Korda Venn hatte in seinem Leben genug beschädigte Schiffe gesehen, um zu wissen, dass ein Wrack oft mehr über einen Angriff erzählte als die Menschen, die ihn überlebt hatten. Bei der Neris fehlte ihm allerdings das Wrack.
Was er besaß, waren Berichte aus zweiter und dritter Hand, einige ungewöhnlich schnell verschwundene Hafenaufzeichnungen und die Bestätigung, dass der kleine Versorger seinen Zielort schwer beschädigt erreicht hatte. Die Kommunikation war zerstört worden, eine Seite des Schiffes hatte mehrere Treffer abbekommen, und die Schäden am Heck passten zu dem Versuch, einen Piloten vom Kurs abzudrängen, ohne ihm sofort die Möglichkeit zur Flucht zu nehmen. Zwei Besatzungsmitglieder waren verletzt worden, eines davon schwer. Mehr wusste Korda nicht, und schon das war deutlich mehr, als irgendjemand außerhalb des Kreises wissen sollte, für den die Neris geflogen war.
Seit zwei Tagen beschäftigte ihn deshalb weniger die Frage, was geschehen war, als die Frage, wer außer ihnen noch verstanden hatte, dass hinter den Bewegungen der Mantis und ihrer kleineren Versorger etwas lag, das auf keiner gewöhnlichen Handelskarte erschien.
Die Serrat lag auf einem Außensteg von Pellin, wo Schiffe selten lange genug interessant blieben, um Fragen auszulösen. Ein alter Erzfrachter stand auf der einen Seite, auf der anderen wartete ein Versorgungsschiff, dessen Rumpf aus so vielen unterschiedlich lackierten Platten bestand, dass selbst Korda fand, die Serrat wirke daneben beinahe gepflegt. Aus der unteren Handelspassage zogen Gerüche nach gebratenem Gemüse, heißem Öl und überlasteten Energieleitungen über das Landefeld. Ein Ladekran schlug in regelmäßigen Abständen gegen seine Führungsschiene, ohne dass sich jemand daran störte.
Korda saß auf der abgesenkten Laderampe und hielt einen Becher Caf in der Hand, den er seit mehreren Minuten nicht mehr angerührt hatte. Er hatte ihn an einem Stand gekauft, dessen Besitzer behauptete, seit drei Generationen dasselbe Rezept zu verwenden. Nach dem ersten Schluck hatte Korda verstanden, warum niemand versucht hatte, es zu stehlen.
Sira Noll kam aus der Handelspassage zurück und setzte sich neben ihn. Sie hatte eine kleine Tüte mit zwei warmen Fladen dabei, stellte sie zwischen ihnen ab und griff anschließend nach seinem Becher.
„Tu dir das nicht an“, sagte Korda.
Sira probierte trotzdem, verzog das Gesicht und gab ihm den Caf zurück. „Ich wollte wissen, warum du ihn nicht trinkst. Jetzt weiß ich es.“
„Manche Erkenntnisse muss man selbst gewinnen.“
„Das ist eine erstaunlich philosophische Rechtfertigung dafür, dass du mir schlechten Caf überlässt.“
Sie nahm einen der Fladen aus der Tüte, während Korda den anderen öffnete und kurz betrachtete, was darin lag. Der Verkäufer hatte auf die Frage nach dem Fleisch lediglich gesagt, es sei frisch. Sira hatte offenbar beschlossen, dass dies als Information genügte.
Für eine Weile aßen sie schweigend und beobachteten das Treiben auf dem Landefeld. Korda mochte solche Orte. Große Häfen versuchten, jede Bewegung zu erfassen, jede Ladung zu registrieren und jedem Schiff einen Platz in einem System zu geben. Pellin funktionierte anders. Solange Gebühren bezahlt wurden, niemand auf dem Landefeld schoss und ein Frachter nicht so lange liegen blieb, dass er zum Gebäude wurde, interessierte sich kaum jemand dafür, woher man kam.
Genau deshalb waren sie hier.
„Rusk braucht lange“, sagte Sira irgendwann.
