Greez hatte den Vorteil eines ruhigen Orbits erst zu schätzen begonnen, nachdem er festgestellt hatte, dass die Chin’ta ihre Verkehrswege offenbar mit größerer Sorgfalt überwachten als die meisten Raumhäfen, an denen er in den vergangenen Jahren gelandet war. Die Mantis hatte einen festen Wartebereich erhalten, dessen Grenzen selbst dann eindeutig blieben, wenn die Anzeigen ihre fremden Zeichen noch nicht vollständig übersetzen konnten, und seit dem Vorabend war kein einziges Schiff so dicht an ihnen vorbeigeflogen, dass er den Piloten hätte beschimpfen müssen.
„Ich sage nicht, dass ich ihnen vertraue“, erklärte er beim Frühstück, während er eine Schale vor Cal abstellte. „Ich sage nur, dass ich ihre Flugsicherung gern einmal mit nach Koboh nehmen würde. Für zwei Wochen. Danach hätten wir vielleicht weniger Schrott im Anflugkorridor.“
„Du würdest sie nach drei Tagen wieder nach Hause schicken“, meinte Cal, der Merrin gerade Platz machte.
„Weil sie nach drei Tagen alles repariert hätten.“
Merrin nahm die Schale entgegen, ohne auf Greez’ erwartungsvollen Blick einzugehen. Sie hatte die Nacht über besser geschlafen als Cal, der sich noch immer mit den Fragen beschäftigte, die ihre Gastgeber nicht beantwortet hatten. Es war nicht allein die Erwähnung der Vaal gewesen. Er erinnerte sich an Aruvens Gesicht, als Taren das alte Zeichen gezeigt hatte, und an den Chin’ta namens Tesh, dessen Unbehagen sich auf eine Weise in seinem Körper gezeigt hatte, die keiner von ihnen zuvor gesehen hatte.
„Du siehst aus, als würdest du das Gespräch von gestern noch einmal führen“, sagte Merrin, als Greez in die Kombüse zurückkehrte.
„Nur die Stellen, an denen wir nichts verstanden haben.“
„Dann wirst du eine Weile beschäftigt sein.“ Sie berührte seinen Unterarm. „Aruven hat uns eingeladen, wiederzukommen. Das ist mehr, als wir nach unserem unangekündigten Besuch erwarten konnten.“
Cal nickte, ohne sofort zu antworten. Merrin kannte diesen Ausdruck und ließ ihm Zeit. Seit sie gemeinsam unterwegs waren, hatte er gelernt, nicht jedes Schweigen mit einer Erklärung zu füllen, und sie hatte gelernt, dass seine Sorge nicht immer eine Aufforderung war, sie ihm abzunehmen.
Auf der Serrat war Sira unterdessen bereits seit einer Stunde wach. Sie saß mit Rusk vor dem Kommunikationspult und versuchte, die Übersetzung der gestrigen Gespräche von jenen Begriffen zu befreien, die der Bordcomputer mit erstaunlicher Selbstsicherheit erfunden hatte. In einer der Aufzeichnungen war aus einer räumlichen Begrenzung eine Lieferfrist geworden, aus einer Begrüßung eine Wartungsanweisung und aus einem Satz, den Nehri lachend gesagt hatte, eine förmliche Beschwerde über die Qualität der Landefläche.
„Vielleicht hat sie sich wirklich beschwert“, sagte Rusk, der den betroffenen Abschnitt zum dritten Mal abspielte.
„Sie hat dabei gelacht.“
„Ich habe schon Leute lachend Beschwerde einreichen sehen.“
Sira schob ihm das Datenpad zu. „Dann schreib du die Antwort. Aber versprich ihr bitte keine neue Landefläche. Wir sind schließlich nur zu Besuch.“
Korda erschien in der Tür, mit einem Becher in der Hand und dem Blick eines Mannes, der sich gerade überlegt hatte, welche Fragen er lieber nicht stellen wollte. Als Sira ihm mitteilte, dass sie möglicherweise mit der nächsten Delegation hinunterfliegen würde, stellte er den Becher ab.
