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KAPITEL 6

Kleine Maschinen, große Egos

Ceresta Ventari hatte K-4 auf einen Arbeitstisch gelegt und bereits drei seiner sechs Beine geöffnet, als Garith die Werkstatt betrat, einen Blick auf die ausgebreiteten Bauteile warf und stehen blieb.

„Du weißt schon, dass wir gestern einen Fabrikationskern bekommen haben, mit dem man Ersatzteile herstellen könnte, bevor man einen funktionierenden Droiden in seine Bestandteile zerlegt.“

Ceresta sah nicht auf. „Wenn du mir einen funktionierenden Droiden zeigst, verspreche ich, darüber nachzudenken.“

K-4 gab von der Werkbank einen beleidigten Ton von sich.

Garith deutete auf ihn. „Er widerspricht dir.“

„K-4 widerspricht grundsätzlich, sobald jemand seine Diagnose ausspricht. Gestern hat er mit einem verbogenen Gelenk behauptet, noch fünf Kilometer laufen zu können. Nach dem ersten Schritt haben wir uns auf vier geeinigt, und selbst das war eher eine Frage seines Selbstwertgefühls als seiner Mechanik.“

„Das klingt vertraut.“

Jetzt hob Ceresta den Kopf. „Falls du damit mich meinst, möchte ich daran erinnern, dass ich gestern unter einer eingestürzten Bohrplattform einen verletzten Mann stabilisiert habe, während dein angeblich hervorragend gewartetes Bohrsystem beschlossen hat, einen neuen Zugang zum Untergrund anzulegen.“

Garith zog einen Hocker heran und setzte sich, als hätte er genau auf diese Einladung gewartet. „Das Bohrsystem war hervorragend gewartet. Der Untergrund war nur schlecht informiert.“

„Natürlich. Ich werde K-4 später erklären, dass sein Bein nicht beschädigt ist, sondern die Umgebung seine Gelenkgeometrie missverstanden hat.“

„Das wäre technisch unsauber.“

„Und damit sind wir endlich bei einem Thema, bei dem du dich auskennst.“

Die Unterhaltung hätte vermutlich noch eine Weile so weitergehen können, wenn sich nicht in diesem Moment die Werkstatttür geöffnet hätte. Ilyra trat ein, blieb angesichts der auf dem Tisch verteilten Droidenteile kurz stehen und sah anschließend zwischen Garith und Ceresta hin und her.

„Ich wollte eigentlich nur fragen, ob die Daten von gestern bereits gesichert sind. Aber wenn ich störe, kann ich später wiederkommen.“

„Du störst nicht“, sagte Ceresta sofort.

Garith lehnte sich zurück. „Interessant. Vor fünf Minuten durfte nicht einmal ich den Tisch berühren.“

„Du wolltest auch ein Gelenk mit einem Standardbolzen fixieren.“

„Weil ein Standardbolzen dafür ausreicht.“

Ceresta wandte sich an Ilyra. „Siehst du? Genau deshalb darf er nichts anfassen.“

Ilyra lächelte und trat näher. „Ich kenne mich mit Droidengelenken ungefähr so gut aus wie mit Hyperraumantrieben. Wenn du mich als Schiedsrichterin benutzen möchtest, solltest du damit rechnen, dass ich nach Sympathie entscheide.“

„Damit kann ich leben“, sagte Ceresta.

Garith sah von einer zur anderen. „Ich sehe schon, wie objektiv diese Werkstatt heute arbeitet.“

Ceresta ignorierte ihn und öffnete auf ihrem Datenpad die Aufzeichnungen von K-4. Der Droide hatte während des Unfalls am westlichen Bohrplatz mehr gespeichert als nur die Messwerte der dunklen Fläche unter dem Eis. Temperaturverläufe, Schwingungen im Untergrund, Veränderungen der Ceralitschicht und mehrere kurze Ausfälle seiner eigenen Sensorik lagen in einer Datenmenge vor, die Yalena am Morgen bereits angefordert hatte.

Ilyra beugte sich über das Display. „Das ist die Stelle, an der ihr die dunkle Fläche gefunden habt?“

„Hier.“ Ceresta vergrößerte einen Abschnitt. „Und das hier ist der Moment, in dem K-4 näher herangegangen ist. Seine Tiefensensoren verlieren für knapp zwei Sekunden die Kalibrierung, danach funktionieren sie wieder. Ich kann bisher nicht sagen, ob das mit dem Material zusammenhängt oder ob ihm beim Sturz einfach die Orientierung verrutscht ist.“

K-4 piepte scharf.

