Als Ilyra die Schachtel ihrer Großmutter zum dritten Mal an diesem Morgen öffnete, lag alles noch genau dort, wo sie es am Abend zuvor hingelegt hatte: das sorgfältig gefaltete rote Tuch, zwei schmale Datenplatten, die graue Scheibe und ein Stück Papier, dessen Ränder vom häufigen Berühren weich geworden waren. Es war eine unscheinbare Sammlung, und gerade das machte sie inzwischen so schwer zu ertragen. Sie hatte jahrelang in einem Schrank gestanden, während Ilyra ihr Leben geführt, sich verliebt, gearbeitet und irgendwann geglaubt hatte, über die Menschen, von denen sie abstammte, das Wesentliche zu wissen.
Ceresta saß am anderen Ende des Arbeitstisches und versuchte, einen beschädigten Anschluss an der kleineren Datenplatte zu vermessen. Sie hatte Ilyra nicht gefragt, weshalb sie die Schachtel erneut ausgeräumt hatte. Seit der Bergung aus T-6 wusste sie, dass manche Fragen erst dann eine Antwort fanden, wenn man sie eine Weile in Ruhe ließ.
„Wenn du weiter so auf das Papier schaust, wird es sich irgendwann aus Höflichkeit selbst erklären“, sagte sie, ohne aufzusehen.
Ilyra strich mit einem Finger über die Handschrift. „Du bist heute besonders hilfreich.“
„Ich bin immer hilfreich. Es wird nur nicht jedes Mal ausreichend gewürdigt.“
Das brachte Ilyra zum Lächeln, wenn auch nur kurz. Sie schob den Zettel zurück in die Schachtel und nahm die graue Scheibe in die Hand. Auf ihrer Oberfläche verliefen zwei kaum sichtbare Linien, die sich voneinander entfernten und später wieder zusammenfanden. Dasselbe Muster hatten sie in einer technischen Kennzeichnung unter der alten Weststation entdeckt, und auf der Chin’ta-Heimatwelt war eine verwandte Form in einem Familienarchiv aufgetaucht. Für sich genommen bewies keine dieser Übereinstimmungen etwas. Ein Zeichen konnte wandern, sich verändern oder an verschiedenen Orten unabhängig entstehen. Aber die Zeitangaben der beiden Datenplatten hatten sich in den vergangenen Tagen als ungewöhnlich hartnäckig erwiesen.
„Aruven hat uns die zweite Abschrift geschickt“, sagte Ceresta. „Nicht die öffentliche Fassung. Die ältere, die eine der Familien erst gestern freigegeben hat.“
Ilyra legte die Scheibe ab. „Mit den ursprünglichen Namen?“
„Mit einem Teil davon. Die Familie hat persönliche Einträge jüngerer Generationen zurückgehalten. Ich finde, das ist ihr gutes Recht.“
„Natürlich.“ Ilyra zog einen Stuhl heran. „Und der Rest?“
Ceresta drehte den Bildschirm zu ihr. Auf der linken Seite stand eine Folge alter Chin’ta-Zeichen, daneben Merrins vorläufige Übertragung und darunter eine Zeittafel, deren Daten mit den Messungen aus T-6 abgeglichen waren. Ceresta hatte die unterschiedlichen Unsicherheiten farblich markiert. Einige Abschnitte waren beinahe sicher zu datieren, andere nur innerhalb eines größeren Zeitfensters.
„Die ältere Abschrift enthält einen Familienzweig, der in den späteren Verzeichnissen fehlt“, erklärte sie. „Nicht gestrichen. Er endet einfach an der Stelle, an der die Verbindungen zwischen den Welten zusammenbrachen. Danach wird auf einen anderen Aufbewahrungsort verwiesen.“
Ilyra beugte sich vor. „Die Weststation?“
„Das wäre zu einfach. Der Verweis bezeichnet einen Bereich, keinen Raum. Aber er stimmt mit dem Herkunftscode auf deiner ersten Datenplatte überein.“
Für einige Augenblicke hörte Ilyra nur das leise Summen des Prüfgeräts. Sie hatte gehofft, die alten Gegenstände ihrer Großmutter würden irgendwann eine vertraute Geschichte ergeben: einen vergessenen Beruf, eine Reise, vielleicht eine Freundschaft, über die in der Familie nie gesprochen worden war. Stattdessen führten die Spuren immer weiter zurück, zu einer Zeit, in der Vaal und Chin’ta einander noch kannten und die alten Wege offenbar Teil ihres Lebens gewesen waren.
