Als Taren am nächsten Morgen die Außentasche schloss, stand Seren bereits im Türrahmen und beobachtete ihn mit jenem ruhigen Ausdruck, der bei ihr selten bedeutete, dass sie tatsächlich nur zusah. Sie hatte weder gefragt, weshalb neben dem üblichen Scanner noch zwei zusätzliche Messmodule in der Tasche lagen, noch hatte sie etwas dazu gesagt, dass BD-1 am Vorabend mehrere alte Datensätze auf Tarens Pad übertragen hatte; gerade deshalb wusste Taren, dass sie längst verstanden hatte, was aus dem angekündigten kurzen Ausflug werden konnte.
„Bevor du etwas sagst: Wir kontrollieren drei Messpunkte“, erklärte er, während er die Tasche anhob und Seren näherkam. „Der erste liegt an der westlichen Station, der zweite ein Stück weiter draußen, und beim dritten vergleichen wir lediglich die alten Werte mit den neuen Sensoren. Cal ist dabei, BD-1 ebenfalls, und wenn nichts Auffälliges passiert, sind wir rechtzeitig zum Essen zurück.“
Seren löste sich vom Türrahmen, strich ihm eine Falte am Kragen glatt und ließ die Finger dort einen Moment liegen. „Ich hatte gar nicht vor, dir den Ausflug auszureden. Mich interessiert nur, ab welchem Punkt du beschließen wirst, dass eine Abweichung, die jeder andere für Messrauschen hält, unbedingt persönlich untersucht werden muss. Merrin und ich haben gestern versucht, dafür eine Regel zu finden, aber wir waren uns nicht sicher, ob bei dir zuerst die Neugier oder das schlechte Gewissen einsetzt.“ Als Taren sie mit gespieltem Misstrauen ansah, wurde ihr Lächeln breiter. „Wir hatten einen ganzen Abend. Irgendwann waren wir bei der Frage, warum du und Cal gefährliche Entscheidungen im Nachhinein so unterschiedlich erklärt. Cal baut eine Begründung auf, bis man beinahe vergisst, dass er vorher irgendwo hinuntergesprungen ist, während du so lange von Spuren, Gelände und Wahrscheinlichkeiten erzählst, bis am Ende jeder glaubt, die Welt selbst habe dir keine andere Wahl gelassen.“
Taren legte eine Hand an ihre Hüfte. „Ich beginne zu verstehen, weshalb eure neue Freundschaft für Cal und mich problematisch werden könnte. Früher musste ich nur darauf achten, welche Geschichten du selbst miterlebt hast; jetzt muss ich offenbar einkalkulieren, dass Merrin dir Vergleichsmaterial liefert.“
„Das ist richtig. Wir bauen ein Archiv auf, und BD-1 liefert die Beweismittel.“ Seren sagte es so selbstverständlich, dass der zustimmende Triller aus dem Gang beinahe wie ein einstudierter Einsatz wirkte. Dort standen Cal und BD-1, und Cal bemühte sich sichtbar, nicht zu lachen. Seren wandte sich an den Droiden. „Falls aus den drei Messpunkten heute doch eine Expedition wird, meldest du dich bei mir. Nicht erst, wenn einer von ihnen behauptet, alles sei unter Kontrolle.“
„Das ist Verrat“, sagte Taren, worauf Cal nur die Hände hob und erklärte, Merrin habe BD-1 bereits am Vorabend beigebracht, dass vollständige Berichte das Vertrauen förderten. Seitdem bekomme er bei jeder kleineren Verletzung eine Diagnose, bevor er überhaupt behaupten könne, es sei nichts. Seren lachte, zog Taren zu sich und küsste ihn mit einer Vertrautheit, die den Scherz für einige Atemzüge verschwinden ließ. Als sie sich wieder löste, blieb ihre Hand an seinem Nacken.