„Ich weiß, dass du nicht gestürzt bist“, sagte Ceresta, ohne sich umzudrehen. „Du hast lediglich unfreiwillig und mit hoher Geschwindigkeit deine Position verändert.“

Ilyra lachte. „Du diskutierst wirklich mit ihm.“

„Natürlich. Wenn ich es nicht tue, glaubt er irgendwann, er hätte recht.“

Garith schnaubte. „Und du hältst das für ein Problem, das nur Droiden betrifft?“

Ceresta legte das Datenpad auf den Tisch und sah ihn an. „Garith, ich möchte dir etwas erklären. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen uns beiden. Wenn ich recht habe, kann ich es meistens beweisen.“

„Und wenn ich recht habe, funktioniert hinterher das System.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch. Nur eine, für die man keinen Vortrag braucht.“

Ilyra setzte sich auf die freie Ecke eines zweiten Arbeitstisches und hörte den beiden eine Weile zu. Was auf den ersten Blick wie ein Streit wirkte, besaß eine Ordnung, die vermutlich nur Menschen entwickelten, die einander fachlich ernst nahmen. Garith hielt Cerestas Neigung, jedem ihrer Droiden möglichst viel Eigenständigkeit zu geben, für eine unnötige Quelle von Fehlern. Ceresta wiederum war überzeugt, dass Garith Maschinen am liebsten so bauen würde, dass sie exakt das taten, was man ihnen sagte, selbst wenn sich die Welt inzwischen verändert hatte.

„Ein Erkundungsdroide draußen auf Tenebris muss entscheiden können“, erklärte Ceresta schließlich und zog ein beschädigtes Sensormodul aus K-4s geöffnetem Gehäuse. „Wenn ich ihm für jede Abweichung einen Befehl geben muss, brauche ich keinen autonomen Droiden. Dann kann ich einen Scanner an eine Leine hängen und hoffen, dass der Wind freundlich ist.“

Garith nahm ihr das Modul nicht ab, obwohl seine Finger verrieten, dass er es gern getan hätte. „Entscheiden ja. Improvisieren, bis niemand mehr weiß, weshalb er etwas getan hat, nein. Wenn eines deiner Geräte in einem Hohlraum verschwindet, möchte ich anschließend nicht hören, dass es eine interessante Gelegenheit erkannt hat.“

„Das hat K-2 einmal gemacht.“

Garith starrte sie an.

Ceresta lächelte. „Und er hatte recht. Wir haben dadurch eine unterirdische Wasserader gefunden.“

„Wie lange war er weg?“

„Zwei Tage.“

„Zwei Tage?“

„Siebenundvierzig Stunden.“

„Das macht es nicht besser.“

„Präzision war dir doch wichtig.“

Ilyra konnte nicht verhindern, dass sie lachte, und Ceresta warf ihr einen Blick zu, in dem für einen Moment mehr Zufriedenheit lag, als die Bemerkung verdient hätte. Garith bemerkte es ebenfalls. Er sagte nichts, doch sein Gesicht nahm jenen Ausdruck an, den Ilyra von Menschen kannte, die eine Information abspeicherten, weil sie irgendwann nützlich werden könnte.

Bevor sie herausfinden konnte, ob sie sich das nur einbildete, öffnete sich die Werkstatttür erneut.

BD-1 kam herein.

Er blieb unmittelbar hinter der Schwelle stehen, ließ den Kopf einmal von Garith zu Ceresta und anschließend zu K-4 wandern und gab einen fragenden Laut von sich.

„Da ist ja unser freiwilliger Frachtprüfer“, sagte Garith. „Du hast gestern mehr von der Lieferung katalogisiert als meine beiden Techniker zusammen.“

BD-1 antwortete mit einer kurzen Tonfolge und fuhr anschließend eine kleine Projektion aus. Auf dem Bild erschienen mehrere Kennungen aus der Lieferung der Mantis, daneben eine Markierung, die Ilyra nichts sagte.

Garith trat näher. „Was hast du gefunden?“

BD-1 wechselte die Darstellung. Drei Sensormodule stammten aus unterschiedlichen Produktionsserien, waren aber offenbar mit identischen Kalibrierwerten versehen worden. Ceresta beugte sich sofort über die Projektion.

„Das ergibt keinen Sinn. Wenn die Serien unterschiedlich sind, müssten zumindest die Toleranzen voneinander abweichen.“

BD-1 trillierte zustimmend.