„Was genau hat die Familie freigegeben?“, fragte sie.
Ceresta öffnete einen zweiten Eintrag. „Eine Folge von Haushaltsvermerken. Wer bei wem lebte, wer nach einer Trennung als vermisst galt und wer später in einem anderen Register wieder auftauchte. Merrin sagt, die Bezeichnungen dürfen wir nicht einfach mit unseren heutigen Begriffen übersetzen. Aber an einer Stelle sind sich Aruven und die Familie ziemlich sicher.“
Ilyra las die Übertragung langsam. Es ging um eine Frau, die mit einem Kind auf der anderen Seite eines Übergangs geblieben war. Ihr Herkunftshaus war in einem Chin’ta-Register verzeichnet, während ein späterer Eintrag aus dem Vaal-Bereich dieselbe Person unter einem angepassten Namen aufführte. Die Verknüpfung beruhte nicht allein auf der Ähnlichkeit der Namen: Alter, Zeitmarkierungen und ein seltener Haushaltscode stimmten überein.
„Das könnte irgendeine Familie sein“, sagte Ilyra, obwohl sie wusste, weshalb Ceresta ihr gerade diesen Eintrag zeigte.
„Ja. Deshalb habe ich gestern nichts gesagt.“ Ceresta öffnete die Datenplatte ihrer Großmutter. „Aber hier ist derselbe Haushaltscode. Und darunter steht eine Folge von Abstammungsvermerken, die über mehrere Generationen weitergeführt wurde. Nicht vollständig, und einige Abschnitte müssen wir noch prüfen. Doch der letzte erhaltene Zweig führt zu einem Familiennamen, den du kennst.“
Ilyra starrte auf die Anzeige. Der Name Mandor stand dort in einer alten Schreibweise, zwischen Zeichen, die sie bis vor wenigen Wochen nicht einmal als Schrift erkannt hätte.
Sie nahm die Hände vom Tisch, als könnte eine Berührung die Zeichen verändern.
„Vielleicht wurde der Name später übernommen“, sagte sie.
„Das ist möglich. Darum brauchen wir Aruvens Einordnung und die Gegenprüfung mit den Vaal-Registern.“
„Und wenn die übereinstimmen?“
Ceresta sah sie an. „Dann erzählt diese Schachtel wahrscheinlich einen Teil deiner Familiengeschichte.“
Ilyra nickte, ohne sich zu bewegen. Sie hätte nicht sagen können, weshalb ihr die Aussicht auf eine Antwort plötzlich Angst machte.
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Merrin war auf dem Weg zur Arbeitsstation, als sie Taren im Verbindungsgang begegnete. Er trug eine kleine Kiste mit Ersatzteilen, die Garith am Vorabend angefordert hatte, und sah aus, als habe er sich freiwillig für eine Aufgabe gemeldet, die wesentlich länger dauerte als geplant.
„Greez behauptet, er habe diese Anschlüsse seit Jahren nicht mehr gesehen“, sagte er zur Begrüßung. „Garith behauptet, Greez habe sie letzte Woche selbst eingebaut. Ich habe beschlossen, mich nicht einzumischen.“
„Eine weise Entscheidung.“ Merrin deutete auf die Kiste. „Wobei du dich offenbar bereits eingemischt hast.“
„Nur körperlich.“
Sie gingen ein Stück gemeinsam. Merrin erzählte ihm von der neuen Abschrift und davon, dass Ilyra und Ceresta die Familiencodes vergleichen wollten. Taren hörte aufmerksam zu. Seit der Begegnung mit den Chin’ta hatte er begonnen, die alten Wege anders zu betrachten. Früher waren sie für ihn vor allem Spuren gewesen, die man lesen musste, um einen sicheren Pfad zu finden. Inzwischen dachte er häufiger an die Menschen, die sie benutzt hatten, und an jene, denen sie eines Tages verschlossen geblieben waren.
