Als Ilyra die Werkstatt betrat, hatte Ceresta bereits drei verschiedene Fassungen derselben Aufzeichnung geöffnet und sah aus, als hätte sie mit jeder davon einen persönlichen Streit begonnen. Auf dem Tisch lagen die beiden Datenplatten aus der Schachtel ihrer Großmutter, sorgfältig von der alten Stoffhülle getrennt. Daneben stand die graue Scheibe in einer Halterung, die Ceresta am Vorabend eigens dafür gebaut hatte.
„Du bist früh“, sagte Ceresta, ohne aufzusehen.
„Du bist gar nicht erst gegangen.“
„Ich war zu Hause.“
„Für zwei Stunden. Ich war dabei.“
Ceresta schob eine vergrößerte Zeichenfolge zur Seite und sah Ilyra an. Ihr Haar war unordentlich zurückgebunden, und an ihrem Ärmel klebte ein schmaler Streifen Isoliermaterial. Ilyra widerstand dem Impuls, ihn sofort abzuziehen. Sie hatte inzwischen gelernt, dass Ceresta solche Dinge mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit trug, solange sie arbeitete.
„Ich habe etwas gefunden“, sagte Ceresta.
„Das dachte ich mir. Du klingst nämlich genau wie gestern, bevor du vergessen hast, zu Abend zu essen.“
Ceresta lächelte, rückte aber den Bildschirm zwischen sie. Die beschädigte Ortsreferenz, die sie am Vorabend entdeckt hatten, war nicht länger eine Folge unleserlicher Zeichen. Ein Teil davon war in eine schematische Darstellung überführt worden: zwei Bereiche, verbunden durch eine Linie, die an mehreren Stellen unterbrochen war. Unter dem ersten stand die Kennung T-6. Der zweite trug keine lesbare Bezeichnung.
„Ich habe versucht, die Zeichen als Koordinaten zu behandeln“, erklärte Ceresta. „Das war falsch. Sie beschreiben keine Position, sondern eine Zuordnung. Zwei Stationen, die offenbar einmal dieselben Betriebsdaten ausgetauscht haben.“
Ilyra beugte sich vor. „Und die Platten meiner Großmutter?“
„Sind eine Abschrift eines Teils dieser Daten. Keine zufällige Sammlung und auch kein Andenken, das jemand aus einer Anlage mitgenommen hat. Sie wurden absichtlich auf einem unabhängigen Medium gespeichert.“
Ilyra berührte die Kante der ersten Platte. Ihre Großmutter hatte ihr die Schachtel mit einer Ernsthaftigkeit übergeben, die sie damals nicht verstanden hatte. Sie erinnerte sich noch daran, wie die alte Frau den Deckel ein letztes Mal geschlossen und ihre Hand daraufgelegt hatte, als wolle sie sich vergewissern, dass alles darin blieb.
„Sie wusste, was sie aufbewahrte“, sagte Ilyra.
„Zumindest wusste sie, dass es nicht verloren gehen durfte.“ Ceresta zeigte auf einen wiederhergestellten Abschnitt. „Hier steht etwas über die Trennung der Systeme. Die Archive sollten außerhalb der Anlage erhalten bleiben, falls die Verbindung abbrach.“
„Dann ist sie vielleicht genau dafür vorgesehen gewesen.“
„Vielleicht. Mehr geben die Daten noch nicht her.“
Ilyra nickte. Ceresta ließ die Lücken stehen, statt sie mit Erklärungen zu füllen, und gerade deshalb glaubte Ilyra ihr. Die Verbindung zwischen der Schachtel und T-6 war keine Vermutung mehr. Was ihre Großmutter persönlich damit zu tun gehabt hatte, blieb eine andere Frage.
Auf dem Tisch blinkte eine Nachricht von Garith auf. Er hatte die Messungen aus dem geöffneten Bereich der Weststation ausgewertet und wollte sie noch vor der nächsten Schicht sehen. Ceresta schaltete den Bildschirm aus, nahm aber nur die erste Datenplatte an sich.
„Die Scheibe bleibt hier?“, fragte Ilyra.