„Das ist entweder gut oder sehr schlecht.“
„Bei ihm kann es auch bedeuten, dass jemand das Wort Bergung in seiner Nähe benutzt hat.“
Korda lächelte. „Dann sehen wir ihn morgen wieder.“
Sira lehnte sich mit einer Hand hinter sich auf die Rampe. „Du hast seit dem Frühstück kaum etwas gesagt. Wenn du weiter so schweigsam wirst, muss ich anfangen, mir Sorgen zu machen.“
„Ich denke.“
„Das ist mir aufgefallen.“
Er sah zu ihr. „Willst du wissen, worüber?“
„Nein, ich sitze nur seit neun Jahren neben dir, weil ich die Aussicht mag.“
Korda ließ den Blick wieder über das Landefeld wandern. „Der Angriff auf die Neris passt nicht zu Piraten. Wer immer sie abgefangen hat, wollte das Schiff nicht zerstören und die Ladung offenbar auch nicht. Die Kommunikation wurde zuerst getroffen, danach haben sie versucht, die Neris aus ihrem Kurs zu zwingen. Das ergibt nur Sinn, wenn sie etwas von der Besatzung wollten.“
Sira nickte langsam. Sie hatten das in den vergangenen Tagen mehrfach besprochen, doch bisher war Korda immer bei der technischen Seite geblieben. Flugrichtung, Schäden, mögliche Waffenreichweite. Jetzt hörte sie ihm an, dass es um etwas anderes ging.
„Den Weg“, sagte sie.
„Vielleicht. Oder den Ort dahinter. Für uns macht das kaum einen Unterschied.“
„Doch.“ Sira zog ein Stück von ihrem Fladen ab und hielt es zwischen den Fingern, ohne es zu essen. „Wir haben nach einer Route gesucht, weil sie wertvoll sein könnte. Wenn jemand Menschen zusammenschießt, um dieselbe Route zu finden, ist das ein ziemlich großer Unterschied.“
Korda schwieg einen Moment. „Ich habe nie behauptet, dass wir bessere Menschen sind.“
„Das habe ich auch nicht gesagt.“
„Du hast es gedacht.“
„Nein. Ich kenne dich lange genug, um keine unnötig komplizierten Gedanken zu verschwenden.“
Er sah sie an, und Sira lächelte nur kurz, bevor sie wieder ernst wurde. „Wir haben eine Grenze. Das weißt du genauso gut wie ich. Wir öffnen verlassene Stationen, bergen Schiffe, deren Besitzer tot oder verschwunden sind, und verkaufen Dinge, die sonst im Vakuum verrotten würden. Aber wir schießen keine Piloten zusammen, weil sie uns nicht verraten wollen, wo sie herkommen. Wenn jemand hinter dieser Siedlung her ist und genau das tut, ist es nicht mehr nur Konkurrenz.“
Korda hatte auf eine andere Antwort gehofft, obwohl er wusste, dass sie ihm keine geben würde. Sira war gut darin, eine unangenehme Wahrheit so lange liegen zu lassen, bis er selbst zugab, dass sie da war.
„Wir kennen diese Leute nicht“, sagte er.
„Nein.“
„Wir wissen nicht einmal sicher, ob es eine Siedlung ist.“
„Nein.“
„Und wenn es eine ist, haben sie offenbar sehr viel Aufwand betrieben, damit Menschen wie wir sie nicht finden.“
Sira drehte den Kopf zu ihm. „Das ist vermutlich der Punkt, der dich am meisten stört.“
„Welcher?“
„Dass ich ihnen das nicht verdenken kann.“
Korda antwortete nicht. Sie hatte recht, und er mochte es nicht.
Die Tür hinter ihnen öffnete sich, bevor Sira das weiter ausnutzen konnte. Rusk Talven trat auf die Rampe und duckte sich wie immer unter dem Rahmen, obwohl über seinem Kopf genügend Platz war. Über einer Schulter hing seine Werkzeugtasche, in der anderen Hand hielt er ein Datenpad. Sein Gesichtsausdruck verriet bereits, dass er etwas gefunden hatte.
„Bevor ihr fragt: Nein, es gibt keinen republikanischen Schatztransporter“, sagte er.
Sira sah auf die Tasche. „Dann warst du wirklich arbeiten.“
„Ich arbeite immer.“
„Du erzählst nur nicht immer davon.“
Rusk setzte sich auf die andere Seite von Sira und nahm den Rest ihres Fladens, bevor sie reagieren konnte. Sie sah erst auf ihre leere Hand, dann zu ihm.
