Kitena hatte ihrem Bruder dreimal erklärt, dass sie nicht zu einer Expedition aufbrachen. Beim ersten Mal hatte Tylan wissen wollen, ob man dann wenigstens einen Rucksack mitnehmen dürfe, beim zweiten, weshalb sie den Weg zur westlichen Messstation nicht einfach Expedition nennen könnten, und beim dritten hatte er ihr mit der Geduld eines Sechsjährigen erklärt, dass die Erwachsenen offenbar überhaupt keinen Sinn für Abenteuer besäßen. Sie hatte ihm daraufhin den Verschluss seiner Jacke zugemacht, den er selbst nicht richtig eingefädelt bekam, und beschlossen, die Diskussion erst wieder aufzunehmen, wenn sie am Ziel waren.
Der Morgen war kühl genug, dass sich an den äußeren Geländern feiner Reif gesammelt hatte. Zwischen den Wohnhäusern Neravas wurden die ersten Transportgleiter beladen; aus einer offenen Werkstatt drang das hohe Singen eines Schneidgeräts, und vor dem Gemeinschaftshaus stand eine Frau mit zwei dampfenden Bechern, während sie einem Lieferdroiden erklärte, weshalb die Kisten für die Küche nicht vor dem falschen Eingang abgestellt werden durften. Tylan blieb stehen, um dem Droiden zuzusehen, bis Kitena ihn an der Hand weiterzog.
„Du bist heute für die Messung zuständig, nicht für die gesamte Stadt“, erinnerte sie ihn. „Und wenn du nachher wieder behauptest, du hättest etwas ganz Wichtiges gesehen, möchte ich wenigstens wissen, was es war. Letztes Mal war es eine Schraube.“
„Eine besondere Schraube“, widersprach er und blickte über die Schulter zurück. „Sie hatte einen blauen Kopf. Papa hat gesagt, so eine braucht man nur, wenn man nicht will, dass sich etwas von allein löst.“
Kitena wusste, dass ihr Vater etwas ganz anderes gemeint hatte, aber Tylan hatte sich den Satz gemerkt und benutzte ihn seitdem bei jeder Gelegenheit. Sie hätte ihm das gern erklärt, wenn nicht gerade Nalea aus dem Verbindungsgang gekommen wäre. Ihre Mutter trug eine Tasche mit medizinischem Grundmaterial, die sie nicht für die Messstation benötigte, sondern für die Bereitschaftsstelle am westlichen Rand. Die beiden Ziele lagen nahe genug beieinander, dass sie den ersten Teil des Weges gemeinsam zurücklegen konnten.
„Ihr habt beide die Streckenfreigabe auf euren Armbändern?“, fragte Nalea, nachdem sie Tylan zur Begrüßung durch das Haar gefahren war. Kitena zeigte ihr die Anzeige, auf der die erlaubte Route als schmale grüne Linie markiert war. Sie hatte die Karte am Abend zuvor mit Garith durchgesehen, weil der Schulausflug zur Messstation wegen einer beschädigten Plattform abgesagt worden war. Für eine kleine betreute Messung hatte die Lehrerin jedoch eine Sonderfreigabe erteilt: Kitena sollte den Unterschied zwischen der Temperatur des Schwarzstaubs an der Oberfläche und jener in einem abgeschirmten Probenschacht dokumentieren. Tylan durfte mitkommen, weil Nalea ohnehin in der Nähe arbeitete und Garith den Zugang zuvor kontrolliert hatte.
„Und wenn sich die Markierung ändert?“, fragte Nalea.
„Dann bleiben wir auf dem letzten freigegebenen Abschnitt stehen und rufen dich oder Papa“, antwortete Kitena. Sie hörte selbst, wie sehr sie nach einer auswendig gelernten Sicherheitsanweisung klang, und verdrehte die Augen, bevor ihre Mutter es tun konnte. „Ich weiß, Mama. Ich bin dreizehn, nicht drei.“
„Genau deshalb frage ich dich“, erwiderte Nalea. „Bei Tylan genügt es meistens, wenn ich sage, dass er irgendwo nicht hingehen darf. Du kannst mir in fünf Minuten eine überzeugende Abhandlung darüber halten, weshalb das Verbot eigentlich etwas anderes bedeuten müsste.“
Kitena musste lachen, obwohl sie sich vorgenommen hatte, an diesem Morgen möglichst erwachsen zu wirken. Tylan dagegen erklärte ernsthaft, dass er ebenfalls sehr gut argumentieren könne, besonders wenn es um Nachtisch gehe. Nalea versprach, diese Fähigkeit am Abend angemessen zu würdigen, und verabschiedete sich an der Abzweigung zur Bereitschaftsstelle mit einer Umarmung, die Kitena nur deshalb hinnahm, weil gerade niemand aus ihrer Klasse vorbeikam.
