Die Nighthawk trug ihren Namen noch nicht für die Männer und Frauen, die sie eingekreist hatten. Auf den Anzeigen der Serrat war sie lediglich ein beschädigter Kontakt ohne gültige Kennung, dessen Antrieb ungleichmäßig arbeitete und dessen Waffen sich dennoch hartnäckig auf jedes Schiff richteten, das ihr zu nahe kam.
Korda ließ die Entfernung halten. Das fremde Schiff hatte seine letzte Salve vor wenigen Sekunden abgegeben, und er wusste, wie leicht ein Pilot in einer solchen Lage einen verzweifelten Fehler machen konnte. Hinter ihm verfolgte Rusk die schwankenden Leistungswerte des beschädigten Steuerungssystems.
„Die äußeren Manöverdüsen reagieren kaum noch“, sagte er. „Aber der Hauptantrieb ist nicht vollständig ausgefallen. Wenn er die Leistung hochreißt, kann er uns noch immer überraschen.“
„Dann geben wir ihm keinen Grund, es zu versuchen.“
Sira sah von ihrem Pult auf. „Er hat uns bereits beschossen. Ich glaube, den Grund hat er selbst gefunden.“
Korda schenkte ihr ein kurzes Lächeln, das ebenso rasch verschwand. „Ruf ihn noch einmal.“
Sie schaltete auf den offenen Kanal. „Unbekanntes Schiff, hier spricht die Serrat. Ihre Sprungnavigation ist außer Betrieb. Reduzieren Sie die Antriebsleistung, deaktivieren Sie die Waffen und bestätigen Sie den Empfang. Wir bieten Ihrer Besatzung eine sichere Übergabe an.“
Diesmal kam eine Antwort. Zunächst war nur ein Knacken zu hören, dann eine tiefe Männerstimme.
„Sie haben kein Recht, uns aufzuhalten.“
Korda trat an das Kommunikationspult. „Sie haben auf mein Schiff geschossen. Zweimal, wenn wir unsere letzte Begegnung mitzählen. Das genügt mir vorerst.“
„Sie wissen nicht, worauf Sie sich einlassen.“
„Dann erklären Sie es mir.“
Die Verbindung brach ab.
Sira verzog den Mund. „Gesprächig ist er nicht.“
„Er denkt nach“, sagte Korda. „Das ist immerhin besser, als wenn er sofort wieder feuert.“
Auf der Mantis hatte Seren den Austausch mitgehört. Sie stand mit Cal und Merrin im hinteren Bereich des Schiffes, wo die Ausrüstung für einen kontrollierten Zugriff bereitlag. Taren prüfte die Verbindung zur Serrat und warf einen Blick auf die Darstellung des gegnerischen Rumpfes.
„Der Zugang auf der Backbordseite ist unbeschädigt“, sagte er. „Aber die Schleuse liegt nahe an der Sektion, in der Rusk den Leistungseinbruch gemessen hat.“
„Wir gehen erst hinüber, wenn die Waffen sicher sind“, erwiderte Seren.
Greez meldete sich aus dem Cockpit. „Und wenn ihr rübergeht, dann bitte mit einem richtigen Andockmanöver. Ich habe gerade erst genug von kaputten Schiffen.“
„Du klingst, als würdest du das für dich persönlich nehmen“, sagte Cal.
„Weil ich es persönlich nehme.“
Merrin schloss die Halterung an ihrem Handgelenk und sah Seren an. „Was erwartest du?“
„Eine Besatzung, die weiß, dass sie verloren hat, aber noch nicht entschieden hat, ob sie es zugibt.“
„Dann sollten wir ihr diese Entscheidung erleichtern.“
Seren nickte. Sie wollte niemanden durch eine geschlossene Schleuse treiben, nur weil eine schnellere Lösung eindrucksvoller aussah.
*
Auf dem fremden Schiff stand Darek Voss vor einer beschädigten Navigationsanzeige und betrachtete die Meldung, die ihm seine Pilotin seit mehreren Minuten unverändert zeigte.
