Telana hatte den Bericht zweimal gelesen, bevor sie bemerkte, dass ihre Hand noch immer auf der letzten Seite lag. Es war ein gewöhnliches Verwaltungsdokument, sorgfältig formuliert und mit den Unterschriften der Verantwortlichen versehen. Der Zwischenfall an der Übergangsanlage war beschrieben, die Abschaltung bestätigt, die weiteren Versuche ausgesetzt. Nur die Frage, weshalb die Messgeräte schon vor dem ersten Impuls eine Belastung aufgezeichnet hatten, blieb unbeantwortet.
Sie schlug den Anhang auf. Dort, wo die Rohdaten hätten stehen müssen, fand sich ein Verweis auf die gemeinsame technische Prüfgruppe. Eine Stelle, die erst vor wenigen Tagen geschaffen worden war, entschied nun darüber, welche Informationen die zivile Verwaltung erhielt. Telana sah aus dem Fenster ihres Arbeitszimmers auf die Straßen Neravas. Menschen gingen zur Arbeit, Kinder trugen Körbe über den Platz, und vor dem Verteilungsgebäude hatte sich eine Schlange gebildet, die länger war als am Vortag. Wenn die alte Verbindung zwischen den Welten versagte, würde niemand von ihnen fragen, wer die Messwerte verwaltet hatte. Sie würden wissen wollen, weshalb niemand sie gewarnt hatte.
Sie rief ihren Mitarbeiter herein und bat ihn, die geltenden Sicherheitsvereinbarungen zusammenzustellen. Nicht die Entwürfe, nicht die politischen Empfehlungen. Nur das, was tatsächlich beschlossen worden war.
„Und die Protokolle der Anlage?“, fragte er.
„Fordere sie auf dem vorgesehenen Weg an. Mit Begründung und Aktenzeichen.“
Er wirkte überrascht. Telana kannte den Grund. In den vergangenen Wochen hatte sie immer häufiger nach Informationen verlangt, bevor andere überhaupt verstanden hatten, dass sie danach suchen würde. Diesmal wollte sie jeden Schritt auf Papier haben.
„Falls die Prüfgruppe ablehnt?“
„Dann soll sie die Ablehnung begründen.“
Als er gegangen war, nahm Telana das kleine Bild vom Regal. Mitch sah darauf jünger aus, als sie ihn in Erinnerung hatte, und sein Lächeln gehörte einem Tag, an dem keiner von ihnen wusste, wie viele Dinge sich später nicht mehr sagen lassen würden. Sie stellte es zurück, ohne den Staub vom Rahmen zu wischen. Dann öffnete sie die Einladung zur nächsten Sitzung des Konklaves und setzte ihren Namen unter den Antrag auf eine öffentliche Anhörung.
Sie sagte sich, dass sie damit das Richtige tat. Es war ein Gedanke, an dem sie inzwischen länger festhalten musste als früher.
⁂
Vel Akita mochte keine Unterlagen, die plötzlich ordentlicher aussahen als bei ihrer letzten Prüfung. In den alten Verwaltungsnetzen war Unordnung normal. Veraltete Bezeichnungen, doppelte Freigaben und schlecht dokumentierte Übergaben gehörten zum Alltag. Wenn dagegen ein längst gesperrter Zugriffspfad über Nacht eine lückenlose Geschichte erhielt, hatte meistens jemand daran gearbeitet.
Sie schob ihre Tasse zur Seite und rief die ursprüngliche Kopie auf, die Neral Vey unter Aufsicht übergeben hatte. Die Empfängerliste zu Mitch Agurs Tarnkennung lag in einer gesicherten Umgebung. Niemand konnte sie verändern, ohne eine neue Fassung zu erzeugen. Doch die Liste enthielt Verweise auf ein älteres Berechtigungssystem, und genau dort war in der Nacht nach Veys Rettung eine Bereinigung vermerkt worden.
Akita überprüfte den Zeitstempel ein zweites Mal. Dann rief sie Seren an.
