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KAPITEL 27

Jenseits des bekannten Weges

Greez hatte die linke Tragfläche der Mantis am Morgen bereits zum dritten Mal überprüft, als Cal ihn auf dem Landefeld fand. Die Wartungsklappen waren geschlossen, die neuen Verbindungen sauber versiegelt, und auf dem Boden lagen keine Werkzeuge mehr, die darauf hindeuteten, dass noch etwas zu erledigen war. Trotzdem stand der Pilot mit verschränkten Armen vor seinem Schiff und betrachtete eine Stelle, an der Cal beim besten Willen nichts Ungewöhnliches entdecken konnte.

„Wenn du lange genug hinsiehst, wird sie nicht von allein schöner“, bemerkte Cal.

„Sie soll auch nicht schöner werden. Sie soll fliegen, ohne dass mir unterwegs wieder jemand erklärt, eine unmögliche Kursabweichung sei wahrscheinlich harmlos.“ Greez klopfte mit zwei Fingern gegen die reparierte Verkleidung und wandte sich erst dann zu ihm um. „Ich habe ihr alles gegeben, was sie braucht. Den Rest müsst ihr diesmal mitbringen: Geduld, vernünftige Entscheidungen und die Bereitschaft, umzudrehen, wenn etwas nicht stimmt.“

Cal lächelte. „Du weißt, dass Taren dich hören kann, wenn du ihm das direkt sagst?“

„Natürlich weiß ich das. Ich übe nur noch, damit es eindrucksvoll genug klingt.“

Auf dem benachbarten Landefeld war die Serrat bereits startklar. Rusk Talven trug einen Werkzeugkoffer die Rampe hinauf, wobei er den verletzten Arm so geschickt schonte, dass es beinahe unauffällig wirkte. Sira nahm ihm den Koffer trotzdem ab, ohne ihre Unterhaltung über die letzten Sensortests zu unterbrechen. Rusk sah ihr empört hinterher, bekam von Korda jedoch lediglich den Hinweis, dass er sich seine Beschwerden für die nächste Wartung aufsparen könne. Die drei waren seit ihrer Ankunft auf Tenebris merklich entspannter geworden, auch wenn Korda noch immer so auf die offenen Tore des Hangars blickte, als müsse er sich vergewissern, dass er tatsächlich wieder hinausfliegen durfte.

Taren kam mit Seren vom Verbindungsgang herüber. Sie hatten den Morgen bei Daron verbracht, um die Sicherheitsabsprachen ein letztes Mal durchzugehen, und Taren trug noch immer das Datenpad mit den freigegebenen Messreihen bei sich. Dass er es unterwegs mehrfach geöffnet hatte, entging Seren nicht.

„Wenn du jetzt schon anfängst, die Zahlen auswendig zu lernen, wird Greez dich spätestens nach der ersten Stunde aus dem Cockpit werfen“, sagte sie.

„Ich überprüfe nur, ob Ilyras letzte Korrektur angekommen ist.“

„Die ist angekommen. Ich war dabei, als du es bestätigt hast.“ Sie nahm ihm das Pad nicht weg, sondern wartete, bis er es selbst ausschaltete. „Du hast alles vorbereitet, was sich vorbereiten lässt. Den Rest müssen wir gemeinsam herausfinden.“

Vor der Rampe der Mantis warteten Ceresta und Ilyra. Letztere trug keinen schweren Verband mehr, doch sie hielt die verletzte Schulter vorsichtig und ließ sich diesmal ohne Protest von Ceresta einen Platz auf einer niedrigen Kiste anbieten. Die Tage seit ihrer Rettung hatten ihr etwas Farbe zurückgegeben, nicht aber die Geduld, die ihre Genesung verlangte.

„Die Zeitmarken sind abgeglichen“, erklärte sie Taren, sobald er bei ihnen war. „Wenn sich das Echo erneut zeigt, müsst ihr nicht drei verschiedene Borduhren gegeneinander aufrechnen. Die Rohdaten bleiben trotzdem erhalten. Bitte lasst niemanden auf die Idee kommen, die Aussetzer einfach wegzufiltern.“

„Das sage ich seit gestern“, bemerkte Merrin, die mit Cal hinzugetreten war.

