Ilyra Mandor hatte den kleinen Metallkasten seit drei Tagen auf ihrem Arbeitstisch stehen, und obwohl sie sich jeden Morgen vorgenommen hatte, ihn endlich zu öffnen, war es ihr erstaunlich gut gelungen, stattdessen alles andere zu erledigen. Sie hatte Bestandslisten geprüft, alte Einträge ergänzt und sogar Arbeiten vorgezogen, die ohne weiteres bis zum Ende der Woche hätten warten können. Der Kasten war währenddessen keinen Fingerbreit von seinem Platz gewichen. Er war kaum länger als ihre Hand, an zwei Ecken eingedrückt und von einer dunklen Oxidschicht überzogen. Auf dem Deckel verlief eine eingeritzte Linie, die sich zweimal teilte und wieder zusammenfand. Ilyra kannte dieses Zeichen, ohne sagen zu können, woher, und gerade das war vermutlich der Grund, weshalb sie so tat, als sei der Gegenstand nicht wichtiger als irgendein vergessenes Werkzeug.
„Wenn du ihn noch länger so ansiehst, bekommt er vielleicht ein schlechtes Gewissen und öffnet sich von allein.“
Ilyra hob den Kopf. Ceresta lehnte im Türrahmen, eine schmale Werkzeugtasche über der Schulter, und trug jenen Ausdruck, bei dem nie ganz klar war, ob sie seit einer Minute zusah oder seit zehn. „Du klopfst inzwischen nicht einmal mehr.“
„Doch, natürlich. Ich habe sogar zweimal geklopft. Du hast nur nicht reagiert.“ Ceresta trat ein, blieb jedoch auf der anderen Seite des Tisches stehen. „Ich hatte also die Wahl zwischen Weggehen und der Annahme, dass du so tief in einer historischen Krise steckst, dass Hilfe erforderlich ist. Da Weggehen deutlich weniger interessant gewesen wäre, habe ich mich für die zweite Möglichkeit entschieden.“
Ilyra wollte etwas Trockenes erwidern, doch Cerestas Blick glitt vom Kasten zu ihr und blieb dort. Es war kein aufdringliches Mustern, eher ein stilles Prüfen, ob hinter ihrem Schweigen tatsächlich mehr steckte. Trotzdem löste die Aufmerksamkeit eine unerwartete Wärme in ihr aus. Ilyra kannte Ceresta inzwischen gut genug, um ihre Neugier nicht mehr mit Rücksichtslosigkeit zu verwechseln; neu war nur, dass sie plötzlich sehr genau bemerkte, wie dunkel ihre Augen wirkten, wenn sie nicht gerade über irgendeinen technischen Unsinn grinste. Als Ceresta offenbar erkannte, dass Ilyra ihren Blick erwiderte, zuckte etwas Unsicheres über ihr Gesicht. Sie sah nicht sofort weg, und genau das brachte Ilyras sorgfältig vorbereitete Antwort durcheinander.
„Eigentlich wollte ich dir nur den Speicher zurückbringen, den du mir gestern gegeben hast“, sagte Ceresta schließlich und legte einen kleinen Datenträger auf den Tisch. Ihre Stimme war ruhiger geworden. „Der Rest war nicht geplant.“
„Welcher Rest?“
Ceresta deutete auf den Kasten. „Der Teil, in dem ich versuche, nicht zu fragen, warum du einen Gegenstand ansiehst, als hätte er dich persönlich beleidigt. Ich bin darin offensichtlich nicht besonders gut.“
Ilyra lächelte, obwohl sie es nicht vorgehabt hatte. „Er gehörte meiner Großmutter.“
Damit verschwand Cerestas spielerischer Ton nicht vollständig, aber er trat zurück. Sie zog den zweiten Stuhl heran, setzte sich und wartete. Gerade dieses Warten machte es Ilyra leichter. Seit Ceresta bei BD-1 gelernt hatte, dass Interesse noch lange keine Erlaubnis bedeutete, war aus einer zunächst bewussten Vorsicht beinahe eine Gewohnheit geworden. Sie griff nicht nach Dingen, die anderen gehörten, nur weil sie sie spannend fand, und sie drängte Menschen nicht weiter, wenn sie spürte, dass eine Grenze erreicht war. Ilyra mochte das an ihr mehr, als sie erwartet hätte.