„Jemand hat aufgeräumt“, sagte sie, als die Verbindung stand.
„Was wurde entfernt?“
„Das ist die interessante Frage. Nach außen sieht es aus, als wären nur ungültige Berechtigungen geschlossen worden. Aber der Vorgang wurde für einen Datenknoten ausgelöst, dessen Technik aus dem früheren Vaal-Verwaltungsnetz stammt und der seit der Übernahme nur provisorisch geprüft wurde. Wenn dort noch die älteren Änderungsprotokolle liegen, könnte die Bereinigung sie beim nächsten Wartungslauf überschreiben.“
Seren sah auf die Uhr. „Wann?“
„In etwas mehr als zwei Stunden. Die Routine läuft automatisch, solange niemand einen gültigen Sicherungsauftrag hinterlegt.“
„Kannst du das veranlassen?“
„Ich kann die Sicherung beantragen. Bestätigen muss sie jemand, der die Zuständigkeit für die alte Anlage nachweisen kann. Und der letzte Eintrag dazu stammt aus einer Verwaltungsstruktur, die heute niemand mehr gern auf seinem Tisch hat.“
„Schick mir alles. Wir kommen.“
Taren hatte das Gespräch von der Tür aus verfolgt. Er war gerade von der äußeren Wachstation zurückgekehrt und trug noch den Staub des Weges an den Stiefeln. Seren erklärte ihm, was Akita gefunden hatte, während sie bereits ihre Unterlagen zusammenlegte.
„Du denkst an dieselbe Verbindung wie ich“, sagte er.
„Veys Liste, die Transportfreigaben und jetzt ein nächtlicher Bereinigungslauf. Ja. Aber solange wir nicht wissen, wer ihn ausgelöst hat, ist es eine Spur und kein Beweis.“
Taren nickte. Er kannte ihren Ton. Sie war nicht vorsichtig, weil ihr der Mut fehlte, sondern weil sie wusste, wie schnell ein falscher Vorwurf eine richtige Ermittlung zerstören konnte.
Sie wollten gerade aufbrechen, als ein Bote die Nachricht brachte, dass Telana eine Sicherheitsanhörung beantragt hatte. Seren las die erste Seite im Gehen.
„Ausgerechnet heute“, sagte Taren.
„Sie kennt den Termin der Wartung nicht unbedingt.“
„Aber jemand kennt ihn.“
Seren blieb vor der Tür stehen. „Genau deshalb lassen wir die beiden Dinge getrennt, bis wir mehr wissen.“
⁂
Der Datenknoten lag unter einem der ersten Versorgungsgebäude am Rand Neravas. Beim Aufbau der Siedlung hatte man dort eine gebrauchte Vaal-Steuereinheit installiert und an die neue Transportverwaltung angeschlossen. Inzwischen führte eine befestigte Straße daran vorbei, doch die provisorischen Leitungen und die hastig nachgerüsteten Türen erinnerten noch daran, wie wenig Zeit den ersten Bautrupps geblieben war.
Akita wartete mit zwei technischen Prüfern vor dem Eingang. Neben ihr stand eine Frau mit grauem Haar und einem Werkzeugkoffer, dessen Verschlüsse schon bessere Jahre gesehen hatten.
„Das ist Rema Sol“, erklärte Akita. „Sie hat die übernommenen Vaal-Steuereinheiten schon vor der Gründung Neravas gewartet und kennt ihre Sicherungen.“
Rema musterte Taren und Seren ohne erkennbare Begeisterung. „Ich habe gesagt, ich helfe beim Lesen der Anschlüsse. Nicht beim Aufbrechen einer Tür.“
„Das verlangen wir auch nicht“, sagte Seren und zeigte ihr die vorläufige Anordnung zur Beweissicherung. „Wir dokumentieren jeden Schritt. Wenn uns eine Berechtigung fehlt, halten wir an.“
„Dann werden wir heute vermutlich viel herumstehen.“
Rema führte sie durch einen schmalen Gang zu einer neu eingesetzten Tür, in die man einen gebrauchten Vaal-Leser eingebaut hatte. Sie legte ihren Wartungsausweis aus dem früheren Verwaltungsnetz auf den Leser. Das Gerät summte, prüfte eine Kennung und verweigerte den Zugang.
