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KAPITEL 29

Zwei Wege

Als Greez am nächsten Morgen den Deckel eines seiner Vorratsbehälter anhob, war sein Gesichtsausdruck derart finster, dass Cal zunächst einen Defekt an der Lebenserhaltung vermutete. Erst als der Pilot das Behältnis auf die Arbeitsfläche stellte und mit einem Finger auf die Nachricht deutete, die auf dem kleinen Display daneben blinkte, erkannte er den eigentlichen Grund für die schlechte Laune.

„Einfuhrbeschränkung“, las Cal vor.

„Für Gewürze“, ergänzte Greez. „Gewürze, Cal. Ich habe mich bereit erklärt, bei einem möglichen Empfang etwas Anständiges zu kochen, und ihre Flugsicherung behandelt meinen Vorrat, als wollte ich eine biologische Waffe einschleusen.“

Merrin, die hinter Cal in die Kombüse gekommen war, beugte sich über die Anzeige. „Hier steht, dass bestimmte Pflanzenprodukte vor der Landung angemeldet werden müssen. Das ist vernünftig.“

„Du weißt nicht einmal, wie diese Pflanzen aussehen.“

„Eben.“

Taren saß mit Seren am kleinen Tisch und hörte dem Streit mit einem Lächeln zu. Er hatte die Nacht über kaum geschlafen, doch nicht wegen einer unmittelbaren Gefahr. Immer wieder war ihm das Bild der Chin’ta-Stadt Sha’Veyra in den Sinn gekommen, die Wasserterrassen, die Gespräche und jene kurze Bewegung, mit der Nehri eine fallende Metallkassette von einem Kind abgelenkt hatte. Cal hatte ihnen später erklärt, was er dabei wahrgenommen hatte. Taren war neugierig gewesen, hatte aber zugleich bemerkt, wie vorsichtig Cal seine Worte gewählt hatte. Es war ein Unterschied, ob man in einem fremden Menschen etwas Vertrautes erkannte oder ob man daraus sofort das Recht ableitete, ihm dessen Bedeutung zu erklären.

Seren schob ihm den letzten Rest ihres Frühstücks hinüber. „Du hast seit fünf Minuten nichts gegessen.“

„Ich habe nachgedacht.“

„Das schließt sich nicht aus.“

Er griff nach dem Brot und sah, wie sie ihre Tasse anhob, um das Lächeln zu verbergen. Die vergangenen Tage hatten sie beide in Atem gehalten. Es tat gut, für einen Moment nichts entscheiden zu müssen, während Greez über den vermeintlichen Niedergang der kulinarischen Freiheit schimpfte.

Cal setzte sich zu ihnen. „Aruven hat die Einladung bestätigt. Sie möchte uns heute etwas zeigen, das sie gestern noch zurückgehalten hat.“

„Ein Archiv?“, fragte Taren.

„Einen Teil des Hauses der Erinnerung. Mehr steht nicht in der Nachricht.“

Seren stellte die Tasse ab. „Dann sollten wir nicht mit der Erwartung hinuntergehen, dass uns dort jemand die Vergangenheit erklärt. Sie zeigt uns etwas, weil sie uns inzwischen zutraut, vorsichtig damit umzugehen.“

Merrin nahm neben Cal Platz. „Und wir sollten daran denken, dass ihre Geschichten nicht nur aus Daten bestehen. Für Tesh sind sie Familiengeschichte.“

„Ich weiß“, sagte Cal. „Und was Nehri betrifft, werde ich warten, bis sie selbst wieder darüber sprechen möchte. Ihre Verbindung zur Macht ist keine Aufgabe, die wir für sie übernehmen müssen.“

„Gut.“ Merrin nahm sich ein Stück Brot. „Dann darfst du dich jetzt um eine einfachere Aufgabe kümmern und Greez erklären, weshalb du seine Gewürze nicht schmuggeln wirst.“

„Ich habe nie gesagt, dass ich sie schmuggeln will!“, rief Greez aus der Kombüse. „Ich wollte lediglich wissen, ob das Verbot auch für bereits gekochte Speisen gilt.“

„Das klingt verdächtig nach einem Plan“, murmelte Taren.

Seren stieß ihn unter dem Tisch mit dem Knie an. Es war eine kleine, vertraute Bewegung, die ihn daran erinnerte, dass selbst auf einer unbekannten Welt noch Platz für einen gewöhnlichen Morgen war.

