WAYFARER ARCHIVE // LESEMODUS
Kapitelübersicht
KAPITEL 32

Was wir voneinander wissen

Die Nighthawk war schwerer zu verbergen, als Korda gehofft hatte. Selbst mit gedrosseltem Antrieb und abgeschalteten Kennlichtern blieb sie ein mittelgroßes Patrouillenschiff, dessen beschädigte Steuersektion bei jeder Kursänderung gegen die Schleppverbindung arbeitete. Rusk hatte die Belastungsgrenzen bereits zweimal erklärt und tat es gerade ein drittes Mal, weil Korda den nächsten Kurswechsel enger ansetzen wollte, als der Mechaniker für vernünftig hielt.

„Ich habe dich beim ersten Mal verstanden“, versicherte Korda und nahm die Korrektur zurück. Rusk warf einen prüfenden Blick auf die Anzeige, bevor er sich wieder in seinen Sitz sinken ließ. „Dann hör bitte auch beim ersten Mal auf mich. Ich habe keine Lust, die Nighthawk in Einzelteilen einzusammeln.“ Sira unterdrückte ein Lächeln, was ihr nur teilweise gelang. Seit der Gefangennahme hatte Korda kaum geschlafen, und die Art, wie er jede Entfernung zweimal kontrollierte, verriet mehr über seine Erschöpfung als jedes Eingeständnis.

„Wir nehmen nicht die direkte Route“, sagte er schließlich. „Die Gefangenen haben Tenebris nicht gefunden, und das soll so bleiben.“ Sira bestätigte den Kurs, ließ ihn aber nicht ganz ungeschoren davonkommen. „Das wissen wir, Korda. Und bevor du es noch einmal sagst: Rusk hat die Schlepplast bereits eingerechnet.“ Der Mechaniker beugte sich über seine Anzeigen. „Ich bin erst fertig, wenn wir diesen fliegenden Schrotthaufen irgendwo festgemacht haben. Vorher hat keiner von euch das Recht, erleichtert zu sein.“

Auf dem Schirm zog die Nighthawk träge durch das Sternenfeld. Veya Rinn half unter Aufsicht bei der Stabilisierung und machte dabei keine falschen Angaben über die beschädigte Steuerung. Rusk erkannte ihr Können an, ohne deshalb zu vergessen, auf welcher Seite sie während des Angriffs gestanden hatte.

Seren hatte eine abgeschirmte Wartungsplattform in einem abgelegenen Versorgungssektor ausgewählt, von der keine direkte Verbindung nach Nerava führte. Dort konnten die Schiffe überprüft, die Gefangenen getrennt untergebracht und die Daten gesichert werden. Die Verantwortlichen auf Tenebris erhielten zunächst nur eine geschützte Meldung; Flugwege und Koordinaten blieben außerhalb der regulären Berichte.

Als die Plattform vor ihnen auftauchte, betrachtete Greez das dunkle Gerüst und die wenigen brennenden Arbeitslichter mit offenem Misstrauen. „Das soll unser sicherer Hafen sein? Taren, ich habe Wracks gesehen, die einladender aussahen.“ Cal beugte sich über seine Schulter und erinnerte ihn daran, dass sie schon schlechtere Andockstellen überstanden hatten, worauf Greez nur schnaubte. „Genau das ist das Problem. Hinterher erzählen immer alle, wie gut es ausgegangen ist, und keiner fragt, wer die Maschine wieder zusammenbauen durfte.“ Merrin lächelte im Durchgang. „Du wirst auch diese Begegnung überleben.“ Greez warf ihr einen Blick zu, als habe sie ihn absichtlich beleidigt. „Das behaupten erstaunlich oft Leute, die das Andockmanöver nicht fliegen.“

Taren sah zu Seren. Sie hatte während der Annäherung kaum gesprochen, doch nun entspannte sich ihr Gesicht für einen Augenblick. Die vertrauten Stimmen halfen, die Stunden seit dem Zugriff nicht nur als Abfolge von Sicherungsmaßnahmen zu empfinden. Es gab noch immer Menschen, die über einen schiefen Andockarm streiten konnten, während draußen ein gefangenes Kriegsschiff hing.

*

Joren Pell hatte sich die Anhörung anders vorgestellt. Er hatte mit Drohungen gerechnet, vielleicht mit dem Versuch, ihn gegen Voss auszuspielen. Stattdessen saß er allein vor einer offen gekennzeichneten Aufzeichnungseinheit. Auf dem Tisch stand Wasser, und Seren hatte ihm erklärt, dass seine Aussagen getrennt von denen der übrigen Besatzung aufgenommen würden. Korda saß seitlich am Tisch. Seine Anwesenheit machte Joren sichtbar nervöser als die Wachen vor der Tür.

