Korda Venn hatte die Frachtpapiere zweimal geprüft, bevor er Sira bat, den Kurs zur Außenstation Belisar einzugeben. Nicht weil er der Lieferung misstraute, sondern weil der Händler, der sie beauftragt hatte, darauf bestanden hatte, die Medikamente als gewöhnliche Ersatzteile zu deklarieren. Zwischen Dichtungsringen und Kühlmodulen lagen sechs versiegelte Behälter mit Mitteln, die in Belisar seit Wochen fehlten. Der Händler hatte die Umdeklarierung mit den steigenden Versicherungsgebühren erklärt, und Korda hatte sie nur unter der Bedingung akzeptiert, dass der Empfänger über den tatsächlichen Inhalt informiert wurde.
„Du wirst irgendwann daran zugrunde gehen, dass du bei jedem Auftrag wissen willst, wer am Ende die Kisten öffnet“, sagte Sira, während sie die Route kontrollierte. Sie klang nicht verärgert; sie hatte selbst darauf bestanden, dass die Temperaturüberwachung der Behälter an die Brücke angeschlossen wurde. „Belisar liegt hinter dem westlichen Korridor. Wenn die Navigationsbojen wieder Unsinn erzählen, verlieren wir einen halben Tag.“
„Dann verlieren wir einen halben Tag. Die Medikamente sind wichtiger als die Ankunftszeit.“
Rusk kam aus dem Maschinenraum und wischte sich die Hände an einem Tuch ab, das seine Farbe längst verloren hatte. Er hatte die beschädigte Verbindung der Sensoranlage ersetzt und war seitdem auffallend guter Laune. „Ich möchte nur festhalten, dass wir mit dieser Lieferung endlich einmal etwas transportieren, das nicht bei der ersten Erschütterung auseinanderfällt. Vorausgesetzt, niemand fragt, wie alt unsere Kühlanlage ist.“
Sira sah ihn an. „Wie alt ist sie?“
„Alt genug, um Respekt zu verdienen. Jung genug, um sich darüber zu ärgern, wenn man sie beleidigt.“
Sie flogen seit Jahren zusammen, und Korda kannte den Unterschied zwischen Rusks leichtfertigem Ton und seiner tatsächlichen Einschätzung eines Problems. Als der Techniker die Anzeigen der Kühlbehälter überprüfte und anschließend schweigend eine zweite Stromleitung zuschaltete, fragte Korda deshalb nicht nach. Er ließ ihm den Raum, seine Arbeit zu machen.
Die Serrat hatte den letzten bewohnten Außenposten bereits hinter sich gelassen, als ein schwaches Notsignal auftauchte. Es kam von einem kleinen Transporter, der abseits der üblichen Route trieb. Seine Kennung war unvollständig, der Notruf jedoch eindeutig: Lebenserhaltung ausgefallen, zwei Personen an Bord, eine davon verletzt.
Sira ließ sich die Entfernung anzeigen. „Wir sind das nächste Schiff. Selbst wenn wir sofort drehen, brauchen wir Zeit, um sie zu erreichen.“
„Und wenn wir nicht drehen?“
„Dann muss jemand anderes kommen, falls überhaupt jemand kommt.“
Korda sah auf die medizinischen Behälter im Frachtraum. Auf Belisar warteten Menschen auf diese Lieferung. Dort gab es aber eine funktionierende Station, andere Schiffe und die Möglichkeit, einige Stunden zu überbrücken. Hier draußen hatte der Transporter nichts davon.
„Wir antworten und fliegen hin“, entschied er. „Sag Belisar Bescheid, dass wir uns verspäten. Und lass den Notruf aufzeichnen, falls die Rettungskräfte später Fragen haben.“
Sira schickte die Bestätigung, und Rusk machte die kleine Andockschleuse bereit. Niemand sprach von einer Falle. Sie hatten im vergangenen Jahr genügend echte Unglücke gesehen, um nicht jedes Notsignal als Angriff zu behandeln. Trotzdem überprüfte Sira auf Kordas Bitte den umgebenden Raum mit sämtlichen Sensoren. Außer dem treibenden Transporter war nichts zu erkennen.