„Fahr hinaus, lies deine Spuren und komm wieder“, sagte sie leiser. „Ich will dir die Neugier nicht abgewöhnen. Ich möchte nur nicht irgendwann erfahren, dass du sie mit Unverwundbarkeit verwechselt hast.“
Der Humor war aus ihrer Stimme nicht verschwunden, doch Taren hörte den ernsteren Ton darunter. Seit dem Unfall an der Bohrplattform wussten beide wieder etwas deutlicher, wie schnell ein gewöhnlicher Tag eine andere Richtung nehmen konnte, und deshalb versprach er ihr nicht, dass nichts geschehen würde, sondern nur das, was er tatsächlich versprechen konnte: „Ich komme wieder.“
* * *
Der erste Messpunkt erfüllte alle Erwartungen, die man an eine funktionierende Station stellen konnte, und gerade deshalb empfand Taren nach einer halben Stunde eine leichte, völlig unvernünftige Enttäuschung. Die neuen Module lieferten saubere Werte, BD-1 fand keine Abweichung zur letzten Kalibrierung, und selbst die älteren Daten ließen sich erklären, sobald man die veränderte Position der Station berücksichtigte. Cal bemerkte Tarens Gesichtsausdruck, während sie die Ausrüstung verstauten, und erklärte mit sichtlichem Vergnügen, er halte dies für einen ausgesprochen erfolgreichen Beginn: Sie seien hinausgefahren, hätten gemessen, niemand sei angegriffen worden, nichts sei eingestürzt und BD-1 habe noch nicht versucht, durch eine Öffnung zu verschwinden, die für Menschen zu klein war.
Der kleine Droide protestierte aus dem Transporter, was Cal zu einer längeren Verteidigung seiner Formulierung veranlasste. „Ich habe nicht behauptet, dass du es tun wirst. Ich habe nur festgestellt, dass du es bisher nicht getan hast, und nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben, ist das keine Unterstellung, sondern eine statistisch erstaunliche Entwicklung.“
Taren befestigte den letzten Behälter und grinste. „Du klingst inzwischen erstaunlich ähnlich wie Merrin.“
„Das hat sie gestern auch gesagt, allerdings klang es bei ihr nicht wie ein Kompliment. Sie behauptet, ich hätte angefangen, Gefahren nach ihrer Abwesenheit zu bewerten, statt zu akzeptieren, dass ein ruhiger Tag etwas Gutes sein kann. Seit sie sich mit Seren versteht, habe ich außerdem das Gefühl, dass unsere Argumente schon widerlegt sind, bevor wir sie überhaupt vorbringen.“ Cal nahm neben Taren Platz, sah kurz zu BD-1 und fügte hinzu: „Wir könnten natürlich anfangen, bessere Geheimnisse zu haben, aber dafür sitzt eindeutig der falsche Droide hinter uns.“
Die Strecke zum zweiten Messpunkt führte aus dem regelmäßig genutzten Bereich hinaus. Als die markierte Route eine breite Senke querte, deren Oberfläche heller war als das Ceralit an den umliegenden Rücken, nahm Taren schon mehrere hundert Meter vorher Geschwindigkeit heraus und lenkte schließlich nach Nordwesten. Cal ließ ihn zunächst fahren, bevor er auf die Navigationsanzeige deutete und bemerkte, er frage nicht aus Misstrauen, sondern weil er später gern erklären können wolle, weshalb sie die einzige markierte Route verlassen hätten, falls Seren und Merrin tatsächlich eine Untersuchungskommission eröffneten.
Taren zeigte auf die Kante der Senke. „Die Oberfläche ist dort gleichmäßig abgesackt. Gestern war es wärmer, heute ist die Temperatur wieder gefallen; wenn sich unter der oberen Eisschicht lockerer Schwarzstaub gesammelt hat, kann sie von hier aus stabil aussehen und trotzdem brechen. Die Scanner zeigen keinen Hohlraum, weil vermutlich keiner da ist. Auf Taris gab es alte Gebäudedecken, die irgendwann vollständig unter Schutt verschwunden waren. Wer nur nach einem Raum darunter gesucht hat, ist darübergelaufen; wer gesehen hat, wie der Staub an den Rändern lag, ist außen herumgegangen.“
Cal betrachtete die Senke nun länger. „Das ist der Teil, den du selten erklärst. Wenn du sagst, etwas sehe falsch aus, vergleichst du es nicht nur mit dem, was vor dir liegt, sondern mit allem, was du irgendwann irgendwo gesehen hast.“
„Meistens. Manchmal liege ich auch falsch.“
Cal lächelte. „Diesen Satz werde ich mir merken, denn ich bekomme nicht oft Gelegenheit, dich so etwas freiwillig sagen zu hören.“
Sie nahmen den Umweg. Einige Minuten später bestand BD-1 darauf anzuhalten, lief bis zum Rand der Senke zurück und warf einen kleinen Ceralitbrocken auf die helle Fläche. Die Eisdecke hielt einen Moment, brach dann auf und sank in den darunterliegenden Staub. Cal betrachtete das Ergebnis, bevor er trocken erklärte, er könne jetzt entweder zugeben, dass Taren recht gehabt habe, oder später behaupten, er habe dessen Theorie lediglich experimentell bestätigen wollen. Taren empfahl die zweite Version; sie klinge wissenschaftlicher und werde bei Merrin vermutlich mindestens drei Sekunden länger funktionieren.
