Während Ilyra sich von ihrer Rettung erholte, erreichte die beschädigte Mantis den sechs Stunden entfernten Außenposten. Cal und Greez ließen den Steuerflügel sichern und die rechte Düse ersetzen; BD-1 prüfte jede Leitung, bevor Greez sie wieder freigab. Taren wertete die Messungen neu aus, behandelte die Linien aber nur als Beobachtungen und stimmte jeden nächsten Schritt mit der Besatzung ab. Erst nach einem Belastungstest der Lageregelung flog die Mantis zurück nach Tenebris. Sie war vor der Serrat zurück, doch Greez ließ die Wartungsklappen offen, bis auch die letzte Abweichung geprüft war.
Ilyra hatte festgestellt, dass Ceresta über erstaunlich viele Arten verfügte, jemanden daran zu hindern, sich zu übernehmen. Die offensichtlichste bestand darin, eine Hand auf die Tischplatte zu legen und so lange zu warten, bis Ilyra von selbst den Blick hob. Die wirkungsvollere war, gar nichts zu sagen und stattdessen das Frühstück näher zu ihr zu schieben.
„Ich bin nicht aus Glas“, bemerkte Ilyra.
„Das weiß ich. Glas würde wenigstens nicht versuchen, mit einer frisch versorgten Schulter einen Werkzeugkoffer zu tragen.“
„Er war klein.“
„Er hatte Rollen. Du hast ihn angehoben.“
Ilyra betrachtete den Teller, den Ceresta ihr hingestellt hatte. Seit ihrer Rettung waren vier Tage vergangen. Die Schwellung an ihrer Schulter war zurückgegangen, doch wenn sie sich zu rasch bewegte, erinnerte ein scharfer Schmerz sie daran, wie nahe die alte Anlage daran gewesen war, ihr mehr als einen blauen Fleck zu hinterlassen. Sie hasste diese Erinnerung nicht so sehr wie den Umstand, dass Ceresta sie in ihrem Gesicht lesen konnte.
„Du hast übrigens selbst kaum geschlafen“, sagte sie.
Ceresta setzte sich endlich. „Ich habe geschlafen.“
„Du hast die halbe Nacht auf die Aufzeichnungen gestarrt.“
„Das zählt als sehr ruhige Tätigkeit.“
„Dann zählt mein Werkzeugkoffer als Bewegungstherapie.“
Ceresta lachte wider Willen. Es war ein gutes Geräusch. Ilyra hatte es in den Stunden nach ihrer Befreiung vermisst, obwohl Ceresta die ganze Zeit bei ihr gewesen war. Damals hatte sie die Angst noch zwischen den Zähnen festgehalten, als ließe sich verhindern, dass etwas Wirkliches daraus wurde, wenn man es nur nicht aussprach.
Ilyra schob ihren Teller ein Stück zur Seite und streckte die unverletzte Hand aus. Ceresta nahm sie, ohne nachzufragen.
„Ich gehe heute nicht nach unten“, sagte Ilyra. „Ich sitze an einem Tisch, lese Daten und lasse mir von dir sagen, dass ich zu langsam lese. Einverstanden?“
„Ich würde nie behaupten, dass du zu langsam liest.“
„Du denkst es sehr laut.“
„Einverstanden.“ Ceresta drückte ihre Finger. „Aber wenn du müde wirst, gehen wir.“
„Wir?“
„Ich habe den Eindruck, dass du mich sonst wieder überlistest.“
Ilyra lächelte. „Eine berechtigte Sorge.“
Als sie wenig später die Arbeitsräume der Weststation betraten, hatte Daron bereits einen zweiten Stuhl an Cerestas Platz gestellt. Auf dem Tisch lagen die gesicherten Aufzeichnungen der Rettung, sorgfältig beschriftet und nach Zeitabschnitten geordnet. Neben dem Projektor stand eine kleine Schale mit getrockneten Früchten.
„Von Garith“, erklärte Daron auf Ilyras Blick hin. „Er meinte, ihr würdet sonst vergessen, dass man zwischen zwei Berechnungen etwas essen kann.“
„Er sollte sich um seine Pumpen kümmern“, sagte Ceresta.