„Ich habe den Kasten seit ihrem Tod“, begann sie und strich mit dem Daumen über die Kante des Deckels. „Meine Großmutter hat Dinge aufgehoben. Nicht aus Sentimentalität, jedenfalls hätte sie das entschieden bestritten. Für alles gab es einen Grund, nur hielt sie es nicht immer für nötig, diesen Grund mit dem Rest der Familie zu teilen. Als Kind fand ich das geheimnisvoll. Später fand ich es vor allem anstrengend.“
Ceresta lächelte. „Ich glaube, ich hätte sie gemocht. Wahrscheinlich hätte sie mich nach zwei Tagen aus ihrer Wohnung geworfen, aber das muss ja kein Widerspruch sein.“
„Nach zwei Tagen? Du bist optimistisch. Sie konnte Menschen nicht ausstehen, die an Dingen herumschraubten, bevor sie verstanden hatten, was sie vor sich hatten.“
„Das ist eine völlig ungerechtfertigte Beschreibung meiner Arbeitsweise. Ich schraube meistens erst dann an Dingen herum, wenn ich zumindest eine überzeugende Theorie darüber habe, was sie sein könnten. Dass diese Theorie gelegentlich falsch ist, gehört zum wissenschaftlichen Prozess.“
Ilyra sah sie über den Kasten hinweg an. „Garith nennt es anders.“
„Garith benutzt für meine Arbeitsweise mehrere Begriffe, von denen die meisten in offiziellen Berichten nicht vorkommen sollten. Allerdings hat er mir gestern einen kompletten Sensorblock überlassen, ohne vorher dreimal nachzufragen, was ich damit vorhabe. Ich werte das als wachsende Zuneigung.“
„Oder als Erschöpfung.“
„Das wäre weniger schmeichelhaft, aber vermutlich realistischer.“
Die Neckerei verlief so selbstverständlich, dass Ilyra erst nach einigen Sätzen bemerkte, wie vertraut sie sich inzwischen anfühlte. Sie kannten die Pausen der anderen, wussten, wann ein Scherz weitergetragen werden durfte und wann nicht. Trotzdem war da seit kurzem etwas hinzugekommen. Cerestas Blick blieb manchmal länger an ihr hängen, und Ilyra ertappte sich dabei, dass sie darauf wartete. Wenn ihre Augen sich trafen, entstand für einen Moment ein kleines, irritierendes Chaos zwischen Wärme und Unsicherheit, als hätten beide bemerkt, dass sich etwas verschob, ohne schon entscheiden zu wollen, was es bedeutete.
Ilyra öffnete den Kasten.
Darin lagen keine Schätze, sondern Dinge, deren Bedeutung sich nicht auf den ersten Blick erschloss: ein schmaler Streifen dunkelroten Stoffes, zwei alte Datenplättchen mit längst überholten Anschlüssen, eine flache Scheibe aus einem grauen Material und darunter ein mehrfach gefaltetes Blatt aus faserigem, erstaunlich gut erhaltenem Material. Ceresta beugte sich ein wenig vor, hielt die Hände aber bei sich.
