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KAPITEL 17

Unter Tenebris

Am Morgen nach Tylans Unfall war Garith schon zweimal aufgestanden, ohne zu wissen, was er eigentlich hatte holen wollen. Beim ersten Mal hatte er in der Küche gestanden und auf den geschlossenen Vorratsschrank gestarrt, beim zweiten vor der Tür zum Kinderzimmer, hinter der Kitena noch schlief. Erst als Nalea ihn dort fand, begriff er, dass er nach einem Geräusch lauschte, das er seit sechs Jahren kannte: Tylans ungeduldigen Schritten, sobald irgendwo im Haus eine Maschine anlief.

„Er ist in der medizinischen Station und schläft“, sagte Nalea leise. Sie war nicht weniger müde als er, aber sie hatte wenigstens daran gedacht, sich anzuziehen. „Und wenn du noch einmal aufstehen möchtest, um festzustellen, dass du nichts vergessen hast, dann bring mir beim nächsten Versuch etwas zu trinken mit. Ich könnte einen Caf gebrauchen.“

Garith sah sie an. „Du hast gestern Nacht gesagt, ich solle schlafen.“

„Das habe ich. Es war ein ausgezeichneter Rat, den du ebenso ausgezeichnet ignoriert hast.“ Sie nahm seine Hand und zog ihn von der Tür weg. „Wir gehen gleich zu ihm. Vorher setzen wir uns fünf Minuten hin, damit Kitena uns nicht ansehen muss, wie wir beide umfallen. Sie hat gestern genug gesehen.“

Im Wohnzimmer lag noch die kleine Zeichnung, die Tylan am Vortag für seine Messung angefertigt hatte. Zwei Pumpen, ein Gleiter und eine Reihe von Pfeilen, die nach seiner Erklärung zeigten, wo das Geräusch herkam. Garith nahm das Blatt nicht in die Hand. Er schob es nur vorsichtig vom Rand des Tisches weg, als könnte es dort herunterfallen.

Kitena kam wenig später aus ihrem Zimmer. Sie blieb an der Tür stehen und fragte nicht nach ihrem Bruder, sondern ob jemand die Aufzeichnungen der Kontrollsonde gesichert habe. Garith wollte ihr erklären, dass sich darum andere kümmerten, doch Nalea schüttelte kaum merklich den Kopf. Ihre Tochter suchte nach etwas, das sie noch tun konnte; eine schnelle Beruhigung würde daran nichts ändern.

„Die Daten sind in der Leitstelle“, antwortete Garith. „Und du musst heute nichts beweisen. Du hast gestern die Sperre beachtet und Hilfe gerufen. Ohne deine Angaben hätten wir länger gebraucht, um Tylan zu erreichen.“

Kitena setzte sich ihnen gegenüber. „Ich weiß. Alle sagen mir das. Aber ich habe ihn doch erst mitgenommen.“ Sie sah auf die Zeichnung. „Er wollte die Pumpe hören, und ich dachte, das wäre ein guter Ort. Es war ein guter Ort, bis er es plötzlich nicht mehr war.“

Nalea rückte ihren Stuhl näher. „Dann werden wir herausfinden, weshalb sich der Ort verändert hat. Das ist die Aufgabe der Erwachsenen, die für die Anlage verantwortlich sind. Deine Aufgabe ist es, mit uns zu Tylan zu fahren, ihm zu erzählen, was du erzählen möchtest, und ihm auch zuzuhören. Er hat gestern nicht nach einem Schuldigen gefragt. Er wollte wissen, ob seine Jacke noch zu retten ist.“

Kitena lachte wider Willen. Als sie sich erhob, blieb ihr Blick noch einmal an der Zeichnung hängen, doch diesmal nahm sie sie mit.

***

Die westliche Messstation war seit dem Unfall vollständig abgeriegelt. Auf dem Anflug sah Taren Wayfarer die neuen Sicherheitsmarkierungen, zwei geparkte Versorgungsmaschinen und die dunklen Felder, unter denen die alte Anlage lag. Der Schaden an der Plattform war aus der Luft kaum zu erkennen. Gerade das machte ihn unangenehm: Von oben sah alles so aus, als ließe es sich mit einigen Ersatzteilen und einer vernünftigen Prüfung erledigen.