„Wie erwartet“, sagte sie. „Die lokale Berechtigung wurde vor einer Stunde widerrufen.“
Akita hob den Kopf. „Vor einer Stunde? Im System stand, sie sei schon vor der Einrichtung dieses Knotens abgelaufen.“
Rema zeigte auf die Anzeige. „Der Leser hat die Änderung erst vor einer Stunde empfangen. Was auf eurem Hauptschirm steht, ist eine andere Geschichte.“
Taren betrachtete das Bedienfeld. „Kann die Tür von innen geöffnet werden?“
„Wenn jemand drinnen ist.“
„Ist jemand drinnen?“
„Nicht laut Belegungsplan. Und bevor du fragst: Nein, ich lasse dich nicht durch den Wartungsschacht kriechen. Der endet vor einer versiegelten Brandsperre.“
Seren unterdrückte ein Lächeln, als sie Tarens Gesicht sah. Rema hatte ihn schneller durchschaut, als es den meisten Menschen gelang.
Akita ließ sich die Zuständigkeitskette auf ihrem Gerät anzeigen. Die aus dem früheren Vaal-Netz übernommene Steuereinheit war beim Aufbau Neravas der zivilen Versorgung zugeordnet worden; inzwischen lag die technische Aufsicht bei einer eigens eingerichteten Stelle. Für die aktuelle Beweissicherung war ein gemeinsamer Beschluss erforderlich, den sie nicht innerhalb weniger Minuten beschaffen konnten.
„Wir könnten die Stromversorgung trennen“, sagte einer der Prüfer.
„Und dabei die noch nicht gesicherten Protokolle verlieren“, erwiderte Rema. „Das wäre ausgesprochen gründliche Beweisvernichtung.“
Seren trat ein paar Schritte zurück, um ungestört mit der zuständigen Stelle zu sprechen. Taren blieb bei Rema und sah sich die Wand neben der Tür an. Er spürte nichts, das ihm eine Antwort verraten hätte. Die Macht war kein Ersatz für Baupläne, und er hatte nicht vor, sie wie einen Schlüssel zu behandeln. Stattdessen fragte er Rema, welche Leitungen zu der Brandsperre führten.
Sie zeigte ihm einen schmalen Revisionskasten. „Die Tür selbst ist mechanisch gesichert. Aber das Notfallprotokoll läuft über eine getrennte Leitung. Wenn ein Feuer gemeldet wird, entriegelt sie von innen nach außen. Das ist kein Trick. Das ist eine Sicherheitsfunktion.“
„Und wenn wir einen Feueralarm auslösen?“
„Dann schickst du Leute in ein Gebäude, in dem möglicherweise gar kein Feuer ist. Außerdem protokolliert das System einen Fehlalarm. Du würdest deinen eigenen Zugang kompromittieren.“
Taren sah wieder zur Tür. „Dann machen wir es nicht.“
Rema blickte ihn zum ersten Mal mit etwas wie Respekt an.
Auf Serens Gerät erschien endlich eine Rückmeldung. Die zuständige Stelle erkannte die Dringlichkeit an, verlangte aber eine zweite Bestätigung. Akita hatte bereits den Namen eines Kurators ermittelt, der als Vertreter der Aufsicht erreichbar war. Während Seren die Verbindung herstellte, sprang auf Remas Messgerät eine Anzeige um.
„Der Wartungslauf wurde vorgezogen“, sagte sie.
„Wie weit?“, fragte Akita.
„Er beginnt jetzt.“
Für einen Moment hörte man nur das Summen der alten Kühlung. Dann schob sich auf dem Bedienfeld ein Balken langsam vorwärts.
