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KAPITEL 30

Der Jäger

Die erste Nachricht kam nicht von der Oberfläche, sondern von der Serrat. Rusk hatte sie mit einer Prioritätskennung versehen, die Korda gewöhnlich nur verwendete, wenn an Bord etwas brannte oder jemand verletzt war. Als Taren den Ruf entgegennahm, hörte er im Hintergrund jedoch keine Alarmsirenen, sondern Siras Stimme, die ihrem Mechaniker vorwarf, seit einer Stunde denselben Datensatz anzustarren.

„Ich starre ihn nicht an“, widersprach Rusk. „Ich warte darauf, dass du endlich siehst, was ich sehe.“

„Dann hör auf, mir die entscheidende Stelle wegzuscrollen.“

Korda erschien im Bild und schob die beiden mit einer Gelassenheit beiseite, die Taren inzwischen als zuverlässiges Zeichen angespannter Konzentration erkannte. „Wir haben etwas gefunden. Kommt rüber, sobald ihr könnt. Und bringt Seren mit.“

Eine halbe Stunde später saßen sie im kleinen Besprechungsraum der Serrat. Auf dem Tisch lag eine Projektion des Angriffs, bei dem Rusk verletzt und das Schiff beinahe verloren gegangen war. Sira hatte die beschädigten Sensordaten in mehreren Schichten übereinandergelegt. Die meisten Linien waren unvollständig; dazwischen blinkte in regelmäßigen Abständen eine schmale Folge kurzer Ausschläge.

„Das ist kein Rufsignal“, erklärte Rusk. „Wir haben es damals für eine Störung gehalten, weil die Hauptsensoren nach dem zweiten Treffer ausgefallen sind. Aber der Hilfsempfänger hat weiter aufgezeichnet.“

Sira vergrößerte die Folge. „Und weil ich ihm nicht glauben wollte, haben wir die Aufzeichnungen von Neris daneben gelegt.“

Die zweite Darstellung war wesentlich schlechter. Zwischen den verrauschten Ausschlägen ließ sich dennoch dieselbe Folge erkennen, diesmal mit einer etwas anderen zeitlichen Verschiebung.

Cal beugte sich vor. „Dasselbe Schiff?“

„Derselbe technische Fehler“, antwortete Rusk. „Eine Navigationskorrektur, die das System offenbar vor jedem stärkeren Schub ausgibt. So etwas entsteht, wenn zwei Komponenten nicht ganz sauber miteinander arbeiten. Man kann es beheben, aber offenbar hatte dort jemand andere Prioritäten.“

„Oder er wusste nicht, dass man es von außen erkennt“, ergänzte Sira.

Korda stützte die Hände auf den Tisch. „Wir haben keinen Namen, keine verlässliche Kennung und keine Ahnung, wer das Schiff bezahlt. Aber wenn wir diese Folge noch einmal sehen, wissen wir, wen wir vor uns haben.“

Taren betrachtete die beiden Aufzeichnungen. Er erinnerte sich an Rusks Gesicht nach dem Angriff und an die Reparaturen, die sie auf Tenebris mit Gariths Hilfe durchgeführt hatten. Das feindliche Schiff war in ihrer Geschichte längst mehr geworden als ein unbekannter Kontakt auf einem Sensorbild. Es hatte Menschen verletzt und war wieder verschwunden, während die anderen die Folgen tragen mussten.

„Wie finden wir es?“, fragte Seren.

Sira hatte darauf gewartet. Sie ließ mehrere Handelsrouten erscheinen, die sich in einem abgelegenen Abschnitt des bekannten Raums kreuzten. „Die Antriebscharakteristik verrät uns nicht, wohin sie fliegen. Aber die Belastung des Systems sagt etwas über die Wartungsintervalle. Wir haben die verfügbaren Versorgungsmeldungen abgeglichen. Ein Schiff, das mehrfach unter wechselnden Kennungen Ersatzteile für genau diese Baugruppe bestellt hat, taucht immer wieder an derselben Station auf.“

„Eine Tarnung?“, fragte Merrin.