„Bis ich weiß, was sie kann. Ich habe gestern einen schwachen Antwortimpuls gemessen, als ich die Wartungsprotokolle daneben abgespielt habe. Das kann eine alte Prüfroutine sein oder ein Messfehler. Ich möchte sie nicht in die Nähe einer aktiven Anlage bringen, solange wir den Unterschied nicht kennen.“
Ilyra nahm ihre Jacke. „Das ist eine sehr vernünftige Entscheidung.“
„Du klingst überrascht.“
„Ich genieße den seltenen Augenblick.“
Ceresta schob ihr im Vorbeigehen einen Arm um die Taille und küsste sie kurz. Es war eine kleine, beinahe beiläufige Geste, doch Ilyra spürte darin die Müdigkeit der vergangenen Nacht und den Versuch, ihr trotzdem etwas Leichtigkeit mitzugeben.
Auf dem Weg zur Weststation war Tenebris längst erwacht. Lieferfahrzeuge rollten zwischen den Gebäuden hindurch, und vor der kleinen Ausgabestelle am Platz warteten Menschen mit Werkzeugkoffern, Behältern und einer bemerkenswerten Geduld, die Ilyra an diesem Morgen fehlte. Garith kam ihnen an der Abzweigung entgegen. Er trug eine Tasche mit Messgeräten und ein Stück Brot, von dem er gerade den letzten Bissen nahm.
„Nalea hat mich hinausgeworfen“, erklärte er zur Begrüßung. „Tylan wollte unbedingt wissen, ob ich heute wieder unter die Erde gehe. Als ich Ja gesagt habe, hat er seine Schuhe geholt.“
„Wie geht es ihm?“, fragte Ilyra.
„Gut genug, um uns alle in den Wahnsinn zu treiben. Kitena hat ihm erklärt, dass Erwachsene auch ohne seine Aufsicht arbeiten können. Er hält das für eine unbewiesene Behauptung.“
Ceresta musste lachen. „Dann ist er wirklich wieder auf dem Weg der Besserung.“
Garith wurde ernster, als sie die Treppe zum abgesperrten Untergeschoss erreichten. „Ich habe die Verriegelung von gestern noch einmal durchgerechnet. Der innere Abschnitt hat mindestens zwei unabhängige Energiequellen. Wenn eine ausfällt, übernimmt die andere. Das ist für einen normalen Lagerraum ein ziemlich großer Aufwand.“
„Und für eine alte Anlage, die etwas schützen sollte?“, fragte Ilyra.
„Da wäre es durchaus sinnvoll. Nur wüsste ich gern, wovor sie etwas schützen wollte.“
Daron wartete bereits vor der Zugangsschleuse. Er hatte eine zusätzliche Leitung verlegt und an der äußeren Konsole eine mechanische Trennstelle montiert. Ceresta prüfte die Anschlüsse, während Garith die Sicherheitsvorgaben durchging. Niemand durfte den inneren Bereich allein betreten. Der Rückweg blieb frei, die Energieversorgung ihrer Geräte unabhängig, und Daron erhielt das Recht, die Untersuchung von außen abzubrechen, wenn die Messwerte einen vereinbarten Grenzbereich verließen.
„Das letzte Wort liegt bei dir“, sagte Ceresta zu ihm.
Daron hob eine Augenbraue. „Du gibst freiwillig die Kontrolle ab?“
„Ich gebe dir die Kontrolle über den Abbruch. Das ist etwas anderes.“
„Damit kann ich leben.“
Ilyra bemerkte, dass Ceresta die Bedingungen nicht nur vorlas, sondern jeden einzelnen Punkt von Garith bestätigen ließ. Die schließende Wand aus ihrer ersten Begehung hatte sie nicht vergessen. Keiner von ihnen hatte das.
„Wir müssen heute nicht hineingehen“, sagte Ceresta schließlich zu Ilyra, als die anderen die Messgeräte prüften.
