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KAPITEL 38

Keine unschuldigen Hände

Die Nachricht erreichte Seren, als sie den Saal der zwölf Kuratoren noch nicht betreten hatte. Akita hatte die Herkunftsbestätigung der widerrufenen Verbindung erhalten, doch der Datensatz war unvollständig: Jemand hatte in der Nacht eine Kopie aus dem Verwaltungsnetz angefordert und dabei eine interne Sperrmarkierung ausgelöst. Die Originale waren unverändert geblieben. Dass sich jemand für genau diesen Vorgang interessierte, war trotzdem kein Zufall, den Seren bereitwillig hinnahm.

Sie las Akitas Bericht ein zweites Mal, während die ersten Abgeordneten und Berater durch den Korridor eilten. Ein Zugriff aus dem Büro einer zivilen Koordinierungsstelle war vermerkt, jedoch ohne eindeutig zugeordneten Nutzer. Diese Stelle arbeitete für mehrere Mitglieder des Konklaves und unterstützte auch Telanas Anhörung. Seren spürte, wie sich ein vertrauter Gedanke anbot: dass sie endlich wusste, wen sie verdächtigen musste. Sie schob ihn beiseite. Noch wusste sie nur, dass jemand eine Spur gesehen hatte, die niemand außerhalb der Untersuchung hätte kennen sollen.

Taren wartete am Ende des Korridors. Er bemerkte ihre Anspannung, noch bevor sie ihm das Modul reichte. „Eine neue Antwort?“

„Eine neue Frage, die jemand offenbar schneller stellen wollte als wir.“

Er las die kurze Meldung und sah durch die geöffneten Türen in den Saal. Dort bereiteten die Kuratoren eine Entscheidung vor, die das Kräfteverhältnis in Nerava verändern konnte. „Dann müssen wir verhindern, dass diese Frage verschwindet, während drinnen über Zuständigkeiten gesprochen wird.“

Seren nickte. „Und wir dürfen die Sitzung nicht mit einem Verdacht sprengen, den wir nicht belegen können.“

Sie betraten den Saal gemeinsam.

⁂

Telana stand bereits am Rednerpult, als Seren ihren Platz einnahm. Sie hatte keine aufrührerische Rede vorbereitet. Stattdessen sprach sie von Joren Pell, der unter Schutz gestanden hatte und dennoch getötet worden war, und von einer Verwaltung, in der einzelne Stellen pflichtbewusst handeln konnten, während die Übergänge zwischen ihnen offenblieben. Ihre Beschreibung war so präzise, dass Seren an Akitas erschöpftes Gesicht denken musste. Telana verstand das Problem. Gerade das machte ihre Worte gefährlich überzeugend.

„Wer einen Menschen in Gewahrsam nimmt, übernimmt Verantwortung für sein Leben“, sagte Telana. „Wenn wir nach diesem Mord lediglich erklären, dass jeder seinen Teil korrekt erledigt hat, werden wir beim nächsten Opfer dieselben Sätze wiederholen.“

Einige Kuratoren nickten. Andere blieben zurückhaltend. Einer von ihnen, ein älterer Mann namens Varos, fragte, ob Telana mit ihrer vorgeschlagenen Koordinierungsstelle Zugriff auf laufende Ermittlungen erhalten wolle. Sie verneinte einen unmittelbaren Weisungsanspruch, bestand aber auf einer Übersicht der technischen Risiken, damit nicht mehrere Einrichtungen dieselben Fehler wiederholten. Der Unterschied war schmal und für die Zukunft entscheidend.

Seren meldete sich zu Wort. Sie berichtete von der Manipulation der Versorgung und von den unabhängigen Untersuchungen, ohne Einzelheiten zu nennen, die einen Täter warnen könnten. Dann wandte sie sich an die zwölf Kuratoren. „Wir brauchen bessere Abstimmung. Aber wir dürfen die Grenze zwischen Gefahrenabwehr und Beweisführung nicht verwischen. Wer Risiken koordiniert, darf nicht entscheiden, welche Spur verfolgt oder welcher Zeuge gehört wird.“

Telana begegnete ihrem Blick. „Darin sind wir uns einig.“

Es war eine Antwort, die Seren nicht beruhigte. Telana konnte sie aufrichtig meinen und dennoch später versuchen, die Grenze zu verschieben.

