Die erste Warnung kam nicht von den Messgeräten, sondern von einer Frau, die eigentlich nur hatte zusehen wollen.
Ilyra stand neben Ceresta in der unteren Beobachtungsgalerie der alten Übergangsanlage, als sich hinter ihren Augen ein Druck aufbaute, so unvermittelt, dass sie den angefangenen Satz verlor. Unterhalb der Galerie zogen Gariths Techniker eine letzte Reihe von Sicherungsbolzen fest. Nichts an den Anzeigen deutete auf einen Fehler hin. Der Versuch hatte noch nicht einmal begonnen.
„Du bist blass“, sagte Ceresta, die den Blick nur kurz von ihrer Konsole löste.
„Vielleicht gefällt mir der Ort nicht.“
„Mir gefällt er auch nicht. Aber bisher hat er sich wenigstens an die Gesetze der Physik gehalten.“
Ilyra lächelte schwach. Ceresta schob ihr einen Stuhl hin, ohne daraus eine Diskussion zu machen. Seit T-6 hatte sie gelernt, dass Fürsorge manchmal gerade darin bestand, jemanden nicht vor allen anderen zum Gegenstand der Aufmerksamkeit zu machen. Ilyra setzte sich dennoch nicht. Sie hatte die Nacht damit verbracht, die Notizen ihrer Großmutter mit den technischen Aufzeichnungen der Chin’ta zu vergleichen, und sie wollte sehen, ob der Versuch ihre Vermutung bestätigte.
Auf dem Hauptschirm erschien Sha’Veyra. Das Bild zeigte einen Raum aus hellem Stein und dunklem Holz, dessen offene Fenster den Blick auf die Wasserterrassen freigaben. Tesh stand an einem schmalen Messtisch; hinter ihm prüfte eine Technikerin die unabhängige Aufzeichnung. Aruven hatte sich etwas abseits gehalten. Die Freigabe der alten Unterlagen war nicht ihre alleinige Entscheidung gewesen, und sie wollte sichtbar machen, dass die Familien, denen diese Geschichte gehörte, auch heute noch mitbestimmten.
Sira saß vor einer zusätzlichen Navigationskonsole. Sie hatte darauf bestanden, keine Steuerbefehle an die Anlage zu senden. „Ich bin hier, um euch zu sagen, wann eure Zahlen anfangen, sich wie schlechte Flugpläne zu benehmen“, hatte sie bei der Vorbereitung erklärt. „Wenn ich versehentlich ein uraltes Tor öffne, will Korda wissen, weshalb ich dafür keinen Auftrag hatte.“
Nun wirkte sie ungewöhnlich still.
„Die Vergleichsuhren sind abgeglichen“, meldete Tesh. „Die Aufzeichnungen bleiben auf Nythara. Ihr bekommt unsere Messwerte und die für diesen Versuch freigegebenen historischen Kurven.“
„Mehr brauchen wir nicht“, antwortete Garith. „Und wenn wir doch mehr brauchen, fragen wir, bevor wir etwas anfassen.“
Tesh nickte. Er hatte lange genug erlebt, wie aus gut gemeinten Ausnahmen neue Besitzansprüche wurden, um an solchen Sätzen festzuhalten.
In Nerava warteten inzwischen mehrere Familien darauf, dass die Verbindung zwischen den Welten zuverlässiger wurde. Nicht alle wollten reisen. Manche hofften nur, Angehörige wiederzusehen, deren Namen bislang auf beschädigten Listen gestanden hatten. Seren hatte darauf bestanden, dass der heutige Versuch nicht als Eröffnung eines Verkehrswegs angekündigt wurde. Die Anlage sollte eine kurze, begrenzte Resonanzantwort liefern, nicht mehr. Ein Scheitern wäre unangenehm, aber kein gebrochenes Versprechen.
Garith gab den ersten Impuls frei.
Tief unter der Galerie erwachte ein Summen, das weniger durch die Luft als durch die Knochen zu gehen schien. Die Anzeigen liefen an. Ceresta verfolgte die Werte, während Ilyra die alte Kurve auf ihrer eigenen Tafel danebenlegte. Auf Nythara hob Sira den Kopf.