„Darf ich mir eines der Plättchen ansehen? Ich verspreche auch, es nicht sofort in irgendeine improvisierte Apparatur zu stecken.“
Ilyra schob es ihr hin. „Wenn du es zerstörst, erzähle ich Garith, du hättest freiwillig angeboten, seine komplette Ersatzteilverwaltung neu zu ordnen.“
Ceresta nahm den Speicher vorsichtig zwischen zwei Finger. „Das ist keine Drohung mehr, das ist psychologische Kriegsführung. Außerdem würde Garith misstrauisch werden. Niemand bietet so etwas freiwillig an.“
Sie drehte das Plättchen ins Licht und erklärte, dass das Format zwar alt, aber nicht hoffnungslos sei. Einen Adapter könne sie bauen, ohne dafür etwas auseinanderzunehmen, das Nerava dringender brauchte. Während sie sprach, wurde ihre Stimme ruhiger; Ilyra kannte diese Veränderung inzwischen. Sobald Ceresta ein technisches Problem ernsthaft interessierte, verschwand die demonstrative Leichtigkeit nicht, aber sie ordnete sich der Konzentration unter.
Ilyra nahm währenddessen die graue Scheibe heraus. Auf ihrer Oberfläche war dasselbe Linienmuster eingeritzt wie auf dem Deckel, nur feiner. Plötzlich erinnerte sie sich an eine Schale in der Wohnung ihrer Großmutter und an einen Anhänger, den die alte Frau nur zu bestimmten Anlässen getragen hatte. Damals hatte Ilyra nie gefragt, was das Zeichen bedeutete. Es war einfach Teil ihrer Kindheit gewesen, so selbstverständlich wie der Geruch nach Kräutern, die viel zu harte Sitzbank am Fenster und die Gewissheit, dass niemand die Wohnung ihrer Großmutter verlassen würde, ohne vorher etwas gegessen zu haben.
„Ich kenne das“, sagte sie. „Nicht die Scheibe, aber das Zeichen. Meine Großmutter hatte es noch an anderen Dingen.“
Ceresta legte den Speicher zurück. „Ein Familienzeichen vielleicht?“
„Vielleicht. Ich weiß es nicht.“
Als Ceresta die Hand ausstreckte, hielt sie auf halbem Weg inne. Ilyra bemerkte es und reichte ihr die Scheibe selbst. Ihre Finger berührten sich dabei nur kurz, doch die Reaktion war lächerlich deutlich. Wärme lief Ilyra über die Hand bis in den Unterarm, und für einen Moment war sie sich sehr bewusst, wie nah Ceresta saß. Als sie aufsah, begegnete sie deren Blick. Ceresta hatte die Berührung ebenfalls gespürt; das erkannte Ilyra an der winzigen Verzögerung, mit der sie die Scheibe nahm, und an einem Anflug von Verlegenheit, der so gar nicht zu ihrer sonstigen Sicherheit passen wollte.
Ceresta räusperte sich leise und betrachtete das Fundstück mit plötzlich bemerkenswerter Gründlichkeit. „Das Material ist interessant.“
Ilyra musste lächeln. „Natürlich ist es das.“
„Ich meine es ernst. Es erinnert mich weder an Ceralit noch an die Legierungen, die wir aus älteren Beständen kennen. Ich könnte es scannen, aber ich möchte nichts daran machen, solange du nicht sicher bist.“ Ceresta sah wieder auf, diesmal vorsichtiger, und die leichte Scham war noch nicht ganz aus ihrem Gesicht verschwunden. „Und bevor du fragst: Ja, ich rede gerade absichtlich über Materialkunde.“
„Das hatte ich vermutet.“
„Gut. Dann funktioniert es wenigstens.“
Ilyra lachte, und die Spannung löste sich gerade weit genug, um angenehm zu werden. Sie sagte Ceresta, dass der Scan bis morgen warten könne, und Ceresta akzeptierte das ohne Nachfrage. Stattdessen faltete Ilyra das Blatt auseinander. Die Schrift darauf war verblasst, aber noch lesbar. Es war keine Botschaft und kein historischer Bericht, sondern eine Liste von Namen. Mandor tauchte mehrfach auf, dazwischen andere Familiennamen, manche vertraut, manche längst vergessen. Neben einzelnen Einträgen standen Geburtsorte oder kurze Bemerkungen; zwei Zeilen waren so stark verwischt, dass nur einzelne Zeichen übrig geblieben waren. Ganz unten hatte ihre Großmutter einen Satz hinzugefügt.