Garith rieb sich über das Kinn. „Vielleicht wurden sie nachträglich neu kalibriert.“

Ceresta ging bereits zu einem der gestern gelieferten Behälter. „Oder jemand hat die Werte kopiert, ohne die Module einzeln zu prüfen. Wenn wir die draußen einsetzen, können drei Geräte denselben Fehler melden und wir glauben, wir hätten eine Bestätigung.“

„Deshalb prüft man neue Komponenten vor dem Einbau.“

„Du hast gestern gesagt, wir könnten die Sensoren direkt in die westlichen Stationen setzen.“

Garith verzog das Gesicht. „Ich hatte gehofft, du hättest das vergessen.“

„Ich vergesse sehr selektiv.“

BD-1 gab einen zufriedenen Ton von sich.

„Du brauchst ihn nicht auch noch gegen mich aufbringen“, sagte Garith.

Der kleine Droide legte den Kopf schief und antwortete in einer Weise, die selbst Ilyra wie einen Einwand verstand.

Ceresta ging in die Hocke. „Ich glaube, er war bereits vorher gegen dich aufgebracht.“

BD-1 wandte den Kopf zu ihr.

Ceresta streckte instinktiv die Hand nach einer seitlichen Abdeckung aus. „Was hast du dort für einen—“

BD-1 wich einen Schritt zurück.

Die Bewegung war klein, aber eindeutig.

Cerestas Hand blieb in der Luft.

Cal hätte vermutlich sofort gewusst, was der Droide meinte. Garith verstand es ebenfalls, denn er verschränkte die Arme und wartete mit sichtlichem Vergnügen. Ilyra beobachtete Ceresta, die einen Augenblick brauchte, bevor sie ihre Hand zurückzog.

„In Ordnung“, sagte sie. „Das war unhöflich.“

BD-1 gab einen kurzen Laut von sich.

„Nein, ich wollte nichts kaputtmachen.“

Ein zweiter Laut folgte, diesmal länger.

Ceresta setzte sich auf die Fersen. „Ja, ich weiß, dass das nicht der Punkt ist. Du bist nicht mein Droide, und interessant zu sein bedeutet nicht, dass ich dich aufschrauben darf. Verstanden.“

BD-1 betrachtete sie.

„Ich frage vorher.“

Ein leiser Triller.

„Jedes Mal.“

Garith lachte. „Ich hätte Geld dafür bezahlt, dieses Gespräch früher zu erleben.“

Ceresta stand auf. „Du besitzt Maschinen, die nicht schnell genug weglaufen können. Das ist keine moralische Überlegenheit.“

Ilyra sah, wie BD-1 erneut zu Ceresta blickte. Dann fuhr er langsam eine kleine Diagnosebuchse aus seiner Seite und projizierte darüber eine schematische Darstellung.

Ceresta rührte sich nicht.

„Darf ich?“

BD-1 piepte einmal.

Erst jetzt trat sie näher. Statt die Abdeckung zu berühren, studierte sie die Projektion und stellte Fragen, auf die BD-1 mit immer komplexeren Anzeigen antwortete. Innerhalb weniger Minuten waren beide so sehr in eine Diskussion über seine Sensorkopplung vertieft, dass Garith Ilyra leise fragte, ob sie glaube, man könne Eifersucht auf einen Droiden entwickeln.

„Du bist nicht eifersüchtig“, antwortete sie ebenso leise. „Du bist nur beleidigt, weil BD-1 innerhalb von drei Minuten erreicht hat, dass Ceresta ihm zuhört.“

„Mir hört sie auch zu.“

„Sie widerspricht dir währenddessen.“

„Das ist ihre Art zuzuhören.“

„Dann habt ihr offenbar eine sehr tiefe Beziehung.“

Garith sah sie an, und Ilyra bemerkte einen Moment zu spät, dass Ceresta trotz ihrer Beschäftigung mit BD-1 jedes Wort gehört hatte.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Ceresta. „Garith und ich sind beruflich gebunden. Wir bleiben wegen der Maschinen zusammen.“

„Das klingt erschreckend nach meiner Ehe“, meinte Garith.

