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KAPITEL 15

Drei Namen

Am nächsten Morgen kannte in Nerava kaum jemand die Namen Korda Venn, Sira Noll und Rusk Talven, und genau das war Daron vorerst recht. Die Nachricht der Serrat hatte den kleinen Kreis, der sie gesehen hatte, nicht verlassen. Es gab keinen Grund, aus drei Fremden bereits ein öffentliches Thema zu machen, solange niemand wusste, ob aus ihrer Warnung ein Gespräch, ein Problem oder schlicht eine einmalige Begegnung werden würde.

Das bedeutete allerdings nicht, dass Nerava nichts bemerkte. Eine Stadt, die noch klein genug war, dass ein ungewöhnlich lange belegter Arbeitsraum am Abend Fragen auslöste, entwickelte ihre eigenen Methoden, Lücken zu füllen. Taren Wayfarer hörte beim Frühstück zwei Männer darüber diskutieren, ob die Mantis erneut aufbrechen würde, obwohl sie beide keinerlei Hinweis darauf hatten. Eine Frau am Nachbartisch behauptete, Daron habe zusätzliche Flugprotokolle angefordert, und ihr Gegenüber erklärte mit großer Sicherheit, das geschehe nur, weil nach dem Angriff auf die Neris ohnehin alles doppelt geprüft werde.

Beide lagen näher an der Wahrheit, als Taren lieb war.

Seren Vael saß ihm gegenüber, hielt ihren Caf mit beiden Händen und beobachtete ihn über den Rand des Bechers hinweg. Es dauerte nicht lange, bis sie seinem Blick zu den beiden Männern am Nachbartisch folgte. „Du hörst schon wieder anderen Gesprächen zu“, stellte sie fest, allerdings mit jenem leichten Zug um den Mund, der den Vorwurf sofort relativierte. „Und bevor du behauptest, sie würden einfach zu laut reden: Das ist nur die höfliche Formulierung für dasselbe Verhalten.“

Taren schob ihr den kleinen Teller mit warmem Fladenbrot hinüber, von dem sie seit mehreren Minuten Stücke nahm, obwohl sie bei der Ausgabe behauptet hatte, keinen Hunger zu haben. „Ich versuche lediglich herauszufinden, wie lange Nerava braucht, um aus einer geschlossenen Tür einen geheimen Einsatz zu machen. Nach dem, was ich gerade höre, haben wir noch ein paar Stunden, bevor jemand behauptet, die Mantis sei bereits verschwunden.“

Seren riss ein weiteres Stück Brot ab und tauchte es in die würzige Paste auf ihrem eigenen Teller. „Bis zum Mittag“, entschied sie. „Spätestens dann hat irgendjemand einen Cousin, der jemanden kennt, der Daron gestern mit einer Karte gesehen hat. Ich wollte dir den Morgen nicht verderben, deshalb habe ich die optimistische Schätzung genommen.“

Taren lächelte und sah ihr einen Moment länger zu, als es für die Unterhaltung notwendig gewesen wäre. Sie trug eine einfache dunkle Jacke, das Haar noch nicht vollständig gebunden, und plötzlich erinnerte er sich weniger an Karten und Schiffe als daran, wie dieselben Haare wenige Stunden zuvor über seine Schulter gefallen waren. Die Erinnerung kam mit einer Wärme zurück, die ausgesprochen wenig mit dem Caf zu tun hatte, und führte seine Gedanken für einige Atemzüge in eine Richtung, die bei einem bevorstehenden Gespräch mit Daron kaum hilfreich sein würde.

Seren bemerkte seinen Blick natürlich. Sie ließ ihn gewähren, bis er selbst merkte, dass ihr Lächeln breiter geworden war. „Ich habe nichts dagegen, wenn du mehrere Dinge gleichzeitig denkst“, sagte sie leise. „Ich bezweifle nur, dass alle davon für Daron geeignet sind. Wenn du mich also weiter so ansiehst, musst du später selbst erklären, warum du bei der Hälfte seiner Sicherheitsfragen nicht zugehört hast.“

Taren nahm seinen Caf, um wenigstens den Anschein von Würde zu bewahren, während Seren sich wieder ihrem Frühstück widmete. Gerade in den letzten Tagen hatte er verstanden, dass solche Augenblicke keine Ablenkung von den wichtigen Dingen waren. Sie waren ein Teil dessen, was diese Dinge überhaupt erst wichtig machte.

Am anderen Ende des Gemeinschaftsraums kam Kitena mit zwei Freunden herein, diskutierte bereits im Gehen über irgendeine Aufgabe aus dem Unterricht und winkte ihnen nur kurz zu. Wenig später folgte Nalea, die Tylan an der Hand hielt und mit einer älteren Frau sprach, deren Arm in einer Schlinge lag. Niemand blieb stehen, weil Taren und Seren dort saßen. Niemand wartete darauf, dass sie eine Entscheidung über die Zukunft trafen. Nerava begann seinen Tag.

Dann vibrierte Tarens Kommunikator.

Daron hatte nur zwei Worte geschickt: Sie antworten.

***

Die Serrat antwortete nicht mit einer langen Rechtfertigung. Korda Venn bestätigte den Empfang, erklärte, dass das unbekannte Schiff seit dem Abbruch bei Pellin nicht erneut auf ihren Sensoren erschienen sei, und fügte die vollständigen Flugprotokolle der letzten zwei Tage bei. Danach stand ein Satz, über den Daron länger nachdachte als über den Rest.

Wenn ihr reden wollt, nennt Ort und Zeit. Wenn nicht, fliegen wir weiter und lassen die Sache damit enden.

„Das ist entweder sehr geschickt oder erstaunlich vernünftig“, sagte Cal Kestis, nachdem er die Nachricht ein zweites Mal gelesen hatte. Sie standen wieder in demselben Arbeitsraum wie am Vorabend; diesmal waren Greez und Merrin ebenfalls da, BD-1 hatte sich auf einen niedrigen Versorgungsschrank gesetzt, und Daron hielt auf dem Projektor eine Karte der umliegenden Systeme offen.