„Möglicherweise?“
„Aruven hat um jemanden gebeten, der an der Verständigung arbeitet. Ich würde sagen, das trifft auf mich zu.“
„Das trifft auch auf deinen Rechner zu. Den könnte ich leichter wieder an Bord holen, falls dort unten etwas schiefläuft.“
„Der Rechner hat gestern eine Begrüßung als Frachtverbot übersetzt. Ich bin also die höflichere Wahl.“
Korda zog einen Stuhl heran. Er hatte nicht vor, sie aufzuhalten, doch seit dem Angriff auf die Serrat war er vorsichtiger geworden, wenn einer seiner Leute eine fremde Station oder einen unbekannten Planeten betreten sollte. Sira hörte sich seine Fragen nach der Verbindung, den Rückzugsmöglichkeiten und den vereinbarten Grenzen an, ohne mit den Augen zu rollen. Erst als er wissen wollte, ob sie eine Ersatzenergiezelle mitnehmen würde, hob sie die Hand.
„Korda, ich gehe mit Taren, Seren, Cal und Merrin durch eine Siedlung, in der uns gestern Wasser angeboten wurde. Ich breche nicht allein in einen gesperrten Maschinenraum ein.“
„Das eine schließt das andere bei dir nicht zuverlässig aus.“
Rusk lachte so unvermittelt, dass er sich an seiner noch schmerzenden Seite festhalten musste. Sira wartete, bis er wieder Luft bekam, und versprach dann, weder fremde Anlagen zu öffnen noch unerlaubt etwas mitzunehmen. Dass sie den zweiten Teil des Versprechens nur nach einem kurzen Zögern formulierte, entging Korda nicht.
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Die Einladung traf wenig später ein. Aruven hatte ihre Nachricht gemeinsam mit Nehri aufgezeichnet; die ältere Chin’ta sprach langsam, während Nehri mit sichtlicher Ungeduld auf die Übersetzung wartete und gelegentlich ein Zeichen ergänzte, wenn der Computer ins Stocken geriet. Sie durften einen Teil der Siedlung besuchen, die öffentlichen Werkstätten und die Wasserterrassen kennenlernen und sich mit Bewohnern unterhalten, sofern diese dazu bereit waren. Historische Anlagen und bestimmte Archive blieben vorerst ausgeschlossen.
„Sie haben sich Mühe gegeben, es uns verständlich zu machen“, sagte Taren, nachdem die Nachricht ein zweites Mal abgespielt worden war.
Seren überprüfte die markierten Bereiche. „Und sie haben sich ebenso viel Mühe gegeben, uns zu zeigen, wo die Einladung endet. Das finde ich beruhigend.“
Als das Beiboot wenig später die Atmosphäre durchquerte, saß Sira neben Merrin und betrachtete die Küstenlandschaft. Im Morgenlicht wirkten die Wasserbecken zwischen den Gebäuden fast silbern. Weiter landeinwärts zogen sich bewachsene Terrassen die Hänge hinauf, durchzogen von schmalen Kanälen, deren Verlauf einer Ordnung folgte, die sie noch nicht begriffen.
„Ich hätte gedacht, eine Welt, die so lange verborgen war, würde sich stärker abschotten“, sagte Sira.
„Vielleicht tut sie das“, erwiderte Seren. „Wir sehen nur den Teil, den sie uns zeigen möchte.“
„Dann haben sie wenigstens Geschmack bei der Auswahl.“
Taren musste lächeln. Er hatte Sira bisher vor allem in Situationen erlebt, in denen sie schnell denken und noch schneller reagieren musste. Dass sie ihre Neugier so offen zeigte, gefiel ihm. Er hoffte, dass der Besuch ihr etwas anderes bot als eine neue Gefahr, vor der sie ihre Crew bewahren musste.
Auf der Plattform wartete Nehri bereits auf sie. Sie trug diesmal ein kurzes Gewand aus mehreren unterschiedlich gewebten Stoffbahnen und hatte eine schmale Tasche umgehängt, aus der ein kleines Übersetzungsgerät ragte. Als sie die fünf Besucher erkannte, hob sie beide Hände, begann zu sprechen und brach lachend ab, weil das Gerät mit ihrer Geschwindigkeit nicht mithalten konnte. Für einen Augenblick wurden ihre Wangen durchscheinend; das Morgenlicht zeichnete die Konturen der dahinterliegenden Stege schwach durch ihr Gesicht.
„Sie sagt, wir seien spät“, übersetzte das Gerät schließlich.
