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KAPITEL 34

Die geteilte Erinnerung

Als Merrin die Nachricht zum zweiten Mal las, blieb sie an einer Formulierung hängen, die Aruven offenbar mit Bedacht gewählt hatte. Nicht die Aufzeichnung sei freigegeben worden, schrieb sie, sondern die Erlaubnis, sie gemeinsam anzusehen. Es war ein Unterschied, der auf Tenebris leicht übersehen werden konnte und auf Nythara, der Heimatwelt der Chin’ta offenbar über Jahrzehnte darüber entschieden hatte, ob manche Familien überhaupt noch von den alten Wegen sprachen.

Sie stand am Fenster des kleinen Arbeitsraums, den Garith ihnen für die Auswertung überlassen hatte. Unterhalb der Terrasse wurden Baumaterialien entladen. Zwischen den Fahrzeugen lief Tylan seinem Vater nach und trug einen einzelnen Handschuh wie einen kostbaren Fund vor sich her. Garith nahm ihn entgegen, hörte sich eine ausführliche Erklärung an und steckte ihn dann demonstrativ in die richtige Tasche. Das Kind wirkte zufrieden. Merrin lächelte, ehe sie den Blick wieder auf den Bildschirm richtete.

Aruven hatte geschrieben, Tesh werde bei der Sichtung dabei sein. Das überraschte sie mehr als die Zustimmung der Familie. Seit ihrer ersten Begegnung hatte Tesh sich nicht gegen jede Zusammenarbeit gestellt; er hatte nur darauf bestanden, dass die Lebenden nicht erneut über die Toten hinweg entschieden. Nun wollte er selbst hören, was eine der ältesten erhaltenen Stimmen zu sagen hatte.

Als Ilyra und Ceresta eintrafen, brachte Ceresta zwei tragbare Speicher mit. Ilyra trug die Schachtel ihrer Großmutter unter dem Arm, obwohl sie für die heutige Arbeit lediglich die gesicherten Kopien benötigten. Merrin bemerkte es, sagte aber nichts. Seit der Entdeckung ihrer Abstammung war Ilyra nicht stiller geworden, nur aufmerksamer für Dinge, die sie früher achtlos beiseitegelegt hätte.

„Aruven hat eine Bedingung“, erklärte Merrin. „Die Familie möchte selbst entscheiden, ob Teile der Aufzeichnung später anderen zugänglich werden.“

„Dann sehen wir sie uns an und behalten sie nicht“, erwiderte Ceresta. „Das kann ich technisch absichern.“

Ilyra stellte die Schachtel auf den Tisch. „Und wenn darin etwas steht, das mit meiner Familie zusammenhängt?“

„Dann fragen wir, was du wissen darfst“, sagte Merrin. „Nicht, was wir uns nehmen können.“

Ilyra nickte langsam. Sie wirkte nicht enttäuscht. Eher erleichtert, dass jemand eine Grenze benannte, bevor sie selbst danach suchen musste.

Die Verbindung kam zustande, während Ceresta die Vergleichsdaten aus T-6 vorbereitete. Aruven saß in einem Raum, dessen Wände aus dunklem, leicht schimmerndem Material bestanden. Neben ihr stand Tesh. Die feinen Veränderungen seiner Konturen waren auf dem Bildschirm kaum zu erkennen, doch Merrin sah, wie fest er die Hände ineinandergelegt hatte.

„Die Aufzeichnung stammt aus dem Haus der Selen“, begann Aruven. „Sie wurde von einer Frau gesprochen, deren Bruder an einem der westlichen Übergänge Dienst tat. Wir haben keine vollständige Datierung. Zwei Abschriften stimmen in den wesentlichen Passagen überein, eine dritte wurde offenbar später ergänzt.“

Ceresta hob die Hand. „Dann trennen wir die Fassungen. Ich möchte nicht versehentlich eine spätere Erklärung für eine zeitgenössische Aussage halten.“

Tesh sah sie zum ersten Mal direkt an. „Das wäre auch mein Wunsch.“

Aruven aktivierte die Wiedergabe. Zunächst war nur ein raues Rauschen zu hören, dann eine Stimme, deren Tonhöhe sich unter den Beschädigungen kaum bestimmen ließ. Die Übersetzung erschien abschnittsweise neben dem ursprünglichen Wortlaut. Die Sprecherin erzählte von Menschen, die vor einem Übergang warteten, von Lasten, die zurückgebracht wurden, und von Boten, die nicht mehr durchkamen. Sie erwähnte einen Streit zwischen den Wachen beider Seiten, aber keine Schlacht, keinen Angriff und keine eindeutige Schuldzuweisung.

Merrin folgte der Übersetzung, bis die Sprecherin einen Satz wiederholte. Aruven hatte ihn nicht übertragen. Stattdessen standen dort zwei mögliche Lesarten.

„Das ist die Stelle“, sagte sie. „In späteren Vaal-Texten wird daraus: Sie verweigerten den Weg.“

„Und die andere Bedeutung?“, fragte Ilyra.