Seren lehnte mit verschränkten Armen an der Tischkante. „Beides schließt sich nicht aus. Korda weiß vermutlich selbst, dass jede Forderung, jede neugierige Nachfrage und jeder Versuch, uns zu einem bestimmten Ort zu locken, das Gespräch beenden würde, bevor es begonnen hat. Vielleicht ist er vernünftig genug, genau das verstanden zu haben. Die interessantere Frage ist, ob seine beiden Leute dieselbe Entscheidung mittragen.“

Greez ließ den Blick über die Karte wandern und tippte schließlich auf einen Punkt, der weit außerhalb jeder Verbindung zu Tenebris lag. „Wenn ihr sie wirklich treffen wollt, würde ich Khelar nehmen. Die Mantis kann erst nach Pellin, dann nach Rethar und von dort über zwei kurze Sprünge zur Station. Der alte Frachtknoten ist seit Jahren kaum benutzt, aber nicht völlig tot, und rundherum gibt es genug zivile Routen, dass niemand aus unserem Anflug etwas Brauchbares ableiten kann.“

Daron sah erst auf den markierten Punkt und dann zu Greez. „Du kennst also eine verlassene Frachtstation, die zufällig genau für ein Treffen geeignet ist, bei dem niemand später wissen soll, woher wir gekommen sind.“

Greez zog die Schultern hoch. „Ich habe ein langes Leben geführt. Und bevor Cal etwas sagt: Ja, ich war dort öfter. Nein, die Einzelheiten helfen bei der Sicherheitsplanung nicht.“

Cal grinste bereits. „Du hattest Schulden.“

„Der Mann, bei dem ich Schulden hatte, ist seit zwölf Jahren tot“, erklärte Greez mit der Würde eines Mannes, der diese Information für einen vollständigen Freispruch hielt. Merrin neigte den Kopf und wies ruhig darauf hin, dass dies die Frage erstaunlicherweise nicht beantworte. Greez sah nacheinander in die Runde und stellte fest, dass heute offenbar alle beschlossen hätten, anstrengend zu sein.

Die Heiterkeit nahm der Entscheidung nichts von ihrem Gewicht, aber sie machte sie menschlicher. Daron vergrößerte die Karte und prüfte die möglichen Anflugvektoren. Khelar lag weit genug von Tenebris entfernt, dass selbst eine Verfolgung der Mantis keinen direkten Hinweis auf den Vaal-Korridor geben würde; gleichzeitig war die Station nahe genug an regulären Frachtrouten, um im Notfall Hilfe erreichen zu können.

„Dann machen wir es kontrolliert“, sagte Daron nach einer Weile. „Die Mantis geht zuerst hinein. Die Serrat bekommt ein Zeitfenster und einen einzigen Anflugvektor. Wenn ihr Kurs davon abweicht, wenn ein drittes Schiff auftaucht oder wenn sie während des Anflugs aktiv versuchen, eure vorherige Route auszulesen, brecht ihr ab. Ich weiß, dass das nach sehr vielen Gründen klingt, wieder umzudrehen. Genau das ist beabsichtigt.“

Greez hob eine Hand und meinte, er erkenne ein gewisses Muster. Daron erwiderte trocken, dann müsse er es wenigstens nicht dreimal erklären, bevor Seren die Karte näher zu sich zog und nach der Besatzung fragte.

Daron ließ sich mit der Antwort Zeit. Greez sollte fliegen, Cal, Taren und Seren mitgehen. Merrin dagegen wollte er in Nerava behalten, nicht weil er ihre Fähigkeiten geringer einschätzte, sondern weil er jemanden brauchte, der Cal, Taren und ihre Art zu entscheiden gut genug kannte, falls während ihrer Abwesenheit etwas geschehen sollte. Merrin musterte ihn einige Sekunden, ehe sie zugab, dass dies zumindest eine vernünftige Begründung sei. Cal wollte gerade anmerken, Daron lerne schnell, als dieser ihn daran erinnerte, dass ausgerechnet er mitfliegen werde.

BD-1 protestierte sofort so empört, dass Daron zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte. „Dich hatte ich bereits eingerechnet. Ich wollte nur sehen, wie lange du brauchst, um dich zu beschweren.“ Der Droide antwortete mit einem deutlich zufriedeneren Triller.

Eine Stunde später ging die Nachricht hinaus. Khelar. Vierzehn Stunden. Ein einziges Schiff. Keine Begleitung. Keine aktiven Langstreckenscans während des Anflugs. Wer die Bedingungen nicht akzeptierte, sollte nicht kommen.

Die Antwort traf nach neun Minuten ein.

Einverstanden.

***

Auf der Serrat las Sira Noll die Bedingungen zweimal und schob das Datenpad über den kleinen Tisch im Aufenthaltsraum. „Sie möchten, dass wir uns auf einer verlassenen Frachtstation treffen, während des Anflugs unsere Sensoren drosseln und darauf vertrauen, dass dort nicht sechs bewaffnete Schiffe auf uns warten. Ich sage nicht, dass wir nicht hinfliegen sollen. Ich möchte nur, dass wir später nicht so tun, als hätte niemand erwähnt, dass das eine ausgesprochen schlechte Idee sein könnte.“

Rusk Talven saß ihr gegenüber mit einem geöffneten Gehäuse zwischen den Knien und arbeitete an einem Sensorverteiler, der nach seiner eigenen Aussage nur deshalb noch funktionierte, weil er sich weigerte, dessen tatsächliches Alter zu bestimmen. „Wenn diese Leute sechs bewaffnete Schiffe hätten, müssten sie vermutlich weniger heimlich Filter, Pumpen und Ersatzteile kaufen. Das ist keine Sicherheitsanalyse“, fügte er hinzu, bevor Sira etwas sagen konnte. „Es ist Trost. Sicherheitsanalysen machen dich meistens noch schlechter gelaunt.“

Korda Venn stand am schmalen Sichtfenster und las die Nachricht ein drittes Mal. Er hatte nicht erwartet, überhaupt eine Antwort zu bekommen; noch weniger hatte er damit gerechnet, dass aus dem verschlüsselten Rückkanal innerhalb eines Tages ein Treffpunkt werden würde. „Wir gehen hin“, sagte er schließlich. „Aber wir halten uns exakt an ihre Bedingungen. Keine versteckten Scans, keine Sonde, keine Aufzeichnung ihres Anflugvektors. Wenn wir wollen, dass sie glauben, wir hätten aufgehört, nach ihrem Weg zu suchen, reicht es nicht, das zu behaupten.“