✦

Auf der Serrat war die Stimmung weniger friedlich. Rusk hatte die Nacht damit verbracht, eine Verbindung zwischen den fremden Dateiformaten und dem eigenen Navigationssystem herzustellen. Das Ergebnis bestand aus drei brauchbaren Übersetzungsroutinen und einer Fehlermeldung, die sich jedes Mal in einer anderen Farbe präsentierte. Sira fand ihn vor dem offenen Wartungsschacht, wo er versuchte, mit einer Hand eine Abdeckung festzuhalten und mit der anderen ein Werkzeug zu erreichen.

„Du sollst deine Seite schonen“, sagte sie und reichte ihm das Werkzeug.

„Ich schone sie. Ich benutze nur die andere.“

„Deine Rippen wissen das bestimmt zu schätzen.“

Korda kam aus dem Cockpit. Er hatte die neue Einladung gelesen und war nicht begeistert, dass Sira erneut hinunterwollte. Dennoch hatte er ihr am Vorabend versprochen, ihre Entscheidung zu respektieren, solange die Sicherheitsbedingungen unverändert blieben.

„Die Verbindung bleibt offen“, sagte er. „Wenn ihr länger als vereinbart braucht, meldet ihr euch. Und wenn jemand von euch das Wort ‚nur kurz‘ benutzt, gehe ich davon aus, dass es ernst wird.“

Sira steckte das Datenpad ein. „Ich werde Nehri bitten, es mir in ihrer Sprache beizubringen. Dann merkst du es nicht.“

„Genau deswegen mache ich mir Sorgen.“

Rusk richtete sich vorsichtig auf. „Frag sie nach den Pumpen. Die Skizze von gestern zeigt eine Druckregelung, die ich nicht verstehe.“

„Du verstehst sie nicht, weil du seit sechs Stunden versuchst, sie mit einem Antriebssystem zu vergleichen.“

„Ein guter Mechaniker erkennt Gemeinsamkeiten.“

„Und ein lebender Mechaniker macht zwischendurch Pause.“

Korda beobachtete, wie sie einander angrinsten. Er hatte die Serrat früher als einen Ort betrachtet, an dem jeder seine Aufgabe erfüllte und man gemeinsam weiterzog. Seit sie Tenebris erreicht hatten, war ihm unangenehm deutlich geworden, wie sehr er sich daran gewöhnt hatte, diese beiden Menschen um sich zu haben. Dass Sira mit Fremden lachte und Rusk sich für deren Maschinen interessierte, war gut. Trotzdem fiel es ihm schwer, sie aus der sicheren Reichweite seines Schiffes gehen zu lassen.

„Viel Glück“, sagte er schließlich.

Sira hielt kurz inne. Sie wusste, wie selten er solche Worte ohne einen scherzhaften Nachsatz aussprach. „Wir melden uns“, versprach sie und ging.

✦

Das Haus der Erinnerung wirkte an diesem Morgen anders. Die offenen Gänge waren belebter, und vor den Reliefs standen kleine Gruppen von Chin’ta, die sich unterhielten oder einem älteren Bewohner zuhörten. Nehri begrüßte die Besucher am Eingang, diesmal ohne die Ungeduld des Vortages. Sie hatte den Übersetzer bereits eingeschaltet und führte Sira stolz eine verbesserte Einstellung vor, mit der sich Fachbegriffe speichern ließen.

„Wenn er jetzt noch aufhört, jedes zweite Wort mit ‚Rohr‘ zu übersetzen, sind wir Freunde“, sagte Sira.

Nehri hörte sich die Übersetzung an und erwiderte etwas, das den Apparat einen Augenblick überforderte. Schließlich erschien: „Freundschaft braucht manchmal ein gutes Rohr.“

Sira lachte so laut, dass selbst Tesh zu ihnen herübersah. Sein Blick blieb ernst, doch Aruven, die neben ihm stand, schien Mühe zu haben, ihr eigenes Lächeln zu unterdrücken.

Sie führte die Gruppe in einen Seitenflügel, dessen Türen gestern verschlossen gewesen waren. Der Raum dahinter war nicht groß. Niedrige Sitzbänke standen vor einer gewölbten Wand, in die Reihen von Zeichen eingelassen waren. Dazwischen befanden sich schmale Metalltafeln, deren Oberfläche an manchen Stellen dunkel geworden war. Die Tafeln waren offenbar älter als der Raum, in dem sie heute aufbewahrt wurden.