„Sie hielten den Weg für unpassierbar. Genauer: Sie durften ihn nicht freigeben, solange das Zeichen der Gefahr bestand.“

Tesh wandte sich leicht ab. „Meine Großmutter sagte immer, sie hätten gewarnt. Ich hielt es für das, was Familien sagen, wenn sie ihre Toten verteidigen wollen.“

Merrin ließ den Satz einen Moment stehen. „Was spricht gegen die spätere Übersetzung?“

Aruven zeigte eine ältere Wortfolge. „Die Verneinung gehört zum Zustand des Übergangs, nicht zum Willen der Menschen. In einer gewöhnlichen Unterhaltung wäre das vielleicht eine Kleinigkeit. In einer Anweisung an die andere Seite ist es ein Unterschied zwischen Trotz und Warnung.“

Ceresta verglich die Zeitmarke mit dem T-6-Protokoll. „Wir haben hier tatsächlich einen Sperrvermerk. Er wurde nicht von der Vaal-Seite gesetzt. Aber ich weiß nicht, ob er eine technische Abschaltung oder nur eine Warnstufe bezeichnet.“

„Wir dürfen aus einem Wort keinen Freispruch machen“, sagte Tesh. Seine Stimme war schärfer geworden, als er offenbar beabsichtigt hatte. „Meine Familie erinnert sich an jene, die nicht zurückkamen. Andere Familien erinnern sich an Menschen, die sie auf der falschen Seite zurückließen. Das ändert kein besseres Wörterbuch.“

„Nein“, antwortete Merrin. „Aber vielleicht ändert es, wen wir für das Zurücklassen verantwortlich machen.“

Tesh schwieg. Aruven beendete die Wiedergabe erst, nachdem sie den letzten erhaltenen Abschnitt gehört hatten. Darin sprach die Frau von einem Kind, das noch auf der anderen Seite war, und von einem Bruder, der versprochen hatte, es zurückzubringen. Danach brach die Aufzeichnung ab. Niemand wusste, ob das Versprechen gehalten worden war.

⁂

Am Nachmittag hatten sie drei Tafeln mit Zeitmarkierungen gefüllt. Ceresta bestand darauf, zwischen Messwerten, zeitgenössischen Berichten und späteren Deutungen zu unterscheiden. Das machte die Darstellung unübersichtlicher, aber auch ehrlicher. Ilyra hatte zunächst gehofft, die Daten aus T-6 würden den Streit entscheiden. Stattdessen entdeckte sie, dass zwei technische Systeme dasselbe Ereignis aus unterschiedlichen Blickwinkeln erfasst hatten.

„Hier“, sagte sie und vergrößerte eine Reihe kurzer Ausschläge. „Die Weststation meldet einen Druckabfall im Übergangsfeld. Wenige Augenblicke später registriert die Chin’ta-Seite eine Überlastung. Wenn man nur unsere Daten liest, sieht es aus, als hätten sie den Durchgang abrupt geschlossen.“

Ceresta legte die zweite Kurve darüber. „Und wenn man nur ihre Daten liest, könnte man glauben, unsere Seite hätte den Übergang trotz der Warnung weiter belastet.“

„Könnten beide recht haben?“, fragte Merrin.

„Beide könnten zutreffend beobachtet haben, was vor ihrer eigenen Tür geschah“, sagte Ceresta. „Das heißt nicht, dass beide wussten, was auf der anderen Seite passierte.“

Sie erläuterte, dass die Übergänge kein einzelnes Tor gewesen waren, das sich auf Befehl öffnen oder schließen ließ. Mehrere Stationen hatten Belastungen ausgeglichen und Veränderungen weitergemeldet. Als die Messungen instabil wurden, mussten die Verantwortlichen unter Zeitdruck entscheiden, welche Verbindung sie entlasteten und welche sie für wartende Menschen offenhielten. Einige Meldungen waren beschädigt, andere trafen verspätet ein. Eine vermeintliche Gegenmaßnahme konnte an anderer Stelle die Belastung erhöhen.

„Und dann kam die Katastrophe“, sagte Ilyra.

„Vielleicht“, erwiderte Ceresta. „Wir wissen noch nicht, welcher Schritt sie unumkehrbar machte. Aber wir wissen jetzt, dass die Warnung nicht aus dem Nichts kam.“

Ilyra betrachtete die beiden Kurven. Sie dachte an die Frau in der Aufzeichnung und an deren Bruder, der ein Kind zurückholen wollte. Das waren keine abstrakten Punkte in einem Protokoll. Einer dieser Menschen hatte vielleicht dieselben Vorfahren gehabt wie sie selbst. Sie merkte, wie schnell dieser Gedanke ihre Beurteilung färbte, und zwang sich, noch einmal auf die Daten zu sehen.