Rusk hielt in seiner Arbeit inne. Die Bordcomputer zeichneten den Anflug automatisch auf, erklärte er, und seine Miene wurde sichtbar unglücklicher, als Korda verlangte, den entsprechenden Abschnitt vor dem Treffen zu löschen. „Du verlangst gerade von mir, absichtlich Daten zu vernichten. Ich möchte, dass das wenigstens als persönliches Opfer anerkannt wird.“

„Du wirst es überleben“, sagte Sira, doch ihr Blick blieb bei Korda. Sie kannte ihn seit neun Jahren und wusste, wann er eine Entscheidung aus Vorsicht traf und wann etwas anderes dahinterlag. „Vor einer Woche wollten wir noch herausfinden, wohin die Mantis fliegt. Der Angriff auf die Neris erklärt, warum du nicht mehr blind hinterherwillst. Er erklärt aber nicht, warum du jetzt unbedingt die Menschen treffen möchtest, die am anderen Ende dieser Spur sitzen.“

Korda setzte sich und ließ die Hände einen Moment auf dem Tisch liegen. „Weil wir angefangen haben, etwas über Menschen herauszufinden, bevor wir wussten, wer sie sind. Am Anfang war das eine interessante Route, vielleicht ein Datensatz, den jemand bezahlen würde. Dann hat jemand auf die Neris geschossen, um dieselbe Antwort zu bekommen, und plötzlich gefiel mir nicht mehr, wie ähnlich die Fragen klangen. Ich möchte wissen, ob wir rechtzeitig aufgehört haben, dieselbe Art von Fehler zu machen.“

Rusk legte sein Werkzeug beiseite und meinte, ihm habe die ursprüngliche Idee eigentlich ziemlich gut gefallen, solange noch Aussicht auf Bezahlung bestanden habe. Sira warf ihm einen Blick zu, der ihn zu der Klarstellung veranlasste, dies sei selbstverständlich eine grobe Vereinfachung seiner Persönlichkeit. Korda musste lächeln, doch Sira ließ ihn nicht aus der Verantwortung. Wenn die Leute auf Khelar ihnen sagten, sie sollten verschwinden, wollte sie wissen, ob er das wirklich akzeptieren würde.

„Dann verschwinden wir“, sagte Korda. „Ohne zweite Runde, ohne heimliche Sonde und ohne Rusk nachts zurückzuschicken, damit er doch noch ein Navigationsprotokoll stiehlt.“

„Ich hätte eine Sonde vorgeschlagen“, murmelte Rusk. „Nachts zurückfliegen wäre unverhältnismäßig.“

Sira lehnte sich zurück. Damit konnte sie leben. Falls auf Khelar dennoch sechs bewaffnete Schiffe warteten, behielt sie sich allerdings das Recht vor, Korda während der Flucht ausführlich daran zu erinnern, dass sie gewarnt hatte. Korda gestand ihr dieses Recht zu, worauf Rusk darum bat, in diesem hypothetischen Szenario wenigstens fliegen zu dürfen. Korda und Sira lehnten so gleichzeitig ab, dass er sich wieder seinem Sensorverteiler widmete und erklärte, neun Jahre Zusammenarbeit hätten offenbar keinerlei Vertrauen geschaffen.

***

Als die Mantis Nerava verließ, war der Nachmittag längst in jenen langen, kalten Abend übergegangen, der auf Tenebris mehr mit den Arbeitszeiten der Menschen als mit dem Licht zu tun hatte. Greez saß im Pilotensitz, Cal neben ihm, während Taren und Seren hinter ihnen die letzten Daten über Khelar prüften. BD-1 bewegte sich zwischen den Konsolen und ließ keinen Zweifel daran, dass er die Sicherheitskontrollen für wichtiger hielt als sämtliche Gespräche der Erwachsenen.

Taren sah beim Abflug zurück. Nerava verschwand schnell unter ihnen, erst als Ansammlung von Lichtern, dann als kaum erkennbare Struktur zwischen Eis und dunklem Gestein. Er kannte dieses Gefühl inzwischen. Früher hatte ein startendes Schiff bedeutet, dass vor ihm etwas lag. Heute bedeutete es zusätzlich, dass hinter ihm etwas blieb.

Serens Hand legte sich kurz auf Tarens Unterarm. Sie musste nicht fragen, woran er dachte; sie kannte inzwischen den Blick, mit dem er einem verschwindenden Nerava folgte. „Wir kommen zurück“, sagte sie ruhig. „Und bevor du behauptest, du hättest gar nichts gesagt: Du wirst nicht schwerer zu lesen, nur weil du schweigst.“

Taren sah zu ihr und meinte, das sei auf Dauer ausgesprochen beunruhigend. Seren ließ ihre Finger noch einen Augenblick auf seiner Haut liegen und erwiderte, für ihn vielleicht. Es war eine kleine Berührung, aber sie reichte, um ihn daran zu erinnern, dass hinter ihnen nicht nur ein Ort zurückblieb, sondern ein Leben, in das sie beide zurückkehren wollten.

Khelar war keine schöne Station. Greez hatte das bereits mehrfach angekündigt, aber selbst seine Beschreibung hatte die Wirklichkeit nur unzureichend vorbereitet. Der alte Frachtknoten hing über einem grauen Mond wie ein vergessenes Gerüst. Zwei der vier äußeren Dockarme waren dunkel, am dritten funktionierte nur jede zweite Positionsleuchte, und die zentrale Sektion zeigte Reparaturen aus mindestens drei Jahrzehnten, deren Hersteller sich offenbar nie auf eine gemeinsame Farbe geeinigt hatten.

„Ich nehme alles zurück, was ich jemals über die Serrat gesagt habe“, meinte Cal beim Anflug und betrachtete die ungleich beleuchteten Dockarme. „Neben dieser Station sieht wahrscheinlich jedes Schiff gepflegt aus.“

Greez brummte, Khelar sei schon hässlich gewesen, als die Station noch Geld verdient habe. In seiner Stimme lag allerdings so viel widerwillige Vertrautheit, dass Cal wissen wollte, ob er hier tatsächlich längere Zeit verbracht habe. Greez erklärte, er habe hier genug Zeit verbracht, um die Andockautomatik persönlich zu verabscheuen, und als Cal wieder auf die erwähnten Schulden zurückkam, verwies Greez ihn mit einem gereizten Wedeln der Hand auf den Copilotensitz. „Wenn du weiterfragst, fliegst du den Anflug selbst.“ Cal hob ergeben die Hände.