Die Beratung wurde für eine kurze Unterbrechung ausgesetzt. Vor der Tür standen Vertreter der Wohnquartiere, die Telana unterstützten, und Familien, die nach Jorens Tod Angst vor weiteren Anschlägen hatten. Ein Mann hielt Seren an und fragte, warum sie eine Sicherheitsmaßnahme verzögere, wenn die Verantwortlichen doch offenbar nicht einmal einen Gefangenen schützen konnten. Seren hätte ihm gern die vielen unsichtbaren Schritte erklärt, die Akita richtig ausgeführt hatte. Stattdessen sagte sie, dass sie die Koordinierung nicht ablehne, sondern eine Kontrolle verlange, die jeden Missbrauch ebenso ernst nehme wie jede Sicherheitslücke. Der Mann hörte zu, blieb aber unzufrieden. Sein Misstrauen war nicht gespielt, und Seren wusste, dass sie es nicht mit einem guten Satz beseitigen konnte.

⁂

Auf der Wartungsplattform verfolgte Korda die Sitzung nicht. Er saß Bren Korr gegenüber, der seine Hände auf dem Tisch gefaltet hatte und den Blick nicht von der versiegelten Tür nahm. Die übrigen Gefangenen waren getrennt untergebracht. Jorens Tod hatte ihnen deutlich gemacht, dass eine Aussage nicht nur juristische Folgen haben konnte.

„Sie haben den Mann getötet, der mit Ihnen geflogen ist“, sagte Korda.

Bren hob den Kopf. „Das wissen Sie nicht.“

„Ich weiß, dass er ermordet wurde. Ich weiß nicht, wer den Auftrag gegeben hat. Wenn Sie einen Unterschied darin erkennen, können wir vielleicht endlich miteinander reden.“

Der ehemalige Sicherheitsmann schwieg. Er war kein Mensch, dem eine sanfte Ansprache die Erinnerung zurückbrachte; Korda hatte das längst verstanden. Aber die Gewissheit, dass ein Auftraggeber selbst einen eigenen Verbindungsmann opfern konnte, hatte etwas in Brens Haltung verändert.

„Joren hat geglaubt, er könne die Zahlungen lesen“, sagte Bren schließlich. „Er hat immer behauptet, man müsse nur wissen, welcher Mittelsmann welchen Mittelsmann kennt. Ich habe ihm gesagt, dass solche Leute keine Freunde haben.“

Korda ließ ihn sprechen. Bren erzählte von einer Übergabe vor dem Angriff auf die Serrat, bei der ein unscheinbarer Kurier eine neue Zielkennung gebracht hatte. Der Mann hatte sich nicht ausgewiesen, doch Bren erinnerte sich an eine auffällige Beschädigung an der rechten Hand: Zwei Finger waren steif geblieben, als er den Behälter abstellte. Korda fragte nach Ort, Zeit und Zeugen. Bren konnte keinen Namen liefern, aber er beschrieb eine Wartungshalle auf einer Handelsstation und ein altes Kennzeichen an der Transportkiste.

„Warum erzählen Sie mir das jetzt?“

Bren sah wieder zur Tür. „Weil Joren dachte, dass er mehr wert wäre, solange er etwas wusste. Vielleicht ist das Gegenteil richtig.“

Korda beendete die Befragung, ohne ihm Schutz zu versprechen, den er nicht garantieren konnte. Er ließ die Aussage unabhängig sichern und bat Akita, den beschriebenen Transport zu prüfen. Eine einzelne Erinnerung war kein Beweis. Aber sie war zum ersten Mal eine Spur, die sich außerhalb eines Archivs überprüfen ließ.

Als er aus dem Verhörraum kam, wartete Sira bereits mit einem anderen Problem auf ihn. Die angeforderte Herkunftsbestätigung aus Nerava war auf dem Weg zu ihnen gewesen, als ein externer Prüfserver die Zustellung verzögert hatte. Die Nachricht behauptete einen Routinefehler; das Protokoll zeigte jedoch einen gezielten Versuch, den Vorgang an eine neue Empfängergruppe umzuleiten.