Seren Vael saß neben ihm und las den Bericht der Einsatzleitung. Sie hatte darauf bestanden, dass die erste Untersuchung ohne neugierige Zuschauer stattfand, und sie hatte sich selbst ausdrücklich zu diesen Zuschauern gezählt, solange niemand eine Aufgabe für sie hatte. Jetzt war die Aufgabe klar. Die Messstation sollte nicht wieder geöffnet werden, bevor man wusste, wohin der unerwartete Hohlraum führte und ob weitere Abschnitte betroffen waren.

„Garith hat die alten Pläne bereits mit drei verschiedenen Beständen abgeglichen“, sagte sie. „In keinem ist die Fläche verzeichnet, die K-4 aufgenommen hat. Das bedeutet noch nicht, dass jemand sie absichtlich versteckt hat. Es bedeutet zunächst, dass unsere Unterlagen an dieser Stelle unvollständig sind.“

Taren ließ den Gleiter sinken. „Du klingst, als hättest du dir den Satz aufgeschrieben, damit ich nicht schon beim Aussteigen von einer uralten Geheimanlage spreche.“

„Ich habe ihn mir sogar zweimal aufgeschrieben. Einmal für dich und einmal für Cal. Bei ihm besteht immerhin die Hoffnung, dass Merrin rechtzeitig eingreift.“ Seren sah kurz zu ihm hinüber, und ihr Lächeln verschwand nicht, als sie fortfuhr: „Ich möchte allerdings wirklich wissen, was unter der Station liegt. Gestern war ein Kind dort unten. Das ist Grund genug, jeden Schritt ordentlich zu machen.“

Am Zugang erwartete sie Daron mit einer kleinen Sicherungsmannschaft. Er führte sie nicht sofort zur beschädigten Plattform, sondern zu einem provisorischen Arbeitsplatz, an dem Ceresta Ventari bereits die Bilder ihres Droiden auswertete. Garith stand neben ihr. Seine Augen waren gerötet, doch die Zeichnungen auf dem Bildschirm hatte er mit einer Sorgfalt geordnet, die Taren von ihm kannte.

Ceresta begrüßte sie mit einem Nicken und schob die Aufnahme der glatten Wand in die Mitte. „Ich habe die Verzerrungen durch K-4s Beleuchtung herausgerechnet, soweit das möglich ist. Die Linie, die wir gestern gesehen haben, war keine Reflexion des Greifarms. Sie ist auf drei aufeinanderfolgenden Bildern vorhanden und verändert ihre Helligkeit, obwohl der Droide stillsteht.“

„Und die Bewegung des Untergrunds?“, fragte Seren.

Garith deutete auf die Messreihe. „Seit der Bergung hat sich nichts mehr verschoben. Das ist beruhigend, aber keine Freigabe. Die alte Verfüllung ist ungleichmäßig, und unter dem Wartungskanal liegt offenbar ein zweiter Hohlraum. Wir wissen nicht, ob die Wand ihn begrenzt oder nur davorsteht. Ich würde gern ein kleines Gerät durch die seitliche Öffnung schicken, bevor wir überhaupt an Menschen denken.“

Taren betrachtete die Aufnahme. Die Oberfläche wirkte zu eben für eine zufällige Bruchkante, aber er hatte auf Reisen genug Dinge gesehen, die erst künstlich ausgesehen und sich später als Natur erwiesen hatten. „Dann beginnen wir mit dem Gerät“, sagte er. „Wenn es etwas findet, können wir immer noch darüber streiten, was es bedeutet.“

„Das ist die vernünftigste Äußerung, die ich heute von dir gehört habe“, meinte Seren.

„Wir sind erst seit einer Stunde unterwegs.“

„Ich weiß. Ich genieße den Vorsprung.“

Ceresta hörte ihnen mit einem halben Lächeln zu, während sie K-4 auf den Untersuchungskanal umstellte. Seit dem Morgen hatte sie zweimal Nachrichten von Ilyra erhalten: zuerst eine Nachfrage nach Tylan, dann die schlichte Erinnerung, dass Ceresta irgendwann essen müsse. Sie hatte die zweite Nachricht noch nicht beantwortet. Nicht weil sie keine Antwort wusste, sondern weil sie plötzlich über jede Formulierung länger nachdachte, als ihr bei einer technischen Störungsmeldung je eingefallen wäre.

