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KAPITEL 5

Jägerinnen

Merrin stand am nächsten Morgen bereits an der westlichen Schleuse, als Seren dort eintraf, und die Tatsache, dass sie weder fragte, wohin sie gehen würden, noch weshalb Seren zwei Stunden vor dem vereinbarten Zeitpunkt eine zusätzliche Außentasche gepackt hatte, bestätigte einen Verdacht, den Seren seit dem vergangenen Abend hegte: Die Nightsister war möglicherweise die angenehmste Person in ihrem Bekanntenkreis, mit der man eine Erkundung beginnen konnte.

Taren hätte spätestens beim zweiten Behälter wissen wollen, was darin lag. Cal hätte die Frage vermutlich beiläufiger gestellt, aber ebenfalls eine Antwort erwartet. Merrin betrachtete dagegen lediglich die lange Tasche, die Seren neben der Schleusenbank ablegte, und zog eine Braue hoch, als darin etwas Metallisches gegeneinanderschlug.

„Wenn das deine Vorstellung von einem ruhigen Ausflug ist, verstehe ich allmählich, weshalb Taren bei dem Wort ‚Spaziergang‘ misstrauisch wird.“

Seren öffnete die Tasche und überprüfte zum letzten Mal die Sicherung ihrer Hellebarde. „Ich habe nie behauptet, dass wir spazieren gehen. Ich sagte, ich wolle dir etwas außerhalb der bisherigen Arbeitszonen zeigen.“

„Das ist eine Formulierung, die Cal benutzt, wenn er bereits weiß, dass etwas gefährlich werden könnte.“

„Dann solltest du dich bei ihm beschweren. Ich benutze sie schon länger.“

Merrin lächelte und half ihr, die Tasche wieder zu schließen. Die beiden hatten am Vorabend auf der Beobachtungsplattform beschlossen, gemeinsam hinauszugehen, nachdem Merrin wissen wollte, wie Seren gelernt hatte, Gelände zu lesen, in dem kaum etwas lebte und Spuren oft innerhalb weniger Stunden unter Eisstaub verschwanden. Seren hatte zunächst geglaubt, die Frage beziehe sich auf ihre Ausbildung zur Jägerin, doch Merrin war es weniger um Techniken gegangen als um die Art, wie Seren draußen dachte. Auf Dathomir hatte Merrin gelernt, einer Landschaft auf andere Weise zuzuhören, und irgendwann war aus dem Gespräch die unausgesprochene Neugier entstanden, herauszufinden, was geschah, wenn beide dasselbe Gelände betrachteten.

Der Ort, den Seren dafür ausgewählt hatte, lag nördlich der regulären Ceralitfelder, jenseits einer flachen Senke, in der vor einigen Wochen mehrere automatische Messstationen ausgefallen waren. Niemand hatte darin zunächst mehr als ein technisches Problem gesehen. Die Geräte waren für die Kälte ausgelegt, aber nicht unverwundbar, und Garith hatte zwei davon bereits zur Reparatur bringen lassen. Bei der dritten Station jedoch waren die Verankerungen unbeschädigt geblieben, während das Gerät selbst fast drei Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt gefunden worden war.

Garith hielt Wind für die wahrscheinlichste Erklärung. Seren nicht.

„Du glaubst, dass etwas die Station bewegt hat“, sagte Merrin, nachdem ihr Transporter Nerava hinter einer Geländekante verschwinden ließ und vor ihnen nur noch die dunkle, von Eisadern durchzogene Ebene lag.