„Ich weiß.“
„Wir können die Platten auch hier draußen vergleichen.“
„Aber die beschädigte Zuordnung liegt im inneren Raum. Wenn wir sehen, wie sie dort gespeichert wurde, können wir vielleicht unterscheiden, was übertragen und was nur archiviert wurde.“ Ilyra hielt ihrem Blick stand. „Ich will keine Tür öffnen, nur weil sie da ist. Ich will verstehen, was meine Großmutter mir hinterlassen hat.“
Ceresta betrachtete sie einen Moment. „Dann gehen wir zusammen. Und wenn ich Rückzug sage, diskutieren wir nicht.“
„Einverstanden.“
Der Zugang zu T-6 öffnete sich nach einer kurzen Prüfung. Hinter der glatten Wand lag derselbe nüchterne Gang wie am Vortag, mit dunklen Einlassungen entlang der Decke und Bodenplatten, deren Kanten kaum zu erkennen waren. Die Sonde, die sie beim ersten Rückzug hatten zurücklassen müssen, war inzwischen über einen Wartungskanal geborgen worden. Ihr beschädigter Speicher hatte gerade genug Informationen geliefert, um den Weg bis zum nächsten Raum zu kartieren.
Dort blieb die Gruppe stehen. Der Raum war größer, als die Sonde hatte erkennen lassen, und seine Einrichtung wirkte seltsam vertraut: Arbeitstische, in den Boden eingelassene Versorgungsanschlüsse und eine Reihe schmaler Sitze, deren Halterungen sich an unterschiedliche Körpergrößen anpassen ließen. Nichts erinnerte an eine Kultstätte oder an einen Tresor. Es war ein Ort, an dem Menschen gearbeitet und vermutlich lange Stunden verbracht hatten.
„Hier saßen mehr als zwei Techniker“, murmelte Garith.
„Und sie benutzten nicht alle dieselben Geräte“, sagte Ceresta. Sie zeigte auf zwei benachbarte Anschlüsse. „Unterschiedliche Bauarten, aber beide sind in die Versorgung integriert. Nicht nachträglich angeschraubt.“
Ilyra ging zu einer niedrigen Konsole. Auf deren Oberfläche waren dieselben verzweigten Linien zu sehen wie auf dem grauen Familienerbstück. Sie hielt die Datenplatte neben den Scanner, ohne ihn zu berühren, und verglich die Zeichenfolgen auf ihrem tragbaren Lesegerät.
„Ceresta, hier stimmt etwas nicht mit unserer Übersetzung.“
Ceresta kam zu ihr. „Was genau?“
„Wir haben diese Zeichenfolge als ‚Übertragung beendet‘ gelesen. Aber auf der Platte steht dieselbe Folge neben einer Kennzeichnung für eine Prüfung. Vielleicht bedeutet sie nicht, dass etwas beendet wurde, sondern dass es getrennt werden kann.“
Ceresta nahm sich Zeit für den Vergleich. Dann holte sie Garith hinzu, der die Markierung an der Konsole mit den alten Versorgungsplänen abglich.
„Das würde erklären, warum die beiden Systeme getrennte Energiequellen haben“, sagte er. „Wenn die Verbindung gestört war, konnte jeder Standort unabhängig weiterarbeiten.“
„Und warum wurde die Trennung so sorgfältig dokumentiert?“, fragte Ilyra.
„Weil eine falsche Reihenfolge gefährlich war“, antwortete Ceresta. „Zumindest legt diese Warnmarkierung das nahe.“
Sie rief Daron über die Verbindung. „Wir bleiben noch wenige Minuten. Keine Eingriffe, nur Aufzeichnung. Wie sehen die Werte aus?“
„Stabil. Aber ich sehe ein periodisches Signal auf der alten Leitung. Es ist schwach und nicht an unsere Geräte gekoppelt.“
Ceresta überprüfte die Anzeige. Der Impuls kehrte in unregelmäßigen Abständen wieder, zu kurz, um eine gewöhnliche Stromschwankung zu sein. Sie ließ ihn protokollieren und befahl, die Untersuchung zu beenden. Sie hatten mehr erfahren, als sie erwartet hatte, und keinen Grund, die Zeit im Inneren auszudehnen.