„Hat er. Und er hat gefragt, ob du endlich den Filter gewechselt hast, den er dir vor drei Wochen gegeben hat.“
Ceresta warf Ilyra einen kurzen Blick zu. „Verräter.“
„Ich habe kein Wort gesagt“, erwiderte Ilyra, obwohl sie deutlich zu zufrieden aussah.
Der Morgen hätte auf diese Weise weitergehen können, wäre nicht eine Nachricht eingetroffen, deren Absender Ceresta zunächst für einen Irrtum hielt. Sie kam über den gesicherten Kanal, den Seren vor dem Abflug der Mantis eingerichtet hatte, und trug die Kennung der Serrat.
Korda Venn erschien auf dem kleinen Projektionsfeld. Hinter ihm bewegte sich Sira durch die Brücke, während jemand außerhalb des Bildes etwas über eine widerspenstige Kühlleitung sagte.
„Weststation Tenebris“, begann Korda. „Hier spricht die Serrat. Unsere Reparaturen sind abgeschlossen. Zumindest alle, für die wir bezahlt haben. Wir bitten um Kontakt mit der zuständigen Sicherheitsstelle.“
Ceresta beugte sich vor. „Captain Venn. Wie geht es Ihrem Verletzten?“
„Er behauptet, ihm gehe es ausgezeichnet. Der Stationsarzt hat eine andere Meinung.“
„Der Stationsarzt hat mich seit zwei Tagen nicht gesehen“, rief Rusk aus dem Hintergrund.
„Das erklärt seine gute Laune“, murmelte Sira.
Korda schien erst jetzt zu bemerken, dass Ceresta nicht allein war. Sein Blick blieb einen Moment auf Ilyras bandagierter Schulter hängen. Er fragte nicht danach, und sie war ihm dafür dankbar.
„Wir melden uns am vereinbarten Treffpunkt“, sagte er. „Nicht näher. Wir wissen, dass Sie Gründe für Ihre Vorsicht haben.“
„Ich leite es weiter“, versprach Ceresta. „Und Captain? Es ist gut, wieder von Ihnen zu hören.“
Korda neigte den Kopf. „Gleichfalls.“
Die Verbindung erlosch. Daron hatte bereits den Sicherheitskanal geöffnet, noch bevor Ceresta etwas sagen konnte.
Seren nahm die Nachricht in einem provisorischen Besprechungsraum auf Tenebris entgegen. Die Mantis stand dort seit ihrer Rückkehr mit geöffneten Wartungsklappen auf dem Landefeld; Greez hatte den Ausdruck eines Mannes angenommen, der persönlich beleidigt war, weil sein Schiff mehr Reparaturen benötigte als ursprünglich angenommen. BD-1 saß auf einer Arbeitsbank und gab gelegentlich ein ungeduldiges Piepen von sich, wenn Greez einen Sensor erneut prüfen ließ.
„Die Serrat ist am Treffpunkt“, sagte Seren, nachdem sie Kordas Übermittlung angehört hatte. „Das bedeutet nicht, dass wir ihnen einfach eine Route in unsere Siedlungen schicken.“
„Hat auch niemand vorgeschlagen“, antwortete Taren. Er stand neben dem ausgebauten Navigationsmodul der Mantis und hielt einen kleinen Verbinder in der Hand. „Wir können ihnen einen kontrollierten Anflugkorridor geben. Mit wechselnden Markierungen und einer Eskorte auf dem letzten Abschnitt.“
„Wenn der Korridor aufgezeichnet wird?“
„Dann zeigt er einen Weg, der ohne die Freigaben nicht wiederholbar ist. Die letzte Passage bleibt unter unserer Kontrolle.“
Seren sah ihn an, bis er hinzufügte: „Und wir testen das vorher. Ich habe meine Lektion gelernt.“
Greez hob den Kopf aus dem Wartungsschacht. „Eine Lektion wäre schön. Ich hätte gern noch ein paar mehr, bevor du wieder an meinen Navigationssystemen herumspielst.“
„Es war unser Navigationssystem“, sagte Taren.