„Und ich bin froh, dass wenigstens eine von uns damit durchgedrungen ist.“ Ilyra deutete mit dem gesunden Arm auf Ceresta. „Hier versucht man nämlich inzwischen, meine Arbeitszeit in Mahlzeiten und Schlafstunden zu unterteilen.“

„Ein ausgesprochen fortschrittliches Verfahren“, sagte Ceresta. „Wenn es sich bewährt, schlage ich es für die gesamte Werkstatt vor.“

Ilyra wollte etwas erwidern, doch Ceresta beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Schläfe. Danach fiel ihr der Widerspruch offenbar schwerer, was sie mit einem missbilligenden Blick quittierte. Taren versprach, die Verbindung zur Weststation auch dann zu nutzen, wenn sie nichts fanden, und Daron wiederholte noch einmal die Bedingung, keine Koordinaten von Tenebris über offene Kanäle zu senden. Korda hörte aufmerksam zu, bevor er bestätigte, dass auch die Serrat sich daran halten würde.

Als die beiden Schiffe schließlich abhoben, stand Taren neben Seren am Fenster. Unter ihnen wurde Nerava zu einer Ansammlung heller Flächen zwischen den dunklen Hügeln, und für einen Augenblick dachte er an die Menschen, die dort ihren gewöhnlichen Aufgaben nachgingen. Garith würde längst wieder in einer Werkstatt verschwunden sein, Nalea vermutlich versuchen, Tylan davon abzuhalten, seine Genesung als Freibrief für neue Entdeckungsreisen zu verstehen. Der Gedanke brachte ihn zum Lächeln. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte er einen Aufbruch vor allem als Anfang eines neuen Weges empfunden. Jetzt wusste er, dass es einen Ort gab, an den er zurückkehren wollte.

Seren schob ihre Hand in seine. „Du musst nicht die ganze Zeit aus dem Fenster sehen. Tenebris läuft uns nicht weg.“

„Ich weiß.“ Er drückte ihre Finger. „Ich wollte es mir nur merken.“

⁂

Die ersten Stunden verliefen ruhiger, als Greez erwartet hatte, was ihn allerdings nicht davon abhielt, jede Kurskorrektur mit einem misstrauischen Blick auf Taren zu begleiten. Auf der Serrat saßen Sira und Korda über den gleichen Messungen, während Rusk die Verbindung zwischen den Schiffen überwachte. Sie hatten beschlossen, die Daten unabhängig auszuwerten und erst danach zu vergleichen. Nach dem beschädigten Flug der Mantis wollte niemand mehr riskieren, dass sich eine einzige überzeugend klingende Vermutung unbemerkt in einen Befehl verwandelte.

Taren hatte die Aufzeichnungen von T-6, der Weststation und der beiden Schiffe nebeneinandergelegt. Die wiederkehrende Störung ließ sich inzwischen eindeutig nachweisen, doch je länger er sie betrachtete, desto weniger glaubte er an einen festen Zielpunkt. Die Abweichungen wanderten mit den Messzeiten. Was wie ein Ort ausgesehen hatte, erwies sich eher als ein Zustand des Raums, der nur in bestimmten Abständen auftrat.

„Wenn ich das richtig verstehe“, sagte Greez, nachdem Taren ihm die neue Berechnung gezeigt hatte, „fliegen wir also nicht zu einer Stelle, sondern warten darauf, dass eine Stelle für uns erreichbar wird.“

„Ungefähr. Ich würde nur nicht behaupten, dass wir schon wissen, warum.“

„Das ist ein bemerkenswert vernünftiger Satz. Darf ich ihn für spätere Gelegenheiten speichern?“

Taren nahm den Spott hin. Er hatte selbst noch gut in Erinnerung, wie teuer ihn seine Gewissheit beim letzten Versuch zu stehen gekommen war. Diesmal bat er Sira, seine Rechnung zu widerlegen, wenn sie konnte. Sie versuchte es gründlich und meldete sich nach einer Weile mit einem Ergebnis, das ihn zugleich beruhigte und beunruhigte: Ihr Modell beschrieb dasselbe Zeitfenster, obwohl sie von anderen Ausgangswerten ausgegangen war.

„Die Übereinstimmung ist zu gut für Zufall“, erklärte sie über die Verbindung. „Aber ich würde keinem der beiden Modelle ein Schiff anvertrauen, bevor wir wissen, was mit der fehlenden Messstrecke passiert.“

Merrin hatte bis dahin schweigend zugehört. Sie verstand genug von den Anzeigen, um den Verlauf zu verfolgen, und wusste zugleich, dass eine weitere technische Vermutung von ihr kaum hilfreich wäre. Dennoch beschäftigte sie die Lücke, über die sie schon am Vorabend gesprochen hatten.

