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KAPITEL 39

Die Verborgenen

Der Lastenlift roch nach heißem Metall und dem bitteren Reinigungsmittel, das in den Versorgungsgängen Neravas verwendet wurde. Taren stand an der offenen Tür, während eine Technikerin die Verriegelung überprüfte. Auf dem Boden lag noch immer das zerbrochene Datenmodul, dessen Speicher sich unter einem schweren Schlag verformt hatte. Niemand hatte es berührt. Seren war bei der Gebäudesicherheit geblieben, um die Suche nach Neral Vey abzustimmen, und Taren wusste, dass sie beide an denselben Gedanken dachten: Sie hatten eine Frau nach Mitch Agurs Tod gefragt, und wenige Minuten später war sie verschwunden.

Der Sicherheitsleiter wollte die gesamte untere Ebene sperren lassen. Taren widersprach nicht der Gefahr, wohl aber der Maßnahme. Die Versorgungsgänge führten zu den Wohnquartieren, und eine vollständige Sperre hätte Dutzende Arbeiter in Bereiche gezwungen, deren Technik bereits manipuliert worden war. Gemeinsam mit der Technikerin ließ er zunächst die tatsächlich betroffenen Lifte isolieren. Die übrigen Wege blieben unter Kontrolle geöffnet, damit niemand auf einen Notausgang angewiesen war, den ein unbekannter Gegner ebenfalls beeinflussen konnte.

„Hier stimmt noch etwas nicht“, sagte die Technikerin. Sie deutete auf eine unscheinbare Abweichung in der Laufzeit des Lastenlifts. Die Kabine war nicht nur zwischen zwei Ebenen gefahren, sondern für wenige Sekunden an einer Wartungsnische stehen geblieben, die im normalen Betrieb nicht angefahren wurde. Das Protokoll hatte diesen Halt als Kalibrierung verbucht. Taren bat sie, die ursprünglichen Bewegungsdaten zu sichern, bevor jemand die Anlage wieder in Betrieb nahm.

In der Nische fanden sie keine Frau, aber einen frischen Kratzer an der Wand und ein Stück der grauen Stoffkante, die zum zerrissenen Ärmel einer Dienstjacke passen konnte. Hinter einem herausnehmbaren Lüftungsgitter lag eine schmale Wartungsöffnung. Sie führte nicht aus dem Gebäude, sondern zu einem stillgelegten Inspektionsraum. Taren meldete den Fund und wartete, bis die Sicherheit eine zweite Person hinzugezogen hatte. Er hätte allein hineinkriechen können; er hätte auch die letzten Wochen vergessen müssen, um das für eine gute Idee zu halten.

Der Raum war leer. Auf einem staubigen Tisch standen zwei unbenutzte Wasserbehälter. Daneben lag ein kleines Notrufgerät, dessen Batterie entfernt worden war. Als Taren die Tür zum angrenzenden Korridor untersuchte, entdeckte er eine zweite Spur: Jemand hatte die Innenseite des Rahmens mit einem Werkzeug aufgebrochen. Nicht alles deutete darauf hin, dass Vey widerstandslos mitgegangen war.

Seren kam kurz darauf hinzu. Sie betrachtete die Schäden, hörte sich den Bericht der Technikerin an und ließ eine Suchmeldung an die zivilen Rettungsdienste übermitteln, die Vey als möglicherweise gefährdete Zeugin bezeichnete, nicht als Beschuldigte. Dann rief sie Akita an. Die Sicherheitsverantwortliche der Wartungsplattform bestätigte, dass die Signatur des manipulierten Lifts dieselbe alte Vermittlungsart nutzte wie die Freigaben im Fall Joren Pell. Sie warnte aber davor, aus der Übereinstimmung eine Identität der Täter abzuleiten.