Sira warf einen Blick auf die Uhr. „Wir sind drei Minuten vor der vereinbarten Zeit da.“
Nehri verstand die Zahlen schneller als den Rest, zeigte auf das Gerät und sagte etwas, das der Übersetzer zunächst mit „Uhren sind ungeduldig“ wiedergab. Nach einer kurzen Korrektur erschien eine andere Fassung: „Ich war früher hier.“
„Damit können wir leben“, sagte Sira, und Nehri schien an ihrem Ton zu erkennen, dass sie nicht beleidigt war.
Aruven begrüßte sie unter dem breiten Dach, an dem das erste Gespräch stattgefunden hatte. Sie wirkte weniger angespannt als am Vortag, doch Tesh stand auch diesmal in ihrer Nähe und beobachtete insbesondere Seren aufmerksam. Die beiden tauschten einige Worte, bevor Aruven den Besuchern erklärte, dass sie ihre Waffen gesichert lassen und sich nicht ohne Begleitung von der Gruppe entfernen sollten.
„Das entspricht unseren Absprachen“, antwortete Seren. Sie bemühte sich nicht, Tesh durch besondere Freundlichkeit umzustimmen; sie hielt ihm nur offen den Blick und zeigte ihm, dass sie die Regeln ernst nahm. Er erwiderte ihr Nicken nach einem kurzen Zögern.
Nehri führte sie zunächst durch einen überdachten Durchgang, in dem der Duft frisch zubereiteter Speisen hing. Kleine Verkaufsstände reihten sich an die niedrigen Gebäude, und zwischen ihnen bewegten sich Bewohner mit Körben, Werkzeugen und flachen Transportwagen. Eine ältere Chin’ta stritt mit einem Händler über den Inhalt eines Behälters, während zwei Kinder hinter ihr ungeduldig auf und ab gingen. Als der Händler eine Bemerkung machte, wurde das Gesicht der Frau für einen Augenblick fast durchsichtig, und sie antwortete so trocken, dass Nehri lachte, obwohl sie die beiden längst hinter sich gelassen hatten.
„Was hat er gesagt?“, wollte Sira wissen.
Nehri erklärte es erst in ihrer Sprache, dann mit mehreren Gesten. Der Übersetzer brauchte drei Versuche, bis eine halbwegs verständliche Antwort erschien: Der Händler habe behauptet, die Ware sei gestern noch frisch gewesen, und die Frau habe erwidert, gestern habe sie auch noch Geld dafür bezahlen wollen.
Sira blieb stehen. „Gut. Dann sind wir wirklich nicht so verschieden.“
Nehri sah sie fragend an, ließ sich den Satz noch einmal vorsprechen und lachte erneut. Es war ein ungezwungener Moment, in dem niemand versuchte, ein altes Geheimnis zu entschlüsseln. Taren merkte, wie viel leichter es wurde, die fremde Umgebung wahrzunehmen, sobald er nicht mehr bei jeder Geste nach einer verborgenen Bedeutung suchte.
An einem kleinen Platz mündeten mehrere Stege in eine breite Terrasse, auf der ein niedriger Wasserlauf durch flache Becken geführt wurde. Nehri erklärte, dass die Kanäle nicht nur der Versorgung dienten, sondern auch die Temperatur in den angrenzenden Gebäuden regulierten. Rusk hätte daran seine Freude gehabt, dachte Sira, und machte einige Aufnahmen der offenen Leitungen, nachdem Nehri ihr die Erlaubnis dazu gegeben hatte.
„Unser Mechaniker würde wahrscheinlich sofort fragen, wo ihr die Pumpen versteckt habt“, sagte sie.
Nehri zeigte auf einen niedrigen Bau am Rand der Terrasse und begann eine Erklärung, die mit jeder neuen technischen Bezeichnung unverständlicher wurde. Sira versuchte, ihr mit einer Zeichnung zu folgen, während Cal und Merrin ein Stück zurückblieben, um den übrigen Besuchern Platz zu machen.
Die Störung begann unscheinbar. Ein beladener Transportwagen, der langsam über eine seitliche Rampe rollte, blieb plötzlich stehen. Einer seiner Haltearme hatte sich verklemmt; als der Fahrer versuchte, den Mechanismus zu lösen, rutschte eine flache Metallkassette aus ihrer Sicherung. Sie fiel nicht tief, aber direkt in die Richtung eines kleinen Chin’ta-Kindes, das am Rand der Rampe hockte und sich mit einer schwimmenden Pflanze beschäftigte.