Bewahren, bis jemand wieder fragt.
Ilyra las ihn zweimal und merkte, wie die Leichtigkeit des Abends aus ihr wich. Ceresta fragte nicht sofort nach. Erst als Ilyra das Blatt langsam auf den Tisch legte, wollte sie wissen, ob ihre Großmutter jemals erklärt habe, wer dieses „jemand“ sein sollte.
„Nein. Das wäre vermutlich zu einfach gewesen.“ Ilyra lehnte sich zurück und erzählte ihr von Abenden, an denen die Erwachsenen glaubten, sie schlafe längst, während im Nebenzimmer Namen fielen, die am nächsten Morgen niemand wiederholen wollte. Sie erinnerte sich an eine Tante, die regelmäßig darüber schimpfte, dass die Familie zu viele Dinge aufhob und zu wenig davon erklärte, und an ihre Großmutter, die auf eine konkrete Frage gern mit einer Geschichte antwortete, deren Zusammenhang sich erst Tage später erschloss oder manchmal überhaupt nicht. Während sie sprach, merkte Ilyra, dass sie längst nicht mehr nur über den Kasten redete. Sie erzählte von einer Kindheit, die sie selten mit jemandem teilte, von Menschen, die nicht mehr da waren, und von dem eigentümlichen Gefühl, nach all den Verlusten auf Tenebris wieder Gegenstände in der Hand zu halten, die jemand aus ihrer Familie vor langer Zeit für wichtig gehalten hatte.
Ceresta hörte zu, ohne jedes Schweigen sofort mit einer Frage zu füllen. Gelegentlich wollte sie einen Namen oder einen Ort genauer wissen, doch meistens ließ sie Ilyra den Weg selbst finden. Als Ilyra irgendwann verstummte, bemerkte sie, dass Ceresta sie mit einer Wärme ansah, die nichts mit technischer Neugier zu tun hatte. Diesmal war es Ilyra, die zuerst den Blick senkte. Nicht weil er ihr unangenehm war, sondern weil er es erschreckend wenig war. Die Erkenntnis brachte eine fast jugendliche Verlegenheit mit sich, über die sie sich im selben Moment ärgerte. Sie war erwachsen und hatte schwierigere Dinge überlebt als den Blick einer attraktiven Frau. Trotzdem brauchte sie einige Sekunden, bevor sie wieder aufsah.
Ceresta lächelte nicht spöttisch. „Danke, dass du mir das erzählst. Ich weiß, dass es für dich nicht nur irgendein alter Fund ist.“
Mehr sagte sie nicht, und gerade deshalb traf der Satz Ilyra stärker als jede Neckerei.
Draußen war Nerava inzwischen in den Abend übergegangen. Ein Lastgleiter zog mit tiefem Repulsorsummen zwischen den Gebäuden hindurch, irgendwo unterhalb rief jemand nach einem Kind, das offensichtlich keinerlei Absicht hatte, sich finden zu lassen, und aus einem benachbarten Raum drang das Klappern von Geschirr. Die neue Stadt hatte sich schneller einen Alltag geschaffen, als Ilyra für möglich gehalten hatte.
Ceresta warf einen Blick zur Tür und dann wieder zu ihr. „Du hast seit Stunden nichts gegessen. Und bevor du behauptest, das sei meine unbegründete Vermutung: Du hast vor ungefähr zehn Minuten aufgehört, mich zu korrigieren. Das passiert entweder bei schwerer Erschöpfung oder wenn du Hunger hast, und da du noch aufrecht sitzt, setze ich auf die zweite Möglichkeit.“
Ilyra schloss den Kasten. „Vielleicht wirst du einfach besser.“
„Das wäre natürlich schön, aber wir sollten uns bei wichtigen Entscheidungen nicht auf völlig unbelegte Hoffnungen verlassen.“ Ceresta stand auf, nahm ihre Werkzeugtasche und blieb dann einen Moment unschlüssig stehen. Zum ersten Mal wirkte sie nicht so, als habe sie den nächsten Satz längst fertig im Kopf. „Ich wollte ohnehin etwas essen. Wenn du mitkommen möchtest, könnten wir das gemeinsam tun.“
Das Angebot war schlicht genug, doch Cerestas leichte Unsicherheit machte deutlich, dass es diesmal nicht nur darum ging, zufällig denselben Speiseraum zu benutzen. Wieder entstand dieses kleine Chaos in Ilyras Brust, halb Wärme, halb Irritation darüber, wie sehr sie sich über eine so gewöhnliche Einladung freute.