„Vielleicht. Oder ein Händler mit einem sehr unglücklichen Geschmack bei Ersatzteilen. Das werden wir prüfen müssen.“

Korda sah zu Rusk. „Wie sicher bist du?“

„Sicher genug, um nachzusehen. Nicht sicher genug, um jemanden dafür zu erschießen.“

„Gut“, sagte Seren. „Dann haben wir dieselbe Ausgangslage.“

Korda zog seinen Stuhl zurück. „Ich will dieses Schiff finden, bevor es uns wiederfindet.“

Niemand musste ihn daran erinnern, was es seine Besatzung gekostet hatte. Trotzdem wartete Seren, bis er sie ansah. „Finden und aufbringen. Wir brauchen die Besatzung und die Daten. Wenn wir nur ein Wrack zurückbringen, wissen wir immer noch nicht, wer hinter den Angriffen steckt.“

„Ich weiß.“ Er klang nicht verärgert, eher müde. „Ich möchte nur nicht noch einmal einen meiner Leute aus einem brennenden Maschinenraum ziehen.“

Sira legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter. Rusk tat so, als prüfe er eine Anzeige, doch Taren sah, dass er zuhörte.

„Dann machen wir es richtig“, sagte Korda.

✦

Auf der Mantis erwartete Greez die Nachricht vom Aufbruch mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Erleichterung und Ärger schwankte. Er hatte inzwischen herausgefunden, dass die Chin’ta-Flugsicherung bestimmte Vorräte nicht ohne vorherige Prüfung auf die Oberfläche ließ, und fühlte sich dadurch persönlich herausgefordert.

„Ich wollte niemandem etwas verkaufen“, beschwerte er sich, während er eine Kiste in ihrem Fach verstaute. „Ich wollte Aruven nur zeigen, dass man aus vernünftigen Zutaten ein vernünftiges Essen machen kann.“

„Du wolltest ihr drei Behälter mit Gewürzen schenken“, erinnerte Cal ihn.

„Das ist Gastfreundschaft.“

„Einer davon war offen.“

„Weil ich ihr zeigen wollte, wie es riecht!“

Merrin nahm ihm die Kiste ab, bevor er seine Argumentation mit einer weiteren Kostprobe untermauern konnte. „Sie hat sich bedankt, Greez. Das ist doch ein guter Anfang.“

„Sie hat gesagt, ihre Leute müssten erst prüfen, ob das Zeug Pflanzen schädigt.“

„Bei der Menge, die du verwendest, ist das keine unvernünftige Frage.“

Greez sah sie empört an, dann schnaubte er und musste selbst lachen.

Die Verabschiedung von den Chin’ta fiel kürzer aus, als Taren erwartet hatte, aber nicht kälter. Aruven kam mit Nehri zur Plattform. Tesh begleitete sie bis an den Rand des überdachten Weges und blieb dort stehen, ohne den Besuchern auszuweichen.

Aruven bestätigte, dass die vereinbarte Zusammenarbeit weitergehen könne. Die ersten freigegebenen Aufzeichnungen würden über eine gesicherte Verbindung an Ilyra und Ceresta übermittelt; zusätzliche Daten benötigten die Zustimmung der Familien, aus deren Überlieferungen sie stammten.

„Wir sind noch nicht bereit, alle unsere Wege zu öffnen“, sagte sie. „Aber wir möchten den begonnenen nicht gleich wieder schließen.“

Merrin erwiderte ihre Verabschiedung mit einer Wärme, die Taren nach den vergangenen Tagen nicht überraschte. Nehri überreichte Sira eine korrigierte Skizze der Wasseranlage, auf der mehrere handschriftliche Ergänzungen standen. Sira betrachtete sie und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Du hast tatsächlich meine Zeichnung verbessert.“

„Sie war falsch“, übersetzte das Gerät.

„An zwei Stellen.“

Nehri hob drei Finger. Sira versprach, bei ihrem nächsten Besuch eine Gegenzeichnung mitzubringen. Sie sagten es leicht, ohne feierliche Versprechen, und gerade deshalb klang es glaubwürdig.

Tesh wandte sich an Seren, als diese an ihm vorbeiging. „Ihr habt unsere Grenzen eingehalten.“

„Das hatten wir zugesagt.“

„Nicht jeder hält solche Zusagen.“

Seren blieb stehen. „Ich weiß.“

Er nickte knapp. Es war keine Freundschaft, aber es war auch nicht mehr die wortlose Ablehnung ihrer ersten Begegnung.