Sie waren dreißig Minuten zu früh. Greez setzte die Mantis an Dockarm Zwei, der nach mehreren automatischen Beschwerden schließlich akzeptierte, dass ein Schiff tatsächlich anlegen wollte. BD-1 prüfte die Stationssysteme und fand nur minimale Energieversorgung, Atmosphäre in zwei zentralen Bereichen und keine aktiven Lebenszeichen.

Dann warteten sie.

Taren mochte Warten weniger, seit er ein Zuhause hatte. Früher hatte er Stunden an Übergängen, in Häfen oder auf verlassenen Wegen verbringen können, ohne das Gefühl zu haben, irgendwo anders sein zu sollen. Jetzt dachte er an den Gemeinschaftsraum, an Tylans Diskussion mit BD-1, an die Arbeit, die morgen auf ihn wartete, und an ein Bett, das sich inzwischen falsch anfühlte, wenn Seren nicht darin lag.

Taren stand mit Seren an der Luftschleuse, während sie zum zweiten Mal die Befestigung ihrer kurzen Klinge überprüfte. Er fragte nicht direkt, ob sie nervös sei; er kannte die Antwort ohnehin. „Du bist sehr aufmerksam“, sagte er stattdessen und betonte das letzte Wort gerade genug.

Seren sah auf und durchschaute ihn sofort. „Und du machst Witze, weil du nicht sagen möchtest, dass du nervös bist. Wir können also beide so tun, als hätten wir unsere jeweiligen Begriffe sehr sorgfältig gewählt.“ Ihr Mund zuckte. „Solange wir trotzdem aufpassen, darfst du deine Version behalten.“

Das Signal der Serrat erschien zwölf Minuten später auf den passiven Sensoren. Das Schiff kam genau auf dem vereinbarten Vektor, reduzierte Geschwindigkeit früher als nötig und sendete seine Kennung, noch bevor Greez danach fragen konnte.

Serrat. Unabhängiger Bergungsfrachter. Drei Personen an Bord.

Keine weiteren Kontakte folgten.

„Sie halten sich bisher an jede Bedingung“, sagte Cal. Greez ließ den Blick auf der Anzeige, als wolle er sich noch nicht zu früh freuen.

Seren beobachtete die Anzeige länger, bevor sie nickte. „Bis jetzt. Das ist mehr, als ich ihnen vor einem Tag zugetraut hätte, aber noch kein Grund, unvorsichtig zu werden.“

Als der Frachter am gegenüberliegenden Arm andockte, betrachtete Greez die grauen Platten verschiedener Tönung, die breite Schweißnaht und zwei Landestützen, die vermutlich niemals als Paar verkauft worden waren. „Das Ding fliegt“, murmelte er mit unverkennbarer Bewunderung. Cal grinste, weil Greez offenbar vergessen hatte, dass diese Feststellung bei ihm einem Kompliment entsprach.

Die innere Stationstür öffnete sich erst, nachdem beide Seiten bestätigt hatten, dass niemand zusätzliche Personen mitgebracht hatte. Dazwischen lag ein breiter ehemaliger Umschlagraum mit leeren Frachtmarkierungen auf dem Boden und einer Fensterfront, hinter der der graue Mond fast die Hälfte des Himmels einnahm.

Drei Menschen kamen von der anderen Seite.

Korda Venn ging in der Mitte. Taren hatte nach der Stimme aus der Nachricht einen älteren Mann erwartet, vielleicht weil Ruhe in Aufzeichnungen schnell wie Alter klang. Korda war schwer einzuschätzen; sein Gesicht wirkte müde genug, um viel gesehen zu haben, aber seine Bewegungen waren wach und kontrolliert. Rechts von ihm ging Sira Noll, deren Blick den Raum schneller erfasste als der Scanner an ihrem Handgelenk. Rusk Talven hielt sich einen halben Schritt zurück und sah zuerst zur Decke, dann zu den Seitentüren und schließlich zu BD-1.

BD-1 sah zurück.

Rusk Talvens Aufmerksamkeit blieb als Erstes an BD-1 hängen. „Oh“, sagte er und beugte sich ein wenig vor. „Der ist interessant.“ Cal legte eine Hand auf den Kopf des Droiden, nicht um ihn festzuhalten, sondern fast beiläufig, und erklärte, BD-1 entscheide selbst, wie interessant er für Fremde sein wolle. Rusk richtete sich sofort wieder auf und hob die Hände. „Verstanden. Ich schaue, bis er mir sagt, dass ich damit aufhören soll.“ BD-1 antwortete mit einem prüfenden Triller, der noch keine Zustimmung war.

Es war der erste direkte Austausch zwischen ihnen, und die Spannung verschwand dadurch nicht. Sie bekam lediglich eine Form. Korda blieb in deutlichem Abstand stehen und stellte die drei vor: Korda Venn, Sira Noll, Rusk Talven, Besatzung der Serrat. Taren erwiderte die Geste und nannte ebenso vollständig Taren Wayfarer, Seren Vael, Cal Kestis, Greez Dritus und BD-1.

Bei Greez' Namen bewegte sich etwas in Kordas Gesicht. Greez bemerkte es sofort und forderte ihn mit einem resignierten Blick auf, ruhig auszusprechen, woher er den Namen kenne. Korda erwähnte eine Sabacc-Runde auf Bracca, worauf Greez ohne jede Verzögerung erklärte, was auch immer Korda gehört habe, sei nicht seine Schuld gewesen. Cal musste nicht einmal etwas sagen; sein Blick genügte. Sira schüttelte leise lachend den Kopf und stellte fest, sie seien noch keine Minute im selben Raum und hätten offenbar bereits die erste Geschichte gefunden, über die niemand die Wahrheit erzählen wolle.

Taren merkte, wie sich etwas in der Atmosphäre löste. Nicht genug, um die Vorsicht verschwinden zu lassen, aber genug, um hinter den Namen Menschen erkennen zu können, deren gemeinsame Vergangenheit älter war als dieses Treffen.