„Keine Sprungfreigabe“, sagte Veya Rinn. „Auch wenn du mich noch fünfmal fragst.“
„Ich habe dich nicht gefragt.“
„Du hast die Anzeige angesehen. Bei dir ist das fast dasselbe.“
Voss war ein Mann, der sich über Jahre daran gewöhnt hatte, seine Stimme nicht zu heben. In imperialen Diensten hatte er gelernt, dass Ruhe häufig mehr bewirkte als Drohungen. Er hatte diese Gewohnheit behalten, auch nachdem das Imperium für ihn kein Arbeitgeber mehr gewesen war.
„Wie lange bis zur Reparatur?“
„Nicht mit dem Material, das wir an Bord haben. Der Steuerkreis ist getroffen, und der neue Koppler bringt uns nichts, solange die Ausrichtung nicht stimmt.“
Bren Korr, der Waffenoffizier, schlug mit der Faust gegen eine Konsole. „Dann schießen wir uns frei.“
„Wohin?“, fragte Veya. „Wir können kaum steuern.“
„Auf die Serrat. Wenn die zurückweicht, haben wir Platz.“
„Und dann? Wir treiben ohne Sprungnavigation auf die nächste Verkehrsmarke zu?“
Korr machte einen Schritt auf sie zu. Voss hob die Hand, und der Mann blieb stehen.
Am anderen Ende der Brücke saß Tess Ardan vor ihrem Datenpult. Sie hatte seit Beginn des Gefechts kaum gesprochen. Auf ihrem Bildschirm lief ein Löschprogramm, das die Auftragsarchive der letzten Monate aus dem Hauptspeicher entfernen sollte. Es war nicht ihre Idee gewesen. Die Anweisung war mit der letzten verschlüsselten Zahlung gekommen.
„Wie weit?“, fragte Voss.
„Die gewöhnlichen Einsatzprotokolle sind gelöscht“, antwortete Tess. „Die gesicherten Zahlungsdaten liegen auf einem getrennten Modul. Dafür brauche ich direkten Zugriff.“
„Dann hol es.“
Sie sah ihn an. „Wenn ich das Modul zerstöre, verlieren wir auch den Nachweis, dass unsere letzte Zahlung aussteht.“
Korr lachte trocken. „Du sorgst dich um Geld?“
„Ich sorge mich darum, dass uns niemand mehr bezahlen wird, sobald wir nicht mehr nachweisen können, für wen wir gearbeitet haben.“
Voss hielt ihrem Blick stand. Dann wandte er sich an Joren Pell, der die Kommunikation überwachte. „Was sagen sie?“
„Sie wollen uns lebend. Noch.“
„Das ist eine Gelegenheit.“
„Zur Kapitulation?“, fragte Korr ungläubig.
„Zur Verhandlung.“
Voss schaltete den Kanal wieder ein.
*
„Wir deaktivieren die Waffen“, sagte die Männerstimme. „Im Gegenzug verlangen wir medizinische Versorgung, Schutz vor Übergriffen und die Zusicherung, dass niemand ohne Anhörung ausgeliefert wird.“
Korda blickte zu Sira. Die Waffenanzeigen des Gegners zeigten noch keine Veränderung.
„Medizinische Versorgung erhalten Sie“, antwortete er. „Ihre Besatzung wird nicht misshandelt. Über eine spätere Übergabe entscheiden nicht Sie und auch nicht ich allein. Deaktivieren Sie jetzt Ihre Waffen.“
Ein Moment verging. Dann erlosch auf Rusks Anzeige die erste Energieversorgung. Kurz darauf folgte die zweite.
„Bestätigt“, sagte Rusk. „Die Waffen sind kalt. Hauptantrieb fällt auf Leerlauf.“
„Und die Schleuse?“
„Betriebsbereit. Aber ich möchte vor dem Andocken die Druckwerte prüfen.“
Korda gab Seren die Freigabe und sah zu, wie die Mantis sich vorsichtig näherte. Greez nahm die Geschwindigkeit in kleinen Schritten zurück, während Taren die relative Bewegung des fremden Rumpfes überwachte. Die beschädigte Maschine driftete noch immer leicht; Rusk korrigierte ihre Rotation mit einer präzisen Anweisung, die Veya von der anderen Seite tatsächlich ausführte.