„Nalea tut mir leid.“

„Nalea behauptet seit Jahren, dass sie mich nur behalten hat, weil niemand sonst weiß, wo alle Ersatzteile liegen.“

„Eine kluge Frau.“

Der trockene Schlagabtausch verlor sich nicht nach zwei Sätzen, sondern wanderte von Gariths angeblicher Unersetzlichkeit zu Naleas Ordnungssystem, von dort zu einer Geschichte über einen Generator, den Garith vor Jahren gegen ausdrückliche Warnung zerlegt hatte, und schließlich zu Cerestas Behauptung, jeder Ingenieur besitze mindestens ein Gerät, das nur deshalb noch existiere, weil er sich weigere zuzugeben, dass eine Reparatur wirtschaftlich unsinnig sei. Garith nannte daraufhin drei Beispiele aus Cerestas Werkstatt, worauf sie ihm erklärte, dass diese nicht zählten, weil sie „Forschungscharakter“ hätten. Ilyra hörte lachend zu und stellte irgendwann fest, dass BD-1 seine Untersuchung unterbrochen hatte und mit schräg gelegtem Kopf zwischen den beiden Menschen hin und her sah, als versuche er zu entscheiden, ob dieser Streit eine technische Funktion erfüllte.

„Du musst das nicht verstehen“, sagte Ilyra zu ihm. „Ich glaube, sie wissen es selbst nicht.“

BD-1 antwortete mit einem zustimmenden Triller.

* * *

Der Fabrikationskern stand in der größeren Werkhalle, weil Garith sich geweigert hatte, ein Gerät dieser Größe in Betrieb zu nehmen, bevor sämtliche Versorgungsleitungen überprüft waren. Greez hatte diese Vorsicht am Morgen als persönliche Kränkung bezeichnet und behauptet, er habe den Kern schließlich nicht über mehrere Systeme transportiert, damit Garith ihn anschließend „wie ein misstrauischer Arzt“ untersuche. Garith hatte daraufhin erklärt, genau deshalb funktionierten in Nerava die meisten Maschinen länger als Greez’ Geduld.

Nun stand die erste Testfertigung an.

Ceresta hatte ein neues Gelenk für K-4 konstruiert, allerdings nicht als exakte Kopie des beschädigten Bauteils. Sie hatte die Gelegenheit genutzt, die Lagerung zu verstärken und gleichzeitig einen zusätzlichen Bewegungswinkel einzubauen, der dem Droiden auf unebenem Ceralit helfen sollte. Garith hielt den zweiten Teil für überflüssig.

„Du reparierst ein Bein und baust gleichzeitig eine neue Fehlerquelle ein“, sagte er, während die Fertigungseinheit das Material Schicht für Schicht aufbaute.

„Ich repariere nicht nur. Ich verbessere.“

„Das sagen Menschen immer unmittelbar bevor etwas explodiert.“

Ceresta sah zu Ilyra, die neben dem Kontrollpult stand. „Hat er heute Morgen nicht behauptet, ich sei diejenige mit dramatischen Formulierungen?“

„Ich versuche, bei euren Diskussionen keine Aussagen zu protokollieren. Sonst müsste ich irgendwann entscheiden, wer häufiger widerspricht.“

„Garith.“

„Ceresta.“

Ilyra hob beide Hände. „Genau deshalb.“

BD-1 bewegte sich währenddessen um den Fabrikationskern und verglich dessen Diagnosewerte mit den Daten, die Greez mitgeliefert hatte. Nach einigen Minuten blieb er stehen und gab einen warnenden Ton von sich.

Garith reagierte sofort. „Was?“

BD-1 projizierte eine Kurve.

Ceresta trat näher. „Die Lastspitze.“

„Die ist innerhalb der Toleranz“, sagte Garith.

BD-1 piepte erneut und blendete eine zweite Kurve ein.

Ilyra verstand diesmal genug, um den Unterschied zu sehen. „Sie wird bei jedem Zyklus höher.“

Gariths Gesicht veränderte sich. „Abschalten.“

Ceresta griff bereits zum Kontrollfeld, doch die Anlage reagierte nicht sofort. Ein dumpfer Schlag ging durch den Kern, gefolgt von einem scharfen Geräusch aus der Energiezuführung. Die Beleuchtung der Halle flackerte.

„Jetzt wäre ein hervorragender Zeitpunkt, um nicht zu beweisen, dass du recht hattest“, sagte Ceresta, während sie die Notabschaltung aktivierte.

„Ich wollte gerade dasselbe sagen.“

„Dann verschwenden wir beide wertvolle Zeit.“

Die Energiezuführung fiel aus, aber der Fertigungskern blieb nicht vollständig stehen. Das halb fertige Bauteil steckte im Materialfeld, und auf dem Display stieg die Temperatur der unteren Einheit weiter.

