Der erste Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmte, kam nicht als Alarm, sondern als Verspätung, und vielleicht war gerade das der Grund, weshalb Daron Kesht zunächst noch versuchte, sie wie eine gewöhnliche Abweichung zu behandeln. Die Neris hätte Nerava kurz nach Beginn der zweiten Nachtschicht erreichen sollen. Sie war ein kleiner Transporter mit zwei Besatzungsmitgliedern, unscheinbar genug, um in einem geschäftigen Hafen kaum länger als einen Augenblick aufzufallen, und genau deshalb hatte Taren sie für einen der neuen Beschaffungsflüge ausgewählt. Seit die Mantis nicht mehr sämtliche Einkäufe selbst übernahm, wurden Waren über verschiedene Orte, Schiffe und Übergabepunkte verteilt. Kein einzelner Flug sollte verraten, dass irgendwo jenseits der bekannten Routen eine Siedlung regelmäßig Filter, Ersatzteile, Medikamente und all die anderen unspektakulären Dinge benötigte, ohne die aus einem Zufluchtsort niemals ein dauerhaftes Zuhause werden konnte.
Die Neris hatte ihre Fracht planmäßig übernommen: medizinische Membranen, Komponenten für die Energieverteilung und mehrere Kisten gewöhnlicher Verbindungselemente, deren Bedeutung Garith mit der trockenen Feststellung begründet hatte, dass eine Stadt offenbar imstande sei, Schrauben und Kupplungen in einer Geschwindigkeit zu verschlingen, die jeder vernünftigen technischen Theorie widerspreche. Danach hatte das Schiff zwei Systeme durchquert, den letzten vereinbarten Zwischenpunkt erreicht und hätte sich von dort aus melden sollen. Als die Bestätigung ausblieb, wartete Daron lange genug, um nicht wegen jeder Verzögerung die Sicherheitsstruktur Neravas in Bewegung zu setzen, aber nicht so lange, dass aus Vorsicht Nachlässigkeit werden konnte.
Taren war noch wach, als es an der Tür ihres Quartiers klopfte. Er hatte eigentlich nur einen Becher Caf holen wollen und war anschließend an einem der neuen Navigationsdatensätze hängen geblieben. Seren saß auf der Kante des Bettes und zog bereits ihre Stiefel an, bevor Daron seine Erklärung beendet hatte. Taren griff nach der Jacke, die seit einigen Tagen tatsächlich an einem Haken neben der Tür hing, statt über irgendeiner Stuhllehne zu landen.
Seren bemerkte seinen Blick und zog den zweiten Stiefel fest. „Du siehst aus, als würdest du gerade darüber nachdenken, ob das schon Sesshaftigkeit ist.“
„Ich habe eine Jacke aufgehängt.“
„Freiwillig.“
„Das beweist gar nichts.“
„Natürlich nicht. Wenn du irgendwann anfängst, Dinge in Schubladen zu legen, werde ich mir Sorgen machen.“
Taren schob den Arm in den Ärmel und sah sie an. „Du hast gestern meine Handschuhe weggeräumt.“
„Weil sie mitten auf dem Tisch lagen.“
„Ich wusste genau, wo sie waren.“
„Das ist vermutlich die älteste Verteidigung eines unordentlichen Menschen in der Geschichte der Galaxis.“
Daron stand im Gang und wartete mit einer Geduld, die zunehmend den Eindruck erweckte, er bereue es, überhaupt persönlich gekommen zu sein. „Wenn ihr eure häusliche Krise für einige Minuten verschieben könntet: Die Neris ist inzwischen siebenundzwanzig Minuten überfällig.“
Damit war die Leichtigkeit aus dem Raum verschwunden, ohne dass sie vollständig verloren ging. Seren stand auf, strich Taren beim Vorbeigehen kurz über den Rücken und folgte Daron in den Korridor. Auf dem Weg zur Leitstelle erklärte er, dass der letzte reguläre Kontakt vor dem Transferpunkt erfolgt sei. Seitdem habe es weder eine Meldung noch einen Notruf gegeben. Der vorgesehene Ausweichkurs sei ebenfalls still geblieben.