Garith begann, seine Messsonden einzupacken. Ilyra speicherte den letzten Vergleich und löste das Lesegerät von der Konsole. Genau in diesem Augenblick erlosch die schmale Leuchtlinie über dem Ausgang.
Daron meldete sich sofort. „Die alte Leitung hat auf euren Rückzug reagiert. Ich sehe einen neuen Stromkreis. Raus da, jetzt.“
Ceresta hatte Garith bereits am Arm gepackt und zur Tür gedreht. Er erreichte den Korridor zuerst. Ilyra folgte ihm mit zwei Schritten Abstand, als ein tiefes, metallisches Geräusch durch den Raum ging. Eine Platte schob sich aus der Wand, schneller als bei ihrer ersten Begehung. Ceresta warf sich zurück, griff nach Ilyras Hand und bekam für einen Augenblick ihre Finger zu fassen. Dann zwang eine zweite Sperre sie auseinander.
Ceresta stolperte gegen den Rahmen auf der Korridorseite. Die Wand schloss sich zwischen ihnen, ohne aufzuschlagen oder zu rucken. Sie fügte sich mit einer Präzision in die Verkleidung, die Ceresta mehr erschreckte als jede sichtbare Gewalt.
„Ilyra!“
„Ich bin hier.“ Die Stimme kam verzerrt über die Verbindung. „Mir ist nichts passiert. Ich stehe noch am Tisch.“
Garith war sofort neben Ceresta. Daron hatte bereits die äußere Trennstelle geöffnet und versuchte, die alte Leitung von den neuen Messgeräten zu isolieren.
„Keine weiteren Eingriffe“, sagte Ceresta, während sie die Daten auf ihrer Anzeige durchging. „Wenn das System eine Störung als Angriff behandelt, verschlimmern wir es nur.“
„Der Raum wird wärmer“, meldete Ilyra. „Nicht viel. Aber die Lüftung ist aus.“
Ceresta presste die Hand gegen die glatte Wand. Dahinter war kein Geräusch zu hören, nur das ferne Summen der Station. Sie zwang sich, den Blick auf die Werte zu richten. Die Sperre hatte sich nicht wegen einer Berührung geschlossen. Der alte Stromkreis war aktiv geworden, als ihre Geräte den Bereich verließen. Das System hatte den Rückzug als unvollständige Trennung erkannt.
„Ilyra, bleib weg von den Konsolen. Sag mir, was du siehst.“
„Die Anzeigen laufen weiter. Eine davon wechselt zwischen zwei Symbolen. Ich schicke dir ein Bild.“
Wenige Sekunden später erschien die Aufnahme. Ceresta verglich sie mit den Zeichen auf der Datenplatte. Die erste Markierung bezeichnete den inneren Bereich, die zweite die Verbindung zu einem externen System. Dazwischen stand ein Warnzeichen, das sie bislang für eine beschädigte Zahl gehalten hatten.
„Das ist keine Verriegelung gegen Eindringlinge“, sagte sie langsam. „Es ist eine Sicherung gegen eine fehlerhafte Trennung.“
Garith betrachtete die Werte. „Dann müsste sie sich öffnen, sobald beide Seiten denselben Zustand melden.“
„Ja. Aber eine Seite meldet noch immer einen laufenden Vorgang, den wir nicht verstehen.“
Daron versuchte, die alte Versorgung nur lesend anzuzapfen. Seine Anzeige flackerte, und aus dem Inneren kam ein kurzes Knacken.
„Stopp“, sagte Ilyra. „An der rechten Wand ist etwas aufgesprungen.“
Ceresta ließ Daron sofort die Verbindung lösen. „Was ist es?“
„Ein Schacht. Dahinter ist ein Lüfter oder etwas Ähnliches. Ich kann es nicht genau sehen.“
„Geh auf Abstand.“
Ilyra gehorchte, doch ehe sie den gegenüberliegenden Tisch erreichte, stieß der Schacht einen schmalen Strom heißer Luft aus. Sie duckte sich, verlor das Gleichgewicht und schlug mit der Schulter gegen die Kante eines Sitzes. Ihr Aufschrei kam über die Verbindung so unvermittelt, dass Ceresta für einen Moment den Atem anhielt.