„Dies ist kein vollständiges Archiv“, sagte Aruven. „Die meisten Aufzeichnungen liegen an anderen Orten. Einige sind verloren, andere wurden beschädigt, und manche dürfen nur von den Familien eingesehen werden, denen sie gehören. Was ich euch zeige, ist eine Zusammenstellung aus öffentlichen Berichten.“

Taren nickte. „Wir werden nichts aufzeichnen, ohne dich zu fragen.“

„Für die heutige Besprechung erlaube ich es. Aber nur für eure gemeinsame Untersuchung. Nicht für eine öffentliche Weitergabe.“

Seren bestätigte die Bedingung, und erst dann aktivierte Aruven die erste Tafel. Über der gewölbten Wand erschien eine räumliche Darstellung: zwei große Ansammlungen von Lichtpunkten, dazwischen mehrere Linien, die sich zu einem breiten Korridor vereinigten. Taren erkannte die grundsätzliche Form sofort. Sie ähnelte den Mustern, die sie in T-6 gesehen hatten, auch wenn die Chin’ta andere Markierungen verwendeten.

„Unsere Vorfahren nannten ihn den Gemeinsamen Weg“, erklärte Aruven. „Er war nicht nur eine Route für Schiffe. Nachrichten, Material und Hilfe erreichten darüber Siedlungen, die sonst weit voneinander entfernt gewesen wären.“

Die Darstellung veränderte sich. Einzelne Lichtpunkte erloschen, neue Zeichen tauchten entlang des Korridors auf. Dann teilte sich die breite Linie in zwei Abschnitte, zwischen denen eine unregelmäßige dunkle Zone lag.

„An diesem Tag wurden mehrere Verbindungen instabil. Unsere Aufzeichnungen sprechen von Schiffen, die nicht zurückkehrten, von beschädigten Stationen und von Menschen, die auf der anderen Seite festsaßen.“

Sie hielt inne, damit der Übersetzer folgen konnte. Niemand unterbrach sie.

„Ein Bericht sagt, die Vaal hätten den Übergang geschlossen, obwohl noch Rettungssignale eintrafen. Ein anderer nennt dieselbe Entscheidung einen notwendigen Schutz gegen eine weitere Ausbreitung der Störung. Beides sind Berichte aus unserer Überlieferung. Sie widersprechen sich bereits darin, wer die Entscheidung getroffen hat.“

Cal betrachtete die auseinanderlaufenden Linien. „Wissen wir, wann die letzten Signale empfangen wurden?“

„Wir haben Zeitangaben. Ob sie stimmen, weiß ich nicht.“

Tesh trat vor. Sein inneres Glimmen war kaum sichtbar, doch Seren erkannte die Anspannung an seinen Händen. Er deutete auf einen Bereich der Projektion, in dem eine kleine Ansammlung von Punkten isoliert lag.

„Meine Familie erinnert sich an diesen Ort“, sagte er, nachdem der Übersetzer seine Worte aufgenommen hatte. „Dort warteten Menschen auf Hilfe. Unter ihnen waren die Geschwister einer meiner Vorfahren. Die Nachrichten kamen noch an, als der Übergang bereits nicht mehr passierbar war. Danach hörte man nichts mehr von ihnen.“

Taren wollte etwas erwidern, hielt aber inne. Es gab keine Antwort, die diese Geschichte weniger schmerzhaft gemacht hätte.

„Woher weißt du, dass die Nachrichten noch ankamen?“, fragte Seren ruhig.

Tesh sah sie scharf an. „Du zweifelst daran?“

„Ich frage, weil ich verstehen möchte, was ihr tatsächlich empfangen habt. Wenn wir die Aufzeichnung finden können, müssen wir sie nicht gegen eine andere Erinnerung ausspielen.“

Er schwieg. Aruven ließ ihm Zeit, bevor sie erklärte, dass die Familie eine Abschrift besaß. Das Original war bei einem späteren Brand beschädigt worden. Die Abschrift enthielt die Worte der Nachricht, aber keine vollständigen technischen Kennungen mehr.

„Dann ist es ein wichtiger Bericht“, sagte Seren. „Und einer, den wir vorsichtig behandeln müssen.“

Tesh musterte sie. „Bei uns sagt man, die Vaal hätten die Menschen auf der falschen Seite zurückgelassen.“

„Vielleicht haben sie das getan“, antwortete sie. „Vielleicht glaubten sie auch, niemanden mehr erreichen zu können. Ich werde ihre Entscheidungen nicht verteidigen, solange ich sie nicht kenne.“

Der Übersetzer brauchte ungewöhnlich lange für ihre Antwort. Als Tesh sie schließlich hörte, schwand das Glimmen in seiner Brust, ohne ganz zu verschwinden.