„Weiß Ilyra schon, was ihr bevorsteht?“, fragte er.
„Sie weiß, was wir prüfen. Mehr sollte niemand ihr vorwegnehmen.“ Merrin blieb vor einer Tür stehen. „Man kann einem Menschen eine Geschichte zeigen. Aber man darf nicht erwarten, dass er sofort weiß, wie er mit ihr leben soll.“
Taren nickte. „Wenn sie Hilfe braucht, sind wir da.“
„Das weiß sie. Ceresta sorgt schon dafür, dass sie es nicht vergisst.“
Merrin ging weiter, während Taren die Kiste zu Garith brachte. Er dachte an Seren, die an diesem Morgen erneut mit den Ermittlern auf der Wartungsplattform gesprochen hatte. Auch dort versuchten Menschen, aus alten Spuren eine Wahrheit zusammenzusetzen. Nur ging es bei der einen Suche um eine Familie und bei der anderen um einen Tod.
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Die Verbindung zu Aruven war stabiler als beim letzten Gespräch. Hinter ihr fiel helles Licht durch eine hohe Öffnung, und irgendwo außerhalb des Bildes waren Stimmen zu hören. Merrin begrüßte sie in der vertrauten Ruhe, mit der sie inzwischen miteinander sprachen. Ilyra saß neben Ceresta, die ihre Daten vorbereitet hatte.
„Bevor wir anfangen“, sagte Aruven, „möchte ich etwas klarstellen. Die Familie, deren Aufzeichnungen wir nutzen, hat der Untersuchung zugestimmt, nicht einer öffentlichen Bekanntgabe. Wenn wir etwas finden, das heute lebende Angehörige betrifft, sprechen wir zuerst mit ihnen.“
Ilyra antwortete sofort. „Das ist selbstverständlich. Ich will niemandes Geschichte an mich nehmen.“
Aruven betrachtete sie einen Moment, dann nickte sie. „Gut. Dann können wir versuchen, die deine besser zu verstehen.“
Sie gingen die Einträge einzeln durch. Merrin fragte nach der Bedeutung zweier Verwandtschaftsbegriffe, die in jüngeren Abschriften gleich übersetzt worden waren, ursprünglich aber unterschiedliche Beziehungen bezeichnet hatten. Aruven erklärte, dass der eine Begriff die Zugehörigkeit zu einem Herkunftshaus meinte, der andere die Aufnahme in einen neuen Haushalt. Die Unterscheidung war entscheidend: Eine Frau konnte in beiden Verzeichnissen erscheinen, ohne dass eine der Aufzeichnungen falsch war.
Ceresta legte die technischen Zeitmarkierungen daneben. Mehrfach musste sie einen vermeintlichen Treffer verwerfen, weil die Daten nicht zusammenpassten. Ilyra merkte, wie erleichtert sie jedes Mal war, wenn eine Verbindung sich als unhaltbar erwies, und schämte sich beinahe dafür.
Schließlich blieb ein Zweig übrig. Ein Kind war nach der Katastrophe in einem Vaal-Haushalt registriert worden. Die Mutter stammte nach dem Chin’ta-Verzeichnis von der anderen Seite des Übergangs; der Vater war in einem lokalen Register geführt. Die nächsten Generationen ließen sich nicht lückenlos, aber mit mehreren voneinander unabhängigen Einträgen verfolgen. Der Familienname veränderte sich, bis er in einer späteren Aufzeichnung als Mandor erschien.
„Es gibt eine Lücke“, sagte Ilyra und zeigte auf den Abschnitt zwischen zwei Generationen.