Garith fluchte leise. „Der Puffer hängt. Wenn wir die Versorgung komplett trennen, kann er die Restenergie nicht ableiten.“

Ceresta war bereits an der Seitenverkleidung. „Dann öffnen wir den Sekundärkreis.“

„Der ist laut Schaltplan nicht für manuellen Zugriff vorgesehen.“

„Der Schaltplan hat gerade bewiesen, dass er nicht alle Probleme kennt.“

Garith trat neben sie. „Wenn du die Verkleidung jetzt löst und der Puffer entlädt—“

„Dann stehe ich nicht davor. Deshalb brauche ich dich auf der anderen Seite.“

Ilyra beobachtete, wie der Streit innerhalb eines Atemzugs verschwand. Wo eben noch zwei Menschen darum gerungen hatten, wessen technische Philosophie die bessere war, arbeiteten plötzlich zwei Fachleute miteinander, die genau wussten, was der andere konnte. Garith öffnete die Wartungssperre, Ceresta führte eine isolierte Sonde in den Sekundärkreis, und beide redeten nicht mehr in Pointen, sondern in kurzen technischen Angaben, die keinen Platz für Eitelkeit ließen.

BD-1 bewegte sich zum Kontrollpult und gab einen scharfen Laut von sich.

„Temperatur?“, fragte Ceresta.

Der Droide projizierte den Wert.

„Zu hoch“, sagte Garith. „Wir haben vielleicht eine Minute.“

Ilyra trat näher. „Was kann ich tun?“

Ceresta sah nur kurz zu ihr. „Hinter dir ist der manuelle Kühlmittelverteiler. Wenn ich ‚jetzt‘ sage, ziehst du den roten Hebel vollständig nach unten und hältst ihn dort. Er wird versuchen zurückzuspringen.“

„Wie stark?“

Garith antwortete, während er weiterarbeitete. „Stark genug, dass du beide Hände nehmen solltest. Nicht stark genug, dass ich dir erzählen müsste, es sei ungefährlich.“

Ilyra nickte. „Das ist erstaunlich beruhigend.“

„Ich arbeite daran.“

Ceresta führte die Sonde tiefer. „Noch nicht. Der Kreis ist blockiert. Garith, ich brauche zwei Millimeter mehr.“

„Wenn ich dir zwei Millimeter gebe, verlierst du die Führung.“

„Wenn du mir keine gibst, verlieren wir den Puffer.“

„Das ist genau die Art von Entscheidung, die ich an deinen Konstruktionen nicht mag.“

„Das ist nicht meine Konstruktion.“

„Im Augenblick fühlt sie sich sehr nach dir an.“

Trotz der Worte bewegte Garith die Halterung. Ceresta drehte die Sonde, ein metallisches Knacken war zu hören, und auf BD-1s Projektion fiel der Druck für einen Augenblick ab.

„Jetzt!“

Ilyra zog den Hebel.

Er schlug mit solcher Kraft gegen ihre Hände, dass sie beinahe losließ. Sie verlagerte ihr Gewicht, hielt ihn unten und spürte, wie das Kühlsystem unter dem Boden anlief. Ein tiefes Rauschen ging durch die Leitungen.

BD-1 trillierte.

„Temperatur fällt“, sagte Garith. „Langsam, aber sie fällt.“

Ceresta blieb an der geöffneten Verkleidung, bis der Wert deutlich unter die kritische Grenze gesunken war. Erst dann zog sie die Sonde zurück und setzte sich auf den Boden.

„Ich möchte festhalten, dass das nicht an meinem Gelenk lag.“

Garith lehnte sich gegen das Gehäuse und atmete aus. „Ich möchte festhalten, dass niemand behauptet hat, es läge an deinem Gelenk.“

„Du hast es gedacht.“

„Ich denke viele Dinge. Die meisten davon behalte ich aus Rücksicht auf andere Menschen für mich.“

Ilyra ließ den Hebel los und rieb sich die Hände. „Dann möchte ich nicht wissen, wie du ohne Rücksicht bist.“

„Nalea kann dir Geschichten erzählen.“

„Das werde ich.“

Ceresta sah zu ihr hoch. „Tu das nicht. Wenn wir anfangen, Informationen über Garith auszutauschen, verbringen wir den Rest des Tages hier.“

Garith deutete auf den Fabrikationskern. „Wir verbringen den Rest des Tages ohnehin hier.“

„Dann wenigstens aus einem sinnvollen Grund.“

BD-1 gab eine kurze Tonfolge von sich und projizierte die Diagnose der Energiezuführung. Ceresta stand wieder auf und trat neben ihn. Diesmal hielt sie die Hände bewusst bei sich, bis der Droide die Darstellung vergrößerte.

„Du glaubst, die Regelung ist falsch parametrisiert.“

BD-1 bestätigte.