„Eure Uhr geht nicht falsch“, sagte sie. „Aber die Antwort kommt nicht dort an, wo sie sollte.“
„Die Abweichung liegt innerhalb der Toleranz“, erwiderte die Technikerin auf Nythara.
„Noch.“
Ilyra sah die beiden Linien, die sich auf dem Schirm fast deckten. Ihr Großmutter hatte neben eine ähnliche Zeichnung zwei kleine Markierungen gesetzt, als hätte sie einen Schreibfehler korrigieren wollen. Damals hatte Ilyra angenommen, die Zeichen bezeichneten zwei verschiedene Stationen. Jetzt, während die Anlage unter ihr arbeitete, fragte sie sich zum ersten Mal, ob sie nicht zwei Arten bezeichneten, denselben Augenblick zu zählen.
Der Druck hinter ihren Augen verstärkte sich. Sie griff nach dem Rand der Konsole, und Ceresta war sofort bei ihr.
„Ilyra?“
„Die zweite Markierung“, brachte Ilyra hervor. „Nicht der Ort. Der Beginn.“
Ceresta wollte nachfragen, doch ihre Aufmerksamkeit blieb an Ilyras Hand hängen. Zwischen Daumen und Handgelenk lag das blaue Licht des Displays auf der Haut. Für einen Herzschlag schien es nicht nur darauf zu fallen, sondern ein wenig hindurch. Die feinen Linien der Konsole zeichneten sich dort ab, wo sie es unmöglich hätten tun dürfen.
Ceresta fasste Ilyras Hand. Sie war warm, fest und so wirklich wie immer. Als sie den Winkel änderte, war das Schimmern bereits verschwunden.
„Hast du das gesehen?“, fragte Ilyra.
Ceresta antwortete nicht sofort. Sie kannte die Chin’ta gut genug, um das Gesehene nicht für einen einfachen Lichtreflex zu halten. Aber Ilyra war keine Chin’ta, jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem Aruven und Tesh es waren, und Ceresta weigerte sich, aus einem Augenblick eine Diagnose zu machen.
Auf Nythara fiel Nehri beinahe der Becher aus der Hand. Sie war erst vor wenigen Minuten hereingekommen, um Sira Wasser zu bringen, und hatte gerade nach dem Navigationsschirm sehen wollen, als Sira ihre Finger darüberhob. Zwischen zwei Knöcheln schimmerte der helle Rand einer Anzeige durch, schwächer als bei Nehris eigener Haut und nur für einen flüchtigen Moment.
„Sira“, sagte sie leise.
„Nicht jetzt, ich versuche gerade—“
„Deine Hand.“
Sira sah hin. Die Finger waren wieder undurchsichtig, doch das fremde Gefühl blieb: ein Zittern tief im Brustkorb, als hätte jemand den Takt ihres Herzschlags um einen winzigen Teil verschoben. Sie presste die Hand auf den Tisch und zwang sich, die Zahlen anzusehen. Sie hatte schon in beschädigten Frachtern gesessen, während die künstliche Schwerkraft ausfiel; dieses Gefühl war anders. Es kam nicht von einem schwankenden Boden.
„Nehri hat etwas gesehen“, sagte sie in die Verbindung. „Und bevor jemand fragt: Nein, ich habe keine Ahnung, wie ich das gemacht habe.“
Ceresta sah zu Ilyra. Die beiden Frauen begegneten sich über die Bildschirme mit einem Blick, in dem Erschrecken und Wiedererkennen lagen. Niemand sagte das Wort Erbe. Dafür war es zu früh, und unter ihren Füßen arbeitete eine Anlage, die keine Zeit für voreilige Erklärungen ließ.
Ein Warnsignal unterbrach die Verbindung.
Die erste Sicherheitsgrenze war überschritten. Garith löste die Abschaltung aus, aber die Resonanz fiel nicht ab. Stattdessen stieg sie langsam weiter, während die Steuerung einen erfolgreichen Abbruch meldete.
„Das ist unmöglich“, sagte einer der Techniker.