⁂
In der Mantis stritt Greez mit einem Vorratsbehälter, dessen Deckel sich offenbar entschlossen hatte, ihn persönlich zu beleidigen. BD-1 beobachtete den Kampf vom Rand der Arbeitsfläche aus und gab in regelmäßigen Abständen Kommentare ab, die Greez nicht übersetzen musste, um sie unhöflich zu finden.
„Wenn du so schlau bist, kleiner Kerl, dann mach ihn doch auf.“
BD-1 sprang hinunter, setzte seinen Greifarm an und löste die Verriegelung mit einem leisen Klicken.
Greez betrachtete den offenen Behälter. „Das zählt nicht. Du hast mehr Geduld für winzige Verschlüsse.“
Cal kam herein, gefolgt von Merrin, die eine Nachricht von Aruven erhalten hatte. Auf Nythara waren die Familien über den Stand der Untersuchungen informiert worden; einige wollten ihre historischen Unterlagen nun freiwillig vergleichen lassen, andere verlangten, dass die Archive geschlossen blieben, bis geklärt war, wer Zugang erhalten sollte.
„Beides ist verständlich“, sagte Merrin. „Und beides muss möglich bleiben.“
Cal sah auf das Gerät in ihrer Hand. „Aruven traut dem gemeinsamen Versuch trotzdem noch eine Zukunft zu?“
„Sie traut den Menschen eine Zukunft zu. Dem Versuch erst, wenn Ceresta und Tesh erklären können, was vor seinem Beginn geschehen ist.“
Greez stellte den geöffneten Behälter ab. „Das klingt nach einer Frau, die schon öfter mit Leuten zu tun hatte, die zu schnell auf den Startknopf drücken.“
Cal lächelte schief. „Ich fühle mich nicht angesprochen.“
„Dann war es vermutlich nicht deutlich genug.“
Der kurze Moment der Heiterkeit endete, als Cal die Nachricht von Taren erhielt. Er las sie und wurde ernst.
„Seren und Akita sind an einem alten Datenknoten. Die automatische Bereinigung läuft bereits.“
„Brauchen sie Hilfe?“, fragte Merrin.
„Sie brauchen vor allem jemanden, der die Sicherung überprüft, sobald sie sie haben. BD-1, kannst du einen isolierten Vergleich vorbereiten?“
Der kleine Droide antwortete mit einem begeisterten Laut und sprang auf Cals Schulter. Greez schob ihnen einen Teller zu, bevor sie gingen.
„Nehmt wenigstens etwas mit. Eine Krise mit leerem Magen ist immer noch eine Krise, nur schlechter organisiert.“
Merrin nahm zwei Stücke und reichte eines Cal. Er wollte protestieren, biss dann aber hinein. Greez wirkte zufrieden. Manchmal war das die einzige Art, in der er gegen das Chaos etwas ausrichten konnte.
⁂
Am Datenknoten hatte der Fortschrittsbalken ein Viertel der Anzeige erreicht. Rema erklärte, dass die Routine zuerst die ältesten temporären Berechtigungen entfernte. Danach würden die Änderungslisten verdichtet und die lokalen Kopien überschrieben. Genau diese Listen brauchten sie.
Seren erhielt endlich die zweite Bestätigung. Der Zugang war freigegeben, aber nur für eine unverändernde Sicherung unter Aufsicht. Rema prüfte das Dokument sorgfältig, ehe sie ihren Wartungsausweis erneut an den Leser hielt. Diesmal entriegelte die Tür.
Hinter ihr lag ein schmaler Raum voller staubiger Schränke. Die Kühlung arbeitete so laut, dass man sich fast anschreien musste. Rema führte Akita und die beiden Prüfer zur Hauptkonsole. Taren blieb bei Seren, die die Freigabe an die lokale Steuerung übertrug.
„Warum dauert das so lange?“, fragte er.