„Als es kaputt war, war es meines.“
Seren konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken. Sie überprüfte die Freigaben mit der örtlichen Sicherheitsleitung und ließ die zuständigen Vertreter informieren. Kordas Crew hatte ihnen geholfen, als es leichter gewesen wäre, wegzusehen. Zugleich war ein Anflug auf Tenebris keine Gefälligkeit, die man im Vorübergehen gewährte. Erst nachdem die Risiken benannt, die Kontrollen vereinbart und die Zuständigkeiten geklärt waren, ging die Erlaubnis hinaus.
Die Mantis würde vorerst nicht eskortieren. Ihre Steuerbordstabilisatoren waren wieder ausgerichtet, doch Greez bestand auf einem vollständigen Belastungstest, bevor er auch nur daran dachte, das Schiff durch eine unberechenbare Passage zu fliegen. Stattdessen übernahm ein örtliches Patrouillenschiff die Begleitung der Serrat. Taren und Seren verfolgten den Anflug von der Leitstelle aus.
„Du hättest sie auch abweisen können“, sagte Taren leise, als der erste Positionspunkt auf dem Schirm erschien.
„Ja.“
„Du hast es nicht getan.“
„Vertrauen ist nicht dasselbe wie Sorglosigkeit.“ Seren verschränkte die Arme. „Sie haben sich an unsere Bedingungen gehalten. Jetzt sind wir an der Reihe.“
Die Serrat kam am frühen Nachmittag durch die äußere Kontrollzone. Ihr Rumpf trug noch die Spuren des Angriffs, obwohl die Reparaturbleche an den schlimmsten Stellen frisch waren. Das Schiff wirkte neben den sauberen Linien der Patrouillenmaschinen ein wenig wie ein alter Lastenträger, der sich trotz aller Widrigkeiten weigerte, seine Arbeit aufzugeben.
Als die Rampe auf das Landefeld sank, trat Korda zuerst hinaus. Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete die Gebäude, die Wege und die Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen. Sira erschien hinter ihm, sah auf die Sicherheitsposten an den Zufahrten und dann auf die niedrigen Hügel jenseits der Station.
„Eine ausgesprochen gründliche Einladung“, stellte sie fest.
„Du wolltest doch wissen, wie ein Ort aussieht, an dem man nicht ohne Weiteres hineinkommt“, sagte Korda.
„Ich hatte gehofft, es gäbe wenigstens eine Begrüßungstafel.“
„Willkommen auf Tenebris“, sagte Seren, die mit Taren auf sie zukam. „Die Tafel ist noch in Arbeit.“
Sira betrachtete sie kurz und grinste. „Ich glaube, wir werden uns verstehen.“
Rusk folgte als Letzter. Er stützte sich nicht auf eine Krücke, obwohl er eine hätte benutzen sollen; das verriet der Blick, den Korda ihm zuwarf. Die Bewegung kostete ihn mehr Kraft, als er zugeben wollte, und er blieb stehen, sobald er die Rampe verlassen hatte.
„Sie haben medizinische Versorgung hier?“, fragte Korda, ohne ihn anzusehen.
„Ja“, antwortete Seren.
„Ich brauche keine“, sagte Rusk.
„Das war auch nicht die Frage“, erwiderte Sira.
Taren führte sie durch die ersten Kontrollen. Die drei gaben ihre tragbaren Waffen für die Dauer des Besuchs ab, erhielten eingeschränkte Zugangskennungen und wurden über die Bereiche informiert, die ohne Begleitung nicht betreten werden durften. Korda nahm jede Bedingung ruhig entgegen. Erst als sie die Station hinter sich ließen und den Blick auf die bewohnten Wege freibekamen, veränderte sich etwas in seinem Gesicht.
Kinder liefen zwischen zwei Gebäuden hindurch. Ein älterer Mann diskutierte mit einer Technikerin über einen Generator, während jemand unter der geschützten Wohnkuppel vor einem offenen Fenster Kräuter zum Trocknen aufhängte. Nichts daran war außergewöhnlich. Gerade deshalb sah Korda länger hin, als Taren erwartet hatte.
„Sie haben hier tatsächlich angefangen, etwas aufzubauen“, sagte der Captain.