„Dann glauben wir der Anlage heute besser nicht“, erwiderte Garith. „Trennt die sekundäre Versorgung. Keine Hand an die Kopplung, bevor ich es sage.“
Hinter der Glaswand erlosch eine Reihe von Leuchten. Die Resonanz blieb.
Ceresta öffnete den Verlauf der letzten Sekunden. Der Abschaltbefehl war angekommen, die Ventile hatten reagiert, die Rückmeldung war korrekt. Und doch hielt sich ein Restfeld, gespeist von einer Schwingung, die sich zwischen den beiden Messstationen aufzuschaukeln schien.
„Wir haben zwei unabhängige Regelungen“, sagte sie. „Jede korrigiert den Fehler, den die andere gerade ausgleicht.“
„Dann schalten wir eine ab“, schlug Garith vor.
„Wenn du die falsche abschaltest, bekommt die andere die gesamte Last.“
Auf Nythara hatte Tesh bereits einen älteren Datensatz aufgerufen. Er sah die Werte, sah Aruven an und zögerte. Die Aufzeichnung stammte aus einer Zeit, in der seine Familie einen Verlust erlitten hatte, über den lange niemand sprechen wollte. Er durfte sie für den Vergleich verwenden, aber die darin enthaltene Zusatzkurve war nicht freigegeben worden.
Aruven trat neben ihn. „Was brauchst du?“
„Die zweite Zeitreihe. Mit den ursprünglichen Markierungen.“
„Kannst du die Familien erreichen?“
Tesh sah auf die steigenden Werte. „Nicht schnell genug.“
Aruven blieb ruhig. „Dann frage ich, ob du die Verantwortung für die Freigabe tragen willst. Nicht für die ganze Geschichte. Nur für diese Kurve.“
Er blickte erneut auf die Daten. „Ja.“
Er öffnete die Reihe, ließ die Namen und privaten Vermerke ausgeblendet und schickte ausschließlich die Zahlen nach Tenebris. Sein Entschluss war keine leichte Geste. Das zeigte sich daran, wie lange seine Hand über der Bestätigung verharrte.
Ilyra erkannte die beiden kleinen Markierungen sofort. „Da“, sagte sie und vergrößerte die Notiz ihrer Großmutter. „Wir haben angenommen, dass beide Reihen denselben Anfangspunkt verwenden. Aber diese hier beginnt erst, wenn die Antwort zurückkommt. Nicht, wenn der Impuls gesendet wird.“
Ceresta stellte die Kurven um. Sie passten immer noch nicht.
Sira beugte sich über die Navigationsanzeige. Die Muster erinnerten sie an die Aufzeichnungen eines Bergungsschiffs, das einst in einer instabilen Strömung seine eigene Positionskorrektur für einen neuen Kurs gehalten hatte. Damals hatte die Crew beinahe den Antrieb zerlegt, obwohl nur die Zeitstempel der Sensoren falsch aufeinander bezogen gewesen waren.
„Ihr vergleicht die Antworten, als wären sie gleichzeitig“, sagte sie. „Aber der Weg dazwischen verändert die Reihenfolge. Gebt mir die Rohzeiten, nicht eure hübsch aufbereiteten Kurven.“
„Du kennst diesen Übergang nicht“, sagte die Technikerin auf Nythara.
„Stimmt. Ich kenne aber Instrumente, die einem mit großer Überzeugung Unsinn erzählen.“
Ceresta schickte die Rohdaten. Sira rechnete nicht mit einer einzigen Verzögerung, sondern mit einer Reihe leicht unterschiedlicher Laufzeiten. Als sie die Werte neu ordnete, verschob sich die zweite Kurve. Die Spitzen, die eben noch unvereinbar gewirkt hatten, lagen plötzlich dicht beieinander.
„Das ist es“, sagte Ilyra. „Die Markierung meiner Großmutter bezeichnet den zurückkehrenden Impuls. Deshalb hat sie zwei Anfänge eingezeichnet.“
„Und deshalb verstärken sich die Regler gegenseitig“, ergänzte Ceresta. „Jede Station versucht, eine Abweichung zu beseitigen, die sie selbst mit erzeugt.“
Garith ließ sich die neue Folge erklären, während er bereits die manuellen Sicherungen vorbereitete. Er hätte den Befehl auch ohne Erklärung ausführen können. Aber wenn die Anpassung scheiterte, mussten die Menschen vor Ort wissen, was sie erwartete.