Erst als die beiden Schiffe wieder außerhalb der unmittelbaren Überwachungskorridore lagen, besprachen sie den Kurs. Sira hatte mehrere Umwege vorgesehen, die verhindern sollten, dass ein Beobachter ihre Abflugrichtung bis zum späteren Ziel zurückverfolgen konnte. Niemand wollte riskieren, die Chin’ta-Heimatwelt oder Tenebris durch eine unbedachte Navigation offenzulegen.

Taren stand neben Seren an der Sichtscheibe, während Greez die letzte Freigabe einholte. Unter ihnen verschwand die Küstenlinie allmählich hinter der Krümmung des Planeten.

„Wir kommen zurück“, sagte Taren.

„Wenn sie uns wieder einladen.“

„Du klingst wie Tesh.“

„Dann hat er wenigstens einmal etwas Vernünftiges gesagt.“

Er lachte leise und legte den Arm um sie. Seren lehnte sich für einen Moment an ihn, bevor die Beschleunigungswarnung erklang. Sie hatten beide gelernt, dass Ruhe nicht erst dann möglich war, wenn sämtliche Gefahren verschwunden waren. Manchmal bestand sie nur aus wenigen Atemzügen, die man einander schenkte, bevor die nächste Entscheidung getroffen werden musste.

✦

Der Umschlagpunkt trug die wenig einprägsame Bezeichnung Belan-Station und lag abseits der großen Routen, aber nicht weit genug entfernt, um wirklich verlassen zu sein. Als die Mantis aus dem Hyperraum fiel, zählte Greez zwölf Frachter in unterschiedlichen Größen, zwei Reparaturschlepper und eine Handvoll kleiner Kuriermaschinen. Ein beschädigter Erztransporter wurde gerade an einen äußeren Wartungsring gezogen.

„Ein Ort, an dem niemand auffallen möchte und deshalb alle auffallen“, sagte Greez.

Korda meldete sich über die verschlüsselte Verbindung. Die Serrat würde zunächst im regulären Anflugverkehr bleiben. Rusk hatte die Sensoren so eingestellt, dass die charakteristische Impulsfolge automatisch markiert wurde, ohne eine aktive Abtastung auszulösen.

„Wir brauchen keine Aufmerksamkeit“, sagte Korda.

„Dann lass Sira nicht mit dem Stationspersonal über Gebühren verhandeln“, erwiderte Greez.

„Ich höre dich“, kam es sofort aus dem Hintergrund.

„War ja auch für dich gedacht.“

Belan war keine Piratenhöhle. Die Wartungshallen waren laut und überfüllt, die Wege zwischen den Lagerbereichen mit Markierungen versehen, und an den Essensständen standen Mechaniker neben Frachterkapitänen, die sich über verspätete Lieferungen beklagten. Taren fand das beruhigend. Wer hier arbeitete, wollte am Ende seiner Schicht vermutlich nach Hause, nicht in eine Schießerei geraten.

Er und Seren gingen mit Cal und Merrin von Bord, während Greez sich um eine reguläre Treibstoffanfrage kümmerte. Es gab keinen Grund, in voller Ausrüstung durch die Hallen zu laufen. Seren hatte ihre Waffen gesichert, und Cal hielt sein Lichtschwert unter der Jacke verborgen.

Die ersten Gespräche führten zu wenig. Eine Schalterangestellte erklärte ihnen, dass Schiffskennungen häufig wechselten, weil ältere Frachter unter neuen Betreibern registriert wurden. Ein Mechaniker kannte die gesuchte Baugruppe, wollte aber ohne Auftragsnummer keine Angaben machen. Greez erreichte mehr, indem er mit dem Leiter einer Wartungsschicht über Ersatzteilpreise schimpfte, bis beide einander wie alte Bekannte behandelten.

„Das Modell ist empfindlich“, erklärte der Mann schließlich. „Wenn der Koppler nicht richtig sitzt, frisst die Navigation bei jedem Lastwechsel eine Korrektur. Manche Leute tauschen lieber alle paar Wochen ein Modul aus, statt den ganzen Antrieb neu abzustimmen.“

Greez nickte verständnisvoll. „Weil die richtige Reparatur Zeit kostet.“

„Und weil man dafür einen Techniker braucht, der weiß, was er tut.“

„Also selten.“

Der Mann lachte. Als Greez nach Lieferungen fragte, die in den vergangenen Wochen abgewickelt worden waren, verwies er ihn an den Teilehändler am äußeren Ring. Die Information war weder geheim noch besonders wertvoll, aber sie brachte sie einen Schritt weiter.