„Weil der Zugang bestätigt wird, ohne dass wir den Inhalt verändern dürfen. Genau so soll es sein.“
Die Anzeige sprang auf die nächste Stufe. Akita setzte einen isolierten Datenträger ein. Die Konsole erkannte ihn, verweigerte jedoch die Kopie der älteren Protokolle. Ein zweites Berechtigungsfenster erschien, diesmal mit einem Namen, den niemand erwartet hatte: Die Freigabe war auf die alte Transportaufsicht beschränkt.
„Diese Stelle gibt es nicht mehr“, sagte einer der Prüfer.
„Dann sollte auch niemand über sie verfügen können“, erwiderte Akita. „Und trotzdem hat jemand gestern Nacht genau diese Kennung benutzt.“
Rema ging zu einem der seitlichen Schränke und öffnete ihn mit einem mechanischen Schlüssel. Dahinter lag ein schmaler Anschluss, dessen Beschriftung fast unlesbar geworden war.
„Der Knoten hat einen Notfallspeicher“, erklärte sie. „In unserem früheren Verwaltungsnetz mussten wir nach einem Stromausfall feststellen können, welche Freigaben unmittelbar davor aktiv waren. Der Speicher lässt sich nur lesen. Er ist kein Teil der regelmäßigen Bereinigung.“
„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“, fragte Taren.
„Weil ich erst sicher sein wollte, dass ihr mit einem gültigen Auftrag hier seid. Ich habe lange genug erlebt, wie Leute technische Abkürzungen mit rechtlichen verwechseln.“
Seren nickte ihr zu. „Dann lesen wir ihn. Unter derselben Dokumentation.“
Die beiden Prüfer legten neue Siegel an. Rema verband den Notfallspeicher mit Akitas isoliertem Gerät. Zunächst erschienen nur unvollständige Datensätze. Dann füllte sich die Liste mit Zeitstempeln, alten Kennungen und einer Reihe von Änderungsbefehlen, die deutlich jünger waren als das System selbst.
„Da“, sagte Akita. „Die Bereinigung wurde nicht vom Wartungsplan gestartet. Der Plan wurde gestern verändert, und der Befehl kam über eine delegierte Freigabe.“
Seren trat näher. „Von wem?“
Akita öffnete die Herkunftskette. Die ersten beiden Stationen waren eindeutig. Die dritte führte zu einer aktuellen Verwaltungsstelle, die berechtigt war, veraltete Zugriffe prüfen zu lassen. Danach verzweigte sich der Vorgang in mehrere Aufträge. Einer davon war die nächtliche Bereinigung, ein anderer die Vorverlegung des Wartungslaufs.
„Das ist kein einfacher Einbruch“, sagte sie. „Jemand hat einen rechtmäßigen Prüfauftrag benutzt, um etwas anderes auszulösen.“
Ein lauter Schlag ließ alle zusammenfahren. Am hinteren Ende des Raumes war eine Klappe aufgesprungen. Aus einem Leitungsschacht quoll warmer Dampf. Die Kühlung hatte die erhöhte Last der vorgezogenen Routine nicht ausgeglichen.
Rema sah auf die Temperaturanzeige. „Wenn der Speicher überhitzt, verlieren wir die lokale Sicherung.“
Taren ging bereits zur Tür. „Ich hole die Leute vom Gang.“
„Keine Panik“, rief Rema ihm nach. „Und niemand schaltet irgendetwas aus, bevor ich es sage!“
Er kehrte mit zwei Arbeitern zurück, die den Raum kannten. Gemeinsam öffneten sie die seitliche Belüftung, während Rema die Last auf einen zweiten Kühlkreis verteilte. Der erste Versuch scheiterte; die Anzeige blieb rot. Einer der Arbeiter griff nach einem Schalter, doch Taren hielt seine Hand zurück.
„Rema entscheidet“, sagte er ruhig.
Die Frau sah ihn an, dann auf die Schaltung. „Den unteren Hebel. Langsam. Wenn der Druck fällt, sofort zurück.“
Taren führte die Bewegung aus. Die Leitung vibrierte unter seinen Fingern, der Dampf wurde dichter, und für einen Augenblick fürchtete er, dass sie die falsche Wahl getroffen hatten. Dann sank der Druck. Die zweite Kühlung sprang an und übernahm einen Teil der Last.