„Beruflich?“, fragte sie, mehr um Ceresta noch einen Augenblick länger anzusehen als aus echtem Zweifel.
Cerestas Mundwinkel hob sich. „Wenn es dir Sicherheit gibt, kann ich währenddessen ausführlich über Diagnoseprotokolle sprechen. Allerdings besteht dann die Gefahr, dass du mich noch vor dem Hauptgericht verlässt.“
„Das wäre keine Einladung, sondern eine Drohung.“
„Dann ausdrücklich nicht beruflich.“ Ceresta hielt ihrem Blick stand. Diesmal lag darin weniger Verlegenheit und mehr vorsichtige Erwartung. „Nur Abendessen. Mit mir.“
Ilyra spürte, wie sich Wärme in ihrem Gesicht ausbreitete, und wusste genau, dass Ceresta es bemerkte. Für einen Moment wollte sie sich darüber ärgern. Stattdessen stellte sie fest, dass Ceresta selbst leicht rot geworden war, und plötzlich war die Situation nicht mehr peinlich, sondern beinahe vertraut: zwei Frauen, die beide wussten, dass sich etwas verschob, und die noch nicht entschieden hatten, wie offen sie es benennen wollten.
„Gut“, sagte Ilyra. „Nur Abendessen.“
Ceresta nickte, als hätte sie gerade eine technisch anspruchsvolle Reparatur erfolgreich abgeschlossen. „Damit kann ich arbeiten.“
Sie gingen in einen kleinen Speiseraum zwei Ebenen tiefer, der erst seit wenigen Wochen geöffnet hatte. Dort gab es sechs Tische, zu helle Lampen und einen Besitzer, der offenbar der Meinung war, jedes Gericht werde besser, wenn man nur genügend Gewürze darüberstreute. Ilyra kannte fast die Hälfte der Menschen im Raum. Zwei Techniker aus der Wasseraufbereitung saßen mit ihren Kindern an einem Tisch; ein älteres Paar diskutierte darüber, wer am nächsten Morgen den Familiengleiter brauchte, und in einer Ecke versuchte ein junger Mann seiner Partnerin zu erklären, warum ein Gespräch mit einer anderen Frau keineswegs Flirten gewesen sei. Mit jedem Satz verschlechterte er seine Lage, was Ceresta irgendwann dazu brachte, sich zu Ilyra zu beugen und leise zu fragen, ob man ihn aus humanitären Gründen stoppen sollte.
„Nein“, erwiderte Ilyra ebenso leise. „Er hat sich selbst in diese Situation gebracht. Jetzt muss er lernen.“
Ceresta beobachtete, wie der junge Mann gerade den katastrophalen Satz benutzte, seine Partnerin verstehe das völlig falsch, und verzog das Gesicht. „Ich nehme alles zurück. Manche Systeme sollte man abschalten, bevor der Schaden größer wird.“
Aus dieser Bemerkung entwickelte sich keine Folge schneller Pointen, sondern ein langes, leichtes Gespräch. Ceresta erzählte von einem Erkundungsdroiden, der am Nachmittag entschieden hatte, eine Werkzeugkiste sei ein Sicherheitsrisiko und müsse aus dem Weg geräumt werden. Leider hatte er als geeigneten Ablageort Gariths Arbeitsplatz gewählt. Daraus wurde eine Geschichte über Gariths Fähigkeit, mit einem einzigen Blick ganze technische Teams zu disziplinieren, über Cerestas Behauptung, der Droide habe vollkommen logisch gehandelt, und über Ilyras Zweifel, ob „logisch“ und „von Ceresta programmiert“ in diesem Fall wirklich zwei unterschiedliche Dinge seien.
