Tylan hatte den kleinen Werkzeugkasten bereits bis zur Küchentür geschleppt, als Nalea ihn bemerkte. Er war nicht besonders schwer, doch die Art, wie ihr Sohn ihn mit beiden Händen umklammerte, verriet ihr, dass er sich für einen Mann auf einer wichtigen Mission hielt. Hinter ihm ging Kitena mit jener geduldigen Miene, die sie gewöhnlich aufsetzte, wenn sie beschlossen hatte, ihrem Bruder beim Scheitern zuzusehen.
„Und wohin soll das gehen?“, fragte Nalea.
„Zu Papa.“ Tylan stellte den Kasten ab, als hätte er ihn aus einer brennenden Werkstatt gerettet. „Er braucht bestimmt Hilfe.“
„Papa hat heute genügend Leute, die ihm helfen.“
„Aber die wissen nicht, wo sein kleiner Schraubenschlüssel ist.“
Kitena lehnte sich an den Türrahmen. „Du weißt es auch nicht. Gestern hast du ihn in deiner Bettdecke gefunden.“
„Weil ich ihn da hingelegt habe.“
„Das macht es nicht besser.“
Nalea musste lächeln, obwohl ihr beim Anblick des Kastens wieder einfiel, wie still es in diesem Haus gewesen war, nachdem Tylan verletzt aus der Weststation zurückgekehrt war. Er bewegte sich inzwischen fast wieder wie früher, nur manchmal verriet ein vorsichtiger Schritt, dass sein Körper noch nicht alles vergessen hatte. Sie selbst würde vermutlich länger brauchen. „Heute bleibst du hier. Und wenn dein Vater den Schlüssel braucht, findet er einen Weg, uns zu fragen.“
Tylan erwog den Vorschlag mit sichtlichem Misstrauen. Dann zog er den Kasten zurück zum Tisch. „Dann repariere ich eben hier etwas.“
„Bitte nichts, das funktioniert“, sagte Kitena.
Garith kam gerade rechtzeitig herein, um den letzten Satz zu hören. Er küsste Nalea flüchtig auf die Wange, nahm sich ein Stück Brot und betrachtete den Werkzeugkasten. „Habe ich einen Auftrag verpasst?“
„Du hast einen Mitarbeiter verloren“, erklärte Tylan. „Mama lässt mich nicht mit.“
Garith kniete sich zu ihm. „Heute bin ich selbst nur der Mitarbeiter. Ceresta hat etwas entdeckt, und wenn sie morgens vor dem Frühstück nach mir schicken lässt, möchte ich lieber pünktlich sein.“ Er senkte die Stimme. „Außerdem brauche ich jemanden, der hier überprüft, ob deine Schwester heimlich meine Schrauben sortiert.“
„Ich sortiere sie besser als du“, sagte Kitena.
„Eben. Das macht mir Sorgen.“
Er verabschiedete sich unter lautstarken Einwänden seiner Kinder. Als die Tür hinter ihm zufiel, blieb Nalea einen Moment stehen. Die Weststation lag nur wenige Wege entfernt, und doch war sie ihr seit dem Unfall wie ein fremder Ort erschienen. Garith hatte ihr versprochen, dass die neuen Untersuchungen anders ablaufen würden. Heute hoffte sie, dass alle Beteiligten dieses Versprechen ebenso ernst nahmen wie er.
Ceresta wartete nicht im Hauptlabor, sondern unten am Zugangskorridor, die Haare unordentlich zusammengebunden und eine schmale Datentafel unter dem Arm. Daron stand neben einem tragbaren Messgerät, dessen Anzeigen in regelmäßigen Abständen aufleuchteten. Beide sahen aus, als hätten sie einen Streit begonnen und vorläufig zugunsten der Arbeit unterbrochen.
„Sag mir bitte, dass du geschlafen hast“, begrüßte Garith sie.
„Ein wenig“, erwiderte Ceresta. „Aber ich habe etwas Besseres gefunden.“
„Das sagt sie seit einer Stunde“, murmelte Daron. „Und jedes Mal muss ich danach eine neue Leitung verlegen.“
Ceresta ignorierte ihn und führte Garith zu der glatten Wand, hinter der sie schon vor Tagen die Struktur mit der alten Kennung T-6 entdeckt hatten. Ihre Oberfläche war noch immer bemerkenswert gleichmäßig. Keine Fuge, kein sichtbarer Verschluss und keine Spur davon, dass jemand hier einmal einen Durchgang vorgesehen hatte. Auf Cerestas Anzeige lagen mehrere Temperaturkurven übereinander.