„Das werde ich nicht“, sagte Seren. „Ich möchte nur wissen, ob jemand die gleiche Schwachstelle ein zweites Mal ausnutzen kann.“

„Ja“, antwortete Akita nach einer Pause. „Und das ist das Problem, das wir sofort schließen müssen.“

⁂

Sira hatte seit dem Morgen kaum geschlafen. Auf der Wartungsplattform liefen die Daten aus Nerava und die letzten gesicherten Unterlagen der Nighthawk auf getrennten Systemen ein. Sie durfte sie nicht beliebig miteinander verbinden, und das war gut so; seit Jorens Tod verstand sie besser als zuvor, weshalb eine bequem eingerichtete Schnittstelle gefährlicher sein konnte als ein verschlossener Zugang.

Korda stellte ihr eine Schale mit warmem Essen hin, das sie zunächst ignorierte. „Wenn du noch länger auf diese Anzeigen starrst, fangen sie an, dir aus Höflichkeit Antworten zu erfinden.“

„Dann wären sie immerhin höflicher als die meisten Menschen, die wir befragen.“

Er setzte sich nicht. Sira sah ihm an, dass ihn Bren Korrs Aussage beschäftigte. Der ehemalige Sicherheitsmann hatte einen Kurier beschrieben, dessen rechte Hand beschädigt gewesen war. Akita hatte die alte Wartungshalle auf einer Handelsstation identifizieren lassen; ein Teil ihrer Aufzeichnungen war vorhanden, der Rest längst überschrieben. Dennoch ließ sich der Besuch eines unregistrierten Transporters zur fraglichen Zeit belegen. Die Kamera zeigte den Kurier nur von hinten. Seine Hand blieb verborgen.

„Wir schicken die Bilder an die zuständige Stelle“, sagte Korda. „Kein privater Feldzug, keine heimliche Suche nach jedem Mann mit zwei steifen Fingern.“

Sira schob die Schale näher an sich. „Du ruinierst gerade meinen Ruf als unberechenbare Navigatorin.“

„Den hat Rusk schon ruiniert. Er behauptet, du würdest vor jeder riskanten Entscheidung dreimal rechnen.“

Sie lächelte, aber das Lächeln hielt nicht lange. Auf einem anderen Bildschirm stand eine Nachricht von Nehri. Das junge Chin’ta-Mädchen hatte sie seit ihrer letzten Begegnung mehrfach gefragt, wann sie wieder nach Sha’Veyra auf Nythara komme. Die Freundschaft war unerwartet entstanden, und Sira hatte sie bisher als etwas Einfaches empfunden: Nehri erzählte ihr von ihrer Familie, Sira von den Sternen und von den Irrwegen, die man auf einem Schiff besser nur einmal nahm. Nun schrieb Nehri, dass Aruven um Hilfe bei der Sichtung alter Familienaufzeichnungen gebeten hatte. Sira wollte zuerst absagen. Die Ermittlungen um Joren schienen wichtiger, und sie hatte keinen Grund, in die Geschichte der Chin’ta hineingezogen zu werden.

Dann fiel ihr auf, dass Aruvens Anfrage eine ganz bestimmte Art von Dokumenten betraf: alte Transport- und Schutzlisten, in denen Personen nicht unter ihren bürgerlichen Namen, sondern unter Übergabekennungen geführt worden waren. Genau solche Listen hatte Sira in den vergangenen Tagen zu lesen gelernt.

„Korda“, sagte sie. „Ich möchte nach Nythara reisen. Der Übergang muss vorbereitet werden, und ich kann nicht versprechen, schon morgen zurück zu sein. Nicht wegen der Nighthawk. Wegen einer Sache, bei der ich vielleicht helfen kann.“

Er betrachtete die Nachricht und fragte nur, ob sie ihre Arbeit vorher sauber übergeben könne. Als sie nickte, erwiderte er: „Dann fahr. Du bist nicht ausschließlich dafür da, dass ich meine schlechten Entscheidungen rechtzeitig bemerke.“

⁂

Neral Vey erwachte nicht in einem Verhörraum. Sie saß auf einem niedrigen Hocker in einer Werkstatt, deren Fenster mit Staub bedeckt waren, und hielt die Hände so fest ineinander, dass die Knöchel schmerzten. Vor ihr stand ein Mann in der schlichten Kleidung eines Versorgungstechnikers. Er trug keine Waffe sichtbar bei sich, und gerade das machte die Situation nicht weniger bedrohlich.