Währenddessen bemerkte Ilyra immer wieder Cerestas Blick. Er blieb an ihr hängen, wenn sie lachte, folgte ihren Händen, wenn sie sprach, und kehrte danach zu ihren Augen zurück. Anfangs tat Ilyra so, als bemerke sie es nicht. Später begann sie, ihn bewusst zu erwidern. Jedes Mal veränderte sich etwas zwischen ihnen. Ceresta wurde für einen Herzschlag stiller, als hätte sie nicht damit gerechnet, ertappt zu werden, und Ilyra spürte dieselbe Mischung aus Wärme und leichter Scham, die sie schon im Arbeitsraum überfallen hatte. Doch mit jedem Mal wurde die Scham schwächer und die Vertrautheit stärker.
Irgendwann erzählte Ceresta gerade von einer misslungenen Kalibrierung, als Ilyra bemerkte, dass sie nicht mehr auf die Geschichte achtete. Cerestas Lippen bewegten sich, ihre Hände beschrieben irgendeine Kurve in der Luft, und Ilyra fragte sich plötzlich, wie es sich anfühlen würde, wenn diese Hände nicht über technische Probleme gestikulierten, sondern sie berührten. Der Gedanke kam so unvermittelt, dass sie den Blick senkte.
Ceresta brach mitten in ihrer Erklärung ab und fragte leise, ob alles in Ordnung sei. Ilyra griff nach ihrem Becher und behauptete, sie habe nur den Faden verloren. Als sie wieder aufsah, erkannte sie jedoch sofort, dass Ceresta verstanden hatte, dass es nicht die Geschichte gewesen war. In ihrem Gesicht lag dieselbe Irritation wie in Ilyras eigenem, aber darunter etwas Wärmeres, vorsichtigeres. Für einen kurzen Moment glitt Cerestas Blick zu Ilyras Mund und sofort wieder zurück. Die Bewegung war klein, beinahe unwillkürlich, und trotzdem traf sie Ilyra wie eine Berührung.
„Dann waren wir schon zu zweit“, sagte Ceresta, und die leichte Röte auf ihren Wangen machte den Satz ehrlicher, als er vermutlich geplant gewesen war.
Mehr brauchten sie in diesem Moment nicht zu sagen. Das Gespräch fand nach einigen Sekunden wieder seinen Weg, zunächst über harmlose Dinge, später über die Frage, was Nerava für jede von ihnen inzwischen bedeutete. Ceresta sprach davon, wie seltsam es sei, an einem Ort Maschinen zu bauen, die nicht für eine Reise oder einen einzelnen Auftrag gedacht waren, sondern dafür, dass Menschen hier in fünf oder zehn Jahren noch leben konnten. Ilyra erzählte, dass sie anfangs jedes provisorische Gebäude als etwas Vorübergehendes betrachtet hatte und sich inzwischen dabei ertappte, über schlecht instand gehaltene Wege zu schimpfen. Es war kein Streit und keine Neckerei, nur ein langes Gespräch, in dem sie einander etwas mehr zeigten, als sie am Morgen beabsichtigt hatten.
Als sie später gemeinsam zurückgingen, war der Gang an einer abgestellten Transportkiste so schmal, dass sie nebeneinander kaum hindurchpassten. Ihre Hände berührten sich. Keine von beiden konnte behaupten, es sei Absicht gewesen, doch diesmal zog auch keine die Hand sofort zurück. Ihre Finger glitten für zwei oder drei Schritte gegeneinander, bevor der Gang wieder breiter wurde.