„Meine Großmutter hat die Platten nicht als Beweis gegen irgendwen aufgehoben“, sagte sie schließlich. „Zumindest steht nichts darauf, das darauf hindeutet. Vielleicht wollte sie nur, dass die Namen nicht verschwinden.“

Ceresta sah von ihrer Konsole auf. „Das wäre schon ein ziemlich guter Grund.“

„Ich bin immer noch wütend auf sie.“

„Das schließt sich nicht aus.“ Ceresta rückte näher, um Ilyra die nächste Messreihe zu zeigen. „Du darfst jemanden vermissen und ihm gleichzeitig vorwerfen, dass er dich mit Fragen zurückgelassen hat.“

Ilyra schnaubte leise. „Du klingst erschreckend vernünftig.“

„Ich werde es nicht zur Gewohnheit machen.“

Merrin ließ die beiden einen Moment für sich. Sie erinnerte sich an die Jahre, in denen sie selbst geglaubt hatte, die Vergangenheit ihres Volkes nur durch Verlust verstehen zu können. Erst durch andere Menschen hatte sie gelernt, dass Erinnerung auch etwas sein durfte, das weitergegeben wurde, ohne jedes Mal erneut zu verletzen. Diese Einsicht machte die Toten nicht lebendig. Sie veränderte nur, wie die Lebenden miteinander umgingen.

Eine neue Nachricht von Aruven unterbrach ihre Gedanken. Tesh hatte darum gebeten, später allein mit Merrin zu sprechen.

Die Nachricht blieb noch offen, als Cal an die Tür klopfte. BD-1 saß auf seiner Schulter, und in Cals Händen lag ein längliches, in ein weiches Tuch eingeschlagenes Metallstück. Garith hatte es am Morgen aus den gesicherten Fundstücken der Weststation herausgesucht, nachdem Ceresta nach den alten Bedienfeldern gefragt hatte.

„Ihr wolltet wissen, ob jemand den letzten Schaltvorgang an T-6 von Hand ausgelöst hat“, sagte Cal. „Garith hat den Griff gefunden, der früher neben dem Notverschluss saß. Er war unter einer eingestürzten Abdeckung eingeklemmt.“

Ceresta stand auf und betrachtete das Stück, ohne es anzufassen. An einem Ende war der Griff verbogen; die Oberfläche zeigte dunkle Stellen, die nicht von gewöhnlicher Abnutzung stammten. „Die Beschädigung passt zu der Überlastung. Aber ob jemand ihn während des Ausfalls bedient hat, können wir daraus nicht ableiten.“

Cal nickte. „Vielleicht nicht nur daraus.“

Merrin verstand, worauf er hinauswollte. Sie kannte diese besondere Aufmerksamkeit in seinem Blick, wenn ein Gegenstand für ihn mehr war als Material und Form. Trotzdem sagte sie: „Du musst es nicht versuchen, Cal.“

„Ich weiß.“ Er sah zu Ilyra. „Und falls ich etwas wahrnehme, ist das kein vollständiger Bericht darüber, was geschehen ist. Ich erlebe manchmal Erinnerungen, die an Dingen haften geblieben sind. Aber ich sehe nur Ausschnitte, und ich kann nicht bestimmen, welche.“

Ilyra blickte auf den beschädigten Griff. „Dann versuchen wir nicht, daraus mehr zu machen, als es ist.“

Cal legte die Hand auf das Metall. Zunächst geschah nichts. BD-1 gab ein fragendes Piepen von sich, doch Cal blieb still, während das Summen der Geräte um ihn herum in den Hintergrund trat.

Die Kälte des Griffs wich einer Hitze, die nicht von diesem Raum stammte. Unter seinen Fingern vibrierte Metall, und mit einem Mal stand er an einem Bedienpult, das sich durch Rauch und flackerndes Licht nur schemenhaft erkennen ließ. Eine fremde Hand umklammerte den Notgriff. Irgendwo hinter ihm rief jemand Zahlen, viel zu schnell, um sie zu verstehen. Über einen Lautsprecher kam eine Stimme von der anderen Seite des Übergangs, erst verzerrt, dann für einen Herzschlag klar: Der Durchgang hält nicht. Nicht weiter belasten.

Der Mensch, dessen Angst Cal spürte, wollte den Griff ziehen. Gleichzeitig schlug eine zweite Stimme aus dem Raum dagegen an. Auf der anderen Seite seien noch Menschen, sagte sie, ein Kind und seine Begleiter, und wenn sie jetzt schlossen, würden sie niemanden mehr erreichen. Cal sah keine Gesichter deutlich genug, um sie wiederzuerkennen. Er spürte nur die Verzweiflung desjenigen, der den Griff hielt, und den entsetzlichen Augenblick, in dem zwei richtige Gründe nicht mehr miteinander vereinbar schienen.

Ein Stoß erschütterte das Pult. Der Griff bewegte sich unter der fremden Hand, doch ob er vollständig einrastete, blieb im aufbrechenden Licht verborgen. Ein letzter Laut, halb Warnung, halb Name, ging im Dröhnen unter.