„Sie hätten nicht mit Seren sprechen dürfen“, sagte er.

Vey hob den Kopf. „Sie hat mich angesprochen. Ich habe ihr nichts gegeben.“

„Sie haben einen Namen genannt.“

„Sie hat den Namen genannt.“ Vey spürte, wie ihre Stimme brüchig wurde, und ärgerte sich darüber. „Mitch Agur ist seit Jahren tot. Wie lange soll ich noch so tun, als wäre er nie hier gewesen?“

Der Mann sah sie eine Weile an. Er hatte keine beschädigte Hand, und Vey wusste nicht, ob er selbst für die Leute arbeitete, vor denen sie sich fürchtete, oder nur glaubte, durch seine Mitarbeit ungeschoren davonzukommen. Er hatte ihr versichert, dass sie lediglich aus dem Konklavegebäude gebracht werde, bevor eine alte Angelegenheit erneut politisch ausgeschlachtet werden könne. Die verriegelte Werkstatttür erzählte eine andere Geschichte.

„Sie wissen, dass Sie mir nichts glauben müssen“, sagte er schließlich. „Aber wenn Sie die alten Listen öffnen, werden Namen auftauchen, die längst wieder in Sicherheit leben. Wollen Sie wirklich, dass deren Familien dafür bezahlen?“

Vey dachte an den Tag, an dem Mitchs Tarnkennung auf ihrem Bildschirm erschienen war. Sie hatte den Fehler bemerkt, aber ihre Meldung war zurückgewiesen worden, weil die Übermittlung bereits als geprüft galt. Später hatte sie eine Kopie der Empfängerliste gesichert, ohne zu wissen, wem sie sie anvertrauen konnte. Sie hatte sich eingeredet, das Aufbewahren sei besser als Schweigen. Nach Jahren war aus diesem Unterschied kaum noch etwas geworden.

„Ich will, dass die Leute erfahren, wer ihn verraten hat“, sagte sie.

Der Mann trat zur Tür. „Dann sollten Sie hoffen, dass Ihre Freunde schneller sind als meine Auftraggeber.“

Als die Verriegelung einrastete, hörte Vey im Nebenraum ein Fahrzeug anspringen. Sie wusste nicht, wie lange sie noch dort bleiben würde. Aber sie wusste, dass die Leute, die sie festhielten, nicht sicher waren, was sie tatsächlich besaß. Dieser kleine Rest Unwissen war ihre einzige Möglichkeit, Zeit zu gewinnen.

⁂

Am folgenden Tag erreichte Sira nach dem abgestimmten Flug durch den alten Übergang Sha’Veyra auf Nythara. Korda hatte ihre Aufgaben auf der Wartungsplattform übernommen; die Serrat blieb für die Ermittlungen verfügbar. Aruven erwartete sie in einem Raum, der mehr nach gelebter Familiengeschichte als nach einem Archiv aussah. Auf den Tischen lagen Stoffbänder, beschädigte Platten und kleine Behälter, deren Beschriftungen über Generationen ergänzt worden waren. Tesh stand am Fenster und wirkte wenig begeistert davon, dass eine Außenstehende Zugang erhielt. Nehri dagegen kam Sira entgegen, als hätte sie die letzten Tage nur darauf gewartet, ihr endlich die neuen Fundstücke zeigen zu können.

„Du bist wirklich gekommen!“, sagte sie.