Sira hatte inzwischen die öffentlich zugänglichen Warenbewegungen verglichen. Mehrere Bestellungen für den gesuchten Koppler waren unter unterschiedlichen Empfängernamen abgewickelt worden. Alle liefen über denselben Zwischenhändler, obwohl die Station das Bauteil gewöhnlich direkt beschaffen konnte.

„Das ist unnötig kompliziert“, sagte sie über den Kommunikator. „Drei Vermittler für ein Ersatzteil, das du hier aus dem Regal nehmen kannst.“

„Vielleicht will jemand seine Rechnungen nicht gemeinsam mit dem Schiff sehen“, meinte Seren.

„Oder jemand verdient an jeder zusätzlichen Unterschrift. Ich speichere die Vorgänge. Beweisen tut es noch nichts.“

Korda gab seine Zustimmung. Er wollte die Dokumentation sichern, bevor die Spur wieder verschwand, aber er weigerte sich, aus einer ungewöhnlichen Bestellung bereits einen Auftraggeber zu machen.

Taren blieb vor einer Anzeigetafel stehen, auf der die nächsten Abflüge aufgelistet waren. Ein kleiner Frachter war für den späten Nachmittag angemeldet, dessen Kennung bei einer der Ersatzteilbestellungen auftauchte. Der Eintrag war nicht eindeutig genug, um das Schiff zu identifizieren, doch die zeitliche Nähe ließ ihn aufhorchen.

„Sira, sieh dir die Ankunftsmeldungen der letzten Stunde an.“

„Schon dabei.“

„Und?“

„Ein Schiff ist vor zwanzig Minuten in den äußeren Korridor eingetreten. Es hat einen Platz am Wartungsring angefordert.“

„Kennung?“

Sie nannte eine Buchstabenfolge, die keinem ihrer bisherigen Datensätze entsprach. Taren wollte gerade antworten, als sie hinzufügte: „Rusk hat etwas.“

✦

Auf der Serrat saß Rusk so dicht über seinem Pult, dass Korda ihm den Stuhl ein Stück zurückzog.

„Du wirst nicht schneller, wenn du in den Bildschirm hineinkriechst.“

„Vielleicht sehe ich dann besser.“

Auf der Anzeige war ein schmaler Kontakt erschienen. Das ankommende Schiff bewegte sich mit gedrosseltem Schub auf den Wartungsring zu. Für einen Moment blieb die Kurve glatt, dann erschienen drei kurze Ausschläge, eine Pause und zwei weitere Impulse. Rusk ließ die Aufzeichnung ein zweites Mal durchlaufen und legte die Daten des Angriffs darüber.

Die Übereinstimmung war so deutlich, dass Sira nichts dazu sagen musste.

Korda spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Er hatte sich oft vorgestellt, wie es sein würde, dieses Schiff wiederzusehen. In seinen Gedanken war der Augenblick stets von Zorn begleitet gewesen, von einer Entscheidung, die endlich keine Rücksicht mehr verlangte. Jetzt blickte er auf einen unscheinbaren Kontakt inmitten anderer Schiffe und wusste, dass ein falscher Befehl Menschen töten konnte, die mit ihrem Streit nichts zu tun hatten.

„Keine aktiven Sensoren“, sagte er. „Wir lassen es andocken.“

Rusk sah ihn an. „Das ist es, Korda.“

„Ich weiß.“

„Die Kennung ist neu. Sie haben die äußeren Verkleidungen verändert.“

„Ich weiß.“

Sira schaltete die Verbindung zur Mantis auf. „Bestätigte Signatur. Wir haben unseren Freund gefunden.“

„Dann bleiben wir bei unserem Plan“, antwortete Seren. „Nicht hier.“

Korda blickte auf den Wartungsring. Das fremde Schiff hatte inzwischen seine Landeposition erreicht. Zwei Arbeiter bewegten eine Versorgungsplattform an seinen Rumpf, und aus einem benachbarten Frachter trat eine Besatzung, die gerade ihre Schicht beendet hatte. Es wäre leicht gewesen, sich vorzustellen, dass ein schneller Angriff alles beenden könnte. Er hätte jedoch nicht gewusst, wen er damit traf.

„Wir warten“, sagte er.