„Du weißt, dass ich dich dafür irgendwann aus einer Luftschleuse werfe.“
Rusk biss ab. „Du sagst das seit neun Jahren.“
„Ich warte auf den richtigen Moment.“
Korda hielt die Hand nach dem Datenpad aus. „Was hast du?“
Rusk reichte es ihm, während er kaute. „Die Leute, die nach der Neris gefragt haben, haben nicht direkt bezahlt. Das wussten wir. Ich habe die Kette weiter zurückverfolgt. Der angebliche Versicherer auf Pellin ist eine Fassade. Zwei Büros, drei Angestellte und in fünf Jahren weniger regulierte Schäden, als Sira an einem schlechten Abend beim Sabacc verursacht.“
„Das war einmal“, sagte Sira.
„Es war teuer.“
„Du hast mitgespielt.“
„Ich war jung.“
Korda öffnete die Daten. „Vor acht Monaten.“
Rusk ignorierte ihn. „Das Geld kam über Kharis. Dort wurde es von einem Konto weitergeleitet, das zu einer Firma auf Belisar gehört. Die Firma existiert nicht mehr, aber ihre Kennung wurde vor sechs Tagen für einen Treibstoffkauf auf Meren verwendet.“
Sira rückte näher. „Dieselbe Kennung?“
„Dieselbe Registrierung. Das Schiff selbst passt allerdings nicht dazu. Der Hafen hat genug Sensordaten gespeichert, um Größe und Antriebsleistung grob zu bestimmen. Was dort getankt hat, war kleiner und erheblich schneller als der Frachter, der in den Papieren steht.“
Korda ließ sich die Aufzeichnung zeigen. Je länger er sie betrachtete, desto weniger interessierte ihn die falsche Registrierung. Transponder ließen sich ändern, Firmen verschwanden, und in Häfen wie Pellin konnte man mit genügend Credits fast jede Geschichte kaufen. Wichtiger war die Reihe der Orte.
Meren. Kharis. Ordin.
Es waren nicht exakt dieselben Stationen, die die Serrat wegen der Mantis untersucht hatte, aber sie lagen nahe genug an deren Bewegungsmuster, dass Zufall als Erklärung unbequem wurde.
Sira erkannte es gleichzeitig. „Die waren schon vor der Neris auf derselben Spur.“
„Sieht so aus“, sagte Rusk. „Und sie sind besser darin, nicht aufzufallen. Ich habe die Kennung nur gefunden, weil ich wusste, wonach ich suchen musste.“
Korda legte die Daten über ihre eigenen Aufzeichnungen. Die Mantis erschien an mehreren Stellen, dazwischen die kleineren Beschaffungsflüge, die in den vergangenen Wochen zunehmend unregelmäßig geworden waren. Seit jemand begonnen hatte, die Versorgung auf mehrere Schiffe zu verteilen, war es schwieriger geworden, einzelne Bewegungen zu verfolgen. Für Korda war das zunächst nur eine Veränderung im Muster gewesen. Nach dem Angriff auf die Neris sah es anders aus.
Jemand hinter der verborgenen Siedlung hatte bemerkt, dass die alten Abläufe zu viel verrieten.
Und jemand anderes hatte trotzdem weitergesucht.
„Was ist mit dem Schiff selbst?“, fragte Korda.
Rusk zog eine zweite Aufzeichnung auf. „Das Antriebsprofil taucht gestern noch einmal auf. Ähnliche Masse, ähnliche Leistung, wieder eine andere Kennung. Kein Landeanflug. Es ist am äußeren Kontrollbereich von Pellin vorbeigegangen und hat danach einen weiten Bogen außerhalb des normalen Verkehrs gezogen.“
Sira blickte hinaus auf das Landefeld, als könnte das Schiff irgendwo zwischen den Frachtern stehen. „Ist es noch hier?“
„Keine Ahnung. Die Außenstationen speichern nicht alles, und wenn jemand absichtlich außerhalb der üblichen Korridore bleibt, bekommt man nur Fragmente.“
Korda gab Rusk das Pad zurück. „Dann suchen wir nicht danach.“
Rusk blinzelte. „Wir haben gerade zwei Tage damit verbracht, es zu finden.“
„Und jetzt wissen wir, dass es dieselben Orte beobachtet wie wir. Wenn wir anfangen, hinter ihm herzufliegen, tun wir genau das, was ich bei der Mantis vermeiden wollte.“
„Nämlich?“
„Uns bemerkbar machen.“
Sira betrachtete ihn. „Du hast schon eine andere Idee.“
Korda stand auf und ging ein paar Schritte die Rampe hinunter. Er brauchte nicht wirklich Bewegung; manchmal half es nur, eine Entscheidung nicht im Sitzen zu treffen.