„Du hast so oft geschrieben, dass mein Kommunikationsgerät beinahe um Urlaub gebeten hat.“

Nehri lachte und zog sie zu Aruven. Die ältere Chin’ta begrüßte Sira freundlich, aber nicht überschwänglich. Sie erklärte, dass einige Familien alte Übergabelisten miteinander vergleichen wollten. Die Unterlagen gehörten den Familien; niemand würde sie ohne Einverständnis kopieren oder in eine öffentliche Datenbank übertragen. Sira sollte nur helfen, die technischen Kennungen zu verstehen.

Tesh betrachtete sie lange. „Und weshalb sollte jemand von der Serrat das können?“

„Weil wir ständig Dinge transportieren, die offiziell niemand transportiert hat“, erwiderte Sira, bevor sie den Tonfall bedauerte. „Ich meine: Wir kennen die Unterschiede zwischen Frachtkennungen, Personentransfers und nachträglich erstellten Abrechnungen. Wenn eine Liste umgeschrieben wurde, erkenne ich vielleicht die Stelle.“

Aruven nahm ihr die Antwort nicht übel. Sie zeigte auf eine alte Platte, deren Rand beschädigt war. Die Einträge stammten aus den Jahren nach der Katastrophe, als Vaal- und Chin’ta-Familien getrennt worden waren und einige Kinder unter neuen Namen weiterlebten. Viele Übergaben waren als Schutzmaßnahmen dokumentiert, andere nur als Verluste. Das schmerzhafte Problem bestand darin, dass niemand mehr sicher wusste, ob die damaligen Entscheidungen freiwillig getroffen worden waren.

Sira arbeitete sich langsam durch die Zeichen. Sie fand doppelte Nummern, einen offenbar später ergänzten Übergabevermerk und mehrere Einträge, bei denen eine Person zunächst als Kind und Jahre später als Erwachsene geführt wurde. Die Schreibweisen unterschieden sich, doch die Transportlogik war dieselbe. Nach einer Weile bemerkte sie, dass eine der Listen nicht zu den übrigen gehörte. Ihre Kennung war viel jünger, wahrscheinlich erst vor einigen Jahrzehnten angelegt worden, und sie verwies auf ein ziviles Register außerhalb von Tenebris.

„Warum ist das hier?“, fragte sie.

Aruven legte die Hände auf den Tisch. „Weil eine Familie darum gebeten hat, dass wir die Spur wieder aufnehmen. Es gibt einen noch lebenden Zweig, dessen Herkunft über mehrere Umzüge hinweg verschleiert wurde. Wir wollten wissen, ob die Unterlagen echt sind, bevor wir jemanden damit belasten.“

Sira las die Kennung erneut. Ein Teil davon kam ihr vertraut vor, ohne dass sie sagen konnte, weshalb. Sie dachte an die alten Papiere, die ihr eine Bergungscrew überlassen hatte, als sie alt genug gewesen war, sie selbst aufzubewahren. Man hatte sie als kleines Kind allein auf einer abgelegenen Handelsstation gefunden. Ihren Vornamen hatte sie sagen können, mehr nicht. Die Leute, die sie aufgenommen hatten, waren keine Verwandten gewesen, aber sie hatten ihr das Lesen von Frachtlisten, das Erkennen schlechter Reparaturen und schließlich das Navigieren beigebracht. Von ihnen war sie später zu anderen Bergungsleuten und irgendwann zur Serrat gekommen. Die Zeichen auf der Platte erinnerten sie an eine Nummer auf dem ersten Aufnahmebeleg. Damals hatte sie die Nummer für eine Verwaltungslaune gehalten.

„Darf ich eine Kopie dieser Kennung mit meinen Unterlagen vergleichen?“, fragte sie.

Tesh wollte sofort widersprechen, doch Aruven hob die Hand. „Nur die Kennung. Nicht die Namen der Familien. Und du entscheidest selbst, ob du uns das Ergebnis mitteilst.“

Sira nickte. Ihre Finger waren ruhig, als sie die Zeichen übertrug. Erst später, als sie allein in einem kleinen Nebenraum den eingescannten Aufnahmebeleg der Handelsstation öffnete, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Dort stand dieselbe Kennung, übernommen von einem kleinen Anhänger, den sie bei ihrer Auffindung getragen hatte. Der Eintrag nannte weder Eltern noch Herkunftswelt. Die Nummer konnte eine Spur sein, aber noch kein Beweis dafür, zu wem sie gehörte.