Akita hatte die Datenübertragung nicht unterbrochen. Auf ihrem Gerät erschien die Bestätigung, dass der Notfallspeicher vollständig und mit überprüfbarer Prüfsumme kopiert worden war.
„Wir haben ihn“, sagte sie.
Niemand antwortete sofort. Erst als die Temperatur weiter sank und Rema die Anlage für stabil erklärte, ließ Seren die Schultern sinken. Sie hatte die Hand noch immer am Rand der Konsole, so fest, dass ihre Knöchel weiß geworden waren.
Taren trat neben sie. „Alles in Ordnung?“
„Ja.“ Sie atmete aus. „Frag mich später noch einmal.“
Er berührte kurz ihren Rücken. Es war keine Geste für die anderen. Gerade deshalb tat sie ihr gut.
⁂
Der erste Vergleich der Sicherung fand in einem kleinen Raum der Wachstation statt. Akita hatte die Originalkopie versiegelt und arbeitete ausschließlich mit einem überprüften Duplikat. Cal und BD-1 kontrollierten die Integrität der Daten, ohne auf die Inhalte der Ermittlungsakte zuzugreifen. Merrin saß am Fenster und wartete, bis Seren sie bat, die Nachricht von Aruven zu übermitteln.
„Die Chin’ta werden keine weiteren historischen Datensätze freigeben, solange nicht klar ist, wer auf die gemeinsame technische Prüfung zugreifen kann“, sagte sie. „Sie wollen die Zusammenarbeit nicht beenden. Sie wollen wissen, worauf sie sich verlassen dürfen.“
„Das ist ihr Recht“, erwiderte Seren. „Und wir werden ihnen sagen, was heute geschehen ist. Nicht die Namen aus Veys Liste, aber dass jemand versucht hat, alte Protokolle zu beseitigen.“
Akita drehte ihre Anzeige zu ihnen. „Ich kann inzwischen zwei Dinge bestätigen. Die Wartung wurde gezielt vorgezogen. Und der Auftrag dazu lief durch eine rechtmäßig eingerichtete Prüfung der zivilen Verwaltung.“
„Telanas Bereich“, sagte Taren.
„Ein Bereich, zu dem mehrere Stellen Zugang haben“, korrigierte Akita. „Der Antrag, der die Prüfung ausgelöst hat, trägt eine gültige Kennung. Der nachfolgende Befehl wurde über eine delegierte Berechtigung ausgeführt. Wer diese Berechtigung tatsächlich verwendet hat, wissen wir noch nicht.“
Seren las die Kennung. Sie gehörte zu einem Vorgang, dessen Begründung sich zunächst harmlos anhörte: Bereinigung überholter Transport- und Sicherheitszugriffe nach einer Reihe von Zwischenfällen. Genau eine solche Überprüfung hätte sie selbst für vernünftig gehalten, wäre sie unabhängig und mit klaren Grenzen erfolgt.
„Jemand hat eine sinnvolle Maßnahme als Deckung benutzt“, sagte sie.
„Oder die Maßnahme war von Anfang an so angelegt, dass man sie missbrauchen konnte“, antwortete Akita. „Das müssen wir auseinanderhalten.“
Cal stand auf. „Dann ist der wichtigste Teil heute vielleicht nicht der Name, den ihr noch nicht habt, sondern der Nachweis, dass die Daten nicht zufällig verschwunden wären.“
„Ja“, sagte Seren. „Und dass wir sie rechtmäßig gesichert haben.“
Merrin beobachtete, wie Taren den Blick von der Anzeige löste. Er wirkte erschöpft, doch nicht so, als würde er sich selbst die Schuld für jede Gefahr geben, die sie nicht vorhergesehen hatten. Sie kannte ihn lange genug, um den Unterschied zu bemerken.