„Hat jemand die Daten bekommen?“, fragte Korda.

„Nicht die Originale. Akita hat die Freigabe rechtzeitig eingefroren.“ Sira verschränkte die Arme. „Aber irgendjemand wusste ziemlich genau, wonach er suchen musste.“

Korda dachte an Bren und an den Kurier mit der verletzten Hand. Er hatte den Eindruck, dass die Gegenseite zum ersten Mal nicht nur Spuren beseitigte, sondern auf ihre Schritte reagierte. Das bedeutete, dass sie näher gekommen waren. Es bedeutete ebenso, dass jemand anders schneller werden würde.

⁂

Daven Oris hatte währenddessen die alte Empfängerliste von Mitchs Tarnkennung erhalten. Er bestand darauf, sie gemeinsam mit einer unabhängigen Archivarin zu öffnen, damit später niemand behaupten konnte, die Einträge seien nachträglich verändert worden. Seren war nicht dabei; die Sitzung hielt sie fest. Taren nahm über eine gesicherte Verbindung teil und sah zu, wie zwei getrennte Prüfschlüssel die historische Sperre aufhoben.

Die Liste enthielt sechs Empfangsstellen. Fünf gehörten zu dem damaligen Ermittlungsauftrag. Die sechste war ein Sammelpostfach der Sicherheitsverwaltung, das wenige Wochen vor Mitchs Tod eingerichtet worden war und danach rasch wieder verschwand. Hinter dem Postfach stand kein einzelner Name, wohl aber eine Dienstanweisung, die den Zugriff auf zwei leitende Mitarbeiter begrenzte.

Oris suchte nach den damaligen Dienstplänen. Einer der Mitarbeiter war kurz nach der Operation in den Ruhestand versetzt worden; der andere, eine Frau namens Neral Vey, arbeitete heute als Beraterin für zivile Sicherheitsfragen in Nerava. Taren kannte den Namen nicht, doch er hatte ihn am Morgen auf der Teilnehmerliste der Anhörung gesehen.

„Sie ist heute im Konklavegebäude“, sagte er.

Oris ließ die Unterlagen nicht vorschnell als Schuldnachweis kennzeichnen. „Das Postfach konnte von beiden benutzt werden. Und selbst wenn Vey den Zugriff hatte, wissen wir nicht, ob sie die Kennung weitergegeben hat.“

„Dann fragen wir sie“, erwiderte Taren.

Die Archivarin hob den Blick. „Wenn wir sie ohne Vorbereitung ansprechen, weiß sie sofort, was wir gefunden haben.“

Taren sah auf den Zeitstempel der alten Dienstanweisung. Mitch war damals noch am Leben gewesen. Jemand hatte die Möglichkeit besessen, seine Identität zu sehen, bevor die Mörder sie kannten. Er dachte an Telana, die Jahre um Antworten gerungen hatte, und daran, dass die Frau, die möglicherweise etwas darüber wusste, wenige Räume von ihr entfernt saß.

„Seren muss das erfahren“, sagte er. „Danach entscheiden wir, wer mit Vey spricht. Aber wir lassen sie nicht einfach abreisen.“

⁂

Neral Vey verließ die Anhörung während der zweiten Unterbrechung. Sie war eine hochgewachsene Frau mit silbernem Haar, die in den Gängen des Konklavegebäudes von mehreren Mitarbeitern freundlich begrüßt wurde. Ihre Schritte wirkten weder hastig noch heimlich. Gerade deshalb fiel es Taren schwer, in ihr jemanden zu sehen, der vor Jahren eine Tarnidentität verraten haben könnte.

Er hatte Seren die Archivliste gezeigt. Gemeinsam hatten sie beschlossen, Vey zunächst um ein freiwilliges Gespräch zu bitten, ohne ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Seren wusste, dass die Frau jederzeit ablehnen durfte. Was sie nicht wusste, war, ob sie sich diese Freiheit zunutze machen würde.