Seren ließ sich davon nicht ablenken. Sie fragte nach den Aufzeichnungen des Anflugs, und Rusk bestätigte mit einer Miene, als müsse er einen persönlichen Verlust eingestehen, dass er sie gelöscht habe. Als Seren bemerkte, dies klinge nicht besonders freiwillig, erklärte er ausführlicher, Daten zu löschen widerspreche seiner Natur; Korda habe ihn jedoch davon überzeugt, dass ein Vertrauensbeweis wenig wert sei, wenn er nichts koste. „Ich möchte nur festhalten, dass moralischer Druck im Spiel war.“ Seren musterte ihn einen Moment und sagte dann, Nerava werde dieses Opfer angemessen würdigen. Diesmal lächelte sie tatsächlich.

Erst danach gingen sie an den alten Frachttisch. BD-1 verglich die mitgebrachten Daten mit den bereits übertragenen Protokollen, während Rusk sein eigenes Terminal öffnete und die Anzeige so drehte, dass alle sie sehen konnten. Sira legte eine Liste der Häfen daneben. „Wir können nicht beweisen, dass es jedes Mal dasselbe Schiff war“, erklärte sie. „Die Kennungen wechseln, und manchmal stimmen selbst die registrierten Klassen nicht. Aber Masse, Beschleunigung und einige Eigenheiten im Leistungsprofil passen zu oft zusammen. Meren, Kharis und Ordin liegen auf derselben Spur, danach die Neris, Pellin und schließlich wir. Entweder gibt es mehrere Leute mit sehr ähnlichen Schiffen und denselben schlechten Gewohnheiten, oder jemand bemüht sich seit einer Weile, nicht wiedererkannt zu werden.“

Cal ging die Daten durch und fragte, ob die Serrat damit bereits vor dem Angriff auf die Neris auf derselben Spur gewesen sei. Korda bejahte es ohne Ausflucht. Auch die zweite Frage, warum sie trotzdem weitergesucht hätten, beantwortete er nicht sofort mit einer Rechtfertigung. Stattdessen sah er zu Sira, als überlasse er ihr bewusst einen Teil der Wahrheit.

„Weil wir glaubten, hinter der Mantis könnte eine Route liegen, für die jemand bezahlt“, sagte Sira. „Vielleicht ein unbekanntes System, vielleicht eine kleine Siedlung, vielleicht nur ein schneller Weg zwischen zwei Orten. Wir bergen Dinge und verkaufen Informationen. Das ist kein edler Beruf, und wir werden auch nicht so tun, als hätten wir aus reiner Sorge um Fremde angefangen, eure Versorgung zu beobachten. Damals wart ihr keine Menschen für uns. Ihr wart ein Muster.“

Seren nahm diese Offenheit hin, ohne sie freundlicher zu machen. „Und wenn ihr das Ende dieses Musters gefunden hättet?“

Sira atmete langsam aus. Sie und Korda hätten genau darüber mehrfach gestritten, erklärte sie. Eine Siedlung selbst hätten sie in Ruhe gelassen; niemand auf der Serrat habe vorgehabt, einer abgelegenen Gemeinschaft Vorräte oder Technik wegzunehmen. Die Route dagegen hätten sie zunächst als Information betrachtet, die sich verkaufen ließ. „Vor einer Woche hätte ich dir gesagt, dass eine Route niemandem gehört. Heute sehe ich deutlicher, dass eine Route zu einem verborgenen Ort nicht automatisch von den Menschen getrennt werden kann, die dort leben.“

Rusk saß auf der Kante eines alten Frachtcontainers und ergänzte, diese Erkenntnis sei unter anderem dadurch beschleunigt worden, dass jemand bereit gewesen sei, auf die Neris zu schießen. „Geschäftliche Konkurrenz verliert etwas von ihrem Reiz, sobald sie versucht, Besatzungen aus Schiffen zu holen.“

Taren trat näher an den Tisch. „Ihr wisst also immer noch nicht, wo wir herkommen. Und wenn dieses Treffen vorbei ist, wisst ihr es ebenfalls nicht.“

Korda nickte. „Genau. Wir werden nicht fragen. Ich verdiene mit Informationen Geld, aber ich habe inzwischen gelernt, dass manche Informationen teurer werden, sobald man sie besitzt. Wenn wir euren Ort nicht kennen, können wir ihn weder versehentlich verraten noch unter Druck herausgeben. Das ist für euch sicherer und für uns ebenfalls.“

Greez brummte zustimmend und erklärte, dies sei vermutlich das Vernünftigste, was er an diesem Tag gehört habe. Cal erinnerte ihn daran, dass er noch vor einer Stunde behauptet hatte, die Andockautomatik hege eine persönliche Abneigung gegen ihn. Greez sah ihn ernst an. „Das tut sie auch. Vernunft und Tatsachen schließen einander nicht aus.“

Das Gespräch dauerte fast zwei Stunden. Es war weniger dramatisch, als Taren sich einen ersten Kontakt mit Menschen vorgestellt hätte, die seit Wochen unbemerkt an den Rändern ihrer Versorgung entlanggelaufen waren. Vielleicht war genau das gut. Niemand zog eine Waffe. Niemand enthüllte eine große Wahrheit. Sie verglichen Daten, widersprachen einander, stellten Fragen und ließen andere unbeantwortet.

Seren wollte anschließend genau wissen, weshalb die Serrat das fremde Schiff bei Pellin nicht weiter verfolgt hatte. Korda nahm sich Zeit für die Antwort. „Weil wir nicht wussten, was es konnte, und weil Neugier kein guter Grund ist, drei Menschen umzubringen. Sira würde jetzt hinzufügen, dass ich außerdem keine Lust hatte, die Serrat zu verlieren, und sie hätte recht. Beides gehört zusammen. Wir wollten wissen, wer uns folgte, aber nicht so dringend, dass wir ihm dafür den nächsten Schritt überlassen.“

Sira warf ihm einen Seitenblick zu. „Das ist deutlich vernünftiger formuliert als in dem Moment, in dem du entschieden hast umzudrehen.“

„In dem Moment hattest du gerade erklärt, dass du mich aus der Luftschleuse wirfst, wenn ich noch einmal versuche, den Kontakt zu provozieren.“

„Auch das war vernünftig.“

Rusk hob vom Terminal den Kopf. „Für das Protokoll: Ich war für Wegfliegen. Ich möchte nicht, dass neun Jahre gemeinsamer schlechter Entscheidungen meinen Ruf beschädigen.“ Der Satz löste kein Feuerwerk aus Pointen aus, sondern führte in eine längere Erzählung darüber, wie häufig Korda und Sira sich in der Vergangenheit gegenseitig vor angeblich guten Ideen hatten retten müssen. Taren hörte zu und begriff dabei mehr über die drei als aus ihren Flugprotokollen: Sie stritten nicht darüber, ob einer dem anderen vertraute, sondern darüber, wie weit dieses Vertrauen belastet werden durfte.