„Wir nehmen die automatische Korrektur beider Seiten heraus“, entschied er. „Nythara hält die Grundlast. Wir senken unseren Impuls in drei Schritten. Tesh, du gibst jeden Schritt erst frei, wenn eure Rückmeldung tatsächlich eingetroffen ist.“
Tesh antwortete nach einer kurzen Pause. „Einverstanden.“
Der erste Schritt ließ die Resonanz noch einmal steigen. Eine dünne Metallabdeckung unterhalb der Galerie begann zu vibrieren, und Garith schickte die beiden Techniker, die dort gearbeitet hatten, hinter die Schutzwand. Beim zweiten Schritt veränderte sich der Ton. Er wurde tiefer, beinahe erträglich, und die Anzeigen auf Nythara folgten zum ersten Mal der berechneten Kurve.
Dann blieb die dritte Rückmeldung aus.
„Nicht weitermachen“, sagte Sira sofort.
Garith hielt die Hand über dem Schalter. „Wie lange?“
Sira beobachtete die Rohdaten. Eine alte Angewohnheit ließ sie die Sekunden leise mitzählen, wie früher, wenn sie mit einem defekten Frachter auf die Rückkehr eines Navigationssignals gewartet hatte. Sie sah, wie sich der Zeitstempel am Rand der Anzeige veränderte, noch bevor die aufbereitete Kurve nachzog.
„Jetzt.“
Garith löste den letzten Schritt aus. Die Resonanz brach nicht plötzlich zusammen, sondern sank in einer Folge langsamer Wellen, bis nur noch das gewöhnliche Brummen der Kühlung zu hören war. Auf dem Hauptschirm erschien die Bestätigung beider Stationen: Der Versuch war beendet, die Anlagen waren voneinander getrennt.
Niemand jubelte. Zu deutlich war allen, wie knapp die Entscheidung gewesen war.
Ceresta legte die Hand an Ilyras Wange. „Setz dich bitte.“
Diesmal widersprach Ilyra nicht. Ihr Blick glitt noch einmal zu ihrem Handgelenk, als könne sie dort die Erklärung finden, die ihr die Anzeigen nicht gaben.
Auf Nythara hielt Nehri Siras Hand vorsichtig zwischen ihren eigenen. „Bei uns geschieht das manchmal“, sagte sie. „Wenn wir Angst haben. Oder sehr aufgeregt sind.“
„Ich war beides“, antwortete Sira. „Aber ich war schon oft beides. Noch nie konnte man durch mich hindurchsehen.“
„Es war auch nur ganz wenig.“
„Das ist eine ausgesprochen beruhigende Mengenangabe.“
Nehri musste lachen, und Sira war dankbar dafür. Sie zog ihre Hand nicht zurück.
⁂
Als die ersten Berichte über den Versuch in Nerava eintrafen, war aus der kontrollierten Unterbrechung bereits ein gefährlicher Zwischenfall geworden. Die Menschen, die auf eine zuverlässige Verbindung hofften, hatten nur gehört, dass eine alte Anlage trotz Abschaltung weitergelaufen war. Andere verbreiteten die Behauptung, die Chin’ta hätten absichtlich eine Sicherheitsinformation zurückgehalten. Auf Nythara wiederum fragte man, weshalb überhaupt ein Versuch stattgefunden hatte, solange die Vaal-Techniker ihre eigenen Messungen nicht verstanden.
Seren hörte beide Versionen, bevor sie den offiziellen Bericht las.
Sie stand mit Taren in einem schmalen Gang des Verwaltungsgebäudes. Hinter der Tür wartete ein Sicherheitsbeamter darauf, dass sie die Freigabe für Veys alte Sicherungskopie bestätigte. Seit der Rettung der Frau war die Zahl der Menschen, die plötzlich an den Unterlagen interessiert waren, bemerkenswert gestiegen.