„Ihr nennt diese Stelle immer fehlend“, sagte sie schließlich. „Dabei erscheint sie jedes Mal an derselben Stelle im Ablauf. Vielleicht versucht ihr etwas zu ergänzen, das absichtlich offen bleibt.“

Greez drehte den Kopf. „Absichtlich von wem?“

„Das weiß ich nicht. Aber eine Pause kann Teil einer Antwort sein. Wenn man sie übergeht, hört man etwas anderes als das, was gesagt wurde.“

Cal betrachtete die Linie auf dem Bildschirm und sah dann zu Taren. „Wir könnten die Sonde schicken, ohne den Abschnitt zu korrigieren. Das kostet uns Zeit, aber noch keinen Flügel.“

„Ich wäre für diese Reihenfolge“, sagte Greez.

Rusk hatte vor dem Abflug eine kleine passive Sonde vorbereitet, die weder einen starken Antrieb noch auffällige Signale besaß. Als sie ausgesetzt wurde, hielt die Serrat die Position, während die Mantis die Messungen aufzeichnete. Zweimal verschwand das Signal für einen Sekundenbruchteil; beim dritten Durchgang tauchte die Sonde seitlich versetzt wieder auf, ohne dass ihre Beschleunigungswerte eine entsprechende Bewegung erklärten.

Taren ließ beide Berechnungen erneut laufen. Die Verschiebung begann nicht trotz der Lücke, sondern genau mit ihr. Als er die automatische Glättung abschaltete, ergab sich ein schmaler Korridor, dessen Grenzen langsam über die Anzeige wanderten. Sie konnten ihn erreichen, wenn sie sich rechtzeitig ausrichteten, mussten aber jederzeit bereit sein, den Versuch abzubrechen.

„Ich möchte beide Schiffe auf Abstand halten“, sagte Taren und erläuterte seine vorgeschlagene Geschwindigkeit, bevor Greez danach fragen musste. „Kein Ausgleich durch zusätzliche Schubleistung, falls die Anzeigen auseinanderlaufen. Sobald eine Besatzung den Kontakt verliert, kehren wir gemeinsam um.“

Korda bestätigte den Plan erst, nachdem Sira und Rusk ihre Einwände vorgebracht hatten. Greez tat dasselbe, allerdings mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass er diese Art von Beratung auch künftig beibehalten wolle. Seren stand neben Tarens Sitz, während die letzten Werte eingingen, und sah, wie er jede Rückfrage beantwortete, ohne sich angegriffen zu fühlen. Sie sagte nichts dazu; als er zu ihr aufblickte, erwiderte sie seinen Blick mit einem kleinen Lächeln.

Der Übergang war weniger eindrucksvoll, als Taren befürchtet hatte. Für einige Sekunden schien sich der Raum vor den Fenstern zu verändern, ohne dass die Sterne ihre gewohnte Bewegung fortsetzten. BD-1 gab einen fragenden Ton von sich, und Greez hielt die Hände so ruhig auf den Kontrollen, als könne jede überflüssige Bewegung den schmalen Korridor erschüttern. Dann stabilisierten sich die Anzeigen, die Sonde meldete sich wieder, und vor ihnen lag eine Welt, die auf keiner ihrer Karten verzeichnet war.

⁂

Zuerst sah Taren nur Wolken über einem dunkelblauen Meer. Erst als die Mantis ihre Position korrigierte, wurden die Umrisse langer Küsten und ausgedehnter Landmassen sichtbar. Helle Siedlungen zogen sich an Buchten entlang, dazwischen lagen grüne Ebenen und Gebirge, deren Gipfel im Dunst verschwanden. Weiter oberhalb der Atmosphäre bewegten sich kleine Verkehrssignaturen auf regelmäßigen Bahnen. Wer immer hier lebte, hatte längst eine Zivilisation aufgebaut, die nicht auf ihre Entdeckung gewartet hatte.

„Ich hätte mit einer verlassenen Anlage gerechnet“, gab Cal zu, während er sich neben Merrin ans Fenster stellte.