Cal wich zurück. Das Metall schlug beinahe auf den Tisch, ehe Ceresta es auffing. Er stützte sich mit beiden Händen ab und atmete schwer. Merrin war sofort neben ihm, ohne ihn mit Fragen zu bedrängen. Sie legte ihm eine Hand zwischen die Schulterblätter und wartete, bis sein Blick wieder auf den Raum fiel.

„Ich habe jemanden gespürt, der dort gearbeitet hat“, sagte Cal schließlich. „Nicht die ganze Station. Einen Menschen an diesem Griff. Die Warnung von der anderen Seite kam an. Zumindest in diesem Augenblick. Aber im Raum glaubten sie, dass noch Menschen im Übergang waren.“

„Hast du gesehen, wer den Verschluss betätigt hat?“, fragte Ceresta vorsichtig.

Cal schüttelte den Kopf. „Ich war bei demjenigen, der es versuchte. Ich weiß nicht, ob es gelang. Und ich weiß nicht, was auf der anderen Seite tatsächlich geschah.“ Er sah zu Ilyra. „Da war ein Kind. Oder jemand sprach von einem Kind. Ich kann dir nicht sagen, ob es das aus der Aufzeichnung war.“

Ilyra schluckte. Die Ähnlichkeit war verführerisch, gerade weil sie so sehr zu dem passte, was sie sich inzwischen vorstellte. „Dann schreiben wir es nicht als Tatsache auf.“

„Genau“, sagte Merrin.

Ceresta rief die Kurven erneut auf. Sie suchte nicht nach einem Beweis für Cals Erinnerung, sondern nach dem Zeitpunkt, an dem die Weststation eine eingehende Warnung registriert hatte. Bisher hatten sie den kurzen Impuls für eine automatische Störungsmeldung gehalten. Nun verglich sie seine Dauer mit dem Sprachkanal und stellte fest, dass beides innerhalb derselben Messungenauigkeit lag. Der Griff wiederum war einem Notverschluss zugeordnet, dessen Rückmeldung wenige Augenblicke später abbrach.

„Das bestätigt nicht, was Cal gesehen hat“, sagte sie nach einer Weile. „Aber es gibt einen überprüfbaren Zusammenhang: Eine Warnung erreichte die Station, bevor die Rückmeldung des Verschlusses ausfiel. Und offenbar wurde noch versucht, auf die Menschen im Übergang Rücksicht zu nehmen.“

„Zwei Seiten, die einander warnen und trotzdem nicht retten können“, sagte Ilyra leise.

Cal sah auf seine Hand. Er dachte an die Angst, die sich in dem Metall gehalten hatte, lange nachdem der Mensch dahinter verschwunden war. Merrin drückte kurz seine Schulter, und er erwiderte die Berührung, ehe er sich wieder aufrichtete.

„Aruven und Tesh sollten davon erfahren“, sagte Merrin. „Mit allen Einschränkungen. Wir dürfen aus einem Echo keine neue Legende machen.“

Sie übermittelte zunächst nur die nachprüfbaren Messwerte und bat Aruven um ein Gespräch, bei dem Cal seine Wahrnehmung selbst schildern konnte. Den beschädigten Griff ließ Ceresta getrennt von den übrigen Fundstücken sichern. Niemand im Raum wusste, wer ihn damals gehalten hatte. Aber zum ersten Mal hatten sie neben den Zahlen eine Ahnung davon, wie sich die letzten Augenblicke für einen der Beteiligten angefühlt haben mochten.

⁂

Taren fand Seren auf der schmalen Terrasse vor dem Beratungsraum. Sie hatte einen Bericht in der Hand und blickte auf die Dächer von Nerava, wo sich zwischen neuen Gebäuden noch immer offene Flächen erstreckten. Von dort aus konnte man die westlichen Hügel sehen. Irgendwo dahinter lag die Station, deren alte Aufzeichnungen gerade mehr Fragen aufwarfen, als sie beantworteten.

„Du hast die Zusammenfassung gelesen?“, fragte er.

„Zweimal. Beim ersten Mal habe ich mich über die Formulierungen geärgert. Beim zweiten über die Menschen, die sie jahrhundertelang für eindeutig gehalten haben.“

Taren stellte sich neben sie. „Glaubst du, das Konklave wird die alten Berichte korrigieren?“

„Wenn die Belege tragen, muss es das. Aber die Berichte sind nicht nur Bücher in einem Archiv. Manche Familien haben daraus erklärt, weshalb sie Angehörige verloren. Andere haben darauf ihre Vorsicht gegründet.“ Sie faltete den Bericht zusammen. „Wer eine Überlieferung berichtigt, nimmt den Menschen nicht automatisch ihren Schmerz. Manchmal fürchten sie sogar, dass genau das beabsichtigt ist.“