„Sie haben gestern angeboten, über die Zahlungswege der Nighthawk zu sprechen“, begann Seren. „Ich möchte wissen, ob dieses Angebot noch gilt und unter welchen Voraussetzungen Sie bereit sind, Ihre Angaben überprüfen zu lassen.“ Joren rieb mit dem Daumen über eine Druckstelle am Handgelenk, die von den inzwischen entfernten Fesseln geblieben war. Er erkundigte sich nach einer Gegenleistung, doch Seren versprach ihm lediglich eine faire Anhörung, Versorgung und die Dokumentation seiner Mitarbeit. Über das spätere Urteil werde nicht sie entscheiden.

„Voss hätte mir wenigstens eine Geschichte erzählt, in der am Ende alle zufrieden sind“, bemerkte Joren mit einem schiefen Lächeln. Korda ließ den Blick auf ihm ruhen. „Hat er Ihnen solche Geschichten oft erzählt?“ Joren antwortete zunächst mit einem Hinweis auf die gute Bezahlung, merkte aber selbst, wie wenig das mit der Frage zu tun hatte. Er betrachtete seine Hände, deren breite Finger eher zu einem Lagerarbeiter passten als zu einem Mann, der falsche Identitäten und verschachtelte Konten verwaltete.

Früher, erzählte er, habe er Frachtdokumente für einen privaten Spediteur geprüft. Nach dem Verkauf der Firma seien Verträge verschwunden und Lieferungen aufgetaucht, die niemand gesehen hatte. Er habe gekündigt, bevor jemand die Unregelmäßigkeiten auf ihn abwälzen konnte. „Und dann bin ich ausgerechnet zu Leuten gegangen, die wenigstens offen zugaben, dass ihre Geschäfte nicht sauber waren. Damals hielt ich das für eine Verbesserung.“ Korda zog die Brauen zusammen, sparte sich aber die naheliegende Bemerkung. Joren wusste offenbar selbst, wie dürftig seine Rechtfertigung klang.

Seren ließ ihn erklären, wie die Abrechnungen funktionierten. Die Auftraggeber bezahlten über mehrere Vermittler; die Besatzung erhielt Kennungen und Freigaben, aber selten die Namen der Kunden. Niemand sollte den gesamten Weg einer Zahlung sehen können. Als Seren den Angriff auf die Serrat ansprach, wurde Jorens Stimme leiser. Er bestätigte, die Abrechnung bearbeitet und gewusst zu haben, dass es sich um einen bewaffneten Einsatz handelte.

„Rusk ist dabei verletzt worden“, sagte Korda. Er sprach ruhig, und gerade das machte es Joren schwer, ihm auszuweichen. „Ich habe den Bericht gelesen“, erwiderte dieser schließlich. „Mehr kann ich dazu nicht sagen, ohne so zu tun, als würde es etwas ändern.“ Korda wartete einen Augenblick, ehe er nickte. Es war keine Entschuldigung, aber wenigstens auch kein Versuch, den Angriff zu einer gewöhnlichen Buchungsposition zu verkleinern.

Seren schob ihm die Liste der gesicherten Auftragsnummern zu. Bei den jüngeren Einträgen konnte Joren einzelne Vorgänge benennen, doch bei einer deutlich älteren Kennung hielt er inne. Sie gehöre nicht in dieselbe Reihe, erklärte er. Die gewöhnlichen Einsätze hätten Materialkosten, Transportpositionen und Abschlussberichte gehabt. Dieser Datensatz enthalte lediglich eine Zielkennung, eine bestätigte Ausführung und eine Zahlung. „Kein Schiff, keine Fracht. Wenn Sie mich fragen, ging es um einen einzelnen Menschen. Aber den Auftragstext habe ich nie gesehen.“

Er hatte den Eintrag Jahre zuvor bei einer Systemumstellung übernommen. Die alten Prüfschlüssel könnten noch existieren, sagte er, und es gebe einen Mann, der solche Freigaben damals bestätigt habe. Als Seren nach dessen Namen fragte, verschloss sich Joren jedoch wieder. Er fürchte, dass die Vermittler ihn töten ließen, sobald sie von seiner Aussage erfuhren.

Seren widersprach dieser Gefahr nicht. Sie erklärte ihm, welche Schutzmaßnahmen bereits galten und welche Grenzen sie hatten. Es wäre leicht gewesen, ihm absolute Sicherheit zu versprechen; schwieriger war es, ihm einen Grund zu geben, einer ehrlichen Antwort zu vertrauen. Joren hörte ihr lange zu und schüttelte dann den Kopf. „Sie sind wirklich schlecht darin, einem das zu sagen, was man hören möchte.“ Seren ließ ein kleines Lächeln zu. „Dann wissen Sie wenigstens, woran Sie bei mir sind.“ Zum ersten Mal erwiderte er es, müde und vorsichtig, als hätte er vergessen, wie sich ein Gespräch ohne Drohung anfühlte.