Daron gab die Freigabe für die unbemannte Erkundung. Zwei Sicherungsleute kontrollierten die äußeren Stützen, bevor K-4 in den Kanal fuhr. Die Bilder zeigten zunächst dieselben verbogenen Streben, zwischen denen Tylan gelegen hatte. Dann senkte der Droide seine Kamera und folgte einer schmalen Fuge, die in den alten Plänen als verfüllter Ablauf bezeichnet war. Die Fuge war offen.

Der Weg führte nicht weit. Nach wenigen Metern stand K-4 vor einer glatten, dunklen Fläche, deren Kanten im Schwarzstaub kaum auszumachen waren. Ceresta ließ den Droiden die Oberfläche abtasten, ohne sie zu berühren. Das Material gab auf den gewöhnlichen Scanner kaum eine Antwort; Wärmebild und Abstandsmessung zeigten dagegen eine leichte, regelmäßige Veränderung, als läge hinter der Wand etwas, das sich in langsamen Abständen erwärmte und wieder abkühlte.

„Eine aktive Anlage?“, fragte Daron.

„Vielleicht“, antwortete Ceresta. „Aber ebenso gut eine eingeschlossene Wärmequelle oder ein Messfehler durch das Material. Wenn ich jetzt so tue, als könnte ich das unterscheiden, weil der Bildschirm hübsche Kurven zeigt, dann müsste Garith mich zu Recht aus seiner Werkstatt werfen.“

Garith betrachtete die Werte. „Ich würde zuerst das Gerät überprüfen und dich erst danach hinauswerfen. Wir haben schließlich einen Ruf zu verlieren.“

Daron bat um eine zweite Messung mit unabhängiger Sonde. Niemand protestierte. Während Ceresta die Sensoren wechselte, ging Seren zum äußeren Rand des gesicherten Abschnitts und sah über das dunkle Gelände. Sie suchte nicht nach einem verborgenen Eingang, sondern nach Spuren von Bewegung, alten Einschnitten und den Wegen, die das Wasser in vergangenen Jahreszeiten genommen haben mochte. Taren folgte ihr mit etwas Abstand.

„Du erwartest einen Zugang von außen“, sagte er.

„Ich prüfe, ob es einen gegeben haben könnte. Eine Wand ohne erkennbare Verbindung ist kein Beweis für ein Geheimnis. Aber wenn jemand hier gebaut hat, musste er Material herbringen und wieder fortschaffen. Solche Wege verschwinden selten vollständig.“ Seren deutete auf eine flache Senke, die zwischen zwei Feldern aus Tenebrium-Ceralit verlief. „Siehst du, wie die Ablagerung dort anders liegt? Das könnte ein alter Wasserlauf sein. Oder eine Fahrspur, die später zugeschüttet wurde. Ich möchte beides prüfen, bevor wir uns festlegen.“

Taren kniete sich an den Rand der Senke. Das Gelände erzählte ihm nichts Eindeutiges, aber er konnte erkennen, weshalb Seren die Stelle ausgewählt hatte. „Wir sollten die Aufnahmen der ersten Bauphase ansehen. Vielleicht hat jemand einen vorhandenen Untergrund genutzt, ohne ihn vollständig zu vermessen.“

„Und vielleicht finden wir nur einen alten Ablauf“, erwiderte sie. „Damit könnte ich sehr gut leben. Ein alter Ablauf ist mir im Augenblick lieber als eine weitere Gefahr unter den Füßen unserer Kinder.“

***

Am Nachmittag durfte Tylan für kurze Zeit Besuch empfangen, der nicht zu seiner Familie gehörte. Er hatte sich Ceresta ausdrücklich gewünscht, allerdings nur unter der Bedingung, dass K-4 ebenfalls komme. Nalea hatte ihm erklärt, dass ein Droide im Behandlungszimmer keine zusätzlichen Untersuchungen durchführen dürfe. Tylan versicherte ihr mit der Würde eines Sechsjährigen, der eine wichtige Unterscheidung treffen wollte, K-4 sei eingeladen und nicht dienstlich hier.