„Du bist eine Wächterin“, sagte er. „Du müsstest wissen, wann eine Grenze geschlossen werden muss.“

„Ja. Und ich weiß, dass diejenigen, die eine Grenze schließen, später erklären müssen, was sie damit geschützt haben und wen sie nicht schützen konnten.“

Aruven blickte von einem zum anderen. Sie griff nicht ein, und Tesh zog sich schließlich an die Wand zurück. Seine Haltung war nicht freundlicher geworden, aber er hatte aufgehört, Seren wie eine Vertreterin einer längst gefällten Entscheidung zu behandeln.

Taren wandte sich wieder der Projektion zu. Zwei große Gruppen von Menschen, die einander einst hatten erreichen können, waren durch eine beschädigte Verbindung voneinander getrennt worden. Er dachte an die Familien in Nerava, an Nalea, Garith, Kitena und Tylan, und stellte sich vor, wie es wäre, wenn ein Weg sich schlösse, während einer von ihnen auf der anderen Seite wartete. Der Gedanke traf ihn härter als die technischen Darstellungen.

„Es müssen auch Menschen auf der jeweils anderen Seite geblieben sein“, sagte er. „Nicht nur die, auf die man vergeblich gewartet hat. Manche könnten weitergelebt haben, Familien gegründet haben.“

Aruven sah ihn aufmerksam an. „Darüber sprechen einige unserer ältesten Erzählungen. Es gibt Namen, die plötzlich an Orten auftauchen, an denen sie vorher nicht vorkamen. Und Familien, deren Herkunft niemand mehr genau bestimmen kann.“

„Das ist nicht dasselbe wie ein Beweis“, sagte Tesh.

„Nein“, erwiderte Aruven. „Aber es ist ein Grund, weiterzufragen.“

✦

Auf Tenebris saß Ilyra mit Ceresta vor einer Darstellung, die beinahe ebenso aussah wie jene im Haus der Erinnerung. Der Unterschied lag in den Zeitangaben. Wo die Chin’ta den Beginn des Zusammenbruchs markierten, zeigte T-6 bereits eine Folge von Abschaltungen; wo die Vaal-Daten eine Unterbrechung der Kommunikation verzeichneten, berichteten die Chin’ta noch von eingehenden Nachrichten.

„Das kann nicht alles gleichzeitig geschehen sein“, sagte Ceresta und verschob eine Kurve über die andere.

Ilyra rieb sich die Stirn. Ihre Schulter schmerzte weniger als in den Tagen nach ihrer Rettung, doch lange Stunden am Arbeitsplatz machten sich noch immer bemerkbar. Sie hatte versucht, die Aufzeichnungen nach den üblichen Zeitsystemen umzurechnen, war dabei jedoch auf einen Fehler gestoßen, den sie zunächst für eine beschädigte Kennung gehalten hatte.

„Vielleicht vergleichen wir gar nicht dieselben Zeitpunkte“, sagte sie. „Sieh dir die Markierung an, die bei den Chin’ta vor jeder Übertragung steht. Wir behandeln sie wie den Beginn einer Nachricht. Was, wenn sie stattdessen angibt, wann die Nachricht am Ziel ankommen sollte?“

Ceresta ließ die Projektion stehen. „Dann würde ihre Reihenfolge nicht zeigen, wann jemand etwas entschieden hat.“

„Sondern wann die Folgen dieser Entscheidung auf der anderen Seite sichtbar wurden.“

Sie probierten die Annahme an drei erhaltenen Datensätzen aus. Zwei ließen sich dadurch besser zuordnen. Beim dritten blieb eine Abweichung, die größer war als alles, was sich durch gewöhnliche Laufzeiten erklären ließ.

„Das ist noch kein Ergebnis“, sagte Ilyra, obwohl sie sich zum ersten Mal seit Stunden aufrichtete.

„Aber ein brauchbarer Ansatz.“ Ceresta schob ihr einen Becher Wasser hin. „Und bevor du mir widersprichst: Du hast ihn gefunden. Du darfst dich darüber freuen.“

Ilyra nahm den Becher. „Ich würde mich mehr freuen, wenn die dritte Kurve nicht quer durch unsere schöne Theorie laufen würde.“

„Dann bauen wir keine schöne Theorie, sondern eine, die der dritten Kurve standhält.“

Ilyra lächelte. Es war genau die Antwort, die sie von Ceresta erwartet hatte, und sie half mehr als jede vorschnelle Bestätigung.

Sie öffnete die zweite Speicherplatte ihrer Großmutter. Bislang hatten sie daraus vor allem technische Referenzen gewinnen können, doch nun erkannte Ilyra eine wiederkehrende Markierung am Rand mehrerer Datensätze. Sie entsprach keinem Namen und keinem Ort. Es war eine Folge von zwei ineinandergreifenden Linien, deren Enden sich trennten und an anderer Stelle wieder zusammenfanden.