„Ja“, antwortete Aruven. „Und die dürfen wir nicht verschweigen. Aber die Haushaltskennung wird in der späteren Quelle wieder aufgegriffen, zusammen mit zwei Namen und einem Herkunftsvermerk, die nur zu diesem Zweig passen. Die Datenplatte deiner Großmutter enthält außerdem eine unabhängige Abschrift derselben Folge.“
Merrin lehnte sich näher zum Bildschirm. „Das bedeutet nicht, dass wir jede einzelne Person kennen. Aber es bedeutet, dass die Herkunft dieser Linie nicht bloß eine Vermutung ist.“
Ilyra schaute auf den Namen ihrer Großmutter, der am Ende der Übertragung stand. Sie hatte ihn unzählige Male gehört, auf Briefen gesehen und als Kind mit der Gewissheit verbunden, dass diese Frau alle Antworten auf die kleinen Fragen des Lebens kannte. Jetzt stand derselbe Name am Ende einer Kette, die bis in eine fremde Welt zurückreichte.
„Meine Familie stammt von beiden Völkern ab“, sagte sie langsam.
Aruven nickte. „Nach allem, was wir heute belegen können, ja. Ein Teil deiner Vorfahren gehörte zu den Chin’ta, ein anderer zu den Vaal. Die Wege haben diese Familie einst verbunden, und ihr Zusammenbruch hat sie getrennt.“
Ceresta rückte ein wenig näher. Sie griff nicht sofort nach Ilyras Hand, sondern ließ ihr den Augenblick, in dem die Worte ihren Platz finden mussten.
Ilyra hatte eine Antwort erwartet. Trotzdem war sie überrascht, wie wenig sie sich nach einer Antwort anfühlte.
„Meine Großmutter hat es gewusst“, sagte sie.
„Vielleicht wusste sie einen Teil davon“, erwiderte Merrin. „Was genau sie verstanden hat, können wir aus diesen Gegenständen nicht sicher sagen.“
„Sie hat die Schachtel versteckt. Sie hat die Platten aufbewahrt. Und sie hat mir nie ein Wort davon erzählt.“
Ihre Stimme blieb ruhig, doch Ceresta hörte, wie viel Mühe sie dafür aufbringen musste. Aruven sprach erst weiter, als Ilyra sie wieder ansah.
„Bei uns gibt es Familien, die ihre Aufzeichnungen nur innerhalb des Hauses weitergegeben haben. Manche taten es aus Angst, andere, weil die Erinnerung an die Trennung zu schmerzhaft war. Ich weiß nicht, weshalb deine Großmutter schwieg. Aber ich würde vorsichtig sein, ihr Schweigen schon jetzt als Misstrauen gegen dich zu verstehen.“
Ilyra senkte den Blick. „Ich weiß.“
Sie wusste es tatsächlich. Nur half dieses Wissen noch nicht gegen die Wut, die sich in ihr regte.
Merrin bat Aruven, die Dokumentation der Quellen zu schicken. Sie wollten jeden Schritt später erneut prüfen können, und die Chin’ta-Familie sollte über die Verwendung der Unterlagen mitentscheiden. Als die Verbindung endete, blieb Ilyra vor dem dunklen Bildschirm sitzen.
„Du musst jetzt nichts entscheiden“, sagte Ceresta.
Ilyra schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht. Ich habe mein ganzes Leben lang geglaubt, ich wüsste, woher ich komme. Und plötzlich frage ich mich, wie viel davon nur deshalb so einfach war, weil niemand darüber gesprochen hat.“
Merrin setzte sich auf die andere Seite des Tisches. „Dein Leben ist dadurch nicht unwahr geworden.“
„Nein. Aber unvollständig.“
„Vielleicht war es das schon immer“, sagte Merrin sanft. „Und vielleicht kannst du jetzt etwas davon zurückholen.“
Ilyra antwortete nicht. Sie nahm das rote Tuch aus der Schachtel und faltete es wieder zusammen, sorgfältiger, als es nötig gewesen wäre.
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Auf der Serrat hatte Sira seit dem Frühstück drei Datenbanken durchgesehen und zwei Mal mit einem gelangweilten Registrierungsbeamten gesprochen, der behauptete, von Halen Drex noch nie gehört zu haben. Dass der Name nicht in den öffentlichen Verzeichnissen auftauchte, überraschte sie wenig. Joren hatte selbst davor gewarnt, ihn für echt zu halten.
Korda kam auf die Brücke, während sie eine weitere Kennung abglich. Er stellte ihr einen Becher Wasser neben das Pult und betrachtete die vielen geöffneten Fenster.