„Es ist nicht alles neu“, antwortete Taren. „Die Menschen bringen ihre Geschichte mit. Aber vieles entsteht gerade erst.“
„Und Sie lassen Fremde hinein.“
„Nicht jeden“, sagte Seren. „Und nicht ohne Fragen.“
Korda nickte. „Damit kann ich leben.“
Garith hatte die Einladung zum Abendessen ausgesprochen, noch bevor die Sicherheitsfreigabe vollständig bestätigt war. Nalea hatte daraufhin erklärt, dass eine Einladung für drei zusätzliche Personen zwar nett, aber nur dann praktisch sei, wenn Garith beim Vorbereiten half. Er hatte die Bemerkung zunächst als Scherz verstanden. Als er eine Stunde später Gemüse schnitt, war ihm klar geworden, dass sie es ernst gemeint hatte.
Kitena wollte alles über die Serrat wissen, vor allem, ob man auf einem Bergungsschiff tatsächlich Dinge fand, die seit Jahrhunderten niemand mehr gesehen hatte. Tylan dagegen hatte Rusk kaum begrüßt, bevor er fragte, wie viele Pumpen das Schiff besaß.
„Kommt darauf an, was du als Pumpe zählst“, antwortete Rusk und ließ sich vorsichtig auf einen Stuhl nieder.
„Alle, die pumpen.“
„Dann sehr viele.“
„Sind sie laut?“
„Die guten nicht. Die schlechten machen so viel Lärm, dass du sie auch dann findest, wenn du nicht nach ihnen suchst.“
Tylan sah seinen Vater an, als hätte Rusk soeben eine unumstößliche Wahrheit ausgesprochen. Garith hob beide Hände.
„Ich weiß. Ich habe ihm dasselbe gesagt.“
„Du hast gesagt, dass ich nicht an die Pumpen darf“, widersprach Tylan.
„Das war der andere Teil der Wahrheit.“
Nalea stellte die letzten Schalen auf den Tisch und musterte Rusk, dessen Bewegung beim Hinsetzen ihr nicht entgangen war. „Wenn du etwas brauchst, sag es bitte. Hier muss niemand beweisen, dass er Schmerzen besonders gut verstecken kann.“
Rusk öffnete den Mund, schloss ihn wieder und warf Sira einen Blick zu.
„Ich mag sie“, sagte Sira.
Während des Essens erzählte Korda von einer Bergung, bei der sie einen vermeintlich wertvollen Maschinenkern geborgen hatten, der sich als riesiger, vollkommen unbrauchbarer Heizkörper erwiesen hatte. Kitena lachte so laut, dass Tylan unbedingt wissen wollte, was ein Heizkörper überhaupt sei. Sira erklärte es ihm mit einer derart übertriebenen Beschreibung, dass selbst Korda die Geschichte nicht wiedererkannte.
Irgendwann wurde es ruhiger. Nalea fragte Korda, wie lange die Serrat gewöhnlich unterwegs sei. Er antwortete zunächst mit einer Zahl, dann nach kurzem Zögern: „Lange genug, dass wir irgendwann aufgehört haben, unsere Aufenthalte nach Tagen zu zählen.“
„Und wohin geht ihr, wenn ihr einmal nicht unterwegs sein wollt?“
Korda betrachtete die Schale vor sich. „Bisher hatten wir dafür keinen festen Ort.“
Nalea stellte keine weitere Frage. Sie schob ihm nur das Brot näher, als wäre die Antwort fürs Erste ausreichend.
Später, als die Kinder ihre Gäste dazu überredet hatten, ihnen die Außenseite der Serrat zu zeigen, blieb Sira einen Moment bei Nalea zurück.
„Sie tun das oft?“, fragte sie. „Menschen einladen, die Sie kaum kennen?“
„Nicht ständig. Sonst würde Garith nie mit dem Schneiden fertig.“
Sira lachte. Dann wurde ihr Blick ernster. „Korda ist gut darin, uns von einem Ort zum nächsten zu bringen. Aber ich glaube, er hat vergessen, wie man irgendwo bleibt.“
Nalea sah zur Tür, durch die der Captain gerade Tylan hinterherging. „Vielleicht muss man sich daran wieder gewöhnen.“
Sira nickte langsam. „Vielleicht.“
Am nächsten Morgen lag die Serrat bereits wieder im Mittelpunkt der Gespräche, allerdings aus einem anderen Grund. Korda hatte zugestimmt, die Sensorprotokolle ihrer Begegnung mit der unbekannten Angreifermaschine zur Verfügung zu stellen. Sira brachte die Daten persönlich in die Weststation. Rusk blieb auf ausdrückliche Empfehlung der örtlichen Mediziner für eine weitere Untersuchung zurück, was er als erstaunlich organisierte Verschwörung bezeichnete.
