Korda Venn hatte gelernt, schlechten Nachrichten nicht deshalb zu misstrauen, weil sie schlecht waren, sondern weil sie häufig in einem Ton vorgetragen wurden, der keinen Widerspruch duldete. Als Sira Noll am Morgen den Bericht des Frachthafens auf seinen Tisch legte, sagte sie deshalb zunächst nichts. Sie wartete, bis er den letzten Absatz gelesen hatte, und nahm ihm dann den Becher aus der Hand, bevor er ihn auf den Datenstreifen stellen konnte.
„Das ist der dritte Transport innerhalb von sechs Tagen“, sagte Korda. „Zweimal ausgefallen, einmal umgeleitet. Wer immer die Neris angegriffen hat, hat die Händler offenbar gründlicher erschreckt, als ich angenommen hatte.“
„Die Händler sind nicht erschrocken, Korda. Sie rechnen. Die Versicherer haben die Gebühren für diesen Korridor verdoppelt, und niemand will die nächste Besatzung sein, die mit einem zerstörten Kommunikationssystem zurückkommt. Ich kann ihnen das schwerlich vorwerfen.“
Die Serrat lag an einer Reparaturplattform, deren Betreiber für pünktliche Zahlungen und unpünktliche Ersatzteile bekannt war. Durch das Sichtfenster des Aufenthaltsraums sah Korda einen Techniker an einem fremden Schlepper arbeiten. Hinter ihm glitten zwei kleine Versorgungsschiffe zwischen den Andockarmen hindurch. Der Hafen war belebt genug, um Sicherheit vorzutäuschen, und klein genug, dass sich ein Gerücht schneller verbreitete als ein offiziell bestätigter Bericht.
Rusk Talven erschien mit einem offenen Werkzeugkoffer und der Miene eines Mannes, der den Tag bereits mit einer persönlichen Beleidigung begonnen hatte. „Wenn einer von euch noch einmal behauptet, der Sensorfilter sei kaputt, werde ich ihn ausbauen und als Dekoration über die Tür hängen. Das Problem lag an einer schlecht geschirmten Verbindung, die jemand vor Jahren mit einem Stück Draht überbrückt hat.“
Sira hob den Blick. „Warst du dieser Jemand?“
„Damals war das eine elegante Lösung. Inzwischen hat die Eleganz nachgelassen.“
Korda ließ sie reden. Seit dem Treffen mit Taren Wayfarer und dessen Begleitern hatten sie einander ungewöhnlich viel Zeit gelassen, um zu entscheiden, was daraus werden sollte. Sie besaßen noch immer keine Koordinaten von Nerava, und er hatte nicht vor, danach zu fragen. Aber es gab jetzt Gesichter zu den Namen, die in ihren Nachrichten aufgetaucht waren. Das veränderte die Sache. Man konnte einem unbekannten Auftraggeber ausweichen; einem Menschen, mit dem man über das Leben auf einem Schiff gesprochen hatte, schuldete man zumindest eine ehrliche Antwort.
„Die Nachricht an unseren Kontakt ist raus“, sagte er. „Ich habe ihnen geschrieben, dass wir die Neris-Unterlagen weiter prüfen und vorerst nicht in die Nähe ihrer Wege fliegen. Falls das unbekannte Schiff wieder auftaucht, sollen sie es erfahren, bevor irgendein Händler die Geschichte schöner erzählt, als sie war.“
Rusk stellte den Koffer ab. „Du hast ihnen also im Wesentlichen mitgeteilt, dass wir vorsichtig sind. Das dürfte nach unserem letzten Treffen niemanden überraschen.“
„Vorsicht ist eine gute Nachricht“, erwiderte Korda. „Solange sie nicht zur Ausrede wird, nichts mehr zu tun.“
***
Auf Tenebris begann der Tag mit einer kleinen Auseinandersetzung darüber, wer Tylan nach Hause bringen durfte. Bei der frühen Lagebesprechung hatte das Team T-6 als vorläufige Kennung für den Fund übernommen; Herkunft und Zweck blieben ausdrücklich offen. Er hatte bereits entschieden, dass Kitena seinen Gleiter zeichnen und Garith die technischen Verbesserungen übernehmen sollte. Nalea erklärte ihm, dass die Ärztin zunächst prüfen müsse, ob er ohne zusätzliche Unterstützung laufen könne, woraufhin Tylan eine ausführliche Darstellung seiner bisherigen Gehversuche lieferte und dabei ausließ, wie oft er sich hatte setzen müssen.