„Das Zeichen auf der Schachtel“, sagte sie leise.

Ceresta beugte sich näher. „Du meinst das, das wir bisher für ein Familienzeichen gehalten haben?“

„Vielleicht war es das auch. Aber hier markiert es offenbar Datensätze, die gemeinsam gelesen werden sollen.“

Ceresta prüfte die Kennungen. „Oder Datensätze, die aus zwei verschiedenen Quellen zusammengeführt wurden. Wir sollten nicht entscheiden, bevor wir die Struktur kennen.“

„Ich weiß.“ Ilyra strich mit dem Finger über den Rand des Datenpads. „Es ist nur seltsam. Meine Großmutter hat diese Dinge aufbewahrt, ohne mir zu erklären, weshalb. Und jetzt könnte ausgerechnet diese kleine Markierung uns helfen, zwei Geschichten miteinander zu vergleichen.“

„Sie hat geschrieben, dass du sie bewahren sollst, bis wieder jemand fragt.“

„Ja.“

„Vielleicht hat sie darauf vertraut, dass die Fragen irgendwann genauer werden.“

Ilyra sah zu ihr auf. „Du findest immer einen Weg, das freundlich klingen zu lassen.“

„Nicht immer. Aber bei deiner Großmutter versuche ich es.“

Die Verbindung zur Mantis öffnete sich wenig später. Taren übermittelte die freigegebenen Aufzeichnungen, und Ceresta zeigte ihm die abweichenden Zeitlinien. Während er erklärte, welche Stellen Aruven für besonders wichtig hielt, bemerkte Ilyra, dass ein Abschnitt der Chin’ta-Daten dieselbe doppelte Markierung trug wie die Speicherplatte ihrer Großmutter.

„Warte“, sagte sie. „Bitte lass genau diese Stelle stehen.“

Taren hielt inne. „Hast du etwas gefunden?“

„Vielleicht eine gemeinsame Kennung. Ich kann noch nicht sagen, wofür sie steht.“

Auf der anderen Seite des Bildschirms trat Merrin näher. „Aruven hat von Berichten gesprochen, die einander widersprechen. Wenn wir herausfinden, welche Teile unabhängig voneinander entstanden sind, können wir vielleicht feststellen, worin sie übereinstimmen.“

„Genau das sollten wir versuchen“, sagte Ilyra. „Nicht mit der Frage anfangen, wer recht hatte. Erst einmal müssen wir wissen, ob beide Seiten überhaupt dieselben Ereignisse in derselben Reihenfolge gesehen haben.“

Cal verschränkte die Arme. „Die Macht kann mir dabei nicht sagen, welche Aufzeichnung wahr ist.“

„Gut“, erwiderte Ceresta trocken. „Dann bleibt uns wenigstens die Arbeit nicht aus.“

Merrin lachte, und selbst Ilyra musste grinsen. Danach wurden sie wieder ernst. Sie legten fest, welche Datensätze miteinander verglichen werden konnten und welche Lücken offenbleiben mussten. Niemand versprach eine schnelle Lösung.

✦

Merrin traf Aruven später im Innenhof des Hauses der Erinnerung. Der Nachmittag hatte die Steinbänke erwärmt, und aus den angrenzenden Räumen drangen Stimmen. Aruven hatte zwei kleine Schalen mit einem milden Getränk mitgebracht, dessen Geschmack Merrin an Kräuter erinnerte, die sie nicht benennen konnte.

„Tesh hat dir viel zugemutet“, sagte Merrin.

„Er hat gesagt, was viele denken. Ich wäre eine schlechte Gastgeberin, wenn ich nur die Stimmen zuließe, die euch gefallen.“

„Und eine schlechte Freundin, wenn du mich glauben ließest, alle hier seien einer Meinung.“

Aruven sah sie überrascht an. „Freundin?“

Merrin hob die Schale. „Wenn dir das zu früh ist, können wir es vorläufig bei Gesprächspartnerinnen belassen.“

„Nein.“ Aruven lächelte. „Ich glaube, Freundin gefällt mir besser.“

Sie tranken eine Weile schweigend. Merrin dachte an die Aufzeichnungen, die sie am Morgen gesehen hatte, und an die Menschen, deren Namen darin nicht mehr vorkamen. Sie hatte selbst erfahren, wie leicht ein Volk durch die Geschichten über seine Verluste zusammengehalten werden konnte. Das machte diese Geschichten nicht unwahr, aber es konnte verhindern, dass man bemerkte, was fehlte.