„Wenigstens fliegen kann sie“, murmelte Greez.
„Sie hat uns gerade beinahe abgehängt“, sagte Taren.
„Das habe ich bemerkt.“
Der Andockring schloss sich mit einem dumpfen Schlag. Greez kontrollierte die Verriegelung, ließ den Druckausgleich laufen und meldete schließlich, dass die Verbindung hielt.
Seren trat an die innere Schleuse. „Keine Waffen im Anschlag, solange uns niemand bedroht. Cal, du sicherst den ersten Raum. Merrin, du achtest auf die Zugänge. Taren bleibt an der Verbindung und hält Kontakt zu Korda.“
Taren sah sie an. „Du weißt, dass ich lieber mitkomme.“
„Ich weiß. Und ich weiß auch, dass du von hier aus beide Schiffe im Blick behalten kannst.“
Er erwiderte ihren Blick, dann nickte er. Sie hatten oft genug darüber gesprochen, dass Vertrauen nicht bedeutete, jede Gefahr gemeinsam betreten zu müssen.
Als die äußere Tür aufglitt, warteten auf der anderen Seite zwei Menschen mit erhobenen Händen. Veya Rinn stand vor einem schmalen Verbindungsgang, Joren Pell einen Schritt hinter ihr. Beide hatten ihre Waffen auf den Boden gelegt.
„Captain Voss erwartet Sie auf der Brücke“, sagte Veya.
„Er wird warten müssen“, erwiderte Seren. „Zuerst sichern wir das Schiff.“
Veya musterte sie kurz, dann trat sie zur Seite. „Damit kann ich leben.“
Merrin bemerkte den Blick, den Joren zur Decke warf. Er war nicht auf die Eindringlinge gerichtet, sondern auf einen kleinen Wartungsschacht über dem Gang. Sie folgte seinem Blick, blieb jedoch ruhig.
„Wer ist dort oben?“, fragte sie.
Joren schluckte. „Niemand.“
„Dann dürfte es Ihnen nichts ausmachen, wenn Sie es uns zeigen.“
Er zögerte. Aus dem Schacht kam ein leises metallisches Geräusch.
Cal stellte sich so, dass Veya und Joren nicht zwischen zwei Schusslinien gerieten. Seren zog ihre Waffe, ohne sie auf einen der beiden zu richten. „Wer immer dort ist: Kommen Sie langsam herunter. Wir sind nicht hier, um jemanden zu töten.“
Die Wartungsklappe sprang auf. Bren Korr ließ sich auf den Boden fallen, eine kompakte Blasterwaffe in der Hand. Er schoss, bevor seine Füße festen Halt gefunden hatten.
Cal reagierte sofort. Sein Lichtschwert fing die Entladung ab und lenkte sie gegen eine leere Wandsektion. Merrin bewegte sich gleichzeitig seitlich an Korr vorbei und stieß ihn mit einem kurzen, präzisen Griff aus dem Gleichgewicht. Seren war bei ihm, bevor er erneut zielen konnte. Sie drehte seinen Arm, löste die Waffe aus seiner Hand und brachte ihn auf die Knie.
Korr wehrte sich heftig. Seren hielt ihn fest, ohne mehr Kraft einzusetzen, als nötig war.
„Es reicht“, sagte sie.
Er versuchte noch einmal, sich loszureißen, bis Cal neben ihm stehen blieb und ruhig sagte: „Niemand muss hier sterben.“
Veya schloss die Augen. „Ich habe ihm gesagt, er soll es lassen.“
„Sie hätten es auch seinem Captain sagen können“, antwortete Seren.