Ceresta erschien ohne den Droiden, dafür mit einer kleinen Projektion, auf der er winkte. Tylan war enttäuscht, bis sie ihm erklärte, dass K-4 am Westabschnitt noch arbeitete und deshalb nicht einfach seine Station verlassen konnte. Dann ließ sie ihn die Aufnahme des Winkens selbst starten, woraufhin er sie dreimal abspielte und Kitena fragte, ob sie finde, dass K-4 ein wenig aussähe wie Garith, wenn er etwas nicht erklären wolle.

Garith, der am Fenster stand, hob eine Augenbraue. „Ich würde gern erfahren, wie man einem Droiden ansieht, dass er etwas nicht erklären will. Das wäre für meine Arbeit außerordentlich nützlich.“

„Er bleibt stehen und macht ein Geräusch“, erklärte Tylan. „Du bleibst auch stehen, Papa. Nur machst du dann ein anderes Geräusch.“

Kitena musste lachen. Garith gab zu, dass diese Beobachtung möglicherweise zutraf, und Nalea sah zum ersten Mal seit dem Unfall, wie sich die Anspannung aus seinem Gesicht löste, ohne dass er sich dazu zwingen musste.

Als Ceresta gehen wollte, hielt Tylan sie zurück. Er erinnerte sich an die kleine gelbe Lampe, die K-4 bei ihm abgestellt hatte, und wollte wissen, weshalb sie erst ganz ruhig geleuchtet und dann zweimal heller geworden sei. Ceresta erklärte ihm, dass die Lampe eine automatische Regelung besaß. Doch Tylan schüttelte den Kopf.

„Nicht die Lampe. Das andere Licht. Hinter dem Staub. Es war nur kurz da, als der Boden schon aufgehört hatte, laut zu sein.“

Ceresta stellte keine weiteren Fragen, bevor sie Nalea ansah. Die Ärztin hatte geraten, Tylan nach dem Schreck nicht mit Einzelheiten des Unfalls zu bedrängen, und Nalea nahm diesen Rat ernst. Sie nickte Ceresta zu, damit diese das Gespräch nicht in eine Befragung verwandelte.

„Dann hast du etwas gesehen, das wir auf unseren Bildern noch nicht gefunden haben“, sagte Ceresta. „Wenn du später einmal Lust hast, kannst du mir erzählen, wie es aussah. Heute musst du das nicht.“

Tylan schien damit zufrieden. Er verlangte noch, dass sie K-4 ausrichte, sein nächster Besuch solle bitte persönlich stattfinden, und widmete sich danach wieder der Zeichnung, die Kitena mitgebracht hatte. Ceresta verließ das Zimmer mit einem Gedanken, den sie nicht aussprechen wollte: Die Zeitangabe des Jungen passte auffällig gut zu jener kurzen Veränderung auf der Oberfläche.

***

Die zweite Messung am Westabschnitt bestätigte den regelmäßigen Temperaturwechsel. Sie bestätigte nicht, wodurch er entstand. Ceresta war über das Ergebnis gleichzeitig erleichtert und verärgert, weil sie nun einen wirklichen Befund besaß, aber noch immer keine vernünftige Erklärung.

Daron ließ eine zusätzliche Sicherungslinie einrichten. Für die weitere Untersuchung wurden ein kleiner seitlicher Zugang und ein unabhängiger Rückweg vorgesehen, damit niemand im Falle einer erneuten Materialbewegung denselben beschädigten Kanal benutzen musste. Die Arbeiten dauerten bis in den frühen Abend. Erst dann konnten zwei Erkundungsdroide hintereinander in den unteren Hohlraum gelangen.

Auf den Bildern erschien eine niedrige Kammer, deren Decke von natürlichem Gestein gebildet wurde, während der Boden aus einer ebenen, künstlich wirkenden Schicht bestand. Entlang der gegenüberliegenden Wand verliefen mehrere schmale Vertiefungen. Sie erinnerten Taren an Wegmarkierungen, doch er sagte es nicht. Er hatte gelernt, wie leicht ein vertrautes Muster dort auftauchte, wo man es unbedingt sehen wollte.

Cal Kestis war inzwischen mit BD-1 eingetroffen. Er kniete neben Cerestas Terminal und ließ den kleinen Droiden die Aufnahmen mit den Messungen der beiden Erkundungseinheiten vergleichen. BD-1 gab eine Reihe empörter Töne von sich, als Ceresta erklärte, er dürfe nicht selbst in den Schacht klettern.