Cal setzte sich bereits in Bewegung, als Nehri neben Sira die Hand hob. Es war keine große Geste. Sie wirkte eher wie der instinktive Versuch, jemanden aufzuhalten, der zu nah an einer Kante stand. Die Kassette änderte ihre Bahn um wenige Handbreit, streifte den Rand eines Beckens und schlug mit einem metallischen Klappern auf der freien Fläche auf. Das Kind fuhr erschrocken zusammen, blieb aber unverletzt.
Sira war als Erste bei ihm. Sie ging in die Hocke, wartete, bis es sie ansah, und half ihm dann auf, während der Fahrer sich entschuldigte und die Sicherung des Wagens überprüfte. Nehri stand noch an derselben Stelle. Ihre Hände waren für einen Augenblick durchscheinend geworden, und als das Kind zu seiner Begleiterin lief, atmete sie hörbar aus.
Cal hatte den Blick auf die Kassette gerichtet. Er war sicher, dass sie ihren Kurs verändert hatte, bevor sie irgendwo angestoßen war. Noch deutlicher als diese Beobachtung war jedoch die kurze, unerwartet klare Regung gewesen, die er in der Macht wahrgenommen hatte. Sie hatte von Nehri auszugehen geschienen, nicht von ihm, und war ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie entstanden war.
Merrin sah ihn an, als die Aufregung sich legte. Sie kannte den Ausdruck in seinem Gesicht.
„Du hast etwas bemerkt.“
„Ja. Aber ich möchte erst verstehen, was passiert ist.“
Nehri kam zu ihnen zurück und fragte, ob das Kind verletzt sei. Als Sira ihr versicherte, dass alles in Ordnung war, entspannte sich ihre Haltung. Cal wartete, bis der Wagen fortgebracht worden war, bevor er sie auf die Kassette ansprach. Er zeigte die ursprüngliche Fallrichtung, dann die Stelle, an der sie gelandet war.
„Hast du sie bewegt?“, fragte er.
Der Übersetzer gab die Frage wieder. Nehri betrachtete die Kassette und anschließend ihre eigene Hand. Sie schien den Zusammenhang nicht zu verstehen.
„Ich wollte, dass sie das Kind nicht trifft“, antwortete sie schließlich.
„Das habe ich gesehen. Aber hast du sie berührt?“
Nehri schüttelte den Kopf. Nach einem kurzen Nachdenken deutete sie auf Cal und fragte etwas, das der Übersetzer als „Warum ist das wichtig?“ wiedergab.
Cal sah zu Merrin. Er hätte Nehri erklären können, was er gespürt hatte, doch ihm fiel auf, wie leicht eine solche Erklärung nach einer Behauptung geklungen hätte, er verstehe ihre eigene Erfahrung besser als sie selbst.
„Weil ich etwas Ähnliches kenne“, sagte er schließlich. „Bei uns gibt es Menschen, die Dinge beeinflussen können, ohne sie anzufassen. Ich wollte wissen, ob du das auch kennst.“
Nehri überlegte länger, als Sira erwartet hatte. Dann erklärte sie, dass manche Bewohner solche Augenblicke erlebten und andere nicht. Einige bemerkten sie schon als Kinder, während andere erst später herausfänden, dass sie auf ungewöhnliche Weise auf ihre Umgebung reagierten. Sie kannte eine ältere Verwandte, die damit sehr bewusst umgehen konnte, und einen Nachbarn, dem solche Dinge noch nie gelungen waren. Das Gespräch wurde schwieriger, sobald Cal nach einer Bezeichnung fragte. Nehri verwendete mehrere Wörter, die der Übersetzer als „spüren“, „mitgehen“ und „antworten“ wiedergab, ohne dass klar wurde, ob sie von einer Fähigkeit oder von einer Haltung sprach.
„Bei uns nennt man es die Macht“, erklärte Cal vorsichtig.
Nehri wiederholte das Wort, als prüfe sie, ob es zu dem passte, was sie meinte. Dann schüttelte sie den Kopf, nicht ablehnend, sondern nachdenklich. „Vielleicht ist es dasselbe. Vielleicht nennt ihr etwas so, das für uns anders zusammengehört.“
Merrin lächelte. „Das wäre nicht das erste Mal, dass zwei Völker dieselbe Erfahrung verschieden beschreiben.“
Cal nahm die Antwort an. Er hatte keinen Grund, Nehri zu einer Definition zu drängen, nur weil sie ihm vertraut vorkam. Als sie den Rundgang fortsetzten, erzählte sie von ihrer Verwandten, die Kinder manchmal darin unterrichtete, aufmerksam zu werden, bevor sie handelten. Es klang weder nach einer Jedi-Ausbildung noch nach den Lehren, die Merrin aus Dathomir kannte, und gerade deshalb hörten beide aufmerksam zu.