Am zweiten Messpunkt veränderte sich die Stimmung, denn die kleine Abweichung, die BD-1 in den älteren Daten entdeckt hatte, ließ sich mit jedem der neuen Sensormodule reproduzieren. Sie war zu gering, um allein eine Bedeutung zu besitzen, trat jedoch immer in derselben Relation zwischen zwei Messrichtungen auf. Taren ließ die älteren Reihen danebenlegen, drehte die Darstellung und verglich die früheren Positionen der Station miteinander.
„Wir haben diese Werte bisher betrachtet, als müssten sie auf etwas zeigen“, erklärte er Cal. „Aber die Station wurde versetzt. Wenn die Abweichung auf einen festen Punkt im Gelände weisen würde, müsste sich der Winkel relativ zum Gerät entsprechend verändern.“ BD-1 legte die Standorte übereinander und korrigierte ihre Orientierung, bis sichtbar wurde, was Taren störte: Die Richtung hatte sich verändert, aber nicht so, wie es bei einem festen Ziel hätte geschehen müssen. „Vielleicht beschreiben die Werte keinen Ort, sondern einen Zustand, eine Orientierung oder eine Bedingung. Ich weiß es nicht; nur sollten wir aufhören, die Daten in ein Muster zu zwingen, das wir selbst mitgebracht haben.“
Cal blieb lange genug still, dass Taren wusste, er dachte denselben Gedanken weiter. Schließlich deutete er auf den dritten Messpunkt jenseits des breiten Eisfeldes. „Dann sollten wir dort nicht nach einem Ziel suchen, sondern prüfen, ob sich dieselbe Beziehung wiederholt. Und nur für den späteren Bericht: Wir erweitern die Expedition nicht, sondern halten uns sehr gewissenhaft an den ursprünglichen Plan.“
„Jetzt lernst du wirklich“, sagte Taren.
* * *
Der Transporter brachte sie nicht bis zum dritten Punkt. Etwa zwei Kilometer vorher wurde das Gelände so zerklüftet, dass Taren den Rest der Strecke zu Fuß gehen wollte, was Cal lediglich mit der Feststellung kommentierte, Seren habe mit ihrer Einschätzung einer Expedition inzwischen vermutlich Anspruch auf einen Punkt. Der Weg führte über festen Ceralitboden, der weiter oben von schmalen Eisadern durchzogen wurde, und Taren ging voraus, während sein Blick über Staubablagerungen, Bruchkanten und die Neigung der Flächen wanderte.
An einer dunklen Mulde blieb er stehen. Auf ihrer linken Seite hatte sich Schwarzstaub an einer Kante gesammelt, während die rechte trotz einer kleinen Vertiefung fast frei davon war. Als Cal fragte, was er sehe, erklärte Taren nicht nur seine Vermutung, sondern den Weg dorthin: Der Wind kam von rechts, also hätte sich auch dort Material absetzen müssen; wenn es fehlte, bewegte sich möglicherweise Luft aus dem Boden. Der Hohlraum sei erst der nächste Gedanke, nicht die Beobachtung selbst.
„Das ist ein Unterschied, den du vor ein paar Tagen wahrscheinlich nicht ausgesprochen hättest“, sagte Cal. „Du wirst vorsichtiger mit deinen Schlussfolgerungen.“
„Ich verbringe zu viel Zeit mit Menschen, die mir meine eigenen Sätze vorhalten.“
„Dann funktioniert das Informationsnetz offenbar pädagogisch.“
Zwischen zwei Ceralitplatten fanden sie schließlich einen schmalen Spalt, aus dem tatsächlich ein kaum spürbarer Luftzug kam. Für einen Menschen war die Öffnung zu eng, für BD-1 nicht, und Cal kniete sich zu ihm, um ausführlicher als nötig zu erklären, dass er nur bis zur ersten sicheren Erweiterung gehen und bei jeder instabilen Stelle umkehren sollte. BD-1 hörte mit zunehmender Ungeduld zu, bis Cal seufzend zugab, dass er den Droiden nicht für unerfahren halte; gerade weil er dessen Erfahrung kenne, wisse er allerdings auch, wie dessen persönliche Definition von Vorsicht aussehe. Auf Bogano habe ein glänzender Gegenstand genügt, um aus einer Erkundung eine Kletterpartie zu machen.