„Weil wir nur die alte Anlage kannten“, erwiderte sie. „Dort unten gibt es Menschen, die heute Morgen vermutlich aufgestanden sind, ohne an irgendein Echo zu denken.“

Greez vergrößerte eine der Küstensiedlungen. Zwischen hellen Gebäuden verliefen Wasserstraßen, und mehrere größere Fahrzeuge glitten über eine Bucht. „Dann sollten wir uns benehmen wie Gäste, die unangekündigt kommen. Und Gäste parken ihr Schiff nicht mitten im Wohnzimmer.“

Sie hielten sich außerhalb der erkennbaren Anflugbahnen und sendeten ein einfaches Kontaktzeichen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Drei kleine Flugkörper lösten sich aus dem Verkehr über der Küste und näherten sich in einer offenen Formation, die zunächst weder freundlich noch feindselig wirkte. Als eines der Fahrzeuge unter die Mantis sank und das zweite oberhalb der Serrat blieb, deutete der Navigationsrechner eine Folge kurzer Signale als Aufforderung, die Position zu verändern.

Greez wollte vorsorglich die Schutzschilde verstärken. Seren hatte bereits die Abstände zu den fremden Fahrzeugen geprüft und sah keinen unmittelbaren Angriff, doch auch sie konnte die Absicht hinter der ungewöhnlichen Formation nicht erkennen. Merrin trat näher an die Scheibe, weil ihr etwas an den Bewegungen auffiel, das in keiner der Anzeigen auftauchte.

„Warte mit den Schilden“, bat sie. „Das untere Fahrzeug wiederholt dieselbe Bewegung, bevor es sendet. Es lässt uns Platz, obwohl es leicht näherkommen könnte.“

„Vielleicht erwartet es, dass wir in diesen Platz hineinfliegen“, wandte Greez ein.

„Möglich. Aber dann würde es nicht jedes Mal zurückweichen, sobald wir uns bewegen. Seht euch an, wie viel Raum sie zwischen uns lassen.“ Merrin überlegte, wie sie den Gedanken erklären konnte, ohne mehr Gewissheit vorzutäuschen, als sie besaß. „Bei meinem Volk gab es Begegnungen, bei denen man zuerst zeigen musste, dass man dem anderen nicht den Weg versperren wollte. Wer eine Waffe zog, um sich sicherer zu fühlen, hatte damit schon eine Antwort gegeben, bevor überhaupt gesprochen wurde. Vielleicht ist es hier ähnlich.“

Cal beobachtete die fremden Schiffe erneut. „Dann könnten unsere Schilde wie eine Drohung wirken.“

„Oder wie eine Weigerung, ihnen zu vertrauen“, ergänzte Seren. Sie sah zu Taren. „Wir haben genug Abstand, um abzubrechen. Ich würde ihren Vorschlag prüfen, bevor wir unsere Formation verändern.“

Taren übermittelte Korda die Beobachtung und bat Sira, lediglich die wiederkehrende Signalsequenz zu spiegeln. Die Mantis hielt ihre Position, die Serrat blieb auf Abstand. Eine lange Minute verging, während der Greez den Blick nicht von den Anzeigen nahm. Dann stieg das untere Fahrzeug langsam auf die Höhe der anderen, und die Formation öffnete sich zu einem breiten Korridor. Das neue Signal enthielt räumliche Angaben, die sich erstmals mit den Bewegungen der Fremden deckten.

„Das hätte auch anders ausgehen können“, murmelte Greez, während er die neue Route prüfte.

„Ja“, sagte Merrin. Sie sah noch immer zu den drei Fahrzeugen hinaus. „Darum sollten wir nicht vergessen, wie sie uns die Antwort gegeben haben.“

Der Korridor führte zunächst in eine hohe Umlaufbahn, wo sie längere Bildfolgen austauschten. Es dauerte, bis beide Seiten begriffen, dass die Besucher lediglich mit vier Personen hinunterfliegen und danach zu ihren Schiffen zurückkehren wollten. Korda blieb mit Sira und Rusk bei der Serrat, Greez übernahm die Mantis, und schließlich erhielt ein kleines Beiboot mit Taren, Seren, Cal und Merrin die Freigabe für eine Plattform außerhalb der dicht besiedelten Küstengebiete.

Während des Sinkflugs veränderte sich die Landschaft unter ihnen. Dunkle Wälder gingen in terrassierte Felder über, breite Wasserläufe verzweigten sich zwischen Gebäuden auf hohen Fundamenten, und über den Straßen spannten sich geschwungene Brücken. Taren entdeckte Plätze, auf denen sich Gruppen versammelt hatten, sowie kleine Fahrzeuge, die an den Rändern der Wasserbecken hielten. Die Formen waren fremd, doch die Bewegungen hatten etwas Vertrautes: Lieferungen wurden entgegengenommen, Wege freigehalten, Menschen warteten aufeinander.

„Es sieht friedlich aus“, sagte Cal.