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Das Gebäude, in das Aruven sie am Nachmittag führte, lag oberhalb der Wasserterrassen. Von außen unterschied es sich kaum von den benachbarten Häusern, doch im Inneren öffnete sich ein hoher Raum, dessen Wände mit Reliefs bedeckt waren. Manche zeigten Schiffe und Verkehrswege, andere Menschen bei der Arbeit, auf Feldern oder an großen Maschinen. Dazwischen standen Zeichen, die Nehri nur teilweise erklären konnte, weil sie aus älteren Sprachformen stammten.
„Ist das ein Archiv?“, fragte Taren.
„Ein Haus der Erinnerung“, antwortete Aruven nach einer kurzen Rückfrage an den Übersetzer. „Nicht alles, woran wir uns erinnern, gehört in verschlossene Räume.“
Sie zeigte ihnen Darstellungen alter Handelswege und erzählte von Zeiten, in denen die Chin’ta regelmäßig mit anderen Völkern zusammengearbeitet hatten. Einige Verbindungen waren durch technische Veränderungen verloren gegangen, andere durch Streit, wieder andere schlicht deshalb, weil die Entfernungen zu groß geworden waren. Taren hörte ihr zu, während er die Reliefs betrachtete. Es überraschte ihn, wie vertraut manches wirkte: eine Gruppe, die gemeinsam ein beschädigtes Fahrzeug reparierte, zwei ältere Personen, die einem Kind etwas zeigten, eine Reihe von Reisenden, die vor dem Aufbruch Abschied nahmen.
An einer Wand blieb Seren stehen. Zwischen den Darstellungen befand sich ein Abschnitt, dessen Oberfläche anders bearbeitet war. Die Linien verliefen dort nicht mehr von einer Siedlung zur nächsten, sondern brachen an mehreren Stellen ab. Daneben waren Figuren zu erkennen, die einander gegenüberstanden, ohne sich zu berühren.
Tesh hatte bemerkt, wohin sie sah. Sein Körper wurde an den Händen leicht durchscheinend, und tief unter seiner Haut begann das gedämpfte Glühen, das Seren inzwischen mit Anspannung verband. Er sprach rasch zu Aruven, die ihm antwortete, ohne ihre Stimme zu heben.
„Dieser Teil ist nicht für die Führung vorgesehen“, erklärte sie schließlich.
Seren trat einen Schritt zurück. „Dann sehen wir ihn uns nicht weiter an.“
Tesh schien von der schnellen Zustimmung überrascht. Er betrachtete sie eine Weile, bevor er sich wieder an die Wand stellte.
Aruven führte die Gruppe zu einem offenen Relief, das mehrere Schiffe und zwei unterschiedliche Gruppen von Reisenden zeigte. „Es gab eine Zeit, in der unsere Wege mit denen anderer verbunden waren“, sagte sie. „Manche dieser Verbindungen endeten, weil die Wege selbst gefährlich wurden. Über andere sprechen wir bis heute nicht mit einer Stimme.“
„Auch über die Vaal?“, fragte Taren.
Aruven sah ihn lange an. „Gerade über sie.“
Sie erklärte, dass manche Familien erzählten, die Vaal hätten sich zurückgezogen, als die Chin’ta ihre Hilfe gebraucht hätten. Andere bewahrten Erinnerungen, in denen beide Seiten versucht hatten, einander zu erreichen und an denselben Grenzen gescheitert waren. Die Unterschiede waren nicht nur eine Frage alter Aufzeichnungen. Sie hatten sich über Generationen in Erzählungen, Festen und stillschweigenden Regeln erhalten.
Tesh widersprach ihr, noch bevor der Übersetzer den letzten Satz beendet hatte. Er sprach eindringlich, und das Glimmen in seinem Brustbereich verstärkte sich. Aruven ließ ihn ausreden. Erst dann erklärte sie den Besuchern, dass Teshs Familie mehrere Angehörige bei den Ereignissen verloren hatte, an die das Relief erinnerte. Für ihn klangen manche vorsichtigen Formulierungen wie eine Verharmlosung dessen, was geschehen war.