Die folgenden Minuten vergingen nicht langsam, weil niemand etwas tat, sondern weil alle zugleich arbeiteten. Sira sicherte die verfügbaren Versorgungslisten. Rusk beobachtete die technischen Abläufe, ohne einen neuen Sensorimpuls auszusenden. Auf der Mantis stellte Greez den Treibstoffantrag fertig, damit ihr Aufenthalt einen gewöhnlichen Grund behielt. Taren und Seren verließen mit Cal und Merrin die Wartungshalle, bevor ihre Anwesenheit zu häufig auf den Überwachungssystemen auftauchte.

Merrin war die Erste, die bemerkte, dass jemand die öffentliche Datenabfrage beobachtete. Ein Stationsangestellter am Rand der Halle hatte seinen Blick wiederholt auf denselben Terminal gerichtet, den Taren zuvor benutzt hatte. Als Cal an ihm vorbeiging, wandte er sich zu schnell ab.

„Vielleicht ist er nur neugierig“, sagte Cal, nachdem sie außer Hörweite waren.

„Vielleicht“, antwortete Merrin. „Aber ich würde nicht darauf setzen, dass er es für sich behält.“

Sie meldeten die Beobachtung an Korda. Der reagierte nicht mit einem Abbruch, sondern mit einer Anpassung: Niemand sollte weitere Anfragen zu dem Schiff stellen, und die Mantis würde ihren Abflug erst dann anmelden, wenn das Ziel den Wartungsring verlassen hatte.

Sira schickte einen letzten Blick auf die Lieferdaten. Eine der Zahlungen war über ein Unternehmen gelaufen, dessen Sitz in einem von den Vaal genutzten Handelsgebiet registriert war. Der Name sagte ihr nichts. Es gab unzählige Firmen, die über mehrere Systeme hinweg Geschäfte machten, und eine Registrierung war kein Beweis für eine politische Verbindung.

„Korda, ich habe noch etwas, das wir später prüfen sollten.“

Sie erklärte ihm den Zahlungsweg und fügte sofort hinzu, dass er mehrere harmlose Erklärungen haben konnte.

„Sichern“, sagte Korda. „Nicht interpretieren. Noch nicht.“

Er wollte Antworten, aber keine, die sie sich selbst zurechtlegten.

✦

Auf der Mantis entfaltete Taren die Karte des Abflugkorridors. Belan verfügte über zwei Hauptausgänge, die für große Frachter vorgesehen waren, und mehrere schmalere Wege für kleine Maschinen. Dahinter lag ein Gebiet mit alten Navigationsmarken und unregelmäßig verteilten Trümmerfeldern, die von früheren Bergungsarbeiten stammten. Es war kein besonders gefährlicher Abschnitt, solange man die freigegebenen Bahnen einhielt.

„Wenn sie merken, dass wir hinter ihnen her sind, werden sie nicht die breiteste Route wählen“, sagte Taren. „Sie wollen Abstand gewinnen, bevor sie springen.“

Greez betrachtete die Darstellung. „Die Mantis kann ihnen durch den inneren Korridor folgen. Aber wenn sie uns dort mit voller Leistung entgegenkommen, haben wir kaum Platz.“

„Deshalb sollst du ihnen nicht entgegenkommen“, erwiderte Seren.

„Gut. Ich mag Pläne, bei denen ich nicht absichtlich mit jemandem zusammenstoße.“

Cal stand mit Merrin an der anderen Seite des Tisches. Sie hatten vorgeschlagen, die Entergruppe vorzubereiten, ohne bereits Waffen und Ausrüstung sichtbar zu verteilen. Merrin wollte die engen Zugänge des gegnerischen Schiffes erst nach dessen Sicherung betreten. Ihre Fähigkeiten konnten helfen, wenn es zu einer Blockade kam, aber sie wollte nicht riskieren, dass ein unkontrollierter Einsatz in einem beschädigten Rumpf Unbeteiligte verletzte.

„Wir wissen nicht, wie viele Menschen dort an Bord sind“, sagte sie. „Und wir wissen nicht, ob alle freiwillig dort arbeiten.“

Seren nickte. „Deshalb brauchen wir die Besatzung lebend. Diejenigen, die uns angegriffen haben, sollen sich verantworten. Aber erst müssen wir herausfinden, wer sie sind.“

Rusk meldete, dass der gegnerische Antrieb nach dem Austausch des Kopplers vermutlich kurzfristig mehr Leistung bringen würde als beim letzten Gefecht. Ein direktes Verfolgungsrennen wäre deshalb die schlechteste Möglichkeit, ihn zu stellen. Seine Navigationskorrektur verriet jedoch, dass er bei einem raschen Wechsel zwischen hohem Schub und engem Kurswechsel einen kurzen Moment brauchte, um sich neu auszurichten.