***
Der Transporter hatte einen aufgerissenen Steuerbordflügel und verlor langsam Luft. Korda sah durch die Kameras, wie sich eine Gestalt hinter einem der kleinen Sichtfenster bewegte. Auf ihren Ruf antwortete eine Frau, deren Stimme vor Erschöpfung brüchig klang. Ihr Bruder war beim Ausfall der Steuerung gegen eine Konsole geschleudert worden; sie selbst hatte versucht, die Lebenserhaltung mit einer tragbaren Batterie zu versorgen.
Rusk verband die Schleusensteuerung mit einem externen Notmodul. „Wenn wir andocken, kann ich ihnen Luft geben. Aber ich brauche sieben Minuten, um die Dichtung zu prüfen. Wenn wir sie jetzt zu schnell öffnen, haben wir zwei beschädigte Schiffe statt einem.“
„Nimm dir die sieben Minuten“, sagte Korda. „Sira, halte uns ruhig.“
Die ersten fünf Minuten vergingen ohne Zwischenfall. Dann meldete Sira eine neue Signatur hinter einem der Felsbrocken, die den Rand des Korridors säumten. Das Schiff hatte seine Triebwerke fast vollständig heruntergefahren und war deshalb zunächst nicht aufgefallen. Nun setzte es sich in Bewegung, langsam genug, um nicht sofort bedrohlich zu wirken, aber genau auf die Serrat zu.
Korda ließ eine allgemeine Kennungsanfrage senden. Die Antwort blieb aus.
„Rusk, wie lange?“
„Zwei Minuten. Ich kann die Dichtung jetzt lösen, aber dann riskiere ich, dass der Transporter auseinanderbricht.“
Korda betrachtete das Sichtfenster des beschädigten Schiffes. Die Frau dahinter hatte beide Hände an die Scheibe gelegt. Er wusste nicht, ob sie das andere Schiff überhaupt sehen konnte.
„Mach weiter“, sagte er. „Wir lassen sie nicht zurück, solange wir sie noch erreichen können.“
Das fremde Schiff beschleunigte. Im selben Augenblick verlor die Serrat für einen Herzschlag ihre äußeren Sternreferenzen. Sira schaltete auf die internen Lagegeber um, bevor die automatische Steuerung eine gefährliche Korrektur einleiten konnte.
„Das ist kein gewöhnlicher Sensorfehler“, sagte sie. „Jemand legt uns die Navigation lahm.“
Ein heller Einschlag traf den hinteren Schildbereich. Die Serrat wurde seitlich versetzt, und Rusk fluchte, als seine Andockverbindung zu reißen drohte. Sira fing die Bewegung ab, indem sie den beschädigten Transporter in den Schub ihrer Manövriertriebwerke einbezog. Es war ein riskanter Ausgleich; hätte sie zu stark gegengesteuert, wäre die fragile Schleuse gebrochen.
„Rusk, bring die Leute rüber!“, rief Korda.
„Die Schleuse ist dicht. Ich gehe rein.“
Korda wollte ihn zurückhalten, doch die Verbindung stand bereits. Auf der Kamera sah er, wie Rusk sich in den engen Übergang zwängte und der Frau half, ihren verletzten Bruder auf eine Trage zu ziehen. Hinter ihnen blinkten die roten Warnleuchten des Transporters. Sira hielt beide Schiffe trotz eines zweiten Treffers zusammen, bis die Trage die Schwelle überquert hatte.
Erst als Rusk wieder an Bord war, löste sie die Verbindung. Der Transporter trudelte davon, sein beschädigter Flügel brach unter der Belastung endgültig ab. Korda musste sich zwingen, nicht weiter hinzusehen. Sie hatten die Menschen herausgeholt; für das Schiff konnten sie nichts mehr tun.
„Antrieb bei achtundfünfzig Prozent“, meldete Sira. „Die äußere Steuerung reagiert verzögert. Ich kann uns aus der Schusslinie bringen, aber keinen sauberen Sprung versprechen.“
Rusk meldete sich aus dem hinteren Korridor. „Die beiden leben. Der Mann braucht eine richtige Behandlung. Und bevor du fragst: Ich weiß, dass wir selbst ein Problem haben. Hier riecht es nach verschmorter Isolierung.“
Ein dritter Treffer schlug in die Hülle. Diesmal blieb der Schlag nicht draußen. In einem Versorgungsschacht platzte eine Leitung, und die Notabschottung verriegelte den Zugang zum Maschinenraum. Rusk war auf der falschen Seite der Tür.