„Es sieht nach einem Ort aus, an dem man lebt“, antwortete Seren. „Das ist nicht dasselbe. Aber es ist ein guter Anfang.“

⁂

Die Plattform lag am Rand einer größeren Siedlung. Als sie das Beiboot verließen, schlug ihnen warme Luft entgegen, die nach Wasser, feuchtem Stein und einer süßlich duftenden Pflanze roch. Hinter einer halb offenen Wand hörten sie Stimmen und das gleichmäßige Summen von Maschinen. Drei Gestalten erwarteten sie unter einem breiten Dach, ohne ihnen entgegenzukommen.

Taren erkannte zuerst die Ähnlichkeiten mit Menschen: aufrechter Gang, Hände mit langen Fingern, Gesichter, in denen sich Aufmerksamkeit und Zurückhaltung ablesen ließen. Erst beim Näherkommen fielen ihm die Unterschiede auf. Ihre Gliedmaßen waren etwas länger, die Bewegungen auffallend ruhig, und ihre Haut hatte eine matte, beinahe mineralische Oberfläche, die das Licht anders auffing, als er es gewohnt war. Die mittlere Gestalt trug ein mehrlagiges Gewand, dessen Stoff bei jeder Bewegung leise raschelte. Neben ihr stand eine jüngere Person, die ihre Neugier kaum verbarg, während der dritte Bewohner etwas abseits blieb und Serens gesicherte Ausrüstung aufmerksam musterte.

Als Seren den Blick über die Zugänge schweifen ließ, veränderte sich dessen Erscheinung. An Hals und Händen wurde die Haut für einen Augenblick durchscheinend, sodass sich tiefere Strukturen wie feine Schatten abzeichneten. Unterhalb der Brust begann zugleich ein gedämpftes Licht zu glimmen, das nicht von außen auf ihn fiel, sondern aus seinem Inneren zu kommen schien. Seren bemerkte die Veränderung, hielt ihre Hände jedoch weiterhin offen vor dem Körper.

Merrin trat unauffällig näher zu ihr. „Ich glaube, er ist beunruhigt. Vielleicht wegen der Waffen.“

„Sie bleiben gesichert“, antwortete Seren leise. „Wenn er möchte, dass wir sie ablegen, soll er uns die Möglichkeit geben, es zu verstehen.“

Die größere Gestalt hob eine Hand und sprach zu ihrem Begleiter. Das Glimmen wurde schwächer, bis es kaum noch zu erkennen war. Die jüngere Person wandte sich ihrerseits an die beiden, und während sie redete, wurde ihr Gesicht kurz durchscheinend, ohne dass ein inneres Leuchten auftrat. Taren begriff, dass er etwas beobachtete, das bei diesen Wesen offenbar zu ihren Gefühlen gehörte. Er musste sich bewusst davon abhalten, die Veränderung länger zu betrachten, als er es bei einem fremden Gesicht sonst getan hätte.

Er neigte leicht den Kopf. Die mittlere Gestalt erwiderte die Bewegung nach einem prüfenden Augenblick und begann zu sprechen. Ihr Klang war weich, mit langen Lautfolgen und kurzen, deutlich gesetzten Pausen. Der Übersetzer an Tarens Gürtel erfasste zunächst nur einzelne Bestandteile, weshalb Merrin auf sich deutete und ihren Namen sagte. Die Fremde wiederholte ihn sorgfältig, bevor sie eine Hand an die eigene Brust legte.

„Aruven.“

Die Jüngere stellte sich als Nehri vor. Der Dritte brauchte länger, bis er den Namen Tesh nannte, und blieb auch danach auf Abstand. Taren stellte Cal und Seren vor und erklärte langsam, dass sie von weit her gekommen seien und niemandem schaden wollten. Aruven hörte aufmerksam zu, doch ihre Antwort ließ sich nur bruchstückhaft übersetzen. Sie zeigte auf das Beiboot und danach auf den Himmel, wobei sie die Handfläche geöffnet hielt.

„Sie fragt vielleicht, ob wir wieder gehen können“, überlegte Cal.

„Oder ob wir es vorhaben“, sagte Seren. Sie ließ Taren die Bewegung wiederholen und wartete auf Aruvens Reaktion, statt sofort eine neue Erklärung zu beginnen.