⁂

Seren hatte unterdessen eine Entscheidung getroffen, die ihr niemand abnehmen konnte. Die Suche nach Vey lief, doch sie wollte die Verbindung zu den alten Akten nicht länger auf einen einzigen Zugang beschränken. Oris durfte mit unabhängiger Aufsicht die Sicherungskopie prüfen, die Vey nach der gescheiterten Fehlermeldung möglicherweise angelegt hatte. Dafür brauchte er keine umfassende Öffnung sämtlicher Sicherheitsarchive, sondern eine eng gefasste Freigabe für genau den dokumentierten Vorgang.

Taren kehrte aus den Versorgungsgängen zurück, die Jacke staubig und den Blick ernst. Die Aufzeichnungen zeigten einen Lieferwagen, der kurz nach Veys Verschwinden eine Nebenausfahrt benutzt hatte. Sein Kennzeichen war gültig, aber für eine andere Strecke eingetragen. Die Gebäudesicherheit hatte den Betreiber erreicht; der Fahrer behauptete, nur einen leeren Behälter abgeholt zu haben. Seren ließ die Aussage sichern, ohne sie vorab als Lüge zu behandeln.

„Wir könnten die Stadt mit Kontrollen überziehen“, sagte Taren, als sie den nächsten Schritt besprachen. „Dann finden wir vielleicht das Fahrzeug. Oder wir bringen jeden, der wirklich etwas weiß, dazu, sich noch tiefer zu verstecken.“

„Und wir könnten gar nichts tun, weil wir Angst haben, jemanden zu erschrecken.“ Seren sah auf die Karte der Versorgungslinien. „Beides wäre bequem. Wir brauchen die Route, nicht eine Demonstration unserer Macht.“

Sie beantragte eine begrenzte Suche nach dem Lieferwagen und ließ die zivile Leitstelle prüfen, ob auf der Strecke Werkstätten lagen, in denen ein Fahrzeug ohne neue Registrierung verschwinden konnte. Es gab drei Möglichkeiten. Zwei waren geöffnet und voller Mitarbeiter. Die dritte war seit Monaten offiziell außer Betrieb, bezog aber weiterhin Strom. Taren sah die Markierung und wusste, dass sie dort nicht ohne Unterstützung auftauchen durften.

Noch bevor die Einsatzkräfte bereitstanden, kam eine Nachricht von Sira. Seren las sie und runzelte die Stirn. Sie hatte mit einem weiteren technischen Befund gerechnet, nicht mit einer persönlichen Bitte.

„Sie sagt, sie braucht Zeit, um etwas zu überprüfen“, erklärte sie Taren. „Etwas, das mit ihrer eigenen Herkunft zu tun haben könnte.“

Er sah sie fragend an, doch Seren schüttelte den Kopf. „Mehr schreibt sie nicht. Und wenn sie es uns erzählen möchte, wird sie es tun.“

⁂

Sira saß noch immer in dem Nebenraum, als Aruven leise anklopfte. Sie hatte die alte Kennung neben den Aufnahmebeleg gelegt und jedes Zeichen dreimal verglichen. Es war die einzige Spur, die aus ihrer Zeit vor den Bergungsleuten geblieben war. Ihre Kindheit auf den Schiffen war deshalb nicht weniger wirklich, die Menschen, die sie großgezogen hatten, nicht weniger ihre Familie. Aber der kleine Anhänger, den niemand hatte erklären können, schien auf einmal zu einer Geschichte zu gehören, die viel weiter zurückreichte.

Aruven setzte sich ihr gegenüber und wartete. Sie drängte nicht, obwohl sie vermutlich längst ahnte, weshalb Sira so still geworden war.