„Du hast recht, er ist klein genug“, sagte Cal, nachdem er die Übersetzung der Einwände abgewartet hatte. „Aber klein genug zu sein ist kein Grund, einen ungesicherten Raum zu betreten. Das hast du mir oft genug erklärt, wenn ich mich wieder irgendwo durchzwängen wollte.“

BD-1 antwortete mit einem kurzen, zweifelnden Pfiff. Ceresta warf Cal einen Blick zu. „Ich glaube, er bezweifelt weniger die Regel als deine Fähigkeit, dich daran zu halten.“

„Dann kennt er mich gut.“ Cal legte eine Hand neben den Droiden. „Heute bleiben wir beide hier draußen und helfen mit den Daten. Wir haben schließlich genug Leute, die sich um unsere schlechten Ideen sorgen.“

Während BD-1 die unterschiedlichen Aufnahmen zu einem gemeinsamen Modell zusammenführte, betrachtete Taren die räumliche Anordnung. Die Kammer lag nicht dort, wo der alte Wartungskanal sie vermuten ließ. Zwischen beiden verlief eine Verschiebung, die man auf den Bauplänen nie bemerkt hatte, weil die Messstation darüber gesetzt worden war. Die Oberfläche schien unter dem Schwarzstaub weiterzulaufen, nach Osten, tiefer unter das Gelände.

„Wir haben hier keinen einzelnen Hohlraum“, sagte Garith schließlich. „Das ist Teil von etwas Größerem. Aber bevor jemand anfängt, einen Eingang zu suchen, muss ich wissen, ob die Decke überhaupt eine weitere Belastung verträgt. Für heute bleibt es bei den Droiden.“

Seren stimmte ihm zu. Taren hatte gerade den Mund geöffnet, um nach einer zusätzlichen Messlinie zu fragen, als sie ihm die Hand auf den Unterarm legte. Er sah sie an und musste lächeln. „Ich wollte nicht hinein.“

„Natürlich nicht. Du wolltest nur fragen, wie weit wir theoretisch kämen, wenn wir es täten.“

„Es ist erschreckend, wie gut du mich kennst.“

„Es ist beruhigend, dass du das inzwischen bemerkst.“ Seren wandte sich wieder dem Modell zu. „Wir haben einen Ort gefunden, den wir nicht kennen. Morgen wird er noch da sein. Wir müssen ihn nicht heute Abend zu einer Geschichte machen, die wir noch gar nicht verstehen.“

Als die Erkundungsdroide zurückkehrten, brachte einer von ihnen eine letzte Aufnahme mit. Hinter einer niedrigen Kante lag eine weitere glatte Fläche. Darauf befand sich kein lesbarer Schriftzug, kein vertrautes Symbol und kein Zeichen, das jemand im Raum sofort hätte deuten können. Nur eine schmale Vertiefung, die an einer Stelle unterbrochen war und sich auf der anderen Seite fortsetzte.

Ceresta speicherte das Bild und ließ alle Rohdaten sichern. Daron ordnete an, die Sperrung beizubehalten und die geologischen Messungen über Nacht fortzusetzen. Das war keine dramatische Entscheidung, aber die richtige. Niemand widersprach.

***

Ilyra hatte in ihrem Quartier tatsächlich etwas Warmes zu essen bereitgestellt, als Ceresta endlich zurückkam. Die Schüsseln standen noch auf dem Tisch, daneben ein kleines Gerät, dessen Gehäuse geöffnet war. Ceresta blieb im Türrahmen stehen und betrachtete die Szene mit einer Mischung aus Erleichterung und Zuneigung, die sie am Morgen noch nicht für möglich gehalten hätte.

„Du hast ohne mich an einem Gerät gearbeitet“, sagte sie. „Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder beruflich beleidigt sein soll.“

Ilyra kam aus der Küche und küsste sie zur Begrüßung. „Du darfst beides. Das Gerät funktioniert übrigens nicht besser als vorher, aber ich habe herausgefunden, weshalb du gestern so lange damit beschäftigt warst. Es ist erstaunlich, wie viele Schrauben man lösen kann, ohne dem eigentlichen Problem näherzukommen.“

Ceresta legte die Tasche ab. „Ich habe gestern auch nicht ausschließlich versucht, das Gerät zu reparieren.“