„Wenn wir jetzt eine gemeinsame Erklärung veröffentlichen, ohne die beiden Seiten anzuhören, wiederholen wir denselben Fehler“, sagte Seren.
Taren lehnte sich neben sie an die Wand. „Dann hören wir sie an. Und lassen die Leute wissen, was wir noch nicht wissen.“
Sie sah ihn an. „Das klingt so einfach, wenn du es sagst.“
„Ich habe nicht behauptet, dass es einfach wird.“
Er streckte die Hand aus, und sie verschränkte ihre Finger mit seinen. Es war ein kurzer Augenblick, aber Seren brauchte ihn. In den vergangenen Tagen hatte sie zu oft auf Anzeigen und Gesichter geblickt, um herauszufinden, welche Gefahr dahinterstand. Bei Taren musste sie das nicht.
Die Tür am Ende des Ganges öffnete sich. Cal trat heraus, BD-1 auf der Schulter, gefolgt von Merrin, die einen Ausdruck der technischen Messwerte trug. Sie hatten den Versuch nicht an der Anlage verfolgt. Cal war mit BD-1 bei einer der äußeren Sicherungsstationen geblieben, damit die Arbeiter im Fall einer Störung rasch aus dem gefährdeten Abschnitt geführt werden konnten. Merrin hatte auf dem Rückweg mit den Angehörigen einer Familie gesprochen, die nach Nythara reisen wollte.
„Die Arbeiter sind draußen“, berichtete Cal. „Einer hat sich beim Rückzug den Knöchel verletzt. Sonst niemand.“
BD-1 gab einen energischen Laut von sich.
„Ja“, sagte Cal, „und du hast die blockierte Tür geöffnet. Das habe ich nicht vergessen.“
Merrin reichte Seren die Messwerte. „Auf beiden Welten wird man heute Menschen brauchen, die erklären können, warum Vorsicht nicht dasselbe ist wie Misstrauen. Aruven hat mir geschrieben. Tesh hat mehr freigegeben, als ihm leichtgefallen sein dürfte.“
„Und wir sollten dafür sorgen, dass niemand daraus einen Anspruch auf den Rest ableitet“, erwiderte Seren.
Merrin nickte. Ihr Blick blieb einen Moment auf Taren und Seren ruhen, auf ihren noch immer verbundenen Händen. Ein kaum sichtbares Lächeln ging über ihr Gesicht, bevor sie weiterging.
In der Mantis hatte Greez unterdessen beschlossen, dass Menschen, die gerade beinahe eine jahrhundertealte Anlage in Stücke zerlegt hatten, etwas Anständiges essen sollten. Er hatte einen großen Topf aufgesetzt und erklärte jedem, der vorbeikam, dass technische Wunderwerke offensichtlich besser funktionierten, wenn ihre Erbauer vorher eine Mahlzeit zu sich genommen hatten.
„Das ist keine Theorie“, verkündete er, als Garith später in der Kombüse erschien. „Das ist eine jahrzehntelang erprobte Überlebensstrategie.“
Garith betrachtete den Topf. „Hast du auch eine für Anlagen, die sich nicht abschalten lassen?“
„Ja. Nicht in ihnen stehen bleiben. Und danach Suppe.“
Zum ersten Mal seit dem Versuch lachte Garith. Er nahm die Schüssel, die Greez ihm hinhielt, und setzte sich zu den anderen. Für wenige Minuten musste niemand erklären, weshalb eine Kurve falsch gewesen war.
⁂
Neral Vey bestand darauf, bei der Sicherung ihrer Kopie anwesend zu sein. Seren hatte ihr geraten, sich auszuruhen, doch Vey hatte darauf erwidert, sie habe jahrelang zugesehen, wie andere über ihre Aussagen entschieden. Ein weiteres Mal werde sie das nicht tun.
Der Datenträger lag in einem versiegelten Behälter. Zwei unabhängige Prüfer protokollierten den Zustand, bevor sie ihn öffneten. Taren stand neben Seren, während Vey den Zugangscode eingab. Ihre Hände zitterten leicht, aber sie vertippte sich nicht.