„Wenn das Schiff hier ist, interessiert es sich nicht für Pellin. Es interessiert sich für jemanden, der von Pellin aus weiterfliegt.“
Rusk kam hinter ihm her. „Du willst warten, bis die Mantis auftaucht?“
„Nein. Die Mantis ist seit dem Angriff auf die Neris vorsichtiger geworden. Vielleicht kommt sie überhaupt nicht mehr hierher.“
Sira folgte langsamer. „Dann meinst du uns.“
Korda sah sie an.
Sie brauchte keine weitere Erklärung. „Wir haben in den letzten Wochen genug von denselben Händlern besucht und nach genug von denselben Gütern gefragt, dass wir für jemanden, der die Versorgungsspur beobachtet, ebenfalls interessant sein könnten.“
„Vielleicht.“
„Und du möchtest herausfinden, ob dieses Schiff darauf reagiert.“
„Ich möchte wissen, ob es uns bereits beobachtet.“
Rusk verzog das Gesicht. „Das klingt wie dieselbe Idee mit besserem Marketing.“
Korda konnte ihm nicht widersprechen.
Eine Stunde später verließ die Serrat Pellin.
Sira flog bewusst so, wie sie normalerweise nie flog, wenn sie es eilig hatte. Sie blieb im regulären Ausflugskorridor, hielt die vorgeschriebenen Abstände und verzichtete auf jede kleine Abkürzung, die sie sich in den vergangenen Jahren angewöhnt hatte. Korda kannte sie gut genug, um zu wissen, wie sehr sie das störte. Ihre Finger bewegten sich gelegentlich über den Kontrollen, als müsste sie sich daran erinnern, eine Kurskorrektur nicht vorzuziehen.
„Wenn wir das öfter machen, verliere ich meine Fähigkeiten“, sagte sie nach einigen Minuten.
Rusk saß hinter ihnen und überprüfte die Systeme. „Welche?“
„Die, mit denen ich verhindere, dass du ankommst und behauptest, die Reise hätte zu lange gedauert.“
„Ich beschwere mich nie.“
Sira sah über die Schulter. „Du führst Listen.“
„Das ist etwas anderes.“
Korda hörte ihnen nur halb zu. Auf den Sensoren lag der Verkehr von Pellin wie ein langsam auseinanderfallendes Geflecht aus Frachtern, Shuttles und kleineren Schiffen. Nichts davon verhielt sich auffällig. Genau das machte die Sache schwierig. Wer die Neris angegriffen hatte, war nicht dadurch aufgefallen, dass er offen mit Waffen durch ein Handelssystem flog. Das Schiff hatte gewartet, beobachtet und erst dort gehandelt, wo niemand schnell genug helfen konnte.
Als sie den kontrollierten Bereich hinter sich ließen, änderte Sira den Kurs.
Der neue Vektor war nicht zufällig gewählt. Er entsprach einem der früheren Abflugkurse der Mantis, allerdings nur für ein kurzes Stück. Korda wollte niemanden zu einem Übergang führen, den er selbst nicht kannte. Er wollte lediglich sehen, ob irgendwo jemand glaubte, die Serrat könnte genau das tun.
„Wie lange?“, fragte Sira.
„Fünf Minuten.“
„Und danach?“
„Fliegen wir zu einem regulären Sprungpunkt und tun so, als hätten wir uns umentschieden.“
Rusk lehnte sich in seinem Sitz zurück. „Das wird sehr überzeugend. Wir ändern ständig unsere Meinung.“
Die ersten Minuten geschah nichts. Pellin wurde kleiner, der Verkehr hinter ihnen dünner, und Korda begann sich zu fragen, ob sie einem Phantom hinterherliefen, das nur deshalb zusammenhängend wirkte, weil sie inzwischen zu viele einzelne Hinweise kannten.