„Und deshalb holst du uns jetzt“, sagte Seren.
„Nicht nur deshalb. Die Langstreckensensoren haben vor wenigen Minuten einen Kontakt am äußeren Rand des Korridors erfasst. Zu schwach für eine sichere Identifikation, aber die ersten Ziffern der Kennung passen.“
Als sie die Leitstelle erreichten, lag der Kontakt bereits auf der großen Navigationsprojektion. Taren trat näher heran und ließ sich nicht die berechnete Flugbahn, sondern die Rohdaten anzeigen. Der Punkt befand sich deutlich außerhalb des vorgesehenen Eintrittsvektors und bewegte sich so langsam, dass die automatische Darstellung ihn zunächst fast wie ein stehendes Objekt behandelte. Erst in der vergrößerten Aufzeichnung wurden die kleinen Kursänderungen sichtbar.
Daron fragte, ob ein Antriebsdefekt die Abweichung erklären könne. Taren ließ zwei der Korrekturen übereinanderlegen und schüttelte den Kopf. „Ein ausgefallener Hauptantrieb kann sie treiben lassen, aber das hier sind bewusste Steuerimpulse. Jemand an Bord versucht, das Schiff am Rand des Korridors zu halten. Sie fliegen nicht mehr wirklich; sie verhindern nur, dass sie vollständig herausfallen.“
Seren stand neben ihm und betrachtete die schwankende Spur. „Dann lebt wenigstens noch jemand.“
„Ja. Und irgendetwas hat dafür gesorgt, dass sie ihren geplanten Kurs nicht fliegen können.“
Daron gab zwei Patrouillenschiffen Startfreigabe. Eines sollte direkt zur Neris, das andere mit Abstand die Umgebung absuchen und insbesondere darauf achten, ob sich ein weiterer Kontakt außerhalb der üblichen Sensorbereiche bewegte. Gleichzeitig informierte Seren die medizinische Station. Ihre Stimme blieb ruhig und sachlich, während sie erklärte, dass möglicherweise zwei Verletzte eintreffen würden und die Neris wegen eines unbekannten Schadens nicht über den regulären Landebereich hereinkommen sollte.
Taren hörte ihr nur mit halber Aufmerksamkeit zu. Sein Blick blieb auf den Daten. Die neue Versorgungsstrategie war seine Idee gewesen, zumindest in der Form, in der sie nun genutzt wurde. Verschiedene Einkaufsorte, wechselnde Zwischenstationen, Übergaben, die nie zweimal auf dieselbe Weise erfolgten. Die Mantis sollte kein Leuchtfeuer mehr sein, das jedem geduldigen Beobachter zeigte, dass ihre ungewöhnlichen Flüge einem Muster folgten. Wenn die Neris trotzdem verfolgt worden war, bedeutete das nicht automatisch, dass der Plan falsch gewesen war. Es bedeutete aber, dass jemand draußen genauer hinsah, als ihm lieb war.
Seren beendete das Gespräch mit der medizinischen Station und blieb neben ihm stehen. Sie sagte zunächst nichts. Erst als Taren zum dritten Mal dieselben Kursdaten vergrößerte, legte sie die Hand auf seinen Unterarm.
„Du suchst gerade nach dem Fehler, bevor wir überhaupt wissen, ob es einen gab.“
„Wenn jemand ihnen gefolgt ist, gab es einen.“
„Vielleicht. Aber das macht ihn nicht automatisch zu deinem.“ Seren wartete, bis er sie ansah. „Du hast den Menschen da draußen eine Methode gegeben, mit der sie nicht jedes Mal denselben Weg fliegen müssen. Du hast ihnen nicht versprochen, dass nie etwas passieren kann. Das wäre auch für deine Verhältnisse ziemlich überheblich.“
Taren verzog den Mund. „Das sollte vermutlich tröstlich sein.“
„Nein. Ich wollte nur verhindern, dass du dir schon die Schuld gibst, bevor wir wissen, wem sie gehört. Wenn du Trost möchtest, kann ich später etwas Netteres versuchen.“
„Du bist erschreckend fürsorglich.“
„Sag das niemandem. Ich habe einen Ruf.“
Die Patrouillenschiffe erreichten die Neris vierzehn Minuten später. Das erste klare Nahbereichsbild erschien auf der Projektion, und die Gespräche in der Leitstelle verstummten fast gleichzeitig. Die Steuerbordseite des Transporters war aufgerissen. Eine äußere Verkleidung fehlte vollständig, die Kommunikationsanlage war nur noch ein dunkler, ausgefranster Bereich im Rumpf, und entlang des hinteren Schiffsteils lagen mehrere Einschläge. Der Hauptantrieb arbeitete mit geringer Leistung, gerade genug, um die Korrekturen zu erklären, die Taren in den Daten gesehen hatte.