*

Auf Tenebris hatte die Nachricht von der Festsetzung der Nighthawk zunächst die zuständigen Stellen des Konklaves erreicht. Die zwölf Kuratoren waren über den Vorfall informiert worden; für die erste Abstimmung über das weitere Vorgehen waren ihre Vertreter und die mit der Sicherheit befassten Mitglieder zusammengekommen. Niemand behauptete, dass die Gefangenen bereits verurteilt seien, und niemand wollte ihre Aussagen in einem öffentlichen Streit verlieren.

Telana Agur war zu dieser Beratung hinzugezogen worden, weil sie sich bei früheren Fragen der Versorgung und der geregelten Zusammenarbeit zwischen den neuen Wohnbereichen als sorgfältige Vermittlerin erwiesen hatte. Sie hatte keine eigene Befehlsgewalt über die Ermittler, und als die Frage aufkam, wer die unterschiedlichen Berichte zusammenführen sollte, schlug sie zunächst eine gemeinsame Arbeitsgruppe vor.

Einer der Kuratoren hielt dagegen, dass die Verantwortung klar erkennbar bleiben müsse. Nach einer kurzen Aussprache beschlossen die zwölf, Telana mit der Koordination einer befristeten Sonderuntersuchung zu betrauen. Das Mandat betraf ausschließlich die Angriffe der Nighthawk, ihre Auftraggeber und die damit zusammenhängenden Zahlungswege. Sie durfte Unterlagen bei den zuständigen Stellen anfordern, die technische Prüfung abstimmen und dem Konklave Empfehlungen vorlegen. Sie durfte weder Gefangene eigenmächtig verlegen noch Serens Befugnisse als geweihte Jägerin beschneiden; sämtliche Kuratoren behielten das Recht auf Einsicht in die vollständigen, gesicherten Berichte.

Telana nahm die Aufgabe an, ohne aus der Ernennung eine Feier zu machen. Sie bat lediglich darum, die Grenzen des Mandats schriftlich festzuhalten, damit später niemand die Verantwortung zwischen den Stellen hin- und herschieben konnte. Dieser Vorschlag überzeugte selbst jene Kuratoren, die ihr zunächst skeptisch begegnet waren.

Erst danach erhielt sie den ausführlicheren Bericht über die fünf Gefangenen, die sichergestellten Daten und die älteren Transaktionen. Sie las ihn zweimal, ehe sie sich mit Garith, Nalea und den zuständigen Vertretern zur ersten Arbeitsbesprechung traf. Seren und Korda waren von der Wartungsplattform zugeschaltet.

„Zunächst bin ich froh, dass Ihre Besatzung lebend zurückgekehrt ist, Captain Venn“, sagte Telana. Sie hatte sich nicht nur über den Angriff, sondern auch über Rusks Verletzungen informiert. Korda erwiderte, der Mechaniker sei längst wieder bei der Arbeit und würde bestreiten, jemals aufgehört zu haben. Garith, der Rusk inzwischen kannte, bemerkte trocken, dass die beiden sich bereits über technische Einzelheiten gestritten hätten. Die kurze Heiterkeit half, bevor das Gespräch auf die Verantwortung für die Gefangenen zurückkam.

Telana erklärte, weshalb sie ein nachvollziehbares Verfahren für unverzichtbar hielt. Getrennte Aussagen, eine unabhängige technische Prüfung und ein lückenloses Verzeichnis der Datenträger würden später verhindern, dass die Verteidigung oder die Auftraggeber die Ergebnisse allein wegen formaler Fehler anzweifeln konnten. Vor allem müsse man die Gefangenen schützen: Wer ihre Einsätze finanziert habe, könne auch ein Interesse daran haben, sie zum Schweigen zu bringen.

Seren stimmte dem zu, stellte aber klar, dass die genaue Position der Wartungsplattform weiterhin nur den unmittelbar Verantwortlichen bekannt sein würde. Telana akzeptierte das ohne Einwand. Als sie vorschlug, die vorläufigen Auswertungen zunächst durch einen kleinen fachkundigen Kreis prüfen zu lassen, erinnerte Seren an die Einsichtsrechte der zwölf Kuratoren. Telana verwies auf den schriftlichen Auftrag und bestätigte, dass kein Kurator von den gesicherten Originaldaten ausgeschlossen werde. Damit war die Zuständigkeit geklärt, ohne dass Seren ihre Unabhängigkeit aufgeben musste.