„Dann sollten wir ihnen nicht erklären, was sie fühlen müssen.“

Seren sah ihn an, und in ihrem Blick lag jene stille Zuneigung, die ihn manchmal stärker traf als jedes ausgesprochene Wort. „Du wirst vernünftig, Wayfarer. Das macht mir Sorgen.“

„Greez sagt, das sei nur vorübergehend.“

Sie lachte leise, ehe sie ernster wurde. „Wir müssen die technischen Untersuchungen fortsetzen. Aber ich werde keinem Versuch zustimmen, einen alten Übergang zu belasten, solange wir nicht wissen, was damals geschehen ist.“

Taren erinnerte sich an den Schaden, den seine eigene Fehleinschätzung der Mantis zugefügt hatte. Es war eine Erinnerung, die nicht mehr bei jeder Entscheidung aufstieg, aber sie war auch nicht verschwunden. „Ich hätte früher wahrscheinlich angeboten, selbst nachzusehen.“

„Und heute?“

„Heute würde ich erst Ceresta fragen, ob der Boden unter meinen Füßen überhaupt dort bleibt, wo ich ihn vermute.“

Seren schob ihre Hand in seine. „Eine Verbesserung.“

„Du könntest begeisterter klingen.“

„Ich möchte deine Entwicklung nicht durch übermäßiges Lob gefährden.“

Sie blieben noch eine Weile draußen. Als Garith mit Nalea und den Kindern über den Platz ging, hob Kitena die Hand zum Gruß. Tylan rief etwas Unverständliches, das sein Vater mit einem entschuldigenden Schulterzucken quittierte. Seren winkte zurück. Es waren solche Augenblicke, die ihr vor Augen führten, wofür sie ihre Verantwortung trug: nicht für die Würde einer alten Erzählung, sondern für Menschen, die morgen noch sicher durch ihre Straßen gehen sollten.

⁂

Auf der abgeschirmten Wartungsplattform betrachtete Korda die neue Sicherheitsliste mit wachsendem Unbehagen. Joren Pell war seit seiner ersten Aussage in einem gesicherten Bereich untergebracht, getrennt von den übrigen Gefangenen. Die Maßnahmen waren ordentlich dokumentiert, die Wachen wechselten nach Plan, und trotzdem wusste Korda inzwischen, wie wenig ein Plan nützte, wenn jemand die falschen Informationen erhielt.

Seren hatte ihm die Rückmeldung zu den Zahlungskennungen weitergeleitet. Die Nachfolgegesellschaft bestätigte, dass zwei von Sira gefundene Prüfnummern tatsächlich in ihrem Altbestand vorkamen. Über die Auftraggeber sagte das noch nichts aus. Aber die Nummern gehörten zu einem Vermittlungssystem, das Zahlungen erst nach bestätigter Ausführung freigegeben hatte.

„Das erklärt, weshalb Joren von einer Bestätigung gesprochen hat“, sagte Sira, die neben Korda am Tisch stand. „Nicht der Auftrag selbst wurde hier abgewickelt, sondern der Nachweis, dass jemand ihn erfüllt hatte.“

„Und die Person, gegen die sich der Auftrag richtete?“

„Weiterhin unbekannt. In der Kopie steht nur eine Zielkennung.“ Sira zeigte auf eine Lücke in der Datenfolge. „Der dazugehörige Name lag offenbar bei einem anderen Vermittler.“

Korda ließ die Anzeige offen. „Dann wissen wir mehr über das Verfahren, aber nicht darüber, wer getötet wurde.“

„Oder wer bezahlt hat. Noch nicht.“

Sie besprachen die nächsten Schritte mit Seren, die sich aus Nerava zuschaltete. Sie bestand darauf, dass jede Anfrage über die zuständigen Stellen lief. Telanas Ermittlungsmandat konnte helfen, alte Verwaltungsdaten schneller zugänglich zu machen, gab ihr aber weder die Befugnis, Gefangene zu verlegen, noch die Möglichkeit, die Aussagen allein an sich zu ziehen.

„Joren hat Angst vor einem bestimmten Namen“, sagte Korda. „Er weiß vielleicht nicht, wer hinter dem Auftrag stand, aber er weiß, wie die Leute vorgehen, die solche Geschäfte absichern.“

„Was schlägst du vor?“, fragte Seren.

„Wir begrenzen die Kenntnis seines Aufenthaltsortes weiter. Und ich will überprüfen lassen, wer Zugriff auf die Dienstpläne hat. Nicht, weil ich unseren Leuten misstraue. Weil es genügt, wenn jemand an einer einzigen Stelle nachlässig wird.“

Seren stimmte zu. „Ich veranlasse eine unabhängige Prüfung. Du sprichst mit Joren, aber versprich ihm nichts, was wir nicht halten können.“

Als Korda später vor der Zelle stand, war Joren zunächst überzeugt, man wolle ihm eine weitere Aussage abringen. Er wirkte müde, hatte aber die Haltung eines Mannes angenommen, der sich weigerte, seine Angst offen zu zeigen.