Aruven nickte schließlich. Die Anspannung in ihren Schultern ließ etwas nach, und sie führte die Besucher in einen offenen Raum, von dem aus sie über flache Wasserbecken hinweg auf die Siedlung sehen konnten. Dort standen niedrige Sitze und ein langer Tisch mit mehreren Schalen. Aruven trank selbst zuerst aus einer davon, ehe sie Merrin Wasser anbot. Merrin nahm die Schale mit beiden Händen entgegen und bedankte sich, worauf Nehri eine kurze, helle Lautfolge ausstieß. Ihre Wangen wurden für einen Augenblick so durchscheinend, dass Merrin dahinter die Kontur eines Pfeilers erkennen konnte.

Cal sah sie an. „Ich glaube, du hast gerade etwas richtig gemacht.“

„Vielleicht hat sie auch nur Freude daran, dass ich ihre Schale nicht fallen gelassen habe.“ Merrin stellte sie vorsichtig ab. „Beides wäre mir recht.“

Der Austausch wurde allmählich leichter, weil Nehri mit einer tragbaren Tafel Bilder zeigte und Aruven Begriffe wiederholte, bis der Übersetzer brauchbare Sätze daraus bilden konnte. Tesh schaltete sich nur selten ein. Wenn er es tat, wirkte Aruven jedes Mal einen Moment nachdenklicher, und Taren vermutete, dass der zurückhaltende Mann eine Aufgabe hatte, die über die bloße Begleitung hinausging. Er fragte nicht danach. Sie hatten noch nicht einmal sicher geklärt, wie lange sie bleiben durften.

Erst als Aruven wissen wollte, wie sie den Weg zu ihrer Welt gefunden hatten, öffnete Taren eine vereinfachte Darstellung des Echos. Er zeigte die Sonde, die beiden Schiffe und die Messlücke, ohne die Position von Tenebris preiszugeben. Nehri beugte sich neugierig vor, doch Tesh richtete sich sofort auf. Das gedämpfte Glühen kehrte in seiner Brust zurück, während seine Hände beinahe durchsichtig wurden. Er sagte etwas Scharfes, das der Übersetzer nicht erfasste, und Aruven antwortete ihm mit wenigen ruhigen Worten.

„Habe ich etwas gezeigt, das ich nicht hätte zeigen sollen?“, fragte Taren.

Aruven ließ sich Zeit mit der Antwort. Als der Übersetzer sie schließlich wiedergab, klang sie ungewöhnlich klar. „Dieser Weg war lange nicht für Besucher offen.“

„Wir wussten nicht, dass wir eine Grenze überschreiten“, sagte Seren. „Wenn wir etwas beachten müssen, möchten wir es verstehen.“

Aruven betrachtete sie, dann die Darstellung auf dem Tisch. „Ein Weg gehört nicht nur dem, der ihn findet.“

Taren dachte an die Siedlungen unter ihnen und an die Schiffe, die sie ohne Drohung aufgehalten hatten. „Das haben wir heute gelernt“, sagte er. „Und wir hätten es lieber früher gewusst.“

Merrin bat darum, die Messlücke erneut zu sehen. Sie zeigte darauf und erinnerte Aruven mit einer langsamen Handbewegung an die offene Formation im Orbit. „War das dieselbe Bitte? Dass wir warten, bevor wir näherkommen?“

Aruven sah sie lange an. Ihr Gesicht wurde ein wenig durchscheinend, diesmal ohne das Leuchten, das sie bei Tesh beobachtet hatten. „Ihr habt gewartet“, antwortete sie schließlich. „Deshalb sprechen wir.“

Es war kein großer Durchbruch, und Merrin machte auch keinen daraus. Aber Taren begriff, wie leicht sie die ersten Minuten falsch hätten verstehen können. Hätten sie ihre Schilde verstärkt und den vorgeschlagenen Korridor erzwungen, säßen sie vermutlich nicht an diesem Tisch. Dass Merrin eine Bewegung ernst genommen hatte, die kein Computer übersetzen konnte, hatte ihnen überhaupt erst die Gelegenheit zu einem Gespräch verschafft.

Später öffnete Nehri eine Karte von Nythara, wie die Chin’ta ihre Heimatwelt nannten. Zwischen Küsten, Siedlungen und Verkehrswegen standen Zeichen, die Taren nicht kannte. Aruven deutete auf die Karte, dann auf sich und ihre Begleiter und sprach langsam ein Wort aus, das der Übersetzer diesmal ohne Mühe übernahm.