Garith hörte sich die Verhandlung an, während er den kleinen Rucksack seines Sohnes packte. Er hatte seit dem Unfall jedes Mal, wenn er einen Verschluss öffnete, das Gefühl, etwas besonders sorgfältig tun zu müssen. Heute legte er die Dinge einfach hinein: eine Jacke, ein Spielzeug, die Zeichnung des neuen Rettungsgleiters. Es war eine so gewöhnliche Handlung, dass er sie beinahe genoss.
„Wenn du zu Hause bist, wirst du dich ausruhen“, sagte Nalea. „Und wenn dein Bein weh tut, sagst du es uns, auch wenn du gerade etwas Spannendes entdeckt hast.“
Tylan sah zu seiner Schwester. „Dann darf ich wahrscheinlich überhaupt nichts mehr entdecken.“
Kitena setzte sich auf die Bettkante. „Doch. Du darfst zum Beispiel entdecken, dass unser Wohnzimmer noch genauso aussieht wie vorher. Das ist ziemlich unwahrscheinlich, wenn Papa die ganze Zeit dort herumgelaufen ist.“
Garith wollte widersprechen, besann sich aber. „Ich habe nur einmal einen Stuhl verrückt.“
„Dreimal“, sagte Nalea, ohne aufzusehen.
„Dann waren es offenbar drei sehr wichtige Gründe.“
Tylan lachte und wollte sofort wissen, ob der Stuhl nun kaputt sei. Als die Ärztin schließlich die Entlassung unter klaren Auflagen bestätigte, hörte er ihr ungewöhnlich aufmerksam zu. Erst auf dem Weg zum Ausgang fragte er, ob K-4 inzwischen wieder frei habe.
Am anderen Ende der Stadt saß Ceresta mit einem Frühstück in der Hand vor den Messdaten des Westabschnitts. Die über Nacht aufgezeichnete Grenze war nicht verschwunden. Zwei unabhängige Geräte meldeten dieselbe abrupte Änderung, doch die Sonde konnte nicht unterscheiden, ob sie eine feste Oberfläche, eine technische Abschirmung oder eine ungewöhnliche Eigenschaft des Materials erfasste. Ceresta hatte bereits eine Reihe von Prüfungen vorbereitet, die keinen Menschen unter die Messstation führen würden. Es war langsamer, als ihr lieb war, aber die Entscheidung fiel ihr leichter, seit sie wusste, dass Tylan nach Hause durfte.
Ilyra kam auf dem Weg zu ihrer Arbeit vorbei und blieb einen Augenblick hinter ihrem Stuhl stehen. Sie strich Ceresta über die Schulter, sah die unverständlichen Kurven auf dem Bildschirm und fragte, ob sie wieder etwas gefunden habe, das sie nicht schlafen lassen würde.
„Diesmal hat es mich schlafen lassen“, antwortete Ceresta. „Das ist vermutlich sein größter Fehler. Ich konnte ausgeruht darüber nachdenken.“
„Dann möchte ich ihm beinahe danken. Du bist in diesem Zustand erheblich angenehmer, als wenn du nachts um drei versuchst, mir zu erklären, weshalb ein Messgerät die Wahrheit sagt, obwohl es ganz offensichtlich Unsinn anzeigt.“
Ceresta drehte sich zu ihr. „Ich glaube, das war eine ziemlich treffende Zusammenfassung meiner Arbeit.“
Ilyra küsste sie kurz. „Dann geh vorsichtig damit um. Ich möchte dich heute Abend wiedersehen, und zwar möglichst mit allen Fingern und ohne neue Brandspuren.“
Als sie gegangen war, blieb Ceresta noch einen Moment sitzen. Sie hatte nicht erwartet, dass sich ein gewöhnlicher Morgen durch einen einzigen Abschied so sehr verändern konnte. Dann stellte sie den Becher ab und rief Gariths neue Messreihe auf.