„Wir haben die Wärmeverteilung falsch gelesen“, sagte sie. „Wir gingen davon aus, dass die Wand auf die Energie im Korridor reagiert. Tatsächlich folgt die Veränderung einem eigenen Rhythmus. Er ist schwach, aber er bleibt erhalten, auch wenn wir unsere Geräte abschalten.“
Garith beugte sich über die Darstellung. „Dann sitzt dahinter noch etwas, das arbeitet.“
„Oder auf etwas wartet. Ich möchte nur ungern behaupten, eine Maschine warte auf uns, bevor ich weiß, wofür sie gebaut wurde.“
Daron verschränkte die Arme. „Und deshalb wollen wir sie heute nicht aufschneiden.“
„Genau deshalb.“ Ceresta deutete auf eine schmale Stelle am unteren Rand der Messung. „Hier verändert sich die Temperatur, sobald der Raum nebenan um wenige Grad wärmer wird. Nicht sofort. Mit einer Verzögerung, die zu einer Regelung passt. Ich möchte eine kleine, kontrollierte Veränderung erzeugen und beobachten, was sie damit macht.“
Garith nickte langsam. „Und wenn sie reagiert?“
„Dann wissen wir mehr als gestern. Mehr verspreche ich nicht.“
Sie arbeiteten bis in den späten Vormittag. Daron stellte eine isolierte Wärmequelle auf, Garith kontrollierte die Versorgung und Ceresta verglich jede Reaktion mit den alten Aufzeichnungen. Zunächst geschah nichts. Dann erschien auf der Wand ein feiner Schatten, so schmal, dass Garith ihn für einen Fehler im Licht hielt. Als Ceresta die Temperatur wieder senkte, verschwand er. Beim zweiten Versuch kehrte er an derselben Stelle zurück, diesmal länger.
„Da ist deine Fuge“, sagte Garith.
Ceresta lächelte nicht. Sie war zu beschäftigt damit, die Linie zu verfolgen, die sich in einem sanften Bogen nach oben zog und dort in drei kürzere Abschnitte teilte. „Nicht nur eine Fuge. Eine Oberfläche, die ihren Zustand ändern kann. Vielleicht haben wir die ganze Zeit auf eine Tür gesehen, ohne zu erkennen, dass sie eine ist.“
Daron trat näher, hielt aber Abstand zu den Geräten. „Das bedeutet nicht, dass wir sie öffnen sollten.“
„Nein“, sagte Ceresta. „Das bedeutet, dass wir zuerst herausfinden müssen, wie man sie wieder schließt.“
Ilyra kam kurz darauf mit zwei Bechern heißem Kräuteraufguss, weil Ceresta ihre Nachricht zwar gelesen, aber auf die Frage nach einer Pause nicht geantwortet hatte. Sie blieb stehen, als sie die sichtbare Linie an der Wand bemerkte. Ihr Blick wanderte von der oberen Verzweigung zum schmalen Bogen darunter. Der Becher in ihrer rechten Hand neigte sich gefährlich.
Ceresta fing ihn auf, bevor etwas verschüttet wurde. „Was ist?“
„Das Zeichen.“ Ilyra trat einen Schritt näher. „Ich kenne das.“
„Du warst schon hier unten.“
„Nein. Nicht von hier.“ Ilyra betrachtete die Linien so konzentriert, dass Ceresta zunächst nichts weiter sagte. „Meine Großmutter hatte ein Zeichen auf einer Schachtel. Ich dachte immer, es wäre eine Verzierung. Zwei Linien gehen auseinander und treffen sich wieder. Genau so.“
Garith sah zu Ceresta. „Ein altes Familienzeichen auf einer Wand, die niemand kennt?“
„Vielleicht eine Ähnlichkeit“, sagte Ceresta. „Wir sollten nicht mehr daraus machen, bevor wir beide nebeneinander gesehen haben.“
Ilyra nickte, doch sie sah noch immer auf die Wand. „Die Schachtel ist bei mir. Nicht hier, zu Hause. Ich habe sie nie weggegeben.“
Ceresta stellte den zweiten Becher auf einen Gerätekasten. „Dann gehen wir sie holen. Die Wand läuft uns nicht davon.“
„Da wäre ich mir nach heute nicht so sicher“, sagte Daron.