Cal wechselte später mit Rusk zu den Sensorstörungen. BD-1 beteiligte sich so energisch, dass Rusk sich irgendwann auf den Boden setzte, um mit ihm auf gleicher Höhe die Signalspitzen zu vergleichen. Bevor er eine Datei auf BD-1s Schnittstelle übertrug, hielt er jedes Mal inne und fragte den Droiden, ob er sie annehmen wolle. Beim dritten Mal antwortete BD-1 bereits, bevor Cal übersetzen konnte. Taren bemerkte, dass Cal lächelte, ohne etwas dazu zu sagen.

Greez verschwand irgendwann für zehn Minuten auf die Mantis und kam mit einem Behälter zurück, aus dem es nach Caf roch. „Bevor jemand das missversteht: Das ist noch keine Gastfreundschaft. Ich will lediglich herausfinden, ob ihr zu den Menschen gehört, denen man etwas zu trinken geben kann, ohne dass sie sofort über den Preis verhandeln.“

Sira nahm den Becher, roch daran und probierte vorsichtig. Dann sah sie zu Korda. „Wir sollten uns benehmen. Sie haben Caf.“ Greez wirkte, als hätte sie soeben einen deutlich wichtigeren Vertrag unterschrieben als alles, was an diesem Tag auf dem Tisch gelegen hatte.

Taren lehnte sich gegen den alten Frachttisch und beobachtete die Gruppe. Noch gestern waren Korda Venn, Sira Noll und Rusk Talven drei Namen in einer Nachricht gewesen. Jetzt wusste er, dass Rusk beim Nachdenken mit dem Daumen über eine alte Brandspur an seinem Werkzeug strich, dass Sira Fragen stellte, ohne den Blick abzuwenden, und dass Korda vor einer Antwort etwas länger schwieg, wenn er sie wirklich ernst nahm. Es waren Kleinigkeiten, doch genau aus solchen Kleinigkeiten wurden Menschen.

Seren trat neben ihn und folgte seinem Blick. „Du bist bereits neugierig auf sie“, sagte sie leise. „Ich sage nicht, dass du ihnen vertraust. Aber ich kenne diesen Gesichtsausdruck. Du möchtest herausfinden, ob du es irgendwann kannst.“

Taren wollte widersprechen, stellte aber fest, dass sie damit vermutlich nur Gelegenheit bekommen würde, ausführlicher zu erklären, weshalb sie recht hatte. „Ich kenne sie seit zwei Stunden. Das ist ein ziemlich dünner Grund für eine Diagnose.“

„Merrin behauptet, ich sei darin überraschend gut.“ Seren sah kurz zu ihm, und ihr Lächeln verriet, dass die neue Freundschaft zwischen den beiden noch einige unangenehme Folgen für ihn und Cal haben würde. Taren erklärte, sie redeten eindeutig zu viel miteinander. „Wir haben gerade erst angefangen“, erwiderte Seren, und er glaubte ihr sofort.

Als die Daten weitgehend verglichen waren, sprach Korda schließlich die Frage aus, die seit Beginn des Treffens im Raum stand. „Was passiert jetzt? Ich frage nicht nach eurem Ort. Ich möchte nur wissen, ob wir nach diesem Gespräch davon ausgehen sollen, dass ihr euch wieder meldet, oder ob dies der Punkt ist, an dem wir unsere Wege trennen.“

Seren sah zu Taren, dann zu Cal und Greez. Es war keine Abstimmung; eher die bewusste Erinnerung daran, dass keiner von ihnen allein für Nerava sprechen konnte. „Jetzt fliegt ihr zurück, und wir tun dasselbe. Danach sprechen wir mit den Menschen, deren Sicherheit davon abhängt. Wenn es einen weiteren Kontakt gibt, melden wir uns. Ich weiß, dass das unbefriedigend klingt, aber mehr kann ich euch heute nicht versprechen.“

Rusk verzog den Mund und gab zu, dass „unbefriedigend“ ziemlich genau passe. Sira dagegen fragte nicht nach einer Zusage, sondern nach etwas Praktischerem. Falls Nerava irgendwann Versorgung brauche, könne die Serrat Dinge bewegen, ohne dass die Mantis jedes Mal dasselbe Muster erzeuge. Sie kannten Händler, die keine Fragen stellten, solange sie bezahlt wurden, und andere, die zwar Fragen stellten, aber wenigstens keine Antworten verkauften.

Taren sah zu Korda. „Und was erwartet ihr dafür? Ich frage das nicht, weil ich das Angebot ablehnen will. Ich möchte nur wissen, ob wir gerade über Hilfe oder über Arbeit sprechen.“

Korda lächelte zum ersten Mal beinahe offen. „Über Arbeit. Bezahlt zu werden wäre ein Anfang. Wir sind kein Hilfswerk, und ich glaube, ihr würdet uns weniger vertrauen, wenn wir plötzlich so täten.“ Sira schnaubte leise, doch Korda hob nur die Schultern. „Wir können etwas, das euch vielleicht nützt. Ihr habt möglicherweise Aufträge, für die ihr jemanden braucht, der nicht ständig denselben Weg fliegt. Das ist eine vernünftige Grundlage.“

Gerade diese Antwort machte das Angebot für Taren glaubwürdiger. Die Serrat wollte nicht aus plötzlicher moralischer Erleuchtung für eine unbekannte Gemeinschaft arbeiten. Sie bot etwas an, das sie konnte, zu Bedingungen, die zu ihr passten.