***
Die Serrat erhielt die erste ungewöhnliche Meldung kurz nach dem Verlassen der Reparaturplattform. Sie kam nicht von ihrem Kontakt zur Mantis, sondern von einer automatischen Navigationsboje am Rand des Handelskorridors. Ein kurzer Impuls hatte für weniger als eine Sekunde mehrere Messsysteme übersteuert. Die Boje meldete keinen Zusammenstoß und keine Beschädigung; ihre Diagnose hatte die Störung als lokales Problem eingestuft.
Sira hätte die Nachricht übergangen, wenn nicht eine zweite Boje dieselbe Störung registriert hätte. Zwischen den beiden lagen mehrere Lichtminuten und ein Abschnitt freier Raum, in dem es nach den aktuellen Karten nichts gab, das eine solche Übereinstimmung erklären konnte.
„Vielleicht eine gemeinsame Software“, sagte Rusk, nachdem er die Meldungen verglichen hatte. „Wenn beide dieselbe fehlerhafte Routine benutzen, können sie sich sogar zur selben Zeit irren. Das wäre nicht das erste Mal, dass jemand einen Navigationsfehler auf hundert Stationen verteilt, weil er beim Einspielen einer Aktualisierung zu faul war, sie ordentlich zu testen.“
Sira zeigte auf die Zeitstempel. „Die Softwarestände sind verschieden. Und die zweite Boje hat keinen Ausfall gemeldet, sondern eine kurze Verschiebung ihrer Positionslösung. Danach war alles wieder normal.“
Korda trat an ihre Konsole. „Was sagt die Hafenaufsicht?“
„Dass es sich um eine harmlose Anomalie handelt. Ich habe gefragt, wie sie zu dieser Einschätzung kommen. Daraufhin haben sie mir denselben Satz noch einmal geschickt, diesmal mit einer Unterschrift.“
Rusk beugte sich vor. „Das klingt nach einem sehr gut geführten Betrieb.“
Korda betrachtete die beiden Punkte auf der Karte. Er erinnerte sich an das unbekannte Schiff, das der Serrat gefolgt war, an dessen ungewöhnliche Sensorstörungen und an die beschädigte Neris. Eine Verbindung war verführerisch. Aber das Schiff hatte auf ganz andere Weise gearbeitet: gezielt, bedrohlich und in unmittelbarer Nähe anderer Fahrzeuge. Diese Meldungen beschrieben etwas, das nicht einmal ein Ziel zu besitzen schien.
„Wir sammeln die Rohdaten“, entschied er. „Und wir behaupten vorerst nicht, dass sie zu unserem Verfolger gehören. Wenn wir jedes ungewöhnliche Geräusch in diesem Sektor demselben Schiff zuschreiben, übersehen wir irgendwann eine Gefahr, die nichts mit ihm zu tun hat.“
Sira bestätigte den Kurs. Rusk setzte sich an die Auswertung, und die Serrat flog weiter zu einem kleinen Versorgungshafen, an dem sie eine Ladung Ersatzteile übernehmen sollten. Es war ein unspektakulärer Auftrag, aber gerade deshalb hatte Korda ihn angenommen. Ein Schiff, das nur noch nach Geheimnissen suchte, verdiente irgendwann kein Geld mehr und verlor das Recht, seine Besatzung um Vorsicht zu bitten.
Die ersten Stunden verliefen ruhig. Rusk fand eine fehlerhafte Prüfsumme in einem alten Datensatz, Sira korrigierte den Anflug auf die nächste Sprungmarke, und Korda sprach mit einem Händler, der sich über die Lieferzeiten beschwerte. Als der Händler schließlich eine höhere Vergütung anbot, falls sie einen Umweg flögen, dachte Korda kurz darüber nach. Dann fragte er nach dem Grund.