Ceresta begrüßte Sira mit einer Tasse warmen Kräuteraufgusses, den diese erst misstrauisch betrachtete und dann überraschend gut fand. Ilyra saß am Auswertungstisch, die verletzte Schulter abgestützt. Daron hatte drei unabhängige Zeitquellen vorbereitet; Garith war mit den Messungen aus T-6 gekommen. BD-1 saß neben einer tragbaren Konsole, die Taren aus der Mantis gebracht hatte.
„Wir suchen keine Geschichte, die zu unseren Daten passt“, sagte Ceresta, bevor sie begannen. „Wir suchen eine Erklärung, die auch dann noch stimmt, wenn wir die unbequemen Daten dazunehmen.“
„Eine ungewohnte Methode“, meinte Sira. „Bei uns fangen manche Kunden mit der Geschichte an und verlangen anschließend die passenden Zahlen.“
„Dann werden wir uns gut verstehen“, sagte Ilyra.
Die ersten Stunden waren ernüchternd. Die Uhren der verschiedenen Schiffe hatten sich unterschiedlich verhalten, und die alten Aufzeichnungen aus T-6 verwendeten keine Zeiteinheit, die sich unmittelbar mit den heutigen Messungen vergleichen ließ. Garith wollte zunächst die Rohwerte übereinanderlegen, doch Ilyra hielt ihn auf.
„Wenn wir das tun, sehen wir nur, was wir ohnehin erwarten“, sagte sie. „Die Reihenfolge stimmt vielleicht, aber nicht die Abstände.“
Sie zog eine der Aufzeichnungen aus dem Archiv ihrer Großmutter heran. Bei der früheren Untersuchung hatten die Zeichen auf den Datenplatten ihre Verbindung zu T-6 eindeutig belegt; jetzt zeigte sich, dass eine scheinbar nebensächliche Spalte kein Inhaltsverzeichnis war, sondern eine Reihe von Referenzimpulsen. Die graue Scheibe, die Ceresta bei der Rettung verwendet hatte, hatte genau solche Impulse während des Wartungszustands erzeugt.
„Das sind keine Uhrzeiten“, erklärte Ilyra. „Das sind Abstände zwischen zwei Zuständen. Sie messen nicht, wann etwas passiert, sondern wie weit zwei Vorgänge auseinanderliegen.“
Ceresta beugte sich näher. „Und deshalb sieht es aus, als hätte die Anlage auf ein Ereignis reagiert, das erst später stattgefunden hat.“
„Weil wir die falsche Frage stellen“, sagte Ilyra.
Daron änderte die Darstellung. Statt einer einzigen Zeitachse erschienen mehrere Linien, die sich an bestimmten Punkten annäherten. BD-1 gab einen aufgeregten Laut von sich, als zwei der Kurven beinahe deckungsgleich wurden.
„Langsam“, warnte Taren. Er hatte die Hände auf den Tisch gestützt und betrachtete die Darstellung mit jener Konzentration, die Seren seit seiner Rückkehr häufiger an ihm beobachtete. „Beim letzten Mal war ich mir auch sicher, ein Muster erkannt zu haben.“
„Du hattest eines erkannt“, sagte Seren. „Du hast nur zu früh entschieden, was es bedeutet.“
Taren sah sie an. „Danke für die Erinnerung.“
„Jederzeit.“
Sira legte die Sensorwerte der Serrat daneben. Die Aufzeichnungen des Angriffs enthielten eine kurze Störung, die sie bislang für einen Schaden am Messgerät gehalten hatte. Korda hatte den Fehler nicht löschen lassen, weil er nach dem Angriff keine Daten verlieren wollte. Jetzt zeigte sich, dass die Störung dieselbe innere Folge besaß wie ein Signal aus T-6.