***
Sira warf die Serrat zwischen zwei langsam rotierende Felsbrocken. Das Manöver kostete sie den letzten stabilen Steuerimpuls, gab ihnen aber einige Sekunden Deckung. Das fremde Schiff folgte nicht sofort. Es blieb außerhalb des Trümmerfelds und richtete seine Sensoren auf sie, als warte es darauf, dass sie wieder hervorkamen.
„Es will uns nicht zerstören“, sagte Sira. „Sonst hätte es uns längst getroffen, wo es weh tut.“
„Vielleicht will es unsere Daten“, erwiderte Korda. „Oder es will wissen, wohin wir fliegen, wenn wir Angst bekommen.“
Er dachte an die Nachricht von Taren und Seren, an ihre ausdrückliche Bitte, keine Beweise zu erzwingen. Die Serrat hatte keine Koordinaten von Nerava gespeichert. Selbst unter Druck konnte sie den Standort nicht preisgeben. Doch das bedeutete nicht, dass ihre Besatzung sicher war.
Rusk meldete sich erneut. Sein Atem ging schwerer. „Die Abschottung hat mich im Wartungsgang eingeschlossen. Ich kann die Notleitung von hier aus erreichen, aber das Ventil sitzt hinter einem überhitzten Verteiler. Wenn ich es öffne, bekomme ich die Steuerung vielleicht zurück. Wenn nicht, müsst ihr mich später aus dem Schacht schneiden.“
„Du rührst das Ventil nicht an, bevor wir die Temperatur gesenkt haben“, sagte Korda. „Ich verliere heute niemanden, nur weil er meint, allein schneller zu sein.“
„Dann beeilt euch. Die Luft hier wird nicht besser.“
Sira drehte sich zu ihm um. In ihrem Gesicht lag keine Panik, nur die nüchterne Anspannung eines Menschen, der die verbleibenden Möglichkeiten bereits durchgerechnet hatte. „Wir können einen Notruf auf den offenen Kanälen senden. Der Angreifer hört mit. Oder wir nehmen den verschlüsselten Kontakt. Wenn Taren antwortet, weiß er wenigstens, worauf er sich einlässt.“
Korda nickte. Es fiel ihm schwerer, als er erwartet hatte. Jahrelang hatte er seiner Mannschaft versprochen, sie durch Erfahrung und Vorsicht aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Nun musste er eingestehen, dass beides nicht genügte.
„Schick ihm unsere Position und den Zustand der Serrat“, sagte er. „Sag, dass wir zwei Gerettete an Bord haben und Rusk eingeschlossen ist. Und dass niemand versuchen soll, dem fremden Schiff hinterherzufliegen.“
Die Nachricht ging hinaus. Sira schaltete die Kennung der Serrat auf eine zivile Notsignatur um, damit auch andere Helfer sie finden konnten. Dann zog sie den beschädigten Frachter tiefer zwischen die Felsbrocken, wo die Sensoren des Gegners unzuverlässiger wurden. Ihr blieb nichts anderes übrig, als Zeit zu gewinnen.
***
Die Mantis hatte Tenebris wenige Stunden zuvor für einen planmäßigen Versorgungsflug verlassen. Taren und Seren begleiteten die Besatzung, weil sie auf dem Rückweg gemeinsam nach Nerava zurückkehren wollten. Greez war dabei, den Vorratsschrank der Mantis neu zu ordnen, als BD-1 mit einem so eindringlichen Pfeifen über den Tisch lief, dass selbst Cal aufhörte, mit Merrin zu sprechen. Taren öffnete die Nachricht, las sie und reichte sie sofort an Seren weiter.
„Wie weit ist es?“, fragte Seren.