„Ich habe dieselbe Kennung“, sagte Sira. „Sie stand auf einem Anhänger, den ich bei mir hatte, als mich Bergungsleute auf einer Handelsstation fanden. Ich war ungefähr vier. Ich wusste meinen Vornamen, aber weder, woher ich kam, noch, wer meine Eltern waren. Bis heute weiß ich es nicht.“

„Dann sollten wir gemeinsam prüfen, was sie bedeutet. Nicht mehr und nicht weniger.“

Sira reichte ihr die Kopie. Aruven prüfte zunächst, ob die Kennung tatsächlich zu einem früheren Familienregister gehörte und nicht bloß zu einer wiederverwendeten Transportnummer. Ein von den betroffenen Angehörigen freigegebener Verweis bestätigte, dass das Zeichen einst als Schutzkennung eines Familienzweigs geführt worden war. Die dazugehörigen Namen standen in einem gesonderten Register. Eine Linie führte zu einer Vaal-Familie, die andere zu einer Chin’ta-Familie. Die ältesten Einträge lagen Generationen zurück; spätere Vermerke führten aus dem abgeschiedenen Wegenetz hinaus, zu Siedlungen und Handelsplätzen, die mit dem Vaal-Korridor nichts zu tun hatten. Noch war offen, an welcher Stelle Siras eigene Geschichte in diese Folge gehörte.

„Es könnte deine Familie sein“, sagte Aruven. „Aber ein Anhänger ist kein Abstammungsnachweis. Wenn du möchtest, prüfen wir eine zweite, unabhängige Quelle. Und selbst dann werden wir vielleicht nicht herausfinden, weshalb du damals allein warst.“

Sira starrte auf den alten Aufnahmebeleg. Sie hatte nie geglaubt, irgendwo müsse eine verborgene Tür warten, hinter der sich ihr Leben erklären ließ. Auf Bergungsschiffen hatte sie gelernt, mit dem zu arbeiten, was vorhanden war. Jetzt gab es zum ersten Mal einen Hinweis auf Menschen, die vor den Bergungsleuten zu ihr gehört haben könnten. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen durfte.

„Ilyra“, sagte sie schließlich. „Bei ihr gab es doch auch diese Verbindung.“

Aruven nickte. „Ja. Aber deine Geschichte muss nicht dieselbe sein. Und du schuldest niemandem eine Erklärung, nur weil wir etwas gefunden haben.“

Nehri wartete vor der Tür. Als Sira hinauskam, stellte das Mädchen keine neugierigen Fragen. Es ging einfach neben ihr her, bis sie den Garten erreichten. Dort blieb Sira stehen und sah über die Dächer Sha’Veyras hinweg. Diese Stadt hatte eine Geschichte, die ihr fremd war, und vielleicht verlief irgendwo darin eine dünne Spur zu ihrer eigenen. Das machte Sha’Veyra noch lange nicht zu dem Ort, an dem sie aufgewachsen war. Ihre Kindheit gehörte den Decks der Bergungsschiffe, dem Lärm ihrer Maschinen und den Menschen, die sie aufgenommen hatten.

„Bist du traurig?“, fragte Nehri.

Sira überlegte. „Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich wütend, dass niemand mir etwas gesagt hat. Vielleicht bin ich froh, dass überhaupt noch etwas übrig ist, das mir jemand sagen kann.“

Nehri nahm ihre Hand. Die Berührung war einfach und warm. Sira spürte nichts Übernatürliches, keine fremde Stimme und kein plötzliches Wissen. Nur das Gewicht einer möglichen Wahrheit, die sie noch nicht in ihr bisheriges Leben einordnen konnte.

⁂

Die stillgelegte Werkstatt lag am Rand eines alten Versorgungsbezirks. Taren näherte sich mit zwei Sicherheitskräften über einen Seitengang, während die zivile Leitstelle die Ausgänge beobachtete. Sie wollten Vey lebend finden, und niemand hatte Interesse an einer spektakulären Festnahme, die ihr die letzte Fluchtmöglichkeit nehmen könnte.