Vey blieb stehen, als Seren sie ansprach. Ihr Gesicht veränderte sich kaum, doch bei der Erwähnung der alten Sicherheitsverwaltung legte sie den Kopf leicht zur Seite. „Das ist lange her.“

„Es betrifft einen Mann, der damals ermordet wurde“, sagte Seren. „Wir möchten verstehen, wie seine Tarnkennung an eine unberechtigte Stelle gelangte.“

„Wenn Sie eine formelle Aussage wollen, schicken Sie mir eine Ladung.“

„Im Moment bitten wir Sie um ein Gespräch.“

Vey blickte von Seren zu Taren. „Sie wissen nicht, worum Sie bitten.“

Seren erwiderte nichts. Die Frau schien das Schweigen als Einladung zu verstehen, und für einen Moment wirkte sie müde. „Damals war die Verwaltung nicht die saubere Ordnung, die Ihre Berichte daraus machen. Jeder hatte Angst vor undichten Stellen. Also wurden neue Verteiler angelegt, alte gesperrt, Zugriffe geteilt. Man konnte eine Information weiterreichen, ohne je zu sehen, wohin sie ging.“

„Haben Sie Mitch Agurs Tarnkennung gesehen?“

Vey hob den Blick so schnell, dass Taren die Antwort schon vor ihren Worten zu kennen glaubte. „Diesen Namen sollten Sie hier nicht laut aussprechen.“

Seren spürte, wie sich der Korridor um sie herum mit gewöhnlichem Leben füllte: Schritte, Gespräche, das Summen eines Transportwagens. Veys Warnung war leise gewesen, aber sie hatte das Gewicht einer Erinnerung, die nie verschwunden war.

„Warum nicht?“, fragte Seren.

„Weil die Leute, die ihn damals gefunden haben, nicht alle tot sind.“ Vey sah über ihre Schulter. „Und weil jemand dafür gesorgt hat, dass seine Akte geschlossen blieb.“

Bevor Seren nachfragen konnte, vibrierte Veys Kommunikationsgerät. Die Frau warf einen Blick darauf, und das wenige Blut, das ihr noch im Gesicht geblieben war, schien zu verschwinden. „Ich habe Ihnen nichts gesagt“, murmelte sie.

„Frau Vey—“

„Sie verstehen nicht.“ Vey trat einen Schritt zurück. „Ich habe damals versucht, den Fehler zu melden.“

Sie wandte sich ab und ging. Seren folgte ihr nicht sofort. Eine Verfolgung ohne rechtliche Grundlage hätte nur einen neuen Fehler geschaffen. Stattdessen gab sie Akita über den gesicherten Kanal den Hinweis, dass eine mögliche Zeugin bedroht sein könnte, und bat die Gebäudesicherheit, Vey diskret einen freiwilligen Schutzkontakt anzubieten.

Taren sah die Nachricht, die Vey so erschreckt hatte, nicht. Aber er hatte den Augenblick gesehen, in dem aus einer vorsichtigen Zeugin eine verängstigte Frau geworden war. „Jemand hört mit“, sagte er.

„Vielleicht.“ Seren blickte in die Richtung, in der Vey verschwunden war. „Oder jemand hat ihr vor langer Zeit beigebracht, was passiert, wenn sie redet.“

⁂

Telana hatte Vey im Korridor gesehen. Sie hatte nicht gehört, was gesprochen worden war, doch die Gesichter genügten, um zu erkennen, dass Seren die alte Spur nicht länger nur aus Akten zusammensetzte. Als Vey an ihr vorbeikam, nickte sie kaum merklich. Telana erwiderte die Geste aus Gewohnheit und bereute sie sofort. Sie kannte die ehemalige Sicherheitsberaterin seit Jahren. Nach Mitchs Tod hatte Vey ihr einmal gesagt, sie solle die Vergangenheit ruhen lassen. Damals hatte Telana geglaubt, die Frau wolle die Institution schützen. Jetzt fragte sie sich, ob Vey selbst Angst gehabt hatte.

Ein Mitarbeiter rief Telana zur Fortsetzung der Sitzung. Sie nahm ihre Unterlagen und ging hinein. Während sie sprach, sah sie Seren auf der gegenüberliegenden Seite des Saals sitzen. Der Gedanke, dass Seren irgendwann auch den jüngsten Mord mit ihr verbinden könnte, war nicht mehr fern oder theoretisch. Er hatte ein Gesicht bekommen, das sie kannte und dem sie einmal vertraut hatte.