Das erste Patrouillenschiff ging längsseits, während das zweite einen weiten Bogen um beide Schiffe flog. Für einige Minuten gab es nur knappe technische Meldungen über Druckwerte, Antrieb und den Zustand der Schleuse. Dann kam die Nachricht, auf die alle gewartet hatten: Beide Besatzungsmitglieder lebten. Eine Person war schwer verletzt, das Cockpit hielt den Druck, der hintere Bereich war teilweise dekomprimiert.
Seren war bereits unterwegs, als Daron die medizinische Schleuse als Andockpunkt freigab. Taren folgte ihr. Auf halbem Weg begegneten sie Cal und Merrin, die von der nächtlichen Aktivität aus ihrem Quartier gelockt worden waren. BD-1 saß auf Cals Schulter und gab einen fragenden Ton von sich.
„Die Neris ist beschädigt zurückgekommen“, erklärte Taren, ohne stehen zu bleiben. „Zwei Verletzte. Wir wissen noch nicht, was passiert ist.“
Cal brauchte keine weitere Aufforderung. „Kann ich etwas tun?“
„Im Moment wahrscheinlich nicht.“
Merrin sah Taren kurz an, dann Seren. „Das ist selten ein Grund für uns, nicht mitzukommen.“
Seren nickte in Richtung der medizinischen Station. „Dann kommt. Aber wenn Nalea euch hinauswirft, werde ich nicht vermitteln.“
Cal sah zu Merrin. „Warum habe ich das Gefühl, dass diese Warnung hauptsächlich an mich ging?“
Merrins Gesicht blieb vollkommen ernst. „Weil du Erfahrung hast.“
„Ich wurde ein einziges Mal hinausgeworfen.“
„Aus diesem Behandlungsraum.“
„Ich war verletzt.“
„Genau deshalb warst du dort.“
Cal öffnete den Mund, überlegte es sich anders und folgte ihnen. Taren warf Seren einen Seitenblick zu. Sie erwiderte ihn mit dem kaum sichtbaren Lächeln eines Menschen, der froh war, dass wenigstens eine Sache an diesem Abend völlig vorhersehbar blieb.
Die medizinische Station war vorbereitet, lange bevor die Neris anlegte. Nalea Marven stand mit zwei weiteren medizinischen Kräften an der Schleuse, hinter ihnen schwebte eine Trage in Bereitschaft. Sie hatte ihr Haar hastig zurückgebunden und wirkte so konzentriert, dass selbst Cal ohne Aufforderung an der Wand stehen blieb. Das äußere Tor öffnete sich erst, nachdem die Druckwerte ausgeglichen waren.
Der erste Mann, der durch die Schleuse kam, konnte selbst gehen, hielt den linken Arm jedoch eng an den Körper. Blut war über seine Schläfe bis zum Kragen seiner Jacke gelaufen. Taren kannte ihn als Jarek Solan, einen der Piloten, die Daron für die neuen Beschaffungsflüge freigegeben hatte. Hinter ihm brachten zwei Sicherheitsleute Lysa Korr herein. Sie war bei Bewusstsein, doch ihre Haut hatte die fahle Farbe eines Menschen, dessen Körper zu viel Kraft dafür brauchte, grundlegende Funktionen aufrechtzuerhalten. Nalea stellte keine einzige Frage, bevor die Trage an ihnen vorbei in den Behandlungsraum verschwand.