Taren lehnte sich gegen den Fels. „Ich möchte mich da nicht einmischen, aber diese Diskussion kommt mir bekannt vor.“
Cal sah zu ihm. „Du bist exakt der falsche Mensch, um ihm jetzt recht zu geben.“
BD-1 trillierte triumphierend und verschwand im Spalt. Die Verbindung blieb stabil, während auf Cals Datenpad zunächst ein enger natürlicher Gang erschien, dessen Wände von Eis und dunklen mineralischen Schichten überzogen waren. Nach einigen Metern wurde der Raum breiter; BD-1 verlangsamte sich, richtete sein Licht nach links und blieb schließlich vor einer glatten dunklen Fläche stehen, die zum größten Teil von Eis und Ablagerungen verdeckt war. Selbst der kleine freiliegende Abschnitt genügte, um zu erkennen, dass die Linien darin zu regelmäßig verliefen, um durch einen natürlichen Bruch entstanden zu sein.
Taren trat näher an das Pad und bat BD-1, nichts zu berühren. Als Cal fragte, ob er wegen der Fläche am Bohrplatz so vorsichtig sei, nickte er. „Wir haben innerhalb weniger Tage zweimal etwas unter Tenebris gefunden, von dem wir vorher nichts wussten. Ich möchte nicht beim dritten Mal feststellen, dass Neugier eine schlechte Sicherheitsstrategie ist.“
Während BD-1 die Fläche berührungslos untersuchte, entstand in Taren ein Eindruck, den er nicht sofort einordnen konnte. Es war weder ein Bild noch eine Stimme und schon gar kein Wissen, das plötzlich aus dem Nichts kam; eher fühlte es sich an, als würde die Umgebung für einen Augenblick nicht ganz zu der Richtung passen, in die sein Verstand sie einordnen wollte. Cal bemerkte die Veränderung und fragte ruhig, ob es die Macht sei.
„Vielleicht“, antwortete Taren erst nach einer Weile. „Oder ich reagiere auf das, was wir sehen, und suche hinterher einen Namen dafür. Genau das möchte ich nicht verwechseln.“
Cal akzeptierte die Unsicherheit, ohne sie mit einer Erklärung zu füllen. „Dann nennen wir es vorerst gar nicht. Wenn es wiederkommt, haben wir einen Vergleich.“
BD-1 meldete sich mit einer neuen Projektion. Unter der glatten Oberfläche lagen drei Linien, eine längere und zwei kürzere, deren Winkel Taren an die älteren Messmuster erinnerten. Er ließ die bekannten Fragmente danebenlegen, zunächst die jüngeren und anschließend jene alten Aufzeichnungen, deren Herkunft selbst Yalena nur unvollständig hatte einordnen können. Die Übereinstimmung war nicht vollständig, aber deutlich genug, dass keiner von ihnen sie als Zufall abtun wollte.
Als BD-1 zusätzlich die Ablagerungen über der Fläche analysierte, wurde die Sache komplizierter. Eine exakte Datierung war mit seinen Mitteln nicht möglich, doch die Schichten waren alt genug, um Taren zu einer Annahme zurückzuführen, die ihnen bisher so selbstverständlich erschienen war, dass kaum jemand sie ausdrücklich geprüft hatte.
„Wir nennen diese Muster Vaal-Muster, weil wir sie aus Vaal-Aufzeichnungen kennen“, sagte er und ließ die ältesten Datensätze nebeneinander stehen. „Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie dort entstanden sind. Wenn diese Schicht hier tatsächlich älter ist als die frühesten Fragmente, die Yalena einordnen kann, dann haben wir möglicherweise einen Ursprung angenommen, für den wir gar keinen Beweis besitzen.“
Cal setzte sich neben das Pad. „Du sagst nicht, dass jemand anderes sie geschaffen hat.“
„Nein, denn dafür wissen wir viel zu wenig. Vielleicht haben die Vaal etwas gefunden und weiterentwickelt, vielleicht sehen wir hier etwas anderes, das nur ähnlich aussieht, oder unsere zeitliche Einordnung ist falsch. Aber die Frage verändert sich trotzdem. Bisher wollten wir wissen, wohin die verlorenen Wege führten und warum Teile ihres Wissens verschwunden sind. Wenn diese Muster schon vorher existierten, müssen wir vielleicht zuerst herausfinden, woher sie überhaupt kamen.“
Für eine Weile sagte keiner etwas. Es gab keinen triumphalen Moment und keine Antwort, die plötzlich alles ordnete; im Gegenteil machte die Entdeckung ihre bisherigen Gewissheiten kleiner. Taren empfand gerade das als ihren Wert, denn als Fährtenleser hatte er früh gelernt, dass eine gute Spur nicht jene war, die bestätigte, was man ohnehin glaubte. Eine gute Spur zwang einen dazu, die eigene Geschichte zu ändern.