„Was wäre, wenn wir mit den Dingen anfangen, über die sich beide Überlieferungen einig sind?“, fragte sie schließlich. „Es gab einen gemeinsamen Weg. Er wurde instabil. Nachrichten fielen aus. Menschen versuchten, einander zu erreichen. Das alles scheint niemand zu bestreiten.“

Aruven stellte ihre Schale ab. „Du möchtest die Frage nach der Schuld auslassen.“

„Nicht auslassen. Nur nicht zur ersten Frage machen. Sobald wir damit beginnen, sucht jeder nach Beweisen für das, was er ohnehin glaubt.“

Aruven betrachtete die Blätter einer Pflanze, an denen kleine Tropfen hingen. „Bei uns werden manche Geschichten an Gedenktagen erzählt. Die Namen der Verlorenen werden ausgesprochen, damit sie nicht vergessen werden. Wenn ich plötzlich sage, wir wüssten nicht, was damals geschah, werden einige glauben, ich wolle ihnen diese Erinnerung nehmen.“

„Dann sag es nicht so. Wir wissen, dass Menschen verloren gingen. Wir wissen nur noch nicht, weshalb jede Seite glaubt, die andere habe sie im Stich gelassen.“

Aruven nickte langsam. „Es wäre leichter, wenn unsere Vorfahren einfach falsch gehandelt hätten und wir sie dafür verurteilen könnten.“

„Vielleicht haben einige falsch gehandelt“, sagte Merrin. „Vielleicht haben andere alles getan, was sie konnten. Wir schulden ihnen weder einen Freispruch noch eine Verurteilung, bevor wir wissen, was passiert ist.“

„Du sprichst, als hättest du lange darüber nachgedacht.“

„Das habe ich.“ Merrin dachte an Dathomir und an den langen Weg, der sie von dort fortgeführt hatte. „Manchmal braucht man sehr viel Zeit, um zu begreifen, dass die Vergangenheit nicht weniger wichtig wird, wenn man aufhört, sich von ihr beherrschen zu lassen.“

Aruven legte ihre Hand auf die Bank zwischen ihnen. Merrin berührte sie kurz, eine einfache Geste, die keiner Übersetzung bedurfte.

✦

Sira verbrachte den späteren Nachmittag mit Nehri in einer Werkstatt am Rand der Wasserterrassen. Die beiden hatten Rusk versprochen, die Druckregelung zu dokumentieren, und Sira war fest entschlossen, ihm eine Erklärung zu schicken, die er nicht sofort mit einem Sternenschiffantrieb vergleichen würde.

Nehri öffnete eine Abdeckung und zeigte ihr einen Satz schmaler Ventile. Die Konstruktion war elegant, aber nicht unverständlich; sie nutzte die Unterschiede zwischen mehreren Wasserständen, um den Druck in den Leitungen auszugleichen. Sira beugte sich darüber, stellte Fragen und reichte Nehri ein Werkzeug, das diese gar nicht verlangt hatte.

„Das andere“, sagte Nehri durch den Übersetzer.

Sira tauschte es aus.

„Nein. Das erste war richtig. Ich meinte die andere Seite.“

„Du könntest auch einfach zugeben, dass du mich verwirren willst.“

Nehri lachte. Ihre Hände wurden für einen Augenblick durchsichtig, als sie nach dem Werkzeug griff. „Du legst alles dort hin, wo du es selbst suchen würdest. Wir legen es dort hin, wo es gebraucht wird.“

„Bei uns nennt man das unterschiedliche Arbeitsphilosophien.“

„Bei uns nennt man es Aufräumen.“

Sira musste sich an der Werkbank festhalten, so sehr lachte sie. Danach arbeiteten sie eine Weile konzentriert weiter. Nehri erzählte von ihrer Ausbildung, von einer Tante, die jede Reparatur kommentierte, und von einem Bruder, der sich lieber mit Booten als mit den Wasseranlagen beschäftigte. Sira berichtete von Rusk, von Kordas Vorsicht und von den vielen Orten, an denen sie mit der Serrat gelandet waren.

„Hast du nie einen Ort gefunden, an dem du bleiben wolltest?“, fragte Nehri.

Sira dachte länger darüber nach, als sie erwartet hatte. „Vielleicht. Aber meistens wusste ich es erst, als wir schon wieder unterwegs waren.“

„Das klingt anstrengend.“

„Manchmal. Es gibt aber auch gute Gründe, weiterzufliegen.“

Nehri nickte, als könne sie sich beides vorstellen. Als sie später die Aufzeichnungen sortierten, blieb Sira an einem alten Ausdruck hängen, den Nehri beiläufig benutzt hatte. Er klang ähnlich wie die Redewendung ihrer Großmutter, die ihr am Vortag eingefallen war. Sie bat Nehri, ihn noch einmal langsam auszusprechen.