Seren steuerte langsamer, als es auf dem ebenen Untergrund notwendig gewesen wäre. „Ich glaube, dass wir nicht wissen, was sie bewegt hat. Das ist ein Unterschied, den Taren gelegentlich vergisst, sobald er eine Spur interessant findet.“

„Cal auch. Er nennt es dann Intuition.“

„Taren nennt es meistens gar nichts. Das macht es schwieriger, ihm zu widersprechen.“

Merrin lehnte sich zurück und betrachtete die Landschaft durch die Frontscheibe. Tenebris zeigte an diesem Morgen kaum Farbe. Dunkles Ceralit lag in langen Rücken über dem Boden, dazwischen schimmerten Eisflächen wie stumpfes Metall, und über allem hing ein Himmel, dessen Helligkeit keine Wärme versprach. Für Seren war diese Kargheit längst nicht mehr gleichbedeutend mit Leere. Sie kannte inzwischen Stellen, an denen das Ceralit unter den Stiefeln anders klang, wusste, welche Senken nach einem Temperaturwechsel tückisch wurden und an welchen Kanten der Wind den Schwarzstaub so fein ablagerte, dass selbst eine leichte Berührung Stunden später noch zu erkennen war.

Als sie den Transporter schließlich anhielt, lag die beschädigte Messstation noch fast einen Kilometer entfernt.

Merrin sah zur Anzeige. „Wir könnten näher heranfahren.“

„Könnten wir.“

„Aber du möchtest sehen, was zwischen hier und dort liegt.“

Seren nahm die Hellebardentasche aus der Halterung und öffnete die Außentür. „Jetzt verstehst du, weshalb ich dich mitgenommen habe.“

Die Kälte griff sofort nach ihnen, als sie ausstiegen. Merrin zog die Kapuze enger und wartete, während Seren sich zunächst nicht zur Station, sondern einige Schritte seitlich bewegte. Der Boden dort war fast vollständig mit Schwarzstaub bedeckt. Auf den ersten Blick gab es nichts zu sehen, doch als Seren in die Hocke ging und mit zwei Fingern knapp über der Oberfläche entlangfuhr, erkannte Merrin eine Reihe flacher Vertiefungen, die sich nicht zu einer klaren Spur verbanden.

„Das ist nicht vom Transporter“, sagte Merrin.

Seren blickte zu ihr auf. „Warum nicht?“

„Weil du sonst nicht gefragt hättest.“

„Das ist keine Analyse.“

„Nein. Aber sie ist richtig.“

Seren musste lachen. „Die Räder drücken tiefer ein und werfen das Ceralit seitlich auf. Hier ist nur die obere Schicht verschoben worden. Etwas hat Gewicht aufgesetzt, aber nicht lange genug, um einzusinken.“

Merrin kniete sich neben sie. Eine Weile betrachtete sie die Vertiefungen, dann legte sie die Fingerspitzen auf den Boden. Seren wusste, dass die Geste für Merrin mehr bedeutete als bloßes Tasten, fragte aber nicht danach. Die Macht war zwischen ihnen nie etwas gewesen, das einer Erklärung bedurfte, und gleichzeitig empfanden sie sie so unterschiedlich, dass Seren jedes Gespräch darüber interessant fand.

„Du suchst nach einer Bewegung“, sagte Merrin nach einer Weile.

„Nach mehreren. Wenn etwas gegangen ist, muss es einen Rhythmus geben.“

„Und wenn es nicht gegangen ist?“

Seren folgte ihrem Blick. „Dann habe ich mich von einer verschobenen Messstation zu einem sehr kalten Vormittag überreden lassen.“

Merrin erhob sich. „Das wäre immer noch besser als Cals Vorschlag gewesen. Er wollte BD-1s Archiv durchsuchen.“

„Taren auch.“

„Natürlich.“

Sie fanden die nächste Spur erst fast hundert Meter weiter, und diesmal war es Merrin, die stehen blieb. Zwischen zwei niedrigen Ceralitrippen lag eine dünne Eisschicht, deren Oberfläche an einer Stelle milchig geworden war. Seren hätte sie vermutlich als gewöhnliche Spannungsstelle abgetan, wenn Merrin nicht darauf hingewiesen hätte, dass die Veränderung von unten nach oben verlief.

„Etwas war darunter“, sagte Merrin.