„Habe ich. Er hat nicht zugehört.“
Korr wurde entwaffnet und gesichert. Joren gab zu, dass Voss von dem Plan nichts gewusst hatte; Korr hatte sich während der Verhandlungen aus dem Waffenraum entfernt. Ob das stimmte, würde sich später klären lassen.
Auf der Brücke stand Darek Voss neben seinem Kommandositz. Als Seren eintrat, hob er langsam die Hände.
„Ich hatte einer friedlichen Übergabe zugestimmt.“
„Einer Ihrer Leute offenbar nicht.“
Voss sah Korr an, den Cal hinter ihnen führte. Sein Gesicht blieb unbewegt, doch in seiner Stimme lag etwas Schärferes. „Sie haben einen direkten Befehl missachtet.“
„Ich wollte uns retten“, knurrte Korr.
„Sie hätten uns alle umgebracht.“
Seren ließ die Besatzung getrennt sichern. Niemand wurde geschlagen oder bedroht, und die beiden Leichtverletzten, die Rusk auf den internen Anzeigen entdeckt hatte, erhielten noch vor Beginn der Befragung medizinische Hilfe. Erst als alle Räume kontrolliert waren, meldete sie Korda, dass das Schiff unter ihrer Kontrolle stand.
„Fünf Besatzungsmitglieder“, sagte sie. „Voss, Rinn, Korr, Ardan und Pell. Alle lebend. Keine weiteren Personen an Bord.“
Auf der Serrat lehnte Korda sich zum ersten Mal seit dem Beginn der Verfolgung zurück. Er hatte geglaubt, sich erleichtert zu fühlen. Stattdessen spürte er vor allem die Müdigkeit der vergangenen Wochen.
„Gut gemacht“, sagte er. „Bringt sie rüber, sobald die Systeme gesichert sind.“
„Das Schiff bleibt als Beweismittel erhalten“, ergänzte Seren. „Rusk soll die Daten vor Ort sichern. Niemand startet den Antrieb.“
„Er wird begeistert sein.“
„Er darf sich anschließend beschweren.“
*
Der Name stand nicht auf der Außenhülle. Tess Ardan hatte die sichtbaren Kennungen mehrfach ändern lassen, und selbst auf der Brücke verwendeten die meisten Systeme nur die aktuelle Registrierungsnummer. Erst im internen Wartungsarchiv fanden Rusk und Sira den ursprünglichen Eintrag.
NIGHTHAWK.
Sira las das Wort zweimal. „Das also ist unser Phantom.“
Rusk betrachtete die darunterliegenden technischen Daten. „Patrouillenschiff. Schwer umgebaut. Ursprünglich für Aufklärung und Begleitschutz ausgelegt. Jemand hat die Bewaffnung verstärkt und die Sensoren verändert.“
„Imperial?“
„Die Grundkonstruktion könnte aus dieser Zeit stammen. Aber die Umbauten sind jünger. Das ist keine aktive imperiale Einheit.“
Sira öffnete die Personaldateien. Einige Einträge waren gefälscht, andere unvollständig. Darek Voss hatte jedoch Spuren hinterlassen, die sich mit älteren militärischen Registern abgleichen ließen. Er war einst Aufklärungsoffizier im imperialen Dienst gewesen, bevor er unter wechselnden Arbeitgebern als Sicherheitsberater und schließlich als freier Auftragnehmer aufgetaucht war. Bren Korr hatte in einer imperialen Sicherheitseinheit gedient. Für die anderen drei fanden sich keine entsprechenden Dienstnachweise.
„Söldner“, sagte Sira. „Keine Piraten, die zufällig ein Schiff überfallen haben. Und keine Kopfgeldjäger, die eine einzelne Person suchen.“
„Wobei die Grenzen manchmal fließend sind“, bemerkte Rusk.
„Nicht bei ihren Rechnungen.“
Sie zeigte ihm die Auftragsstruktur. Die Nighthawk hatte Zahlungen für Beschattung, Datenbeschaffung, Transport und bewaffnete Sicherung erhalten. Mehrere Einträge waren mit den Orten verknüpft, an denen sie bereits aufgetaucht war. Neris war darunter. Auch die Route, auf der die Serrat angegriffen worden war.