„Wir haben einen Teil deiner Angaben bestätigt“, sagte Korda. „Die alten Prüfnummern existieren. Mehr können wir im Moment nicht belegen.“

Joren atmete hörbar aus. „Dann findet ihr Drex vielleicht doch.“

„Vielleicht. Wir wissen nicht einmal, ob das sein richtiger Name war.“

„War er nicht. Das habe ich euch gesagt.“ Joren rieb sich über das Gesicht. „Er wechselte die Namen, aber nicht seine Gewohnheiten. Er wollte immer, dass die Bestätigung auf demselben Weg zurückkam. Kein Gespräch, kein persönlicher Kontakt. Eine Kennung, eine Freigabe, das Geld wurde verteilt. Wer die Zielperson kannte, musste den Auftraggeber nicht kennen.“

Korda setzte sich. „Hast du selbst die Bestätigung für den alten Auftrag gesehen?“

„Nur den Vermerk, dass sie eingegangen war. Ich habe damals Rechnungen verschoben und falsche Konten gepflegt. Ich wusste, dass Menschen dadurch verletzt wurden. Ich habe nur nicht wissen wollen, welche.“ Joren sah auf seine Hände. „Ihr müsst mir das nicht abnehmen.“

„Ich nehme dir ab, dass du heute Angst hast. Was du früher getan hast, bleibt trotzdem deine Verantwortung.“

Joren nickte, als sei ihm diese Antwort lieber als ein vorschneller Trost. „Wenn Drex noch lebt, wird er wissen, dass ihr sucht. Solche Leute erfahren das nicht, weil sie allmächtig sind. Sie erfahren es, weil irgendwo jemand redet.“

Korda dachte an die Dienstpläne. „Deshalb ändern wir unsere Abläufe.“

„Und wenn das nicht reicht?“

Korda versprach ihm keine Sicherheit, die er nicht garantieren konnte. Er erklärte, welche Maßnahmen beschlossen waren und welche Informationen weiterhin geschützt blieben. Joren hörte zu, stellte zwei sachliche Fragen und bedankte sich am Ende so leise, dass Korda es beinahe überhört hätte.

Draußen wartete Sira mit einem neuen Eintrag. Sie hatte die Zielkennung in einem zweiten, unabhängig gespeicherten Bestand wiedergefunden. Dort stand ebenfalls kein Name, aber ein Datum, das älter war als die Angriffe auf der Neris und die Serrat. Neben dem Eintrag befand sich ein Vermerk über eine damals aktive verdeckte Identität.

„Wir kommen näher“, sagte sie.

Korda sah auf die Zeile. „Und damit wird es gefährlicher.“

⁂

Tesh sprach erst, als Aruven den Raum verlassen hatte. Merrin sah hinter ihm ein schmales Fenster, durch das sich bewegende Schatten fielen. Auf seiner Welt musste es bereits Abend sein.

„Ich war nicht dabei“, sagte er unvermittelt. „Nicht bei der Katastrophe. Natürlich nicht. Aber mein Vater zeigte mir als Kind einen Platz, an dem unsere Familie Namen in den Stein geritzt hatte. Jedes Jahr kamen wir dorthin. Er sprach von denen, die nicht zurückkehrten, und ich lernte ihre Namen, bevor ich die Namen aller lebenden Verwandten kannte.“

Merrin hörte zu. Sie kannte diese Art von Weitergabe: die Liebe, die darin lag, und die Last, die sie einem Kind aufbürden konnte.

„Später“, fuhr Tesh fort, „fand ich heraus, dass ein Teil unserer Familie auf der anderen Seite geblieben war. Meine Großmutter hatte es gewusst. Sie sagte, sie hätte mir nichts erzählt, weil ich schon genug Tote mit mir herumtrüge. Ich war wütend auf sie. Heute frage ich mich, ob sie nur wollte, dass ich wenigstens einige Jahre ohne diese weitere Trauer leben konnte.“

Er presste die Lippen zusammen. Für einen Augenblick wurden die Ränder seiner Gestalt durchscheinend. Unter der Haut an seinem Hals zeigte sich ein matter Schimmer, der verschwand, als er den Atem langsam ausströmen ließ.

„Wenn die Vaal damals wirklich gewarnt wurden“, sagte er, „dann haben manche meiner Vorfahren vielleicht recht gehabt. Und andere haben vielleicht Menschen zurückgelassen, obwohl sie hätten helfen können. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, beides zugleich zu glauben.“

„Du musst heute nicht bereit sein“, erwiderte Merrin.