„Ilyra, sprich mit mir.“
„Ich bin da.“ Ilyras Stimme klang gepresst. „Meine Schulter. Ich glaube, ich habe sie ziemlich übel erwischt.“
„Kannst du den Arm bewegen?“
„Ein bisschen. Ich werde es nicht noch einmal versuchen, nur um dich zu beeindrucken.“
Der Versuch eines Scherzes half Ceresta kaum, aber er sagte ihr, dass Ilyra bei Bewusstsein war und noch klar dachte. Sie ließ Garith einen medizinischen Dienst alarmieren und bat Daron, die äußeren Räume zu räumen. Niemand sollte in die Nähe der Anlage kommen, solange sie nicht wussten, wie weit die Sicherung reichte.
„Wir könnten die Wand von der anderen Seite öffnen“, sagte Garith leise, als Daron fort war. „Mit Schneidgeräten. Wir kennen ungefähr die Dicke.“
Ceresta schüttelte den Kopf. „Sie besteht aus mehreren Schichten. Wenn wir die erste beschädigen, wissen wir nicht, was die zweite tut. Und Ilyra steht direkt hinter dem Bereich, den wir bearbeiten müssten.“
„Ich weiß. Ich wollte, dass wir es aussprechen.“
Ceresta nickte dankbar. Garith hielt sich an Fakten, auch wenn sie unbequem waren. Sie brauchte ihn gerade mehr denn je.
Im Inneren begann ein weiterer Ventilator zu laufen. Die Temperatur stieg nicht mehr so schnell, doch Ilyra meldete einen scharfen Geruch und ein unangenehmes Kratzen im Hals. Ceresta ließ sie an der tiefsten Stelle des Raums bleiben, wo die Messwerte noch am besten waren, und suchte nach einem Weg, frische Luft hineinzuleiten. Die vorhandenen Versorgungskanäle waren von den Sicherheitsklappen abgetrennt. Jeder Versuch, sie elektrisch zu öffnen, wurde von der alten Steuerung blockiert.
„Die Anlage versucht, sich selbst zu schützen“, sagte Garith. „Aber sie erkennt nicht, dass sie dabei jemanden einschließt.“
„Oder sie erkennt es und bewertet den laufenden Vorgang höher“, erwiderte Ceresta.
Sie mochte den Gedanken nicht. Dennoch passte er zu den Anzeigen. Das System führte eine alte Prozedur zu Ende, deren Sinn sie noch nicht kannten, und behandelte jede Abweichung als Gefahr. Es war nicht böse. Es war auch nicht gleichgültig. Es folgte Regeln, die längst niemand mehr erklären konnte.
„Ceresta?“ Ilyras Stimme wurde leiser. „Ich habe hier noch etwas gefunden. Auf dem Tisch ist eine zweite Reihe von Zeichen, die auf unseren Aufnahmen nicht zu sehen war. Sie leuchtet erst seit der Sperre.“
„Kannst du sie mir schicken?“
„Ja. Warte.“
Ein Bild traf ein, unscharf, aber lesbar genug. Ilyra hatte die Kamera mit der unverletzten Hand gehalten. Ceresta vergrößerte die Aufnahme und erkannte die gleiche Folge wie auf der grauen Scheibe. Nicht die Linien des Familiensymbols, sondern eine kleine Markierung am Rand, die sie bislang für eine Fertigungsnummer gehalten hatte.
„Das ist aus der Schachtel“, sagte Garith, als sie ihm das Bild zeigte.
„Ja.“ Ceresta suchte im Speicher ihres Lesegeräts nach den Messungen vom Morgen. „Die Scheibe hat auf eine Wartungsaufzeichnung geantwortet. Ich dachte, sie sei nur ein Datenträger. Aber vielleicht enthält sie eine Beschreibung der Prozedur, die gerade läuft.“
„Kann Daron sie holen?“
„Er ist näher an der Werkstatt als wir. Ich schicke ihn.“
Ceresta rief Daron an und gab ihm genaue Anweisungen. Er sollte die Scheibe samt Halterung bringen, sie jedoch weder aktivieren noch mit der Anlage verbinden. Der medizinische Dienst war inzwischen an der Weststation eingetroffen; zwei Helfer warteten jenseits der Absperrung, weil der Zugang zu Ilyra noch immer verschlossen blieb.