„Wie viele falsche Namen hast du inzwischen?“
„Genug, um mir selbst einen auszusuchen, falls du mich weiter mit dieser Arbeit allein lässt.“ Sira deutete auf einen der Einträge. „Aber Jorens Hinweis war nicht wertlos. Zwei alte Prüfnummern wurden an verschiedenen Orten verwendet, und beide tauchen in einem Archiv auf, das früher zu einem privaten Zahlungsdienst gehörte.“
Korda beugte sich über ihre Schulter. „Können wir auf die ursprünglichen Unterlagen zugreifen?“
„Noch nicht. Wir haben nur die Bestätigung, dass es die Kennungen gab. Der Betreiber ist seit Jahren verschwunden, aber die alten Register wurden offenbar an eine Nachfolgegesellschaft übertragen. Ich habe Seren eine Anfrage vorbereitet.“
Korda las sie durch. Sira hatte jede Behauptung mit einem Herkunftsvermerk versehen und deutlich markiert, was sie nicht beweisen konnten. Er wusste, wie viel Geduld ihr diese Genauigkeit abverlangte.
„Gut“, sagte er. „Wir lassen es offiziell prüfen. Wenn Drex merkt, dass wir suchen, will ich wenigstens wissen, welche Spuren wir selbst hinterlassen.“
Sira schloss das Fenster mit den öffentlichen Registern. „Joren fragt übrigens ständig, ob wir schon jemanden gefunden haben. Ich glaube nicht, dass er ungeduldig ist. Eher, dass er Angst davor hat, die Antwort könnte ja lauten.“
Korda erinnerte sich an ihr letztes Gespräch mit dem Gefangenen. „Dann sollten wir ihn nicht im Unklaren lassen. Aber wir geben ihm nur das weiter, was wir sicher wissen.“
Als Sira wieder allein war, erschien eine Nachricht von Nehri. Sie enthielt keine historischen Rätsel und keine versteckten Hinweise, sondern eine Beschreibung eines Festes, das in ihrem Heimatort vorbereitet wurde, und die Frage, ob Sira jemals versucht habe, mit jemandem zu tanzen, der die Musik ganz anders hörte.
Sira las die Nachricht zweimal und musste lachen. Dann schob sie ihre Arbeit beiseite, um eine Antwort zu schreiben. Sie berichtete von einem missglückten Tanzabend auf einer Handelsstation, bei dem Korda beinahe einen Tisch umgeworfen hatte. Den Teil, in dem sie selbst die Musik falsch verstanden hatte, ließ sie zunächst weg, fügte ihn nach kurzem Überlegen aber doch hinzu.
Für einige Minuten bestand ihre Welt aus nichts anderem als einer Geschichte, die sie einer Freundin erzählen wollte.
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Telana Agur erhielt den Zwischenbericht über Halen Drex am frühen Nachmittag. Er enthielt keine Anschuldigung, sondern eine Reihe überprüfbarer Kennungen und die Bitte, über ihr begrenztes Mandat die Einsicht in ältere Verwaltungsunterlagen zu koordinieren. Sie las sorgfältig, welche Stellen angefragt werden sollten, und gab die rechtlich unbedenklichen Schritte an den zuständigen Mitarbeiter weiter.
Erst als sie allein war, öffnete sie den Abschnitt über die alte Zieloperation erneut. Eine Zeile erwähnte, dass die damalige Zahlung möglicherweise aus einem Bestand stammte, der mit verdeckten Identitäten gearbeitet hatte.
Für einen Augenblick sah sie Mitch vor sich, wie er an einem Abend in der Tür gestanden hatte, die Reisetasche schon in der Hand. Er hatte gelächelt und ihr versprochen, nicht länger fortzubleiben als nötig. Sie erinnerte sich nicht an die genaue Antwort, die sie ihm gegeben hatte, wohl aber daran, dass sie ihm den Kragen seiner Jacke glattgestrichen hatte, obwohl dort nichts zu richten gewesen war.
Dann war das Bild verschwunden. Telana schloss die Augen, bis das vertraute Gewicht hinter ihrem Brustbein nachließ, und wandte sich wieder dem Bericht zu.