Die westliche Messstation lag jenseits der dicht bebauten Wohnbereiche, dort, wo die befestigten Wege in ein Netz aus Wartungsstegen und markierten Fahrspuren übergingen. Früher hatte man an dieser Stelle Tenebrium-Ceralit für die ersten Bauteile Neravas gewonnen. Inzwischen diente das Gelände der Beobachtung von Temperaturverschiebungen und Materialbewegungen. Der alte Probenschacht war mit einer Abdeckung und einem mechanischen Gitter gesichert; die Sensorik meldete Veränderungen an eine Leitstelle, und an Tagen mit erhöhtem Risiko blieb das gesamte Gelände geschlossen.
Heute zeigte das Zugangsterminal eine normale Freigabe. Kitena legte ihre Hand an den Leser, wartete auf die Bestätigung und führte Tylan zu der niedrigen Messplattform, von der aus man den Probenschacht einsehen konnte. Ein kleiner Wartungsdroide fuhr auf einer Schiene am äußeren Rand entlang und überprüfte die Halterungen. Tylan betrachtete ihn mit so großem Interesse, dass Kitena befürchtete, er werde die eigentliche Aufgabe vergessen.
Sie begann mit den Messungen, während er die Zahlen auf einem eigenen kleinen Display ablas. Es war ein ernst gemeintes Arbeitsgerät für Kinder, kein Spielzeug, und er behandelte es zunächst auch entsprechend. Erst als der Wartungsdroide hinter einer Verkleidung verschwand und ein dumpfes Klopfen aus dem Boden zu hören war, hob er den Kopf.
„Das klingt wie die Pumpe bei Papa“, sagte er. „Nur langsamer.“
Kitena hörte es ebenfalls. Unter dem Steg arbeitete eine ältere Umwälzanlage, die warme Luft aus dem Probenschacht abführte. Sie erklärte ihm den Unterschied, und für einige Minuten war Tylan so zufrieden damit, den Rhythmus mit den Fingern nachzuklopfen, dass sie ihre Daten in Ruhe erfassen konnte. Dann bemerkte sie, dass die Temperaturanzeige im abgeschirmten Bereich schneller sank, als sie erwartet hatte.
Sie prüfte den Sensor ein zweites Mal, verglich die Werte mit der Kontrollsonde und rief Garith an. Ihr Vater meldete sich aus einer Werkstatt, in der im Hintergrund mehrere Stimmen durcheinanderredeten. Als sie ihm die Zahlen nannte, bat er sie, den Messvorgang zu beenden und auf der Plattform zu bleiben. Er wolle die Werte mit den Aufzeichnungen der letzten Nacht vergleichen, bevor er entschied, ob der Schacht für weitere Untersuchungen gesperrt werden müsse.
„Ist etwas kaputt?“, fragte Tylan, nachdem Kitena die Verbindung beendet hatte.
„Das weiß Papa noch nicht. Vielleicht ist es nur ein Sensor, der schlechte Laune hat.“ Sie wollte die Messgeräte verstauen, doch ihr Bruder hatte sich bereits an die Scheibe über dem Probenschacht gestellt und zeigte auf eine schmale Öffnung, die gestern auf der Karte nicht eingezeichnet gewesen war.
Hinter der äußeren Gitterkonstruktion war eine dunkle Linie zu erkennen. Kitena ging näher, ohne die Markierung am Boden zu überschreiten. Die Linie sah nicht aus wie ein Riss in der Abdeckung; sie lag tiefer, im Schwarzstaub selbst, und führte in eine Richtung, in der nach ihrer Erinnerung nur verdichtetes Material sein sollte. Sie fotografierte sie für Garith und setzte eine Markierung in der Messdatei.
„Da ist etwas darunter“, sagte Tylan.
„Vielleicht. Aber wir schauen nicht nach, bevor Papa kommt.“ Kitena steckte das Gerät ein und wandte sich zum Ausgang. In diesem Moment erlosch die grüne Linie auf ihrem Armband und wurde gelb. Eine Warnung erschien: Materialbewegung außerhalb des freigegebenen Messbereichs. Gleichzeitig schob sich am Zugangstor eine Sicherheitsblende herunter, langsam genug, dass sie die Bewegung sehen konnte, aber schnell genug, dass Kitena begriff, dass sie das Gelände nicht mehr auf dem üblichen Weg verlassen würden.
Sie drückte sofort den Notruf am Terminal. Die Leitstelle antwortete, noch bevor sie ihren Namen zu Ende genannt hatte, und bestätigte, dass der gesamte Westabschnitt vorsorglich gesperrt werde. Eine Aufsichtsperson sei bereits unterwegs. Sie sollten auf der Plattform bleiben und sich von der äußeren Brüstung fernhalten.