Der Händler zögerte. „Es gibt Berichte über Navigationsprobleme im westlichen Korridor. Ich möchte die Ware nicht verlieren.“
„Welche Berichte?“
„Nur Gerüchte. Nichts Offizielles.“
Korda sah zu Sira hinüber, die das Gespräch über den offenen Bordkanal mithörte. Sie schüttelte langsam den Kopf. Er lehnte den Umweg nicht ab, aber er versprach auch nichts, bevor sie wussten, woher die Warnung stammte.
***
Taren war an diesem Nachmittag nicht in der Messstation. Er hatte Greez versprochen, beim Ausladen einer Ersatzteillieferung zu helfen, und Greez hatte das Versprechen mit einer Genauigkeit gespeichert, die er bei Navigationsdaten gelegentlich vermissen ließ. Als Taren die Mantis erreichte, standen bereits mehrere Kisten auf der Rampe. Cal war dabei, eine davon mit BD-1s Unterstützung zu öffnen, während Greez mit verschränkten Armen zusah.
„Ich habe gesagt, wir sollen die Kisten erst zählen“, erklärte Greez. „Nicht öffnen. Zählen. Es ist ein sehr einfaches Wort, und ich hatte gehofft, ihr könntet es beide inzwischen unterscheiden.“
Cal hielt den Deckel fest. „BD-1 hat eine falsche Gewichtsangabe entdeckt. Wir wollten prüfen, ob die Lieferung beschädigt ist.“
„Dann zählt man die Kisten und prüft danach die Gewichtsangaben. Wenn ihr mit dem Öffnen anfangt, weiß ich am Ende nicht mehr, ob wir acht Kisten bekommen haben oder sieben Kisten und einen Haufen Einzelteile.“
Taren hob eine der kleineren Kisten an. „Ich sehe, wir sind gerade mitten in einem Lehrgang über ordentliche Frachtverwaltung.“
„Du lachst“, sagte Greez, „aber wenn wir irgendwann wieder irgendwo festsitzen, weil ein Ersatzteil fehlt, wirst du der Erste sein, der wissen will, warum ich es nicht eingepackt habe.“
Taren stellte die Kiste ab und begann zu zählen. Er mochte diese Stunden, in denen die Mantis nicht die letzte Hoffnung irgendeines bedrohten Planeten war, sondern ein Schiff mit Vorräten, Werkzeug und einer Besatzung, die einander lange genug kannte, um sich über Kleinigkeiten zu streiten. Die Geschichten, die man später über ihre Reisen erzählte, ließen solche Nachmittage gewöhnlich aus. Dabei waren es oft genau diese Nachmittage, die dafür sorgten, dass sie beim nächsten Mal wieder gemeinsam aufbrachen.
Merrin erschien mit Seren, als Greez gerade verkündete, dass nun endlich alles vollständig sei. Sie trug einen kleinen Beutel mit frischen Kräutern, die eine Nachbarin ihr für die Küche gegeben hatte, und betrachtete die geöffneten Kisten mit jener ruhigen Aufmerksamkeit, die Cal inzwischen als Warnung verstand.
„Ich hoffe, ihr habt nicht vor, die ganze Lieferung im Gang stehen zu lassen“, sagte sie. „Beim letzten Mal musste ich nachts über drei Behälter steigen, weil jemand versprochen hatte, sie am nächsten Morgen wegzuräumen.“
Greez deutete empört auf Cal. „Diesmal habe ich es ihnen ausdrücklich gesagt.“
„Das hast du beim letzten Mal auch“, antwortete Merrin.
Seren stellte ihren Beutel ab und half, die kleineren Teile in die richtigen Fächer zu bringen. Taren erzählte ihr von einem Gespräch mit Garith über die Messstation, während sie arbeiteten. Der neue Zugang würde frühestens nach weiteren Belastungsprüfungen freigegeben werden. Ceresta hatte inzwischen mehrere Möglichkeiten ausgeschlossen, doch die rätselhafte Grenze in den Messwerten blieb.