Greez sah die Koordinaten an. „Weit genug, dass wir keine Zeit für eine lange Diskussion haben. Nah genug, dass ich es versuchen kann, wenn wir sofort starten.“
„Dann starten wir“, sagte sie. „Aber nicht auf dem direkten Weg zurück nach Tenebris. Falls dieses Schiff die Serrat beobachtet, dürfen wir es nicht zu uns führen.“
Cal prüfte die Schadensdaten. „Wenn ihre Steuerung tatsächlich so verzögert reagiert, kann Sira einen weiteren Treffer kaum abfangen. Wir brauchen einen Plan, der nicht davon abhängt, dass Korda uns entgegenfliegt.“
Merrin legte eine Hand auf das Terminal und betrachtete die beiden Lebenszeichen, die Rusk für die Geretteten übertragen hatte. „Die Menschen auf dem Transporter haben vielleicht mehr gesehen als die Serrat. Wenn wir sie erreichen, sollten wir fragen, was vor dem Ausfall passiert ist. Aber erst müssen sie überleben.“
Greez schob den Vorratsschrank zu. „Ich bringe uns hin. Was ihr dort macht, besprecht ihr unterwegs. Und diesmal fasst mir niemand ungefragt die Triebwerksregelung an.“
Auf dem Flug legten sie ihre Aufgaben fest. Greez würde die Mantis außerhalb der direkten Feuerlinie halten und eine stabile Annäherung ermöglichen. Cal und BD-1 sollten die beschädigte Steuerung der Serrat auswerten, sobald sie nah genug waren. Seren übernahm die Entscheidung über den Übertritt, Taren die Verbindung zu Korda. Merrin bereitete sich darauf vor, die Verletzten zu übernehmen; ihre Fähigkeiten konnten Schmerzen lindern und einen Menschen beruhigen, aber keinen beschädigten Rumpf zusammenhalten.
Als sie aus dem Hyperraum kamen, war die Serrat auf den ersten Blick nicht zu sehen. Dann entdeckte BD-1 die schwache Notsignatur zwischen den Felsbrocken. Das fremde Schiff stand weiter draußen. Seine Silhouette war nur kurz auf den Sensoren zu erkennen, bevor es eine neue Störung auslöste.
„Es ist derselbe Typ Signal wie bei den Bojen“, sagte Cal. „Aber stärker und gezielter. Ich kann nicht beweisen, dass es derselbe Angreifer wie bei der Neris ist.“
„Müssen wir auch nicht“, antwortete Seren. „Wir holen unsere Leute heraus.“
Greez ließ die Mantis unterhalb der Felsbrocken entlanggleiten und benutzte deren Masse als Deckung. Das fremde Schiff drehte auf sie zu. Ein Schuss strich über die obere Schildkante, doch Greez hatte bereits die Richtung geändert. Die Mantis schob sich mit einem kurzen Triebwerksstoß in den Schutz eines größeren Trümmerstücks.
„Das ist ein verdammt schlechter Ort, um zwei Schiffe zusammenzubringen“, knurrte er. „Also sorgt dafür, dass wir es nur einmal versuchen müssen.“
Taren erreichte Korda über eine direkte Verbindung. Dessen Stimme klang erschöpft, aber gefasst. „Wir haben die beiden Geretteten im Frachtraum. Rusk sitzt hinter einer verriegelten Abschottung. Sira kann uns halten, solange die Manövriertriebwerke durchhalten.“
„Wir sind da“, sagte Taren. „Du musst nichts mehr beweisen. Sag uns nur, was du brauchst.“
Korda schwieg einen Moment. „Einen Weg zu Rusk. Und danach einen Ort, an dem wir die beiden Verletzten versorgen können.“
***
Cal fand die Ursache der verriegelten Abschottung schneller als erwartet. Nicht die Tür war zerstört, sondern die Leitung, die ihre Notsteuerung versorgte. BD-1 konnte den Mechanismus über eine externe Wartungsbuchse ansprechen, doch dafür musste jemand die Serrat erreichen. Ein drahtloser Eingriff wäre unter den Störimpulsen des Gegners zu unsicher gewesen.
Seren betrachtete die Entfernung zwischen den Schiffen. „Wir gehen rüber. Taren und ich. Cal bleibt mit BD-1 an der Schleuse, bis wir die Verbindung haben.“
„Ich könnte mitkommen“, sagte Cal.
„Du wirst hier gebraucht, wenn die Steuerung erneut ausfällt. Wir müssen nicht alle dasselbe Risiko eingehen, um nützlich zu sein.“
Merrin befestigte die medizinische Tasche an ihrem Gürtel. „Und ich übernehme die Verletzten, sobald die Schleuse offen ist. Wenn wir die ganze Mannschaft auf einmal in einen engen Gang schicken, stehen wir uns nur im Weg.“
Greez brachte die Mantis so nah an die Serrat heran, dass die beschädigten Außenplatten des Frachters im Licht ihrer Scheinwerfer sichtbar wurden. Zwischen den Schiffen lag ein schmaler, unruhiger Spalt. Die Andockvorrichtungen passten nicht vollständig zusammen, weshalb sie eine flexible Rettungsmanschette benutzen mussten. Ein weiterer Treffer konnte sie zerreißen.