Garith runzelte die Stirn. „Das erklärt noch nicht, weshalb die Anlage reagiert hat.“
„Nein“, antwortete Ceresta. „Aber es erklärt, weshalb wir ihre Reaktion nicht nur hier suchen dürfen.“
Sie ließen die übrigen Messungen hinzuschalten: die alten Ausschläge an der Weststation, den Zeitpunkt des Zwischenfalls, bei dem Tylan verletzt worden war, die ungewöhnliche Belastung während der späteren Arbeiten an T-6 und die Navigationsabweichungen, die Taren auf der Mantis erlebt hatte. Nicht jede Kurve passte. Zwei Messreihen mussten verworfen werden, weil ihre Geräte nachweislich falsch kalibriert gewesen waren. Gerade dadurch wurde das verbleibende Bild deutlicher.
Die Ereignisse waren nicht identisch. Aber sie trugen dieselbe Signatur, wie verschiedene Instrumente, die auf einen einzigen, weit entfernten Schlag antworteten.
„Ein Echo“, sagte Daron schließlich.
Niemand widersprach ihm. Der Begriff war ungenau, aber er traf etwas, das sie in den Daten wiederfanden: T-6 hatte nicht wahllos gearbeitet. Die Anlage hatte auf eine Veränderung reagiert, die sich an mehreren Orten gezeigt hatte. Sie war Teil eines größeren Zusammenhangs, dessen Ausmaß noch niemand überblickte.
„Das bedeutet nicht, dass Tylan irgendetwas ausgelöst hat“, sagte Garith nach einer Weile. Seine Stimme klang fester, als es nötig gewesen wäre.
„Nein“, bestätigte Ceresta sofort. „Sein Unfall und die Reaktion der Anlage lagen zeitlich beieinander. Das macht ihn nicht zur Ursache.“
Garith atmete langsam aus. Ilyra bemerkte, wie Ceresta den Blick kurz zu ihm wandte und dann bewusst wieder auf die Daten richtete. Sie musste ihm nicht erklären, was er als Vater in dieser Unterscheidung hörte.
Am Nachmittag holten sie Cal und Merrin hinzu. Greez kam ebenfalls, weil Taren ihm versprochen hatte, keine Route zu entwerfen, ohne dass der Pilot sie gesehen hatte. Korda setzte sich neben Sira, die ihm leise erklärte, weshalb ein vermeintlicher Sensorfehler nun der wichtigste Teil ihrer Aufzeichnungen war.
Die Darstellung, die Taren aufbaute, zeigte keine bekannte Sternenstraße. Sie zeigte eine Folge räumlicher Übergänge, deren Abstände sich nur dann sinnvoll lesen ließen, wenn man die Verschiebungen zwischen den Messungen berücksichtigte. Taren hatte zuerst versucht, sie wie Koordinaten zu behandeln. Diesmal legte er den Versuch offen auf den Tisch und erklärte ebenso offen, weshalb er ihn verworfen hatte.
„Es ist eher eine Richtung, die nur unter bestimmten Bedingungen existiert“, sagte er. „Wenn wir an der falschen Stelle beginnen, landen wir nicht einfach daneben. Wir bekommen womöglich überhaupt keinen Durchgang.“
„Das klingt ausgesprochen beruhigend“, bemerkte Greez.
„Ich sage nicht, dass wir morgen blind hineinfliegen.“
„Gut. Dann haben wir schon mal einen Fortschritt.“
Korda betrachtete die Daten. „Die Serrat hat eine stabile Ortung für kurze Abschnitte. Nicht elegant, aber zuverlässig. Wenn wir die Passage in Etappen vermessen, könnten wir jeweils zurückkehren, bevor die nächste Verschiebung einsetzt.“
„Und wenn sie schneller einsetzt?“, fragte Seren.
„Dann brauchen wir einen zweiten Beobachtungspunkt außerhalb des betroffenen Bereichs“, antwortete Sira. „Einen, der nicht dieselbe Störung abbekommt.“
BD-1 piepte. Taren lächelte. „Er bietet sich an.“
„Er bietet sich immer an“, sagte Greez. „Manchmal sogar für Dinge, bei denen er gar nicht weiß, worum es geht.“
BD-1 richtete sich empört auf.
Merrin hatte bisher geschwiegen. Sie stand etwas abseits und betrachtete nicht die räumlichen Linien, sondern die Art, wie sie sich an zwei Stellen umeinanderlegten.