Garith kam näher. „Nicht falsch. Für eine andere Netzspannung.“

Ceresta sah ihn an. „Greez hat gesagt, der Kern sei angepasst.“

„Greez hat auch gesagt, die Diagnosewarnungen seien bedeutungslos.“

Für einen Moment schwiegen alle.

Dann sagte Ilyra: „Ich kenne Greez noch nicht lange genug. Ist das der Zeitpunkt, an dem wir ihm eine Nachricht schicken oder der Zeitpunkt, an dem ihr beide beschließt, ihn gemeinsam zu töten?“

Ceresta verschränkte die Arme. „Ich bin für eine Nachricht. Töten erschwert spätere Ersatzteillieferungen.“

Garith nickte ernst. „Das ist ein vernünftiges Argument.“

BD-1 gab einen Ton von sich, der verdächtig nach Zustimmung klang.

* * *

Am Nachmittag war der Fabrikationskern neu kalibriert, K-4 besaß ein vollständiges Bein, und Garith hatte widerwillig zugegeben, dass Cerestas zusätzlicher Bewegungswinkel tatsächlich funktionierte. Ceresta wiederum hatte eingeräumt, dass Gariths Vorschlag für eine zweite mechanische Begrenzung sinnvoll war, wobei sie darauf bestand, dass diese Zustimmung nur einmal ausgesprochen und keinesfalls dokumentiert werden dürfe.

K-4 lief mehrere Runden durch die Werkhalle, setzte seine Füße auf unterschiedlich hohe Ceralitblöcke und überwand schließlich eine künstliche Kante, an der sein altes Gelenk vermutlich hängen geblieben wäre. Ceresta beobachtete jede Bewegung mit einer Konzentration, die Ilyra inzwischen als Mischung aus fachlichem Interesse und persönlicher Zuneigung erkannte.

„Du magst sie wirklich“, sagte Ilyra.

Ceresta sah nicht von K-4 weg. „Meine Droiden? Natürlich.“

„Du sprichst über sie, als wären sie Kollegen.“

„Manche Kollegen sind weniger zuverlässig.“

Garith, der am anderen Ende der Halle arbeitete, hob den Kopf. „Ich höre dich.“

„Das beweist nur, dass deine Sensorik funktioniert.“

Ilyra wartete, bis Garith sich wieder seinem Kontrollpult zuwandte. „Ich meinte es ernst.“

Ceresta schwieg einen Moment. „Ich baue sie für Dinge, die wir Menschen nicht tun sollten, wenn wir eine Wahl haben. Kälte, Hohlräume, instabile Schächte, schlechte Luft, lange Wege. Wenn ich ihnen dabei nur gerade genug Intelligenz gebe, um Befehle auszuführen, dann schicke ich sie in Situationen, auf die sie nicht reagieren können. Also gebe ich ihnen Möglichkeiten. Und wenn man etwas lange genug Möglichkeiten gibt, entwickelt es irgendwann Eigenschaften, die man nicht geplant hat.“

„Wie K-2, der zwei Tage verschwunden ist.“

„Siebenundvierzig Stunden.“

„Natürlich.“

Ceresta lächelte. „Als er zurückkam, hatte er nicht nur die Wasserader gefunden. Er hatte unterwegs drei seiner Wegmarkierungen verändert, weil der ursprüngliche Rückweg instabil geworden war. Niemand hatte ihm beigebracht, einen eigenen Weg zu planen. Er hat es aus anderen Routinen zusammengesetzt. Garith würde sagen, das sei genau die Art von Verhalten, die gefährlich werden kann.“

„Und du?“

„Ich denke, dass wir vorsichtig sein müssen, wenn wir etwas erschaffen, das lernen kann. Aber ich möchte nicht aus Angst vor Fehlern verhindern, dass es überhaupt lernt.“

Ilyra betrachtete sie. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass Ceresta länger sprach, ohne ihre Gedanken hinter einem technischen Scherz zu verstecken. „Das klingt nicht nur nach Droiden.“

Ceresta wandte sich nun doch zu ihr. „Nein. Vermutlich nicht.“

Zwischen ihnen entstand eine kurze Stille, die sich anders anfühlte als die Pausen zuvor. Ilyra bemerkte, dass Ceresta sie ansah, ohne sofort nach einer Pointe zu suchen, und gerade deshalb war sie erleichtert, als K-4 mit einem lauten Signal gegen einen Ceralitblock stieß.

Ceresta fuhr herum. „Was machst du denn?“

K-4 piepte.

„Der Block hat sich nicht bewegt.“

Ein weiterer Ton.

„Nein. Er stand dort schon vorher.“

Ilyra biss sich auf die Lippe.