Taren und Seren warteten, bis Greez die Triebwerke abgestimmt hatte. Dann gingen sie durch die Manschette, die sich bei jeder Korrektur der beiden Schiffe leicht spannte. Seren erreichte die andere Seite zuerst, prüfte die Verriegelung und zog Taren nach. Erst als beide im Inneren der Serrat standen, gab sie das Zeichen für Cal und BD-1.
Korda erwartete sie an der Schleuse. Sein Gesicht war bleich, und an einer Schläfe hatte sich Blut gesammelt. Dennoch führte er sie ohne Umschweife zur verriegelten Abschottung. Unterwegs zeigte er auf einen Monitor, der die beiden Geretteten überwachte. Die Frau war ansprechbar; ihr Bruder brauchte dringend eine Behandlung, die Korda nicht leisten konnte.
„Merrin kommt zu ihnen“, sagte Taren. „Wir holen erst Rusk heraus.“
BD-1 kletterte auf Cals Schulter bis zur Wartungsbuchse und verband seine Sonde mit dem beschädigten System. Die Anzeige flackerte, dann erschien ein Plan der Notleitungen. Cal erklärte Rusk über den Bordkanal, welches Ventil er nicht mehr berühren durfte. Rusk antwortete mit einem müden Scherz, doch sein Atem verriet, wie schlecht es ihm ging.
„Die Tür lässt sich öffnen“, sagte Cal, „aber der Verteiler dahinter steht noch unter Spannung. Wenn wir sie einfach entriegeln, schlägt die Hitze in den Gang.“
Seren sah sich die Leitungen an. „Können wir den Abschnitt von außen isolieren?“
„Ja. Allerdings fällt dann für einige Sekunden auch die Reserveversorgung der Steuerdüsen aus.“
Greez hörte mit. „Das ist eine ausgesprochen unangenehme Nachricht. Sira, wenn wir das machen, musst du dein Schiff völlig ruhig halten.“
„Dann hör auf, es mir dauernd zu bewegen“, gab sie zurück. „Sag mir, wann.“
Sie stimmten den Augenblick ab. Greez stabilisierte die Mantis, Sira verringerte den Schub der Serrat auf ein Minimum, und BD-1 trennte den beschädigten Stromkreis. Für wenige Sekunden hörte das Vibrieren im Rumpf auf. Seren zog die mechanische Verriegelung zurück, während Taren die Tür gegen den Druck des verformten Rahmens aufhielt.
Rusk saß am Boden, eine Hand auf den verbrannten Ärmel gepresst. Er versuchte aufzustehen, doch sein Bein gab nach. Taren ging zu ihm, während Seren den Gang nach beschädigten Leitungen absuchte. Gemeinsam brachten sie ihn durch die Öffnung, bevor Cal den Stromkreis wieder zuschaltete.
„Du siehst furchtbar aus“, sagte Korda, als sie Rusk auf eine Trage legten.
„Du solltest erst die andere Seite sehen“, erwiderte Rusk. „Die hat sich nicht einmal entschuldigt.“
Korda kniete sich neben ihn. Für einen Augenblick legte er die Hand auf die unverletzte Schulter seines Technikers, ohne etwas zu sagen. Dann half er Merrin, die Trage zur Schleuse zu bringen.
Draußen hatte das fremde Schiff die Position gewechselt. Es feuerte erneut, diesmal auf den Felsbrocken, hinter dem die Mantis lag. Gestein splitterte auseinander und trieb in breiten Wolken auf die beiden Schiffe zu. Greez musste ausweichen, konnte die Rettungsmanschette aber nicht lösen, solange noch Menschen darin waren.
„Wir haben vielleicht eine Minute“, sagte er. „Danach wird es hier zu eng.“
Seren schickte Merrin mit den Verletzten voraus. Cal und BD-1 blieben an der Schleuse, um die Überwachung der Serrat zu sichern. Korda wollte zurück auf die Brücke, doch Sira kam ihm zuvor: Sie hatte die beschädigte Steuerung inzwischen so weit stabilisiert, dass sie die letzten Meter selbst übernehmen konnte.