„Das ist eine ältere Form“, erklärte Nehri. „Meine Großmutter verwendet sie. Die meisten Jüngeren sagen es anders.“

Sira wiederholte die Worte. Sie traf die Betonung nicht ganz, aber Nehri hob überrascht den Kopf.

„Woher kennst du den Klang?“

„Meine Großmutter hat etwas Ähnliches gesagt. Wahrscheinlich Zufall.“

„Vielleicht.“ Nehri überlegte. „Manche Wörter reisen weiter als die Menschen, die sie zuerst gesprochen haben.“

Sira schrieb die Wendung auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihr etwas bedeutete, doch sie wollte sie nicht vergessen. Dann meldete sich Rusk über die Verbindung und fragte, ob sie inzwischen wüssten, weshalb die Pumpe nicht überhitzte.

„Weil sie Wasser bewegt“, antwortete Sira.

„Sehr hilfreich.“

„Ich schicke dir die Daten. Und du legst dich vorher hin.“

„Ich bin bereits im Sitzen.“

„Rusk.“

„Schon gut.“

Nehri beobachtete die beiden mit sichtlichem Vergnügen. Als Sira die Verbindung beendete, fragte sie, ob Rusk ihr Bruder sei.

„Nein“, sagte Sira. „Aber manchmal fühlt es sich so an.“

✦

Am Abend saßen Taren, Seren, Cal, Merrin und Aruven erneut vor der Projektion im Haus der Erinnerung. Tesh war ebenfalls gekommen. Er hatte die Abschrift seiner Familienaufzeichnung nicht mitgebracht, doch er hatte zugestimmt, dass Aruven über ihre Existenz sprechen durfte. Für Taren war das mehr, als er am Morgen erwartet hatte.

Auf dem Bildschirm standen nun drei Spalten nebeneinander: eine mit Chin’ta-Berichten, eine mit den Daten aus T-6 und eine dritte mit jenen Ereignissen, die sich in beiden Überlieferungen unabhängig voneinander erkennen ließen. Ilyra und Ceresta waren aus Tenebris zugeschaltet. Ihre Stimmen kamen mit leichter Verzögerung an, aber die Übersetzung funktionierte zuverlässig genug, um eine gemeinsame Besprechung zu ermöglichen.

„Wir haben drei Punkte, die wir vorläufig festhalten können“, erklärte Ilyra. „Der Verkehrsweg wurde instabil. Mehrere Verbindungen fielen aus. Und beide Seiten unternahmen Rettungsversuche, nachdem bereits Teile des Systems beschädigt waren.“

Tesh blickte auf die dritte Spalte. „Dort steht nichts davon, dass die Vaal den Übergang schlossen.“

„Weil wir noch nicht wissen, wann und weshalb er geschlossen wurde“, sagte Ilyra. „Es gibt Hinweise auf eine Abschaltung. Aber wir können nicht sicher sagen, ob sie Ursache oder Folge der Störung war.“

Aruven fragte nach den Zeitmarken. Ceresta erklärte den Unterschied zwischen einer gesendeten Nachricht und einem Zeitpunkt, an dem ein System ihre Ankunft erwartete. Sie benutzte dazu keine langen technischen Formeln, sondern ließ zwei Lichtpunkte über die Projektion laufen. Einer bewegte sich auf einer unbeschädigten Strecke, der andere wurde an einer instabilen Verbindung aufgehalten. Als beide Anzeigen denselben Zeitpunkt erreichten, hatten die Nachrichten ihre Ziele zu völlig unterschiedlichen Zeiten verlassen.

„Wenn man nur sieht, wann sie ankommen sollten“, sagte Ceresta, „kann es aussehen, als hätte jemand auf eine Warnung reagiert, die er noch gar nicht erhalten hatte.“

Tesh betrachtete die Darstellung lange. „Dann könnte unsere Abschrift trotzdem stimmen.“

„Ja“, antwortete Ilyra. „Und die Vaal-Aufzeichnung könnte ebenfalls stimmen. Die Schwierigkeit ist, dass wir noch nicht wissen, worauf sich die einzelnen Zeitangaben beziehen.“

Niemand sprach für einige Augenblicke. Taren bemerkte, wie schwer es allen fiel, diese Möglichkeit auszuhalten. Eine eindeutige Schuldzuweisung hätte den Schmerz nicht behoben, aber sie hätte ihm eine Richtung gegeben. Nun mussten sie akzeptieren, dass selbst die Reihenfolge der Ereignisse noch offen war.