Dann markierte Sira einen Kontakt.
Er lag weit außerhalb ihres direkten Kurses und hätte ohne die vergangenen Tage kaum Aufmerksamkeit verdient. Ein kleines Schiff, schneller als die meisten Frachter, aber nicht ungewöhnlich schnell. Seine Kennung gehörte zu einem Kurierdienst, der nach Rusks kurzer Prüfung tatsächlich existierte.
„Das beweist nichts“, sagte Korda.
„Ich weiß“, erwiderte Sira. „Deshalb sage ich auch nichts.“
Rusk beugte sich vor. „Du hast gerade etwas gesagt.“
„Rusk.“
„Schon gut.“
Korda beobachtete den Kontakt. Das Schiff hielt zunächst seinen Kurs, während die Serrat weiter auf dem alten Mantis-Vektor flog. Nach knapp zwei Minuten änderte es die Richtung um wenige Grad. Nicht genug, um unmittelbar hinter ihnen zu liegen, aber genug, um den Abstand langsamer werden zu lassen.
Sira warf Korda einen Blick zu. „Immer noch nichts?“
„Immer noch nichts, das ich vor einem Gericht verteidigen würde.“
„Zum Glück sitzen wir nicht vor einem Gericht.“
„Das ist einer der Gründe, warum ich Pellin mag.“
Die Serrat hielt den Kurs noch eine Minute. Der andere Kontakt korrigierte erneut.
Rusk hatte inzwischen aufgehört, Kommentare zu machen. Korda bemerkte es, ohne den Blick von der Anzeige zu nehmen. Das war das Unangenehme an einer guten Crew: Man musste nicht erklären, wann aus einer Vermutung ein Problem wurde. Irgendwann wussten es alle.
„Dreh ab“, sagte Korda.
Sira änderte den Kurs nicht abrupt, sondern ließ die Serrat in einer weiten Kurve auf einen regulären Sprungpunkt einschwenken. Wer sie nur zufällig beobachtete, würde darin nichts weiter sehen als einen Frachter, dessen Pilot sich für eine andere Route entschieden hatte.
Der fremde Kontakt hielt zunächst seinen bisherigen Vektor.
Korda spürte, wie sich die Anspannung in seinen Schultern ein wenig löste.
Dann drehte das Schiff ebenfalls.
Diesmal war die Kursänderung deutlich genug, dass Sira nicht mehr fragen musste, ob er sie gesehen hatte.
„Also gut“, sagte Korda leise. „Jetzt haben wir etwas.“
Rusk rief das Antriebsprofil auf. „Es passt zu Meren. Nicht vollständig, aber nah genug, dass ich nicht mehr an zwei verschiedene Schiffe glaube.“
Sira erhöhte den Schub. „Wie weit bis zum Sprungpunkt?“
„Knapp vier Minuten.“
„Dann hoffe ich, dass unser Freund nur neugierig ist.“
Korda sah auf den schrumpfenden Abstand. „Menschen, die neugierig sind, antworten meistens, wenn man sie anspricht.“
„Soll ich?“
Er überlegte kurz. Bisher hatten sie versucht, möglichst wenig von sich preiszugeben. Das hatte funktioniert, solange sie Beobachter gewesen waren. Inzwischen war die Serrat selbst Teil der Spur.
„Ja. Echte Kennung.“
Sira öffnete den Kanal und identifizierte die Serrat. Sie erklärte ruhig, dass das andere Schiff seit Pellin mehrfach denselben Kurs eingeschlagen habe, und bat um Identifikation und Absicht. Korda erwartete keine ausführliche Antwort. Ein Name hätte ihm genügt.
Es kam keiner.
Sira wiederholte den Ruf, diesmal auf einem offenen Notfallkanal, den jedes zivile Schiff empfangen musste. Auch darauf reagierte niemand.
Der Abstand wurde weiter kleiner.
„Das gefällt mir nicht“, sagte Rusk.