Rusk verstummte. Er hatte gewusst, dass es dieselben Angreifer waren. Die nüchternen Einträge auf dem Bildschirm machten es dennoch schwerer, den Vorfall als einen Augenblick des Chaos zu betrachten. Jemand hatte den Angriff vorbereitet, bezahlt und später als erledigten Vorgang verbucht.
„Wir brauchen Kopien“, sagte er schließlich.
„Wir machen sie gerade.“
Tess Ardan hatte sich zunächst geweigert, bei der Entschlüsselung zu helfen. Erst als Seren ihr erklärte, dass sämtliche Daten gesichert und Veränderungen dokumentiert würden, bat sie darum, ihre Aussage getrennt von Voss und Korr machen zu dürfen.
„Ich will nicht, dass die beiden hören, was ich sage.“
„Sie erhalten eine eigene Anhörung“, antwortete Seren. „Aber ich verspreche Ihnen keine Straffreiheit.“
„Das verlange ich nicht.“
Tess saß in einem kleinen Besprechungsraum der Serrat, die Hände auf dem Tisch. Sie war jünger, als Taren erwartet hatte, und wirkte weniger wie eine abgebrühte Söldnerin als wie jemand, der zu lange versucht hatte, schlechte Entscheidungen durch die nächste Zahlung zu rechtfertigen.
„Wir haben nicht für das Imperium gearbeitet“, begann sie. „Voss kannte Leute aus seiner Dienstzeit. Manche davon vermitteln noch immer Aufträge. Aber die Nighthawk gehörte keiner imperialen Flotte.“
„Wer hat Sie bezahlt?“, fragte Seren.
„Eine Reihe von Vermittlern. Ich kenne die Konten, nicht die Menschen dahinter.“
„Und die Angriffe?“
Tess sah kurz zur Tür. „Zunächst sollten wir Bewegungen überwachen. Schiffe, die mit bestimmten alten Navigationsdaten in Verbindung standen. Dann kam der Auftrag, Daten zu beschaffen, bevor sie weitergegeben werden konnten.“
„Auf der Neris?“
Sie nickte. „Dort sollten wir ein Archivgerät sicherstellen. Als die Lage außer Kontrolle geriet, wurde der Einsatz als bewaffnete Beschaffung abgeschlossen.“
Taren spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Sie nennen einen Angriff auf Menschen eine Beschaffung?“
„So stand es im Auftrag.“
„Und bei der Serrat?“, fragte Korda, der inzwischen dazugekommen war.
Tess sah ihn an. Sie kannte sein Gesicht aus den Aufzeichnungen des Gefechts.
„Ihr Schiff hatte Daten transportiert, die unser Auftraggeber zurückhaben wollte. Voss sollte Sie stoppen und die Speicher übernehmen.“
„Indem er uns beschoss.“
„Der ursprüngliche Auftrag verlangte eine erzwungene Übergabe. Korr eröffnete das Feuer, als Sie ausweichen wollten.“
Korda legte die Hände auf die Tischkante. Für einen Augenblick war nur das Summen der Lüftung zu hören.
„Und danach?“
„Danach wurde uns mitgeteilt, dass die Serrat entkommen war. Wir sollten die Suche fortsetzen, aber keinen direkten Kontakt zu den Orten aufnehmen, die sie möglicherweise anflog.“
Seren hob den Kopf. „Warum nicht?“
„Das weiß ich nicht. Die Anweisung kam über einen anderen Kanal.“
„Kannten Ihre Auftraggeber die Position von Tenebris?“
„Nein.“ Tess antwortete so rasch, dass Seren sie genauer ansah. „Wenn wir die Koordinaten gehabt hätten, wären wir nicht wochenlang hinter einzelnen Schiffen hergeflogen.“
Es war keine vollständige Entlastung, aber eine wichtige Bestätigung. Nerava war durch die Verfolgung nicht entdeckt worden.