„Das ist gut“, sagte Seren, nachdem sie zugehört hatte. „Nicht die Grenze. Dass sie Möglichkeiten ausschließen. Wir müssen nicht jeden Tag eine Tür öffnen, um voranzukommen.“
Taren lächelte. „Ich habe dich verstanden. Und ich gebe zu, dass es angenehm ist, wenn eine Entdeckung einmal auf uns wartet, statt dass wir ihr hinterherrennen.“
„Dann solltest du dir dieses Gefühl merken. Es könnte nützlich werden.“
Sie sahen einander einen Augenblick an, und Taren bemerkte, dass sie müde war. Nicht erschöpft, aber müde genug, dass die Verantwortung der letzten Tage noch in ihren Schultern lag. Er legte ihr eine Hand an den Rücken und fragte, ob sie am Abend einen Spaziergang machen wolle, ohne irgendeine Messstation zu besuchen. Seren sagte zu, solange er nicht plötzlich eine Abkürzung entdecke, die sich als neuer Auftrag entpuppte.
***
Die Serrat hatte den Rand des westlichen Korridors erreicht, als Rusk einen dritten Datensatz fand. Er stammte von einem zivilen Frachter, dessen Besatzung die Navigationsabweichung zunächst für einen Fehler ihres eigenen Systems gehalten hatte. Der Frachter war ohne Schaden weitergeflogen, doch seine beiden unabhängigen Sternreferenzen hatten sich für einen kurzen Augenblick widersprochen. Die Abweichung war gering, aber eindeutig genug, um einen Eintrag im Wartungsprotokoll zu rechtfertigen.
Sira legte die drei Meldungen übereinander. „Wenn ich nur auf die Orte schaue, sieht es aus wie eine Bewegung durch den Korridor. Wenn ich die Zeitstempel dazunehme, stimmt die Reihenfolge nicht. Der Frachter hat die Störung vor der zweiten Boje gemessen, obwohl er weiter entfernt war.“
„Vielleicht war es keine Bewegung“, sagte Rusk. „Vielleicht hat sich etwas gleichzeitig an mehreren Stellen bemerkbar gemacht. Das wäre allerdings eine ziemlich unangenehme Erklärung, weil ich dann nicht einmal weiß, wonach ich suchen soll.“
Korda setzte sich neben sie. „Was wäre die einfachste Erklärung?“
„Dass wir drei unabhängige Fehler haben und uns gerade eine Geschichte daraus bauen“, antwortete Sira. „Ich würde diese Möglichkeit gern mögen. Leider passen die Rohdaten zu gut zusammen.“
Sie waren sich einig, dass sie die Beobachtungen melden mussten. Aber an wen? Die Hafenaufsicht hatte bereits abgewiegelt, und die Handelsgesellschaften würden den Korridor sperren, sobald jemand eine größere Gefahr vermutete. Das konnte Besatzungen schützen, aber auch Schiffe auf längere und schlechter überwachte Wege drängen. Korda kannte Händler, die eine Sperre lieber ignorierten, als ihre Ladung zu verlieren.
„Wir schicken die Daten an die zivile Navigation“, sagte er. „Ohne Vermutung über die Ursache. Und eine Kopie geht an unseren Kontakt. Taren hat uns ausdrücklich gesagt, dass er lieber eine unbequeme Wahrheit hört als eine beruhigende Geschichte. Mal sehen, ob er das noch genauso sieht, wenn er die Messwerte bekommt.“
Rusk betrachtete die Sternkarte. „Du glaubst, sie haben etwas damit zu tun?“
„Nein. Ich glaube, sie haben vielleicht einen Grund, aufmerksam zu sein. Das ist etwas anderes.“
Noch während sie die Nachricht vorbereiteten, änderte sich die Anzeige am Rand der Karte. Ein kleines Schiff war aus dem Schatten eines Frachtkonvois aufgetaucht und hielt nun einen Kurs, der sich mit ihrem in einigen Minuten schneiden würde. Es sendete eine gültige zivile Kennung. Die Antwort auf Siras routinemäßige Anfrage kam sofort und klang unauffällig: ein Kurier, der zu einer äußeren Station unterwegs sei.