„Ich lasse das Schiff nicht hier, wenn es noch fliegen kann“, sagte sie über den Kanal. „Aber ich brauche jemanden, der mir die Reserveleitung auf die Hauptsteuerung legt.“
Rusk hob auf der Trage den Kopf. „Unter dem linken Bedienfeld. Die gelbe Verbindung. Nicht die rote, die ist seit Jahren falsch beschriftet.“
Cal bestätigte, dass er die Leitung gefunden hatte. Sira bekam ihre Steuerdüsen zurück, und die Serrat löste sich langsam von der Mantis. Im selben Moment riss ein großer Gesteinsbrocken durch die Stelle, an der die Rettungsmanschette noch Sekunden zuvor gespannt gewesen war.
Greez brachte die Mantis zwischen die Serrat und den Angreifer. Sein Schiff war schneller und konnte den Beschuss abfangen, während Sira den Frachter auf eine sichere Flugbahn führte. Als das fremde Schiff erneut ansetzte, drehte Greez abrupt ab und lockte es aus dem Trümmerfeld. Es folgte ihnen ein Stück, brach die Verfolgung dann jedoch ab, als zwei zivile Patrouillenschiffe auf den inzwischen offenen Notruf reagierten.
Niemand jubelte. Sie waren zu erschöpft, und die Gefahr war zu knapp an ihnen vorbeigegangen. Erst als die Patrouille die beschädigte Serrat in Empfang nahm, löste Taren den Griff von der Lehne, an der er während des letzten Manövers gestanden hatte.
***
Die beiden Geretteten wurden auf einer neutralen Versorgungsstation behandelt. Der Bruder hatte mehrere Knochenbrüche, würde aber überleben. Seine Schwester erzählte später, dass ihr Transporter vor dem Unfall von einem fremden Schiff angesprochen worden war. Man hatte sie nach ihrer Route und nach den Schiffen gefragt, denen sie zuletzt begegnet waren. Als sie keine Antwort geben konnte, war die Verbindung abgebrochen. Kurz darauf hatte ihre Steuerung versagt. Ob der Ausfall absichtlich herbeigeführt worden war, wusste sie nicht.
Korda hörte ihr zu, ohne sie zu drängen. Er hätte gern Gewissheit gehabt, aber er sah, wie viel Mühe es sie kostete, überhaupt zu sprechen. Als sie sich dafür bedankte, dass die Serrat angehalten hatte, antwortete er, dass jedes Schiff an ihrer Stelle hätte helfen sollen. Sie sah ihn lange an und sagte, das sei leider nicht immer so.
Rusk lag inzwischen auf einer Krankenliege. Die Verbrennung an seinem Arm war versorgt, und sein Bein würde einige Tage Ruhe brauchen. Er war unzufrieden damit, dass die Ärztin ihm den Zugang zum Maschinenraum ausdrücklich untersagt hatte. Sira saß neben ihm und erklärte ihm, welche Reparaturen die Serrat benötigte. Sie ließ dabei sorgfältig aus, wie knapp sie selbst einem Zusammenstoß entgangen waren.
Taren fand Seren an einem Fenster, von dem aus man die beschädigte Serrat im Dock sehen konnte. Der Frachter war flugfähig, aber nicht sicher genug für einen längeren Weg. Die Station konnte nur die dringendsten Arbeiten übernehmen; für eine vollständige Reparatur fehlten ihr Teile und Fachleute.
„Korda kann hier nicht lange bleiben“, sagte Taren. „Wenn der Angreifer nach ihm sucht, findet er irgendwann heraus, wo die Serrat eingelaufen ist.“
Seren nickte. Sie hatte die gleichen Überlegungen angestellt, aber noch eine andere Verantwortung. Nerava war nicht irgendein Hafen, in den sie Freunde einladen konnte. Ihre Stadt hatte Regeln, die Menschen schützen sollten, deren Existenz draußen kaum jemand kannte.