„Ihr habt heute etwas verhindert“, sagte sie. „Das ist nicht wenig.“
Taren lächelte müde. „Es fühlt sich nur noch nicht wie ein Sieg an.“
„Vielleicht muss es das auch nicht.“
⁂
Am Abend traf Seren Telana in einem der kleineren Besprechungsräume des Verwaltungsgebäudes. Sie hatte das Gespräch selbst vorgeschlagen. Es gab Fragen, die sie Telana stellen musste, und sie wollte nicht, dass aus ihnen ein öffentlicher Schlagabtausch wurde, bevor die Fakten feststanden.
Telana hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Als Seren von der vorgezogenen Bereinigung berichtete, legte sie den Stift auf den Tisch.
„Die Prüfung alter Berechtigungen habe ich beantragt“, sagte sie. „Dazu stehe ich. Nach den Angriffen und den Fehlern bei der Sicherung der Anlagen wäre es fahrlässig gewesen, die Zugänge unangetastet zu lassen.“
„Hast du auch angeordnet, den Wartungslauf vorzuziehen?“
„Nein.“
„Wer durfte den Auftrag weitergeben?“
„Die zuständige Verwaltung. Ich habe keine persönlichen Anweisungen an die Techniker erteilt.“
Seren ließ eine kurze Pause entstehen. „Dann brauche ich die vollständige Vorgangskette. Einschließlich aller Delegationen.“
Telana sah sie lange an. „Du glaubst, dass ich etwas verberge.“
„Ich glaube, dass jemand Beweise beseitigen wollte. Und dass wir uns nicht leisten können, die falsche Person dafür verantwortlich zu machen.“
„Du redest, als würdest du mich schon zu dieser Person zählen.“
„Ich rede mit dir, weil dein Antrag Teil der Kette ist.“
Telana stand auf und ging zum Fenster. Auf dem Platz vor dem Gebäude wurden die letzten Marktstände geschlossen. Für einen Moment sah sie aus, als würde sie nicht die Stadt betrachten, sondern einen anderen Ort, den nur sie sehen konnte.
„Als Mitch starb“, sagte sie schließlich, „hat man mir erklärt, dass alles überprüft worden sei. Jeder Zugang, jede Entscheidung, jede Sicherheitslücke. Später stellte sich heraus, dass niemand die entscheidende Frage gestellt hatte. Ich will nicht noch einmal erleben, dass wir hinterher erfahren, was wir vorher hätten wissen können.“
Seren spürte, wie nahe sie der Frau stand, die vor ihr am Fenster wartete, und wie weit sie sich zugleich voneinander entfernt hatten. Sie wusste, was Verlust mit Menschen machen konnte. Sie wusste auch, dass er keine Befugnis verlieh, andere über ihre Rechte hinwegzusetzen.
„Dann hilf uns, die richtige Frage zu stellen“, sagte sie. „Und lass die Antwort gelten, auch wenn sie dir nicht gefällt.“
Telana drehte sich um. Ihre Augen waren trocken. „Du bekommst die Unterlagen, auf die du Anspruch hast.“
„Die vollständige Kette, Telana.“
„Ich habe dich verstanden.“
Seren verabschiedete sich. Erst auf dem Gang bemerkte sie, dass ihre Hände kalt waren. Sie hatte Telana weder überführt noch entlastet. Aber sie hatte gesehen, wie sorgfältig diese inzwischen jedes Wort abwog.
Telana blieb am Fenster stehen, bis die Schritte verklungen waren. Dann rief sie den Verwaltungsauftrag auf, den sie am Morgen hatte erstellen lassen. Die Delegation war dort vermerkt, genau wie Seren es verlangt hatte. Telana las den Namen der Stelle, die den Wartungslauf vorgezogen hatte, und schloss die Augen.
Sie hatte den Befehl nicht selbst gegeben. Doch sie erkannte die Kennung. Sie war schon einmal in einem Vorgang aufgetaucht, den sie lieber vergessen hätte.