*
Darek Voss bat darum, Korda allein zu sprechen. Seren lehnte das ab, doch sie ließ die beiden einander gegenübersitzen, während Cal und Taren im Raum blieben.
Voss wirkte trotz der gesicherten Hände erstaunlich gefasst. Sein Blick blieb an Kordas Schulter hängen, wo der Stoff seiner Jacke noch eine alte Reparaturnaht zeigte.
„Ihre Leute haben mein Schiff gut getroffen“, sagte er.
„Sie haben uns die Gelegenheit gegeben.“
„Ich hätte erwartet, dass Sie es zerstören.“
„Dann hätten wir nichts erfahren.“
Voss nickte langsam. „Das unterscheidet Sie von einigen meiner früheren Auftraggeber.“
Korda ließ sich nicht auf den Ton ein. „Warum haben Sie uns angegriffen?“
„Weil Sie etwas transportierten, das jemand haben wollte.“
„Und Sie haben nicht gefragt, warum?“
„Ich habe gefragt, ob der Auftrag bezahlt wird.“
„Rusk hätte dabei sterben können.“
Voss sah ihn an. „Ich weiß, wer Ihr Mechaniker ist.“
„Dann wissen Sie auch, dass er kein Soldat war, der Ihnen den Krieg erklärt hat.“
Zum ersten Mal wich Voss seinem Blick aus. Er tat es nur kurz, doch Korda bemerkte es.
„Ich habe meinen Leuten befohlen, die Antriebssysteme zu treffen“, sagte Voss. „Korr hat mehr Feuerkraft eingesetzt, als nötig war.“
„Sie waren sein Captain.“
„Ja.“
Korda wartete. Er hatte nicht vor, Voss durch Vorwürfe eine Entschuldigung abzuringen, die dieser nicht ernst meinte. Der Mann vor ihm verstand Verantwortung. Gerade deshalb war seine Bereitschaft, sie gegen Bezahlung abzugeben, schwerer zu ertragen.
„Wer hat Ihnen den Auftrag vermittelt?“
„Ein Mann, den ich seit Jahren kenne. Er nutzt verschiedene Namen.“
„Einen davon werden Sie uns nennen.“
Voss betrachtete seine gefesselten Hände. „Sie werden feststellen, dass meine Auftraggeber keine Leute sind, die Fehler verzeihen.“
„Das ist Ihr Problem“, sagte Korda. „Meines war, meine Crew lebend nach Hause zu bringen.“
„Sie haben gewonnen. Vielleicht sollten Sie es dabei belassen.“
Korda stand auf. „Sie haben offenbar noch nicht verstanden, warum wir Sie lebend haben wollten.“
Er verließ den Raum, ohne die Tür hinter sich zuzuschlagen. Taren folgte ihm in den Gang. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander.
„Du hättest ihm mehr sagen können“, meinte Taren.
„Ich hätte ihm vieles sagen können.“
„Und warum hast du es nicht getan?“
Korda blieb stehen. „Weil er nicht wissen muss, wie wütend ich bin, um zu verstehen, was er getan hat.“
Taren sah ihn an und nickte. Es war keine große Rede gewesen. Gerade deshalb blieb sie ihm im Gedächtnis.
*
Die erste wirkliche Überraschung kam aus dem Zahlungsarchiv. Joren Pell hatte die Konten so angelegt, dass jede Lieferung über mehrere Unternehmen lief. Sira fand denselben Vermittler, der bereits in Belan aufgefallen war, nun in den internen Abrechnungen der Nighthawk wieder. Er hatte nicht nur Ersatzteile geliefert, sondern auch mehrere Einsätze vorfinanziert.
„Wir haben eine Verbindung“, sagte sie, als Seren und Korda zu ihr kamen. „Nicht bloß eine verdächtige Rechnung. Dieselbe Vermittlerstruktur taucht in den Auftragsdaten auf.“
Sie zeigte ihnen die Abfolge. Eine Zahlung war vor dem Angriff auf der Neris eingegangen, eine weitere kurz vor der Verfolgung der Serrat. Beide stammten aus einem Netz von Konten, deren Endpunkte nicht unmittelbar sichtbar waren.