Ceresta sah zu ihr. „Lach ruhig.“

„Ich versuche es wirklich nicht.“

„Das macht es schlimmer.“

Ilyra gab auf und lachte. Ceresta hielt noch einen Augenblick durch, dann lachte sie ebenfalls.

Garith kam herüber und sah zwischen ihnen und K-4 hin und her. „Muss ich wissen, was passiert ist?“

„Nein“, sagten beide Frauen gleichzeitig.

Garith blieb stehen. „Das gefällt mir nicht.“

„Dann sind wir heute wenigstens alle einmal einer Meinung“, sagte Ceresta.

* * *

BD-1 fand Taren später im Archivraum.

Taren und Cal saßen über mehreren alten Navigationsaufzeichnungen, die Yalena am Morgen freigegeben hatte. Es ging noch nicht um einen konkreten Weg, sondern um Unterschiede zwischen älteren und neueren Messreihen, die Cal für unbedeutend hielt und Taren gerade deshalb interessant fand. Als BD-1 hereinkam, sprang er ohne Umweg auf den Tisch und projizierte die drei falsch kalibrierten Sensormodule.

Cal sah sich die Werte an. „Das sind die Teile von gestern.“

BD-1 bestätigte und blendete anschließend die korrekten Toleranzen ein.

Taren lehnte sich näher. „Du hast sie selbst überprüft?“

Der Droide gab eine ausführliche Tonfolge von sich.

Cal begann zu lächeln. „Er hat Ceresta und Garith davon abgehalten, den Fabrikationskern mit der falschen Netzkalibrierung zu betreiben.“

BD-1 widersprach sofort.

„Entschuldige. Er hat geholfen, nachdem sie ihn bereits betrieben hatten.“

Ein zufriedener Triller.

Taren betrachtete die Projektion. „Und du möchtest jetzt wissen, ob dieselben Kalibrierwerte in den alten Messreihen auftauchen.“

BD-1 wurde still.

Cal sah zu Taren. „Woher wusstest du das?“

„Weil er sonst nicht hier wäre.“

BD-1 projizierte eine neue Reihe.

Taren zog das Datenpad zu sich. Mehrere alte Sensordatensätze zeigten tatsächlich Abweichungen, die in ihrer Form an die falsch normierten Module erinnerten. Nicht identisch, nicht einmal groß genug, um daraus etwas abzuleiten, aber regelmäßig genug, dass Taren sie nicht mehr als bloßes Rauschen empfand.

Cal kannte diesen Gesichtsausdruck inzwischen ebenfalls. „Sag es nicht.“

„Was?“

„Dass es interessant ist.“

Taren lehnte sich zurück. „Ich wollte eigentlich sagen, dass wir morgen hinausfahren sollten.“

„Das ist schlimmer.“

BD-1 trillierte begeistert.

Cal sah von einem zum anderen. „Ich erkenne gerade ein grundsätzliches Problem in unserer Zusammenarbeit.“

Taren musste lachen. „Du könntest zu Merrin gehen. Sie hat heute Morgen behauptet, wir würden ohnehin immer dieselben Fehler machen.“

„Das hat sie nicht behauptet. Sie hat gesagt, ich würde Verletzungen herunterspielen und gefährliche Entscheidungen im Nachhinein logisch klingen lassen. Das ist etwas völlig anderes.“

„Seren hat mir beinahe dasselbe vorgeworfen.“

„Siehst du? Dann haben wir beide offenbar ein Kommunikationsproblem.“

Taren überlegte einen Moment. „Oder sie reden miteinander.“

Cal wurde still.

BD-1 legte den Kopf schief.

„Das“, sagte Cal schließlich, „ist tatsächlich beunruhigender.“

Taren grinste. „Gestern waren sie gemeinsam draußen. Heute sind sie gemeinsam zurückgekommen und haben uns praktisch nichts erzählt. Wenn das so weitergeht, werden wir irgendwann feststellen, dass unsere Gefährtinnen ein vollständiges Informationsnetz aufgebaut haben, in dem jede dumme Entscheidung, die einer von uns trifft, innerhalb von Minuten dokumentiert wird.“

Cal verschränkte die Arme. „Merrin braucht dafür kein Netzwerk. Sie merkt sich Dinge, die Jahre zurückliegen. Ich habe einmal auf Zeffo behauptet, eine Kletterroute sei sicher. Ein einziges Mal. Der Fels ist unter mir weggebrochen, niemandem ist etwas passiert, und trotzdem erwähnt sie das bis heute, sobald ich die Worte ‚sieht stabil aus‘ benutze.“