Die Kuratoren diskutierten länger als erwartet. Varos verlangte eine schriftliche Grenze zwischen der neuen Koordinierungsstelle und den laufenden Ermittlungen. Zwei andere Kuratoren unterstützten ihn, während mehrere Vertreter der Wohnquartiere auf rasche Entscheidungen drängten. Telana erkannte, dass sie ihre Unterstützung verlieren könnte, wenn sie auf einem uneingeschränkten Zugriff beharrte. Sie stimmte daher zu, dass die neue Stelle zunächst ausschließlich technische Gefahrenmeldungen in anonymisierter Form erhalten sollte. Personenbezogene Ermittlungsdaten blieben ausdrücklich ausgeschlossen.

Es war eine vernünftige Grenze. Telana sprach sich selbst dafür aus und wusste doch, dass sie sich später über jeden Bericht ärgern würde, der ihr die Namen vorenthielt, die sie dringend wissen wollte.

Noch bevor die Abstimmung begann, erhielt Seren eine neue Nachricht von Akita. Der versuchte Umleitungszugriff auf die Herkunftsbestätigung hatte eine Signatur hinterlassen, die zu einer aktiven Wartungsberechtigung im Konklavegebäude gehörte. Die Kennung war einer technischen Dienstgruppe zugeordnet, die heute während der Anhörung eingesetzt war. Akita konnte nicht feststellen, wer sie benutzt hatte. Aber die Zugriffsuhrzeit fiel in die Minuten, in denen Vey den Korridor verlassen hatte.

Seren legte das Modul neben sich. Sie sah zur Tür und bemerkte, dass Vey nicht zurückgekehrt war.

⁂

Der erste Hinweis, dass etwas geschehen war, kam von einem jungen Sicherheitsmitarbeiter. Er hatte Vey am Ausgang zu den Versorgungsliften gesehen und ihr den Weg zur Besucherhalle erklärt. Wenig später hatte eine Wartungseinheit gemeldet, dass einer der Lifte wegen einer technischen Prüfung gesperrt sei. Die Meldung war inzwischen zurückgenommen worden. Vey selbst ließ sich nicht erreichen.

Seren informierte die Gebäudesicherheit und bat um eine Überprüfung der Aufzeichnungen. Sie gab keine öffentliche Fahndung heraus; noch wusste niemand, ob Vey freiwillig gegangen war. Taren schloss sich dem Sicherheitsteam an, während die Kuratoren im Saal ihre Beratungen fortsetzten. Er nahm den schnelleren Weg durch die Versorgungsgänge, in denen die Geräusche der Anhörung nur noch als dumpfes Echo zu hören waren.

Am gesperrten Lift fand er eine Technikerin, die an einer geöffneten Schalttafel arbeitete. Sie erklärte, die Anlage habe einen widersprüchlichen Wartungsbefehl erhalten und sei deshalb vorsorglich angehalten worden. Taren ließ sich die Freigaben zeigen. Wieder waren es zwei Bestätigungen, die sich gegenseitig deckten, ohne von derselben Stelle ausgestellt worden zu sein.

„Ist jemand eingestiegen?“, fragte er.

Die Technikerin schüttelte den Kopf. „Nicht über diesen Zugang. Aber der Lastenlift dahinter wurde zur selben Zeit gerufen.“

Taren folgte ihr in den nächsten Gang. Der Lastenlift stand offen. Auf dem Boden lag ein zerbrochenes Datenmodul, dessen Gehäuse unter einem schweren Gegenstand eingedrückt worden war. Daneben hatte jemand einen schmalen Streifen Stoff verloren, grau wie die Dienstjacken der Archivverwaltung. Taren berührte nichts. Er ließ den Bereich absperren und bat die Technikerin, ihre Beobachtungen direkt in das gesicherte Protokoll zu sprechen.

Seren traf wenige Minuten später ein. Sie sah das zerstörte Modul und die Spuren am Boden, dann den leeren Lift. Taren musste ihr nicht erklären, weshalb er Veys Verschwinden nun nicht mehr für einen gewöhnlichen Aufbruch hielt.