Die Liste war kürzer, als Seren erwartet hatte. Sie enthielt die Empfänger von Mitch Agurs damaliger Tarnkennung, die Zeitpunkte der Freigaben und mehrere nachträglich veränderte Berechtigungen. Ein Empfängerkreis war in den offiziellen Akten nicht mehr vorhanden. Hier stand er noch.
„Wer hat diese zusätzliche Weitergabe veranlasst?“, fragte Taren.
„Das habe ich damals herausfinden wollen“, sagte Vey. „Ich bekam eine Antwort, die keine war. Man erklärte mir, die Berechtigung sei ordnungsgemäß erteilt worden, und entzog mir anschließend den Zugriff.“
Seren ließ die Zeitpunkte mit den jüngsten Vorgängen vergleichen. Die gleiche alte Verwaltungsstruktur war später für Freigaben an Versorgungs- und Transportdienstleister verwendet worden. Das erklärte, weshalb bei der Manipulation des Lastenlifts und bei den Untersuchungen zu Jorens Tod ähnliche Wege auftauchten. Es erklärte noch nicht, wer sie genutzt hatte.
„Wir haben eine Verbindung zwischen den Systemen“, sagte sie. „Keinen Beweis, dass dieselbe Person hinter beiden Taten steht.“
Vey nickte, als hätte sie genau diesen Satz gebraucht. „Damals wollte niemand den Unterschied hören. Entweder war alles ein Fehler, oder ich sollte sofort einen Namen nennen. Als ich keinen nennen konnte, war die Sache für sie erledigt.“
Seren sah auf die Liste. Ein weiterer Eintrag fiel ihr auf: Für einen kurzen Zeitraum hatte eine Stelle Zugriff erhalten, die gar nicht für persönliche Identitäten zuständig gewesen war, sondern für die Genehmigung technischer Transporte. Danach war die Berechtigung gelöscht worden. Die beiden ursprünglichen Nutzerkonten ließen sich noch feststellen, doch es gab Hinweise auf delegierte Zugriffe, deren Protokolle fehlten.
Sie ordnete an, die Originaldaten unangetastet zu lassen und die noch vorhandenen Berechtigungsprotokolle getrennt zu sichern. Dann ließ sie die Namen der Kontoinhaber versiegeln. Vey sollte nicht erneut durch eine unbedachte Veröffentlichung gefährdet werden, und niemand sollte aus einer alten Berechtigung schon eine Verurteilung ableiten.
Als sie das Gebäude verließen, stand Telana Agur am Ende der Treppe. Sie hatte den Bericht über den Übergangstest bei sich und sprach mit zwei Mitarbeitern der zivilen Verwaltung. Seren bemerkte, wie ihr Blick für einen Augenblick auf Vey fiel, die von einer unabhängigen Begleiterin zum wartenden Fahrzeug geführt wurde.
Telana unterbrach ihr Gespräch nicht. Erst als Vey außer Hörweite war, kam sie zu ihnen.
„Die Menschen haben Angst“, sagte sie und hielt den Bericht hoch. „Eine Anlage reagiert nicht auf den Abschaltbefehl, und schon heißt es, die neue Verbindung sei außer Kontrolle geraten. Wir brauchen eine gemeinsame Sicherheitsbewertung.“
„Die wird es geben“, erwiderte Seren. „Mit den Technikern beider Welten und den Familien, deren Daten verwendet wurden.“
„Ich könnte helfen, die Informationen zusammenzuführen.“
„Du kannst deinen Vorschlag dem Konklave vorlegen. Die zusätzlichen Befugnisse, die du beantragt hast, sind weiterhin nicht beschlossen.“
Telanas Gesicht blieb ruhig. „Ich habe nicht um eine Ausnahme gebeten.“
„Dann sind wir uns einig.“
Für einen Moment schien Telana etwas sagen zu wollen. Ihr Blick wanderte zu Taren, dann zurück zu Seren. „Ich hoffe, dass Ihre Untersuchung endlich klärt, was damals mit Mitch geschehen ist.“
Seren antwortete nicht mit der Frage, die ihr auf der Zunge lag. Sie hatte gelernt, wie leicht eine Vermutung zu einer Anschuldigung werden konnte, wenn man sie im falschen Augenblick aussprach.