Sie verfasste eine knappe Rückfrage zur Herkunft der alten Kennungen. Dabei achtete sie darauf, dass alle angeforderten Schritte innerhalb ihres Mandats blieben. Ein zweiter Entwurf, in dem sie um direkten Zugang zu den vollständigen Rohdaten bitten wollte, blieb zunächst ungesendet. Es war leichter, einen weiteren Antrag zu begründen, wenn die ersten Ergebnisse vorlagen.
Als ihr Mitarbeiter zurückkehrte, besprach sie mit ihm die nächsten Termine und die Versorgung der Wohnbereiche. Niemand, der sie an diesem Nachmittag sah, hätte Anlass gehabt, an ihrer Sorgfalt zu zweifeln.
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Ilyra ging erst spät nach Hause. Ceresta begleitete sie schweigend durch die Wege von Nerava, vorbei an halb fertiggestellten Fassaden und den Fenstern, hinter denen Familien zu Abend aßen. Ein Kind rannte ihnen entgegen, weil es einen verlorenen Spielstein suchte; Ceresta half beim Suchen, während Ilyra sich mit dem Rücken an eine niedrige Mauer lehnte und zusah. Als der Stein unter einem Transportwagen auftauchte, bedankte sich das Kind überschwänglich und verschwand wieder.
„Es ist merkwürdig“, sagte Ilyra, als sie weitergingen. „Ich habe heute etwas erfahren, das mein Leben verändern müsste. Aber dort drüben streitet wahrscheinlich gerade jemand darüber, wer das Geschirr abwäscht.“
„Wenn du möchtest, können wir uns zu Hause auch darüber streiten“, bot Ceresta an. „Ich würde mich sogar bereit erklären, zu verlieren.“
Ilyra lächelte. Dann blieb sie stehen.
„Ich bin wütend auf sie“, sagte sie. „Auf meine Großmutter. Ich weiß, dass ich nicht weiß, weshalb sie geschwiegen hat. Trotzdem bin ich wütend. Und das Schlimmste ist, dass ich sie nicht mehr fragen kann.“
Ceresta stellte die kleine Tasche mit den gesicherten Kopien ab. „Dann darfst du wütend sein. Du musst nicht sofort eine freundliche Erklärung für alles finden.“
„Sie hat mich geliebt.“
„Daran zweifelst du nicht.“
„Nein.“ Ilyra rieb sich über die Stirn. „Aber vielleicht hat sie geglaubt, sie müsste mich vor etwas schützen. Ich weiß nicht einmal, wovor.“
Ceresta nahm ihre Hand, diesmal ohne zu zögern. „Dann finden wir heraus, was wir herausfinden können. Und wenn manches offenbleibt, heißt das nicht, dass du weniger von ihr behalten darfst.“
Sie gingen weiter. Ilyra spürte die Schulter bei jedem längeren Schritt; Ceresta bemerkte es und verlangsamte ihr Tempo, ohne etwas zu sagen. Diese kleine Rücksicht rührte Ilyra beinahe mehr als die Worte zuvor.
Zu Hause stellten sie die Schachtel auf den Tisch. Ceresta holte etwas zu essen, während Ilyra die Gegenstände erneut betrachtete. Zum ersten Mal sah sie nicht nur Beweise darin, sondern Entscheidungen: Jemand hatte das rote Tuch ausgewählt, die Platten geschützt, den grauen Datenträger aufgehoben und die Worte auf das Papier geschrieben. Vielleicht hatte ihre Großmutter gehofft, dass die Schachtel eines Tages geöffnet würde. Vielleicht hatte sie sich zugleich davor gefürchtet.
„Bewahren, bis jemand wieder fragt“, las Ilyra leise.
Ceresta stellte zwei Teller ab. „Du hast gefragt.“
„Ja.“ Ilyra faltete den Zettel auf und legte ihn neben die alte Haushaltskennung. „Und ich glaube, ich möchte wissen, wer damals noch gefragt hat.“
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Seren traf Taren am Rand eines der neuen Wohnbereiche. Garith hatte dort mit einigen Helfern die Beleuchtung überprüft, und aus einem offenen Fenster innerhalb der Wohnkuppel hörten sie Greez, der sich lautstark darüber beschwerte, dass niemand seine Kochkunst ausreichend würdige. Taren grinste, als die Stimme über den Platz hallte.