Nach der Besprechung bat Telana den ihr für die Koordination zugeteilten Mitarbeiter, den Kuratoren sowohl die bestätigten Ergebnisse als auch eine gesondert gekennzeichnete Übersicht der ungeprüften Altbestände bereitzustellen. Als er nach dem Eintrag ohne Auftragstext fragte, antwortete sie, gerade dieser müsse sichtbar bleiben, allerdings ohne voreilige Zuschreibung. Sie sprach so selbstverständlich über sorgfältige Prüfung, dass der Mitarbeiter keinen Anlass sah, ihre Absicht zu hinterfragen. Telana selbst blieb noch einen Moment vor dem Display sitzen, auf dem die alte Kennung zwischen den jüngeren Einsätzen stand.

*

„Du hättest ihr nicht so schnell zustimmen müssen“, sagte Taren später zu Seren.

Sie standen in einem schmalen Verbindungsgang der Wartungsplattform, durch dessen Sichtfenster die Serrat zu erkennen war. Hinter ihnen trugen zwei Techniker versiegelte Datenträger zu einem gesicherten Lagerraum.

„Ich habe ihr nicht in allem zugestimmt“, erwiderte Seren. „Aber sie hat recht überzeugend geklungen.“

„Weil einiges von dem, was sie gesagt hat, richtig war.“

Taren lehnte sich gegen die Wand. „Das ist manchmal das Schwierigste an solchen Gesprächen.“

Seren sah ihn an. „Was genau?“

„Dass man jemanden nicht danach beurteilen kann, ob er einem sympathisch ist. Und auch nicht danach, ob er die richtigen Worte findet.“

Seren lächelte. „Du wirst politisch.“ Taren verzog das Gesicht, und sein gespieltes Entsetzen brachte sie zum Lachen. „Das möchte ich doch sehr vermeiden.“

Sie lachte leise und strich ihm über den Ärmel. „Du musst niemandem misstrauen, nur weil er Einfluss hat. Aber wir dürfen auch niemandem einen Vertrauensvorschuss geben, der die Beweise ersetzt.“

Taren nahm ihre Hand. „Dann bleiben wir bei den Beweisen.“

Sie standen noch einen Moment nebeneinander. Das Licht der Plattform fiel über Serens Gesicht, und Taren bemerkte, wie müde sie aussah. Seit der Verfolgung hatte sie kaum geschlafen.

„Du solltest dich ausruhen“, sagte er.

„Das wolltest du mir gestern auch schon sagen.“

„Gestern hattest du einen bewaffneten Söldner am Boden festgehalten. Heute ist dein gefährlichster Gegner vermutlich ein Stapel Berichte.“

„Unterschätze Berichte nicht.“

Er küsste sie kurz. „Würde mir nie einfallen.“

*

In Nerava roch es am Abend nach warmem Brot, Gewürzen und etwas, das Greez beharrlich als seine eigene Spezialität bezeichnete. Garith hatte ihm eine freie Küche organisiert, was sich als Fehler erwies, sobald der Pilot anfing, über die mangelhafte Anordnung der Schränke zu klagen.

„Wer stellt denn die Pfannen auf die andere Seite des Raumes?“, rief Greez.

„Jemand, der nicht vier Arme hat“, antwortete Nalea.

Merrin saß am Tisch und beobachtete, wie Kitena versuchte, Cal zu einer Beschreibung des Gefechts zu bewegen. Tylan war neben ihr auf einen Stuhl geklettert und stellte Fragen, die mit der Nighthawk wenig zu tun hatten.

„Wenn ein Schiff kaputt ist“, fragte Tylan, „kann es dann noch rückwärts fliegen?“ Cal überlegte kurz. „Kommt darauf an, was kaputt ist.“

„Und wenn alles kaputt ist?“ Cal zuckte mit den Schultern. „Dann fliegt es meistens gar nicht.“

Tylan überlegte. „Das ist schlecht.“

„Das stimmt“, sagte Greez aus der Küche. „Endlich jemand, der meine Arbeit versteht.“

Kitena verdrehte die Augen. „Ich wollte eigentlich wissen, warum die Leute auf dem Schiff immer wieder angegriffen haben. Sie mussten doch irgendwann merken, dass das nicht richtig ist.“

Cal legte die Gabel beiseite. Er hatte sich auf Fragen nach dem Kampf vorbereitet, nicht auf diese.

„Manche Menschen gewöhnen sich daran, Entscheidungen nur danach zu beurteilen, was sie ihnen einbringen“, sagte er. „Und manchmal merken sie erst sehr spät, was sie anderen damit antun.“

„Aber sie merken es?“, fragte Kitena. Cal sah sie an. „Nicht alle.“

Nalea setzte sich zu ihnen. „Deshalb ist es wichtig, dass jemand ihnen Grenzen setzt. Und dass man trotzdem nicht vergisst, dass es Menschen sind.“

Garith nickte, während er Tylan half, seinen Becher gerade hinzustellen. Für einen Augenblick sah er Cal an, und beide erinnerten sich offenbar an die Stunden, in denen sie um das Leben des Jungen gebangt hatten. Tylan bemerkte nichts davon. Er war bereits damit beschäftigt, Greez zu erklären, dass sein Essen ein bisschen zu scharf roch.