„Das hoffe ich auch“, sagte sie.
Telana ging weiter, ohne sich umzudrehen.
Später, allein in ihrem Arbeitszimmer, las sie die Meldung über Veys Aussage ein zweites Mal. Der Inhalt war knapp, fast vorsichtig formuliert. Gerade das beunruhigte sie. Wenn Seren schon wusste, welche Namen in der Kopie standen, verriet der Bericht nichts davon. Telana öffnete die Übersicht der gemeinsamen technischen Arbeitsgruppe. Ihre Mitglieder waren benannt, ihre Zugriffsrechte begrenzt, die Daten auf beiden Welten getrennt. Niemand hatte sie um eine zentrale Koordinierung gebeten.
Sie legte den Bericht zur Seite und begann, einen Antrag auf eine öffentliche Sicherheitsanhörung zu formulieren. Der Text war sachlich. Jede Forderung ließ sich begründen. Trotzdem hielt sie inne, als sie an die Stelle kam, an der sie Zugriff auf sämtliche technischen Zwischenberichte verlangen wollte. Sie änderte den Satz, machte ihn enger und fügte eine Begründung hinzu.
Es war nicht genug, dachte sie. Nicht, solange andere Entscheidungen trafen, deren Folgen sie alle tragen mussten.
Sie speicherte den Entwurf, ohne ihn abzuschicken.
⁂
Auf Nythara war der Himmel über Sha’Veyra dunkel geworden, als Ilyra Sira anrief. Ceresta saß neben ihr, die Schulter an ihre gelehnt, und hielt eine Tasse in beiden Händen. Ilyras Handgelenk sah wieder aus wie immer. Ceresta hatte es trotzdem schon mehrmals angesehen, nicht aus Neugier, sondern weil sie sich vergewissern wollte, dass die Veränderung nicht zurückkehrte.
Sira nahm den Anruf im Gästehaus entgegen. Hinter ihr waren die letzten Stimmen aus dem Garten zu hören. Nehri hatte darauf bestanden, dass sie etwas aß, und war erst gegangen, als Sira versprach, den Rest nicht wieder zu vergessen.
„Wie geht es dir?“, fragte Ilyra.
Sira überlegte. „Ich habe heute geholfen, eine Anlage abzuschalten, die niemand richtig einschalten konnte, und meine Finger haben beschlossen, sich zeitweise aus der sichtbaren Welt zu verabschieden. Frag morgen noch mal.“
Ilyra lächelte, doch ihr Blick blieb ernst. „Ceresta hat es bei mir gesehen. Ganz kurz.“
„Nehri bei mir.“
Sie schwiegen einen Moment. Beide wussten inzwischen, dass sie Vorfahren unter den Vaal und den Chin’ta hatten. Ilyra hatte ihre Geschichte in den Dingen ihrer Großmutter gefunden, Sira in einem Anhänger aus einer Kindheit, an die sie sich kaum erinnerte. Dass ihre Körper nun auf ähnliche Weise reagiert hatten, machte aus dieser Gemeinsamkeit noch keine Erklärung.
„Ich habe mich gefragt, ob meine Großmutter davon wusste“, sagte Ilyra schließlich. „Nicht von mir. Von der Möglichkeit.“
„Meine Leute hätten es mir gesagt, wenn ich früher einmal durchsichtig geworden wäre“, erwiderte Sira. „Bergungscrews behalten so etwas nicht für sich. Die hätten mich wahrscheinlich vor jede undichte Leitung gestellt, um nachzusehen, was dahinter liegt.“
Ilyra lachte leise. „Sie waren deine Familie.“
„Ja.“ Sira sah kurz zur Seite. „Das sind sie auch geblieben. Die neuen Namen ändern daran nichts.“
„Meine auch nicht.“
Ceresta legte ihre freie Hand auf Ilyras Knie. „Wir können untersuchen, was geschehen ist, wenn ihr beide das wollt. Vorsichtig, ohne neue Versuche an euch. Vielleicht finden wir eine physikalische Erklärung. Vielleicht dauert es länger.“
„Und bis dahin?“, fragte Sira.