Seren ging näher heran, ohne die Eisfläche zu betreten. „Oder Wärme ist von unten gekommen.“

„Du glaubst nicht an Wärme.“

„Ich glaube an Messwerte.“

„Das klingt sehr nach Garith.“

„Sag ihm das niemals.“

Merrin lächelte, doch ihre Aufmerksamkeit blieb beim Eis. „Auf Dathomir gab es Orte, an denen man gelernt hat, nicht nur darauf zu achten, was man sieht. Manchmal verändert etwas einen Raum, bevor es sich selbst zeigt. Die Tiere wussten das früher als wir.“

Seren betrachtete sie. „Du meinst die Macht.“

„Nicht nur. Das ist das Problem mit Jedi. Wenn etwas schwer zu erklären ist, nennen sie es sehr schnell die Macht.“

„Cal würde widersprechen.“

„Cal widerspricht mir oft. Das hält ihn gesund.“

Seren ging am Rand der Eisfläche entlang und fand wenige Schritte später einen schmalen Riss. Darin klebte Schwarzstaub, obwohl der Wind ihn von der Oberfläche längst hätte entfernen müssen. Sie nahm eine kleine Sonde aus ihrer Tasche und führte sie vorsichtig in die Öffnung. Die Anzeige zeigte keinen Hohlraum, aber eine Temperatur, die geringfügig über der Umgebung lag.

„Du hattest recht“, sagte sie.

Merrin kam näher. „Das höre ich gern. Wiederhole es bitte, wenn Cal in der Nähe ist.“

„Etwas hat die Schicht von unten erwärmt. Nicht viel, aber genug, um das Eis zu verändern.“

„Und die Station?“

Seren sah in Richtung des Geräts, das schräg auf einer dunklen Erhebung lag. „Vielleicht ist sie nicht der Anfang der Spur. Vielleicht ist sie nur dort gelandet, wo etwas anderes sie aus dem Weg geschoben hat.“

Je näher sie der Station kamen, desto deutlicher wurde, dass Gariths Windtheorie Schwierigkeiten bekam. Die Halterung war nicht gebrochen. Zwei Verankerungsbolzen waren vollständig aus dem Boden gezogen worden, ohne sich sichtbar zu verbiegen, während der dritte noch in einem Stück Ceralit steckte, das mitsamt der Station aus dem Untergrund gelöst worden war. Seren umrundete das Gerät und entdeckte auf der Rückseite mehrere feine Kratzer.

Merrin sah sie ebenfalls. „Das ist kein Sturm.“

„Nein.“

„Du klingst nicht zufrieden.“

„Ich mag es, recht zu haben, wenn die Alternative langweilig ist. Hier wäre mir Gariths Sturm lieber gewesen.“

Sie untersuchten die Umgebung fast eine halbe Stunde, ohne etwas zu finden, das Seren als eindeutige Spur akzeptiert hätte. Es gab Vertiefungen, kleine Verschiebungen im Schwarzstaub und zwei weitere Stellen, an denen das Eis von unten erwärmt worden war, doch nichts davon ergab ein Muster, das zu einem Tier oder einer Maschine passte. Schließlich setzte Seren sich auf eine niedrige Ceralitkante und nahm die Handschuhe ab, um ihre Finger kurz zu bewegen.

Merrin blieb stehen. „Du bist ungeduldig.“

„Ich denke.“

„Ungeduldig.“

Seren sah zu ihr. „Du hast eine erstaunliche Begabung, Menschen nach wenigen Tagen Dinge zu sagen, für die Taren Monate gebraucht hat.“

„Vielleicht war er vorsichtig.“

„Taren?“

Merrin setzte sich neben sie, und beide lachten. Für einige Augenblicke hörten sie nur den Wind, der über die Ebene strich und feinen Staub gegen ihre Stiefel trieb.