Ilyra spürte die Berührung noch, als längst wieder Abstand zwischen ihnen lag. Als sie Ceresta ansah, begegnete sie einem Blick, in dem dieselbe Überraschung lag, aber auch etwas, das sie nicht mehr nur Neugier nennen konnte. Verlangen wäre vielleicht noch ein zu großes Wort gewesen. Doch es stand bereits irgendwo in der Nähe und wartete darauf, dass eine von ihnen mutiger wurde.
Am nächsten Morgen lag der Adapter für das erste Datenplättchen auf Ilyras Tisch. Daneben stand ein Becher Caf und ein kleiner Zettel, auf dem Ceresta sie aufforderte, mit dem Öffnen zu warten, damit sie wenigstens anwesend sei, wenn sie versehentlich ein jahrhundertealtes Familiengeheimnis zerstörten. Darunter hatte sie ergänzt, dass sie es selbstverständlich fachgerecht zerstören würden.
Ilyra lachte und drehte den Zettel um. Auf der Rückseite standen nur vier Worte: Abendessen war schön.
Sie las den Satz länger, als nötig gewesen wäre. Die Erinnerung brachte sofort dieselbe Wärme zurück, zusammen mit dem Bild von Cerestas Blick, als ihre Hände sich berührt hatten. Ilyra nahm einen Stift und schrieb: Ja, war es. Nach kurzem Zögern setzte sie darunter: Wiederholung ausdrücklich möglich.
Als Ceresta wenig später hereinkam, blieb sie vor dem Zettel stehen. Sie las die Antwort, hob den Kopf und sah Ilyra an. Für einen Moment sagte keine von beiden etwas. Cerestas Lächeln begann langsam, fast vorsichtig, und Ilyra spürte, wie ihre eigene Anspannung sich in etwas Weicheres verwandelte.
„Ausdrücklich möglich“, sagte Ceresta schließlich. „Das ist deutlich besser als nicht ausgeschlossen. Ich nehme an, ich sollte diese bemerkenswerte Entwicklung nicht durch übermäßige Begeisterung gefährden.“
„Das wäre vernünftig.“
„Dann werde ich mich bemühen, meine Freude ausschließlich innerlich auszuleben.“
Ilyra sah auf das breite Lächeln in ihrem Gesicht. „Das funktioniert hervorragend.“
Ceresta lachte, doch ihr Blick blieb bei Ilyra, und plötzlich war da wieder diese Wärme. Diesmal wich Ilyra nicht aus. Sie ließ den Blick zwischen ihnen stehen, bis Ceresta als Erste leise ausatmete und sich dem Adapter zuwandte. Die leichte Röte auf ihren Wangen blieb noch eine Weile sichtbar.
Sie arbeiteten fast eine Stunde an dem Datenplättchen. Ceresta bezog Ilyra in die Entscheidungen ein, fertigte zuerst eine vollständige Kopie an und legte zwei Sicherungen an, bevor sie überhaupt versuchte, die beschädigten Formate zu öffnen. Der größte Teil des Speichers enthielt nichts Geheimnisvolles: Haushaltsaufzeichnungen, alte Nachrichten, beschädigte Bilder und Listen. Dann fanden sie eine Datei, die nur mit drei Zeichen und jenem geteilten Liniensymbol gekennzeichnet war.
Ceresta wurde ernst. Das Zeichen war dasselbe wie auf der Scheibe. Öffnen ließ sich die Datei zunächst nicht, und diesmal war es Ceresta, die Ilyra davon abhielt, vorschnell irgendeine Erklärung in die Lücke zu setzen. Erst nach mehreren vorsichtigen Versuchen ließ sich ein beschädigter Text rekonstruieren. Der größte Teil bestand aus unlesbaren Zeichen. Dazwischen erschienen einzelne Namen und Zahlen. Mandor war darunter, außerdem ein Familienname, den Ilyra von der Liste kannte. Weiter unten blieb eine kurze Passage erhalten.