Sira ließ das Schiff auf dem Hauptbildschirm vergrößern. „Der Kurs ist ungewöhnlich eng. Vielleicht will er unseren Windschatten nutzen, wenn wir die nächste Sprungmarke anfliegen.“
„Im freien Raum gibt es keinen Windschatten“, sagte Rusk.
„Dann ist es umso unhöflicher.“
Korda bat sie, die Geschwindigkeit leicht zu ändern. Der Kurier korrigierte seinen Kurs ebenfalls, nicht sofort, aber früh genug, dass Sira die Bewegung bemerkte. Einmal konnte Zufall sein. Zweimal war es ein Grund, genauer hinzusehen.
Rusk verglich die Kennung mit den öffentlichen Registern. Sie war gültig, aber erst vor wenigen Tagen auf das Schiff übertragen worden. Das musste nichts bedeuten. Frachter wechselten Besitzer, Kuriere wurden umgebaut, und nicht jeder Betreiber wollte seine Geschäfte offenlegen. Trotzdem spürte Korda, wie die Erinnerung an die Verfolgung der Serrat wieder näher rückte.
„Keine Annäherung“, sagte er. „Wir halten den Kurs zur nächsten belebten Route. Und wir senden die Meldung jetzt ab, bevor wir wieder anfangen, uns darüber zu streiten, ob wir nur Gespenster sehen.“
Sira bestätigte. Die Serrat schickte ihre Daten auf dem vereinbarten Weg, während der Kurier hinter ihnen blieb. Nach einer weiteren Kursänderung drehte er schließlich ab. Es gab keine Drohung, keinen Angriff und keinen eindeutigen Beweis dafür, dass er sie beobachtet hatte. Korda war darüber nicht erleichtert. Er wusste inzwischen, wie wenig ein harmloser Ausgang über die Absicht am Anfang verriet.
***
Am Abend erreichte die Nachricht die Mantis. Greez hatte gerade das Essen aufgetragen, und Taren war dabei, Seren zu erklären, weshalb sein Vorschlag für einen Spaziergang trotz des leichten Regens noch immer ausgezeichnet gewesen sei. Seren erwiderte, dass sie einen Spaziergang durchaus möge, solange er nicht als Vorwand diene, um ein technisches Problem von einer besonders schönen Anhöhe aus zu betrachten.
Als BD-1 die eingegangene Meldung signalisierte, seufzte Greez so tief, dass selbst Merrin lächeln musste.
„Es gibt Tage, an denen ich glaube, dieses Schiff zieht Nachrichten an, die besser bis morgen warten könnten“, sagte er. „Ihr habt noch nicht einmal die Hälfte gegessen. Wenn es kein unmittelbarer Notfall ist, könnt ihr wenigstens den ersten Gang beenden.“
Cal prüfte den Absender und sah zu Taren. „Von der Serrat. Korda hat einen vollständigen Datensatz geschickt.“
Taren nahm das Terminal, las die kurze Begleitnachricht und legte es nicht sofort auf den Tisch. Die Daten beschrieben etwas, das er nicht verstand: Navigationsabweichungen an mehreren weit voneinander entfernten Punkten, keine bestätigte Ursache, keine Schäden und einen möglichen Verfolger, dessen Identität unklar blieb. Korda hatte nichts über Nerava geschrieben und nicht einmal angedeutet, dass er ihren Standort kannte. Er hielt sich an die Abmachung.
„Das ist wichtig“, sagte Taren schließlich. „Aber Greez hat recht. Wir können essen, während die Daten übertragen werden. Niemand da draußen wird sicherer, wenn wir hier unsere Teller stehen lassen.“
Greez zeigte mit der Gabel auf ihn. „Das werde ich mir merken. Ich möchte Zeugen dafür, dass du es gesagt hast.“
Seren las die Nachricht erst nach dem Essen. Sie fand die Beobachtungen beunruhigend, aber nicht deshalb, weil sie darin sofort eine Verbindung zu den Vorgängen unter der Messstation erkannte. Sie wusste zu wenig über beides. Was sie beschäftigte, war die Möglichkeit, dass ein unbekanntes Schiff die Serrat erneut beobachtete, nachdem Korda und seine Leute ihnen geholfen hatten.