„Gestern hast du von deiner Ausbildung gesprochen“, sagte Merrin schließlich. „Davon, dass du gelernt hast, eine Aufgabe zu erfüllen, wenn du diejenige bist, die sie erfüllen kann. Warst du immer eine Jägerin?“

Seren ließ die Frage einen Moment bei sich liegen. „Nicht in dem Sinn, wie du es meinst. Bei den Vaal war die Bezeichnung mehr als eine Tätigkeit. Eine geweihte Jägerin der Ersten Ordnung sollte Grenzen schützen, Spuren verfolgen, Gefahren erkennen und, wenn es notwendig wurde, den Willen des Ältestenrates durchsetzen. Ich war Hüterin der inneren Grenzen und Vollstreckerin des Rates. Damals klang das für mich nicht widersprüchlich.“

„Und heute?“

„Heute höre ich zwei verschiedene Dinge darin.“ Seren zog einen Handschuh wieder an, ließ den anderen jedoch auf ihrem Knie liegen. „Schützen und gehorchen sind nicht dasselbe. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wie leicht man das eine mit dem anderen verwechseln kann, wenn die Menschen, denen man vertraut, behaupten, sie seien identisch.“

Merrin antwortete nicht sofort. Ihr Gesicht hatte jene Ruhe angenommen, hinter der Seren inzwischen die Erinnerungen an Dathomir vermutete. „Ich kenne das Gefühl, wenn andere bestimmen wollen, was von einer Tradition übrigbleiben darf“, sagte sie schließlich. „Bei mir war danach fast niemand mehr da, mit dem ich darüber streiten konnte. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns. Du musst entscheiden, welche Teile deiner alten Ordnung du bewahren willst. Ich musste zuerst herausfinden, ob ich überhaupt noch etwas hatte, das ich bewahren konnte.“

Seren sah hinaus auf die Ebene. „Und hast du es herausgefunden?“

„Manchmal.“ Merrin lächelte, aber es war kein leichtes Lächeln. „An anderen Tagen denke ich, dass ich nur neue Dinge aus alten Namen gebaut habe. Früher hätte mich das wütend gemacht. Heute bin ich nicht sicher, ob das schlecht ist.“

„Vielleicht ist es das, was wir alle tun.“

„Taren würde daraus einen Satz über Wege machen.“

„Und Cal würde bedeutungsvoll nicken.“

„Dann sollten wir es ihnen nicht erzählen.“

Seren wollte gerade antworten, als etwas unter ihnen vibrierte.

Es war so schwach, dass sie zunächst glaubte, Merrin habe sich bewegt. Dann kam die zweite Erschütterung, diesmal deutlich genug, dass ein dünner Film aus Schwarzstaub von der Ceralitkante rutschte.

Beide standen gleichzeitig auf.

„Das war keine Messstation“, sagte Merrin.

Seren zog die Hellebarde aus der Tasche und ließ die Segmente einrasten. „Nein.“

Die dritte Bewegung kam nicht von unten, sondern seitlich. Etwa dreißig Meter entfernt brach eine dünne Eisplatte auf, und etwas Dunkles schob sich darunter hervor. Seren sah zuerst nur eine gekrümmte Oberfläche, dann mehrere gegliederte Fortsätze, die sich in den Boden gruben. Das Wesen war niedriger als sie erwartet hatte, kaum bis zu ihrer Hüfte, dafür fast doppelt so lang wie ein Mensch. Sein Rücken war von dunklen, mineralisch wirkenden Platten bedeckt, zwischen denen blasses Gewebe sichtbar wurde, und dort, wo Seren einen Kopf vermutete, öffneten sich mehrere schmale Spalten.

Merrin bewegte sich keinen Schritt zurück. „Das erklärt die Wärme.“

„Vielleicht.“

„Du bist sehr konsequent mit deinen Vermutungen.“

„Es hat uns noch nicht angegriffen.“

Das Wesen blieb stehen. Einer seiner vorderen Fortsätze berührte die beschädigte Messstation, und für einen Moment verstand Seren, was geschehen sein musste. Das Gerät hatte nicht im Weg eines großen Tieres gestanden; es war über einer Stelle verankert worden, die dieses Wesen von unten erreichen wollte. Vielleicht Wärme, vielleicht Mineralien, vielleicht etwas völlig anderes. Die Kratzer auf der Rückseite passten zu den harten Kanten seiner Gliedmaßen.