„Ich verstehe, dass er uns nicht vertraut“, sagte Seren. „Wenn meine Familie eine solche Geschichte bewahren würde, wäre ich vermutlich ebenso vorsichtig.“
Tesh wartete die Übersetzung ab. Seine Haltung veränderte sich kaum, doch das innere Leuchten wurde schwächer.
„Verstehen heißt nicht zustimmen“, antwortete er.
„Nein“, sagte Seren. „Aber es ist ein Anfang.“
Aruven betrachtete die beiden, ohne einzugreifen. Taren hatte den Eindruck, dass sie nicht nur die Besucher prüfte, sondern auch sehen wollte, ob ihre eigenen Leute mit deren Anwesenheit umgehen konnten. Er kannte diese Aufgabe aus Nerava: Wer Sicherheit gewährleisten wollte, musste manchmal zulassen, dass unterschiedliche Ängste ausgesprochen wurden, statt sie durch eine einzige Anweisung zum Schweigen zu bringen.
Später blieb Merrin mit Aruven in einem kleineren Hof zurück, während Nehri den anderen einen überdachten Aussichtsgang zeigte. Zwischen den Mauern wuchsen niedrige Pflanzen mit breiten Blättern, auf denen sich Feuchtigkeit sammelte. Aruven setzte sich auf eine Steinbank und bot Merrin den Platz neben sich an.
„Du hast gestern erkannt, dass wir euch nicht vertreiben wollten“, begann sie. „Viele Besucher hätten unsere Zeichen anders verstanden.“
Merrin setzte sich. „Ich habe sie nicht verstanden. Ich habe nur bemerkt, dass ihr uns eine Wahl gelassen habt.“
Aruven ließ den Gedanken auf sich wirken. „Manche von uns hätten euch diese Wahl lieber nicht gegeben.“
„Das habe ich gesehen.“
„Tesh ist kein schlechter Mensch. Er hat Gründe für seine Furcht, auch wenn er nicht alle selbst erlebt hat.“
Merrin betrachtete die Pflanzen zu ihren Füßen. Sie dachte an Dathomir, an Geschichten, die sie als Kind gehört hatte, und an die vielen Jahre, in denen Erinnerung und Schmerz für sie kaum voneinander zu trennen gewesen waren. „Ich komme aus einem Volk, das sehr viel verloren hat“, sagte sie schließlich. „Lange Zeit dachte ich, ich müsste mich an jeden Schmerz erinnern, um denen treu zu bleiben, die nicht mehr da sind. Irgendwann habe ich begriffen, dass ich ihnen auch dadurch treu sein kann, dass ich weiterlebe.“
Aruven antwortete nicht sofort. An ihren Händen wurde die Haut leicht durchscheinend, ohne dass ein Glühen erschien. „Und ist es dir gelungen?“
„Nicht jeden Tag gleich gut.“ Merrin lächelte schwach. „Aber ich habe Menschen gefunden, die mich daran erinnern, wenn ich es vergesse.“
Aruven sah durch die Öffnung des Hofs hinaus auf die Wasserwege. „Vielleicht ist das etwas, das wir ebenfalls lernen müssen. Bei uns gibt es Familien, die sich seit Generationen darüber streiten, wer damals wen verlassen hat. Jede bewahrt einen Teil der Geschichte, und jede fürchtet, der eigene Teil könnte verloren gehen, wenn sie den anderen anhört.“
„Dann wird es schwierig, gemeinsam herauszufinden, was wirklich geschehen ist.“
„Ja. Und vielleicht ist genau deshalb wichtig, dass ihr nicht mit fertigen Antworten gekommen seid.“
Als die anderen zurückkehrten, war Aruven noch immer neben Merrin sitzen geblieben. Cal sah den beiden an, dass sie über mehr gesprochen hatten als über die Anlage der Wasserterrassen, fragte aber erst später danach. Merrin erzählte ihm genug, damit er verstand, warum Aruven ihr wichtig geworden war, und behielt den Rest für sich. Manche Gespräche brauchten keinen sofortigen Bericht.
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Die Verbindung nach Tenebris erreichte sie am späten Nachmittag. Ceresta hatte inzwischen die Rohdaten des ersten Besuchs durchgesehen und gemeinsam mit Ilyra die Zeitmarken der alten Aufzeichnungen überprüft. Die Übereinstimmung mit den Signalen aus T-6 war deutlicher geworden, doch Ilyra bestand darauf, dass daraus noch keine historische Erklärung folgte.