Korda sah zu ihm. „Mir auch nicht.“
„Gut. Ich wollte nur sicher sein, dass wir heute wenigstens bei etwas einer Meinung sind.“
Trotz der Anspannung musste Sira lächeln. „Schreib das Datum auf.“
Die kurze Erleichterung hielt nicht lange. Auf der Anzeige stieg die Energieabgabe des fremden Schiffs an. Zunächst sah es nach einer gewöhnlichen Beschleunigung aus, doch dann brachen mehrere Fernsensoren der Serrat gleichzeitig in Störungen auseinander. Die Nahbereichssysteme funktionierten weiter, ebenso die Navigation, aber alles jenseits weniger tausend Kilometer wurde zu einem unbrauchbaren Feld aus widersprüchlichen Kontakten.
Rusk fluchte und wechselte auf die sekundären Sensoren. „Das kommt nicht von uns. Jemand legt genau die Frequenzen zu, auf denen wir die Langstrecke fahren.“
Sira hielt die Serrat auf Kurs. „Kannst du es umgehen?“
„Wenn du mir zehn Minuten gibst.“
„Wir springen in weniger als drei.“
„Dann kann ich es in neun Minuten umgehen.“
Korda hörte den vertrauten Ton in Rusks Stimme. Er machte Witze nicht, weil er die Situation unterschätzte, sondern weil er dann am besten arbeitete, wenn er sich weigerte, der Angst mehr Raum zu geben als nötig.
„Lass die Fernsensoren“, sagte Korda. „Halte Navigation und Nahbereich sauber.“
Rusk nickte und konzentrierte sich auf seine Konsole.
Sira erhöhte den Schub weiter. „Wenn sie uns nur beobachten wollten, hätten sie das nicht nötig.“
„Nein.“
„Und wenn sie uns abschießen wollten, hätten sie inzwischen Gelegenheit gehabt.“
„Auch nein.“
Sie sah kurz zu ihm. „Dann wollen sie wissen, wohin wir fliegen.“
Korda dachte an die Neris. An die zerstörte Kommunikation, den Versuch, das Schiff vom Kurs zu drängen, und an eine Besatzung, die lieber ein beschädigtes Schiff durch einen unbekannten Übergang gebracht hatte, als sich zwingen zu lassen, ihr Ziel preiszugeben.
Plötzlich wirkte die Störung ihrer Sensoren nicht mehr wie eine Drohung. Sie war eine Frage.
Zeigt uns den Weg.
Korda spürte, wie aus der Anspannung etwas anderes wurde. Nicht Mut; dafür kannte er sich gut genug. Es war Ärger. Er hatte wochenlang nach einer verborgenen Route gesucht, weil sie Geld wert sein konnte. Er hatte Daten gekauft, Menschen ausgefragt und die Einkäufe einer Gruppe verfolgt, die ihn nie darum gebeten hatte. Aber er hatte nie vorgehabt, jemanden dafür zu verletzen.
Vielleicht war diese Grenze für das fremde Schiff bedeutungslos.
Für ihn war sie es nicht.
„Wir gehen nicht zum geplanten Sprungpunkt“, sagte er.
Sira sah ihn an. „Dann bleiben wir länger hier.“
„Nur kurz. Dreh auf den Verkehrskorridor zurück.“
Rusk hob den Kopf. „Zurück nach Pellin?“
„Nicht bis zum Planeten. Nur in den Bereich, in dem genügend zivile Schiffe unterwegs sind, dass unser Freund entscheiden muss, ob er weiter auffallen möchte.“
Sira verstand sofort. Statt weiter hinaus in den dünner werdenden Verkehr zu fliegen, legte sie die Serrat in eine Kurve, die sie zurück in Richtung der äußeren Handelszone brachte. Es war keine elegante Flucht und keine heldenhafte Aktion. Korda hatte in seinem Leben genug Menschen erlebt, die eine gefährliche Situation dadurch verschlimmerten, dass sie sich für mutiger hielten, als sie waren. Die Serrat war ein Bergungsschiff. Sie hatte einen brauchbaren Antrieb, eine erfahrene Pilotin und genügend Narben, um zu beweisen, dass Rusk fast alles reparieren konnte. Sie war trotzdem kein Kriegsschiff.
Der fremde Kontakt folgte ihnen noch fast eine Minute.
Dann änderte er den Kurs.