Seren senkte die Spitze ihrer Hellebarde ein wenig. „Wir gehen zurück. Langsam.“

Merrin sah sie an. „Du willst es nicht untersuchen?“

„Doch. Deshalb möchte ich vermeiden, dass einer von uns es vorher tötet.“

Sie hatten kaum drei Schritte gemacht, als hinter ihnen Eis splitterte.

Ein zweites Wesen brach aus einer schmalen Spalte hervor, diesmal näher. Es war kleiner, bewegte sich aber schneller und stieß einen tiefen, vibrierenden Laut aus, der Seren mehr im Brustkorb als in den Ohren traf. Das erste Tier reagierte sofort, richtete den Vorderkörper auf und stellte sich zwischen sie und die beschädigte Station.

„Jetzt?“, fragte Merrin.

„Noch immer nicht.“

Seren verlagerte die Hellebarde quer vor den Körper. Das kleinere Wesen kam näher, blieb jedoch nicht stehen. Als es den Abstand in einem plötzlichen Satz überbrückte, wich Seren zur Seite aus und lenkte einen seiner Fortsätze mit dem Schaft der Waffe ab. Die Wucht überraschte sie. Das Tier war leichter als ein Mensch, besaß aber genug Kraft, um sie zwei Schritte über das Ceralit zu schieben.

Merrin hob eine Hand. Dunkle Energie flackerte zwischen ihren Fingern, doch Seren rief ihren Namen, bevor sie sie freisetzen konnte.

„Nicht verletzen!“

„Das wäre einfacher, wenn es denselben Plan hätte.“

Das Wesen griff erneut an. Diesmal wartete Seren länger, ließ es näher kommen und drehte sich erst im letzten Augenblick aus seiner Bewegung. Die Hellebarde beschrieb einen engen Bogen, nicht mit der Klinge, sondern mit dem unteren Ende des Schafts, und traf seitlich gegen eine der harten Rückenplatten. Der Stoß änderte die Richtung des Tieres gerade genug, dass es an ihr vorbeirutschte.

Seren sah, wie Merrin sie beobachtete, und wusste, dass die Nightsister verstanden hatte. Es ging nicht darum, stärker zu sein. Seren las die Bewegung, suchte den Moment, in dem das Wesen sich bereits entschieden hatte, und nutzte genau diese Entscheidung gegen es.

Beim dritten Angriff tat Merrin dasselbe auf ihre Weise.

Sie ließ die dunkle Energie nicht gegen das Tier schlagen, sondern zog sie über den Boden. Schwarzstaub wirbelte auf, das Ceralit unter den vorderen Gliedmaßen verschob sich, und das Wesen verlor für einen Augenblick den Halt. Seren nutzte diesen Moment, um mit dem Schaft zwischen zwei seiner Fortsätze zu gehen und es seitlich abzudrängen, bis zwischen ihnen wieder mehrere Meter lagen.

„Das war besser“, sagte sie.

Merrin sah sie empört an. „Du bewertest mich?“

„Nur konstruktiv.“

„Ich beginne zu verstehen, weshalb Taren manchmal so aussieht.“

Das größere Tier gab erneut den tiefen Laut von sich. Diesmal antwortete das kleinere sofort und zog sich zurück. Seren hielt ihre Waffe bereit, folgte ihm jedoch nicht. Beide Wesen bewegten sich zur aufgebrochenen Eisfläche, und erst jetzt bemerkte sie, dass dort etwas Kleineres zwischen den Ceralitrippen lag.

Kein drittes ausgewachsenes Tier.

Ein Junges.

Es war kaum größer als BD-1, besaß noch keine vollständig ausgebildeten Rückenplatten und hatte sich mit einem seiner hinteren Glieder in einem Rest der Verankerung verfangen, die von der Messstation im Boden geblieben war.