Ilyras Wohnung lag im ruhigeren Teil des Wohnquartiers. Während sie den alten Behälter aus einer Schublade nahm, erzählte sie von ihrer Großmutter, deren Geschichten oft mitten in einem Satz die Richtung gewechselt hatten. Als Kind hatte Ilyra angenommen, die Frau wolle sie damit zum Lachen bringen. Erst später war ihr aufgefallen, dass bestimmte Fragen immer unbeantwortet geblieben waren.
„Sie sagte, manche Dinge müsse man aufheben, selbst wenn man nicht wisse, wem sie einmal gehören würden“, erinnerte sich Ilyra. „Damals dachte ich, sie meine die Schachtel. Vielleicht meinte sie den Inhalt.“
Das Material war an den Kanten dunkel geworden. Unter dem Deckel lagen, sorgfältig in ein tiefrotes Tuch eingeschlagen, zwei schmale Datenplatten und eine graue Scheibe. Eine handschriftliche Notiz war darunter geschoben: Bewahren, bis jemand wieder fragt. Ilyra legte alles auf den Tisch und strich mit dem Daumen über das eingravierte Muster auf dem Deckel.
Ceresta hielt ihre Datentafel daneben. Die Linien waren nicht nur ähnlich. Die Abstände zwischen den Verzweigungen stimmten überein, einschließlich eines kleinen Versatzes, den sie an der Wand für eine Beschädigung gehalten hatte. Garith, den sie über eine Verbindung zuschalteten, pfiff leise durch die Zähne.
„Das ist kein Zufall“, sagte er.
„Nein“, antwortete Ceresta. „Dafür stimmt zu viel überein.“
Ilyra zog die Hand zurück. „Dann wusste sie davon.“
„Sie wusste zumindest von diesem Zeichen“, sagte Ceresta. „Vielleicht auch von dem Ort. Aber das müssen wir herausfinden, bevor wir entscheiden, was es bedeutet.“
Ilyra blickte auf die Notiz. „Sie ist gestorben, ohne mir zu erklären, warum ich das behalten soll.“
Ceresta setzte sich neben sie. „Vielleicht konnte sie es nicht erklären. Vielleicht wusste sie selbst nicht alles. Aber sie hat dafür gesorgt, dass es bei dir ankommt.“
Die beiden Datenplatten waren nicht vollständig lesbar. Ceresta erkannte eine alte Speicherstruktur, deren äußere Kontakte sie nicht ohne Weiteres anschließen wollte. Die graue Scheibe erwies sich unter dem Scanner als passiver Träger mit einer winzigen Folge eingeprägter Markierungen. Kein Schlüssel, kein Sender, keine geheimnisvolle Reaktion auf Ilyras Berührung. Nur ein Gegenstand, der offenbar dazu gedacht war, Informationen auch dann zu bewahren, wenn alle Energiequellen längst versagt hatten.
„Kannst du etwas daraus lesen?“, fragte Ilyra.
„Nicht hier und nicht sofort. Aber die Markierungen haben einen Abstand, der zu einem alten optischen Lesesystem passen könnte.“ Ceresta hielt die Scheibe gegen das Licht. „Wenn wir Glück haben, ist es eine Art Inhaltsverzeichnis. Wenn wir Pech haben, eine Einkaufsliste.“
„Meine Großmutter hätte sich köstlich darüber amüsiert, wenn ihre Einkaufsliste dich tagelang beschäftigt.“
„Dann hoffe ich wenigstens auf interessante Einkäufe.“
Sie nahmen die Gegenstände zurück zur Weststation, wo Garith bereits einen kleinen, abgeschirmten Lesestand vorbereitet hatte. Ilyra bestand darauf, bei jedem Schritt dabei zu sein. Ceresta erklärte ihr die Verfahren, ohne sie mit technischen Einzelheiten zu überhäufen, und ließ sie selbst entscheiden, ob die alten Kontakte gereinigt werden durften. Die erste Platte blieb stumm. Bei der zweiten zeigte sich ein beschädigter Index, aus dem sich nur einzelne Abschnitte gewinnen ließen.