„Du hast noch gar nicht probiert!“, protestierte Greez.

„Ich kann gut riechen.“

Merrin lachte so herzlich, dass Greez schließlich selbst grinste.

Später, als Kitena die Teller einsammelte und Tylan beinahe im Sitzen einschlief, sprach Nalea mit Garith über die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen. Sie wollte wissen, ob die Arbeit an den Wohnbereichen wieder zurückstehen musste.

„Nicht alles“, sagte Garith. „Wir können nicht jedes Mal das Leben anhalten, wenn draußen etwas passiert.“ Nalea setzte sich zu ihnen. „Gut. Denn hier drinnen passiert auch genug.“

Cal sah durch das Fenster auf die Lichter der jungen Siedlung. Nerava war noch immer ein Ort, an dem vieles improvisiert werden musste, aber die Menschen begannen, ihn selbstverständlich ihr Zuhause zu nennen. Er dachte an Korda, der auf der Plattform bei seiner Crew geblieben war, obwohl er längst hätte ablösen können. Vielleicht musste man einem Mann nicht erklären, was Heimat bedeutete. Vielleicht reichte es, ihm zu zeigen, dass jemand auf ihn wartete.

*

Auf der Wartungsplattform hatte Joren inzwischen um eine zweite Anhörung gebeten. Seren fand ihn diesmal nicht am Tisch, sondern am Fenster des kleinen Aufenthaltsraums. Er betrachtete die fernen Arbeitslichter der Serrat.

„Ich habe Ihren Captain gesehen“, sagte Joren, ohne sich umzudrehen. „Den mit dem Mechaniker.“ „Korda“, sagte Seren. „Er hat gefragt, ob ich etwas essen möchte“, fuhr Joren fort. „Und?“, fragte Seren.

„Ich dachte, er will mich prüfen. Aber er hat nur gefragt.“

Seren wartete.

Joren verschränkte die Hände. „Ich habe lange genug mit Voss gearbeitet, um bei jeder Freundlichkeit nach dem Preis zu suchen. Korda hat keinen Preis genannt.“

„Nein.“ Joren drehte sich zu ihr um. „Vielleicht macht es das schlimmer.“

Er setzte sich und schob ihr ein kleines Datenblatt zu, auf das er mehrere Zeichenfolgen geschrieben hatte.

„Der Kontaktmann benutzte damals den Namen Halen Drex. Ich weiß nicht, ob er wirklich so heißt. Er war derjenige, der alte Aufträge für die Vermittler freigab. Wenn jemand den ursprünglichen Prüfschlüssel besitzt, dann er.“

Seren betrachtete die Zeichen. „Woher kennen Sie ihn?“

„Ich habe zweimal direkt mit ihm gesprochen. Einmal, als bei einer Zahlung eine falsche Kennung auftauchte. Und einmal, als er wissen wollte, ob eine abgeschlossene Operation wirklich aus allen aktiven Registern verschwunden war.“

„Welche Operation?“

Joren tippte auf die ältere Nummer.

Seren hob den Blick. „Sie haben vorhin gesagt, dass Sie den Inhalt nicht kennen.“

„Den kenne ich auch nicht. Aber ich erinnere mich an den Streit. Drex wollte, dass die Kennung gelöscht wird. Unser damaliger Buchhalter bestand darauf, den Zahlungsnachweis zu behalten. Er sagte, sonst könne später jeder behaupten, die Arbeit sei nie erledigt worden.“

„Was geschah mit dem Buchhalter?“, fragte Seren. „Er verließ die Firma. Ich weiß nicht, wohin“, antwortete Joren.

Seren schrieb sich den Hinweis auf. „Warum sagen Sie mir das erst jetzt?“

Joren verschränkte die Hände. „Weil ich gehofft habe, Sie würden mich einfach irgendwohin bringen, wo niemand meinen Namen kennt. Aber Sie haben die Nighthawk. Sie haben die Konten. Irgendwann finden Sie heraus, was ich getan habe, ob ich Ihnen helfe oder nicht.“

„Und Sie wollen, dass wir wissen, dass Sie geholfen haben?“, fragte Seren. „Ja.“ Joren atmete aus. „Und vielleicht will ich zum ersten Mal seit Langem selbst wissen, wofür ich das alles gemacht habe.“

Seren versprach ihm keine Vergebung. Sie nahm das Datenblatt, ließ seine Angaben dokumentieren und ordnete an, dass seine Unterkunft nicht mehr nach denselben Routinen wie die der anderen Gefangenen betreut wurde. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, keine Vorahnung. Sie hatte oft genug erlebt, wie schnell ein Name gefährlich wurde, sobald jemand ihn mit einem alten Geheimnis verband.