Merrin atmete hörbar aus. „Wir standen zwischen ihnen und dem Jungen.“

„Und haben uns gefragt, weshalb sie unfreundlich werden.“

„Das ist ebenfalls etwas, das Cal tun würde.“

Seren senkte die Hellebarde vollständig. Das größere Tier stellte sich neben das Junge und versuchte, die Metallstrebe mit einem seiner Fortsätze zu bewegen, schaffte es jedoch nicht. Jedes Mal, wenn es daran zog, spannte sich das eingeklemmte Glied stärker.

„Wenn wir gehen, bleibt es dort“, sagte Merrin.

„Ich weiß.“

„Wenn wir näher kommen, greifen sie wahrscheinlich wieder an.“

„Das weiß ich ebenfalls.“

Merrin betrachtete sie. „Du wirst trotzdem hingehen.“

Seren sah auf die beiden Tiere und das Junge zwischen ihnen. „Eine Jägerin ist nicht nur jemand, der weiß, wie man etwas tötet.“

Für einen Moment sagte Merrin nichts. Dann zog sie ihre Kapuze zurück und trat neben Seren. „Gut. Dann finden wir heraus, ob zwei Jägerinnen auch wissen, wie man etwas rettet, das sie gerade noch angreifen wollte.“

Sie gingen nicht direkt auf die Tiere zu. Seren legte ihre Hellebarde sichtbar auf den Boden und bewegte sich seitlich, während Merrin Abstand hielt. Das größere Wesen reagierte sofort, doch statt weiterzugehen, blieb Seren stehen. Sie wartete, bis der vibrierende Laut nachließ, machte einen weiteren Schritt und hielt wieder inne.

Es dauerte lange.

Später hätte Seren nicht sagen können, ob das Tier tatsächlich begriff, was sie versuchte, oder ob es lediglich zu erschöpft war, um erneut anzugreifen. Schließlich standen nur noch wenige Meter zwischen ihr und der Metallstrebe.

Merrin blieb weiter zurück. „Ich kann sie bewegen, ohne das Junge zu berühren.“

Seren nickte. „Langsam. Wenn die Tiere reagieren, hörst du auf.“

Merrin hob beide Hände. Die Luft um die verbogene Verankerung schien für einen Moment dunkler zu werden. Metall knirschte, bewegte sich kaum sichtbar und bog sich dann wenige Zentimeter nach außen.

Das Junge zog sein Glied frei.

Alles geschah danach schneller, als Seren erwartet hatte. Das größere Wesen stieß einen Laut aus, das Junge kroch unter seinen Körper, und das kleinere Tier bewegte sich zwischen Merrin und Seren. Keines griff an. Wenige Augenblicke später verschwanden alle drei in der Spalte, aus der sie gekommen waren, und nur die gebrochene Eisfläche bewies, dass sie überhaupt dort gewesen waren.

Merrin ließ die Hände sinken. „Nun wissen wir, was die Station bewegt hat.“

Seren hob ihre Hellebarde auf. „Wir wissen, was sie wahrscheinlich bewegt hat.“

Merrin starrte sie an.

Seren hielt zwei Herzschläge durch, bevor sie lachen musste.

Auf dem Rückweg zum Transporter markierten sie jede Spur, die sie gefunden hatten, und übermittelten Nerava die Koordinaten. Die Messstation würde nicht wieder an derselben Stelle aufgebaut werden, und Yalena bekam deutlich mehr Daten, als sie am Morgen erwartet hatte. Seren bestand darauf, den Bereich vorerst nicht zu betreten, bis sie wussten, wie groß das unterirdische System war und ob weitere Tiere dort lebten. Es war keine Frage von Angst, sondern von Respekt vor etwas, dessen Lebensraum sie unwissentlich mit ihren Geräten gestört hatten.

Als der Transporter wieder in Richtung Nerava fuhr, saß Merrin eine Weile schweigend neben ihr. Seren hatte gelernt, dieses Schweigen nicht mit Unbehagen zu verwechseln.

„Du hast die Klinge nicht einmal benutzt“, sagte Merrin schließlich.