Tesh blickte auf. „Du willst mich nicht überzeugen?“

„Ich möchte verstehen, was geschehen ist. Wenn wir dabei etwas finden, das weh tut, wird es nicht weniger wahr, weil wir es verschweigen. Aber du musst dich nicht von deiner Familie lossagen, um eine neue Quelle ernst zu nehmen.“

Er ließ sich Zeit mit der Antwort. „Die Familie der Selen hat gefragt, ob ihr die Namen der Kinder aus der Aufzeichnung behalten dürft. Ich habe gesagt, dass ich es ihnen nicht abnehmen kann, darüber zu entscheiden.“

„Das war richtig.“

„Sie wollen noch einmal darüber sprechen. Vielleicht geben sie die Namen frei. Vielleicht auch nicht.“

Merrin nickte. „Dann warten wir.“

Tesh sah zu dem dunkler werdenden Fenster. „Ich habe lange geglaubt, die alten Wege hätten uns nur Unglück gebracht. Jetzt frage ich mich, ob ich damit auch die Menschen verurteile, die durch sie zueinandergefunden haben.“

„Vielleicht beginnt eine andere Erinnerung genau mit dieser Frage.“

Er lächelte nicht. Aber als sie sich verabschiedeten, versprach er, mit Aruven die nächste Familie aufzusuchen. Es war keine Versöhnung und keine plötzliche Wandlung. Für Merrin bedeutete es gerade deshalb etwas.

⁂

Telana Agur las den Antrag auf Einsicht in die alten Zahlungsregister, während im Nebenraum über die Versorgung eines neuen Wohnabschnitts beraten wurde. Sie hatte die Unterlagen angefordert, weil die Ermittler ohne die Genehmigung einer zuständigen Stelle nicht weiterkamen. Der Antrag war sauber begründet, und sie sah keinen Grund, ihn aufzuhalten.

Die Zielkennung sagte ihr nichts. Der Vermerk über eine verdeckte Identität dagegen ließ sie länger auf dem Bildschirm verweilen, als sie beabsichtigt hatte.

Mitch saß an ihrem Küchentisch, die Ärmel hochgeschoben, und versuchte mit einem trockenen Kommentar zu erklären, weshalb ein Mann, der beruflich Geheimnisse bewahrte, nicht einmal ein Abendessen rechtzeitig planen konnte. Sie hatte gelacht, obwohl sie ihm eigentlich hatte sagen wollen, wie sehr sie seine Abwesenheit erschöpfte.

Telana blinzelte. Der Raum vor ihr war wieder ihr Arbeitszimmer. Aus dem Nebenraum drang die Stimme einer Mitarbeiterin, die nach einer Lieferfrist fragte.

Sie setzte ihre Unterschrift unter die Genehmigung für die zulässigen Archivabfragen und ließ die Antwort an Seren und die zuständige Ermittlungsstelle übermitteln. Danach öffnete sie eine Liste alter Zuständigkeiten des Konklaves. Sie kannte die Namen der damaligen Verantwortlichen. Einige hatten ihre Ämter längst verlassen, andere saßen noch immer in Gremien, die über Vertraulichkeit und Sicherheit entschieden.

Sie schloss die Liste, bevor ihr Mitarbeiter hereinkam.

„Die Unterlagen zur Wohnversorgung sind bereit“, sagte er.

Telana stand auf. „Dann sollten wir uns darum kümmern. Die Menschen dort können nicht warten, bis unsere Archive mit uns fertig sind.“

Sie ging mit ihm in die Besprechung. Ihre Fragen waren präzise, ihre Vorschläge vernünftig. Als eine jüngere Mitarbeiterin sich für einen Fehler entschuldigte, half Telana ihr, die Zahlen zu korrigieren, statt sie vor den anderen bloßzustellen. Die Frau bedankte sich erleichtert. Telana nahm es kaum wahr. Ein Teil ihrer Gedanken war bei der Zielkennung geblieben, die vielleicht gar nichts mit Mitch zu tun hatte. Gerade das machte sie so schwer loszulassen.

⁂

Am Abend saßen Taren, Seren, Cal und Merrin bei Greez, der beschlossen hatte, dass die Fortschritte des Tages ein richtiges Essen verdienten. BD-1 hatte sich auf einer niedrigen Ablage eingerichtet und beobachtete die Vorbereitungen mit einer Aufmerksamkeit, die Greez als Kritik auffasste.

„Du kannst gern helfen“, sagte der Pilot zum Droiden, „aber ich lasse mir nicht von jemandem ohne Geschmackssinn erklären, wann die Soße fertig ist.“

BD-1 gab eine Folge empörter Laute von sich. Cal sah auf und grinste. „Er sagt, du hättest gestern zu viel Salz verwendet.“

„Er war gestern gar nicht in der Küche!“

„Vielleicht hat er jemanden gefragt.“

Greez schüttelte den Kopf, rührte aber vorsichtshalber um. Merrin lehnte sich zurück und genoss für einen Moment die Wärme des Raums. Taren erzählte von Gariths Beleuchtungsarbeiten, Cal von einer Reparatur an der Mantis, die länger gedauert hatte, weil Greez ein Ersatzteil an einem Ort verstaut hatte, den er selbst als besonders sicher bezeichnete und anschließend vergessen hatte.