„Wir haben noch keinen Beweis, dass sie gegen ihren Willen mitgenommen wurde“, sagte er. „Aber jemand hat hier die Technik manipuliert, und sie ist verschwunden, unmittelbar nachdem sie uns etwas sagen wollte.“

Seren nickte. Sie dachte an Joren Pell, der in einer gesicherten Zelle gestorben war. Diesmal durfte die Antwort nicht darin bestehen, alle Türen zu verriegeln und darauf zu hoffen, dass die Gefahr draußen blieb. Sie bat Akita, die Wartungsbefehle mit den bekannten Prüfkennungen abzugleichen, und ließ die zivilen Rettungsdienste über eine mögliche vermisste Person informieren. Die Suche sollte beginnen, ohne dass eine ungesicherte Anschuldigung durch Nerava lief.

⁂

Die zwölf Kuratoren hatten die Abstimmung noch nicht beendet, als Seren in den Saal zurückkehrte. Telana sah ihr sofort an, dass etwas geschehen war. Seren meldete dem Vorsitzenden, dass eine mögliche Zeugin in einer historischen Mordermittlung nicht mehr erreichbar sei und dass es Hinweise auf einen manipulierten Zugang im Konklavegebäude gebe. Sie nannte Veys Namen nur im vertraulichen Teil der Sitzung und bat darum, die Abstimmung zu unterbrechen, bis die unmittelbare Gefährdung geprüft war.

Einige Kuratoren reagierten empört. Andere wollten wissen, ob die Vorfälle nicht gerade bewiesen, wie dringend Telanas Koordinierungsstelle gebraucht werde. Telana stand auf. Für einen Moment glaubte Seren, sie werde diese Gelegenheit nutzen, um ihre Forderung zu verschärfen. Stattdessen sprach Telana sich für die Unterbrechung aus.

„Wenn eine Zeugin gefährdet ist, helfen ihr neue Zuständigkeiten nicht in den nächsten Minuten“, sagte sie. „Dann brauchen die verantwortlichen Einsatzkräfte die Freiheit, zu handeln. Wir können später darüber streiten, wie wir ihre Arbeit besser unterstützen.“

Seren sah sie an. Telanas Antwort war richtig. Und weil sie richtig war, wurde die Frau vor ihr nicht leichter zu verstehen.

Die Sitzung wurde vertagt. Als sich der Saal leerte, erreichte Seren eine verschlüsselte Meldung von Sira. Die Signatur des manipulierten Lifts entsprach nicht nur dem Muster der alten Vermittlungsstruktur. Sie war über denselben Dienstleister gelaufen, dessen Kennung im Zusammenhang mit Jorens Wasserversorgung aufgetaucht war. Eine technische Gemeinsamkeit war noch kein Täterbeweis, aber sie verband die aktuelle Störung mit dem Anschlag auf der Wartungsplattform.

Taren las die Nachricht neben ihr. „Dann haben wir jemanden aufgeschreckt.“

„Ja“, sagte Seren. „Und wir wissen nicht, ob Vey noch Zeit hat, uns zu erzählen, wovor sie Angst hatte.“

Sie blickte zu den Türen, durch die Telana gerade verschwunden war. Noch immer gab es keinen belastbaren Grund, sie des Mordes an Joren zu beschuldigen. Aber es gab nun Menschen, die mit allen Mitteln verhinderten, dass Mitchs Vergangenheit untersucht wurde, und mindestens einer von ihnen konnte bis in die technische Infrastruktur des Konklavegebäudes greifen.

Seren gab Akita die Freigabe, die Spur der Wartungsbefehle zu sichern, und bat Taren, bei der Suche nach Vey zu bleiben. Sie selbst ging nicht zurück in ihr Büro. Sie machte sich auf den Weg zu der Frau, die Mitch am besten gekannt hatte und vielleicht mehr über die damalige Angst wusste, als sie bisher gesagt hatte.

Diesmal wollte sie Telana nicht nur fragen, was man ihr erzählt hatte.

Sie wollte wissen, was sie selbst herausgefunden hatte.

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