Kitena wiederholte die Anweisung laut, damit Tylan sie hörte. Er nickte, doch sein Blick hing an der dunklen Linie unter der Abdeckung. Aus dem Schacht kam nun ein leises, unregelmäßiges Knacken, als würde jemand in großer Tiefe kleine Steine gegeneinanderschlagen.
***
Garith hatte zunächst an einen Messfehler gedacht. Die Temperatur im alten Probenschacht war über Wochen langsam gefallen, und die Station war gerade deshalb für den Unterricht freigegeben worden, weil die Veränderungen sich so gut dokumentieren ließen. Die Werte, die Kitena ihm geschickt hatte, passten nicht zu diesem Verlauf. Sie zeigten eine plötzliche Abkühlung in einem schmalen Bereich, während die benachbarten Sensoren beinahe unverändert blieben.
Er schickte die Daten an die geotechnische Bereitschaft und öffnete gleichzeitig den Kanal zur Leitstelle. Dort bestätigte man eine lokale Materialbewegung, die noch unterhalb der Schwelle für eine großflächige Räumung lag. Dass die Sicherheitssperre trotzdem ausgelöst hatte, war Absicht: Das Gelände durfte erst wieder geöffnet werden, wenn jemand die Ursache geprüft hatte.
„Meine Kinder sind dort“, sagte Garith. Er hatte es sachlich sagen wollen, doch der Satz kam schneller heraus, als ihm lieb war. Die Frau in der Leitstelle kannte ihn seit Jahren und verschwendete keine Zeit mit Beruhigungsfloskeln. Sie bestätigte, dass beide auf der Plattform registriert seien, dass Kitena den Notruf ordnungsgemäß abgesetzt habe und dass eine Sicherungsmannschaft den Weg bereits nahm. Garith bat um eine direkte Verbindung zur Plattform, legte sein Werkzeug ab und ging selbst zum Fahrzeugfeld.
Nalea erreichte ihn noch vor dem Start. Ihre Bereitschaftsstelle hatte denselben Alarm erhalten, und sie trug die medizinische Tasche nun über der Schulter, während sie mit der anderen Hand ihre Jacke schloss. Garith wollte ihr die Daten zeigen, doch sie schüttelte den Kopf und fragte zuerst nach den Kindern. Er gab ihr die bestätigten Informationen, einschließlich des Hinweises, dass niemand die Plattform verlassen hatte.
„Gut“, sagte sie. „Dann bleiben wir bei dem, was wir wissen. Du kannst dir auf dem Flug erklären, weshalb der Schacht sich bewegt. Ich kümmere mich darum, dass wir vorbereitet sind, falls sie uns brauchen.“
Garith sah sie an und merkte, dass sie dieselbe Angst hatte wie er. Sie ließ sich nur nicht von ihr den nächsten Schritt vorgeben. Er nickte und startete den Gleiter, während Nalea die medizinische Bereitschaft über ihre Ankunft informierte.
***
Kitena hatte die Plattform nie als besonders hoch empfunden. Jetzt, da die Blende den einzigen Ausgang versperrte und unter ihnen ein Geräusch entstand, das sich nicht mehr wie eine gewöhnliche Umwälzanlage anhörte, wirkte der Steg schmaler. Sie hielt Tylan an der Hand und versuchte, den Abstand zur Brüstung zu vergrößern, ohne ihm ihre Unruhe zu zeigen.
Die Leitstelle meldete sich erneut. Eine Sicherungsmannschaft sei wenige Minuten entfernt; bis dahin sollten sie sich auf den inneren markierten Bereich setzen. Kitena führte Tylan zu einer flachen Wartungsbank, auf der er sich mit baumelnden Beinen niederließ. Er wollte wissen, ob Papa böse sein werde, weil sie die Messung nicht zu Ende gebracht hatten. Sie sagte ihm, dass Papa sich im Augenblick bestimmt für ganz andere Dinge interessiere, und hoffte, dass es stimmte.
Das erste stärkere Beben kam ohne Vorwarnung. Die Bank ruckte unter ihnen, ein Metallverschluss sprang aus seiner Halterung, und über dem Probenschacht fiel eine dünne Wolke Schwarzstaub nach unten. Kitena zog Tylan an sich. Die Plattform hielt, doch das Knacken aus der Tiefe wurde zu einem langen, reibenden Laut, der ihr unangenehm durch die Zähne ging.