*

Die Verbindung nach Nythara, zur Heimatwelt der Chin’ta, kam später als erwartet. Merrin saß mit Ceresta und Ilyra vor einem Bildschirm, als Aruvens Gesicht erschien. Im Hintergrund war ein offener Raum zu sehen, in dem mehrere Menschen miteinander sprachen. Bei einer älteren Frau schimmerte die Haut im Bereich der Hände für einen Augenblick leicht durchscheinend, während sie gestikulierte. Niemand schenkte dem besondere Beachtung.

„Die Familien haben beraten“, berichtete Aruven. „Einige möchten ihre Aufzeichnungen mit euch teilen. Andere sind noch nicht bereit.“

„Wir werden niemanden drängen“, sagte Merrin.

„Das weiß ich. Gerade deshalb haben sich einige entschieden, uns zuzuhören.“

Aruven legte zwei Textfassungen nebeneinander. Die eine stammte aus einem Chin’ta-Familienarchiv, die andere aus den bisher freigegebenen Vaal-Aufzeichnungen. Beide beschrieben die Stunden vor der alten Katastrophe, aber eine Formulierung hatte über Generationen unterschiedliche Bedeutungen erhalten.

„Hier“, sagte Aruven. „Unsere Übersetzung lautete bisher: Sie verweigerten den Weg. In einer älteren Sprachform kann dasselbe Verb jedoch bedeuten, dass ein Übergang nicht mehr sicher war.“

Merrin beugte sich vor. „Dann könnte die Passage eine Warnung gewesen sein.“

„Möglicherweise. Aber wir müssen prüfen, wer gesprochen hat und wann. Die Aufzeichnung wurde später abgeschrieben.“

Ilyra öffnete die Zeitmarkierungen, die Ceresta bereits mit den T-6-Daten abgeglichen hatte. „Wir haben keine vollständige Übereinstimmung. Aber die Reihenfolge der Ereignisse könnte anders gewesen sein, als beide Seiten sie erinnern.“

„Das wäre wichtig“, sagte Ceresta.

„Für manche Familien wäre es schmerzhaft“, erwiderte Aruven. „Wenn ihre Vorfahren einander zu Unrecht beschuldigt haben, nimmt ihnen das den Verlust nicht.“

Merrin nickte. „Und wir sollten nicht versuchen, ihnen die Bedeutung ihrer Geschichte zu erklären, bevor wir sie verstanden haben.“

Als die Besprechung endete, blieb Nehri noch kurz auf der Verbindung. Sie hatte Sira eine persönliche Nachricht mitgegeben, die Merrin weiterleiten sollte. Darin berichtete sie von einem Besuch bei ihrer Familie und fragte, ob Sira nach all den Ereignissen endlich wieder Zeit zum Schlafen gefunden habe.

Sira las die Nachricht auf der Serrat und lachte leise.

„Was ist?“, fragte Rusk.

„Jemand, der mich erst seit ein paar Tagen kennt, hat offenbar schon begriffen, dass ich zu viel arbeite.“ Rusk lächelte. „Dann ist sie klug.“

Sira schickte eine Antwort, in der sie Nehri versicherte, dass sie ausreichend schlafe. Rusk sah ihr dabei über die Schulter.

„Das ist gelogen“, bemerkte Rusk. „Diplomatie“, sagte Sira und schickte die Nachricht ab.

*

Ilyra hatte die Auftragsdaten der Nighthawk zunächst nur nebenbei geprüft. Ihre Arbeit mit Ceresta an den alten Geräten beanspruchte bereits genug Zeit, und die Schulter erinnerte sie bei jeder unbedachten Bewegung daran, dass sie nicht vollständig genesen war. Trotzdem fiel ihr auf, dass die Verschlüsselung des älteren Zahlungsarchivs nicht zu den neueren Einsätzen passte.

Tess Ardan wurde unter Aufsicht zugeschaltet. Sie saß auf der Plattform vor einer eigenen Konsole, deren Zugriff auf eine einzelne Kopie des Datenbestands beschränkt war.

„Das ist ein altes Format“, sagte Tess. „Es wurde übernommen, weil niemand den Schlüssel austauschen wollte. Die meisten Vermittler verwenden inzwischen etwas anderes.“

„Warum haben Sie es dann beibehalten?“, fragte Ilyra.