Aus dem Inneren drang ein metallisches Schlagen. Ein Mann rief etwas, das Taren nicht verstand. Dann fiel ein schwerer Gegenstand zu Boden, und ein Fahrzeugmotor sprang an. Die Einsatzleiterin gab das Signal zum Vorrücken. Taren blieb hinter der Deckung, bis die Sicherheitskräfte die Tür geöffnet hatten; erst dann folgte er ihnen.

Der erste Raum war leer. Im zweiten fanden sie Neral Vey, deren Hände mit einem schmalen Kabel zusammengebunden waren. Sie saß auf dem Boden und hielt den Kopf gesenkt, als wolle sie nicht sehen, wer gekommen war. Als Taren ihren Namen sagte, hob sie langsam den Blick.

„Seren?“, fragte sie heiser.

„Sie ist auf dem Weg. Wir bringen Sie zuerst hier heraus.“

Vey schüttelte den Kopf. „Die Liste. Sie suchen die Liste.“

Taren kniete sich nicht direkt vor sie, sondern ließ der Sanitäterin Platz, die ihre Verletzungen prüfte. „Welche Liste?“

„Die Kopie der Empfänger. Ich habe sie damals behalten.“ Vey schluckte. „Nicht hier. Sie haben das falsche Gerät zerstört.“

Draußen heulte ein Fahrzeug auf. Die Sicherheitskräfte meldeten, dass ein Transporter durch eine zweite Ausfahrt entkommen war. Taren widerstand dem Impuls, hinterherzulaufen. Vey war lebend gefunden worden; sie allein zu lassen, um einen unbekannten Fahrer zu verfolgen, hätte den Einsatz in genau dem Augenblick gefährdet, in dem sie ihn endlich unter Kontrolle hatten.

Als Seren eintraf, hatte Vey bereits Wasser bekommen und konnte wieder zusammenhängend sprechen. Sie sagte, dass sie die Kopie vor Jahren an einem Ort hinterlegt habe, den nur sie kannte. Ihr Versuch, die falsche Weitergabe zu melden, sei damals mit dem Hinweis zurückgewiesen worden, der Vorgang sei ordnungsgemäß abgeschlossen. Danach habe man sie versetzt und schließlich aus der Sicherheitsverwaltung gedrängt.

„Haben Sie Mitch Agurs Identität selbst weitergegeben?“, fragte Seren.

Vey schüttelte den Kopf. „Ich habe gesehen, dass sie weitergegeben worden war. Ich hätte lauter werden müssen. Vielleicht hätte es nichts geändert. Vielleicht wäre er trotzdem gestorben. Aber ich habe mich mit einer Ablehnung zufriedengegeben, weil ich Angst hatte, meinen Posten zu verlieren.“

Seren ließ den Satz stehen. Schuld war nicht immer dasselbe wie Täterschaft, und Vey hatte gerade genug Mut aufgebracht, um das eigene Versagen nicht länger zu verbergen.

„Wir sichern zuerst Ihre Aussage“, sagte sie. „Danach entscheiden Sie mit unabhängiger Beratung, wie wir die Kopie übernehmen. Niemand bekommt sie einfach aus Ihrer Hand, weil er eine Uniform trägt.“

Vey schloss die Augen. Für einen Moment wirkte sie, als hätte sie vergessen, wie sich eine Entscheidung anfühlte, die sie selbst treffen durfte.