Als der Boden wieder still war, bemerkte sie, dass die kleine Kontrollsonde neben der Bank aus ihrer Verankerung geraten war. Sie lag nur zwei Schritte entfernt, knapp außerhalb des inneren Sicherheitsbereichs. Kitena dachte einen Augenblick daran, sie zu holen, weil ihre Messdaten sonst verloren gehen würden. Dann sah sie zu ihrem Bruder, der die Lippen fest zusammenpresste und versuchte, nicht zu weinen, und ließ die Sonde liegen.
„Wir machen das genau so, wie Mama gesagt hat“, erklärte sie. „Wir bleiben hier. Wenn wir nachher zu Hause sind, kannst du erzählen, dass du eine richtige Sperrung erlebt hast. Aber bitte erzähl auch, dass wir uns an die Regeln gehalten haben, sonst bekomme ich für den Rest meines Lebens keine Messfreigabe mehr.“
Tylan brachte ein kleines Lächeln zustande. Er rückte näher und fragte, ob sie dann wenigstens zusammen die Geschichte erzählen dürften. Kitena versprach es ihm, und weil er sich an ihren Ärmel klammerte, legte sie den Arm um seine Schultern.
Der zweite Stoß kam von der anderen Seite. Er war schwächer, doch unter dem äußeren Steg brach eine Halterung aus dem Material. Die Plattform senkte sich um wenige Zentimeter und blieb schräg stehen. Gleichzeitig löste sich eine Abdeckplatte über dem Schacht und rutschte gegen das Gitter. Kitena hörte die Stimme der Leitstelle aus dem Terminal, konnte aber die Worte nicht verstehen, weil das Geräusch des Metalls alles überlagerte.
Tylan zuckte zusammen und wandte sich instinktiv von der fallenden Platte ab. Dabei glitt sein Fuß von der Bank. Kitena griff nach ihm, bekam den Ärmel seiner Jacke zu fassen und zog ihn zurück, doch der Stoff verfing sich an der scharfkantigen Halterung der Kontrollsonde. Sie spürte einen Ruck, dann gab die Naht nach. Tylan fiel nicht in den offenen Schacht. Er rutschte durch die schmale Lücke zwischen Bank und innerer Wartungsverkleidung, die durch das Absacken der Plattform aufgebrochen war.
Sein Schrei endete mit einem dumpfen Aufprall unter ihren Füßen.
Kitena war sofort auf den Knien. Unter der Verkleidung lag ein Wartungskanal, der in den alten Probenschacht mündete. Er war zu schmal für Erwachsene und nach den Plänen, die sie kannte, vollständig verschlossen. Jetzt fehlte ein Teil seiner oberen Abdeckung. Zwei Meter tiefer sah sie Tylans hellen Jackenärmel zwischen den Streben. Er bewegte sich, aber sie konnte nicht erkennen, ob er aufstehen konnte.
„Tylan, hörst du mich? Ich bin hier!“ Ihre Stimme überschlug sich. Er antwortete erst nach einigen Sekunden, weinend und heiser. Sein Bein tue weh, sagte er, und es sei dunkel. Kitena wollte sofort hinunterklettern, doch der nächste Blick auf die gebrochenen Streben zeigte ihr, dass sie damit nur ein zweites Kind in denselben Kanal bringen würde. Sie zwang sich, am Rand liegen zu bleiben, und aktivierte den Notruf erneut.
Diesmal sagte sie alles, was sie sehen konnte, in der Reihenfolge, die man ihnen beigebracht hatte: Plattform abgesackt, ein Kind durch eine beschädigte Wartungsöffnung gefallen, ungefähr zwei Meter tiefer, ansprechbar, Schmerzen am Bein, weitere Bewegung des Untergrunds möglich. Die Leitstelle wiederholte ihre Angaben und wies sie an, den Rand nicht zu belasten. Eine Rettungsmannschaft sei unmittelbar vor Ort.
Kitena wollte wissen, wie lange unmittelbar bedeutete. Sie erhielt eine Antwort, aber später konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Sie erinnerte sich nur an Tylans Stimme aus der Dunkelheit und daran, dass sie ihm weiter erzählte, was sie sehen konnte: die gelbe Warnleuchte, den kleinen Droiden, der auf seiner Schiene stehen geblieben war, und den Himmel über dem Dach der Messstation. Sie redete, damit er nicht glaubte, allein zu sein, und weil sie selbst sonst angefangen hätte zu schreien.
***
Als Garith den westlichen Abschnitt erreichte, war die erste Sicherungsmannschaft bereits am Zugang. Ein Techniker befestigte zusätzliche Träger an der abgesackten Plattform, während zwei weitere die Lastverteilung auf den verbleibenden Stützen prüften. Die Sicherheitssperre war geöffnet worden, doch niemand durfte den Steg betreten, bevor die Tragfähigkeit bestätigt war.