„Und das Unternehmen im Vaal-Handelsgebiet?“, fragte Seren.
„Es ist beteiligt. Aber wir wissen noch nicht, ob es der Auftraggeber, ein Geldverwalter oder nur eine vorgeschobene Adresse ist.“
„Dann bleibt es vorerst ein Ermittlungsansatz“, sagte Seren.
Sira nickte. „Es gibt noch etwas.“
Sie öffnete eine verschlüsselte Nachricht, die Tess inzwischen freigegeben hatte. Darin standen keine Namen, sondern Anforderungen an die Beschaffung: alte Navigationsaufzeichnungen, Hinweise auf Übergänge zwischen ungewöhnlichen Raumregionen und jede Information, die Rückschlüsse auf noch funktionierende Verbindungen erlaubte. Die Anweisung enthielt außerdem eine Warnung, Daten nicht über die gewöhnlichen Handelskanäle zu verbreiten.
„Sie wollten nicht nur wissen, wo die alten Wege liegen“, sagte Taren. „Sie wollten kontrollieren, wer davon erfährt.“
Merrin, die neben Cal stand, betrachtete den Text. „Und wer nicht.“
Seren ließ die Nachricht sichern. Die gemeinsame Forschung mit den Chin’ta hatte gerade erst begonnen, und bereits jetzt war klar, dass andere Parteien an denselben Informationen interessiert waren. Ob diese Parteien aus Angst, aus Habgier oder aus politischen Gründen handelten, ließ sich noch nicht entscheiden.
Ilyra meldete sich über die gesicherte Verbindung von Tenebris. Ceresta war neben ihr zu sehen; beide hatten die ersten übertragenen Daten erhalten und mit der Analyse begonnen.
„Die Auftragsformate sind älter als die letzten Einsätze“, sagte Ilyra. „Nicht die Nachrichten selbst, aber die Art, wie die Zahlungen verschlüsselt werden. Das Muster wurde schon vor Jahren verwendet.“
„Kannst du es zurückverfolgen?“, fragte Seren.
„Vielleicht. Aber nicht mit einem einzigen Datensatz. Wir brauchen die ursprünglichen Schlüssel oder weitere Transaktionen.“
Ceresta beugte sich ins Bild. „Und bevor irgendjemand auf die Idee kommt, die Speicher einfach auszubauen: Das Modul hat eine eigene Löschsicherung. Wenn ihr es falsch trennt, bleibt nur ein sehr teurer Briefbeschwerer übrig.“
Rusk, der die Verbindung mitgehört hatte, hob beide Hände. „Ich fasse nichts an.“
„Das glaube ich dir erst, wenn ich es sehe.“
Sira grinste. „Jetzt weißt du, wie sich das anfühlt.“
Die kurze Erheiterung löste die Spannung nicht auf, aber sie erinnerte alle daran, dass sie nicht mehr allein vor einem unbekannten Gegner standen. Sie hatten ein Schiff, eine Besatzung, Beweise und Menschen, die wussten, wie man daraus eine Untersuchung machte.
*
Am Abend lag die Nighthawk gesichert zwischen der Serrat und der Mantis. Ihre Waffen waren deaktiviert, ihre Antriebssteuerung verriegelt, und die Besatzung befand sich unter Bewachung. Korda hatte darauf bestanden, dass Veya Rinn bei der Stabilisierung des beschädigten Schiffes helfen durfte, allerdings nur unter Rusks Aufsicht. Sie hatte das Angebot angenommen, ohne zu versuchen, daraus einen Vorteil zu ziehen.
„Du fliegst gut“, sagte Rusk, als sie die letzte Kurskorrektur abgeschlossen hatten.