Seren schien ähnlich zu denken. „Wenn es dazu kommt, erfahrt ihr trotzdem nicht, wohin die Fracht am Ende geht. Und falls euch jemand mehr dafür bietet, genau das herauszufinden, möchte ich nicht erst davon hören, wenn es zu spät ist.“

Korda wurde wieder ernst. „Dann erfahrt ihr es zuerst. Nicht weil ich behaupte, dass Geld keine Rolle spielt, sondern weil jemand, der nach eurem Ziel fragt, inzwischen auch für uns interessant wäre. Und wenn wir eine Abmachung mit euch eingehen, verkaufe ich sie nicht anschließend an den Nächsten weiter.“

Sira sah ihn von der Seite an, nicht überrascht, aber aufmerksam genug, dass Taren verstand, dieser Satz war auch für sie nicht völlig selbstverständlich gewesen. Seren nickte langsam. „Das ist mehr, als ich heute Morgen erwartet habe. Ob es reicht, entscheide ich nicht hier. Aber es ist mehr.“

Rusk sah zwischen ihr und Taren hin und her und meinte, er beginne zu verstehen, weshalb Taren sie zu diesem Treffen mitgebracht habe. Taren konnte nicht verhindern, dass er lachte. „Ich bin ziemlich sicher, dass es andersherum war.“

Serens Blick traf seinen, warm und amüsiert, und blieb einen Herzschlag länger liegen. Für diesen kurzen Moment erinnerte Taren sich sehr deutlich an den Morgen und daran, dass zwischen dieser Station und ihrem Bett noch mehrere Sprünge lagen. Seren kannte ihn gut genug, um die Richtung seiner Gedanken zu erkennen. In ihrem Blick erschien dieselbe Erinnerung, nur einen Moment lang, bevor sie sich mit sichtbarer Disziplin wieder Korda zuwandte.

„Wir melden uns“, sagte sie. Es war keine Freundschaftserklärung und kein Versprechen. Für diesen Tag war es genug.

***

Auf dem Rückweg flog die Mantis zunächst nach Rethar und anschließend einen Umweg, der Greez zweimal dazu brachte, die Treibstoffplanung persönlich zu beleidigen. Erst als BD-1 sicher war, dass kein Schiff ihnen folgte und keine Sonde ihren letzten Sprung erfasst hatte, nahmen sie den langen Weg zurück zum Vaal-Korridor.

Cal saß mit Taren im Aufenthaltsbereich, während Seren vorn bei Greez die Anflugdaten prüfte. BD-1 hatte sich nach mehreren Stunden Sensorarbeit in seine Ladeposition zurückgezogen.

Cal wartete, bis die Mantis den ersten Sprung hinter sich hatte, bevor er Taren im Aufenthaltsbereich fragte, was er von den dreien halte. Er musste nicht erklären, wen er meinte.

Taren lehnte den Kopf gegen die Wand und suchte länger nach einer Antwort, als er erwartet hatte. „Ich vertraue ihnen noch nicht. Aber ich möchte herausfinden, ob ich es irgendwann kann. Das ist mehr, als ich gestern über sie gesagt hätte. Und ich glaube, Seren geht es ähnlich, auch wenn ich nicht vorhabe, ihr diese Formulierung als Zitat vorzulegen.“

Cal lächelte. „Das wäre vermutlich klüger. Mir geht es ähnlich. Rusk hat BD-1 jedes einzelne Mal gefragt, bevor er auf seine Schnittstelle zugegriffen hat. Er hätte es wahrscheinlich auch einfach versuchen können, zumindest beim ersten Mal.“

„Ist mir aufgefallen.“ Taren dachte an den kleinen Droiden, der nach der dritten Frage bereits von selbst näher an Rusks Terminal gerückt war. „Vielleicht ist genau das der Punkt. Vertrauen beginnt nicht damit, dass jemand erklärt, vertrauenswürdig zu sein. Manchmal beginnt es damit, dass er eine Grenze sieht, die er problemlos überschreiten könnte, und es nicht tut.“

Cal nickte und ließ das Thema damit ruhen. Mehr mussten sie darüber nicht sagen.

Als die Mantis Nerava erreichte, war es spät. Trotzdem brannte in mehreren Gemeinschaftsräumen noch Licht. Ein Reparaturteam arbeitete an einem Versorgungsgleiter, aus einer offenen Tür drang gedämpftes Lachen, und irgendwo lief Musik, die Taren nicht kannte. Das Leben hatte während ihrer Abwesenheit keine Pause gemacht.

Merrin wartete nicht am Fahrzeugfeld. Cal fand das zunächst bemerkenswert genug, um misstrauisch zu werden, bis eine Nachricht von ihr eintraf, in der sie ihn aufforderte, nicht dramatisch zu sein und ins Quartier zu kommen. Danach verabschiedete er sich mit einer Geschwindigkeit, die Greez zu der Bemerkung veranlasste, Cal könne wenigstens so tun, als interessiere ihn noch das Schiff. Taren grinste. „Tut es nicht.“ Greez seufzte, klang dabei aber eher zufrieden als gekränkt.

Daron wollte den vollständigen Bericht erst am nächsten Morgen. Das war vielleicht die vernünftigste Entscheidung des Tages. Seren und Taren gingen gemeinsam durch die ruhiger werdenden Gänge. Vor einem Wohnmodul saßen zwei ältere Männer über einem Brettspiel, das Taren noch immer nicht verstand; eine junge Frau kam ihnen mit einem schlafenden Kind auf dem Arm entgegen, und aus Cerestas Werkstatt fiel Licht in den Gang, obwohl es längst nach ihrer üblichen Arbeitszeit war.

Ilyra Mandor stand in der offenen Tür. Sie hatte eine Hand am Rahmen und sagte gerade etwas, das Taren nicht verstand. Ceresta Ventari antwortete von drinnen, worauf Ilyra lachte und den Kopf schüttelte. Dann trat Ceresta näher. Für einen Moment sah es aus, als würden beide gleichzeitig etwas sagen wollen, und gerade weil keine von ihnen es tat, verlangsamte Taren unwillkürlich den Schritt.