Nalea ging direkt zur Einsatzleitung. Sie ließ sich Tylans Zustand schildern und stellte die medizinischen Fragen, die Garith in diesem Augenblick nicht über die Lippen gebracht hätte. Ansprechbar, unklare Beinverletzung, keine sichtbare starke Blutung, Atmung regelmäßig. Ein Helfer hatte inzwischen eine kleine Kamera durch eine Wartungsöffnung geschoben und bestätigte, dass Tylan auf einem schmalen Absatz lag. Unter ihm führte der Kanal weiter in die Tiefe.
Garith betrachtete die Bauzeichnung auf dem tragbaren Terminal. Der Wartungskanal war nicht Teil der ursprünglichen Messstation. Er gehörte zu einer älteren Anlage, deren äußere Abschnitte man vor Jahren verfüllt und deren innere Öffnungen man verschlossen hatte. Nach allen bekannten Unterlagen hätte unter der Bank kein freier Hohlraum existieren dürfen. Die Sensoren überwachten deshalb die Materialschichten unter dem Probenschacht, nicht einen Zugang, den niemand mehr für vorhanden gehalten hatte.
„Ich habe die Freigabe geprüft“, sagte er, mehr zu Nalea als zu den anderen. „Gestern Abend noch einmal. Der Steg war sicher, die Abdeckung war geschlossen. Wenn ich auch nur den geringsten Hinweis gehabt hätte, dass darunter ein offener Kanal liegt, wären sie nicht hierhergekommen.“
Nalea legte eine Hand auf seinen Arm. Sie widersprach ihm nicht mit einem schnellen Trostsatz. „Ich weiß, dass du geprüft hast. Und ich weiß, dass du gerade alles wieder und wieder durchgehst. Aber Kitena steht dort oben und Tylan liegt unter ihr. Sie brauchen uns jetzt, nicht deine Entscheidung darüber, was du gestern anders hättest machen müssen.“
Garith schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, zeigte er dem Einsatzleiter eine seitliche Wartungsöffnung, die auf dem Plan knapp oberhalb von Tylans Position endete. Der Mann ließ die Stelle sofort mit einem Bodenradar prüfen. Das Ergebnis war ernüchternd: Zwischen der Öffnung und dem Kind lag eine instabile Schicht aus verdichtetem Schwarzstaub, die bei zusätzlicher Belastung in den Kanal rutschen konnte.
„Dann gehen wir nicht blind hinein“, entschied die Einsatzleiterin. „Wir stabilisieren von außen und holen erst ein genaueres Bild. Niemand gewinnt etwas, wenn wir aus einem verletzten Kind drei machen.“
Nalea nickte. Sie hatte Tylan inzwischen über den offenen Kanal erreicht und sprach ruhig mit ihm. Er konnte seine Zehen bewegen, sagte er, aber beim Versuch, das Bein zu drehen, tat es sehr weh. Sie bat ihn, es nicht noch einmal zu versuchen, und versprach ihm, dass sie bei ihm bleiben werde, auch wenn er sie im Augenblick nicht sehen könne.
„Mama, Kitena hat mich festgehalten“, kam seine Stimme aus dem Lautsprecher. „Aber die Jacke ist kaputtgegangen.“
Nalea musste einen Moment warten, bevor sie antworten konnte. „Dann war die Jacke heute nicht besonders hilfreich. Die ersetzen wir. Du bist wichtiger als jede Jacke, und Kitena hat genau richtig gehandelt, als sie Hilfe gerufen hat. Hör weiter auf ihre Stimme, ja? Ich bin hier unten am Zugang, und Papa arbeitet mit den anderen daran, dich herauszuholen.“
Garith drehte sich ab, weil er nicht wollte, dass jemand sah, wie sehr ihn diese wenigen Worte trafen. Vor einer Stunde hatte Tylan mit ihm über Pumpengeräusche gesprochen. Jetzt lag er in einer Anlage, die nach allen Plänen gar nicht mehr existieren sollte, und fragte sich vermutlich, ob seine Schwester schuld daran war, dass sein Ärmel gerissen war.
Ein neuer Messwert erschien auf dem Terminal der Einsatzleitung. Die Bewegung unter dem Schacht hatte aufgehört, doch aus dem tieferen Kanal kam ein regelmäßiger Temperaturabfall, der sich nicht mit der bekannten Luftführung erklären ließ. Garith legte die Daten nebeneinander. Die Kurven zeigten keinen gleichmäßigen Wärmeverlust, sondern einzelne kurze Veränderungen, die von einem Punkt unterhalb der alten Anlage auszugehen schienen.