„Ich möchte einen Vorschlag machen“, sagte Merrin schließlich. „Wir beginnen mit einem begrenzten Austausch. Keine vollständigen Archive, keine privaten Familienberichte. Nur die Aufzeichnungen, denen beide Seiten zustimmen, und die technischen Angaben, die wir für einen Vergleich benötigen.“

Aruven nickte. „Die Chin’ta behalten die Entscheidung darüber, welche unserer Daten weitergegeben werden.“

„Und wir legen offen, welche Daten wir von Tenebris verwenden“, ergänzte Seren. „Niemand soll später erfahren müssen, dass seine Geschichte ohne sein Wissen untersucht wurde.“

Tesh verschränkte die Arme. „Und wenn ihr etwas findet, das den Vaal nicht gefällt?“

Taren antwortete, bevor Seren es tun musste. „Dann müssen wir es uns ansehen. Wir sind nicht hergekommen, um zu beweisen, dass unsere Vorfahren recht hatten.“

„Du bist selbst einer von ihnen.“

„Ja. Deshalb betrifft es mich. Aber es macht ihre Entscheidungen nicht automatisch richtig.“

Aruven sah Tesh an. Er schwieg eine Weile und sagte dann, dass er die Zustimmung seiner Familie einholen wolle, bevor die Abschrift verwendet werde. Er versprach nichts darüber hinaus. Aruven nahm es an, als sei schon dieser kleine Schritt ein Erfolg.

Sie legten fest, dass Ilyra und Ceresta zunächst die technischen Kennungen vergleichen würden, während Merrin mit Aruven eine Übersicht jener Ereignisse erstellte, die in mehreren voneinander unabhängigen Berichten vorkamen. Taren sollte gemeinsam mit Seren prüfen, welche Informationen auf Tenebris freigegeben werden konnten. Cal bot an, bei den Übersetzungen zu helfen, ohne die Begriffe der Chin’ta vorschnell in die Sprache der Jedi zu übertragen. Es war keine Lösung, sondern ein Arbeitsplan, und gerade deshalb erschien er allen tragfähig.

Als sie das Haus verließen, war es bereits dunkel. Die Wasserwege spiegelten die Lichter der Siedlung, und auf den Terrassen saßen noch immer Familien zusammen. Taren blieb einen Augenblick stehen, weil er an die Menschen dachte, die vor langer Zeit an einem solchen Abend vielleicht ebenfalls auf Nachrichten von Angehörigen gewartet hatten. Manche waren nie gekommen. Andere hatten möglicherweise irgendwo jenseits des beschädigten Weges ein neues Leben begonnen, ohne je wieder zu erfahren, was aus ihrer alten Heimat geworden war.

Seren trat neben ihn. „Du denkst an die Familien.“

„Ja. Wir reden ständig von einer Katastrophe, als wäre sie ein einzelner Augenblick gewesen. Für die Menschen, die zurückblieben, hat sie vermutlich ein ganzes Leben gedauert.“

Sie folgte seinem Blick über die Terrassen. „Und für manche Familien noch viel länger.“

Er sah sie an. „Glaubst du, wir können herausfinden, was wirklich passiert ist?“

„Ich glaube, wir können herausfinden, was die Aufzeichnungen tragen. Vielleicht reicht das nicht für jede Antwort. Aber es wäre mehr, als wir heute Morgen wussten.“

Sie gingen weiter zur Plattform, wo Nehri mit Sira auf sie wartete. Die beiden waren noch immer in ein Gespräch vertieft, das offenbar mit Pumpen begonnen hatte und inzwischen bei Familiengeschichten angekommen war. Cal und Merrin folgten ihnen ein paar Schritte dahinter, während Aruven mit Tesh am Eingang zurückblieb. Der ältere Chin’ta sagte etwas, das Taren nicht verstehen konnte; Aruven antwortete ruhig, und schließlich wandten sich beide wieder dem Haus der Erinnerung zu.

Auf dem Rückflug sprach niemand viel. Die Begegnung hatte sie nicht einer einfachen Erklärung nähergebracht, aber sie hatte aus zwei gegensätzlichen Erzählungen eine gemeinsame Frage gemacht. Taren wusste, dass ihnen noch schwierige Gespräche bevorstanden, auf Tenebris ebenso wie hier auf Nythara. Für diesen Abend genügte ihm, dass Aruven und Tesh sie nicht fortgeschickt hatten und dass irgendwo in den Daten seiner Freunde nun die ersten Zeilen einer Geschichte nebeneinanderstanden, die lange nur getrennt erzählt worden war.

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