„Wir können sagen, dass die Systeme auf verwandten Grundlagen beruhen“, erklärte sie, während Ceresta eine Darstellung neben ihr öffnete. „Ob sie aus derselben Zeit stammen, wer sie gebaut hat und weshalb die Verbindung abbrach, wissen wir nicht.“
„Das ist immerhin mehr als gestern“, meinte Taren.
„Ja. Und weniger, als ich gern hätte.“
Ceresta sah sie von der Seite an. „Ein erstaunlich vernünftiger Satz. Ich werde ihn mir aufschreiben.“
„Dann schreib auch dazu, dass ich mich nachher noch mit den Speicherplatten beschäftigen möchte.“
„Nachher ist ein dehnbarer Begriff.“
Auf dem Bildschirm hinter ihnen tauchte Garith auf, der einen Werkzeugbehälter trug und offenbar nur kurz eine Frage stellen wollte. Als er bemerkte, dass die Verbindung offen war, erkundigte er sich nach dem Zustand der Mantis und ließ sich von Greez bestätigen, dass die reparierte Tragfläche noch immer dort saß, wo sie hingehörte.
„Das ist ein Qualitätsmerkmal, das ich sehr schätze“, sagte Greez.
Aus dem Hintergrund rief Tylan, ob die Fremden wirklich durchsichtige Hände hätten. Nalea erschien einen Augenblick später neben ihm und erklärte, dass man Menschen nicht nur deshalb mit Fragen überfallen dürfe, weil sie anders aussähen. Tylan überlegte kurz und fragte dann, ob er stattdessen wissen dürfe, welche Spiele ihre Kinder spielten.
Nehri, die der Unterhaltung über den Übersetzer folgte, verstand die Frage erst nach einer Weile. Dann begann sie begeistert von einem Spiel zu erzählen, bei dem kleine schwimmende Körper durch Wasserkanäle gelenkt wurden, ohne die Ufer zu berühren. Tylan hörte so aufmerksam zu, dass Garith schließlich versprach, mit ihm eine einfache Version aus alten Bauteilen zu bauen. Nalea warf ihrem Mann einen Blick zu, der deutlich machte, dass sie diese Zusage noch besprechen würden, doch sie lächelte dabei.
Sira saß währenddessen über einer Liste der neuen Wörter. Eines davon war ihr aufgefallen, weil es sie an eine Redewendung erinnerte, die ihre Großmutter früher verwendet hatte, wenn jemand ohne ausreichende Vorbereitung aufbrach. Die Ähnlichkeit war nicht groß genug, um daraus etwas abzuleiten; sie wusste nicht einmal, ob sie sich an den ursprünglichen Klang richtig erinnerte.
„Nehri, könntest du das Wort noch einmal sagen?“, bat sie.
Nehri wiederholte es und erklärte die Bedeutung. Es bezeichnete ungefähr jemanden, der einem Weg folgte, bevor er wusste, wohin er führte. Sira lachte leise.
„Das hätte meine Großmutter gefallen.“
„Hat sie dir etwas Ähnliches gesagt?“, fragte Nehri.
„Ständig. Meistens, wenn ich schon unterwegs war.“
Sie erzählte es so beiläufig, dass niemand weiter nachfragte. Auch sie selbst dachte nicht länger darüber nach. Erst als Nehri ihr später die richtige Betonung zeigte, schrieb Sira das Wort sorgfältiger auf als die übrigen.
Nach dem Ende der Verbindung bestand Ceresta darauf, dass Ilyra das Datenpad wenigstens für eine Weile aus der Hand legte. Ilyra widersprach, allerdings ohne besondere Überzeugung, und ließ sich schließlich auf die Bank neben ihr sinken. Seit ihrer Rettung hatte sie sich mehr als einmal gefragt, ob die Spuren ihrer Großmutter sie erneut in Gefahr bringen würden. Jetzt sah sie Bilder einer bewohnten Welt, auf der Menschen lachten, arbeiteten und Kinder großzogen, und der Gedanke, dass ihre Familiengeschichte vielleicht mit diesem Ort verbunden war, fühlte sich zum ersten Mal nicht ausschließlich beunruhigend an.
„Du denkst schon wieder zu viel“, sagte Ceresta, als Ilyra eine Weile still geblieben war.