„Wie kurz?“, fragte Korda.

„Kurz genug, dass ich mich nicht darauf verlassen würde, wenn du einfach drauflosfliegst.“

„Und wenn wir ihn dazu bringen, genau dort zu korrigieren, wo wir es brauchen?“

Rusk sah zu Sira. Die beiden wechselten einen Blick, und Sira zog die Karte näher heran. Sie markierte einen Bereich jenseits der letzten bewohnten Stationseinrichtungen, an dem zwei erlaubte Abflugwege zusammenliefen.

„Wenn die Serrat hier auftaucht, hält er sie zunächst für einen Frachter auf der Gegenroute. Sobald er uns erkennt, wird er ausweichen wollen. Der schnellste freie Weg führt an dieser Navigationsmarke vorbei.“

„Und dort wartet die Mantis“, ergänzte Taren.

Greez verschränkte die Arme. „Ich warte gern. Solange ihr mir sagt, auf welcher Seite.“

Korda betrachtete die Karte schweigend. Er sah, dass der Plan funktionieren konnte, aber auch, wie wenig Spielraum sie hatten, falls der Gegner sich anders entschied. Die Serrat musste sichtbar genug sein, um eine Reaktion auszulösen, durfte jedoch nicht so nah kommen, dass sie einen Angriff provozierte, bevor die Mantis ihre Position erreicht hatte.

„Wir müssen ihn nicht besiegen, indem wir schneller sind“, sagte er schließlich. „Wir müssen ihn dazu bringen, einen Kurs zu wählen, den wir bereits kennen.“

„Genau“, antwortete Sira. „Und wir müssen ihm die anderen Kurse lassen, solange dort noch Verkehr ist.“

Seren sah Korda an. „Die Entscheidung liegt bei dir. Es ist dein Schiff, das er wiedererkennen wird.“

Korda dachte an die Stunden nach dem Angriff, an Rusks Verletzung und an die Gesichter seiner Crew, als sie endlich Tenebris erreicht hatten. Damals hatte er sich geschworen, nie wieder so hilflos zu sein. Doch die vergangenen Wochen hatten ihn gelehrt, dass Entschlossenheit nicht dasselbe war wie Ungeduld.

„Wir greifen nicht am Ring an“, sagte er. „Wir nehmen ihn draußen, wo niemand zwischen uns gerät. Und wenn er sich ergibt, hören wir auf zu schießen.“

Sira bestätigte den Befehl. Rusk begann die benötigten Sensorfenster zu berechnen, während Greez sich mit einem unzufriedenen Brummen ans Steuer setzte.

Taren blieb noch einen Moment bei Seren. „Du hättest die Führung übernehmen können.“

„Korda kennt seine Crew und dieses Schiff besser als wir.“

„Und du vertraust ihm?“

„Ich vertraue darauf, dass er heute nicht denselben Fehler machen will wie sein Gegner.“

Taren sah sie an. Sie hatte den Satz ohne Pathos gesagt, als nüchterne Einschätzung eines Mannes, dessen Zorn sie kannte und dessen Urteil sie dennoch respektierte. Er beugte sich zu ihr, küsste sie kurz und ging dann zu Greez ins Cockpit.

✦

Das gegnerische Schiff verließ den Wartungsring früher als angekündigt. Sira bemerkte die Änderung, weil die Station eine neue Abflugfreigabe erteilte, bevor die letzte Lieferung vollständig bestätigt worden war. Der Frachter löste sich vom Ring und glitt mit niedriger Geschwindigkeit zwischen zwei größeren Transportern hindurch.

„Sie haben es eilig“, sagte Rusk.

„Vielleicht haben sie uns bemerkt“, erwiderte Korda. „Vielleicht ist ihre Rechnung überfällig. Wir ändern nichts, solange sie noch zwischen anderen Schiffen sind.“

Die Serrat erhielt ihre Freigabe kurz darauf. Korda hielt sich an die zugewiesene Route, bis der äußere Verkehrsbereich hinter ihnen lag. Die Mantis war inzwischen auf einem anderen Korridor unterwegs, außerhalb der direkten Sichtlinie des Ziels. Greez hielt den Schub niedrig und überprüfte zweimal, ob die letzten Reparaturen unter Belastung stabil blieben.