Taren nickte mit ernster Miene. „Seren besitzt eine ähnliche Begabung. Ich habe ihr einmal erklärt, dass ich eine Situation im Griff hätte.“

„Hattest du sie?“

„Das ist für die Geschichte nicht wichtig.“

„Dann hattest du sie nicht.“

„Jedenfalls hat sie seitdem die unangenehme Angewohnheit, diesen Satz zu wiederholen, sobald ich offensichtlich gerade nichts im Griff habe. Besonders störend ist, dass sie meinen Tonfall inzwischen ziemlich gut trifft.“

Cal begann zu lachen. „Merrin macht das auch. Sie legt sogar diesen Blick dazu auf, den ich angeblich habe.“

„Welchen Blick?“

Cal versuchte ihn vorzuführen: eine Mischung aus angestrengter Zuversicht und dem Bemühen, Schmerzen nicht zu zeigen.

Taren betrachtete ihn. „Das sieht einfach aus wie du.“

Cal ließ das Gesicht fallen. „Danke.“

BD-1 stieß einen hellen Triller aus.

„Du hältst dich da raus“, sagte Cal.

Der Droide antwortete ausführlich.

Taren verstand nicht jedes Detail, aber Cal offenbar schon, denn er sah ihn entsetzt an. „Das war vor Jahren.“

BD-1 piepte noch einmal.

Taren lehnte sich zurück. „Er merkt sich offenbar ebenfalls alles.“

Cal blickte zwischen BD-1 und Taren hin und her. „Damit ist es entschieden. Wir brauchen eigene Verbündete.“

„Garith?“

„Verheiratet. Zu riskant.“

„Greez?“

Cal dachte darüber nach. „Greez würde uns für ein gutes Essen verkaufen.“

„Yalena?“

„Zu vernünftig.“

Taren seufzte. „Dann bleiben nur wir beide.“

Cal streckte die Hand aus. „Das wird reichen müssen.“

Taren schlug ein, und BD-1 gab einen Ton von sich, der sehr deutlich machte, wie gering er ihre Erfolgsaussichten einschätzte.

Als Seren später in der Tür erschien, fand sie die beiden noch immer über den Navigationsdaten und BD-1 zwischen ihnen. „Merrin lässt fragen, ob ihr zum Essen kommt oder ob ihr beschlossen habt, euch von alten Messwerten zu ernähren.“

Taren sah zu Cal.

Cal sah zu Taren.

Seren bemerkte es sofort. „Was habt ihr gemacht?“

„Nichts“, sagten beide gleichzeitig.

Seren blieb in der Tür stehen und musterte sie so lange, bis BD-1 einen fröhlichen Triller ausstieß.

„Ich frage Merrin“, sagte sie.

Cal erhob sich. „Das ist exakt das Problem, über das wir gerade gesprochen haben.“

„Welches Problem?“

Taren stand ebenfalls auf und schob das Datenpad beiseite. „Dass ihr miteinander redet.“

Seren brauchte einen Moment, dann erschien dieses langsame Lächeln, das Taren inzwischen als Warnung kannte. „Du möchtest also, dass Merrin und ich weniger miteinander reden.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Cal?“

Cal hob beide Hände. „Ich bin nur zufällig hier.“

„Feigling“, murmelte Taren.

„Jedi-Überlebenstraining.“

Seren trat zu Taren, legte ihm eine Hand an den Kragen und küsste ihn kurz. „Keine Sorge. Merrin und ich sprechen nur über wichtige Dinge.“

Taren sah ihr in die Augen. „Das beruhigt mich überhaupt nicht.“

„Das sollte es auch nicht.“

Sie ging wieder zur Tür und rief Cal mit einer Kopfbewegung zu sich. BD-1 sprang vom Tisch und folgte ihnen.

Taren blieb einen Moment allein zurück.

„Ihr lasst mich hier?“

Seren drehte sich im Gang noch einmal um. „Du wolltest doch einen eigenen Verbündeten.“

Cal lachte so laut, dass Merrin es vermutlich bereits am anderen Ende des Korridors hörte.

Taren schaltete das Datenpad aus und folgte ihnen. Die alten Messwerte würden bis morgen warten. Dann würde er mit Cal und BD-1 hinausfahren und sich ansehen, weshalb Daten, die eigentlich zusammenpassen sollten, es nicht taten.

Für heute allerdings hatte Nerava andere Prioritäten.

Und wenn Seren und Merrin tatsächlich begonnen hatten, Informationen auszutauschen, war es vermutlich klüger, beim Essen anwesend zu sein, bevor die beiden weitere Geschichten sammelten.

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