„Das hatte ich vermutet.“ Ilyra strich ihr über die Wange und sah sie einen Augenblick ernst an. „Wie geht es Tylan? Und wie geht es dir? Ich frage in dieser Reihenfolge, weil ich weiß, dass du mir sonst zuerst von den Messwerten erzählst und erst irgendwann zugibst, dass du seit Stunden nichts gegessen hast.“

Ceresta setzte sich. Sie berichtete von Tylans Besuch, seiner Zeichnung und dem Versuch, K-4 zu einem privaten Krankenbesuch zu bewegen. Erst danach erzählte sie von der Kammer unter der Station und den unverständlichen Messungen. Ilyra hörte zu, ohne aus jedem Detail sofort eine Bedeutung machen zu wollen. Als Ceresta schließlich schwieg, schob sie ihr die erste Schüssel hin.

„Du klingst, als hättest du etwas gefunden, das dich nicht mehr loslässt“, sagte Ilyra. „Ich kenne das Gefühl. Aber du hast heute auch einem Kind geholfen, wieder nach Hause zu kommen. Das ist kein kleinerer Teil deiner Arbeit, nur weil er sich leichter erklären lässt.“

Ceresta nahm ihre Hand. „Ich weiß. Und ich bin froh, dass ich jetzt hier bin. Nicht weil du mir versprochen hast, mich zu füttern, obwohl das zweifellos ein überzeugendes Argument war. Sondern weil ich dir erzählen kann, was mich beschäftigt, ohne dabei schon eine Antwort haben zu müssen.“

Ilyra beugte sich zu ihr. Der Kuss dauerte länger als der am Morgen, und als sie sich voneinander lösten, war das Essen noch immer warm genug. Ceresta dachte, dass es selten gewesen war, sich nach einem Tag voller ungelöster Fragen auf etwas so Einfaches freuen zu können wie darauf, neben einem Menschen sitzen zu bleiben.

***

Später, als die letzte Schicht den Westabschnitt übernahm, standen Taren und Seren auf der kleinen Terrasse ihres Quartiers. Die Lichter Neravas lagen vor ihnen, vertraut und unvollständig, wie jede Stadt, in der Menschen noch bauten, planten und Fehler machten. Seren hatte den Bericht der Nachtwache bereits bestätigt. Taren hielt das Bild der unbekannten Kammer auf seinem Terminal, ohne es erneut zu vergrößern.

„Du hast heute weniger geraten, als ich erwartet hatte“, sagte Seren. „Ich weiß noch nicht, ob ich mir Sorgen machen soll.“

„Vielleicht lerne ich langsam, dass ein Weg nicht schneller auftaucht, nur weil ich ihn unbedingt finden will.“ Taren legte das Terminal weg. „Als ich den unteren Raum gesehen habe, wollte ich sofort wissen, wohin er führt. Dann musste ich an Garith denken, der gestern sein Kind aus demselben Boden holen musste. Für ihn ist das keine Entdeckung, die man neugierig betritt. Es ist zuerst ein Ort, dem er wieder vertrauen können muss.“

Seren lehnte sich an ihn. „Und vielleicht wird er das erst können, wenn wir verstehen, was dort liegt. Ich will den Ort ebenfalls sehen. Aber ich möchte, dass wir ihn öffnen, weil wir vorbereitet sind, nicht weil wir Angst haben, eine Antwort könnte uns entgehen.“

Taren legte den Arm um sie. Aus einem der Nachbarquartiere drang Musik, irgendwo wurde gelacht, und über den Dächern zog ein Versorgungsgleiter seine langsame Bahn. Sie blieben noch eine Weile stehen, bis Seren ihn mit einem Blick daran erinnerte, dass sie beide seit dem frühen Morgen unterwegs waren und morgen wieder gebraucht würden.

Unter der westlichen Messstation arbeiteten währenddessen die Sensoren weiter. Die Temperatur stieg und sank in den gleichen langsamen Abständen wie zuvor. Einmal, kurz nach Mitternacht, registrierte die äußere Sonde einen Ausschlag, der zu schwach war, um den Alarm auszulösen. Das System speicherte ihn zusammen mit allen anderen Werten.

Am nächsten Morgen würde Ceresta ihn finden. Dann würden sie erneut prüfen müssen, ob es sich um einen Fehler handelte oder um die erste verlässliche Spur zu etwas, das unter Tenebris schon sehr lange verborgen lag.

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