„Ihr behandelt diese Unterbrechung wie einen Fehler“, sagte sie schließlich.
Ilyra sah auf. „Weil dort Daten fehlen.“
„Vielleicht. Aber die beiden Teile beginnen auf dieselbe Weise und enden nicht dort, wo man es erwarten würde.“ Merrin suchte einen Moment nach Worten. „Manchmal erzählen Menschen eine Geschichte nicht in der Reihenfolge, in der etwas geschah, sondern in der Reihenfolge, in der man es begreifen soll. Ich weiß nicht, ob das hier zutrifft. Ich würde die Lücke nur noch nicht schließen.“
Ceresta betrachtete die Stelle erneut. „Das ist eine gute Warnung.“
„Mehr ist es noch nicht“, sagte Merrin.
Ilyra speicherte die unveränderte Darstellung. „Dann bleibt sie offen.“
Taren sah zu Seren. Es war ein kleiner Fortschritt, keine Offenbarung. Aber gerade deshalb fühlte er sich anders an als sein früherer Versuch, einen Weg allein aus einer Ahnung heraus festzulegen. Hier hatten sie einander widersprochen, Messungen verworfen und am Ende etwas behalten, das einer Prüfung standhielt.
Die Entscheidung über eine Expedition fiel nicht sofort. Seren bestand auf einer vollständigen Risikoabschätzung, und Korda verlangte Zeit, die Serrat für einen weiteren Flug vorzubereiten. Greez wollte die Mantis zunächst ohne Besatzung unter Belastung testen. Taren schlug vor, die erste Passage mit beiden Schiffen zu planen, jedoch nur eines in den unbekannten Abschnitt zu schicken, während das andere als unabhängiger Beobachter zurückblieb. Welche Besatzung welche Aufgabe übernehmen würde, wollten sie erst nach den Tests entscheiden.
„Und ich?“, fragte Ilyra, als die anderen bereits ihre Geräte zusammenpackten.
Ceresta hob den Kopf, sagte aber nichts.
„Ich weiß, was du sagen möchtest“, fuhr Ilyra fort. „Und ich weiß auch, dass meine Schulter noch nicht mit meiner Ungeduld mithalten kann. Aber ich will an der Auswertung beteiligt bleiben.“
„Das sollst du“, sagte Seren. „Wir brauchen hier jemanden, der die alten Referenzen versteht. Wenn sich die Werte unterwegs verändern, müssen wir sie mit den Originaldaten vergleichen können.“
Ilyra nickte. Erst danach sah sie Ceresta an. „Siehst du? Ich bleibe freiwillig.“
„Ich werde mir den Tag merken“, erwiderte Ceresta.
Als sie später allein waren, ging Ilyra langsamer als am Morgen. Ceresta passte ihr Tempo an, ohne es zu kommentieren. Erst vor der Tür ihrer Unterkunft blieb Ilyra stehen.
„Ich wollte heute beweisen, dass ich wieder alles kann“, gab sie zu.
„Ich weiß.“
„Das war dumm.“
„Nicht dumm. Nur etwas zu früh.“
Ilyra lehnte sich vorsichtig an sie. „Und du wolltest beweisen, dass du mich vor allem schützen kannst.“
Ceresta brauchte einen Moment, bevor sie antwortete. „Ja.“
„Das kannst du nicht.“
„Ich weiß.“ Sie legte die Stirn an Ilyras. „Es fällt mir schwerer, als ich gedacht hätte.“
Sie standen noch eine Weile so, bis die Geräusche der Station hinter ihnen leiser wurden. Dann nahm Ceresta ihre Hand und führte sie hinein, wo sie die restlichen Aufzeichnungen für diesen Abend unangesehen liegen ließen.
Auf dem Landefeld der Mantis hatte Greez inzwischen die letzten Prüfwerte ausgedruckt. Er hielt das Blatt gegen das Licht, als könne er auf diese Weise eine verborgene Schwachstelle entdecken. Cal wartete geduldig neben ihm, während Merrin an einer Kiste lehnte und das Treiben beobachtete.
„Und?“, fragte Cal.