…nicht im öffentlichen Register…
Danach fehlte ein großer Datenblock. Die nächste lesbare Zeile bestand nur aus wenigen Worten.
…Linie muss verborgen bleiben…
Ilyra lehnte sich zurück. Plötzlich wirkte der alte Metallkasten nicht mehr wie ein Behälter voller Erinnerungen, sondern wie der Rand einer Geschichte, die jemand absichtlich unvollständig hinterlassen hatte. Sie spürte, wie sich Unbehagen in ihr ausbreitete, nicht dramatisch, sondern langsam und hartnäckig. Ihre Familie hatte Dinge bewahrt. Das hatte sie gewusst. Dass jemand offenbar entschieden hatte, einen Teil davon aus öffentlichen Aufzeichnungen herauszuhalten, war etwas anderes.
Ceresta erinnerte sie daran, dass diese Fragmente vieles bedeuten konnten: einen geschützten Familienzweig, eine alte Sicherheitsmaßnahme oder etwas völlig Banales aus einer Zeit, deren Regeln sie nicht mehr kannten. Ihre Stimme war sachlich, aber nicht distanziert. Sie wollte Ilyra nicht beruhigen, indem sie das Gefundene kleinredete; sie wollte verhindern, dass aus fehlenden Informationen vorschnell Gewissheiten wurden.
„Du bist heute erschreckend vernünftig“, sagte Ilyra.
„Ich gebe mir Mühe. Es ist anstrengend.“ Ceresta schwieg kurz, dann legte sie ihre Hand auf den Tisch, dicht neben Ilyras. „Und du musst das nicht heute herausfinden.“
Ilyra blickte auf die Hand. Diesmal war keine zufällige Berührung nötig. Sie schob ihre Finger hinüber und legte sie auf Cerestas. Die Bewegung war klein, aber sie fühlte sich mutiger an als alles, was am Abend zuvor zwischen ihnen passiert war.
Ceresta wurde still. Ilyra spürte, wie sich ihre Finger unter ihren leicht bewegten, nicht um die Berührung zu lösen, sondern um sie zu erwidern. Als sie aufsah, traf sie Cerestas Blick. Darin lag Wärme, aber auch jene leichte Unsicherheit, die Ilyra inzwischen fast zärtlich fand. Ceresta schien selbst überrascht davon zu sein, wie viel diese einfache Berührung mit ihr machte. Ihr Blick wanderte wieder für einen flüchtigen Moment zu Ilyras Mund, und diesmal bemerkte sie offenbar, dass Ilyra es gesehen hatte. Ein Hauch von Scham färbte ihre Wangen.
Ilyra hätte wegsehen können. Stattdessen drückte sie Cerestas Hand leicht.
Die Verlegenheit verschwand nicht, aber sie wurde von etwas anderem überlagert: einer Vertrautheit, die noch jung war und trotzdem schon erstaunlich selbstverständlich wirkte. Darunter war nun eindeutig mehr. Kein Kuss, noch nicht, keine überstürzte Gewissheit. Nur das wachsende Wissen, dass sie beide denselben Schritt näher an etwas herangetreten waren, das sich nicht mehr lange als bloße Freundschaft erklären lassen würde.
Draußen zog ein Repulsorgleiter über Nerava hinweg, irgendwo begann eine neue Schicht, und in einem anderen Teil der Stadt stritt vermutlich gerade irgendeine Familie darüber, wer vergessen hatte, etwas einzukaufen. Vor ihnen stand ein alter Metallkasten mit den Resten einer Geschichte, die jemand vor langer Zeit für wichtig genug gehalten hatte, um sie zu verbergen.
Ilyra wusste noch nicht, was diese Geschichte mit ihr zu tun hatte. Sie wusste nur, dass Cerestas Hand noch immer unter ihrer lag und dass sie zum ersten Mal seit langer Zeit nicht das Bedürfnis verspürte, eine schwierige Antwort allein zu finden.