„Weil es funktionierte“, antwortete Tess. Ilyra ließ nicht locker. „Für wen?“

Tess hob die Augen. „Für die Leute, die bezahlt haben.“

Ilyra lehnte sich zurück. „Sie haben gestern gesagt, Sie seien nur für die Systeme zuständig gewesen.“

„Das war ich“, erwiderte Tess. Ilyra sah sie an. „Sie haben die Systeme gebaut, die Angriffe finanziell unsichtbar machen sollten.“

„Ich habe nicht geschossen.“

Ceresta legte Ilyra kurz eine Hand auf den gesunden Arm. Nicht, um sie zu bremsen, sondern um ihr zu zeigen, dass sie da war.

„Das behauptet auch niemand“, sagte Ilyra. „Aber jemand musste dafür sorgen, dass nach einem Angriff keine Rechnung zu einem Auftraggeber führte. Sie wussten, was die Nighthawk tat. Sie haben die Berichte gesehen.“

Tess schwieg. Ihr Blick wanderte zu den Zahlen auf dem Bildschirm.

„Ich dachte, wenn ich mich um die Technik kümmere, ist der Rest nicht meine Entscheidung“, sagte sie schließlich.

„Und jetzt?“, fragte Ilyra. „Jetzt sitze ich hier“, sagte Tess.

Ilyra ließ die Antwort stehen. Sie wollte keine Reue erzwingen, die Tess vielleicht noch gar nicht empfand. Stattdessen schob sie ihr die älteste Transaktion zu.

„Wir haben einen Schlüsselrest. Er reicht nicht, um den Auftrag zu lesen. Aber er könnte uns zeigen, über welche Freigabestelle die Zahlung lief.“

Tess betrachtete die Daten lange. „Es gibt eine zweite Prüfsumme. Die wird normalerweise nicht angezeigt.“

Ceresta öffnete den entsprechenden Speicherbereich. Als die Prüfsumme sichtbar wurde, verglich Ilyra sie mit den jüngeren Transaktionen.

„Dieselbe Vermittlungsstruktur“, sagte Ilyra. „Aber ein anderer Auftraggeberzugang.“ Ceresta betrachtete die Daten. „Das ist noch kein Name.“

„Nein. Doch jetzt können wir die alten und neuen Zahlungen anhand eines gemeinsamen Merkmals untersuchen, ohne auf Vermutungen angewiesen zu sein.“

Tess sah die beiden Frauen an. „Wenn Sie das zurückverfolgen, wird jemand merken, dass Sie suchen.“

„Dann werden wir vorsichtig sein“, sagte Ilyra.

„Sie verstehen nicht. Bei diesen Leuten geht es nicht nur um Geld“, sagte Tess. „Dann helfen Sie uns, sie zu verstehen“, erwiderte Ilyra.

Tess antwortete nicht sofort. Als sie schließlich nickte, war es keine plötzliche Wandlung. Es war die Entscheidung einer Frau, die erkannte, dass Schweigen sie möglicherweise nicht länger schützen würde.

*

Telana erhielt am nächsten Morgen eine aktualisierte Zusammenfassung. Sie las, dass Joren Pell einen früheren Vermittler unter dem Namen Halen Drex genannt hatte und dass die technische Prüfung eine Verbindung zwischen alten und neuen Zahlungswegen bestätigte.

Ihr Mitarbeiter wartete neben dem Tisch.

„Sollen wir die Freigabe für weitere Nachforschungen erteilen?“, fragte der Mitarbeiter. „Natürlich“, sagte Telana. „Wenn ein Zeuge einen Namen nennt, muss er überprüft werden.“

„Es könnte allerdings zu Schwierigkeiten kommen. Drex ist bislang in keinem öffentlichen Register zu finden“, sagte der Mitarbeiter. „Dann sollten wir besonders darauf achten, dass keine voreiligen Behauptungen verbreitet werden“, erwiderte Telana.

Sie gab den Bericht zurück und ließ sich die Zugriffsregeln für die nächste Prüfungsphase zeigen. Die Gefangenen sollten geschützt bleiben; das hatte sie selbst gefordert. Die Ermittler sollten arbeiten können; auch daran änderte sie nichts.

Nur bei der Verteilung der Rohdaten bat sie um eine zusätzliche Prüfung. Nicht alle Mitarbeiter benötigten jeden Eintrag, erklärte sie. Einige Namen könnten sich als falsch erweisen, und niemandem sei geholfen, wenn daraus öffentliche Verdächtigungen entstünden.

Der Mitarbeiter vermerkte die Anweisung. Für ihn war sie eine weitere sorgfältige Entscheidung in einer schwierigen Angelegenheit.