„Chin’ta.“

Taren wiederholte den Namen, und Aruven nickte. Nehri deutete auf die Küstenstadt Sha’Veyra, in deren Außenbezirk sie gelandet waren, und begann ihm weitere Ortsbezeichnungen zu zeigen, offenbar erfreut darüber, dass sie endlich etwas erklären konnte, das nicht mit einer Grenze zu tun hatte. Dabei erschien zwischen den Zeichen eine alte Form aus zwei Linien, die auseinanderliefen und später wieder zueinanderfanden. Taren erinnerte sich an Ilyras Familienaufzeichnungen und bat darum, die Darstellung speichern zu dürfen. Aruven stimmte zu, doch als er eine weitere Zeichenfolge öffnete, veränderte sich ihre Haltung.

Sie sprach ein einzelnes Wort, ohne auf die Übersetzung zu warten.

„Vaal.“

Teshs Brust begann stärker zu glimmen. Nehri senkte die Tafel, und auch Aruvens Hand blieb reglos auf der Tischkante liegen. Taren spürte, wie sehr der vertraute Name den Raum verändert hatte. Er wollte erklären, wer sie waren, was auf Tenebris geschehen war und weshalb sie nach diesem Weg gesucht hatten, doch er wusste nicht, welche dieser Informationen helfen und welche neue Furcht auslösen würden.

„Wir kennen die Vaal“, sagte er deshalb nur.

Aruven sah ihn an. „Das hören wir.“

Merrin legte Taren leicht die Hand an den Arm. Er verstummte, bevor er eine weitere Frage stellen konnte. Sie wartete, bis Aruven ihren Blick erwiderte, und sagte dann, so langsam, dass Nehri jedes Wort auf der Tafel verfolgen konnte: „Wir sind nicht gekommen, um euch zu sagen, wie ihr euch erinnern sollt.“

Aruven ließ den Satz wiederholen. Eine ganze Weile betrachtete sie die Besucher, und Taren konnte nicht erkennen, ob sie über die Worte oder über die Menschen nachdachte, die sie ausgesprochen hatten. Schließlich nickte sie, kaum merklich.

„Dann können wir morgen weiterreden.“

⁂

Als sie zum Beiboot zurückkehrten, hatte sich das Licht über der Küste verändert. Auf den Stegen zwischen den Wasserbecken herrschte noch immer Betrieb, und irgendwo hinter den Gebäuden hörten sie ein vielstimmiges Lachen. Nehri begleitete sie bis zur Plattform und wiederholte mit sichtbarer Freude das Wort „morgen“, das sie sich während des Gesprächs gemerkt hatte. Für einen Augenblick wurde ihr Gesicht durchscheinend, und diesmal wirkte die Veränderung auf Taren nicht mehr fremd. Sie gehörte offenbar ebenso selbstverständlich zu ihrer Freude wie das Lächeln, mit dem sie ihnen nachsah.

Auf dem Rückflug saß Merrin neben Cal und betrachtete die Landschaft, die unter ihnen kleiner wurde. Seren hatte ihr bereits für den Einwand im Orbit gedankt, doch sie kam noch einmal darauf zurück, als das Beiboot die obere Atmosphäre erreichte.

„Ich hätte die Schilde wahrscheinlich ebenfalls hochfahren lassen, wenn du nichts gesagt hättest“, gab sie zu. „Nicht, weil ich einen Angriff erwartet habe. Weil es sich nach einer vernünftigen Vorsichtsmaßnahme angefühlt hätte.“

„Das war es aus unserer Sicht vielleicht auch“, erwiderte Merrin. „Nur standen wir nicht allein dort oben. Ich habe lange gebraucht, um zu lernen, dass eine Geste für jemanden, der anders lebt als ich, etwas völlig anderes bedeuten kann.“

Cal legte seine Hand auf ihre. „Und du hast uns daran erinnert, bevor wir es auf die schwierige Art lernen mussten.“

Merrin drückte seine Finger. „Vielleicht erinnern sie uns morgen an etwas, das wir heute noch übersehen haben.“

Greez erwartete sie an Bord der Mantis mit warmem Essen und einer Reihe von Fragen, von denen er die Hälfte stellte, bevor sich jemand setzen konnte. Als er von den körperlichen Veränderungen der Chin’ta hörte, schüttelte er den Kopf und betrachtete seine eigene Hand.

„Dann sieht man denen also an, wenn sie sich ärgern? Das hätte ich in meiner Jugend gebrauchen können. Bei manchen Leuten habe ich Jahre gebraucht, um herauszufinden, dass sie wütend auf mich waren.“

„Bei dir erkennt man das auch ohne Leuchten ziemlich schnell“, meinte Cal.