Jarek wollte hinterher, aber eine der medizinischen Kräfte setzte ihn auf eine Bank und begann, seinen Arm zu untersuchen. Er protestierte zunächst, bis Nalea aus dem Behandlungsraum zurückkam und ihn mit einem Blick bedachte, der Gariths berühmter Fähigkeit, ganze Werkstattbesatzungen schweigend zu disziplinieren, durchaus Konkurrenz machte.
„Lysa wird gerade versorgt“, sagte sie. „Du hast einen gebrochenen Arm, eine Platzwunde am Kopf und möglicherweise eine Gehirnerschütterung. Wenn du mir jetzt erklärst, dass das nicht wichtig ist, lasse ich dich von zwei Leuten festhalten, während wir es trotzdem behandeln.“
Jarek sah zu Taren, als erwarte er Unterstützung.
Taren hob beide Hände. „Ich würde ihr glauben.“
Cal nickte aus sicherer Entfernung. „Unbedingt.“
Nalea sah zu ihm hinüber. „Du hältst dich da raus.“
„Siehst du?“, murmelte Merrin. „Erfahrung.“
Trotz der Anspannung ging ein kurzes Lächeln durch den Raum. Jarek gab seinen Widerstand auf, und erst nachdem ein Scanner ausgeschlossen hatte, dass seine Kopfverletzung akut gefährlich war, erlaubte Nalea Daron, einige Fragen zu stellen. Sie blieb dabei in Hörweite und machte unmissverständlich klar, dass sie das Gespräch beenden würde, sobald Jarek nicht mehr konnte.
Seine Erinnerung kam zunächst in Bruchstücken. Der Transfer am unbewohnten Mond sei problemlos verlaufen. Sie hätten die Fracht übernommen und den Ort wie geplant verlassen. Im nächsten System sei ihnen ein älterer Frachter aufgefallen, weit genug entfernt, um zunächst bedeutungslos zu wirken. Er habe keinen direkten Kurs auf sie gehalten. Erst nach dem folgenden Sprung sei erneut ein Kontakt aufgetaucht.
Daron fragte, ob es dasselbe Schiff gewesen sei.
Jarek rieb sich mit der gesunden Hand über das Gesicht. „Ich weiß es nicht. Lysa meinte, die Signatur wäre anders. Vielleicht war sie es auch. Sie wollte den Flug abbrechen.“
Taren spürte, dass er die nächste Frage eigentlich nicht stellen musste, tat es aber trotzdem. „Warum habt ihr es nicht getan?“
Jarek schwieg so lange, dass Nalea bereits einen Schritt näher kam. Schließlich sah er auf den Boden. „Weil wir dachten, wir wären paranoid. Wir hatten einen Kontakt, der ein paar Minuten in derselben Richtung flog, und später noch einen. Nichts davon war eindeutig. Wenn wir jedes Mal umdrehen, sobald irgendwo ein Schiff auftaucht, bringen wir irgendwann gar nichts mehr nach Hause.“
Die Antwort traf Taren unangenehm genau. Auf einem Datenpad waren ihre Regeln eindeutig gewesen: Bei begründetem Verdacht auf Verfolgung sollte ein Beschaffungsflug abgebrochen werden. Im Cockpit eines kleinen Transporters sah dieselbe Entscheidung anders aus. Ein Abbruch kostete Treibstoff und Zeit, konnte eine Ladung unbrauchbar machen und zwang die Besatzung anschließend zu erklären, weshalb sie wegen eines Verdachts zurückgekehrt war. Regeln schützten Menschen nur dann, wenn man ihnen erlaubte, sie einzuhalten, ohne sich dabei wie Feiglinge oder Narren zu fühlen.
„Das müssen wir ändern“, sagte Taren.
