Bevor Seren die Lippen öffnen konnte, um auf Greez’ Frage zu antworten, bewegte sich eine Gestalt im Schatten jenseits des blauen Holo-Lichts. Merrin, die sich bis zu diesem Moment völlig lautlos im Hintergrund gehalten hatte, trat einen Schritt näher in den Kreis. Das saphirblaue Flackern strich über ihre bleiche Haut und die feinen, dunklen Tätowierungen auf ihrem Gesicht.
„Lass mich ihr antworten, Latero“, sagte Merrin leise, und ihre Stimme trug die tiefe, melancholische Schwere ihres Heimatplaneten. Sie setzte sich nicht auf den Boden, sondern blieb aufrecht am Rand des Lichtscheins stehen, die Arme lose in den weiten Ärmeln ihres Gewandes verborgen.
Ihr Blick lag ruhig auf Seren. Es war kein forschender Blick, sondern einer voller ungesprochenem Verständnis.
„Du suchst nach einer mathematischen Gleichung, nicht wahr, Schatten-Jägerin?“, begann Merrin, und ein trauriges, fast unmerkliches Lächeln lag auf ihren Lippen. „Du versuchst zu berechnen, ob der Schmerz, deine Heimat zu verlassen, schwerer wiegt als die Pflicht, bei den Toten zu bleiben. Ich kenne diesen Zwiespalt. Ich habe Jahre in ihm gelebt.“
Die Messe der Mantis wurde noch stiller, als sie es ohnehin schon war. Selbst Greez wagte kaum zu atmen.
„Als General Grievous meine Schwestern abschlachtete, brannte Dathomir“, fuhr Merrin fort, und in ihren Augen schien für einen kurzen Moment das giftgrüne Feuer der Nachtschwestern-Magie aufzuleuchten. „Ich war die Letzte. Ich hielt mich für die rechtmäßige Hüterin unserer Gräber. Ich dachte, meine einzige Pflicht sei es, die Asche meiner Familie vor Eindringlingen zu schützen. Ich habe mich in meinem eigenen Hass und meiner Trauer vergraben, genau wie du dich jetzt hinter deinen Vorschriften und dem Titel einer Kuratorin versteckst.“
Sie trat einen Schritt weiter vor, sodass das blaue Licht ihre Züge voll erhellte.
„Und weißt du, was ich gelernt habe, Seren? Gräber brauchen keine Wachen. Die Toten verlangen nicht von uns, dass wir zu Steinen werden, die ihre Ruinen sauber halten. Als Cal auf Dathomir landete, war er mein Feind. Aber als er mir die Hand ausstreckte, erkannte ich etwas: Meine Schwestern leben nicht in den verbrannten Festungen weiter. Sie leben in mir. In meinen Kräften, in meinen Erinnerungen, in jedem Atemzug, den ich tue. Wenn ich auf Dathomir gestorben wäre, wäre Dathomir endgültig tot.“
Sie hielt inne und deutete mit einer langsamen, eleganten Handbewegung auf die im Kreis sitzende Crew.
„Diese Männer hier... sie sind keine perfekte Armee. Sie sind gebrochen, unvollständig und manchmal unerträglich laut. Aber sie haben mir erlaubt, Dathomir mit mir zu tragen, anstatt auf seinen Trümmern zu verrotten. Sie verlangen von dir nicht, dass du vergisst, wer du bist. Sie geben dir den Raum, es zu bleiben. Dein Volk brennt, ja. Aber du rettest seine Geschichte nicht, indem du dich von Großadmiral Vance abschlachten lässt. Du rettest sie, indem du überlebst.“
Merrins Worte hingen wie schwerer Rauch im Raum. Sie hatte das ausgesprochen, was Seren sich selbst nicht einzugestehen gewagt hatte. Der Weg der Kuratorin auf Sylva-Vaal wäre kein Akt der Rettung gewesen – es wäre ein Akt der Selbstaufgabe gewesen.
Seren senkte den Kopf. Die Rüstung aus kühler Distanz, die sie so mühsam aufrechterhalten hatte, fühlte sich plötzlich unendlich schwer an. Sie blickte auf ihre Hände, atmete zittrig ein und sah dann nacheinander Greez, Cal, Taren und schließlich Merrin an.
„Mein Vater...“, begann Seren, und ihre Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern, das die Stille der Messe durchschnitt.