„Bis dahin bleibt es eine Beobachtung“, sagte Ceresta. „Keine Eigenschaft, auf die jemand ein Recht hat.“
Ilyra nickte. Sie war dankbar, dass Ceresta es aussprach. Nach allem, was die alten Familienaufzeichnungen über Besitzansprüche und erzwungene Trennungen erzählt hatten, wollte sie nicht erleben, dass ihre Herkunft erneut zur Rechtfertigung fremder Erwartungen wurde.
Als die Verbindung endete, blieb Sira noch eine Weile am Fenster sitzen. Die Lichter Sha’Veyras spiegelten sich in den Wasserterrassen. Sie hatte auf Nythara etwas über ihre Vergangenheit erfahren und an diesem Tag etwas erlebt, das sie noch nicht verstand. Trotzdem wusste sie, wo sie als Nächstes hinwollte: zurück zur Serrat, zu Korda, zu Rusk und zu einem Navigationssitz, über den sie sich seit Jahren beschwerte.
⁂
Ceresta wartete, bis Ilyra eingeschlafen war, bevor sie die Messdaten erneut öffnete. Garith hatte die Anlage für weitere Versuche gesperrt; Tesh hatte die Freigabe der historischen Kurve auf den heutigen Vorfall beschränkt. Die beiden Seiten hatten vereinbart, zunächst nur die gesicherten Aufzeichnungen zu vergleichen.
Sie legte die Zeitreihen übereinander, diesmal mit Siras Korrektur. Die gegenseitige Verstärkung war deutlich zu erkennen. Auch der erfolgreiche Abbruch ließ sich damit erklären.
Nur der Beginn passte nicht.
Noch bevor Garith den ersten Impuls freigegeben hatte, war in den Rohdaten beider Stationen eine schwache Belastung aufgetreten. Auf Tenebris hatte Ceresta sie für ein Nachschwingen der alten Anlage gehalten. Auf Nythara gab es jedoch keine entsprechende frühere Aktivierung. Dort begann dieselbe Veränderung zur gleichen relativen Zeit, mit derselben eigentümlichen Form.
Ceresta rief Garith an. Er meldete sich verschlafen, war aber wach, sobald sie ihm die Kurven zeigte.
„Ein Messfehler?“
„Dann müssten zwei voneinander unabhängige Geräte denselben Fehler gemacht haben. Und zwar, bevor wir sie miteinander verbunden haben.“
Garith betrachtete die Markierungen lange. „Kann das von einem alten Übergang kommen, den wir nicht kennen?“
„Vielleicht. Oder von einer Belastung, die jemand anders erzeugt hat.“
Sie sagte nicht, dass es Sabotage gewesen sein müsse. Dafür fehlte jeder Beleg. Aber die Daten erlaubten auch nicht mehr, die Störung allein dem heutigen Versuch zuzuschreiben.
„Dann lassen wir die Anlage gesperrt“, sagte Garith. „Und finden heraus, was da schon gearbeitet hat, bevor wir angefangen haben.“
Ceresta bestätigte es und schickte die gesicherten Rohdaten an die unabhängige technische Prüfung. Erst danach schloss sie die Anzeige. Neben ihr atmete Ilyra ruhig, und Ceresta blieb noch einen Augenblick sitzen, bis sie sicher war, dass der Raum wirklich still war.
Auf zwei Welten hatten Menschen an diesem Tag einander vertraut, obwohl sie gute Gründe gehabt hätten, vorsichtig zu sein. Sie hatten eine Gefahr gemeinsam gebannt, die keiner von ihnen allein verstanden hätte. Das war mehr, als noch vor wenigen Wochen möglich gewesen wäre.
Ceresta schloss die Anzeige. Neben ihr atmete Ilyra ruhiger, und die Anlage blieb still. Für diesen Tag genügte es, dass niemand die Stille mit einer voreiligen Erklärung füllte.