„Ich denke nur darüber nach, wie seltsam es ist, dass wir so lange nach einer alten Anlage gesucht haben und am Ende Menschen finden.“
Ceresta nahm ihre Hand. „Vielleicht war das die bessere Entdeckung.“
Ilyra lehnte sich vorsichtig an sie, achtete auf ihre Schulter und ließ das Datenpad liegen.
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Aruven begleitete die Besucher vor ihrem Rückflug noch einmal zur Plattform. Tesh hatte sich ihnen angeschlossen, blieb jedoch ein Stück hinter der Gruppe. Er schien weiterhin nicht überzeugt, dass die Ankunft der Fremden etwas Gutes bedeutete, doch er hatte den Rundgang nicht unterbrochen und jede vereinbarte Grenze eingehalten.
„Wir können weiter miteinander sprechen“, sagte Aruven. „Aber wir müssen langsam vorgehen. Unsere alten Anlagen bleiben geschlossen, bis wir gemeinsam entschieden haben, welche Fragen wir dort stellen dürfen. Und der Weg zu unserer Welt darf nicht weitergegeben werden.“
Taren nahm die Bedingungen an, ohne zu verhandeln. Er erklärte, dass auch die Menschen auf Tenebris ihre Heimat schützen mussten und deshalb verstehen konnten, weshalb die Chin’ta vorsichtig waren. Als Aruven ihn fragte, ob er über solche Regeln allein entscheiden dürfe, antwortete er, dass er die Verantwortung für seine Entscheidungen trage, aber nicht das Recht habe, über alle anderen hinweg zu handeln.
Aruven sah ihn eine Weile an. „Dann gibt es vielleicht mehr, worüber wir sprechen können, als ich gestern dachte.“
Nehri verabschiedete sich von Sira mit einer ausführlichen Erklärung zu den Wasserpumpen, die sie am Morgen nicht hatte zu Ende bringen können. Sira versprach, Rusk die Aufzeichnungen zu zeigen, und erhielt dafür eine kleine Skizze, auf der Nehri die wichtigsten Leitungen markiert hatte. Sie steckte sie sorgfältig ein, als wäre es ein wertvolles Geschenk, und Nehri schien sich darüber zu freuen.
Cal blieb noch einen Augenblick bei Aruven stehen. „Wäre es möglich, irgendwann mit jemandem zu sprechen, der die Fähigkeit kennt, von der Nehri uns erzählt hat?“
Aruven blickte zu Nehri, die gerade mit Merrin über ein Wort stritt, das der Übersetzer beharrlich falsch aussprach. „Ja“, sagte sie schließlich. „Aber nicht, um sie zu prüfen. Sondern damit ihr einander verstehen lernt.“
„Genau darum möchte ich bitten.“
Als das Beiboot später abhob, sah Taren die Plattform unter ihnen kleiner werden. Die Siedlung wirkte aus der Luft kaum anders als am Vortag, doch er wusste jetzt, dass hinter den hellen Dächern Menschen lebten, die über Preise stritten, Kinder vor herunterfallenden Lasten bewahrten und Geschichten erzählten, die nicht immer zueinanderpassten. Die Fremdheit war nicht verschwunden; sie hatte nur aufgehört, alles andere zu überdecken.
Seren saß neben ihm und löste die Sicherung ihrer Ausrüstung, sobald sie die vereinbarte Höhe erreicht hatten. „Tesh hat uns heute kein einziges Mal aus den Augen gelassen“, bemerkte sie.
„Du hast ihn ebenfalls beobachtet.“
„Natürlich. Aber ich glaube, wir haben beide gelernt, dass der andere nicht sofort etwas Gefährliches tun wird.“
Taren sah sie an. „Das klingt beinahe nach Vertrauen.“
„Nach einem Anfang davon. Mehr würde ich noch nicht behaupten.“
Er nahm ihre Hand, während unter ihnen die Wasserterrassen im Licht des späten Nachmittags schimmerten. Hinter ihnen lag ein Tag, an dem sie keine verlorene Maschine geöffnet und keine große Wahrheit über die Vergangenheit gefunden hatten. Stattdessen hatten sie einen kleinen Teil einer fremden Gesellschaft kennengelernt und Menschen getroffen, deren Leben auch dann weitergehen würde, wenn die Mantis und die Serrat eines Tages wieder abreisten. Gerade deshalb wollte er zurückkehren. Nicht, weil die Chin’ta Antworten schuldeten, sondern weil zwischen den Fragen inzwischen Gesichter, Stimmen und erste gemeinsame Erinnerungen standen.