira lehnte sich zurück und sah erneut auf die Karte. „Dann bleiben wir bei dem, was bisher funktioniert hat: beobachten, vergleichen und ihnen nicht zeigen, dass wir überhaupt eine Spur haben. Ich gebe zu, dass mir Folgen schneller vorkäme, aber schneller wäre hier wahrscheinlich nur eine andere Form von ungeduldig.“ Korda nickte. „Warten allein würde nichts bringen. Wir beobachten weiter. Das ist der Unterschied.“
Diesmal widersprach sie nicht. Die neue Bestellung bewies weder eine Siedlung noch eine unbekannte Route, doch sie machte aus Kordas Vermutung etwas Belastbareres. Jemand hatte begonnen, genau das Muster zu verändern, das sie untersucht hatten.
Auf der Karte lag zwischen den bekannten Punkten weiterhin ein leerer Raum.
Korda betrachtete ihn lange.
Er wusste noch nicht, was sich dort verbarg. Aber zum ersten Mal war er ziemlich sicher, dass jemand sich Mühe gab, es verborgen zu halten.