Veya sah ihn überrascht an. „Das ist eine seltsame Bemerkung von jemandem, dessen Schiff ich beschossen habe.“
„Du hast geflogen. Geschossen hat ein anderer.“
„Ich hätte früher gehen können.“
„Ja“, sagte Rusk. „Hättest du.“
Er machte ihr die Entscheidung nicht leichter, indem er sie entschuldigte. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie nicht widersprach.
Auf der Mantis saßen Taren und Seren später für ein paar Minuten allein im Aufenthaltsbereich. Greez hatte etwas zu essen vorbereitet und war mit Cal über die Frage in Streit geraten, ob ein Gericht ohne genügend Gewürze überhaupt einen Namen verdiente. Merrin hörte den beiden zu und schien sich köstlich zu amüsieren.
„Korda hat heute mehr gewonnen als ein Schiff“, sagte Taren.
Seren stellte ihren Becher ab. „Er hat sich selbst bewiesen, dass er nicht wie Voss handeln muss, um ihn zu besiegen.“
„Und wir haben Antworten.“
„Einige.“
„Genug, um weiterzugehen.“
Sie lächelte schwach. „Das ist mehr, als wir gestern hatten.“
Taren griff nach ihrer Hand. Hinter den Sichtscheiben lag die Nighthawk, ein dunkler Rumpf, der ihnen über viele Wochen Angst und Ungewissheit gebracht hatte. Jetzt war er ein Beweismittel, kein Schatten mehr. Die Menschen an Bord hatten Namen und Gesichter bekommen, und die Entscheidungen, die sie getroffen hatten, ließen sich nicht länger hinter einer unbekannten Kennung verstecken.
„Was machen wir mit den Gefangenen?“, fragte er.
„Wir bringen sie dorthin, wo sie angehört werden können, ohne dass ihre Auftraggeber sie vorher erreichen. Und wir legen dem Konklave die Beweise vor, die es tatsächlich gibt.“
„Nicht die, die wir gern hätten.“
„Genau.“
Sie schwieg einen Moment. „Das wird nicht jedem gefallen.“
Taren dachte an die alten Wege, an die Chin’ta und an die widersprüchlichen Geschichten einer Katastrophe, die noch immer Familien voneinander trennte. Nun hatten sie auch einen Gegner gefunden, der bereit gewesen war, für diese Informationen zu töten. Vielleicht waren die beiden Geschichten stärker miteinander verbunden, als sie bislang wussten. Vielleicht wollten manche Menschen verhindern, dass aus Wissen wieder Begegnung wurde.
Er sagte es nicht. Noch war es nur ein Gedanke.
Auf der Serrat öffnete Sira unterdessen den letzten Teil des Zahlungsarchivs. Die Entschlüsselung war erst wenige Minuten zuvor abgeschlossen worden. Zwischen gewöhnlichen Transaktionsbestätigungen fand sie eine Liste früherer Auftragsnummern, deren Inhalte aus dem Hauptspeicher entfernt worden waren. Eine davon war viele Jahre älter als die Einsätze gegen Neris und die Serrat. Der zugehörige Vermerk bestand aus nur wenigen Feldern: ein Ziel, eine bestätigte Ausführung und eine Zahlung, die über denselben Vermittlungskanal gelaufen war.
Sira las den Eintrag ein zweites Mal. Dann rief sie Korda.
„Wir sollten uns etwas ansehen“, sagte sie. „Nicht wegen der alten Wege. Wegen eines Auftrags, der lange davor ausgeführt wurde.“
Korda trat neben sie. Der Datensatz war zu unvollständig, um daraus eine Geschichte zu machen, aber vollständig genug, um eine Frage aufzuwerfen, die niemand von ihnen erwartet hatte.
„Sichern“, sagte er. „Und diesmal will ich wissen, wer damals bezahlt hat.“
Die Nighthawk war aufgebracht. Ihre Besatzung würde sich verantworten müssen. Doch während draußen die Sterne unbewegt über den dunklen Rumpf zogen, begann sich abzuzeichnen, dass die Männer und Frauen an Bord nur einen kleinen Teil dessen kannten, worin sie verwickelt waren.