Erst später kamen sie auf die Aufzeichnungen zurück. Merrin berichtete von Tesh, ohne die privaten Worte seines Gesprächs zu wiederholen. Sie erklärte, dass die neue Übersetzung den historischen Streit veränderte, aber noch keinen vollständigen Ablauf der Katastrophe lieferte.

„Manchmal ist es leichter, einen Feind zu erben als eine offene Frage“, sagte Cal nachdenklich.

Seren nickte. „Und schwerer, die Frage wieder zuzulassen, wenn man gelernt hat, mit dem Feindbild zu leben.“

„Dann müssen wir besonders vorsichtig sein“, erwiderte Taren. „Sonst ersetzen wir nur eine einfache Geschichte durch eine andere.“

Greez stellte das Essen auf den Tisch. „Ihr könnt euch nachher weiter über die Geschichte streiten. Erst mal esst ihr, bevor meine Arbeit kalt wird. Das wäre nämlich eine Katastrophe, für die ich euch alle persönlich verantwortlich mache.“

Diesmal widersprach niemand.

⁂

Spät in der Nacht überprüfte Ilyra die Zusammenfassung, die sie am nächsten Morgen mit Aruven besprechen wollten. Ceresta saß neben ihr und hielt eine Tasse warmen Kräuteraufguss zwischen den Händen. Auf dem Bildschirm standen zwei Spalten. Die eine enthielt die Aussagen der Chin’ta-Zeugin, die andere die Meldungen aus T-6. Dazwischen verliefen Linien, wo sich Zeiten und Ereignisse vergleichen ließen; an vielen Stellen endeten sie im Leeren.

„Wir haben genug, um die alte Behauptung anzuzweifeln“, sagte Ilyra. „Aber nicht genug, um zu sagen, wer die letzte Entscheidung getroffen hat.“

„Oder ob es überhaupt eine einzige letzte Entscheidung gab“, ergänzte Ceresta.

Ilyra schob die Schachtel ihrer Großmutter ein Stück näher. Sie dachte an die Frau in der Aufzeichnung, an das Kind auf der anderen Seite und an Tesh, der die Namen seiner Toten früher gelernt hatte als die der Lebenden. Auf den Datenplatten ihrer Familie standen weitere Namen. Manche konnte sie inzwischen einordnen, andere waren noch immer nichts als Zeichen.

„Weißt du, was mich am meisten beschäftigt?“, fragte sie.

Ceresta sah sie an.

„Dass sie wahrscheinlich alle glaubten, etwas zu bewahren. Die einen wollten den Übergang schließen, damit niemand zu Schaden kam. Die anderen wollten ihn offenhalten, damit niemand zurückbleiben musste. Und irgendwann konnten sie einander nicht mehr erklären, weshalb sie taten, was sie taten.“

Ceresta betrachtete die unvollständigen Zeitlinien. „Das ist eine Möglichkeit. Wir sollten sie nicht zur Gewissheit machen, bevor wir mehr wissen.“

„Ich weiß.“ Ilyra lächelte müde. „Du musst mich nicht jedes Mal daran erinnern, dass ich eine ordentliche Forscherin sein soll.“

„Doch. Sonst verliere ich meine wichtigste Beschäftigung.“

Ilyra legte den Kopf kurz an ihre Schulter. Dann speicherte sie die Zusammenfassung mit einem deutlichen Vermerk zu den offenen Fragen und den Rechten der beteiligten Familien. Sie schrieb nicht, die Chin’ta hätten recht gehabt und die Vaal unrecht. Sie schrieb, dass die überlieferte Behauptung einer absichtlichen Verweigerung durch die verfügbaren Quellen nicht gestützt werde und dass die technischen Daten auf eine bereits fortgeschrittene Gefährdung des Übergangs hindeuteten.

Es war weniger, als sie sich am Morgen erhofft hatte, und mehr, als sie gestern gewusst hatten.

Als sie den Bildschirm ausschaltete, blieb das rote Tuch im Licht der Tischlampe liegen. Ilyra faltete es zusammen und legte es zurück zu den Datenplatten. Sie konnte ihre Großmutter nicht mehr fragen, weshalb sie geschwiegen hatte. Aber vielleicht konnte sie dafür sorgen, dass die nächste Generation nicht nur die Geschichte einer Seite erbte.

Auf der anderen Welt würde Tesh am folgenden Tag erneut mit den Familien sprechen. In Nerava warteten Seren und Taren auf die technischen Sicherheitsberichte, während Korda und Sira einer alten Zahlung nachgingen, deren Empfänger noch immer keinen Namen hatte. Keine dieser Aufgaben würde durch die neue Übersetzung leichter. Doch zwischen den beiden Völkern war etwas möglich geworden, das lange gefehlt hatte: Sie konnten dieselben Aufzeichnungen betrachten, ohne von Anfang an zu verlangen, dass nur eine Erinnerung bestehen blieb.

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