Telana ging anschließend zu einer Sitzung über die Versorgung der neuen Wohnbereiche. Sie kannte die Engpässe, erinnerte sich an Zusagen, die anderen längst entfallen waren, und setzte sich dafür ein, dass Familien mit Kindern nicht noch länger auf funktionierende Leitungen warten mussten. Als Nalea später von dem Ergebnis erfuhr, war sie erleichtert. Telana hatte sich erneut als jemand erwiesen, der Probleme tatsächlich löste.

*

Am Abend traf Korda Joren in einem der überwachten Aufenthaltsräume. Der ehemalige Kommunikationsmann saß vor einem Teller, von dem er kaum gegessen hatte.

„Das Essen ist nicht vergiftet“, sagte Korda.

Joren hob den Kopf. „Beruhigend.“

„Rusk hat es geprüft“, sagte Korda. „Dann bin ich erst recht besorgt.“

Korda musste wider Willen lachen. Er setzte sich ihm gegenüber, ohne den Abstand zu verringern, den die Sicherheitsvorschriften vorsahen.

„Seren sagt, Sie haben einen Namen geliefert“, sagte Korda. „Einen Namen, den der Mann vielleicht gar nicht benutzt“, erwiderte Joren.

„Trotzdem.“

Joren schob den Teller von sich. „Ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue.“

„Das hätten Sie früher überlegen sollen“, sagte Korda. Joren sah ihn an. „Das sagen Sie gern, oder?“

„Heute schon.“

Joren sah ihn an. „Sie hassen mich.“

Korda dachte an den Moment zurück, in dem Rusk verletzt auf dem Boden der Serrat gelegen hatte, und an die Wut, die ihn bei der Jagd auf die Nighthawk begleitet hatte. Er hätte Joren leicht sagen können, was dieser erwartete.

„Ich kenne Sie kaum“, antwortete er. „Ich weiß, was Sie getan haben. Das reicht, um Sie zur Verantwortung zu ziehen. Für alles andere muss ich erst sehen, wer Sie sind.“

Joren senkte den Blick. Nach einer Weile zog er den Teller wieder heran.

„Das ist ein ziemlich unangenehmes Angebot“, sagte Joren. „Es war keines“, erwiderte Korda.

„Vielleicht trotzdem das Beste, das ich seit Langem bekommen habe.“

Korda blieb noch, bis Joren zu essen begann. Als er später auf die Brücke zurückkehrte, fand er Sira über den neuen Daten gebeugt. Sie hatte eine Verbindung zwischen zwei Prüfnummern entdeckt, die in unterschiedlichen Jahrzehnten verwendet worden waren.

„Wir haben jetzt einen Anfang“, sagte sie.

„Wie weit führt er?“

„Noch nicht weit genug, um jemanden zu beschuldigen. Aber weit genug, um die alte Zahlung von den gewöhnlichen Aufträgen zu unterscheiden.“

Korda betrachtete die Anzeige. Der frühere Auftrag war als gezielte Operation gegen eine einzelne Person klassifiziert. Der Name des Ziels fehlte, ebenso der Auftraggeber. Nur die Bestätigung der Ausführung und die Zahlungsfreigabe waren erhalten geblieben.

„Joren sagt, ein Mann namens Drex könnte die ursprünglichen Unterlagen kennen“, sagte Korda. „Dann sollten wir ihn finden“, erwiderte Sira.

Korda nickte. Er dachte an den Mann im Aufenthaltsraum, an dessen zögernde Bereitschaft zu reden und an die Angst, die hinter seinem Spott lag. Sie hatten endlich jemanden, der das Netzwerk von innen kannte. Nun mussten sie dafür sorgen, dass er lange genug lebte, um seine Geschichte zu erzählen.

Draußen lag die Nighthawk reglos an ihrem Andockarm. Die Jagd war vorbei, doch aus den Daten des Schiffes entstand eine andere Aufgabe, schwieriger und weniger eindeutig als ein Gefecht. Jeder neue Hinweis führte zu Menschen, die Entscheidungen getroffen hatten, und zu anderen, die deren Folgen tragen mussten. Korda wusste inzwischen, dass die Wahrheit nicht schneller ans Licht kam, nur weil man sie dringend brauchte.

Er ließ die neue Spur sichern und bat Sira, Seren am Morgen zu informieren. Für diese Nacht blieb die Plattform ruhig. Auf Tenebris gingen die Lichter in den Wohnbereichen nach und nach aus, während die Menschen dort Pläne für den nächsten Tag machten, ohne zu ahnen, welche Fragen sich inzwischen um eine alte Zahlung und einen Mann mit einem möglicherweise falschen Namen sammelten.

Inoffizielle, nicht-kommerzielle Star-Wars-Fan-Fiction. Keine Verbindung zu oder Autorisierung durch Lucasfilm Ltd. oder The Walt Disney Company.