⁂
Taren fand Seren später auf der kleinen Terrasse ihrer Unterkunft. Von dort sah man die Lichter Neravas und dahinter die dunklen Höhen, in denen die alten Anlagen verborgen lagen. Sie hatte die Jacke abgelegt, obwohl die Abendluft kühl war, und hielt eine Tasse in den Händen, aus der längst kein Dampf mehr aufstieg.
Er trat hinter sie und legte die Arme um ihre Taille. Seren lehnte sich zurück, ohne sich umzudrehen.
„Wie war es?“, fragte er.
„Schlimmer, als ich gehofft hatte. Nicht weil sie etwas zugegeben hätte. Weil ich ihr zugehört habe und immer noch verstehe, weshalb sie Angst hat.“
„Du kannst verstehen, was jemand fühlt, ohne gutzuheißen, was er tut.“
„Ich weiß.“ Sie legte ihre Hände auf seine. „Heute musste ich es mir nur öfter sagen.“
Taren küsste sie an die Schläfe. Sie drehte sich in seinen Armen zu ihm um, und als sie ihn ansah, war die Müdigkeit in ihrem Gesicht deutlicher als bei jeder Besprechung. Er strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. Seren hielt seine Hand fest, zog sie an ihre Wange und küsste ihn. Der Kuss war zunächst sanft, wurde dann länger, während die Anspannung des Tages langsam einer anderen Aufmerksamkeit wich.
„Du hast am Datenknoten nicht versucht, allein alles zu lösen“, sagte sie leise.
„Rema hätte mich wahrscheinlich aus dem Gebäude geworfen.“
Seren lachte, und das Geräusch erleichterte ihn mehr, als er erwartet hatte.
„Sie hätte recht gehabt“, sagte sie.
„Ich weiß.“
Er küsste sie noch einmal. Diesmal zog sie ihn näher, bis zwischen ihnen kein Platz mehr für den Lärm des Tages blieb. Als sie schließlich ins Zimmer gingen, ließ Seren die Tasse auf der Terrasse stehen. Die offenen Fragen warteten bis zum Morgen. Zum ersten Mal seit Stunden empfand sie das nicht als Versäumnis.
⁂
Akita war noch wach, als die letzte Prüfsumme der gesicherten Daten bestätigt wurde. Der Vorgang enthielt mehr als den Versuch, alte Protokolle zu löschen. Zwischen den technischen Anweisungen fand sich eine ungewöhnliche Verknüpfung: Dieselbe delegierte Berechtigung war in einem früheren Verfahren verwendet worden, das nach Joren Pells Tod geschlossen worden war. Damals hatte man eine Überprüfung von Wasserlieferungen und Zugängen zu Versorgungssystemen dokumentiert.
Akita legte die beiden Vorgänge nebeneinander. Die Kennung war gleich. Die ausführenden Konten waren es nicht.
Sie schrieb Seren eine kurze Nachricht und hängte die gesicherten Verweise an. Dann setzte sie sich zurück und sah auf die beiden Zeitlinien. Noch konnte sie nicht sagen, wer die Befehle erteilt hatte. Aber sie wusste nun, dass der Versuch, Veys alte Spuren zu beseitigen, und die nachträgliche Prüfung im Umfeld von Jorens Tod nicht nur denselben Verwaltungsbereich berührten. Jemand hatte für beide Vorgänge denselben Weg durch das System gefunden.
Draußen wurde es still. Akita ließ die Anzeigen geöffnet, bis sie sicher war, dass die Sicherung an einem zweiten, unabhängigen Ort lag. Erst dann löschte sie das Licht.
In Nerava schliefen die meisten Menschen bereits. Die alten Wege zwischen den Welten blieben vorerst geschlossen, und über die politische Anhörung würde das Konklave erst in den nächsten Tagen beraten. Nichts davon nahm die Gefahr fort, die sich in den vergangenen Stunden gezeigt hatte: Nicht jeder Angriff brauchte eine Waffe oder einen verborgenen Zugang. Manchmal genügte ein gültiger Auftrag, wenn niemand mehr prüfte, was in seinem Namen geschah.