* * *
Sie erweiterten den Zugang nicht. BD-1 markierte die Position, übermittelte sämtliche Daten an Yalena und zog sich zurück, bevor sie den Hohlraum verließen. Taren bestand darauf, dass eine spätere Untersuchung mit geeigneter Sicherung und einem vollständigen Team erfolgen sollte; der Unfall am Bohrplatz war noch zu frisch, um dieselbe Ungeduld diesmal als Forschungsdrang zu verkleiden.
Auf dem Rückweg übernahm Cal das Steuer, während Taren die Daten noch einmal durchsah. Erst als Nerava mehr als eine Stunde entfernt war, legte er das Pad beiseite, worauf Cal bemerkte, Merrin zufolge bedeute zwanzigminütiges Schweigen bei Taren entweder, dass er etwas Wichtiges verstanden habe, oder dass er versuche, fünf Dinge gleichzeitig zu verstehen. Daraus entwickelte sich ein Gespräch, das weit über die Daten hinausging, denn Cal erzählte, Merrin finde Seren gerade deshalb interessant, weil beide aus Traditionen kämen, die einmal selbstverständlich gewesen seien und irgendwann aufgehört hätten, es zu sein. Beide hätten Dinge verloren, ohne deshalb bereit zu sein, alles Alte unkritisch zu bewahren.
„Seren redet darüber nicht oft“, sagte Taren.
„Merrin auch nicht, und vielleicht funktioniert es gerade deshalb zwischen ihnen. Sie müssen einander nicht erklären, weshalb man etwas lieben und trotzdem entscheiden kann, dass ein Teil davon nicht mehr zu einem gehört.“ Cal lenkte den Transporter um einen dunklen Rücken und grinste anschließend. „Falls es dich beruhigt: Sie reden nicht nur über uns. Allerdings besitzt Merrin eine Geschichte von Zeffo, die sie seit Jahren aufbewahrt. Ich habe dort einmal behauptet, eine Kletterroute sei sicher, weil der Fels stabil aussah; ungefähr zehn Sekunden später ist ein Stück davon unter mir weggebrochen. Niemandem ist etwas passiert, aber seitdem gilt meine geologische Fachkompetenz als historisch dokumentiert.“
Taren lachte. „Seren macht dasselbe mit meinem Satz ‚Ich habe die Situation im Griff‘. Ich habe ihn einmal in einem ausgesprochen ungünstigen Moment benutzt, und seitdem wiederholt sie ihn in meinem Tonfall, sobald offensichtlich ist, dass ich überhaupt nichts im Griff habe.“
Cal versuchte daraufhin Merrins Nachahmung seines eigenen Gesichtsausdrucks vorzuführen, mit dem er angeblich regelmäßig behauptete, völlig in Ordnung zu sein, obwohl jeder sehen konnte, dass das Gegenteil der Fall war. Taren betrachtete die angestrengte Mischung aus Zuversicht und unterdrücktem Schmerz eine Weile und erklärte dann, das sehe nicht nach einer Imitation aus, sondern einfach nach Cal. Der Streit darüber zog sich mehrere Minuten hin, bis BD-1 hinter ihnen einen trockenen Ton von sich gab und auf Nachfrage ausführlich erklärte, dass er selbstverständlich beide Geschichten gespeichert habe.
„Das Informationsnetz“, murmelte Cal. „Wir hatten von Anfang an keine Chance.“
Die Unterhaltung begleitete sie fast bis Nerava. Erst als die ersten Lichter der Stadt zwischen den dunklen Rücken sichtbar wurden, kehrte Taren gedanklich zu der Fläche unter dem Eis zurück. Er wusste noch immer nicht, was sie gefunden hatten, und wollte dieser Ungewissheit diesmal keinen Namen geben; vielleicht würde Yalenas Analyse ihre Vermutung widerlegen, vielleicht würde sich die Ähnlichkeit als oberflächlich erweisen. Doch eine Frage ließ sich nicht mehr so leicht zurücklegen wie das Datenpad.
Sie hatten lange versucht herauszufinden, wohin die verlorenen Wege führten. Zum ersten Mal fragte Taren sich ernsthaft, wo sie begonnen hatten.