„Wir können ihnen helfen, ohne sie sofort nach Tenebris zu bringen“, sagte sie. „Eine geschützte Reparaturmöglichkeit außerhalb der bekannten Routen wäre ein Anfang. Ich werde mit Daron sprechen und offenlegen, was passiert ist. Wenn wir mehr anbieten wollen, muss diese Entscheidung getragen werden.“
Taren lehnte sich neben sie an die Fensterbrüstung. „Ich weiß, was du damit riskierst. Und ich will nicht, dass du wegen mir eine Grenze überschreitest, die du für richtig hältst.“
„Es geht nicht nur um dich.“ Seren sah zu der Serrat hinüber. „Korda hat zwei Fremde gerettet, obwohl er bereits Grund hatte, vorsichtig zu sein. Als wir kamen, wollte er zuerst wissen, ob wir Rusk erreichen können. Er hat uns nichts vorgespielt. Ich kann nicht behaupten, diese Menschen seien mir gleichgültig, nur weil es einfacher wäre.“
Sie blieb einen Moment still. „Aber ich werde auch nicht so tun, als könnte ich allein über die Sicherheit aller entscheiden.“
Taren nahm ihre Hand. Es war keine vollständige Lösung, doch es war eine, mit der sie beide leben konnten. Sie würden einen geschützten Ort für die nächsten Reparaturen suchen und die Entscheidung über alles Weitere mit den Verantwortlichen treffen. Korda sollte wissen, was sie anbieten konnten, und ebenso, was noch offen war.
Später saßen sie mit ihm, Sira und Rusk zusammen. Korda nahm das Angebot ohne Stolz und ohne falsche Bescheidenheit an. Er fragte nach den Bedingungen, nach den Menschen, die davon erfahren würden, und danach, ob er seine Mannschaft vor einem weiteren Angriff schützen könne, ohne die Gastgeber in Gefahr zu bringen. Seren beantwortete jede Frage, soweit sie es durfte. Was sie nicht versprechen konnte, sagte sie ebenso deutlich.
„Ich habe einmal geglaubt, dass man ein guter Kapitän ist, wenn man niemanden um Hilfe bittet“, sagte Korda schließlich. „Damals habe ich ein Schiff zurücklassen müssen. Nicht nur die Ladung. Auch Menschen, die darauf vertraut hatten, dass ich noch einen Weg finde. Ich hatte keinen. Seitdem halte ich bei einem Notruf lieber einmal zu oft an.“
Rusk sah zu ihm hinüber. Er kannte die Geschichte, doch Korda sprach selten darüber. Sira sagte nichts; sie legte nur die Hand auf den Tisch, nahe genug, dass Korda sie erreichen konnte, wenn er wollte.
„Heute hast du einen Weg gefunden“, sagte Seren. „Nicht allein. Das macht ihn nicht weniger wert.“
Korda atmete langsam aus. Dann fragte er nach der Lieferung für Belisar. Sira hatte bereits veranlasst, dass die Medikamente mit einem Patrouillenschiff weitertransportiert wurden. Sie würden verspätet ankommen, aber sie würden ankommen. Korda ließ sich die Bestätigung zeigen und lächelte zum ersten Mal seit dem Angriff ohne Anstrengung.
Als Taren und Seren später zur Mantis zurückkehrten, war es auf der Station ruhig geworden. Greez hatte eine Mahlzeit für alle organisiert, die nach dem Einsatz kaum noch auf den Beinen standen, und Merrin saß mit Cal im Aufenthaltsraum. Sie hatte den beiden Geretteten lange zugehört und erzählte nun, dass die Frau sich an ein seltsames Geräusch erinnert hatte, kurz bevor die Steuerung ausfiel: kein Warnsignal, eher ein tiefer Ton, der durch den Rumpf gegangen war. Es war kein Beweis für irgendetwas. Cal versprach, die Beschreibung zusammen mit den technischen Daten aufzubewahren.
Taren setzte sich zu ihnen. Er dachte an den beschädigten Transporter, der im Trümmerfeld zurückgeblieben war, an Rusks verbrannten Arm und an Kordas Erleichterung, als die Nachricht aus Belisar gekommen war. Sie hatten nicht alles retten können. Aber sie hatten die Menschen herausgeholt, und für diesen Abend musste das genügen.
Seren ließ sich neben ihn sinken und lehnte für einen Moment den Kopf an seine Schulter. Draußen begannen die Hafenlichter zu verblassen, während die Station in ihre künstliche Nacht wechselte. Morgen würden sie über Reparaturen, sichere Wege und die unbekannte Bedrohung sprechen müssen. Heute waren alle, die mit ihnen aufgebrochen waren, noch da.