Ein schriller, metallischer Warnton riss Seren aus ihren Gedanken, noch bevor sie die Schiffsmesse komplett erreicht hatte. Das vertraute, monotone Summen des Hyperraumantriebs wurde plötzlich von einem ungesunden, rhythmischen Klackern überlagert.
„Hey! Weg da! Nein, nicht den roten Hebel – BD-1!“, gellte Greez’ Stimme aufgebracht aus dem Cockpit.
Ein lautes Biep-Biep-Chirp war die prompte, leicht panische Antwort des kleinen Droiden.
Seren beschleunigte ihre Schritte und bog um die Ecke. Im Cockpit herrschte pures Chaos. BD-1 balancierte mit seinen beiden Teleskopbeinen direkt auf der primären Triebwerkskonsole. Seine Spleißsonde war tief in ein offenes Wartungspanel ausgefahren, während seine optischen Sensoren aufgeregt blau flackerten. Greez fuchtelte wild mit allen vier Armen in der Luft herum, traute sich aber offenbar nicht, den Droiden unsanft wegzureißen, aus Angst, die Verbindung zum Navigationscomputer komplett zu kappen.
„Er versucht nur zu helfen, Greez!“, rief Cal, der gerade aus dem Heckbereich geeilt kam. „BD, zieh die Sonde zurück!“
Ein plötzlicher Funkenflug schoss aus der Konsole. BD-1 machte vor Schreck einen Satz rückwärts, landete unglücklich auf dem Schubregler und löste eine Kettenreaktion aus. Die künstliche Gravitation der Mantis sackte für den Bruchteil einer Sekunde ab, nur um sich im nächsten Moment mit doppelter Wucht zu fangen.
Das eigentliche Desaster spielte sich jedoch ein paar Meter weiter hinten ab – in der schiffseigenen Kombüse.
Durch den abrupten Gravitationsschock hatte sich die Verriegelung des automatischen Kühl- und Vorratsbehälters gelöst. Mit einem dumpfen Knall explodierte die Druckdichtung eines halbvollen Kanisters mit fermentierter T’baki-Sauce – einer zähflüssigen, neongrünen Spezialität von Lateron. Wie aus einer Schrotflinte abgefeuert verteilte sich die klebrige Masse über die glänzenden Chromwände, die Decke und den gesamten Küchenbereich. Mehrere Körbe mit getrockneten Giju-Wurzeln flogen hinterher und vermischten sich am Boden zu einem ungenießbaren, schlammigen Brei.
Als sich die Schwerkraft wieder stabilisierte, saß Greez fassungslos in seinem Pilotensessel. Ein einzelner, dicker Tropfen der grünen Sauce klatschte von der Deckenverkleidung direkt auf sein linkes Auge.
„Mein Schmorbraten“, flüsterte der Latero mit brechender Stimme. Er drehte sich langsam um und starrte in die völlig verwüstete Küche. „Das... das war die letzte Ration für diesen Flug. Das Essen fällt aus. Wir hungern. Wir werden alle im Hyperraum verhungern!“
BD-1 duckte sich tief auf Cals Schulter, zog den Kopf zwischen die mechanischen Schulterblätter und ließ die Ohren-Antennen traurig nach unten hängen. Ein leises, beschämtes Chirp-Wuh drang aus seinem Lautsprecher.
„Keiner verhungert, Greez“, seufzte Cal und rieb sich müde über die Stirn, während er den Droiden beruhigend tätschelte. „Wir haben noch die Energieriegel im Notfallset.“
„Energieriegel?!“, rief Greez und wischte sich die Sauce aus dem Gesicht. „Diese geschmacksneutralen Kreideblöcke? Weißt du, wie viel Mühe ich mir mit den Aromen gegeben habe? Ich hatte eine Prise getrockneten Mondpfeffer drin! Und jetzt? Nichts! Keine Gewürze mehr an Bord!“
Seren sah sich das Schlachtfeld distanziert an. Die Erwähnung von Gewürzen ließ sie kurz an die alten Geschichten denken, die die älteren Schatten-Jäger am Lagerfeuer erzählt hatten – Mythen über eine sagenumwobene Welt namens Terra oder Erde . Ein Ort, an dem es unzählige, exotische Pflanzen und Gewürze gegeben haben soll, deren Namen man heute kaum noch fehlerfrei aussprechen konnte. Doch das waren eben nur das: Märchen aus einer längst vergessenen Zeit, Fabeln, um Kindern den Appetit auf karge Rationen schmackhaft zu machen. In der Realität des unkartierten Raums gab es nur synthetische Nährstoffe und das, was man den unwirtlichen Böden der Vaal-Welten abtrotzen konnte.
„Die Riegel werden genügen, Pilot“, sagte Seren kühl, auch wenn ihr der Magen beim Anblick der grünen Verwüstung ebenfalls protestierend knurrte. „Wir sind wegen einer Mission hier, nicht für ein Festmahl.“
Sie blickte zu Taren hinüber, der während des gesamten Vorfalls regungslos an der Wand der Messe gelehnt hatte. Er hatte nicht einmal gezuckt, als die Sauce explodierte. Seine Augen waren starr auf den Boden gerichtet, die Arme fest verschränkt, während er sich wieder in diese unheimliche, absolute Stille zurückzog, die ihn wie ein Schild umgab.
Das Chaos des Droiden hatte die Crew für einen Moment zusammengeschweißt – doch der lange Weg in den Tenebris-Sektor lag noch vor ihnen.