„Die Stabilisatoren halten. Der Antrieb hält. Sogar Tarens wunderbare Navigationsänderungen sind wieder da, wo sie hingehören.“ Greez faltete das Blatt zusammen. „Ich sage nicht, dass mir diese Route gefällt. Ich sage nur, dass mein Schiff wieder fliegen kann.“
„Das ist mehr, als wir gestern wussten“, sagte Cal.
Merrin trat neben ihn. „Du freust dich darauf.“
„Auf den Flug?“
„Auf das, was dahinter sein könnte.“
Cal dachte kurz nach. „Ja. Und ich bin vorsichtig genug, es mir nicht zu leicht vorzustellen.“
„Das klingt beinahe vernünftig.“
„Ich lerne von den Besten.“
Sie lächelte, und er nahm ihre Hand. Eine Zeit lang sahen sie den Technikern zu, die ihre Werkzeuge einpackten. Dann sagte Merrin: „Die Lücke in den Aufzeichnungen beschäftigt mich.“
„Weil sie dich an etwas erinnert?“
„Vielleicht. Oder weil ich weiß, wie leicht wir Fremdes mit unseren eigenen Erinnerungen verwechseln.“ Sie sah zu ihm. „Wenn wir dort jemandem begegnen, möchte ich zuerst zuhören.“
Cal drückte ihre Hand. „Dann hören wir zu.“
Taren fand Seren später auf einer niedrigen Terrasse oberhalb des Landefelds. Von dort konnte man die Lichter der Siedlung sehen und weiter draußen die Wege, auf denen noch immer Menschen zwischen den Gebäuden unterwegs waren. Sie hatte ihren Sicherheitsbericht bereits abgeschickt und betrachtete nun die langsam dunkler werdende Landschaft.
„Du bist still“, sagte er.
„Ich genieße den seltenen Zustand, dass niemand etwas von mir will.“
„Dann sollte ich vielleicht wieder gehen.“
„Das wäre übertrieben.“
Er stellte sich neben sie. Eine Weile sprachen sie nicht. Unten öffnete sich eine Tür, und Gelächter drang für einen Moment hinaus. Taren dachte an Korda und seine Crew, die an diesem Abend zum ersten Mal nicht in ihrem Schiff schliefen. An Gariths Familie, die drei Fremden Platz am Tisch gemacht hatte. An Ceresta, die nach allem, was geschehen war, wieder über etwas Alltägliches lachen konnte.
„Ich habe Angst, denselben Fehler noch einmal zu machen“, sagte er schließlich.
Seren sah ihn an. „Das ist nicht das Schlechteste, was dir passieren kann.“
„Du hast eine seltsame Art, mich zu beruhigen.“
„Du musst nicht frei von Angst sein, um gute Entscheidungen zu treffen. Du musst nur aufhören, sie allein treffen zu wollen.“
Er ließ ihre Worte einen Moment wirken. „Ich glaube, das bekomme ich hin.“
„Gut. Denn ich habe nicht vor, dir jedes Mal hinterherzufliegen, wenn du eine Abkürzung findest.“
„Nicht jedes Mal?“
„Taren.“
Er lachte, zog sie vorsichtig an sich und küsste sie. Als sie sich wieder voneinander lösten, blieb Seren mit der Stirn an seiner Schulter stehen. Sie hatten schon oft vor einem Aufbruch so dagestanden, und doch war es diesmal anders. Hinter ihnen lag ein Ort, an dem Menschen begonnen hatten, Wurzeln zu schlagen. Vor ihnen wartete ein Weg, dessen Ziel noch niemand kannte.
„Morgen entscheiden wir, wer fliegt“, sagte Seren.
„Und heute?“
„Heute bleiben wir noch hier.“
Taren schloss die Arme fester um sie. Unterhalb der Terrasse gingen nach und nach die Lichter in den Werkstätten aus. Auf der Serrat führte Korda noch ein letztes Gespräch mit seiner Crew, bevor er zum ersten Mal seit Langem die Brücke verließ, ohne für die Nacht einen Kurs setzen zu müssen. In der Weststation ruhten die gesicherten Daten, bereit für die nächste Prüfung.
Niemand wusste, wohin das Muster führte. Aber sie hatten aufgehört, jeder für sich danach zu suchen. Und vielleicht war das der erste wirkliche Schritt auf einem Weg, der lange verloren gewesen war.