Er hätte darüber nachdenken können, weshalb das so war. Stattdessen markierte er die Stelle und bat um eine zusätzliche Stütze am äußeren Kanal. Erst wenn Tylan in Sicherheit war, würde er sich erlauben, neugierig zu werden.
***
Ceresta Ventari erhielt den Einsatzruf in dem Augenblick, als sie mit Ilyra Mandor vor einer offenen Werkzeugschublade stand und versuchte, eine unauffällige Erklärung dafür zu finden, weshalb sie schon wieder in Ilyras Quartier geblieben war, obwohl der defekte Türsensor seit dem Vortag einwandfrei funktionierte. Ilyra hatte ihr beim Frühstück gesagt, dass technische Gründe in Zukunft nicht mehr nötig seien, wenn Ceresta sie besuchen wolle. Ceresta war noch damit beschäftigt gewesen, eine Antwort zu formulieren, die nicht allzu viel von ihrem Gesicht verriet, als das Armband vibrierte.
Sie las die Einsatzmeldung zweimal. Ilyra sah sofort, dass etwas geschehen war, und stellte ihren Becher ab. Ceresta erklärte knapp, dass Tylan in einen beschädigten Wartungskanal gefallen sei und dass die Rettungsmannschaft eine kleine Erkundungseinheit benötige. Ilyra griff nach Cerestas Jacke, die über einem Stuhl hing, und reichte sie ihr, ohne die Frage zu stellen, die beide beschäftigte.
„Ich melde mich, sobald ich etwas weiß“, versprach Ceresta. „Und wenn du Nalea vorher erreichst, frag sie bitte nicht, ob alles gut ist. Sie wird dir sagen, was sie sagen kann. Mehr kann gerade niemand wissen.“
Ilyra trat näher und berührte kurz Cerestas Wange. Seit dem Kuss am Vorabend hatte diese Geste eine neue Selbstverständlichkeit, die Ceresta gleichzeitig beruhigte und verwirrte. „Dann fahr. Ich kümmere mich hier darum, dass niemand die Familie mit zehn gut gemeinten Fragen überfällt. Und du kommst zurück, sobald du kannst.“
Ceresta küsste sie, kürzer als sie wollte, aber entschieden genug, dass sie danach nicht mehr nach einer passenden Antwort suchen musste. Auf dem Weg zur Werkstatt rief sie K-4 zu sich und ließ die mobile Erkundungseinheit vorbereiten. Sie hatte den Droiden für Arbeiten in engen Leitungsräumen entwickelt, nicht für Rettungseinsätze unter instabilem Gestein, doch seine Greifarme, Kameras und unabhängigen Stützfüße boten Möglichkeiten, die ein Mensch nicht hatte.
Am Westabschnitt ließ sie sich von der Einsatzleitung die Situation zeigen, bevor sie K-4 auch nur einen Schritt auf den Steg setzte. Sie wollte die Tragfähigkeit, die Position des Kindes und die bereits eingerichteten Sicherungen kennen. Garith stand neben dem Terminal und wirkte so angespannt, dass sie ihre übliche Bemerkung über seine Vorliebe für doppelte Kontrollen für sich behielt.
„Ich kann den Droiden seitlich unter die Plattform führen“, sagte sie nach dem Blick auf die Kamerabilder. „Er wird nicht versuchen, Tylan anzuheben. Zuerst setzen wir zwei kleine Stützen unter die beschädigte Strebe und bringen ihm eine Lichtquelle. Wenn das funktioniert, kann die Mannschaft den Zugang von oben erweitern, ohne den Kanal selbst zu belasten. Dafür brauche ich aber jemanden, der mir sofort sagt, falls die äußeren Sensoren wieder Bewegung melden.“
Garith übernahm die Überwachung, während die Einsatzleiterin den Plan mit den Sicherungskräften abstimmte. Nalea ließ sich die Vorgehensweise erklären und sprach anschließend mit Tylan. Sie sagte ihm, dass gleich ein kleiner Droide zu ihm komme, der ihm Licht bringe, und dass er sich nicht erschrecken müsse, wenn es neben ihm leise surrte. Tylan fragte, ob der Droide sprechen könne. Ceresta beugte sich zum Mikrofon und erklärte, dass K-4 nicht besonders gesprächig sei, dafür aber ein sehr guter Zuhörer, solange niemand versuche, ihm einen Witz beizubringen.
„Dann ist er wie Papa, wenn er arbeitet“, sagte Tylan. Es war der erste Satz von ihm, über den jemand lachen konnte. Garith lachte nicht, aber sein Blick hob sich für einen Moment vom Terminal, und Ceresta wusste, dass er jedes Wort gehört hatte.