Auf dem Bildschirm erschien das verzweigte Zeichen. Darunter standen Zeichenfolgen, die Ceresta nicht übersetzen konnte, sowie zwei Zahlenreihen und die Kennung T-6. Die erste Zahlenreihe passte zur lokalen Orientierung der Weststation, die zweite ließ sich nicht unmittelbar zuordnen. Entscheidend war etwas anderes: Das Zeichen auf Ilyras Schachtel und das an der verborgenen Wand gehörten zu demselben Datensatz. Der alte Speicher enthielt eine schematische Darstellung des Zugangs und eine Anweisung, die sich trotz der Schäden in ihrem technischen Aufbau erkennen ließ.
„Eine Zustandsfolge“, sagte Ceresta. „Keine Namen, keine Geschichte. Aber eine Reihenfolge, in der das System seine Verriegelungen prüft.“
Ilyra stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. „Dann hat meine Großmutter etwas aufbewahrt, das zu dieser Anlage gehört.“
„Ja.“ Ceresta sah sie an. „Das können wir jetzt sagen. Nicht nur vermuten.“
Eine Weile hörten sie nur das leise Arbeiten des Lesegeräts. Für Ilyra war die Bestätigung gleichzeitig erleichternd und beunruhigend. Etwas, das seit ihrer Kindheit zu ihrem Leben gehört hatte, war plötzlich Teil eines Ortes geworden, den sie erst vor wenigen Tagen kennengelernt hatte. Sie wusste nicht, ob ihre Großmutter dort gewesen war, ob sie jemanden gekannt hatte, der dort gearbeitet hatte, oder ob die Schachtel durch viele Hände gewandert war. Aber sie wusste nun, dass das Schweigen der alten Frau nicht bloß eine Marotte gewesen war.
Garith betrachtete die Darstellung. „Wenn die Folge stimmt, könnten wir die äußere Verriegelung kontrolliert lösen. Nur den ersten Abschnitt. Keine tiefere Erkundung.“
Daron hob den Kopf. „Und wer bestätigt uns, dass die Anzeige richtig ist? Wir haben eine beschädigte Platte aus einer Familienschachtel.“
„Niemand“, sagte Ceresta. „Deshalb bauen wir eine zweite Sicherung ein, die von unserem System unabhängig ist. Und wir betreten nichts, was wir nicht wieder verlassen können.“
Sie ließen sich Zeit. Die Station wurde für den normalen Betrieb gesperrt, ein unabhängiger Stromkreis eingerichtet und der Rückzugskorridor freigehalten. Garith sprach mit Nalea, bevor er erneut nach unten ging; er verschwieg ihr weder den geplanten Versuch noch die Möglichkeit, dass er sofort abgebrochen werden musste. Als er zurückkam, war sein Gesicht ernster.
„Sie hat gefragt, ob wir endlich gelernt haben, dass eine verschlossene Tür auch verschlossen bleiben darf“, berichtete er.
„Eine vernünftige Frage“, sagte Ceresta.
„Ich habe ihr gesagt, dass wir diesmal wissen wollen, warum sie verschlossen ist, bevor wir irgendetwas dahinter anfassen.“
„Hoffentlich war das die Wahrheit.“
Garith erwiderte ihren Blick. „Darauf bestehe ich.“
Am frühen Nachmittag stand Ceresta vor der Wand, während Daron die äußeren Anzeigen überwachte und Garith am manuellen Abschalter wartete. Ilyra blieb jenseits der markierten Sicherheitslinie. Ceresta gab die erste Zustandsfolge ein, die sie aus der Datenplatte rekonstruiert hatte. Die Oberfläche verdunkelte sich entlang der feinen Linie. Dann löste sich ein Abschnitt lautlos nach innen, gerade weit genug, dass ein schmaler Durchgang sichtbar wurde.
Die Luft dahinter roch trocken und abgestanden. Ein niedriger Korridor führte zu einem Raum, dessen Wände von schlichten Versorgungsschächten durchzogen waren. Nichts erinnerte an die monumentalen Ruinen, über die manche Leute auf Tenebris gern Geschichten erzählten. Die Anlage wirkte vielmehr wie ein Ort, an dem einmal gearbeitet worden war und an dem man anschließend die Lichter ausgeschaltet hatte, ohne die Maschinen ganz zur Ruhe zu bringen.
„Wir haben einen Zugang“, sagte Garith leise.