Nicht abrupt. Er löste sich langsam von ihrem Vektor und verschwand schließlich aus dem Nahbereich, noch bevor Rusks Fernsensoren wieder ein brauchbares Bild lieferten.
Sira ließ die Serrat weiterfliegen, bis mehrere zivile Kontakte zwischen ihnen und dem letzten bekannten Vektor des anderen Schiffs lagen. Erst dann nahm sie den Schub zurück.
„Das war enttäuschend vernünftig“, sagte Rusk.
Korda drehte sich zu ihm. „Soll ich noch einmal zurückfliegen?“
„Nein. Ich wollte nur feststellen, dass ich stolz auf deine Entwicklung bin.“
Sira atmete hörbar aus und lehnte sich für einen Moment zurück. „Ich hätte nichts dagegen, wenn deine Entwicklung uns jetzt irgendwohin bringt, wo niemand versucht, uns als Navigationsboje zu benutzen.“
Korda antwortete nicht sofort. Er betrachtete die wiederkehrenden Fernsensordaten und wusste, dass sie an einem Punkt angekommen waren, an dem weiteres Beobachten keine neutrale Entscheidung mehr war.
Die Menschen hinter der Mantis wussten vermutlich längst, dass jemand nach ihnen suchte. Nach dem Angriff auf die Neris mussten sie es wissen. Was sie nicht wissen konnten, war, dass der Angreifer seine Suche offenbar fortsetzte und inzwischen auch andere Schiffe prüfte, die nach derselben Versorgungsspur aussahen.
Die Serrat besaß Informationen, die ihnen helfen konnten.
Und zum ersten Mal besaßen Korda, Sira und Rusk etwas, das wertvoller war als die unbekannte Route selbst: die Möglichkeit, zu entscheiden, was sie mit ihrem Wissen taten.
„Wir warnen sie“, sagte Korda.
Rusk sah ihn an. „Die Mantis?“
„Die Leute dahinter.“
„Wir wissen nicht, wie wir sie erreichen.“
„Die Mantis reicht.“
Sira drehte ihren Sitz ein Stück zu ihm. „Wenn wir sie direkt kontaktieren, wissen sie, dass wir sie beobachtet haben.“
„Das wissen sie spätestens, sobald wir erklären, woher unsere Daten kommen.“
„Und du willst das erklären?“
Korda nickte. „Alles andere klingt wie eine Falle. Wenn wir ihnen eine anonyme Warnung schicken, haben sie keinen Grund, ihr zu glauben. Wenn wir ihnen nur die Kennung geben, wissen sie nicht, ob sie echt ist. Also sagen wir ihnen, wer wir sind, warum wir überhaupt auf ihre Bewegungen aufmerksam geworden sind und was heute passiert ist.“
Rusk verschränkte die Arme. „Die Bergungsgilde wird begeistert sein, wenn sie erfährt, dass wir einen möglichen Handelsvorteil verschenken.“
„Dann erzählen wir es ihr nicht.“
„Das ist der Teil des Plans, den ich sofort verstanden habe.“
Sira lächelte, aber ihr Blick blieb bei Korda. „Unsere eigenen Sensordaten?“
Er wusste, worauf sie hinauswollte. Die vollständigen Aufzeichnungen würden nicht nur das fremde Schiff zeigen. Sie würden auch zeigen, wo die Serrat in den vergangenen Wochen gewesen war, welche Häfen sie untersucht und welche Bewegungen sie verglichen hatte. Für Menschen, die ihre Heimat verbargen, war das vermutlich beunruhigender als jede freundliche Erklärung.
Gerade deshalb waren die Daten glaubwürdig.
„Alles“, sagte Korda.
Rusk hob die Augenbrauen. „Du meinst wirklich alles.“
„Wenn wir Vertrauen wollen, können wir schlecht damit anfangen, die Hälfte zu verstecken.“
Sira betrachtete ihn einen Moment und nickte dann. „Gut.“
Die Nachricht brauchte länger als erwartet.