Daron sah ihn an. „Die Regel?“
„Nein. Die Art, wie wir damit umgehen. Wenn jemand abbricht, weil ihm ein Kontakt nicht gefällt, wird das nicht im Nachhinein wie ein Fehler behandelt, den er rechtfertigen muss. Wir wollen, dass sie vorsichtig sind, also dürfen wir Vorsicht nicht bestrafen.“
Jarek hob den Blick. In seinem Gesicht lag Erschöpfung, aber auch Erleichterung darüber, dass Taren ihn nicht wegen einer Entscheidung verurteilte, deren Preis ohnehin bereits vor ihnen lag. „Wir haben am letzten Zwischenpunkt fast eine Stunde gewartet. Danach war nichts mehr auf den Sensoren. Wir dachten, wir hätten sie abgeschüttelt.“
„Sie?“, fragte Seren.
„Wen auch immer.“ Jarek atmete langsam ein. „Kurz vor dem Eintritt in den äußeren Bereich des Korridors kam ein Schiff aus dem Sensorschatten eines kleinen Mondes. Keine Kennung, keine Warnung. Es hat versucht, uns vom Kurs wegzudrücken. Lysa hat den Eintritt abgebrochen, weil wir sonst direkt in dessen Flugbahn geraten wären. Danach haben sie geschossen.“
Daron fragte nach den Treffern, und Jarek schüttelte den Kopf, als versuche er noch immer zu verstehen, warum sie lebten. Der Angreifer habe nicht zuerst auf Reaktor oder Cockpit gezielt. Die Kommunikation sei ausgefallen, anschließend hätten Treffer die Steuerbordseite beschädigt. Erst als Lysa den Kurs erneut auf den Korridor gelegt habe, sei auch der Antrieb getroffen worden.
„Sie wollten euch nicht zerstören“, sagte Taren.
Jarek sah ihn an. „Das hat Lysa auch gesagt.“
Seren stand mit verschränkten Armen an der gegenüberliegenden Wand. „Sie wollten, dass ihr stehen bleibt.“
„Oder dass jemand an Bord noch reden kann“, ergänzte Daron.
Jarek nickte. „Lysa hat den Antrieb überlastet und den Sprung ausgelöst, bevor die Berechnung fertig war. Ich habe ihr gesagt, dass das Wahnsinn ist. Sie hat gesagt, dass sie lieber mit dem Korridor diskutiert als mit Leuten, die auf uns schießen.“
Taren konnte sich trotz allem vorstellen, dass Lysa diesen Satz genau so gesagt hatte. Gleichzeitig zog sich in ihm etwas zusammen. Ein unsauberer Eintritt in den Vaal-Korridor war kein Manöver, das er irgendeinem Piloten empfohlen hätte. Dass die Neris überhaupt Tenebris erreicht hatte, verdankte sie einer Mischung aus Lysas Können, Glück und jener schwer greifbaren Eigenschaft der alten Wege, die sich noch immer nicht vollständig in Koordinaten und Berechnungen übersetzen ließ.
„Ist ihnen jemand gefolgt?“, fragte Daron.
Jarek schloss für einen Moment die Augen. „Ich weiß es nicht. Nach dem Sprung hatten wir kaum noch Sensoren. Lysa war schon verletzt. Ich habe nur versucht, uns irgendwie in Richtung Tenebris zu halten.“
Nalea beendete die Befragung, bevor Daron eine weitere Frage stellen konnte. Sie erklärte, dass Lysa operiert werden müsse; ein Splitter habe ihren Brustkorb verletzt, außerdem gebe es innere Blutungen. Jareks Verletzungen seien leichter, aber er brauche Ruhe und keine weitere Vernehmung. Als Daron ansetzte, die Dringlichkeit der Sicherheitslage zu erklären, sah Nalea ihn so lange an, bis er versprach, mindestens zwei Stunden zu warten.