Auf der Serrat wurde es stiller. Nicht, weil niemand mehr etwas zu sagen hatte, sondern weil jeder wusste, was als Nächstes von ihm verlangt wurde. Sira beobachtete den Kurs des fremden Schiffes, Rusk dessen Antriebswerte. Korda hielt die Hände ruhig auf den Kontrollen.

Dann änderte der Gegner seine Geschwindigkeit.

„Er hat uns erkannt“, sagte Sira.

Die fremde Maschine beschleunigte und verließ den freigegebenen Korridor. Korda folgte nicht sofort. Er wartete, bis der Abstand zu den letzten zivilen Schiffen groß genug war, und gab erst dann den Befehl, die eigene Geschwindigkeit zu erhöhen.

„Serrat an unbekanntes Schiff“, sagte er über den offenen Kanal. „Sie werden im Zusammenhang mit mehreren Angriffen gesucht. Reduzieren Sie den Schub und halten Sie Ihren Kurs. Wir wollen Ihre Besatzung unverletzt an Bord nehmen.“

Keine Antwort.

Stattdessen schwenkte das Schiff scharf nach Steuerbord. Auf Rusks Anzeige erschienen die vertrauten Navigationsimpulse, diesmal deutlich stärker als bei der Annäherung an Belan.

„Jetzt“, sagte Rusk.

Korda ließ die Serrat nicht direkt folgen. Er brachte sie auf eine flachere Bahn, die den Gegner von einem der beiden freien Ausgänge abschnitt, ohne ihm den Weg zurück zur Station zu öffnen. Sira gab die Kursänderung an Taren weiter.

Auf der Mantis sah Greez den neuen Kontakt aufleuchten. „Er kommt schneller als geplant.“

„Aber auf der richtigen Seite“, sagte Taren.

„Das sagst du so ruhig.“

„Weil du fliegst.“

„Das ist das erste Mal, dass mich jemand damit beruhigen will.“

Cal schnallte sich neben Merrin an. Seren überprüfte ein letztes Mal die Verbindung zur Serrat und ließ sich bestätigen, dass die Enterausrüstung bereitstand. Sie würden sie erst einsetzen, wenn das Ziel manövrierunfähig war; niemand hatte vor, aus einem schnellen Anflug einen verzweifelten Sprung zwischen zwei Schiffen zu machen.

Der Gegner erkannte die Mantis erst, als sie aus dem Schatten einer alten Navigationsmarke hervortrat. Er versuchte sofort, den Kurs zu wechseln. Rusk sah die Korrektur beginnen, und für einen kurzen Augenblick lag die Maschine genau dort, wo Sira sie erwartet hatte.

„Er muss entscheiden“, sagte sie.

Korda beobachtete die Ausweichbahnen. Der Gegner konnte noch immer abbremsen und sich ergeben. Er konnte auch versuchen, an der Serrat vorbeizukommen, würde dafür aber den Schub reduzieren müssen. Die dritte Möglichkeit war ein riskanter Sprung, solange die Navigation ihre Korrektur noch nicht abgeschlossen hatte.

„Taren, bleib auf deiner Position“, befahl Korda. „Greez, nicht nachsetzen.“

„Verstanden“, antwortete Greez. „Ich hatte auch nicht vor, meine schöne Hülle für diesen Kerl zu ruinieren.“

Korda sah, wie das feindliche Schiff erneut beschleunigte. Sein Pilot wollte die Lücke zwischen den beiden Verfolgern nutzen, bevor sie sich schloss. Korda hätte den Weg direkt versperren können, doch dann wäre der Gegner gezwungen gewesen, mit hoher Geschwindigkeit auszuweichen. Stattdessen senkte er die Serrat um wenige Grad ab und ließ eine Öffnung entstehen, die groß genug wirkte, um hindurchzufliegen.

„Korda?“, fragte Sira.

„Ich sehe ihn.“

„Du gibst ihm einen Weg.“

„Ja. Einen, den er für seinen eigenen hält.“

Der fremde Pilot nahm die Einladung an. Er schwenkte in die Öffnung, und im selben Augenblick verriet die Impulsfolge, dass sein Navigationssystem den Kurswechsel noch nicht sauber verarbeitet hatte. Die Serrat lag nun hinter ihm, die Mantis vor seiner nächsten freien Bahn. Beide Schiffe hielten ausreichend Abstand, um keinen Zusammenstoß zu riskieren, doch für einen sicheren Sprung blieb dem Gegner kein geeigneter Kurs.