K-4 bewegte sich langsam durch die seitliche Öffnung. Seine Kameras zeigten zunächst nur Staub und eine Reihe alter Verstrebungen. Dann erschien Tylans Gesicht im Lichtkegel. Er hatte geweint, und an seiner Stirn klebte eine dunkle Strähne, doch er hob die Hand, als der Droide anhielt. Ceresta bat ihn, sich nicht nach vorn zu beugen. K-4 stellte eine kleine Lampe auf den Absatz, bevor er seine Greifarme zur beschädigten Strebe ausrichtete.
Die erste Stütze ließ sich problemlos setzen. Bei der zweiten meldete Garith eine leichte Verschiebung im tieferen Material, die noch keine unmittelbare Gefahr bedeutete, aber eine Unterbrechung erforderlich machte. Ceresta hielt den Droiden an. Sie sah sich die Bilder noch einmal an und bemerkte dabei etwas, das auf dem ursprünglichen Plan nicht verzeichnet war: Hinter Tylan verlief eine schmale Wandfläche, deren Oberfläche sich von dem rauen Tenebrium-Ceralit deutlich unterschied. Sie war glatt, dunkel und so regelmäßig, dass sie nicht durch einen gewöhnlichen Bruch entstanden sein konnte.
„Das ist nicht die Wartungsverkleidung“, sagte sie leise.
Garith trat näher. „Nein. Und bevor du fragst: Ich habe dafür ebenfalls keinen Eintrag.“
Ceresta vergrößerte das Bild, doch die Einsatzleiterin unterbrach sie. „Was immer dort unten ist, wir untersuchen es später. Können Sie die zweite Stütze setzen, ohne das Kind zu gefährden?“
Ceresta ließ die Aufnahme stehen und konzentrierte sich wieder auf den Rettungsplan. Sie konnte die Stütze über einen anderen Winkel einführen, erklärte sie, brauchte dafür jedoch die Zustimmung der Sicherungsmannschaft, weil K-4 den Greifarm weiter ausfahren musste. Die Berechnung dauerte einige Minuten. Währenddessen blieb Tylan im Licht der kleinen Lampe sitzen und erzählte dem Droiden, dass er eigentlich nur die Pumpe hatte hören wollen.
Als die Freigabe kam, führte Ceresta den Arm langsam an der beschädigten Strebe vorbei. Garith beobachtete jede Veränderung der Belastung. Die Stütze rastete ein, die Anzeige stabilisierte sich, und oben begann die Mannschaft, die Verkleidung über Tylans Position Stück für Stück zu entfernen.
Kitena musste zuerst von der Plattform herunter. Sie wehrte sich nicht, bestand aber darauf, dass man ihr versprach, ihren Bruder nicht allein zu lassen. Nalea nahm sie am Zugang in die Arme. Kitena hielt sich so fest an ihr, dass Nalea erst nach einer Weile merkte, wie sehr ihre Tochter zitterte. Sie erklärte ihr, dass Tylan ansprechbar sei und die Rettung vorankomme. Kitena nickte und fragte dann, ob Papa wütend auf sie sei.
„Dein Vater ist gerade vor allem ein Vater, der Angst um seinen Sohn hat“, antwortete Nalea. „Das ist etwas anderes als Wut auf dich. Du hast die Sperre beachtet, du hast Hilfe gerufen und du bist nicht hinterhergeklettert, obwohl du es bestimmt wolltest. Ich bin sehr froh, dass du genau das getan hast.“
Kitena presste die Stirn gegen ihre Schulter. Erst jetzt begann sie zu weinen, und Nalea hielt sie fest, während hinter ihnen die Rettungskräfte weiterarbeiteten.
***
Es dauerte länger, als Garith später würde erklären können, bis die Öffnung groß genug war, um Tylan mit einer kleinen Trage zu erreichen. Der Junge hatte eine schmerzhafte Verletzung am Unterschenkel und mehrere Prellungen, aber die erste Untersuchung zeigte keine Hinweise auf eine schwerere Verletzung von Kopf oder Brustkorb. Nalea begleitete ihn in den medizinischen Gleiter, während Garith mit Kitena an der Tür stehen blieb. Tylan hob noch einmal die Hand, diesmal mit einer viel zu großen Wärmedecke um die Schultern, und fragte, ob K-4 später zu Besuch kommen dürfe.
Ceresta versprach, darüber mit der medizinischen Station zu verhandeln. Sie fügte hinzu, dass K-4 vermutlich nur kommen wolle, um sich für die vielen Fragen zu bedanken, die Tylan ihm gestellt hatte. Der Junge lächelte erschöpft. Dann schloss sich die Tür, und der Gleiter hob ab.