Im Korridor vor der Station blieb die Gruppe stehen. Cal hatte während des Gesprächs kaum etwas gesagt. Nun sah er Taren an. „Wenn sie den Transporter stoppen wollten, wussten sie zumindest, dass er irgendwohin unterwegs war, das sie interessiert.“
„Ja“, antwortete Taren. „Aber das heißt noch nicht, dass sie wissen, wohin.“
Daron verschränkte die Arme. „Sie haben die Neris bis zum Korridor verfolgt.“
„Bis zu einem Eintrittspunkt.“ Taren ging ein paar Schritte zum Fenster am Ende des Korridors, wo die Lichter Neravas zwischen den Gebäuden lagen. „Das ist nicht dasselbe wie ein Weg. Der Korridor ist keine normale Hyperraumroute. Du kannst nicht einfach einen Vektor beobachten, dieselben Koordinaten eingeben und erwarten, am selben Ort herauszukommen. Die Bedingungen verändern sich. Übergänge verschieben sich. Manche Muster wiederholen sich, andere nicht.“
Cal trat neben ihn. „Und genau deshalb lernst du, sie zu lesen.“
Taren nickte. „Genau deshalb. Aber wenn jemand geduldig genug ist, kann er lernen. Vielleicht nicht so, wie wir es tun. Vielleicht durch Versuch und Irrtum. Vielleicht, indem er wartet, bis das nächste Schiff kommt.“
Seren war ihnen gefolgt. Ihr Blick lag nicht auf Taren, sondern draußen auf der Stadt. „Dann geben wir ihm vorerst kein nächstes Schiff.“
Daron verstand sofort. „Alle Beschaffungsflüge aussetzen.“
Taren antwortete nicht gleich. Die Entscheidung war richtig, und trotzdem sah er im selben Moment die Listen vor sich, die Garith, Nalea und die Versorgungskräfte in den vergangenen Tagen zusammengestellt hatten. Nerava war längst keine hilflose Ansammlung von Flüchtlingen mehr. Sie produzierten, reparierten, förderten Eis, arbeiteten Ceralit auf und bauten ihre eigenen Strukturen aus. Trotzdem gab es Dinge, die sie noch nicht selbst herstellen konnten. Medizinische Spezialmaterialien gehörten dazu, bestimmte Steuerkomponenten, einige Werkstoffe und Medikamente. Die Serrat war bisher nur eine Spur am Rand ihrer Versorgung gewesen, keine verlässliche Verbindung. Wenn sie die Außenflüge stoppten, begann eine Uhr zu laufen.
„Wir stoppen sie“, sagte er schließlich. „Aber nicht auf unbestimmte Zeit. Morgen will ich wissen, wie lange wir bei den kritischen Gütern tatsächlich durchhalten und was wir ersetzen oder selbst herstellen können. Nicht geschätzt, sondern sauber gerechnet.“
„Das klingt nach Garith“, sagte Cal.
„Ich werde ihm nicht sagen, dass du das behauptet hast.“
„Danke.“
Seren sah zwischen ihnen hin und her. „Ihr könnt später darüber entscheiden, wer von euch durch den Umgang mit Garith den größeren Schaden genommen hat. Daron, zusätzliche Sensorbojen an den äußeren Annäherungspunkten. Keine einzelne Route zweimal. Und ich will, dass die Bewohner am Morgen erfahren, was passiert ist, bevor Gerüchte die Arbeit für uns übernehmen.“
Daron nickte. „Ohne Details zum Korridor.“
„Natürlich. Aber wir sagen, dass ein Versorgungsschiff angegriffen wurde, beide Besatzungsmitglieder leben und die Flüge vorübergehend ausgesetzt werden. Wenn wir anfangen, Menschen ausgerechnet dann Informationen vorzuenthalten, wenn sie Angst haben könnten, haben wir aus den letzten Wochen nichts gelernt.“
Merrin hatte bislang schweigend am Fenster gestanden. Nun betrachtete sie die Lichter der Wohnbereiche. „Angst verschwindet nicht, weil man ihr keine Worte gibt. Sie sucht sich dann nur eigene.“
Seren sah zu ihr, und zwischen beiden lag für einen Moment jene stille Vertrautheit, die sich seit ihrem gemeinsamen Ausflug jenseits der Eisfelder entwickelt hatte. „Das ist ungefähr das, was ich sagen wollte.“
„Ich habe es kürzer gesagt.“
„Genieße den Moment. Er wird nicht oft vorkommen.“
Merrins Mundwinkel bewegte sich. „Cal sagt, ich solle Erfolge anerkennen.“
Cal sah sie überrascht an. „Wann habe ich das gesagt?“
„Irgendwann bestimmt.“
Diesmal war das Lächeln, das durch die Gruppe ging, müde, aber echt. Es hielt nicht lange, doch es genügte, um sie für einen Augenblick daran zu erinnern, dass sie nicht nur aus Entscheidungen und Gefahren bestanden.