„Doch. Ich habe sie gestern geschärft.“

„Du weißt, was ich meine.“

Seren sah hinaus auf die Ebene. „Die lautlose Klinge ist nicht lautlos, weil niemand sie hört. Sie ist lautlos, weil sie erst sichtbar werden sollte, wenn alle anderen Möglichkeiten versagt haben. Zumindest wurde es mir so beigebracht. Manche meiner Lehrer haben den zweiten Teil später gern vergessen.“

Merrin ließ den Gedanken eine Weile stehen. „Du bewahrst also doch etwas von deiner alten Ordnung.“

„Mehr, als ich manchmal zugeben möchte. Ich entscheide nur inzwischen selbst, was davon es verdient.“

„Das gefällt mir.“

Seren warf ihr einen Blick zu. „Das war überraschend unkompliziert.“

„Soll ich etwas Unangenehmes hinzufügen?“

„Wenn du möchtest.“

Merrin dachte kurz nach. „Du hättest bei dem zweiten Angriff früher ausweichen können.“

Seren lachte. „Da ist sie.“

Als sie Nerava erreichten, warteten Cal und Taren tatsächlich an der inneren Schleuse. Beide versuchten so überzeugend, zufällig dort zu stehen, dass Merrin bereits beim Aussteigen zu lachen begann.

„Ihr habt uns nicht verfolgt“, stellte sie fest.

Cal hob die Hände. „Das war nie der Plan.“

„BD-1 wollte“, ergänzte Taren. „Wir waren die Vernünftigen.“

Aus dem Gang hinter ihnen kam ein empörter Triller.

Seren sah an Taren vorbei. BD-1 stand dort mit schräg gelegtem Kopf und wirkte keineswegs so, als akzeptiere er diese Darstellung der Ereignisse.

Merrin trat zu Cal und küsste ihn kurz. „Wir haben etwas gefunden.“

„Etwas Gefährliches?“

Sie überlegte. „Nur solange man zwischen ihm und seinem Jungen steht.“

Cal brauchte einen Moment. „Ich habe Fragen.“

„Das dachte ich mir.“

Taren war währenddessen zu Seren gekommen. Sein Blick wanderte über ihre Ausrüstung, blieb an einer frischen Schramme auf dem Schaft der Hellebarde hängen und kehrte zu ihrem Gesicht zurück. „Ruhiger Ausflug?“

Seren legte ihm die Hand an die Brust. „Vollkommen. Merrin kann das bestätigen.“

Merrin, die jedes Wort gehört hatte, wandte sich zu Cal. „Wir sollten gehen, bevor ich lügen muss.“

Taren sah ihr nach und dann wieder Seren an. „Ich nehme an, ich bekomme die längere Version später.“

„Beim Essen. Und bevor du anfängst, mir zu erklären, dass wir vorsichtiger hätten sein sollen, möchte ich dich daran erinnern, dass du morgen mit Cal und BD-1 zu einer Stelle hinauswillst, die ihr interessant nennt.“

„Das ist etwas völlig anderes.“

Seren küsste ihn auf die Wange und ging an ihm vorbei. „Natürlich.“

Merrin wartete einige Schritte weiter auf sie, und gemeinsam verschwanden sie im Gang, während hinter ihnen Cal und Taren in ein Gespräch gerieten, das bereits nach den ersten Sätzen bewies, dass beide Männer tatsächlich der Ansicht waren, ihre eigene geplante Erkundung sei selbstverständlich vernünftiger.

Seren hörte Merrin neben sich leise lachen.

„Morgen wieder?“, fragte die Nightsister.

Seren dachte an das dunkle Wesen unter dem Eis, an eine alte Ausbildung, die sich noch immer in jeder ihrer Bewegungen fand, und an die überraschende Leichtigkeit, mit der Merrin Dinge verstand, die Seren anderen erst lange hätte erklären müssen.

„Nicht morgen“, sagte sie. „Morgen lassen wir sie glauben, dass sie auch etwas Interessantes entdecken dürfen.“

Merrin nickte ernst. „Das ist großzügig.“

Diesmal lachten beide, und Seren stellte fest, dass sie sich bereits auf den nächsten gemeinsamen Weg freute.

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