Garith legte Kitena den Arm um die Schultern. Er wollte etwas sagen, das den ganzen Morgen wieder in eine vernünftige Reihenfolge brachte, doch er fand keinen Satz dafür. Schließlich erzählte er ihr nur, dass sie heute Abend bei Tylan sein würden, dass die Ärzte sich um sein Bein kümmerten und dass er stolz darauf sei, wie sie gehandelt hatte. Kitena sah ihn lange an, als müsste sie prüfen, ob er das wirklich meinte, und lehnte sich dann gegen ihn.
Die Einsatzleitung ließ den gesamten Westabschnitt gesperrt. Noch während die Sicherungsmannschaft ihre Geräte abbauen wollte, kam ein neuer Messwert aus dem tieferen Kanal. Ceresta hatte K-4 zur Bergung seiner Lichtquelle zurückgeschickt und erhielt dabei ein letztes Bild der glatten Wand. Für einen Augenblick schien eine feine Linie über die Oberfläche zu laufen. Sie war so schwach, dass Ceresta zunächst an einen Reflex der Lampe dachte. Dann erlosch die Linie wieder, und die Temperatur im Kanal stieg um einen kaum messbaren Wert.
Garith bemerkte, dass sie auf die Anzeige starrte. Sie zeigte ihm die Aufnahme, und beide sahen sie schweigend ein zweites Mal an. Niemand sprach von einer Entdeckung. Niemand wusste, was diese Fläche war oder weshalb sie an einem Ort lag, der nach allen verfügbaren Plänen vollständig verfüllt sein sollte.
„Ich möchte eine Kopie für die technische Untersuchung“, sagte Garith schließlich. „Aber nicht heute. Heute gehe ich zu meinen Kindern.“
Ceresta nickte. Sie speicherte die Aufnahme unter der Einsatznummer und schloss das Terminal. Der Rettungseinsatz hatte ein Kind aus einer gefährlichen Lage geholt; die Ursache der Materialbewegung war damit noch lange nicht geklärt. Es würde Prüfungen geben, Fragen an die alten Bauunterlagen und wahrscheinlich unangenehme Gespräche darüber, weshalb ein verschlossener Kanal wieder offen gewesen war. Für diesen Nachmittag konnte das warten.
Auf dem Weg zurück nach Nerava erhielt sie eine Nachricht von Ilyra. Darin stand nur, dass Nalea angerufen habe, Tylan versorgt werde und in Ilyras Quartier etwas Warmes zu essen bereitstehe, falls Ceresta nach dem Einsatz nicht sofort schlafen wolle. Ceresta las die Nachricht zweimal. Dann schrieb sie, dass sie kommen werde, sobald sie ihre Ausrüstung abgegeben habe.
Im medizinischen Bereich saß Kitena wenig später neben dem Bett ihres Bruders. Tylans Bein war ruhiggestellt, und er war müde genug, dass seine Fragen nur noch in größeren Abständen kamen. Garith hatte sich auf den Stuhl an der anderen Seite gesetzt. Nalea stand am Fenster und sprach leise mit der Ärztin über die weitere Beobachtung. Als Tylan wissen wollte, ob sie morgen wieder zur Messstation dürften, sah Kitena ihren Vater an und begann zum ersten Mal seit dem Unfall zu lachen.
Garith beugte sich vor und strich seinem Sohn die Haare aus der Stirn. „Morgen bleiben wir hier, und du erklärst mir in aller Ruhe, weshalb du ausgerechnet die Pumpe hören wolltest. Danach reden wir darüber, was du als Nächstes erforschen darfst. Ich hätte allerdings nichts dagegen, wenn es etwas wäre, das auf einem Tisch Platz hat.“
Tylan überlegte ernsthaft. Dann schlug er vor, einen sehr kleinen Gleiter zu bauen. Kitena erklärte, dass ein Gleiter auf einem Tisch erfahrungsgemäß nicht lange dort bleibe, und Nalea wandte sich vom Fenster ab, weil sie das Lachen ihrer Kinder hören wollte.
Draußen senkte sich der Abend über Nerava. Die Wege füllten sich mit Menschen, die von der Arbeit kamen, und aus den Wohnhäusern drang der Geruch des Essens. Am westlichen Rand blieb die Messstation dunkel, gesichert und bewacht. Tief unter ihrer beschädigten Plattform lag eine Wand, die niemand erwartet hatte, und eine Aufnahme, die vorerst nur zwei Menschen gesehen hatten.
Für Garith und Nalea war sie an diesem Abend nicht wichtig. Ihr Sohn lag lebend zwischen ihnen, ihre Tochter hatte endlich aufgehört, sich die Schuld zu geben, und die Familie hatte für eine Weile nichts Dringenderes zu tun, als zusammenzubleiben.