⁂

Am Abend erreichte Sira eine zweite Bestätigung. Aruven hatte mit Zustimmung der betroffenen Familien ein unabhängiges Register abgeglichen, das nicht aus derselben Quelle wie die erste Liste stammte. Dort war die Schutzkennung mit einer späteren Übergabe an eine zivile Handelsroute verknüpft, und die erhaltenen Vermerke passten zum Fundort und zum Alter des Kindes, das Jahre später auf der Station registriert worden war. Zusammen mit dem Anhänger und den alten Aufnahmeunterlagen ergab sich eine belastbare Verbindung zu einem Familienzweig mit Vaal- und Chin’ta-Vorfahren. Sira las die Nachricht auf der Terrasse des Gästehauses in Sha’Veyra, während Nehri im Garten mit anderen Kindern spielte. Sie hatte eine Antwort auf die Frage nach ihren Wurzeln erhalten, aber keine Erinnerung an die Menschen, von denen sie stammte.

Sie dachte an Ilyra, deren Großmutter die Familiengeschichte wenigstens in Teilen bewahrt hatte. Bei Sira hatte niemand mehr gewusst, was der Anhänger bedeutete. Ihre Vorfahren mussten die abgeschiedenen Welten lange vor ihrer Geburt verlassen haben; weder der Vaal-Korridor noch die alten Wege gehörten zu ihren Kindheitserinnerungen. Warum sie als kleines Mädchen allein auf jener Station gewesen war, wusste sie weiterhin nicht. Vielleicht würde sich das eines Tages klären. Vielleicht auch nicht.

Korda meldete sich von der Wartungsplattform. Er fragte nicht zuerst nach der Arbeit. „Geht es dir gut?“

Sira sah über die Brüstung. „Ich weiß noch nicht genau, was gut heute bedeutet.“

„Dann musst du es heute auch nicht entscheiden.“

Sie erzählte ihm von den beiden Registern und von Aruven, die darauf bestanden hatte, ihre Zustimmung zu jedem weiteren Schritt einzuholen. Korda hörte zu, ohne die Nachricht in ein Rätsel zu verwandeln, das er für sie lösen müsste. Als sie fertig war, sagte er nur, dass sie auf der Serrat weiterhin denselben Platz habe, egal was in alten Listen stand.

„Ich hoffe, du meinst damit nicht meinen Platz vor der Navigation“, erwiderte Sira. „Der Sitz ist unbequem, und Rusk behauptet seit Monaten, er könne ihn besser einstellen.“

Korda lachte. Sie lachte ebenfalls, und zum ersten Mal an diesem Tag klang es nicht nach einem Versuch, ihre Unruhe zu verstecken.

Auf dem anderen Ende Neravas übergab Vey unter unabhängiger Aufsicht den Hinweis auf das Versteck ihrer alten Kopie. Seren ließ die Angaben versiegeln und beantragte eine eng begrenzte Sicherung. Sie wusste noch nicht, ob die Liste einen Täter nennen würde. Aber sie wusste nun, dass jemand bereit gewesen war, eine Frau zu entführen, um zu verhindern, dass die Vergangenheit wieder lesbar wurde.

Als Taren zu ihr trat, blickte sie nicht von der Meldung auf. „Wir haben Vey gefunden“, sagte sie. „Und wir haben endlich eine Spur, die damals jemand absichtlich bewahrt hat.“

„Dann wird der nächste Schritt nicht leichter.“

„Nein.“ Seren legte das Modul ab und nahm seine Hand. „Aber diesmal gehen wir ihn nicht im Dunkeln.“

In einer Stadt, die aus dem Wunsch nach einem neuen Anfang entstanden war, begannen zwei verborgene Geschichten ans Licht zu treten. Die eine führte zu einer Frau, die erfahren hatte, woher sie kam. Die andere zu Menschen, die seit Jahren dafür sorgten, dass niemand erfuhr, was sie getan hatten. Und während Sira noch versuchte, ihre neue Wahrheit zu begreifen, wusste Seren bereits, dass die zweite Geschichte nicht mehr lange verborgen bleiben würde.

Inoffizielle, nicht-kommerzielle Star-Wars-Fan-Fiction. Keine Verbindung zu oder Autorisierung durch Lucasfilm Ltd. oder The Walt Disney Company.