Seren bemerkte es sofort. „Wir bleiben nicht stehen“, murmelte sie, ohne Ilyra und Ceresta direkt anzusehen. „Und bevor du behauptest, du würdest nur zufällig langsamer: Du bist ein miserabler Lügner, wenn du neugierig bist.“

Taren erklärte leise, er passe sich lediglich ihrem Tempo an. Seren nannte ihn einen Feigling, ging allerdings selbst nicht schneller. Hinter ihnen wurde es still, und beide schafften es nur wenige Schritte, bevor die Neugier gewann.

Als sie zurückblickten, stand Ceresta dicht vor Ilyra. Zu dicht für ein technisches Gespräch, selbst nach Cerestas großzügigen Maßstäben. Ilyra sagte etwas, das im Gang nicht zu verstehen war. Cerestas Antwort bestand zunächst nur aus einem Lächeln, und vielleicht war es genau dieses Lächeln, das Ilyra die letzte Unsicherheit nahm. Sie hob die Hand an Cerestas Gesicht und küsste sie.

Es war kein vorsichtiger Irrtum und kein flüchtiges Berühren, das sich am nächsten Morgen anders erklären ließ. Ceresta erstarrte nur für den Bruchteil eines Augenblicks, bevor ihre Hand an Ilyras Hüfte glitt und sie den Kuss erwiderte. Ilyra hatte sich diesen Moment in den vergangenen Tagen mehr als einmal vorgestellt und dabei jedes Mal geglaubt, ihre Fantasie würde sie auf das Gefühl vorbereiten. Sie hatte sich geirrt. Die Wärme von Cerestas Mund, die Nähe ihres Körpers und vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der Ceresta sie näher zog, waren unmittelbarer als alles, was Ilyra sich ausgemalt hatte. Als sie sich schließlich voneinander lösten, blieben ihre Stirnen aneinander, und Ilyra musste leise lachen, weil ihr für einen seltenen Moment nichts Kluges einfiel.

Seren zog Taren weiter, bevor sie entdeckt wurden. Erst hinter der nächsten Biegung blieb sie stehen und sah ihn an. „Du wirst morgen kein Wort darüber verlieren. Und du wirst Ceresta auch nicht mit diesem Gesicht ansehen, als hättest du gerade ein geheimes historisches Ereignis beobachtet.“

Taren hob unschuldig die Hände. Er freue sich lediglich für beide und wisse außerdem gar nicht, wie man jemanden nach einem geheimen historischen Ereignis ansehe. Seren betrachtete ihn einige Sekunden. „Genau so“, entschied sie schließlich.

Er lachte, doch das Lachen endete, als sie ihn am Kragen zu sich zog. Ihr Kuss war anders als der, den sie gerade beobachtet hatten: nicht neu, nicht vorsichtig, sondern vertraut und getragen von jener unmittelbaren Wärme, die Taren seit dem Frühstück immer wieder in seinen Gedanken begleitet hatte. Seren kannte seinen Körper, seine Reaktionen und inzwischen auch die kleinen Veränderungen in seinem Atem gut genug, um genau zu wissen, was sie mit ihm tat. Als sie sich löste, blieb sie so nah, dass ihre Lippen seine fast noch berührten.

„Wir haben heute drei Fremde getroffen, niemand hat uns verfolgt, und Daron will den Bericht erst morgen“, sagte sie leise. „Ich halte das für eine ausgesprochen günstige Reihenfolge von Umständen.“

Taren sah in ihre Augen und verstand, dass dies weniger eine Zusammenfassung als eine Prioritätenliste war. Die Gedanken, die er am Morgen nur widerwillig hatte beiseiteschieben müssen, waren plötzlich wieder sehr präsent, und Serens Lächeln verriet, dass sie daran nicht ganz unschuldig war. Der Rest des Weges zu ihrem Quartier dauerte nicht lange.

***

Am nächsten Morgen saßen Korda, Sira und Rusk wieder in der Serrat.

Rusk hatte die Füße auf eine Konsole gelegt, bis Sira sie im Vorbeigehen ohne Kommentar herunterstieß. Korda las währenddessen den kurzen Datensatz, den sie nach dem Treffen gemeinsam erstellt hatten. Keine Koordinaten, keine Anflugrichtungen, keine Bilder, die Rückschlüsse auf eine Siedlung zuließen. Nur Namen und das, was die andere Seite freiwillig gesagt hatte.

„Zwei Stunden Gespräch“, sagte Rusk und sah über Kordas Schulter, „und wir wissen nicht einmal, auf welchem Planeten sie leben. Früher hätte ich das als ausgesprochen schlechte Informationsausbeute bezeichnet.“

Sira ließ sich in den Pilotensitz sinken. „Dann hat das Treffen funktioniert. Wir wollten ihnen beweisen, dass wir nicht mehr versuchen herauszufinden, wo sie leben. Es wäre etwas widersprüchlich gewesen, mit den Koordinaten zurückzukommen.“

Rusk dachte darüber nach und verzog das Gesicht. „Das ist frustrierend vernünftig. Ich glaube, der Umgang mit diesen Leuten tut uns nicht gut.“

Korda schloss die Datei. Vor einer Woche hätte er die wenigen Informationen tatsächlich als enttäuschend empfunden. Jetzt dachte er an Seren Vaels Blick, als sie gefragt hatte, was sie für einen Versorgungslauf verlangen würden, an Tarens offensichtliche Neugier, an Cal und den kleinen Droiden und an Greez, der Caf verteilt hatte, als sei Gastfreundschaft eine Sicherheitsmaßnahme. Sie wussten immer noch nicht, wo der verborgene Weg endete, aber zum ersten Mal störte ihn das nicht.

Sira fuhr die Systeme hoch und fragte, wohin sie als Nächstes fliegen sollten. Korda öffnete die Liste ihrer regulären Aufträge: drei Bergungsanfragen, eine schlecht bezahlt und zwei vermutlich noch schlechter, als die Auftraggeber behaupteten. Das vertraute Leben wartete auf sie. „Weiter“, sagte er schließlich. „Wir haben Arbeit.“

Die Serrat löste sich von Khelar und drehte auf ihren nächsten Sprungpunkt. Hinter ihnen blieb die alte Station zurück. Vor ihnen lag keine neue Route, die sie verkaufen konnten, und kein geheimer Ort, den sie entdeckt hatten. Nur fünf Namen. Für den Anfang war das genug.

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