„Sie haben sich auf unsere Seite gestellt, ohne zu wissen, wo wir leben“, sagte sie, als die anderen das Geschirr wegräumten. „Das verdient mehr als eine automatische Bestätigung. Wenn jemand sie wegen dieser Entscheidung unter Druck setzt, müssen sie wissen, dass wir ihnen zuhören.“
Cal nickte. „Wir können ihnen eine sichere Kontaktmöglichkeit anbieten, ohne ihnen unsere Route zu geben. Vielleicht einen neutralen Treffpunkt, falls sie Hilfe brauchen.“
Merrin saß am Fenster und betrachtete die Lichter der Stadt. Sie hatte den Datensatz ebenfalls gelesen, aber die technischen Abweichungen sagten ihr wenig. Sie fragte stattdessen, ob Korda in seiner Nachricht erwähnt habe, wie es der Besatzung gehe. Als Taren verneinte, sagte sie, dass dies eine Frage sei, die er in seine Antwort aufnehmen könne. Menschen, die ständig andere warnten, vergäßen manchmal, dass auch jemand nach ihnen fragen dürfe.
Taren schrieb eine Nachricht, die weder die Gefahren kleinredete noch mehr versprach, als sie halten konnten. Er bedankte sich für die Daten, bestätigte, dass sie die Beobachtungen ernst nehmen würden, und fragte nach dem Zustand der Serrat. Falls der unbekannte Verfolger wieder auftauchte, sollten Korda, Sira und Rusk nicht versuchen, allein einen Beweis zu erzwingen. Ein neuer Treffpunkt konnte vereinbart werden, wenn sie ihn brauchten.
Er ließ Seren die Nachricht lesen. Sie änderte nur einen Satz. Aus der Bitte, vorsichtig zu sein, machte sie die ausdrückliche Zusage, dass sie eine Warnung auch dann ernst nehmen würden, wenn sie zunächst keine Erklärung dafür hätten.
„Das ist besser“, sagte Taren. „Ich neige manchmal dazu, Leuten zu sagen, sie sollen sich nicht in Gefahr bringen, nachdem sie mir gerade erklärt haben, dass die Gefahr bereits da ist.“
„Das ist eine deiner liebenswerteren Schwächen“, erwiderte Seren. „Sie lässt sich immerhin korrigieren.“
Sie schickten die Nachricht ab. Danach gingen sie tatsächlich spazieren. Der Regen hatte aufgehört, und die Wege durch Nerava glänzten im Licht der Fenster. An einer kleinen Kreuzung kamen ihnen Garith, Nalea und Kitena entgegen, die mit Tylan einen vorsichtigen Rundgang gemacht hatten. Der Junge saß inzwischen in einem kleinen Transportwagen und erklärte ausführlich, dass er nur deshalb nicht selbst laufe, weil er seinem Bein eine Gelegenheit geben wolle, sich zu benehmen.
Seren blieb stehen und hörte ihm zu, als wäre es der wichtigste Bericht des Tages. Taren sprach mit Garith über die geplanten Untersuchungen, aber nur kurz. Als sie sich verabschiedeten, sagte Nalea, dass es schön sei, einmal über etwas anderes zu reden als über Messstationen und Verletzungen. Taren versprach, beim nächsten Treffen ein besseres Thema mitzubringen.
„Vielleicht Greez' Kochkünste“, schlug er vor.
„Dann müssen wir aber vorher essen“, sagte Garith. „Sonst wird aus dem Gespräch wieder ein Abendessen, und ich habe morgen Frühdienst.“
Sie lachten, und die Familie setzte ihren Weg fort. Taren sah ihnen nach, bis der Wagen hinter einer Biegung verschwand. Er dachte an die fremden Schiffe im Handelskorridor und an die unbekannte Kammer unter Tenebris. Beides war wichtig. Aber die Menschen, die eben an ihnen vorbeigegangen waren, gaben den Fragen ein anderes Gewicht.