„Wir haben einen ersten Raum“, korrigierte Ceresta. „Das ist ein Unterschied.“
Sie prüften die Luft, den Boden und die sichtbaren Energiequellen. Erst danach traten Ceresta und Garith über die Schwelle. Daron blieb am Sicherungspult, Ilyra mit der Kamera am äußeren Rand. In einer Wandnische fanden sie Halterungen für tragbare Geräte, daneben eine Reihe schmaler Ablagen und einen Anschluss für Wasser. Weiter hinten standen zwei Sitzflächen unter einer längst erloschenen Leuchte.
„Hier haben Menschen Zeit verbracht“, sagte Ilyra von draußen.
„Oder jemand, der ungefähr so groß war wie wir“, erwiderte Garith, ohne den Blick von einer beschädigten Leitung zu nehmen.
Ceresta ging in die Hocke und betrachtete den Boden. Dort verlief eine Markierung, die vor einer zweiten, geschlossenen Tür endete. Sie war beinahe abgetragen, doch ihre Anordnung entsprach einer Warnlinie. „Niemand geht weiter“, sagte sie. „Nicht heute.“
Garith hatte gerade zustimmend genickt, als Daron über die Verbindung sprach. „Ceresta, ich habe eine Änderung in der Versorgung. Sie kommt nicht von uns.“
Auf dem Display neben der inneren Tür erschien ein schwacher Lichtstreifen. Gleichzeitig sank die Spannung in der äußeren Steuerung. Ceresta richtete sich auf. „Alle zurück.“
Die erste Verriegelung reagierte langsamer als zuvor. Ein tiefes, kaum hörbares Vibrieren lief durch den Boden, und die Öffnung wurde um eine Handbreit schmaler. Garith war bereits auf dem Weg zur Schwelle, als eine der Leuchten im Korridor aufflackerte.
„Daron, unsere Steuerung trennen“, befahl Ceresta.
„Schon geschehen. Die Wand zieht ihre Energie woanders her.“
Garith erreichte den Durchgang und drehte sich um. Ceresta hatte eine der Messsonden zurückgelassen, ließ sie nun aber liegen. Sie rannte nicht blindlings los; sie sah kurz auf die Bewegung der Wand, wartete den nächsten langsamen Impuls ab und schlüpfte durch den verbleibenden Spalt. Garith packte sie am Unterarm und zog sie über die Schwelle. Einen Augenblick später schloss sich die Öffnung vollständig.
Daron legte den mechanischen Abschalter um. Die Geräte der Weststation verstummten. Hinter der Wand arbeitete das alte System weiter, als hätte es von der Abschaltung nichts bemerkt.
Niemand sagte zunächst etwas. Ceresta stützte eine Hand gegen die gegenüberliegende Wand, während Garith nach Atem rang. Ilyra kam zu ihnen, blieb aber stehen, als sie Cerestas Blick sah. Es war kein Ausdruck von Panik. Es war die nüchterne Erkenntnis einer Frau, die gerade begriffen hatte, wie wenig ihre sorgfältige Vorbereitung gegen ein unbekanntes System ausrichten konnte.
„Ihr seid draußen“, sagte Ilyra schließlich.
Ceresta nickte. „Und das bleibt vorerst so.“
Daron überprüfte die Messwerte. „Die zweite Tür hat sich aktiviert, bevor die erste geschlossen wurde. Das war keine Reaktion auf unseren Abschalter.“
„Nein.“ Ceresta richtete sich auf. „Wir haben eine Abfolge ausgelöst, deren Anfang wir verstanden haben. Den Rest nicht.“
Garith blickte zur glatten Oberfläche zurück. „Wenn jemand auf der anderen Seite gewesen wäre, hätten wir ihn nicht rechtzeitig herausbekommen.“
Ceresta widersprach nicht. „Deshalb betritt niemand diesen Bereich, bis wir wissen, wie die innere Sicherung arbeitet. Auch nicht für eine schnelle Messung. Ich werde den Zugang sperren lassen.“
Ilyra hob die Datentafel mit den Aufzeichnungen. „Und meine Großmutters Platte?“
„Sie hat uns eine Tür gezeigt“, sagte Ceresta. „Aber keine Garantie gegeben, dass dahinter alles sicher ist.“
Die Nachricht über den Zwischenfall verbreitete sich schneller, als Ceresta lieb war. Sie berichtete den Verantwortlichen der Station selbst, bevor aus einer beinahe geschlossenen Tür eine Geschichte über ein erwachtes Ungeheuer werden konnte. Garith ging anschließend nach Hause. Er wusste, dass Nalea eine ehrliche Erklärung erwartete, und er hatte nicht vor, sie erneut mit beruhigenden Halbwahrheiten abzuspeisen. Daron übernahm die Sicherung des Korridors und bestand darauf, dass auch Ceresta endlich etwas aß.