Die Zeit verging in kleinen, unangenehm messbaren Veränderungen. Ilyras Atem wurde schwerer, und die Werte des tragbaren Sensors, den sie bei sich trug, verschlechterten sich langsam. Ceresta versuchte nicht, ihr zu versprechen, dass alles gut werden würde. Stattdessen erklärte sie jeden Schritt, den sie unternahmen, und bat sie, weiter zu sprechen, auch wenn es nur darum ging, wie sie saß und ob sie sich bewegen konnte.
„Ich habe früher geglaubt, du würdest Maschinen lieber mögen als Menschen“, sagte Ilyra irgendwann.
Ceresta lehnte die Stirn für einen Augenblick gegen die Wand. „Das ist eine unverschämte Behauptung.“
„Du hast beim ersten gemeinsamen Abendessen länger über einen defekten Antrieb gesprochen als über dich.“
„Der Antrieb war kompliziert.“
„Und ich nicht?“
„Du warst mir damals schon wichtiger, als ich zugeben wollte.“ Ceresta schloss die Augen, bevor sie weitersprach. „Und jetzt brauche ich dich, damit du mir noch viele Jahre vorhalten kannst, wie schlecht ich darin bin, über mich zu reden.“
Am anderen Ende blieb es kurz still. Dann hörte sie Ilyra atmen.
„Das werde ich“, sagte Ilyra. „Aber dafür musst du mich hier herausholen.“
„Daran arbeite ich.“
Garith stand einige Schritte entfernt und tat so, als müsse er dringend eine Leitung prüfen. Ceresta war ihm dankbar dafür.
Daron kam mit der grauen Scheibe zurück, als die alte Anlage einen weiteren Zustandswechsel meldete. Die äußere Konsole zeigte nun drei statt zwei aktive Kreise. Ceresta setzte die Scheibe in ihr eigenes, vom System getrenntes Lesegerät und verglich die Antwortsignale mit Ilyras Aufnahme. Die Zeichen passten zusammen, doch der Inhalt war zunächst ebenso unverständlich wie die ersten Platten.
„Sieh dir die Abfolge an“, sagte Garith. „Immer erst die Prüfung, dann die Trennung, dann die Freigabe.“
Ceresta zog die alten Wartungsdaten heran. Auf der Scheibe fand sie nicht nur Aufzeichnungen, sondern eine Reihe von Testmustern. Sie entsprachen exakt den Impulsen, die T-6 beim Verriegeln gesendet hatte. Die Scheibe konnte die Anlage nicht öffnen, und Ceresta war froh darüber. Ein Gegenstand, der jahrzehntelang in einer Schachtel gelegen hatte, sollte nicht plötzlich jede Sicherheit außer Kraft setzen können. Aber er bewahrte etwas, das ihnen fehlte: die ursprüngliche Reihenfolge, in der ein Wartungsvorgang abgeschlossen werden musste.
„Die äußere Tür ist gar nicht das Problem“, sagte sie.
Garith blickte auf. „Sondern?“
„Das System wartet auf eine Bestätigung aus dem inneren Bereich. Wenn wir die Sperre gewaltsam öffnen, interpretiert es das als Abbruch und schließt die Versorgung vollständig. Wir müssen die laufende Prüfung zu Ende führen oder ihr einen sicheren Ersatz melden.“
„Können wir das?“
„Noch nicht. Uns fehlt der Zustand des dritten Kreises. Die Scheibe beschreibt ihn, aber sie sagt nicht, welcher Teil der Anlage ihn auslöst.“
Ilyra meldete sich, bevor Ceresta weiterreden konnte. „Vielleicht kann ich euch helfen. Hier drinnen gibt es drei Anzeigen. Die dritte war vorher dunkel. Jetzt blinkt sie neben einer Zeichnung, die wie ein Wartungsschacht aussieht.“
„Fass nichts an“, sagte Ceresta sofort. „Beschreib mir nur, wo sie liegt.“
Ilyra tat es langsam und sorgfältig. Sie musste zwischendurch innehalten, um Luft zu holen. Ceresta zeichnete den Bereich nach ihren Angaben auf dem Plan ein und stellte fest, dass der Schacht nicht zur Wand führte, sondern unter dem Raum hindurch zu einer alten Versorgungseinheit. Dort könnte sich die Bestätigung erzeugen lassen, ohne den gefährlichen Innenraum weiter zu belasten.