***
Korda las Tarens Antwort am folgenden Morgen. Sie kam über denselben indirekten Kanal wie ihre bisherigen Nachrichten und enthielt keine Koordinaten, keine verborgene Route und keine Forderung nach weiteren Informationen. Dafür fragte Taren nach der Besatzung. Korda blieb an diesem Satz länger hängen, als er erwartet hatte.
Sira nahm die Nachricht entgegen, als er sie ihr weiterreichte. „Sie wollen uns also nicht sofort als Kundschafter losschicken.“
„Nein. Sie wollen, dass wir heil bleiben.“
Rusk trat mit einem Ersatzteil in der Hand an den Tisch. „Das klingt nach Leuten, mit denen ich gern Geschäfte mache. Die meisten Auftraggeber fragen zuerst nach der Ladung und dann, falls noch Zeit bleibt, ob der Pilot beide Arme behalten hat.“
Korda musste lächeln. Er las den letzten Absatz noch einmal, in dem Seren versprochen hatte, auch unvollständige Warnungen ernst zu nehmen. Es war kein großer Schwur. Vielleicht war es gerade deshalb glaubwürdig.
Sira sah wieder auf die Karte des Korridors. Die Navigationsstörungen hatten sich seit der letzten Meldung nicht wiederholt. Das unbekannte Kurierfahrzeug war verschwunden, und die zivile Navigation hatte eine Prüfung angekündigt, ohne ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Es gab genug offene Fragen, um eine vorsichtige Besatzung nervös zu machen, aber noch keinen Grund, die Serrat an einem sicheren Hafen festzubinden.
„Was antworten wir?“, fragte sie.
Korda sah zwischen ihr und Rusk hin und her. „Dass wir in Ordnung sind. Dass wir die Daten weiter sammeln, aber nicht nach einem Schiff suchen werden, das sich nicht zeigen will. Und dass sie sich keine Sorgen machen müssen, wir würden ihnen eines Tages eine Rechnung für die Warnung schicken.“
„Das letzte solltest du vielleicht anders formulieren“, meinte Rusk. „Sonst glauben sie noch, wir hätten tatsächlich daran gedacht.“
„Du hast daran gedacht.“
„Natürlich. Ich bin schließlich für die wirtschaftliche Vernunft an Bord zuständig.“
Sira hob die Augenbrauen. „Seit wann?“
„Seit ich der Einzige bin, der weiß, was ein Ersatzteil kostet.“
Korda ließ die beiden weiterstreiten und begann zu schreiben. Er wusste noch immer nicht, wohin die Verbindung zu den Menschen auf Tenebris führen würde. Aber sie bestand inzwischen aus mehr als verschlüsselten Nachrichten und einer gemeinsamen Gefahr. Es war eine Beziehung, die Zeit brauchte und gerade deshalb nicht wertlos wurde, wenn einmal nichts Spektakuläres geschah.
Zur selben Stunde überprüfte Ceresta in Nerava die Daten des Westabschnitts. Sie fand den neuen, gleichbleibenden Abstand in den Messwerten und ließ ihn von einem dritten Gerät bestätigen. Die Anzeige blieb bestehen. Es war, als hätte sich an einer Stelle eine Grenze gebildet, die gestern noch nicht zu messen gewesen war.
Ceresta speicherte den Befund und rief Garith an. Sie wusste nicht, was er bedeutete. Weit entfernt sammelte die Serrat Messungen, deren Ursache ebenso unklar war. Zwischen den beiden Ereignissen lag ein Raum, den noch niemand als zusammenhängenden Weg erkannt hatte.
Vorerst waren es zwei Geschichten, die an unterschiedlichen Orten begonnen hatten. Und in beiden hatten Menschen beschlossen, einander die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie noch keine Antwort besaßen.