„Ich rede von den anderen, Junge. Ich bin ein offenes Buch.“

„Eines mit sehr vielen Beschwerden“, ergänzte Seren, und Greez warf ihr einen Blick zu, der seine Behauptung unfreiwillig bestätigte.

Über die Verbindung zur Serrat ließ sich Sira die Aufzeichnungen zeigen. Sie stellte Fragen zu den fremden Fahrzeugen, zum Übersetzungsverfahren und zu dem Zeichen, das Taren gespeichert hatte. Als er den Namen Vaal erwähnte, wurde sie nachdenklich, drängte aber nicht auf eine Erklärung. Korda war vor allem erleichtert, dass ihre Gastgeber ein weiteres Gespräch erlaubt hatten. Er bot an, beim nächsten Kontakt zusätzliches Material zur Verständigung bereitzustellen, wollte die Entscheidung darüber jedoch Aruven und ihren Begleitern überlassen.

Danach meldeten sie sich bei Ceresta und Ilyra auf Tenebris. Ilyra saß, wie Ceresta mit einem demonstrativen Blick in die Kamera betonte, tatsächlich auf einem Stuhl und nicht über einer geöffneten Maschine. Sie betrachtete die Bilder der Chin’ta-Heimatwelt lange, bevor sie sich die Aufnahme des alten Zeichens zeigen ließ. Die Ähnlichkeit mit dem Symbol ihrer Großmutter war erkennbar, aber nicht eindeutig genug, um daraus eine Schlussfolgerung zu ziehen.

„Schick mir die Rohdatei“, bat sie. „Ich möchte die Linienführung mit den alten Platten vergleichen. Vielleicht ist es ein verwandtes Zeichen, vielleicht sehen wir nur das, wonach wir gesucht haben.“

„Und vielleicht“, fügte Ceresta hinzu, „machen wir das morgen, wenn deine Schulter nicht schon wieder protestiert.“

Ilyra sah sie an. „Du hast versprochen, mich nicht vor allen zu bevormunden.“

„Ich habe versprochen, es zu versuchen.“ Ceresta rückte näher, bis ihre Schulter die von Ilyra berührte. „Wie du siehst, arbeite ich noch daran.“

Das Lachen auf beiden Seiten der Verbindung nahm dem Gespräch die Schwere, die sich seit der Erwähnung der Vaal eingeschlichen hatte. Taren schickte die Daten und versprach, sich nach dem nächsten Treffen erneut zu melden. Er wusste, wie viel Ilyra die Spur ihrer Großmutter bedeutete, und war froh, dass sie diesmal nicht allein damit saß.

Später fand er Seren im Aufenthaltsraum der Mantis. Unter ihnen glitten die Lichter von Sha’Veyra langsam über den dunklen Rand des Planeten, während Greez in der Kombüse mit dem Abwasch kämpfte und Cal und Merrin leise miteinander sprachen. Seren stand am Fenster und hatte die Arme locker vor dem Körper verschränkt.

„Ich habe über Tesh nachgedacht“, sagte sie, als Taren neben sie trat. „Er hat uns misstraut, aber er ist geblieben. Das war vermutlich nicht leicht für ihn.“

„Vielleicht wusste er etwas, das Aruven uns noch nicht sagen wollte.“

„Vielleicht hat er auch nur eine Geschichte gehört, mit der er aufgewachsen ist. Wir wissen es nicht.“ Sie wandte sich ihm zu. „Was immer zwischen den Vaal und den Chin’ta geschehen ist, wir dürfen nicht erwarten, dass es morgen schon verständlich wird.“

Taren legte den Arm um sie und sah wieder hinunter auf die fremde Welt. „Ich bin nur froh, dass wir morgen wiederkommen dürfen.“

Seren lehnte sich an ihn. Eine Weile standen sie schweigend beieinander, während unter ihnen die Lichter der Siedlung vorbeizogen. Sie hatten einen Weg gefunden, dessen Verlauf sich mit keiner ihrer alten Karten erklären ließ, und auf der anderen Seite Menschen getroffen, die ihnen einen Namen, Wasser und ein zweites Gespräch angeboten hatten. Das war weniger, als Taren vor dem Aufbruch zu finden gehofft hatte, und zugleich mehr, als er vernünftigerweise erwarten durfte. Die Fragen konnten warten, bis sie einander besser kannten. Für diesen Abend genügte es ihm, dass sie zurückkehren würden.

Inoffizielle, nicht-kommerzielle Star-Wars-Fan-Fiction. Keine Verbindung zu oder Autorisierung durch Lucasfilm Ltd. oder The Walt Disney Company.