Die Tür der medizinischen Station öffnete sich. Nalea trat heraus, zog die Handschuhe aus und sah zuerst zu Garith, der gerade aus dem anderen Korridor kam. Er musste von jemandem informiert worden sein; sein Gesicht war angespannt, obwohl weder Jarek noch Lysa zu seiner Familie gehörten. Vielleicht war es inzwischen genau das, was Nerava mit Menschen machte. Die Kreise wurden größer.
„Lysa ist stabil genug für die Operation“, sagte Nalea. „Das Team ist drin. Wir haben Blutkonserven, aber ich brauche für die nächsten Stunden zwei zusätzliche Kräfte aus der zweiten medizinischen Einheit. Außerdem will ich die Ladung der Neris prüfen lassen, bevor irgendetwas davon in unsere Bestände geht. Der hintere Frachtraum hat Druck verloren.“
Garith nickte bereits. „Ich kümmere mich um die Fracht.“
Nalea sah ihn an. „Du kümmerst dich darum, dass jemand anderes die Fracht prüft. Du hast morgen Frühschicht.“
„Nalea—“
„Garith.“
Er schloss den Mund.
Taren sah zu Cal. „Und du dachtest, du hättest Probleme.“
Cal nickte ernst. „Ich nehme alles zurück.“
Garith warf beiden einen Blick zu, der versprach, dass dieses Gespräch irgendwann fortgesetzt würde, sagte aber nichts mehr. Nalea bedankte sich bei Seren für die zusätzliche Unterstützung und verschwand wieder im Behandlungsraum.
Taren blieb noch einen Moment am Fenster. Unter ihnen bewegte sich Nerava durch die künstliche Nacht. Wartungsdrohnen schwebten zwischen Versorgungstrakten, in einzelnen Fenstern brannte Licht, und irgendwo dort schliefen Menschen, die am Morgen erfahren würden, dass jemand außerhalb ihres neuen Zuhauses begonnen hatte, nach einem Weg zu suchen, den sie selbst erst langsam wieder verstanden.
Seren trat neben ihn. Ihre Schulter berührte seine, nicht zufällig, aber auch nicht mit dem Bedürfnis, daraus eine Geste zu machen.
„Du denkst wieder“, sagte sie.
„Das passiert gelegentlich.“
„Ich weiß. Meistens erkennt man es daran, dass du sehr ernst auf etwas schaust, das dir keine Antwort geben kann.“
Taren wandte den Kopf zu ihr. „Der Himmel hat mir bisher tatsächlich wenig geholfen.“
„Vielleicht ist er nur höflich genug, dich selbst darauf kommen zu lassen.“
Er lächelte, doch als er wieder nach draußen sah, blieb die Unruhe. „Wer auch immer die Neris angegriffen hat, wollte wissen, wohin sie fliegt. Das war kein zufälliger Überfall.“
„Nein.“
„Und wenn sie gut sind, versuchen sie es wieder.“
Seren ließ einige Sekunden vergehen. „Dann werden wir besser sein.“
Es war kein Versprechen, dass nichts passieren würde, und Taren war dankbar dafür. Seren versprach selten Dinge, die niemand garantieren konnte. Stattdessen blieb sie neben ihm stehen, während hinter der Tür der medizinischen Station um Lysas Leben gearbeitet wurde und Daron bereits begann, die äußeren Sicherungen Neravas neu zu ordnen.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft auf Tenebris bestand die Gefahr nicht darin, ob sie hier leben konnten.
Jemand da draußen hatte begonnen, nach dem Weg zu ihnen zu suchen.