„Antriebssignatur stabil“, meldete Rusk. „Seine Navigation korrigiert noch.“

Korda aktivierte den gerichteten Störimpuls, den Rusk für genau diesen Moment vorbereitet hatte. Er war schwach genug, um die übrigen Systeme nicht zu beschädigen, aber stark genug, um den ohnehin gestörten Navigationsabgleich zu unterbrechen. Auf dem gegnerischen Schiff erlosch die Sprungbereitschaft.

„Sprung abgebrochen“, sagte Sira. „Er bleibt im Normalraum.“

Die fremde Maschine drehte sich auf die Serrat zu. An ihrem Rumpf öffneten sich zwei Waffenklappen.

Korda wich dem ersten Schuss aus, bevor die Anzeige ihn warnen konnte. Die Energieentladung ging weit hinter ihnen ins Leere. Er erwiderte das Feuer nicht sofort, sondern hielt die Serrat in Bewegung und wartete, bis der Gegner seine Waffen erneut ausrichten musste.

„Letzte Aufforderung“, sagte er in den offenen Kanal, während Sira die Nachricht zugleich als Datensignal übermittelte. „Schalten Sie Ihre Waffen ab. Sie haben keinen sicheren Sprungkurs, und wir werden Sie nicht zur Station zurücklassen.“

Für einen Augenblick geschah nichts. Dann meldete Rusk eine weitere Belastungsspitze im feindlichen Antrieb.

„Er versucht, die Sicherung zu überbrücken.“

Korda sah die Anzeige, hörte Siras Warnung und traf die Entscheidung, auf die sie seit Belan hingearbeitet hatten. Er ließ die Serrat nicht auf Abstand bleiben, sondern führte sie auf eine engere, kontrollierte Bahn, von der aus Rusk die Antriebssektion gezielt erfassen konnte.

„Rusk, nur die äußere Steuerung. Keine Treffer auf den Reaktor. Sira, halte die Verbindung zur Mantis offen.“

„Bereit“, sagte Rusk.

Korda wartete, bis die Waffen des Gegners erneut schwenkten, und gab dann den Befehl. Zwei kurze, präzise Entladungen trafen die freiliegenden Steuerflächen am Heck. Die fremde Maschine verlor einen Teil ihrer Manövrierfähigkeit und begann, langsam aus der vorgesehenen Bahn zu treiben. Greez brachte die Mantis auf die andere Seite, sodass das beschädigte Schiff nicht unkontrolliert in Richtung des Verkehrsraums zurückfallen konnte.

„Antrieb gedrosselt“, meldete Sira. „Waffen noch aktiv, aber sie bekommen uns nicht sauber ins Visier.“

Korda atmete aus. Er sah die Öffnung, die er dem Gegner gelassen hatte, nun als das, was sie von Anfang an gewesen war: kein Fluchtweg, sondern eine Möglichkeit, ihn von Unbeteiligten fernzuhalten und seine Bewegungen zu begrenzen.

„Wir halten ihn hier“, sagte er. „Seren, bereitet euren Zugriff vor.“

Auf der Mantis löste Seren ihre Sicherung. Cal und Merrin standen bereits neben der vorbereiteten Ausrüstung. Taren kam aus dem Cockpit zu ihnen, nachdem Greez bestätigt hatte, dass er die Position allein halten konnte.

„Ist es vorbei?“, fragte Cal.

Seren sah auf die Darstellung des beschädigten Schiffes. „Nein. Aber diesmal läuft er uns nicht davon.“

Hinter der Sichtscheibe drehte sich der Gegner langsam gegen die Sterne. Die Serrat hielt ihn auf Abstand, die Mantis versperrte die freie Bahn, und auf beiden Schiffen wusste jeder, was als Nächstes zu tun war. Korda hatte den Mann, der sie so lange gejagt hatte, nicht aus Wut gestellt, sondern weil er seine Crew nach Hause bringen wollte. Jetzt würden sie herausfinden, wer an Bord war und weshalb jemand bereit gewesen war, für die Geheimnisse der alten Wege Menschenleben aufs Spiel zu setzen.

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