Korda schrieb den ersten Entwurf und löschte ihn wieder, weil er klang, als wolle er einen Handel eröffnen. Sira strich im zweiten Versuch mehrere Formulierungen, die nach einer Rechtfertigung wirkten, und erklärte ihm, dass niemand gern eine Warnung von jemandem erhielt, der gleichzeitig versuchte zu beweisen, wie vernünftig sein eigenes Verhalten gewesen war. Rusk kümmerte sich um die Daten und bestand darauf, nicht nur die ausgewerteten Profile mitzuschicken, sondern auch die Rohmessungen, damit die Empfänger selbst entscheiden konnten, welchen Schluss sie daraus zogen.
Am Ende war die Nachricht erstaunlich schlicht.
Sie nannten die Serrat und ihre drei Namen. Korda erklärte, dass sie seit einiger Zeit ungewöhnliche Flug- und Handelsbewegungen der Mantis beobachtet hatten, weil sie eine unbekannte Route vermuteten. Er verschwieg nicht, dass sie darin zunächst einen möglichen Wert gesehen hatten. Danach beschrieb er, wie der Angriff auf die Neris ihre Suche verändert hatte und dass sie bei der Rekonstruktion auf ein weiteres Schiff gestoßen waren, das offenbar dieselben Bewegungen verfolgte. Sie legten die Daten aus Pellin bei, einschließlich der Sensorstörung und der eigenen Flugaufzeichnungen.
Vor dem letzten Absatz hielt Korda inne.
Sira stand hinter ihm und las mit. „Was ist?“
„Ich überlege, ob wir sagen sollten, dass wir nicht wissen, wo sie sind.“
„Unbedingt.“
„Das klingt, als wollten wir sie beruhigen.“
„Das wollen wir.“
„Ich mag es nicht, wenn du recht hast.“
„Das weiß ich.“
Korda schrieb weiter.
Er erklärte, dass die Serrat weder den Zielort der Mantis noch den Zugang dorthin kannte und nicht versuchen würde, einem ihrer Schiffe zu folgen. Wenn die Empfänger keinen weiteren Kontakt wollten, würden Korda und seine Crew das respektieren. Die beigefügten Daten sollten ihnen trotzdem gehören, weil jemand anderes offensichtlich nicht bereit war, dieselbe Grenze zu akzeptieren.
Rusk las den Text ein letztes Mal. „Das klingt fast anständig.“
„Fast?“
„Ich will deine Entwicklung nicht überfordern.“
Korda speicherte die Nachricht. Einen direkten Kanal zu einem Ort, dessen Lage er nicht kannte, gab es natürlich nicht. Sie schickten sie deshalb über einen verschlüsselten Kontaktweg an einen Händler, bei dem die Mantis mehrfach Geschäfte abgewickelt hatte. Die Nachricht würde dort auf den nächsten sicheren Abruf warten und anschließend an das Schiff weitergeleitet werden.
Als die Übertragung bestätigt wurde, empfand Korda keine Erleichterung. Eher das unangenehme Gefühl, eine Tür geöffnet zu haben, ohne zu wissen, wer auf der anderen Seite stand.
Sira setzte sich wieder an die Steuerung. „Und jetzt?“
„Jetzt fliegen wir irgendwohin, wo Rusk den Sensorfilter reparieren kann.“
Rusk sah empört auf. „Der Sensorfilter ist nicht kaputt.“
„Dann findest du bestimmt etwas anderes.“
„Ich könnte den Cafautomaten reparieren.“
Korda sah zu seinem Becher, der noch immer auf der Konsole stand. „Der ist nicht das Problem.“
Sira begann die nächste Route vorzubereiten. „Vielleicht sollten wir trotzdem damit anfangen. Wenn diese Leute tatsächlich antworten, möchte ich nicht, dass ihr erster Eindruck von uns durch deinen Caf entsteht.“
Korda lehnte sich zurück. Zum ersten Mal seit dem Angriff auf die Neris lag vor ihnen kein weiterer Schritt, den er berechnen konnte. Sie hatten getan, was sie tun konnten, und nun würde irgendwo jemand entscheiden, ob drei Fremde von der Serrat eine Gefahr waren, eine Gelegenheit oder etwas dazwischen.
Er wusste nicht, welche Antwort er bevorzugte.
Nur eines wusste er inzwischen sicher: Sie suchten nicht mehr nach einer unbekannten Siedlung, weil deren Weg wertvoll sein könnte.
Sie hatten begonnen, sich um die Menschen zu sorgen, die ihn verborgen hielten.