Am Abend saßen Ceresta und Ilyra in ihrer Wohnung, die Schachtel zwischen ihnen auf dem Tisch. Draußen war der Lärm des Quartiers allmählich leiser geworden. Ceresta hatte sich die Hände gewaschen, doch unter einem Fingernagel saß noch ein dunkler Strich von der Arbeit an der alten Verriegelung. Ilyra betrachtete ihn, bevor sie sprach.
„Du hast mir vorhin nicht gesagt, wie knapp es war.“
„Ich wollte erst wissen, ob ich es selbst richtig eingeschätzt habe.“
„Und?“
Ceresta sah zu ihr auf. „Knapp genug, dass ich morgen niemanden dort hineinlasse.“
Ilyra schob die Schachtel ein Stück zur Seite und nahm ihre Hand. „Du musst mir nicht jede Angst ersparen.“
„Das versuche ich auch nicht.“ Ceresta hielt inne. „Vielleicht ein bisschen. Ich bin nicht besonders gut darin, jemanden warten zu lassen, während ich hinter einer Tür verschwinde, die ich nicht verstehe.“
„Dann verschwinde beim nächsten Mal nicht allein.“
„Beim nächsten Mal bleibe ich zunächst davor.“
Ilyra lächelte schwach. „Damit könnte ich leben.“
Sie betrachteten die beiden Platten erneut. Auf der zweiten war inzwischen ein weiterer beschädigter Abschnitt lesbar geworden, weil Ceresta die Daten mehrfach verglichen und einen fehlerhaften Block ausgeschlossen hatte. Neben der bekannten Kennung T-6 erschien eine zweite Ortsreferenz. Sie enthielt keinen Namen, sondern nur eine Folge von Positionswerten, die zu keinem der aktuellen Pläne der Weststation passte.
„Ein anderer Raum?“, fragte Ilyra.
„Vielleicht. Oder ein anderer Standort.“ Ceresta drehte die Tafel zu ihr. „Ich kann es noch nicht zuordnen. Aber es ist ein eigener Eintrag, keine Wiederholung der Daten von heute.“
Ilyra legte die Notiz ihrer Großmutter daneben. Bewahren, bis jemand wieder fragt. Sie hatte diesen Satz jahrelang gelesen, ohne zu wissen, welche Frage gemeint sein könnte. Jetzt lagen die ersten Antworten vor ihr, und jede davon machte die Vergangenheit größer, als sie sie sich vorgestellt hatte.
„Ich wünschte, ich könnte sie noch einmal fragen“, sagte sie.
Ceresta legte einen Arm um sie. „Was würdest du wissen wollen?“
„Ob sie Angst hatte. Ob sie jemanden beschützen wollte. Und warum sie ausgerechnet mir das alles gegeben hat.“
„Vielleicht, weil sie wusste, dass du es nicht wegwerfen würdest.“
Ilyra lehnte sich an sie. „Das klingt beinahe zu einfach.“
„Manche Entscheidungen sind einfach. Ihre Folgen müssen es nicht sein.“
Eine Weile blieben sie so sitzen. Ceresta dachte an die schließende Wand und an die Sonde, die noch immer dahinterlag. Ilyra dachte an die Hände ihrer Großmutter, die das rote Tuch sorgfältig um die Gegenstände gefaltet hatten. Sie wussten nun mit Sicherheit, dass die Schachtel und T-6 zusammengehörten. Wer die Verbindung geschaffen hatte und weshalb sie so lange verborgen geblieben war, mussten sie erst herausfinden.
Als Ceresta die Tafel schließlich ausschaltete, blieb die zweite Ortsreferenz in ihrem Gedächtnis zurück. Sie würde sie morgen prüfen, mit frischem Kopf und einem Sicherheitsplan, der auch das Scheitern berücksichtigte. Heute war wichtiger, dass Ilyra neben ihr saß und ihre Hand nicht losließ. Hinter der Wand mochte etwas auf sie warten. Es würde bis morgen warten müssen.