„Wenn er noch lauter wird, hören ihn die Chin’ta ohne Verbindung.“
Seren lehnte sich für einen Moment an ihn. Sie hatte den Tag mit Berichten verbracht und war froh, dass Taren nicht sofort danach fragte. Gemeinsam sahen sie zu, wie Garith eine Leuchte neu ausrichtete, bis der Weg zwischen zwei Häusern gleichmäßig erhellt war.
„Ilyra hat heute etwas über ihre Familie erfahren“, sagte Taren schließlich. „Merrin hat mir nur so viel erzählt, wie Ilyra selbst weitergeben wollte. Aber es scheint, als hätten die alten Wege mehr Menschen miteinander verbunden, als wir bisher wussten.“
Seren nickte. „Und mehr getrennt.“
„Glaubst du, dass die Register des Konklaves noch weitere Familien enthalten?“
„Möglich. Doch wir sollten nicht einfach alle alten Namen öffentlich machen. Für manche Menschen sind das Geschichten, die sie selbst erst verstehen müssen.“ Sie sah zu ihm auf. „Ich werde prüfen lassen, welche Bestände wir rechtmäßig zugänglich machen können. Die Chin’ta müssen bei allem, was ihre Familien betrifft, mitentscheiden.“
Taren legte den Arm um sie. Er dachte an Ilyra und an die vielen Fragen, die eine Antwort mit sich bringen konnte. Dann fiel sein Blick auf die Kinder, die am Ende des Weges um eine Ecke liefen und lachend zurückkamen, weil einer von ihnen die Richtung verwechselt hatte.
„Früher habe ich geglaubt, ein Weg sei etwas, das man findet“, sagte er. „Jetzt kommt es mir öfter so vor, als müsste man auch entscheiden, was man mit ihm verbindet.“
Seren ließ den Blick über die Häuser wandern. „Das war wahrscheinlich schon immer so. Wir haben es nur zu selten gefragt.“
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Am nächsten Morgen wartete eine kurze Nachricht von Aruven auf Ilyras Konsole. Die Familie, die ihre Aufzeichnungen freigegeben hatte, war bereit, weitere ältere Abschriften prüfen zu lassen. Tesh hatte zugestimmt, die Suche nach den Ereignissen vor der Katastrophe fortzusetzen, allerdings unter der Bedingung, dass die betroffenen Familien selbst über die Weitergabe entschieden. Es war ein kleiner Fortschritt, und niemand versuchte, mehr daraus zu machen.
Ilyra las die Nachricht, während Ceresta die Prüfgeräte einschaltete. Sie hatten beschlossen, zunächst die Lücken in den Abstammungsvermerken zu dokumentieren und anschließend nach den Familien zu suchen, deren Spuren auf beiden Seiten des alten Übergangs abbrachen. Nicht jede Geschichte würde sich schließen lassen. Vielleicht würden sie sogar feststellen, dass manche Trennungen nie überwunden worden waren.
„Bereit?“, fragte Ceresta.
Ilyra betrachtete noch einmal die Schachtel. Sie wusste nun, dass ein Teil ihrer Vorfahren von den Chin’ta stammte, und sie wusste ebenso sicher, dass diese Erkenntnis nicht plötzlich aus ihr einen anderen Menschen machte. Sie war noch immer die Frau, die Ceresta liebte, die sich mit widerspenstiger Technik herumärgerte und manchmal zu lange arbeitete, obwohl ihre Schulter längst Ruhe verlangte. Aber hinter ihrem Namen lagen Menschen, die sie bislang nicht gekannt hatte, und wenigstens einigen von ihnen wollte sie nun einen Platz in ihrer Geschichte geben.
„Ja“, sagte sie und rückte den Stuhl näher an den Tisch. „Fangen wir mit dem an, was wir wirklich wissen.“
Ceresta öffnete die erste Aufzeichnung. Draußen begann Nerava einen weiteren gewöhnlichen Tag, während auf dem Bildschirm Namen erschienen, die lange niemand mehr gelesen hatte.