Garith sah den Verlauf der Leitung und schüttelte den Kopf. „Der Zugang liegt unter dem Boden des äußeren Korridors. Wir müssten die Verkleidung öffnen und die gesamte Einheit freilegen.“
„Wie lange?“
„Wenn die alten Pläne stimmen, eine Stunde. Wenn sie nicht stimmen, deutlich länger.“
Ceresta warf einen Blick auf Ilyras Messwerte. Eine Stunde war zu lang, solange die Luft im Raum schlechter wurde. Sie brauchten zuerst eine Möglichkeit, die Versorgung zu stabilisieren. Und dann mussten sie den dritten Kreis verstehen, bevor sie irgendetwas auslösten.
„Wir können den Wartungsschacht von außen erreichen“, sagte sie. „Nicht die Tür. Nicht die Steuerung. Den Versorgungskanal unter dem Korridor.“
Garith folgte ihrem Blick. „Du willst eine neue Leitung legen.“
„Eine kontrollierte. Mit einem unabhängigen Filter und einer Rückschlagsicherung. Wenn wir Ilyra wieder Luft verschaffen, gewinnen wir Zeit, die alte Prozedur richtig zu beenden.“
Daron stellte bereits die benötigten Werkzeuge zusammen. Er fragte nicht, ob Ceresta sicher sei, sondern welche Teile sie brauchte und wer den Zugang überwachen sollte. Garith übernahm die Arbeiten am Boden, während Ceresta die Schaltfolge der grauen Scheibe weiter untersuchte. Zum ersten Mal seit der Verriegelung hatten sie eine Aufgabe, die sich nicht darauf beschränkte, gegen die geschlossene Wand anzurennen.
„Ilyra“, sagte Ceresta über die Verbindung, „wir haben einen Weg gefunden, dir Luft zuzuführen. Es dauert etwas, und ich möchte, dass du dich bis dahin möglichst wenig bewegst.“
„Das lässt sich einrichten. Ich habe ohnehin beschlossen, diesen Raum nicht weiter zu besichtigen.“
Ceresta lachte kurz, obwohl ihr nicht danach war. „Eine ausgezeichnete Entscheidung.“
„Und danach?“
Ceresta sah auf die graue Scheibe, auf die drei Kreise und auf Garith, der bereits die erste Bodenplatte löste. Sie wusste nun, weshalb ihre bisherigen Versuche gescheitert waren. Die Anlage durfte nicht überwältigt werden; sie musste verstehen, dass der Vorgang sicher abgeschlossen war. Wie sie ihr diese Bestätigung geben konnten, musste Ceresta noch herausfinden.
„Danach hole ich dich heraus“, sagte sie. „Aber nicht durch diese Tür.“
Ilyra antwortete nicht sofort. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme erschöpft, aber gefasst. „Dann ist es gut, dass ich dir vertraue.“
Ceresta hielt die Verbindung offen, während Garith das erste Werkzeug in den Schacht hinabließ. Die alte Anlage arbeitete hinter der Wand weiter, ungerührt von den Menschen, die ihre Regeln zu begreifen versuchten. Ceresta hatte viele Maschinen repariert, indem sie ihren Fehler gefunden und ein beschädigtes Teil ersetzt hatte. Diesmal würde das nicht reichen. Sie musste herausfinden, wofür dieses System gebaut worden war, und ihm einen anderen Weg anbieten, seine Aufgabe zu erfüllen.
Sie zog den Plan näher heran und begann, die Wartungsfolge von vorn zu lesen.